Frühstück (Amayas Sicht)
Frühstück (Amayas Sicht)
Die Kantine roch wie jeden Morgen nach frisch gebrühtem Tee und geröstetem Sesam. Dazu kam ein leichter Hauch von Rauch, der sich wohl nie ganz aus den Wänden verabschieden würde, ganz gleich, wie oft man hier lüftete.
Ich saß zwischen Temari und Kankurō. Meine Schale Reis mit Curry war noch halb voll, während Kankurō bereits seine zweite Portion Ei genoss.
„Du isst wie ein Wachstumsschub, der niemals aufhört“, bemerkte Temari trocken, ohne von ihrer Schale aufzusehen.
„Ich baue Muskeln auf. Für meine Puppen“, verteidigte er sich mit vollem Mund. „Das braucht Proteine.“
„Deine Puppen bewegen sich selbst, Kankurō.“
„Trotzdem.“
Ich musste lächeln. Kankurō konnte man, wenn es um Essen nichts abschlagen. Das hatte ich in den letzten Monaten gelernt.
Ich umschloss meine Teetasse mit beiden Händen und genoss die Wärme. Es war einer dieser seltenen Morgen, an denen niemand hetzen musste. Kein früher Aufbruch, keine Mission. Nur Frühstück, bevor sich unsere Wege für den Tag trennten.
Kankurō griff nach einem Stück Lachs aus meiner Schale.
„Hey!“ Ich funkelte ihn an.
„Du isst sowieso zu langsam.“ Er grinste, weil er genau wusste, wie wenig ich von meiner Mahlzeit abzugeben bereit war.
„Das war meins.“
„Jetzt nicht mehr.“
Triumphierend schob er sich den Lachsstreifen in den Mund.
Ich verdrehte die Augen, schob meine Schale außer Reichweite und musste trotzdem grinsen. Inzwischen war das so selbstverständlich geworden, dass ich mich kaum noch darüber wunderte.
Temari schob mir wortlos die Teekanne hin, noch bevor ich danach greifen konnte. Ich schenkte mir nach und beobachtete aus dem Augenwinkel, wie Kankurō bereits nach seiner dritten Portion Ei schielte. Der würde wohl erst aufhören, wenn ihm jemand das Geschirr wegnahm.
Mein Blick wanderte durch den Raum. Die anderen Tische füllten sich langsam, während draußen die Sonne gerade erst über die Dächer stieg.
„Sagt mal“, begann ich beiläufig, „hat Gaara eigentlich eine eigene Kantine?“
Temari sah auf. Eine Augenbraue wanderte nach oben.
„Eine eigene Kantine? Nein. Wieso sollte er?“
„Keine Ahnung.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Er ist schließlich der Kage. Ich dachte, vielleicht gibt es irgendetwas Besonderes für ihn.“
Kankurō schnaubte so heftig, dass er sich beinahe an seinem Tee verschluckte.
„Wenn du wüsstest, wie der isst, würdest du das nicht fragen.“
Ich sah ihn an. „Wie meinst du das?“
„Er isst, wenn er daran denkt“, erklärte Temari und rührte in ihrem Tee. „Und das ist selten genug. Meistens bringt Baki ihm etwas oder einer seiner Assistenten schaut nach ihm. Wenn Gaara fünf Stunden am Stück über seinen Akten sitzt, vergisst er glatt, dass Menschen regelmäßig essen müssen.“
Ich runzelte die Stirn. „Das klingt nicht besonders gesund.“
„Ist es auch nicht“, bestätigte Kankurō. „Manchmal steht eine volle Schale direkt neben ihm, und er bemerkt sie nicht einmal. Bis er endlich daran denkt, ist das Essen längst kalt.“
Ich sah auf meine eigene Schale.
„Und wer erinnert ihn daran?“
„Meistens Baki“, sagte Temari. „Oder einer der Assistenten, wenn sie es rechtzeitig bemerken.“
„Hm.“ Ich nahm einen Schluck Tee.
Es war keine besonders ungewöhnliche Geschichte. Gaara hatte viel zu tun, und vermutlich ging es anderen Menschen mit verantwortungsvollen Positionen ähnlich. Trotzdem blieb mein Blick noch einen Moment an der Tür hängen, als könnte er jeden Augenblick hereinkommen. Tat er natürlich nicht.
„Früher war das anders“, sagte Temari plötzlich.
Ich sah zu ihr hinüber. Sie hatte ihre Tasse abgestellt und blickte nachdenklich auf den Tisch.
„Bevor Gaara Kage wurde, haben wir noch zu dritt hier gesessen. Jeden Morgen.“ Ein kleines Lächeln erschien auf ihren Lippen. „Das war irgendwie unser kleines Ding.“
„Euer kleines Ding?“
„Na ja, wir drei eben.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Kankurō hat immer alles Mögliche durcheinander gegessen, ich habe mich darüber beschwert, und Gaara saß meistens schweigend daneben. Aber er war da. Es war einfach normal.“
„Ich esse immer noch völlig normal“, warf Kankurō ein.
Temari ignorierte ihn.
„Dann hat Gaara das Amt übernommen, und plötzlich war er morgens schon unterwegs, bevor wir überhaupt gefrühstückt hatten. Oder er saß längst über irgendwelchen Berichten. Irgendwann haben wir aufgehört, auf ihn zu warten.“
Für einen Moment wirkte sie, als säße sie gar nicht mehr hier, sondern würde sich an einen dieser längst vergangenen Morgen erinnern.
„Manchmal hat er kaum ein Wort gesagt“, fügte sie leiser hinzu. „Aber wenn Kankurō irgendetwas Dummes gemacht hat, konnte man ihm trotzdem ansehen, was er davon hielt.“
„Ich mache nichts Dummes“, protestierte Kankurō mit einem breiten Grinsen.
Temari schüttelte den Kopf, konnte sich ein Lächeln aber nicht verkneifen.
„Die Ratssitzungen fangen früh an“, sagte Kankurō, diesmal etwas ernster. „Und wenn sie erst einmal angefangen haben, ziehen sie sich. Irgendwann ist das Frühstück einfach hinten runtergefallen.“
Ich sah zwischen den beiden hin und her und versuchte mir vorzustellen, wie es früher gewesen sein musste. Drei Geschwister an einem Tisch, jeden Morgen, ohne dass sie dafür einen besonderen Grund gebraucht hätten.
Einfach, weil sie zusammengehörten.
Und jetzt saß Gaara vermutlich allein in seinem Büro, umgeben von Akten, und vergaß dabei sogar, etwas zu essen.
Ein unangenehmes Ziehen machte sich in meiner Brust bemerkbar. Ich dachte an meinen Vater. An die Dinge, die ich damals für selbstverständlich gehalten hatte, und daran, wie viel ich heute dafür geben würde, noch einmal mit ihm frühstücken zu können.
Ich senkte den Blick auf meine Tasse.
„Das ist schade“, sagte ich schließlich.
Mehr fiel mir dazu nicht ein.
„Ist eben so, wenn man Kage wird“, meinte Kankurō achselzuckend und schob sich den letzten Bissen Ei in den Mund. „Man verliert die kleinen Dinge.“
Der Satz blieb mir im Kopf hängen.
Die kleinen Dinge.
Vielleicht bemerkte man erst, wie wichtig sie waren, wenn sie plötzlich fehlten.
„Du könntest ihm ja etwas vorbeibringen“, meinte Temari.
Ich sah auf. Sie grinste mich an, und sofort beschlich mich das ungute Gefühl, dass ich ihr diese Frage lieber nicht gestellt hätte.
„Bitte was?“
„Du hast mich schon verstanden. Bring ihm Frühstück. Er wird sich bestimmt freuen.“
Für einen kurzen Moment stellte ich mir tatsächlich vor, wie ich mit einer Schale Essen durch die Gänge zum Kazekagebüro lief.
Warum konnte ich mir das so leicht vorstellen?
„Das war jetzt nicht ernst gemeint, oder?“
„Warum denn nicht?“ Ihr Grinsen wurde breiter. „Du bist doch sowieso oft genug bei ihm im Büro.“
„Das ist etwas anderes.“
„Ist es das?“
Ich öffnete den Mund, um zu widersprechen, fand aber nicht sofort eine passende Antwort. Leider hatte sie nicht ganz unrecht. Ich war in letzter Zeit ziemlich oft bei Gaara gewesen. Manchmal hatten wir etwas zu besprechen. Manchmal brauchte ich eine Mission. Und manchmal war ich länger geblieben, als es dafür nötig gewesen wäre.
Na und?
„Außerdem ist es nicht meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass der Kazekage regelmäßig isst“, erwiderte ich.
„Hab ich auch nicht behauptet.“
„Es klang aber so.“
Temari hob unschuldig die Hände. „Dann hast du wohl sehr genau zugehört.“
Ich verdrehte die Augen. Sie war unmöglich.
Kankurō warf einen Blick auf die Uhr an der Wand und stöhnte theatralisch.
„Ich muss los. Baki wollte, dass ich mir die neuen Marionettenteile ansehe, bevor die Werkstatt aufmacht.“
Er stand auf, schob sich noch schnell den letzten Bissen in den Mund und schnappte sich sein Tablett.
„Bis später, ihr zwei.“
„Ich sollte auch los“, sagte Temari und erhob sich. „Meine Besprechung zur Grenzpatrouille fängt gleich an.“
Sie nahm ihr Tablett und schenkte mir im Vorbeigehen ein letztes, viel zu wissendes Grinsen.
„Wir sehen uns.“
„Ja, ja. Geh schon.“
Sie lachte leise und folgte Kankurō aus der Kantine.
Und dann waren sie weg. Ihre Stimmen waren noch kurz im Flur zu hören, bevor auch sie verklangen.
Ich blieb allein am Tisch sitzen, die leere Tasse noch immer in der Hand. Der Gedanke, den ich eben noch so entschlossen hatte beiseiteschieben wollen, schlich sich prompt wieder zurück.
Bis ich mit meiner Truppe verabredet war, hatte ich noch gut eine Stunde.
Ich könnte ihm tatsächlich etwas vorbeibringen.
Es war ja nicht so, als müsste ich auf ihn aufpassen. Essen war schließlich eine wichtige Grundlage, um ordnungsgemäß zu funktionieren. Das war schlicht eine Tatsache.
Wenn Temari das Frühstück ausfallen ließe, würde ich ihr schließlich auch etwas vorbeibringen. Das machte man unter Freunden so.
Ich nickte einmal, als hätte ich damit eine vollkommen vernünftige Entscheidung getroffen.
Dann stand ich auf und ging zur Ausgabe hinüber, wo eine der Küchenhilfen gerade das Buffet nachfüllte.
„Könnte ich mir noch eine Portion zum Mitnehmen einpacken lassen?“, fragte ich und bemühte mich, möglichst beiläufig zu klingen.
Die Frau nickte, ohne eine Miene zu verziehen, und begann, Reis, etwas gegrilltes Gemüse und ein Stück Fisch in eine kleine, verschließbare Box zu füllen.
Ich sah ihr dabei zu und trommelte unruhig mit den Fingern gegen meinen Degengriff.
Als ich die warme Box schließlich in beiden Händen hielt, machte ich mich auf den Weg zum Kageturm.
Die Gänge waren um diese Uhrzeit noch ruhig. Nur vereinzelt kamen mir Angestellte mit Aktenstapeln entgegen, die mich mit einem knappen Nicken grüßten.
Ich wollte gerade um die letzte Ecke vor Gaaras Büro biegen, als ich eine vertraute Stimme hörte.
Matsuris Lachen.
Hell und ein wenig zu laut für den frühen Morgen. Darauf folgte ein weiteres, leises Kichern.
Ich blieb stehen und drückte mich unwillkürlich an die Wand. Dann ließ ich mein Chakra sacht in meine Ohr fließen. Meine Gehör wurde empfindlicher, und die Stimmen aus dem Flur drangen deutlicher zu mir.
„…und dann hat er gesagt, dass es überhaupt nicht so gemeint war, aber ich glaube ihm kein Wort!“
Matsuri lachte erneut. Meine Ohren zuckten unangenehm.
„Das klingt nach Baki“, sagte Gaara.
Eine kurze Pause.
„Genau!“, stieß Matsuri hervor, beinahe erleichtert, dass er überhaupt geantwortet hatte. „Und dann …“
Sie redete einfach weiter.
Ich verdrehte die Augen. Diese Frau konnte aus jeder Nichtigkeit eine halbe Ewigkeit Gesprächsstoff machen.
Mit der Box in den Händen blieb ich stehen und lauschte, obwohl mich ihre Geschichte nicht im Geringsten interessierte.
Dieses aufgesetzte Lachen, mit dem sie auf jede noch so belanglose Bemerkung reagierte, als wäre Gaara der witzigste Mann in ganz Suna, ging mir einfach auf die Nerven.
Ich mochte sie nicht besonders. Das musste keinen tieferen Grund haben.
Ich wartete. Jetzt einfach hineinzuplatzen, während sie mitten in ihrer Geschichte steckte, wäre albern gewesen. Außerdem hatte ich wenig Lust, mir wieder einen ihrer abschätzigen Blicke einzufangen. Und die Box musste sie auch nicht unbedingt sehen.
Inzwischen wusste ich, dass Gaara solche belanglosen Geschichten meistens geduldig über sich ergehen ließ, statt sie selbst zu suchen. Trotzdem schien Matsuri das nicht davon abzuhalten, jede Gesprächspause mit den nächsten Einzelheiten zu füllen.
Noch ein paar Sätze drangen zu mir, erst Matsuris Stimme, dann Gaaras knappe Erwiderung.
„Ich habe gleich eine Besprechung.“
Sein Ton ließ keinen Widerspruch zu.
„Ach so.“ Matsuri zögerte kurz. Ihre Enttäuschung war kaum zu überhören, auch wenn sie sich Mühe gab, sie zu überspielen. „Bis später, Gaara-sama!“
Schritte näherten sich, gingen an mir vorbei und entfernten sich in die andere Richtung.
Zum Glück bemerkte Matsuri nicht, dass ich mich mit dem Rücken an die Wand presste und die Box an mich hielt, als hätte ich etwas zu verbergen.
Ich wartete, bis ihre Schritte im Flur verklungen waren. Kurz darauf hörte ich das leise Klicken einer Tür, als Gaara sein Büro wieder schloss.
Erst dann löste ich mich von der Wand und bog um die Ecke.
Ich klopfte kurz, mehr aus Gewohnheit als in echter Erwartung einer Antwort, und trat ein, ohne lange zu warten.
Gaara saß hinter seinem Schreibtisch. Vor ihm lag ein Bericht, den er bereits wieder mit dem Stift bearbeitete, als hätte zwischen Matsuris Abgang und meiner Ankunft keine einzige Sekunde gelegen.
Als er aufblickte und mich erkannte, zeigte sich für einen kurzen Moment Überraschung in seinem Gesicht. Dann entspannte sich etwas um seine Augen.
„Du bist es, Amaya.“
Ich musste unwillkürlich lächeln. „Guten Morgen.“
Ich hob die Box ein wenig an, als müsste ich meinen Auftritt damit rechtfertigen.
„Ich war mit Temari und Kankurō in der Kantine. Dabei habe ich erfahren, dass du deine Mahlzeiten gelegentlich vergisst. Da dachte ich, du hattest vielleicht noch keine Gelegenheit zu frühstücken.“
Sein Blick wanderte zur Box und blieb einen Moment darauf liegen, bevor er wieder mich ansah.
„Ja“, gab er zu. „Woher wusstest du das?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Temari hat es mir erzählt.“
Er betrachtete die Box erneut.
„Und deshalb bist du den ganzen Weg hierhergekommen, um mir etwas zu essen zu bringen?“
Es klang, als müsste er die Tatsache erst einmal für sich einordnen.
Dann sah er mich direkt an. „Warum?“
„Weil Freunde das so machen.“
Ich grinste etwas verlegen, trat näher und stellte die Box auf den freien Rand seines Schreibtisches. Dabei achtete ich sorgfältig darauf, keine der Akten zu verschieben.
Als ich wieder aufsah, musterte er mich noch immer. Sein Gesichtsausdruck war schwer zu deuten, aber seine Züge hatten etwas von ihrer gewohnten Anspannung verloren.
„Danke“, sagte er schließlich.
„Freut mich, wenn ich etwas für dich tun kann.“
Er sah müder aus, als ich zunächst gedacht hatte. Solange er sich auf seine Arbeit konzentrierte, fiel es kaum auf. Jetzt, da er den Stift beiseitegelegt hatte, wirkten seine Schultern schwer und seine Bewegungen ein wenig langsamer.
„Dann lass es dir schmecken.“
Ich machte bereits einen Schritt in Richtung Tür. Schließlich hatte ich ihm das Frühstück gebracht. Damit war die Sache erledigt, oder?
„Amaya.“
Ich drehte mich um. Gaara hatte eine Hand auf den Deckel der Box gelegt, öffnete sie aber noch nicht.
„Hast du …“
Er hielt inne. Sein Blick glitt kurz zu den Akten vor ihm, dann wieder zu mir. „Hast du Zeit, hierzubleiben?“
Ich blinzelte überrascht.
„Wenn du dir schon die Mühe gemacht hast“, fügte er hinzu, „dann kann ich dir wenigstens Gesellschaft leisten.“
Ich wusste nicht, warum mich die Frage so überraschte. Es war schließlich keine große Sache. Ich hatte ihm nur Frühstück gebracht.
„Ich habe noch eine halbe Stunde, bevor ich zu meiner Truppe muss“, antwortete ich schließlich und ließ mich auf den Besucherstuhl vor seinem Schreibtisch sinken. „Also ja. Ich kann bleiben.“
Seine Haltung entspannte sich ein wenig. Es war kaum mehr als eine kleine Veränderung, aber ich bemerkte sie.
Er öffnete die Box, und der Duft von Fisch und gegrilltem Gemüse breitete sich im Raum aus.
„Das hast du alles für mich einpacken lassen?“
„Ich kann dir nächstes Mal mehr mitbringen, wenn es nicht reicht.“ Ich verschränkte die Arme und lehnte mich zurück. „Der Nachtisch war leider schon alle.“
Ein warmes Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Danke, Amaya.“
„Nicht dafür.“
Er nahm die Stäbchen zur Hand und begann zu essen. Die konzentrierte Falte zwischen seinen Augen war verschwunden.
Es freute mich, ihn so zu sehen.
„Wie läuft es eigentlich mit deiner Truppe?“, fragte er zwischen zwei Bissen. Sein Blick lag aufmerksam auf mir, als wäre die Frage genauso wichtig wie das Essen vor ihm.
„Ganz gut. Hinaka hat es gestern fast geschafft, ihren Feuerstrahl gezielt zu kontrollieren, ohne jemanden in Reichweite zu verbrennen.“
Er hob leicht eine Braue. „Fast?“
„Stattdessen hat sie einen der Übungsstämme in Brand gesetzt.“
Ich musste bei der Erinnerung grinsen. „Roku hat ihn gelöscht, bevor es schlimmer wurde. Hinaka war trotzdem ziemlich stolz auf sich.“
Ein leises Lachen entkam ihm, und ich lächelte gleich mit.
„Das klingt nach Fortschritt“, sagte er. „Auf ihre eigene Art.“
„Das habe ich ihr auch gesagt. Danach hat sie mir erklärt, dass der Stamm ohnehin hässlich gewesen sei.“
Sein Mundwinkel zuckte.
„Eine überzeugende Begründung.“
„Fand sie auch.“ Wie selbstsicher Hinaka mir das mit breitem Grinsen erzählt hatte, ließ ich lieber unerwähnt.
Für einen Moment waren nur das leise Klappern der Stäbchen gegen die Box und die Geräusche aus dem Flur zu hören.
Ich lehnte mich bequemer zurück.
„Rika und Yuki arbeiten inzwischen viel besser zusammen, seit ich sie öfter in Zweierteams einteile. Und Tako …“
Ich musste lächeln.
„Mit ihm trainiere ich gerade Schwertkampf. Ehrlich gesagt macht er die größten Fortschritte von allen. Er hat ein gutes Gefühl für die Klinge. Fast, als wäre es ihm in die Wiege gelegt worden.“
Gaara nickte und aß weiter. Er hörte aufmerksam zu, wie immer, wenn ich ihm von den Genin erzählte. Er ließ mich ausreden, bevor er antwortete.
„Du bist gut mit ihnen“, sagte er schließlich. „Das sieht man.“
Ich blinzelte.
„Danke.“
Mir wurde warm im Gesicht, und ich sah kurz auf meine Hände hinunter. Es war nur ein Kompliment. Trotzdem bedeutete es mir mehr, als ich erwartet hatte.
Ich beschloss, nicht weiter darüber nachzudenken, und wechselte das Thema.
„Übrigens, Temari und Kankurō haben mir heute Morgen etwas erzählt. Über euch drei. Von früher.“
Gaara sah auf. Seine Stäbchen hielten mitten in der Bewegung inne.
„Was genau?“
„Dass ihr immer zusammen in der Kantine gefrühstückt habt, bevor du Kazekage wurdest.“
Ich beobachtete ihn, während ich sprach.
„Es klang, als wäre das euer kleines Ritual gewesen.“
Er hielt kurz inne. Für einen Moment sah er aus, als würde er nach einer Erinnerung suchen, die lange nicht mehr an die Oberfläche gekommen war. Dann senkte er den Blick auf die Box.
„Das stimmt.“
Seine Stimme war leiser als zuvor.
„Ich hatte das fast vergessen.“
Ein kleiner Stich zog durch meine Brust. Nicht, weil er es vergessen hatte, sondern weil er offenbar so viel anderes im Kopf hatte, dass selbst solche Dinge keinen Platz mehr fanden.
„Vermisst du es?“
Er dachte einen Moment nach. Schließlich legte er die Stäbchen neben die Box.
„Ich glaube schon.“ Er schwieg kurz. „Aber es gab nie wirklich eine Gelegenheit, damit wieder anzufangen. Die Ratssitzungen beginnen früh, und danach …“
Er deutete vage auf die Aktenstapel neben sich.
Ich folgte der Bewegung mit meinem Blick. Die Stapel waren hoch genug, dass ich mich fragte, wie oft er sich wohl vorgenommen hatte, früher Schluss zu machen, nur um es am Ende doch nicht zu tun.
„Vielleicht solltest du dir die Zeit trotzdem nehmen“, sagte ich, ehe ich es mir anders überlegen konnte. „Wenigstens einmal in der Woche.“
Er sah wieder zu mir. In seinem Blick lag eine Spur Überraschung, als hätte er nicht damit gerechnet, dass ich ihm einen solchen Vorschlag machen würde.
„Vielleicht“, sagte er.
Diesmal klang es nicht nach einer bloßen Höflichkeitsfloskel. Eher, als würde er ernsthaft darüber nachdenken.
Ich warf einen Blick auf die Uhr an der Wand.
Meine gemütliche Haltung war augenblicklich dahin.
„Verdammt.“
Gaara folgte meinem Blick. „Was ist?“
„Ich muss los.“ Ich deutete auf die Uhr. „Wenn ich jetzt nicht aufbreche, komme ich zu spät.“
Er nickte und nahm seine Stäbchen wieder auf.
„Dann solltest du gehen.“
Ich stand auf und rückte meinen Gürtel zurecht, an dem mein Degen befestigt war.
„Danke für die Zeit“, sagte ich und wandte mich zur Tür.
„Amaya.“
Ich drehte mich noch einmal um.
Gaara sah mich über den Rand der Box hinweg an.
„Danke für das Frühstück.“
Ich lächelte. „Gern.“
Mein Blick fiel auf die Box, deren Inhalt inzwischen deutlich weniger geworden war.
„Und iss auf.“
Eine Augenbraue hob sich, und er legte den Kopf leicht schräg.
„Das werde ich.“
„Gut.“
Ich öffnete die Tür, hielt dann aber noch einmal inne.
„Dann sehen wir uns beim Frühstück.“
Die Worte waren heraus, bevor ich darüber nachdenken konnte.
Gaara sah mich einen Moment lang an.
„Beim Frühstück“, wiederholte er schließlich.
Ich grinste kurz und verschwand, bevor ich mich noch dazu hinreißen lassen konnte, irgendetwas anderes zu sagen.
Erst im Flur wurde mir bewusst, was ich da eigentlich gesagt hatte. Als wäre es selbstverständlich, dass ich ihn dort wiedersehen würde. Als hätten wir gerade ganz nebenbei etwas ausgemacht. Ich schüttelte den Kopf über mich selbst und ging weiter.
Es war nur ein Satz gewesen und trotzdem musste ich lächeln.
*Zwei Tage später*
Die Kantine roch wieder nach Tee, geröstetem Sesam und dem vertrauten Hauch von Rauch, der offenbar beschlossen hatte, für immer Teil der Einrichtung zu bleiben.
Ich saß neben Temari, Kankurō uns gegenüber, und hörte nur mit halbem Ohr zu, während die beiden darüber stritten, ob Kankurō tatsächlich noch eine vierte Portion Ei brauchte.
„Du hattest schon drei“, stellte Temari fest.
„Und?“ Kankurō setzte eine Unschuldsmiene auf, die ihm niemand abkaufte.
„Das war keine rhetorische Frage.“
Temari war wieder ganz im großen-Schwester-Modus. Bei Kankurō half das ungefähr so viel, wie Feuer mit einem Ziegel zu löschen.
„Dann lautet die Antwort: Ja.“
Ich schmunzelte und nahm einen Schluck Tee.
Mein Blick wanderte zur Tür.
Vielleicht würde er heute tatsächlich kommen.
Ich wandte mich wieder meinem Teller zu. Gaara war Kazekage. Er hatte vermutlich Besseres zu tun, als sich jeden Morgen Zeit für die Kantine zu nehmen. Trotzdem fragte ich mich, ob ich vor dem Training kurz bei ihm vorbeischauen sollte. Nur, um zu sehen, ob alles in Ordnung war.
Ich runzelte die Stirn über mich selbst.
Was sollte das eigentlich? Ich könnte Temari genauso gut fragen, ob wir uns heute Abend wieder zum Essen treffen wollten.
Ich warf ihr einen Blick zu. Sie war gerade damit beschäftigt, Kankurō davon abzuhalten, sich tatsächlich noch eine vierte Portion zu holen.
Also sah ich wieder zur Tür.
Und erstarrte. Da stand er.
Gaara war gerade hereingekommen und ließ den Blick durch den Raum wandern.
Ich blinzelte. Das hatte ich nicht erwartet.
„Warum starrst du die Tür an?“, fragte Kankurō mir gegenüber.
„Ich …“
Ich deutete möglichst unauffällig zum Eingang.
„Seht ihr ihn auch?“
Temari folgte meinem Blick. Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.
„Gaara?“
„Ja.“
Gut. Ich halluzinierte also nicht.
Kankurō sah ebenfalls zum Eingang. „Natürlich sehe ich ihn.“
Ich blinzelte noch einmal.
„Er ist wirklich hier.“
Temari legte den Kopf schief.
„Das ist normalerweise der Sinn davon, dass jemand irgendwo steht.“
„Nein, ich meine …“
Ich brach ab. Gaara hatte uns inzwischen entdeckt.
Sein Blick blieb an unserem Tisch hängen, dann kam er tatsächlich auf uns zu.
Mein Herz machte einen kleinen, erfreulichen Satz.
Natürlich. Er hatte gesagt, dass er es vielleicht versuchen würde. Ich hatte nur nicht damit gerechnet, dass er es tatsächlich tat.
Gaara blieb neben unserem Tisch stehen.
„Guten Morgen“, sagte er mit einem leichten Schmunzeln und sah uns der Reihe nach an.
„Guten Morgen“, erwiderte ich etwas zu schnell.
Kankurō blickte erst zu Gaara und dann auf dessen leere Hände.
„Hast du dich verlaufen? Dein Büro ist im anderen Gebäude.“
„Kankurō, lass ihn!“, fuhr Temari ihn an und schob ihren Becher zur Seite.
„Du hast etwas vergessen“, setzte Kankurō unbeirrt nach.
Gaara sah ihn an. „Was?“
Kankurō deutete auf ihn.
„Du hast nichts zu essen.“
Gaara warf einen kurzen Blick zum Buffet.
„Ich bin gerade erst angekommen.“
„Dann hol dir etwas, bevor Kankurō noch mehr Unsinn redet“, sagte Temari.
„Ich kann auch später …“
„Nein.“ Temari schnitt ihm sofort das Wort ab.
Ich musste schmunzeln. Die beiden freuten sich, dass er hier war. Auch wenn sie das vermutlich niemals so offen zugeben würden.
Gaara sah seine Schwester an.
„Ich habe nicht gesagt, dass ich nichts essen werde.“
„Das glauben wir erst, wenn wir es sehen“, erwiderte Temari.
Kankurō grinste. „Wenn du schon gehst, kannst du mir gleich noch eine Portion Ei mitbringen.“
Gaara seufzte kaum hörbar und wandte sich dem Buffet zu.
„Du hattest genug Ei für heute!“, sagte Temari und stieß Kankurō unter dem Tisch mit dem Fuß an.
Ihr Streit war mir gerade herzlich egal.
Ich beobachtete Gaara, wie er sich eine Schale nahm und sich in die Reihe stellte.
Es war ein seltsamer Anblick.
Nicht, weil er etwas Besonderes tat. Sondern gerade, weil er es nicht tat. Der Kazekage, der sich Reis auf den Teller füllte wie jeder andere auch.
So ungewohnt war das, dass ich ihn beinahe genauso überrascht angestarrt hätte, als stünde Luna höchstpersönlich am Buffet. Dabei war es einfach nur Gaara.
„Du hast ihn tatsächlich dazu gebracht“, murmelte Kankurō neben mir.
Ich sah ihn an und hob eine Augenbraue.
„Ich habe gar nichts gemacht.“
„Mhm.“ Er glaubte mir kein Wort.
Temari warf ihm einen Seitenblick zu.
„Lass sie in Ruhe.“
„Ich sage ja nur.“ Kankurō hob abwehrend die Hände.
Kurz darauf kam Gaara mit seiner Schale zurück und setzte sich mir gegenüber.
Kankurō musterte das Essen und verzog enttäuscht das Gesicht.
„Das ist alles?“
„Ja“, antwortete Gaara sachlich, als wäre die Menge eine unumstößliche Tatsache.
„Du hast ewig nicht mit uns gefrühstückt, und dann holst du dir so wenig?“
Kankurō klang beinahe persönlich beleidigt.
„Ich kann mir jederzeit noch etwas holen.“
Temari nickte zufrieden.
„Das ist die richtige Antwort.“
Gaara begann zu essen. Ich nahm einen Schluck Tee und versuchte, mein Lächeln hinter der Tasse zu verbergen.
„Was?“, fragte Gaara.
Ich senkte den Becher. „Nichts.“
Warum bemerkte er eigentlich immer alles?
„Du lächelst.“
„Ich freue mich nur.“
Mehr, als ich zugeben wollte.
Er hielt mitten in der Bewegung inne.
„Worüber?“
Ich deutete mit meinem Becher auf seine Schale.
„Das du tatsächlich hier bist und etwas isst.“
Kankurō brach in Gelächter aus.
„Sie hat dich schon genauso im Griff wie Temari.“
„Das stimmt nicht“, widersprach ich sofort.
Temari grinste und zwinkerte mir zu.
„Noch nicht.“
Ich warf ihr einen bösen Blick zu.
Gaara sah zwischen uns hin und her. Dann wandte er sich wieder seinem Essen zu, doch diesmal konnte ich das leichte Zucken an seinem Mundwinkel nicht übersehen.
„Ich glaube“, sagte er ruhig, „ich komme morgen wieder.“
Kankurō hörte mitten im Lachen auf.
„Morgen?“
Temari sah ihren Bruder überrascht an, und obwohl sie sich sichtlich bemühte, gelassen zu bleiben, entging mir ihr erfreutes Lächeln nicht.
Gaara nahm einen weiteren Bissen.
„Ja.“
Kankurō blickte erst zu mir, dann zu Temari.
„Ich glaube, wir haben ein Problem.“
„Welches?“, fragte Temari.
„Er gewöhnt sich daran.“
„Dann ist das ausnahmsweise ein Problem, mit dem ich leben kann.“
Gaara erwiderte nichts. Aber diesmal blieb sein Lächeln einen Moment länger.
Das Frühstück verlief danach erstaunlich normal.
Kankurō erzählte irgendeine Geschichte aus der Werkstatt, und Temari unterbrach ihn mindestens dreimal, um darauf hinzuweisen, dass seine Version der Ereignisse gewisse … kreative Freiheiten enthielt.
Gaara sagte nicht viel, aber er blieb.
Er aß seine Schale leer und holte sich tatsächlich noch eine zweite Portion. Kankurō sah dabei so triumphierend aus, als hätte er persönlich einen Krieg gewonnen.
Gaara bemerkte es natürlich.
„Was?“
„Nichts“, sagte Kankurō mit einem zufriedenen Grinsen.
Gaara musterte ihn kurz. „Du siehst zufrieden aus.“
„Bin ich auch.“
Ich glaube, das war das erste Mal, dass ich Kankurōs Gesichtsausdruck als beinahe gerührt beschreiben würde. Ein ungewohnter Anblick, aber durchaus unterhaltsam.
Temari schüttelte den Kopf.
„Ignorier ihn.“
Ich musste lachen, und Gaara sah zu mir.
Für einen kurzen Moment trafen sich unsere Blicke.
Da war es wieder. Dieses kleine Lächeln, das er nicht für jeden aufsetzte.
Ich sah schnell auf meine Tasse hinunter.
Vor zwei Tagen hatte ich von Temari und Kankurō erfahren, dass sie diese kleinen gemeinsamen Frühstücke verloren hatten, nachdem Gaara Kazekage geworden war. Heute saß er wieder hier, mitten zwischen ihnen. Er aß, hörte sich Kankurōs Unsinn an und ließ sich von Temari zurechtweisen, als wäre er nie etwas anderes gewesen als ihr Bruder.
Und ich war froh, dass ich ein winziges bisschen dazu beigetragen hatte. Mehr nicht.
Als wir schließlich aufstanden, warf ich noch einen Blick zu Gaara. Er war gerade in ein Gespräch mit Temari vertieft, hob aber kurz den Kopf, als hätte er bemerkt, dass ich gehen wollte.
Unsere Blicke trafen sich erneut.
„Bis später“, sagte er.
Ich wusste nicht genau, wann wir uns wiedersehen würden. Trotzdem lächelte ich.
„Bis später.“
Dann verließ ich die Kantine mit einem seltsam leichten Gefühl.
Und irgendwie freute es mich mehr, als es sollte, dass Temari und Kankurō ihren Bruder jetzt vielleicht wieder öfter am Frühstückstisch haben würden.