Kapitel 4 – Solidarisch
Kapitel 4 – Solidarisch
Der Regen hatte aufgehört. Bob zog seine Jacke wieder an und setzte seinen Rucksack auf. Peter tat es ihm gleich. Bob wollte nicht wieder hinaus. Wenn sie jetzt die Hütte verließen, würden sie etwas hinter sich lassen. Er spürte Peters Blick auf sich.
„Darf ich dich trotzdem umarmen?“, fragte Peter, als Bob ihn ansah.
„Na klar.“ Bob kam näher und schloss Peter in die Arme. Peters Hände lagen auf seinem Rücken. Er legte seinen Kopf an Peters Schulter. Er roch nach Lagerfeuer. Nach Wald. Nach Regen. Und darunter einfach nur nach Peter. Vorsichtig drehte Bob den Kopf und schmiegte sich näher an Peters Hals. Warum dauerte die Umarmung so lange? Eine von Peters Händen wanderte langsam nach oben, bis sie in Bobs Nacken liegen blieb. Bob öffnete die Augen und hob den Blick. Peter sah ihn an. Und dann küsste Peter ihn. Und es war so, als würden nicht mehrere Stunden zwischen den Küssen liegen. Peters Hand wanderte weiter nach oben und vergrub sich in seinen Haaren. Bob küsste ihn zurück. Ihm war bewusst, dass nichts Vernünftiges in diesem Kuss lag. Als die beiden sich lösten, musste Peter lachen.
„Wir sind richtig schlecht darin.“ Bob schnaubte.
„Definitiv.“
„Bist du dir sicher, dass das hier die richtige Richtung ist?“, fragte Bob, als sie schon erstaunlich lange unterwegs waren, um ihren Zeltplatz wiederzufinden. Peter nickte.
„Wenn meine Berechnungen richtig sind, müssen wir nur noch nach Osten.“
„Und woran erkennst du Osten?“
„Es geht bergauf.“ Peter grinste. Bob hatte das Gefühl, hier nicht richtig zu sein. Irgendwas fehlte.
„Der Bach!“, rief er plötzlich aus.
„Was?“
„Das Geräusch des Bachs fehlt. Vielleicht sollten wir hier lang.“ Er nickte in die Richtung, in der er den Bach vermutete. Peter zuckte mit den Achseln.
„Probieren wir es mal.“
Der Wald war nach dem Regen sehr matschig. Bob ging voraus. Nach ein paar Metern rutschte der aufgeweichte Boden unter seinen Füßen weg. Bob verlor das Gleichgewicht und versuchte, sich mit den Händen abzufangen. Scharfe Steine schrammten über seine Handfläche. Dann rollte er noch ein Stück weiter und stieß mit der Hüfte gegen einen Stein.
„Alles in Ordnung bei dir?“, rief Peter ihm von oben zu.
„Ja, ich glaube schon.“
„Warte, ich komme zu dir!“ Noch bevor Bob ihm widersprechen konnte, kam Peter halb laufend, halb rutschend den Hang hinunter. „Kannst du aufstehen?“ Bob stand auf und versuchte sich dabei möglichst wenig auf seiner verletzten Hand abzustützen. „Zeig mal her.“ Peter nahm Bobs Hand in seine. „Sieht nicht so schlimm aus. Aber wir sollten die Wunde reinigen.“
„Machen wir, wenn wir wieder im Lager sind.“ Bob schaute den Hang hinauf. Von hier unten sah der Hang steiler aus, als er von oben gewirkt hatte. Er versuchte einen vorsichtigen Schritt zu machen und rutschte sofort wieder zurück. Peter versuchte es ebenfalls. Er kam ein paar Schritte weiter, rutschte dann aber auch wieder nach unten.
„Das wird so nichts“, fluchte er. Bob schaute nach rechts und links. Die anderen Hänge sahen noch steiler aus. Nach unten konnten sie auch nicht weiter. Ein großer Fels versperrte ihnen den Weg. Peter zog sein Handy aus der Hosentasche.
„Mist, kein Netz.“ Peter steckte das Handy wieder ein. „Ich hätte oben bleiben sollen.“
Bob sah auf die Uhr. Die beiden hatten sich mit dem Rücken an die Felswand gesetzt.
„Justus müsste bald nach uns suchen. Wir sind schon ewig unterwegs.“ Allmählich wurde ihm kalt. Er fuhr sich über den Kopf. Seine Mütze war weg. Hatte er sie beim Abrutschen verloren? Er schaute sich um. Eigentlich müsste die rote Farbe leicht zu erkennen sein. Nein, hier war sie nicht. Dann erinnerte er sich an den Kuss. Peters Hand in seinem Nacken und dann in seinen Haaren. Dabei war ihm wohl die Mütze heruntergefallen. Sie musste noch im Unterstand liegen.
„Bob? Peter?“ Sie hörten Justus‘ Stimme von weiter oben.
„Wir sind hier!“, rief Peter zurück. Kurze Zeit später tauchte Justus‘ Gesicht auf. Seine Wangen waren von der Kälte und Anstrengung gerötet.
„Was macht ihr denn da unten?“
„Ich bin abgerutscht“, antwortete Bob.
„Und Peter?“
„Ich bin solidarisch.“ Justus schüttelte den Kopf.
„Bist du verletzt?“
„Nur eine Hand aufgeschürft und meine Hüfte hat was abbekommen. Aber es geht schon.“ Peter ergänzte:
„Unser größeres Problem ist, dass wir nicht mehr hochkommen. Der Hang ist zu rutschig.“ Justus drehte sich um und ging aus ihrem Sichtfeld.
„Geht er einfach?“, fragte Bob.
„Er hat uns gefunden, der Fall ist gelöst. Jetzt kann er sich einem neuen Fall zuwenden“, witzelte Peter.
„Euch ist bewusst, dass ich euch noch hören kann?“ Justus kam wieder ins Blickfeld. Er hatte ein dünnes Seil in der Hand.
„Ist das ein Kletterseil?“, fragte Peter.
„Eine Reepschnur.“ Peter wandte sich zu Bob.
„Was hat er eigentlich nicht in seinem Rucksack?“ Bob grinste.
„Ich habe sie hier oben an einem Baum befestigt. Ihr könnt sie nutzen, um euch den Hang hochzuziehen. Bob zuerst.“
Mit Peters Hilfe arbeitete Bob sich von Wurzel zu Wurzel den Hang hinauf. Justus hatte recht. Es ging deutlich einfacher mit dem Seil. Trotzdem schmerzte Bobs Hand nun stärker. Er hatte sich nicht getraut, sich nur mit der gesunden Hand hochzuziehen. Er warf das Seil Peter zu. Der brauchte nur halb so lange wie Bob. Als er oben angekommen war, wandte er sich Justus zu.
„Danke. Du warst gerade echt unsere Rettung. Es tut mir leid, dass ich heute Morgen so genervt von dir war.“ Justus schaute ihn ungläubig an.
„Ich glaube, den Tag trage ich mir in den Kalender ein.“
Der Rückweg war beschwerlicher als erwartet. Bobs Hüfte schmerzte doch stärker als gedacht. Vermutlich hatte er sich die Hüfte geprellt. Peter ließ es sich nicht nehmen, Bob auf dem gesamten Weg zu stützen. Im Lager angekommen, reinigte Justus Bobs aufgeschürfte Hand. Auch später erkundigten sich die beiden immer wieder nach ihm. Peter und Justus begannen, eine alternative Route für den nächsten Tag zu planen, die Bob weniger belasten würde. Bob verabschiedete sich und ging ins Zelt. Er war froh, als er schließlich im Schlafsack lag und nicht mehr im Mittelpunkt stand.