Kapitel 3 – Nordwesten
Kapitel 3 – Nordwesten
Als Bob wach wurde, lag Peters Arm immer noch um ihn. Diesmal musste Bob sich nicht mehr fragen, wo er war und was da auf ihm lag. Peter hatte ihn geküsst. Und Bob hatte ihn zurückgeküsst. Peter begann sich neben ihm zu bewegen. Einen Augenblick blieb sein Arm noch liegen. Dann zog Peter ihn zurück und streckte sich. Bob drehte sich zu Peter. Dessen Haare standen in alle Richtungen ab. Bob ertappte sich dabei, Peter länger anzusehen, als er eigentlich wollte.
„Guten Morgen“, sagte Peter mit einem Schmunzeln.
„Morgen“, murmelte Bob und schlüpfte aus dem Schlafsack.
Als die beiden kurze Zeit später aus ihrem Zelt krochen, saß Justus schon mit einem Becher Kaffee vor seinem Zelt. Er hatte die Zeitung vor sich aufgeschlagen, die er am Bahnhof gekauft hatte. Bob goss sich ebenfalls einen Kaffee aus der Thermoskanne ein, die neben Justus stand, und setzte sich neben ihn. Peter zog währenddessen die Frühstückssachen aus ihrem Proviantbeutel.
„Habt ihr gestern auch etwas gehört?“, fragte Justus die beiden fast beiläufig, während er sich ein Brot mit Marmelade bestrich. Peter schaute ihn an.
„Was sollen wir denn gehört haben?“
„Einen Schrei. Sehr hell. Ich glaube, er könnte von einer Frau stammen.“ Peter sah kurz zu Bob. Bob spürte, wie seine Wangen heiß wurden. Er dachte an die letzte Nacht zurück. Das Kitzeln. Und an alles, was darauf folgte.
„Ich habe nichts gehört“, sagte Bob schnell. Er blickte kurz zu Peter und schüttelte kaum merklich den Kopf.
„Da haben wir bestimmt schon geschlafen. Ich hab auch nichts gehört.“ Justus zuckte mit den Schultern.
„Ich bin mir ziemlich sicher, ihn gehört zu haben. Möglicherweise braucht jemand Hilfe.“ Justus deutete auf das Foto der vermissten 26-Jährigen in der Zeitung. Peter seufzte.
„Vielleicht war es auch ein Tier.“
„Dafür klang er zu menschlich.“
„Oder du hast dich verhört.“
„Möglich.“ Justus wandte sich an Bob:
„Kannst du bitte einmal nachschauen, aus welcher Richtung der Wind letzte Nacht kam?“
„Der Wind?“
„Ja. Wenn der Schrei mit dem Wind zu uns getragen wurde, könnte die Person deutlich weiter entfernt gewesen sein, als es sich angehört hat.“
Es dauerte länger als angenommen, bis Bob brauchbare Wetterdaten gefunden hatte. Der Seitenaufbau brach immer wieder ab.
„Der Wind kam heute Nacht aus Nordwesten“, berichtete er Justus. „Später aus Westen. Nicht besonders stark, aber zumindest stärker als jetzt.“ Justus legte seine Wanderkarte neben die Zeitung. Er bestimmte ihren Aufenthaltsort und untersuchte das Gelände im Nordwesten.
„Kollegen, ich möchte mir diese Gegend heute ansehen.“ Peter seufzte.
„Das schaffen wir heute zeitlich nicht. Wir müssen einiges an Strecke machen, bevor wir den nächsten Zeltplatz erreichen. Dazwischen gibt es kaum eine geschützte Stelle, an der wir die Zelte aufschlagen könnten.“ Justus schwieg einen Moment zu lang.
„Dein Ernst?“, fragte Peter patzig.
„Ich würde gerne nachsehen“, sagte Justus. „Wenn es tatsächlich ein Mensch war, der dort draußen um Hilfe gerufen hat, möchte ich ungerne heute Abend zehn Kilometer von hier entfernt sein und mich fragen, ob wir hätten nachsehen sollen.“ Er faltete die Zeitung wieder zusammen. „Ich behaupte gar nicht, dass ein Zusammenhang besteht. Ich sage lediglich, dass in der Umgebung eine Frau vermisst wird und ich einen menschlichen Schrei gehört habe.“ Peter schaute nach oben in den wolkenverhangenen Himmel und atmete einmal tief durch.
„Dann bleiben wir also eine weitere Nacht hier.“ Justus zuckte mit den Schultern. „Aber ich komme nicht mit dir mit!“
„Das habe ich auch nicht von dir gefordert“, erwiderte Justus. Peter fing an, die Frühstücksutensilien einzupacken. Bob schaute zwischen den beiden hin und her. Er wusste, dass er den Streit beenden könnte. Er müsste Justus nur sagen, woher der Schrei gekommen war. Aber er brachte es nicht über sich. Nicht, bevor er mit Peter allein gesprochen hatte.
„Wenn wir sowieso hierbleiben, können Peter und ich Feuerholz sammeln. Dann haben wir wenigstens genug davon für heute Abend.“ Justus sah ihn an.
„Ich dachte ehrlich gesagt, dass du mit mir mitkommst.“ Damit hatte Bob nicht gerechnet.
„Du hast doch die Karte und kennst die Windrichtung.“ Er ärgerte sich über seine halbherzige Erklärung. Justus faltete die Karte zusammen.
„Ich dachte nur, dich interessiert vielleicht, was ich herausfinde.“
Als Peter losging, um zu spülen, wandte sich Bob an Justus.
„Ich dachte nur, dass Peter gerade jemanden braucht. Du weißt schon, um sich abzuregen.“ Er deutete in die Richtung, in die Peter gegangen war. Justus zog einen Mundwinkel nach oben.
„Wahrscheinlich hast du recht. Einen frustrierten Peter sollte man nicht unterschätzen. Nachher ändert er noch die Route so, dass wir auf den höchsten Berg der Umgebung müssen.“ Bob schmunzelte.
„Und das will nun wirklich niemand.“ Justus holte seinen Tagesrucksack heraus und legte Karte und Zeitung hinein.
„Auf dich hört er wahrscheinlich.“
Kurze Zeit später war Justus losgegangen. Bob kramte in seinem Rucksack. Er hatte sich extra für die Wanderung eine neue Mütze gekauft. Da der Wind mittlerweile wieder aufgefrischt war, zog er sie auf. Peter hatte sich schon seine Tasche zum Holzsammeln umgehängt. Bob griff ebenfalls nach seiner.
„In welche Richtung gehen wir?“
„Nicht nach Nordwesten“, witzelte Peter. Bob musste lachen. Sie entschieden, dem Bach auf der anderen Seite als Justus flussabwärts zu folgen. Dort unterhalb ihres Zeltplatzes war ein größeres Waldstück, in dem wahrscheinlich viel Feuerholz zu finden war. Zuerst liefen sie schweigend nebeneinander her. Zwischendurch sammelten sie immer wieder geeignete Äste und Zweige ein. Einmal griffen sie gleichzeitig nach einem Ast. Bobs Finger streiften Peters Hand. Er zog seine zurück und überließ Peter den Ast. Keiner sagte etwas.
Eine Weile später spürte Bob einen Tropfen auf seiner Stirn. Er hielt die Hand auf und schaute nach oben zwischen den Baumwipfeln in den Himmel. Die Wolken hingen inzwischen tief zwischen den Bergen und waren deutlich dunkler geworden. Das sah nach einem kräftigen Regenguss aus.
„Wir sollten uns beeilen“, sagte er zu Peter. Der nickte.
„Vielleicht finden wir was zum Unterstellen.“
„Da vorne!“, rief Peter. Inzwischen fielen die Tropfen so dicht, dass Bob sie selbst unter den Bäumen spürte.
„Das sieht nach einem Unterstand aus.“ Bob sah in die Richtung, in die Peter zeigte. Tatsächlich. Eine kleine Schutzhütte stand ein paar Meter entfernt zwischen den Bäumen.
„Na, das ist doch mal Glück!“, rief Bob.
Die beiden ließen sich auf der Bank nieder. Sie stellten Rucksäcke und Taschen auf den Boden, um sich die nassen Jacken auszuziehen. Bob zog zwei Müsliriegel aus seinem Rucksack.
„Auch einen?“
„Gerne.“ Peter lehnte sich zurück. „Ich will es ja nicht sagen, aber vielleicht ist es doch ganz gut, dass wir nicht auf dem Höhenrücken unterwegs sind.“ Bob sah ihn an. „Aber wenn das Wetter so bleibt, können wir die Etappe morgen auch vergessen.“ Peter verzog das Gesicht. „Vielleicht sollten wir uns eine andere Strecke überlegen.“ Bob fragte sich, ob Peter ernsthaft vorhatte, morgen trotz des Wetters weiterzuwandern. Peter streckte die Beine aus und schaute in den Regen. Die beiden erzählten sich von vergangenen Wanderungen.
Langsam ließ der Regen nach. Zwischen ihnen war Ruhe eingekehrt. Peter sah zu Bob. „Ich glaube, wir sollten darüber reden.“ Bob sah ihn an. „Über gestern Nacht.“
„Den Kuss?“, fragte Bob halbherzig. Er wusste, dass sie darüber reden sollten, aber eigentlich wollte er nicht.
„Ja, genau“, gab Peter zurück. Er sah wieder hinaus in den Regen. „Ich denke, wir sollten es lassen.“
Bob schluckte. Dann nickte er langsam. Ja, das war das Vernünftigste. Es würde einfach alles zu kompliziert werden.
„Ja.“ Bob sah kurz zu Peter. Zu seinen Sommersprossen. Seinem Mund. Und bevor Peter seinen Blick erwidern konnte, wandte Bob sich wieder ab.
„Wir sollten vernünftig bleiben“, ergänzte Peter. Das war es also. Bob spürte seinen Puls im Hals.