Kapitel 1 – 37 Grad
Kapitel 1 – 37 Grad
Es war Peters Idee, in diesen Ferien wandern zu gehen. Er wollte in die Berge, in die Einsamkeit, weit weg von allen Menschen, weit weg von allem, was uns in Schwierigkeiten bringen könnte. *
Aber seit Wochen gab es für Bob nur eine Person, die ihn in Schwierigkeiten bringen konnte. Und ausgerechnet diese Person hatte diese Wanderung geplant.
Es war schon fast Mittag, als die drei Fragezeichen aus dem Zug stiegen und sich auf dem Bahnsteig umsahen. Außer ihnen war niemand aus dem Zug gestiegen, und auch sonst war der Bahnhof menschenleer. Bob war sich noch nicht einmal sicher, ob an diesem Tag überhaupt noch ein Zug von diesem Bahnhof abfahren würde. Sie schulterten ihre Rucksäcke und gingen den Bahnsteig entlang auf ein Bahnhofswärterhaus aus roten Backsteinen zu. Darin befand sich ein Kiosk. Zu Bobs Überraschung hing sogar ein „Geöffnet“-Schild an dessen Tür.
„Kollegen“, sagte Justus, „ich werde uns noch schnell eine Zeitung kaufen, bevor wir uns in die Abgeschiedenheit verabschieden.“
Peter rollte mit den Augen. Bob lächelte. Kurze Zeit später kam Justus mit einer Zeitung in der Hand zurück und schlug sie auf.
„Was Interessantes dabei?“, fragte Bob.
„Bisher nicht. Eine Zufahrtsstraße ist durch einen Steinschlag gesperrt, aber das liegt nicht auf unserer Route.“ Er blätterte weiter. „Aber das ist interessant! 26-Jährige vermisst. Das sollten wir uns näher ansehen.“ Peter seufzte.
„Können wir nicht einmal wandern gehen, ohne dass du hinter jeder Ecke einen neuen Fall vermutest?“ Justus sah über die Zeitung hinweg.
„Na gut, dann sehen wir uns das eben nicht näher an.“ Er faltete die Zeitung zusammen und versuchte sie in einer Seitentasche seines überfüllten Rucksacks zu verstauen. Außen am Rucksack war ein riesiger Schlafsack festgeschnallt.
„Außerdem“, sagte Peter, „hast du vor, mit uns eine Polarwanderung zu machen oder was soll dieser überdimensionierte Schlafsack?“ Justus zog eine Grimasse. Er drehte sich um und murmelte etwas wie „War der einzige, den ich noch hatte.“ Bob sah zu Peter.
„Ich mein doch nur“, verteidigte sich Peter. Bob stieß ihm einen Ellbogen in die Rippen. Sein Blick blieb einen Moment lang an Peters Sommersprossen hängen.
„Wahrscheinlich ist Justus besser ausgerüstet als wir beide zusammen.“ Peter lachte.
„Dann ist ja gut, dass er sein Zelt für sich allein hat.“ Bob schluckte. Er ließ den Gedanken kurz zu, dass er die nächsten 14 Nächte auf engstem Raum mit Peter verbringen würde. Dann folgte er Justus, der schon ein paar Meter vorausgegangen war.
Peter hatte heute nur eine kurze Etappe eingeplant. Dafür war sie unangemessen anstrengend. Nachdem sie anderthalb Stunden nur bergauf gelaufen waren, ließ sich Bob etwas nach hinten zurückfallen, um ein paar Landschaftsfotos zu machen. Als er gerade die Wolken, die sich an den Berggipfeln entlangzogen, durch den Sucher betrachtete, fragte er sich, ob es wirklich klug gewesen war, seine Kamera plus drei Objektive auf der Wanderung mitzuschleppen. Die Fotos waren es allemal wert. Aber das Zeug war trotzdem schwer. Er blickte zu Peter, der wild gestikulierend neben Justus herlief. Justus sah weniger dynamisch aus. Bob schob seine Kamera wieder in seinen Rucksack und versuchte, die anderen einzuholen. Ein leichter Wind raschelte durch die Blätter der Bäume am Wegesrand. Bob zog den Reißverschluss seiner Jacke höher und beschleunigte sein Tempo noch ein bisschen. Zwei Stunden später hatte der Wind deutlich zugenommen. Selbst Peter hatte mittlerweile eingesehen, dass sie ihr Nachtlager nicht auf dem Gipfel aufschlagen sollten. Stattdessen suchten sie sich einen halbwegs windgeschützten Ort vor einer Felswand unterhalb des Gipfels. Sie bauten die Zelte auf und aßen zu Abend. Kurz nach Sonnenuntergang räumten sie ihre Vorräte weg und zogen sich in die Zelte zurück.
Eine Weile hörte Bob noch das Rascheln von Peters Schlafsack. Irgendwann hörte er nur noch den Wind und Peters gleichmäßige Atemzüge. Bob lag auf dem Rücken und konnte nicht schlafen. Sein Schlafsack hielt ihn kaum warm. Er dachte sehnsüchtig an Justus‘ dicken Polarschlafsack. Justus war bestimmt schon längst eingeschlafen. Bob hatte Füße wie Eisklötze. Und das, obwohl er schon seinen dicksten Pullover und das wärmste Paar Socken trug. Er drehte den Kopf zu Peter. Im Dunkeln konnte er nur Peters Umrisse erkennen. Peter lag auf der Seite, mit dem Rücken zu ihm. Bob drehte sich auf die andere Seite. Er starrte in die Dunkelheit. Peter war so nah. Maximal 30 Zentimeter trennten die beiden. Und er war bestimmt warm. Menschen waren warm. Um die 37 Grad. Also gut. Er könnte ja ein bisschen näher an ihn heranrücken, um etwas von seiner Wärme abzubekommen. Bob rutschte ein kleines Stückchen zu ihm. Und unter Freunden war es doch normal, sich gegenseitig zu wärmen, wenn einer fror, oder? Bob schob sich noch ein Stück näher an Peter. Es war ja totaler Quatsch, hier zu erfrieren, solange eine menschliche Wärmflasche ein paar Zentimeter neben einem lag. Er schloss den letzten kleinen Abstand zwischen den beiden. Er spürte Peters Wärme durch die beiden Lagen Schlafsack.
„Bob?“, kam es von hinter ihm. „Was machst du?“
„Mir ist kalt“, antwortete Bob wahrheitsgemäß.
„Mir auch“, sagte Peter und drehte sich auf den Rücken. Kurz lagen sie so da, Peters Schulter an Bobs Rücken. Es war definitiv wärmer, aber Bobs Zehen hatten noch nicht viel davon. Peter setzte sich auf.
„Das hilft nicht viel. Bob, wir haben die Schlafsäcke doch zusammengekauft. Lass uns mal schauen, ob wir die nicht zusammenzippen können.“
Es war gar nicht so einfach, im dunklen Zelt die Reißverschlüsse miteinander zu verbinden. Aber mit etwas Geduld schafften sie es und lagen kurze Zeit später in einem großen gemeinsamen Schlafsack.
„Besser?“, fragte Peter.
„Besser.“ Auch Bobs Füße tauten langsam wieder auf. Peter war jetzt so nah. Kein Schlafsack trennte die beiden mehr. Bob lag auf dem Rücken und spürte Peters Brust an seiner Schulter. Er wusste nicht so richtig, wohin mit seinen Armen. Wo lagen seine Arme denn normalerweise? Er legte die Hände auf den Bauch. Peter suchte eine bequemere Position. Dabei stießen seine Knie gegen Bobs Oberschenkel und blieben dort einfach liegen. Bob lächelte.
* Text aus dem Hörspiel "Die drei ??? und der Nebelberg"