Die Frau mit der Maske
Die Frau mit der Maske
Seit fünf Jahren lebe ich nun in der Hauptstadt des Landes des Feuers.
Doch meine Geschichte beginnt weit weg von den geschäftigen Straßen, den Laternen und dem gedämpften Lachen des Dorfes. Sie beginnt in Lumina, dem stillen Erbe eines Clans, der einst voller Leben und Licht war.
Dort hauste ich mit meinem Vater.
Wir zwei.
Die letzten Überlebenden.
Unser Clan, den man nur aus Sagen und Legenden kannte, war seit Generationen mit seinen Vertrautengeistern in der Welt verborgen: Drachen, Wesen aus Licht und Feuer, aus Sturm und uralter Macht.
Mein Volk lebte versteckt an den Hängen einer Berglandschaft, über einem Fluss so klar wie Kristall. Jedes Haus war in den Hang hineingebaut, und jeden Morgen erwachte ich mit dem Duft von Fels, Wasser und den entfernten Rufen der Drachen im Wind. Sie waren uralte, schuppige Wächter, deren Flügelschlag manchmal wie fernes Donnergrollen über die Felswände hallte.
Doch Schönheit schützt nicht.
Nicht vor Furcht.
Nicht vor Neid.
Die große Katastrophe kam an einem Tag, der eigentlich ein Fest war. Während das Dorf ausgelassen das Lichterfest feierte, befand mein Vater sich ausnahmsweise im Drachenland… und war der Einzige, der nicht starb.
Als er am nächsten Morgen zurückkehrte, fand er nur Leere vor.
Ein ganzes Volk... vergiftet.
Ausgelöscht.
Und niemand wusste, wie oder warum.
Vielleicht war unsere Macht zu groß. Vielleicht war sie zu begehrt. Vielleicht fürchtete man uns.
Er war zu jung, um Antworten zu finden.
Meine Mutter starb bei meiner Geburt; also lehrte mein Vater mich allein, was es bedeutete, Ninja zu sein und ein Kind aus dem Drachenclan. Er zeigte mir Jutsu, unser Erbe, die Legenden meiner Ahnen.
Luna war schon geschlüpft, lange bevor ich meinen ersten Atemzug tat, die jüngste von allen Drachen, das letzte Drachenkind. Sie war das letzte Ei, das vor der Katastrophe gelegt worden war, und ich wuchs seither mit mir zusammen auf, als hätte das Schicksal uns beide füreinander bestimmt. Ich hatte keine Freunde außer ihr, aber das störte mich nie.
Denn ich war ohnehin… anders.
Schon früh wuchsen mir Flügel, wenn mein Chakra zu lodern begann. Meine Haut konnte sich in eine schimmernde Drachenhaut verwandeln, schuppig, grün, nahezu unverwundbar.
Diese Gabe gab es nur ein einziges Mal in unserer Linie.
Bei der großen Drachenkämpferin, meiner Urahnin.
Ich wusste, dass etwas von ihr in mir brannte. Und ich ahnte nur, dass es diese Gabe nie ohne einen Grund, eine Aufgabe gegeben wurde.
Ich erinnere mich noch an den Abend, an dem sich mein Leben veränderte.
Ich war zwölf, und der Sonnenuntergang färbte die Felswände über Lumina goldrot.
Mein Vater war stiller als sonst, als wir beim Abendessen saßen. Die Luft schien zu flimmern, als würde sie Worte tragen, die er nicht aussprechen wollte.
„Amaya", sagte er schließlich. Seine Stimme war rau. „Ich habe eine Aufgabe für dich."
Ich hob den Kopf.
„Ich möchte, dass du dieses Dorf verlässt."
Es war, als würde der Boden unter mir nachgeben.
„Wieso. Warum soll ich gehen. Weg von hier und auch von dir?" Panik stieg ihn mir auf. Warum verlangte mein Vater so etwas von mir?
Er sah mich lange an, die Schatten im Raum spiegelten sich in seinen Augen.
„Weil auch ich gehen muss. Ich habe etwas zu erledigen… etwas, das mich weit fortführen wird. Ich weiß nicht, wann ich zurückkomme."
„Kann ich nicht mitkommen?" fragte ich fieberhaft, obwohl ich die Antwort bereits kannte.
„Nein, meine Süße."
Er legte mir eine Hand auf die Wange. „Dort, wohin ich gehe, kannst du mir nicht folgen. Dein Weg führt ins Leben. Ich will, dass du lernst, was es bedeutet, unter Menschen zu leben. Und denk daran..."
Sein Blick wurde hart, „niemand darf von unserem Volk erfahren."
Ich nickte, obwohl meine Kehle brannte.
„Werde ich dich wiedersehen?"
Er lächelte, ein weiches, trauriges Lächeln.
„Natürlich", sagte mein Vater von Herzen und breitet seine Arme aus.
Ich fiel ihm um den Hals.
„Ich hab dich lieb, Papa."
„Ich dich auch."
Er küsste mich auf die Stirn.
„Und jetzt ab ins Bett. Du musst morgen früh los."
Ich tat, was er sagte. Und während ich einschlief, hoffte ich, dass dies nicht der letzte Abend mit ihm war.
Am nächsten Morgen war er fort.
Kein Abschied.
Kein Zettel.
Also packte ich meine wenigen Sachen und machte mich zum ersten Mal auf den Weg, raus aus dem Drachenland, in die Welt, die weit weg von allem lag, was ich kannte.
Ich reiste durch viele Länder:
über die harten Pässe des Erdreichs, hinunter an die Nebelküsten des Wassers.
Ich lernte Menschen kennen, Traditionen, Freude, Gier, Lüge, Vertrauen.
Ich erkannte, wie verletzlich Menschen sind und wie stark sie sein konnten, wenn es darauf an kam.
Ein Jahr lang wanderte ich, bis ich schließlich im Land des Feuers ein Zuhause fand.
In Konoha.
Dort, wo niemand meine Vergangenheit kannte.
Dort, wo niemand meine Abstammung auch nur erahnte.
Die ersten Monate in Konoha verbrachte ich hauptsächlich am Rand, beobachtend, abwartend, immer bereit, wieder zu verschwinden, sollte jemand zu genau hinsehen. Ich saß in der Akademie in der letzten Reihe, meldete mich nie freiwillig, aß mein Mittagessen allein unter einem Baum, während die anderen Kinder in Gruppen lachten. Es war eine Gewohnheit, die ich von Jahren des Alleinseins mitgebracht hatte, und ich sah keinen Grund, sie abzulegen.
Nur einer gab sich damit nicht zufrieden.
Naruto setzte sich einfach neben mich, egal wie oft ich ihm auswich. Er fragte nach meinem Namen, obwohl ich ihn schon dreimal genannt hatte. Er teilte sein Essen mit mir, ohne zu fragen, ob ich es wollte. Er redete, redete, redete... über seine Träume, über Ramen, über den Hokage, den er eines Tages werden wollte, bis ich irgendwann aufhörte, ihn zu ignorieren, weil es anstrengender war, ihn zu ignorieren, als ihm einfach zuzuhören.
Wir landeten schließlich in unterschiedlichen Teams, doch das änderte nichts daran, dass Naruto mich nach jeder Mission aufsuchte, ganz gleich, wie erschöpft oder wortkarg ich war. Er erzählte mir von seinen Kämpfen, ich hörte zu, manchmal erzählte ich auch von meinen. Es war die erste Freundschaft seit Luna, die ich nicht aktiv verhindert hatte.
Das Training selbst verlangte mir alles ab, was ich meinem Vater und meinem Erbe zu verdanken hatte. Ich lernte, meine Windtechniken mit den Kampfformen der Akademie zu verbinden, meine Halbdrachenform zu verbergen, wenn ich sie am dringendsten hätte einsetzen wollen.
Kaum hatte ich die Chūnin-Auswahlprüfung hinter mir, wurde ich zum Jōnin befördert, schneller, als es die meisten meines Jahrgangs schafften. Es dauerte nicht lange, bis ich doch auffiel: eine Kämpferin, die niemand richtig einzuordnen wusste, die aber lieferte, was man von ihr verlangte. Man bot mir an, der Anbu beizutreten, kaum dass ich mich als Jōnin bewährt hatte und ich zögerte nicht lange.
Es war die Art von Leben, die zu mir passte: Schatten, Disziplin, keine Fragen, die zu tief gingen. Dort lernte ich endgültig, mein Herz hinter einer Maske zu verstecken, die nicht nur aus Porzellan bestand.
Es schien mir als ob mein Vater mich genau auf das vorbereitet hatte. In einer Welt zu funktionieren, welche niemals erfahren durfte woher ich wirklich stammte und was ich wirklich konnte.
Denn tief in mir brannte immer ein Funke aus Licht und Finsternis, der Ruf meines Clans.
Der Ruf meiner Bestimmung.
Und irgendwann… begann die Vergangenheit, mich einzuholen.