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Vergebliche Mühe

Weißer Adler — www.fanfiktion.de · All chapters

Vergebliche Mühe

Aus. Vorbei. Hilflos wie ein Käfer lag ich auf dem Rücken und starrte dem Tod ins Gesicht. Wie gern würde ich das Gegenteil behaupten, aber ich hatte Todesangst. Doch dann regte sich mein Kampfgeist. Einfach aufzugeben kam nicht in Frage. Wozu hatte ich mich sonst durch all die Stunden harten Trainings mit Altaїr gequält? Eilig überschlug ich die Situation. Wenn ich überleben wollte, musste ich wieder auf die Beine kommen!

In meinem Knie pochte noch immer der Schmerz, der auch nicht so bald nachlassen würde, doch das würde mich nur wenig behindern, wenn ich erst einmal wieder aufrecht stand. In diesem Augenblick war ich dankbar, dass Altaїr mich so erbarmungslos gedrillt hatte. Rechts und links von mir standen die zwei Templer in ihren schweren Rüstungen. Irgendwo rechts über mir musste mein Schwert liegen. Entweder ich erreichte es oder ich musste einem meiner Angreifer die Waffe abnehmen. Eher letzteres. Ich musste mich nach links rollen, wenn ich schnell wieder auf die Beine kommen wollte und damit entfernte ich mich von meiner Waffe.

Blitzschnell trat ich dem rechten Templer gegen das Knie. Es fühlte sich an, als hätte ich gegen einen Felsen getreten, doch es steckte genug Kraft in dem Tritt, dass er einknickte und zu Boden ging. In der gleichen Bewegung rollte ich mich nach links und fegte damit dem zweiten Ritter die Füße unter ihm weg. Damit hatte ich die Männer überrascht, so dass ihnen keine Zeit zu reagieren blieb. Zu meinem Glück. In einer wohl tausend Mal geübten Bewegung kam ich wieder hoch.

Die beiden Templer taten sich in ihren hinderlichen Rüstungen damit wesentlich schwerer. Nun war ich im Vorteil. Ich trat dem der mir am Nächsten war die Waffe aus der Hand und bückte mich, um sie aufzuheben. Ein Fehler, wie mir nur zu schnell gezeigt wurde.

Ein harter Schlag traf mich in die Seite und ließ mich taumeln. Ich war dem Mann zu nahe gekommen, um an das Schwert zu gelangen und bekam für einen Moment Unaufmerksamkeit die schmerzhafte Quittung. Mit zusammengebissenen Zähnen unterdrückte ich ein Stöhnen und wich zurück, doch ich ging nicht noch ein drittes Mal zu Boden. Und jetzt war ich nicht mehr unbewaffnet.

Das Schwert war wesentlich schwerer, als ich es gewohnt war. Die Assassinenwaffen waren leichter und bei weitem nicht so gewaltig. Ich musste es mit beiden Händen fassen und meine gesamte Kraft aufwenden, um es zu führen. Meine Rippen schmerzten, wo mich der Templer getroffen hatte. Jeder Atemzug blieb kurz und abgehackt. Wenn ich den Kampf nicht schnell zuende brachte, würde ich unterliegen.

Ich stemmte das Schwert hoch und ging auf meine Gegner los. Es fiel mir schwer, das Gleichgewicht zu bewahren. Zu ungewohnt war das Gewicht der Waffe. Dies schienen die Templer zu bemerken.

Mein Ziel wich im letzten Augenblick aus und entging dem Schlag. Für mich war es unmöglich diese Klinge schnell genug herumzureißen, um ihn doch noch zu treffen. Im Gegenteil, ich stolperte ein Stück weiter. Nun geriet ich genau zwischen die beiden Männer. Ich hatte mich noch nicht wieder gefangen, da traf mich ein harter Schlag an der Schulter, der mich direkt auf das erhobene Schwert des anderen Templers zu taumeln ließ.

Ich ließ die fremde Waffe fallen. Durch den harten Schlag war mein linker Arm taub geworden und mit einer Hand konnte ich dieses Schwert unmöglich nutzbringend führen. Im gleichen Augenblick rollte ich mich seitwärts ab. Zum einen um nicht direkt in mein Verderben zu stolpern, zum anderen um etwas Abstand zu gewinnen. Doch es reichte nicht aus.

Augenblicklich setzte der Templer nach. Kaum hatte ich mich aufgerappelt, sah ich das Schwert auf mich zu rasen. Ich wich zurück. Ein sengender Schmerz fuhr über meine Brust und raubte mir den Atem. Unfähig etwas dagegen zu tun stürzte ich erneut. Dieses Mal zögerte der Templer nicht. Riesengroß ragte er über mir auf und hob sein Schwert zum finalen Stoß.

Plötzlich stockte er. Blut, ebenso rot wie das meine, sickerte aus einer kleinen, unscheinbaren Wunde an seinem Hals. Für einen Moment schien die Welt erstarrt zu sein, dann sackte der Mann in sich zusammen. Hinter ihm stand, einem Todesengel gleich, Altaїr. Von der Klinge an seinem Handgelenk tropfte das Blut des Templers.

Als sich der Mann zu seinen Füßen nicht mehr regte, sah Altaїr zu mir und wurde prompt leichenblass. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich verletzt war. Warm und klebrig lief mir das Blut über den Körper und wie auf Kommando machten sich sämtliche Blessuren des Kampfes bemerkbar. Ich biss die Zähne zusammen, als ich versuchte mich aufzurichten, konnte ein Stöhnen jedoch nicht unterdrücken.

“Karim!” Altaїr stürzte auf mich zu und drückte mich sanft wieder zurück. Ich hatte ihn noch nie so erschrocken gesehen.

Entgegen besseren Wissens presste ich ein “Alles in Ordnung” hervor, was Altaїr jedoch ignorierte. Vorsichtiger, als ich es ihm jemals zugetraut hätte, besah er sich die klaffende Wunde auf meiner Brust. Trotzdem zuckte ich vor Schmerz zusammen, als er mich berührte.

“Das muss genäht werden,” resümierte er. Er griff in eine seiner Gürteltaschen und hielt mir dann eine daumennagelgroße, grünbraune Kugel vor die Nase. “Gut kauen und runterschlucken.” Durch Schock und Schmerz kaum in der Lage zu denken, gehorchte ich ohne nachzufragen.

Das Zeug schmeckte seltsam süß mit einer scharf-herben Note. Schon während ich kaute, spürte ich, wie die Schmerzen langsam nachließen und mir leicht im Kopf wurde. Geduldig wartete Altaїr, bis ich das Zeug geschluckt hatte. Er schien dessen Wirkung genau zu kennen und ließ noch ein paar Minuten verstreichen, dann zog er Nadel und Faden hervor und versorgte meine Wunde mit sicheren Stichen.

Inzwischen war die Wirkung des Mittels so stark, dass ich die Stiche lediglich als kurzen Druck wahrnahm. Was mir mehr als lieb war. Doch mein Verstand blieb so klar, dass ich alles mitbekam, worauf ich in diesem Augenblick allerdings ebenfalls gut verzichten könnte.

Altaїr saß über mich gebeugt da. Sein Gesichtsausdruck war sehr angespannt, seine Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst und er war noch immer leichenblass. Mein Blut färbte seine Hände rot und machte die feine Nadel sicher glitschig, doch er ließ sich nicht davon beeindrucken.

Mir wurde allein vom Zusehen übel. Ich schloss die Augen und drehte den Kopf zur Seite. Eigentlich hatte ich nicht die geringsten Probleme damit, Blut zu sehen. Schließlich kam es bei meiner Arbeit bei Mustafa nicht selten vor, dass ich mich mit den scharfen Messern schnitt. Aber zuzusehen, wie mich jemand ... zusammenflickte, war doch eine etwas andere Sache. Ich war heilfroh, dass mir wenigstens die dazugehörigen Schmerzen erspart blieben.

Irgendwann strich mir Altaїr in einer zärtlichen Geste durch das Haar. “Ich bin fast fertig, aber für den Rest brauche ich Eure Hilfe.” Seine Stimme klang rau und ich hatte das Gefühl, dass diese Situation auch an ihm nicht ganz spurlos vorüber ging. Ich öffnete wieder meine Augen und wagte jedoch nicht nachzusehen, wie weit Altaїr mich geflickt hatte. Gerade hatte ich die Übelkeit besiegt, da wollte ich es nicht riskieren, dass ich mich doch noch übergeben musste.

Mit Altaїrs Hilfe richtete ich mich auf, bis ich an ihn gelehnt halbwegs aufrecht saß. Er streifte mir mein Hemd soweit ab, dass er mir einen Verband anlegen konnte. Auch wenn ich im Augenblick keine Schmerzen hatte, kostete mich diese Prozedur unglaublich viel Kraft.

Schließlich saß ich da, mit einem Gefühl, dass ich mich nicht mehr bewegen könnte, als eine Stoffpuppe. Meine Kleidung blutbefleckt und zerrissen und jeder Atemzug ließ mich den festen Verband spüren. Doch zumindest musste Altaїr mich nicht mehr stützen.

Er war zu den Pferden gegangen und kehrte nun mit dem Wasserschlauch zurück. Dass sein Rappe wieder da war, wunderte mich nicht. Altaїr musste nur kurz pfeifen, damit er angetrabt kam. Zu meiner Verwunderung schien sich mein feiger Brauner ebenfalls wieder eingefunden zu haben. Dieser blöde Klepper.

Altaїr kniete sich neben mich und reichte mir den Wasserschlauch. “Trinkt soviel wie möglich”, empfahl er. Als er merkte, dass ich kaum die Kraft aufbringen konnte, um einen Arm zu heben, half er mir. Das Wasser rann mir kühl und wohltuend durch die Kehle. Es war wie eine Erlösung. Ich trank, bis ich glaubte keinen Tropfen mehr hinunter zu bringen.

“Könnt Ihr reiten?”, fragte Altaїr und ich nickte, auch wenn ich mir dessen ganz und gar nicht sicher war. Doch ich hatte inzwischen das dringende Bedürfnis hier weg zu kommen. Die herumliegenden Leichen der Templer und der Geruch nach Blut verursachten mir Übelkeit. Zu allem Überfluss fühlte ich auch noch die Schmerzen allmählich zurückkehren. Wenn wir noch länger warten würden, könnte ich den Heimweg möglicherweise nicht mehr bewältigen.

Ohne Altaїr wäre ich wohl nicht einmal bis zu den Pferden gelangt. Selbst auf der kurzen Strecke musste er mich stützen. Es war mir ein Rätsel, wie ich wieder in den Sattel kommen sollte. Doch anstatt zu meinem Braunen führte mich Altaїr zu seinem Pferd. Er machte eine Handbewegung und der Schwarze ging erst auf die Knie und legte sich dann hin, so dass ich nur noch ein Bein über den Sattel legen musste. Dieses Pferd war einfach unglaublich. Es stand so vorsichtig auf, dass mich Altaїr kaum festhalten musste, damit ich im Sattel blieb. Er selbst schwang sich auf den Braunen.

Es war nicht mehr weit bis Masyaf, doch Altaїr schlug ein so langsames Tempo an, dass wir wohl das Dreifache der üblichen Zeit brauchen würden. Erst im Nachhinein wurde mir klar weshalb.

Mit jedem Meter, den wir zurücklegten wurde die Übelkeit und die Schmerzen stärker. Gleichermaßen ließ auch der Schock nach und mir wurde klar, dass ich dem Tod nur um Haaresbreite entkommen war. Dank Altaїr. Das erste Mal hatte ich der Gewalt eines echten, tödlichen Kampfes gegenübergestanden. Und es war das erste Mal gewesen, dass ich einen Menschen getötet hatte ...

Meine Hände zitterten immer stärker und ohne dass ich es verhindern konnte, traten mir die Tränen in die Augen. Wieder und wieder strich ich mir fahrig über das Gesicht, um sie fortzuwischen, doch Altaїr hatte mich so gut im Blick, dass ihm keine meiner Regungen entging. Schließlich hielt er die Pferde an und stieg ab.

“Wir machen eine Pause”, legte er fest und das obwohl wir keine halbe Stunde von den Toren Masyafs entfernt waren. Ich hätte gern protestiert, doch ich wagte es nicht. Mir war, als würde ich sämtlichen Mageninhalt loswerden, sobald ich auch nur versuchen würde den Mund aufzumachen.

Altaїr ließ mich ebenso absteigen, wie ich auf das Pferd gekommen war und führte mich ein Stück zur Seite. Sanft streichelte er mir mit einer Hand über den Rücken. Auf und ab. Auf und ab. So fürsorglich kannte ich ihn gar nicht. Zärtlich ja, aber diese Art der Fürsorge hatte er noch nie gezeigt. Bisher hatte er allerdings auch noch keinen Grund dazu gehabt.

“Kämpft nicht dagegen an …”, sagte er plötzlich leise.

Ich muss ihn wohl sehr erstaunt angesehen haben, denn er zog ein Gesicht, das nur entfernt an ein Lächeln erinnerte. “Das Mittel, welches ich Euch gegen die Schmerzen gab, hat Nebenwirkungen.” Es klang so, als wüsste er genau, was mir bevorstand. Zumindest erklärte es die Übelkeit die entsprechend mit den Schmerzen anstieg. Inzwischen war die Wirkung wohl völlig abgeklungen, denn mir tat alles weh. Selbst mein Knie spürte ich wieder überdeutlich. Ich hatte es eindeutig überbeansprucht.

Zu mehr Gedankengängen hatte ich keine Zeit. Plötzlich wurde die Übelkeit übermächtig und ich hatte auch keine Kraft mehr dagegen anzukämpfen. Altaїr hielt mich geduldig fest, bis die Krämpfe nachließen und ich nur noch etwas Magensäure hervorwürgte. Nun war ich auch außerstande den Tränen Einhalt zu gebieten. Ich fühlte mich seelisch und körperlich so ausgelaugt, dass mir der Tod beinahe wie eine willkommene Alternative vorkam.

Wieder reichte mir Altaїr den Wasserschlauch und ich leerte ihn bis auf den letzten Tropfen, um den ekelhaften Geschmack in meinem Mund loszuwerden. Dies zumindest half. Gegend die Erschöpfung und die Tränen tat es nichts. Ich fühlte mich so erbärmlich. Altaїr hatte derartigen Situationen sicher schon oft gegenüber gestanden und ich hatte ihn noch nie auch nur eine Träne vergießen sehen. Und ich heulte wie ein Baby und war machtlos etwas dagegen zu tun.

Doch Altaїr, der mir sonst jedes Anzeichen von Schwäche vorgeworfen hatte, zumindest im Training, zog mich in seine Arme. Seine Berührungen, sein vertrauter Geruch ließ sämtliche Barrieren verschwinden. Ich wollte mich beherrschen, ich versuchte es mit aller Macht, doch ich war chancenlos. Irgendwo in meinen wirren Gedanken wurde mir bewusst, dass ich noch Glück hatte auf einer so spärlich bereisten Straße zu sein. Altaїr hatte mir die Demütigung vor allen in der Festung die Fassung zu verlieren erspart. Allein dafür war ich ihm unendlich dankbar. Es war schlimm genug, wenn er mich so sah.

Schließlich gelang es mir wieder ruhiger zu werden. Ich entzog mich Altaїrs Umarmung, auch wenn ich im Moment nichts lieber täte, als für immer so stehenzubleiben. Noch immer musste ich mich an ihm festhalten, um das Gleichgewicht zu wahren. “Ich fühle mich furchtbar”, murmelte ich leise. Wahrscheinlich sah ich ebenso aus, wie ich mich fühlte, doch zumindest stand ich wieder aufrecht.

“Das Schlimmste habt ihr überstanden”, versicherte mir Altaїr. “trotzdem sollte der Hakim nochmal nach Euch sehen.” Er sah mich ernst an und ich hatte das Gefühl, als wollte er noch etwas Wichtiges sagen, doch er meinte letztendlich nur: “Es wird Zeit. Reiten wir nach Hause.”

Auch wenn der Weg nicht mehr weit war, war dies doch der beschwerlichste Ritt, den ich je gemacht hatte. Dabei spielten nicht nur die Schmerzen und die wachsende Erschöpfung eine Rolle, sondern auch die Angst, was Al Mualim zu diesem Zwischenfall sagen würde. Und Mustafa würde wohl kaum Rücksicht darauf nehmen, dass ich verletzt war. Immerhin war ich ja praktisch selbst schuld daran.

Er wartete bereits am Tor auf unsere Ankunft und allein Altaїrs scharfe Zurechtweisung, dass ich verletzt wäre und vor allem Anderen den Hakim aufsuchen würde, veranlasste ihn, die Strafpredigt auf später zu verschieben. Wenn mir auch nicht ganz wohl war, als ich Mustafas hasserfüllten Blick zu Altaїr sah.

Es wurde viel später. Der Hakim untersuchte sorgfältig die Naht, die Altaїr gesetzt hatte und nickte zustimmend. Ich selbst wagte immer noch nicht hinzusehen. Kaum verließ ich ihn mit einem frischen Verband und der Anweisung, mich zu schonen und auch die nächsten Tage zum Verbandswechsel einzufinden, wurde mir mitgeteilt, dass Al Mualim mich sehen wollte. Ich war mir nicht sicher, ob ich erleichtert sein sollte, dass ich dadurch noch etwas Aufschub erhielt oder besorgt, weil der Meister so bald nach mir geschickt hatte.

Doch so oder so, eine Wahl hatte ich nicht und humpelte ich hinauf in die Bibliothek. Al Mualim sah mich so durchdringend an, dass ich mich fühlte, wie eine Maus im Angesicht einer Schlange. Er wollte nicht wissen, was geschehen war oder welche Rolle ich dabei gespielt hatte. Offensichtlich hatte Altaїr ihn ausführlich genug darüber unterrichtet. Er fragte lediglich, ob ich tatsächlich noch immer Willens war dem Orden zu dienen. Nun, da ich wusste, was es hieß einen Menschen zu töten.

Gerade noch konnte ich die Empörung über eine derartige Frage aus meiner Antwort verbannen. Natürlich wollte ich noch immer nach allen Kräften dem Orden dienen. Als ob der Zwischenfall mit den Templern ausreichen würde, um meinen Lebenstraum zu zerstören. Im Gegenteil, ich war entschlossener denn je. Ganz so enthusiastisch fiel meine Antwort jedoch nicht aus. Dazu hatte ich schlicht und ergreifend keine Kraft mehr übrig. Trotzdem schien Al Mualim damit zufrieden zu sein.

Mustafa war nicht so leicht zufriedenzustellen. Er ließ ein wahres Donnerwetter los und legte fest, dass ich das Dreifache der verlorenen Zeit nacharbeiten musste. Wann war ihm egal. Wenn ich die Zeit hätte mich herumzutreiben, dann würde ich auch dafür Zeit übrig haben.

Das war hart. Und auch wenn es mir nicht wirklich leid tat, entschuldigte ich mich wortreich. Doch erst als ich das Versprechen gab, dass dergleichen nie wieder vorkommen würde, gab sich Mustafa nach außen hin zufrieden. Dass ich einfach so mit Altaїr verschwunden war, schien seinen Hass auf ihn noch verstärkt zu haben. Das konnte ich förmlich riechen.

Zum Glück war Altaїr die nächsten Wochen nicht in Masyaf, so dass Mustafa sich zumindest ein wenig beruhigen konnte. Er gestand mir Zeit zur Heilung zu, doch sobald ich mit der Neuigkeit kam, dass der Hakim nichts mehr gegen leichte Arbeit einzuwenden hatte, bekam ich auch Arbeit zugeteilt. Als ich mich bereits am ersten Abend wortlos an die Erfüllung meiner Strafe machte, war Mustafa mir gegenüber wieder milde gestimmt. Er hatte wohl eher damit gerechnet, dass ich mich darum drücken würde.

Doch ich hatte meine Gründe, weshalb ich mich so in die Arbeit stürzte. Ich wollte die Nächte frei haben, wenn Altaїr zurückkehrte. Und so saß ich bis tief in der Nacht bei Kerzenlicht über den Werkstücken. Meine Finger waren wund und meine Augen brannten, doch ich beschwerte mich mit keinem Wort. Der Ausflug mit Altaїr war dies alles mehr als wert gewesen. Trotz des Zwischenfalls mit den Templern.

Selbst heute bin ich noch dieser Meinung und wenn es eine unauffällige Möglichkeit gäbe, wieder mit Altaїr fortzureiten, würde ich es jederzeit tun. Nur dass ich mich nicht mehr heimlich davon stehlen und eine Strafe fürchten müsste. Doch jetzt gibt es keinen glaubhaften Grund mehr.

Meine Entscheidung die Ausbildung zum Assassinen aufzugeben, hat dies und vieles mehr geändert und ich habe sie nicht leichtfertig getroffen. Es war eine Erkenntnis, die schon eine ganze Weile in mir geschlummert hat und die ich bis dahin verdrängt hatte. Trotz aller Vorfälle war es erst Altaїrs wachsende Verbissenheit bei meinem Training, die dazu führte, dass ich der Realität ins Auge sah.

Wir trainierten wieder allein, doch im Gegensatz zu vorher wurde Altaїr mit jedem Tag barbarischer. Zuvor hatte er mich nur an meine Grenzen getrieben, nun trieb er mich weit darüber hinaus. Was ich jedoch erst wirklich registrierte, als es zu spät war. Ich versuchte mitzuhalten, aber es war nur eine Frage von Tagen bis mein ohnehin überstrapaziertes Knie endgültig nachgab.

Ich stürzte. Die Schmerzen ließen mich beinahe glauben, dass ich nun ein für allemal verkrüppelt sein würde und so blieb ich einfach sitzen. In meinem Knie herrschte ein wahrer Feuersturm. Es fehlte nicht viel bis zur Grenze des Erträglichen. Langsam dämmerte mir auch, was ich bisher nicht wirklich wahrhaben wollte.

Ich hatte es schon geahnt, als ich gegen die Novizen angetreten war und noch drängender wurde es, als ich den Templern gegenübergestanden hatte. Doch ich hatte es verdrängt. Ich wollte mich dieser Erkenntnis nicht stellen. Jetzt sprang sie mir förmlich ins Gesicht und es blieb mir nichts anderes übrig, als sie anzunehmen.

Altaїr kam auf mich zu. “Steht auf”, forderte er. “Wir machen weiter!”

Ich sah zu ihm auf und schüttelte leicht den Kopf. “Es hat keinen Zweck und das wisst Ihr so gut wie ich”, meinte ich ruhig. “Mein Bein wird nie so werden, dass ich auch nur annähernd den Fähigkeiten eines Assassinen gerecht werden kann.” Seltsamerweise war diese Feststellung nicht annähernd so schmerzhaft, wie damals Al Mualims Entscheidung, dass ich nie ein Assassine werden sollte.

“Also gebt Ihr doch auf.”

Ich zuckte mit den Schultern. Gab ich wirklich einfach so auf? Ich musste nur kurz überlegen, um die wahre Antwort zu kennen. Nein, ich hatte nicht aufgegeben. Ich akzeptierte lediglich die Tatsache, dass mein Traum wohl unerfüllt bleiben würde. Mit dieser Erkenntnis schien ein massives Gewicht von mir abzufallen und es kam mir vor, als könnte ich nun leichter atmen. Es war, als hätte ich die ganze Zeit einen riesigen Felsbrocken mit mir herumgeschleppt, den ich nun endlich ablegen konnte.

Altaїr kam auf mich zu und forderte noch einmal harsch: “Wir machen weiter, also steht endlich auf!”

Allmählich ließen die Schmerzen nach und ich rappelte mich auf, doch ich machte auch nicht die geringsten Anstalten wieder in Position zu gehen.

Altaїr funkelte mich wütend an, doch ich wich nicht zurück. Ich hatte meine Entscheidung getroffen und würde damit leben. Mir blieb nur zu hoffen, dass auch Altaїr damit leben konnte. Es würde wohl von meinen nächsten Worten abhängen, ob er meinen Entschluss nachvollziehen und akzeptieren konnte. Aufrecht stand ich vor ihm und begegnete seinem Blick furchtlos. “Ihr wisst, dass ich Euch zutiefst dankbar bin, dass Ihr Euch meiner angenommen habt. Ohne Euch würde ich womöglich immer noch allabendlich auf dieser Bank sitzen und mit meinem Schicksal hadern. Doch ich werde nie ein Assassine werden.

Ich werde nie eine Wand hinaufklettern können, wie Ihr. Ich habe ja schon Probleme bei einer steilen Treppe. Ich kann nur noch mittelmäßig kämpfen. Oder habt Ihr vergessen, dass ich vor ein paar Wochen beinahe umgekommen wäre? Wenn Ihr nicht gewesen wärt, hätten mich die Templer getötet. Es wird nie reichen, um mir Angreifer effektiv vom Leib zu halten. Und flüchten könnte ich ebensowenig. Ich bin zu langsam.”

Es waren all die Dinge, die mir schon so oft aufgefallen waren, ohne dass ich sie ernst genommen hatte. Oder ernst nehmen wollte. Doch die Wahrheit war: Ich trainierte seit zweieinhalb Jahren mit Altaїr und gerade die letzten Monate hatte ich nicht die geringsten Fortschritte gemacht. Besser als jetzt würde ich nie werden und das genügte nun einmal nicht.

Letztendlich sprach ich aus, was das unweigerliche Resultat wäre, wenn ich nicht auf das hören würde, was mir die Vernunft vorschrieb. “Mein erster Auftrag wäre mein sicheres Todesurteil, ohne dass ich auch nur das Geringste ausrichten könnte. Ist es das, was Ihr wollt?” Es war eine rein rhetorische Frage und kurz darauf hätte ich mich dafür verfluchen können.

Altaїrs Mund wurde schmal, während ich sprach und ich konnte deutlich sehen, dass er die Zähne zusammenbiss. Vor allem bei meinem letzten Satz. “Meinetwegen”, knurrte er schließlich gereizt. “Tut was Ihr wollt.” Damit wandte er sich um und ging.

Verdammt! Das war nicht unbedingt das, was ich erreichen wollte. Ich hatte den Bogen überspannt. “Altaїr! Wartet!”, rief ich ihm hinterher, doch er ignorierte es. Jetzt fluchte ich lautstark. Warum musste er immer davonlaufen, wenn ihm die Worte ausgingen? Vielleicht, weil ich nicht hinterherrennen konnte...

tbc ...