Kapitel 2 – Weiße Flagge
Kapitel 2 – Weiße Flagge
Zum Einstieg gibt es heute noch ein zusätzliches Kapitel. Ab jetzt geht es jeden Sonntag mit einem neuen Kapitel weiter.
Viel Spaß beim Lesen!
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Als Bob erwachte, wusste er kurz nicht, wo er war. Etwas Schweres lag auf ihm. Er blinzelte. Es war dämmrig. Er lag in einem Zelt. In einem Schlafsack. Mit Peter. Peter hatte einen Arm um ihn gelegt. Seine Hand lag auf Bobs Bauch. Schlagartig war Bob hellwach. Er traute sich kaum, sich zu bewegen oder auch nur zu atmen, damit Peter nicht aufwachte und seinen Arm wegzog. Bob schloss die Augen. Peter strich mit der Hand über Bobs Bauch, dann drehte er sich auf den Rücken. Er schien noch zu schlafen. Bob warf einen kurzen Blick zu Peter. Seine Gesichtszüge waren vollkommen entspannt. Kalt war ihm bestimmt nicht. Bob atmete tief durch und schloss wieder die Augen. Er vermisste Peters Arm auf seinem Bauch.
Gegen acht Uhr starteten sie mit ihrer Wanderung. Die Strecke war heute wesentlich angenehmer. Bis zum Gipfel war es nicht mehr weit. Dahinter führte der Weg leicht bergab. Justus lief neben Bob, Peter war ein paar Schritte voraus. Bobs Blick wanderte zu dem Arm, der ganz normal neben Peters Körper schwang. Heute Morgen hatte Bob ihn noch um sich gespürt. Ob Peter das mit Absicht gemacht hatte? Vielleicht, um wärmer zu liegen? Oder hatte er einfach unbewusst den Arm um ihn gelegt?
„Meinst du nicht auch?“, fragte Justus ihn.
„Mmh?“, fragte Bob.
„Meinst du nicht auch, dass wir morgen besser nicht über den Bergpass gehen sollten?“
„Klar.“ Bob hatte keine Ahnung, was Justus von ihm wollte.
Am Nachmittag kamen die drei Fragezeichen an ihrem heutigen Lagerplatz an. Er lag windgeschützt zwischen zwei Felswänden in der Nähe eines kleinen Gebirgsbachs. Während Justus und Peter die Zelte links und rechts von der Feuerstelle aufbauten, packte Bob Brote und Käse für ein verspätetes Mittagessen aus. Dann ging er mit allen Trinkflaschen und ihrem Wasserfilter hinüber zum Bach, um die Wasservorräte aufzufüllen. Er filterte das Bachwasser in die Flaschen und stellte sie am Ufer ab. Das Wasser war eiskalt, aber Bob nutzte die Gelegenheit, sich den Schweiß und den Staub der letzten beiden Tage vom Gesicht zu waschen.
„Gute Idee!“, hörte er Peters Stimme hinter sich. Kurz darauf hockte er sich neben Bob auf einen Stein, der im Bach lag. Bob strich sich gerade mit etwas Wasser die Haare zurück, als er das verschmitzte Grinsen auf Peters Gesicht sah.
„Wehe!“, rief Bob. Doch zu spät. Peter hatte seine Hände schon im Bach, und kurz darauf traf Bob ein Schwall Wasser im Gesicht.
„Du! Das wirst du büßen!“ Bob füllte seine Hände voll Wasser und spritzte es Peter ins Gesicht. Beide lachten. Bob sprang ans Ufer und wich ein paar Schritte zurück, außer Reichweite von Peters Wasserspritzern. Peter sprang ihm hinterher und stürzte sich auf ihn. Bob fiel zu Boden, Peter lag lachend halb auf ihm. Er stützte sich mit dem Arm direkt neben Bob ab. Als Peter ihn an der Seite streifte, zuckte Bob zusammen.
„Das gibt’s doch nicht!“, rief Peter aus. „Du bist ja immer noch kitzelig!“
„Nein, bin ich nicht.“
Peter piekste mit seinem Finger noch mal in die empfindliche Stelle knapp unter Bobs Rippen. Bob lachte und versuchte sich zu befreien. Er spürte Peters Gewicht auf sich und vergaß für einen Moment, sich zu wehren.
„Schon gut, schon gut, ich ergebe mich“, keuchte Bob. „Ich schwenke die weiße Flagge.“
Peter sah ihn kurz an, bevor er sich von Bob herunterrollte. Bob schaffte es endlich, wieder zu Luft zu kommen.
„Kommt ihr essen?“, hörten sie Justus‘ Stimme vom Lagerplatz.
„Kommen!“, riefen Peter und Bob gleichzeitig. Sie schnappten sich die Flaschen und den Filter und gingen zurück zu Justus.
„Mau-Mau“, rief Bob, als er die letzte Karte auf den Ablagestapel legte. „Jetzt hab ich schon wieder gewonnen. Ihr seid keine ernsthaften Gegner für mich. Ich sollte zu Bett gehen.“
„Wir wollen auch nicht mehr mit dir spielen“, sagte Peter in gespielt beleidigtem Ton. Justus stand auf und stocherte in der verbliebenen Glut.
„Unser Feuerholz ist auch ausgegangen. Ich denke, wir sollten Bobs Idee in die Tat umsetzen, bevor wir uns hier verkühlen.“ Er löschte die Glut. Bob steckte das Kartenspiel zurück in den Rucksack.
„Gute Nacht, Just“, sagte er und schlüpfte ins Zelt. Er war froh, dass Peter noch draußen den Rest ihrer Kekse zusammenräumte und er sich deshalb unbeobachtet umziehen konnte. Bob entdeckte, dass Peter die Schlafsäcke wieder miteinander verbunden hatte. Er musste lächeln. Dann schlüpfte er in den Schlafsack. Kurze Zeit später kam Peter ins Zelt und zog sich um. Bob riskierte einen kurzen Blick auf seinen nackten Oberkörper, bevor Peter sein Schlafshirt überstreifte. Dann kuschelte er sich tiefer in den Schlafsack. Peter kroch dazu. Eine Weile lagen sie Schulter an Schulter nebeneinander. Dann drehte sich Peter zu Bob und legte seinen Arm über ihn. Ganz selbstverständlich. Bob schloss die Augen. Hoffentlich bemerkte Peter nicht, wie schnell sein Herz schlug.
Bob war schon überzeugt, dass Peter eingeschlafen war, als dieser plötzlich flüsterte:
„Du liegst ganz schön entspannt da.“ Bob drehte den Kopf zu ihm.
„Wie soll ich denn sonst liegen?“
„Ich weiß nicht, heute Nachmittag warst du nicht so entspannt.“ Bob fragte sich gerade noch, was diese Aussage zu bedeuten hatte, da bewegte Peter schon seine Hand in Richtung Bobs Rippen.
„Lass es“, zischte Bob ihm zu, aber es war schon zu spät. Peter hatte einen Finger in seine Seite gedrückt. Bob stieß einen kurzen, schrillen Schrei aus.
„Peter!“
„Psst!“
„Du kannst mich doch nicht kitzeln und dann …“ Peter legte seinen Kopf an Bobs Schulter. Bob spürte, wie Peters Körper bebte. Reflexartig legte er ihm eine Hand auf den Mund. Dabei beugte er sich ein Stück über Peter. Peter lachte gegen seine Hand. Bob spürte, wie sich Peters Lippen unter seiner Handfläche bewegten. Als Peter endlich aufhörte zu lachen, nahm Bob seine Hand zurück. Er war so nah an Peters Gesicht. So nah an seinem Mund. Peters Grinsen verschwand. Er schaute Bob an. Peters Blick wanderte von Bobs Augen zu seinen Lippen. Dann hob Peter den Kopf ganz leicht und näherte sich Bob. So langsam, dass Bob hätte zurückweichen können. Er hätte so tun können, als hätte es diesen Moment zwischen ihnen nie gegeben. Aber er wich nicht zurück. Peter küsste ihn. Er hob eine Hand und legte sie an Bobs Wange. Bob löste sich. Er sah Peter verwirrt an.
„Du hast mich geküsst.“
„Das hast du messerscharf kombiniert.“ Peters Lippen verzogen sich zu einem vorsichtigen Lächeln. Seine Hand lag noch immer auf Bobs Wange. Bob beugte sich wieder über Peter und küsste ihn erneut. Diesmal ohne Zögern. Und Peter erwiderte den Kuss. Dann lösten sie sich voneinander. Bob legte sich auf den Rücken. Peter legte wieder seinen Arm über ihn. Bob hatte so viele Fragen. Doch er traute sich nicht, Peter eine davon zu stellen. Gerade wollte er nicht an morgen denken.