Veränderungen
Veränderungen
Altaїrs Unmut hielt dieses Mal nicht lange an, auch wenn ich ihn den ganzen nächsten Tag nicht zu Gesicht bekam. Und ich fürchtete die ganze Zeit über, dass ich ihn nun für immer verloren hätte. Zum ersten Mal zweifelte ich tatsächlich daran, ob er so viel für mich empfand, wie ich für ihn. Er lebte nur für den Orden und war bereit auch dafür zu sterben. Wie konnte er meine Entscheidung da akzeptieren? Doch wenn er mich so liebte, wie ich ihn, dann sollte ihm dies doch egal sein.
Da war sie wieder. Diese kleine, sture Hoffnung, die mich auch diesmal nicht verlassen wollte. Gerade wenn es um Altaїr ging, war sie unglaublich penetrant. Vielleicht brauchte er ja einfach Zeit. Wenn dem so war, hoffte ich, dass er nicht zuviel davon brauchte.
Ich hasste es, auf eine Entscheidung von ihm zu warten. Egal wie diese lauten würde, eine eindeutige Aussage war mir lieber, als dieses Hoffen und Bangen. Doch was sollte ich tun, wenn er mir aus dem Weg ging und nicht aufzufinden war? Ich versuchte mir äußerlich nichts anmerken zu lassen und vergrub mich in meiner Arbeit. Wie immer, wenn sich meine Gefühlswelt in ein Chaos verwandelte.
In einer freien Minute ging ich zur Festung hinauf. Mein Entschluss stand fest und so hielt ich es nur für recht und billig, wenn ich Al Mualim dies mitteilen würde. So inoffiziell mein Training auch gewesen sein mag, er hatte es immerhin toleriert. Denn dass er davon wusste, stand außer Frage.
Es kam mir vor, als wäre es erst gestern gewesen, als ich als kleiner Junge eben diesen Weg gegangen war, um Novize zu werden. Dabei war das jetzt schon Jahre her. Dennoch war selbst die Nervosität, die ich verspürte, dieselbe. Al Mualim war und blieb eine Autorität, die selbst ohne direkte Anwesenheit präsent und Ehrfurcht gebietend war.
Ich musste nicht lange warten, bis er mich empfing. Meine Stimme blieb ruhig und entschlossen, als ich ihm meine Entscheidung mitteilte, doch innerlich bebte ich. Wer wusste schon, wie der Meister reagieren würde, wenn ich ihm sagte, dass ich seinem besten Mann praktisch für Nichts und wieder Nichts die Zeit gestohlen hatte? Versagen stand er nicht gerade gnädig gegenüber. Doch Al Mualim nickte nur wortlos und schickte mich mit einer simplen Handbewegung wieder fort, bevor er sich wieder den Papieren auf seinem Schreibtisch zuwandte. Für einen Moment war ich so überrascht darüber, dass ich den Sinn seiner Geste nicht erfassen konnte. Erst als er mich mit einem scharfen Blick bedachte, wurde es mir bewusst und ich beeilte mich, aus seiner Anwesenheit zu kommen.
Als ich das Gebäude verließ, hatten sich im Hof der Festung einige Novizen versammelt und beobachteten gebannt den Kampf, den sich zwei, offensichtlich voll ausgebildete Assassinen lieferten. Es war eine beeindruckende Demonstration, die die Beiden lieferten und auch mich zog das Schauspiel in seinen Bann.
Ich ertappte mich dabei, wie ich beide Kontrahenten mit Altaїr verglich. Jeder von ihnen hatte eine eigene Art sich zu bewegen und sie waren zweifelsohne geschickt und erfahren. Dennoch schien mir keiner von ihnen Altaїrs katzenhafte Geschmeidigkeit zu erreichen. Im Gegensatz zu ihm erschienen mir ihre Bewegungen zwar zielsicher und effektiv aber hölzern. Ich musste unwillkürlich lächeln. Selbst wenn er sich gegen mich entscheiden würde, Altaїr war noch immer der Mensch, um den sich meine kleine Welt drehte und würde es vermutlich auch immer bleiben.
“Ihr solltet aufhören zu träumen”, hörte ich plötzlich eine Stimme neben mir. Ich drehte meinen Kopf, nur um Malik zu erkennen, der mit süffisantem Grinsen da stand, die Arme vor der Brust verschränkt. Ich wandte meine Aufmerksamkeit wieder dem Kampf zu.
Malik war meinem Training immer mit Spott begegnet und wenn wir uns abseits davon über den Weg liefen, ließ er es sich nicht nehmen eine gemeine Bemerkung zu machen. Natürlich könnte ich nun einfach gehen, Malik würde sich nicht die Mühe machen, mir zu folgen. Doch ich hatte keine Lust für den Rest meines Lebens vor ihm davonzulaufen, denn ich rechnete fest damit, dass seine Kommentare noch bösartiger werden würden, sobald er erfuhr, dass ich aufgegeben hatte. Und so versuchte ich ihn einfach zu ignorieren.
Einfach war gut. So leicht war es nicht, bei den Worten, die er fand. “Ein Krüppel wie Ihr, wird nie ein Assassine werden.” Malik lachte spöttisch. “Da kann Euch der große Altaїr auch nicht helfen.”
Die Beleidigung hatte gesessen, doch die Genugtuung ihm dies auch noch zu zeigen, wollte ich ihm nicht gönnen. Ein Krüppel war ich vielleicht, doch das war für mich nicht mehr so von Bedeutung. Immerhin war ich trotzdem Altaїrs Liebe wert. Oder war es gewesen, doch das ging niemanden etwas an. Dennoch zählte diese Liebe, vergangen oder nicht, mehr als alles andere. Und auch wenn mein Verstand daran zweifelte, dass ich Altaїr je wieder als sein Geliebter gegenüberstehen würde, war es mein Herz, das mir mit aller Kraft seiner Überzeugung das Gegenteil aufdrängte.
Ich drehte mich wieder zu Malik um. Absichtlich ein Abbild seines Grinsens auf dem Gesicht. Es war an der Zeit mich zu wehren. Es gab eine Sache, die schon seit Jahren immer wieder ein Thema des Klatsches in Masyaf wurde. Maliks Eifersucht auf Altaїrs Fähigkeiten!
“Wenn Ihr es sagt, wird es wohl stimmen”, antwortete ich nicht weniger spöttisch und rächte mich damit für all die bissigen Kommentare seinerseits. “Ihr müsstet Euch ja mit unerfüllten Träumen auskennen. Schließlich werdet Ihr nie so gut werden wie Altaїr. Ihr werdet für immer …”
Weiter kam ich nicht. Ich fand mich auf dem Boden liegend wieder. Vor meinen Augen tanzten bunte Sterne, mein Kinn tat furchtbar weh und ich schmeckte Blut. Verdammt, konnte der Mann zuschlagen. Und er war so schnell, dass ich den Schlag nicht hatte kommen sehen, sonst hätte ich mir sicher nicht die Zunge aufgebissen. Dann konnte ich langsam wieder klar sehen. Über mir stand Malik mit geballten Fäusten und einem Gesichtsausdruck der im wahrsten Sinne des Wortes mörderisch war.
Ich spuckte das Blut neben mir auf den Boden, blieb aber sitzen und sah selbstbewusst zu ihm hoch. Ich wusste, dass ich mehr Schläge riskierte, wenn ich meine Gedanken aussprach, doch ich konnte nicht widerstehen. Im Kampf war ich unterlegen, keine Frage, aber auch Worte können eine effektive Waffe sein. Und ich war mehr als bereit, dies auch zu nutzen. “Na, wenigstens genügen Eure Fähigkeiten, um einen Krüppel zu schlagen”, resümierte ich also mit einer hochgezogenen Augenbraue.
Die Reaktion auf diesen Satz war sogar den Schlag wert gewesen. Malik wurde erst fassungslos bleich, dann zornig rot und schließlich drehte er sich um und stampfte von dannen. Seitdem behandelte er mich, als wäre ich nicht existent. Was mir nur recht ist.
Die herumstehenden Novizen hatten diesen Zwist bemerkt und blickten erstaunt zu mir, als ich mich leise lachend aufrappelte. Ich ignorierte sie und verließ gemächlich und zufrieden mit mir selbst die Festung. Dies war ein unbeabsichtigter Sieg, aber einer, der unglaublich gut tat.
Die gute Stimmung hielt leider nicht lange an. Noch nicht einmal nach der Hälfte des Weges zu Mustafas Werkstatt fühlte ich mich wieder von Frust und Hoffnung hin und her gerissen.
Eigentlich hatte ich warten wollen, um meinem Lehrmeister meine Entscheidung mitzuteilen, bis zwischen Altaїr und mir wieder Klarheit herrschte, doch dies schien mir eine Gelegenheit, so gut wie jede Andere. Die Entscheidung war getroffen und ich würde sie auch nicht mehr rückgängig machen.
Mustafa schien wenig beeindruckt. Er sah nicht einmal wirklich auf, sondern brummte nur ein kurzes “Na endlich” und widmete sich wieder seinem Werkstück. Schon damals kam mir seine Reaktion merkwürdig vor. Nicht, dass ich Freudensprünge oder ähnliches erwartet hätte. Im Gegenteil, gerade die Knappheit seiner Antwort war typisch. Trotzdem war es irgendwie sonderbar.
Heute weiß ich, weshalb es mir so seltsam vorkam, doch damals konnte ich es noch nicht erfassen. Und ich war zu beschäftigt mit meinen eigenen Problemen, als dass ich dem länger eine Bedeutung beimaß.
In der Hoffnung Altaїr zu begegnen, kletterte ich in der darauffolgenden Nacht zu unserer Höhle hinab. Noch ein wenig unschlüssig hielt ich die Lampe in der Hand und überlegte, ob es sich lohnte sie anzuzünden und es mir gemütlich zu machen oder ob meine Hoffnung auf Versöhnung so vergeblich war, wie mein Verstand es mir weismachen wollte.
Hatte ich Altaїr nun tatsächlich endgültig verloren? Wertete er die Akzeptanz meiner Situation doch so, dass ich aufgegeben hatte? Wenn dem so war, wartete ich wahrscheinlich umsonst. War es doch mein Wille zu kämpfen, der ihn zu mir geführt hatte, meine Weigerung einfach hinzunehmen, was mir meine Behinderung diktierte.
Mit einem schweren Seufzer stellte ich die Lampe zurück und wandte mich desillusioniert zum Gehen. Doch dazu kam ich nicht. Im Eingang der Höhle stand Altaїr. Ich sah nur einen schwarzen Schatten gegen den hell wirkenden Nachthimmel, doch ich hatte keinen Zweifel daran, dass er es war. Hin und her gerissen zwischen Hoffnung und Angst war ich unfähig auch nur einen Schritt auf ihn zuzumachen.
“Ich habe nicht aufgegeben”, versuchte ich zu erklären. “Ich habe nur Tatsachen akzeptiert.” Der Schatten nickte. Bei Altaїr würde ich vergeblich auf eine Entschuldigung oder Ähnliches warten. Aber dies wusste ich und damit konnte ich leben. So war er nun einmal und wenn er mir zeigte, dass er mich trotzdem respektierte, sollte es doch genug für mich sein.
Altaїr kam auf mich zu und zog mich ganz unvermittelt in seine Arme. Ich glaubte beinahe, meine Rippen knacken zu hören, so fest hielt er mich. “Ich würde nicht zulassen, dass Euch etwas geschieht”, flüsterte er heiser. “Ich könnte es nicht ertragen, Euch zu verlieren.”
Überdeutlich spürte ich, wie er tief durchatmete und sich seine Hände in meiner Kleidung festkrallten. Ganz so, als wollte er nicht nur Atem, sondern auch Kraft für das schöpfen, was er nun sagte. “Ich hätte mir gewünscht, dass Ihr Euren Traum verwirklichen könnt, doch es wäre nie die Voraussetzung dafür, dass ich Euch liebe und bei Euch bleibe. Komme was wolle, Ihr seid mein Paradies und wenn Ihr Euch nun für einen anderen Weg entschieden habt, werde ich Euch auch darin unterstützen.”
Ich befreite mich beinahe mit Gewalt ein Stück aus seiner Umklammerung und brachte ihn mit einem Kuss zum Schweigen. Altaїrs Worte hatten mich tief berührt und die klaren, eindeutigen Worte, dass er mich liebt, ließen eine wundervolle, wohlige Wärme in mir aufsteigen. Mit ein paar Worten hatte er all meine Zweifel hinfort gewischt. Doch es war so ungewohnt dergleichen von ihm zu hören. So sehr ich mir dies wünschte, noch mehr könnte ich von Altaїr, der sonst kaum etwas von seinen eigenen Gefühlen verlauten ließ, auf ein Mal nicht bewältigen. Ich wollte nichts mehr hören, sondern mich nur noch an seinen Küssen und Berührungen berauschen, bis nichts anderes mehr in meinen Gedanken Platz finden konnte. Nur kurz hielt ich inne, sah ihm tief in die Augen und wisperte: “Danke …”
Daraufhin lächelte Altaїr nur und nahm den Kuss wieder auf. Doch er blieb ungewohnt sanft. Er versuchte sich zurückzuhalten, fast so, als wollte er sich auf diesem Wege für sein grobes Verhalten während unserer letzten Trainingsstunden entschuldigen. Nur ganz leicht spürte ich das leichte Zittern seiner Hände.
Eine wunderschöne Geste, die ich so nahm, wie sie gemeint war, doch in diesem Moment wollte ich keine Zurückhaltung, keine sanften Berührungen. Ich wollte mich von seiner ungezügelten Leidenschaft hinfort reißen lassen. Fordernd vertiefte ich unseren Kuss, bis sich unsere Zungen berührten. Eine heiße Welle der Erregung schoss in meinen Unterleib und ließ mich aufstöhnen.
Seine Reaktion folgte sofort. Jegliche Zurückhaltung vergessend drängte er sich noch näher an mich. Innerhalb von kürzester Zeit hatten wir uns gegenseitig die Kleidung vom Leib gezogen. Die Decken zerrten wir nur nebenbei aus den Nischen, doch sie blieben letztlich unbeachtet liegen. Altaїr drängte mich an die nächste Wand und nahm mich noch im Stehen. Doch trotz aller Leidenschaft vergaß er nicht, mich zumindest ein wenig auf sein Eindringen vorzubereiten und ich dankte es ihm mit lustvollem Stöhnen, das in Seinem ein Echo fand.
Es kam mir vor, als wäre es Wochen her, dass wir miteinander geschlafen hatten und nicht nur zwei Tage. Doch dies beruhte wohl auf Gegenseitigkeit. Ich genoss jeden Augenblick, in dem unsere Körper aneinander rieben und mir die Lust den Atem zu rauben drohte, bis ein unglaublicher Höhepunkt über mich hereinbrach und mich kurzfristig aller Kraft beraubte.
Und es blieb nicht bei diesem einen Mal. Altaїrs Worte hatten meine Lust beflügelt und brachten eine Gier zum Vorschein, von der ich nicht geglaubt hätte, dass ich sie besaß. Altaїr kam dieser Gier entgegen und ließ mich keineswegs unbefriedigt zurück.
Zwei Wochen später holte mich die Realität wieder unbarmherzig ein. Altaїr war seit ein paar Tagen wieder unterwegs, doch dieses Mal blieb meine Eifersucht erstaunlich zahm. Was meiner guten Stimmung sehr zuträglich war. Wie sehr ein paar so klein scheinende Worte doch etwas verändern konnten...
Eines Abends kehrte Mustafa gerade aus der Festung zurück, wo er eine Lieferung überbracht hatte. Eigentlich war dies ja meine Aufgabe, aber er hatte darauf bestanden selbst zu gehen. Doch eigentlich benahm er sich so seltsam, seit ich ihm offenbart hatte, dass ich das Training aufgegeben hatte.
“Komm mit rein, Junge. Wir haben etwas Wichtiges zu besprechen”, meinte er kurz angebunden und ging hinein. Ein wenig neugierig, was es denn zu besprechen gab, folgte ich ihm. Vermutlich hatte er einen größeren oder speziellen Auftrag von Al Mualim erhalten.
Diese Theorie ließ ich allerdings schnell wieder fallen, denn Mustafa hielt sich nicht in der Werkstatt auf, wie er es in solchen Fällen zu tun pflegte, sondern ging zielstrebig weiter bis in die Küche. Er schien es auch nicht eilig zu haben. In aller Ruhe goss er uns einen Becher Tee ein und setzte sich. Mit einer Geste bedeutete er mir, es ihm gleich zu tun.
Als ich mich schließlich ihm gegenüber niederließ, sah er mich sehr ernst an. “Es wird Zeit, dass du beginnst ein anständiges Leben zu führen.”
“Ein anständiges Leben?”, echote ich und sah Mustafa verwirrt an. Tat ich das nicht schon? Zumindest nach außen hin gesehen. Meine Beziehung zu Altaїr war wohl alles andere als anständig. Doch dies wusste ja niemand.
Mustafa lächelte. Ein wenig verbissen, wie mir schien, und doch gnädig, wie wenn man ein Kind ansieht, das wissen wollte, weshalb die Sonne immer in der gleichen Richtung aufging. Doch sein Lächeln hielt nur so lang, bis er mir den Grund dieses Gespräches offenbarte. “Es wird Zeit, dass du dir eine Frau nimmst und eine Familie gründest. So wie es sich gehört.”
tbc ...