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fremde Seiten (Amayas Sicht)

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fremde Seiten (Amayas Sicht)

Der Dampf der Dusche hing mir noch in den Haaren, als ich mich anzog und nach wärmerer Kleidung griff. Die Hitze des Tages wich in den Wüstennächten einer überraschenden Kühle.

Bevor Temari überhaupt den Flur erreichen konnte, war ich bereits aus dem Fenster geschlüpft.

Ich wollte heute allein sein.

Kein Gelächter. Keine Gesellschaft. Nur ich.

Ein lautloser Sprung, ein kurzes Schweben, dann berührten meine Füße das Dach des Nachbarhauses.

Die Sonne sank gerade hinter den Stadtmauer nieder. Ihr letzter goldener Schimmer lag auf den Häusern, bevor die Wüste den Tag mit einem einzigen Atemzug verschluckte.

Ich bewegte mich über die Dächer wie früher, als ich niemandem Rechenschaft schuldig gewesen war. Vogelfrei. Windgeboren.

Ein Schatten unter Sternen.

Ich suchte etwas, das ich nicht benennen konnte. Ruhe, vielleicht. Oder einfach einen Ort, an dem sich die Enge in meiner Brust lösen durfte.

Als ich die Stadtmauer erreichte, färbte der letzte Sonnenstreifen den Himmel noch einmal golden, bevor die Dunkelheit hereinbrach.

In der Wüste war sie tiefer, klarer. Jeder einzelne Stern schien näher. Für einen Moment blieb ich einfach stehen und sog die Weite der Wüste in mich auf wie die Nähe einer alten Freundin. Sie verlangte nichts von mir. Sie war einfach da.

Ich zog meinen Degen und ließ die Scheide auf der Mauer liegen.

Die Klinge lag vertraut in meiner Hand, ein Gewicht, das ich besser kannte als jede andere Waffe.

Ich schloss die Augen und streckte den Arm in einem weiten Bogen nach oben.

Für mich war es selbstverständlich, die Waffe zu bewegen. Es war ein Tanz, den ich nicht einstudieren musste. Meine Bewegungen kamen, bevor ich über sie nachdenken konnte, geschmeidig wie Wasser und scharf wie der Wind in meinen Bergen im Winter.

Der Stahl beschrieb Kreise und Spiralen, führte Schnitte durch die Dunkelheit, die nichts zerstören mussten.

Sie erzählten.

Von Schmerz und Einsamkeit. Von Trauer, aber auch von Freude. Von Sehnsucht und Hoffnung. Von Dingen, für die ich nie Worte gefunden hatte.

Wenn ich mich bewegte, musste ich nichts davon erklären. Ich musste nur fühlen. Der Schwerttanz war mein Halt. Mein Anker im Chaos meiner Erinnerungen. Wenn ich tanzte, war ich nicht verloren.

Ich war frei.

Und für eine Weile tat die Sehnsucht nach einem Zuhause nicht ganz so weh. Die Leere, die geblieben war, seit ich in dieser Welt zurückgelassen worden war, wurde mit jeder Bewegung ein wenig leichter.

Eine Bewegung flackerte lautlos in meiner Nähe auf. Ich stoppte abrupt.

Der Degen blieb mitten in der Bewegung stehen.

„Entschuldigung. Ich wollte dich nicht erschrecken.“

Ich öffnete die Augen.

Gaara saß ein Stück entfernt auf der Mauer, ein Knie aufgestellt, den Unterarm locker darauf abgelegt. Sein Mantel bewegte sich leicht im Wind. Er sah mich an, ohne sich zu rühren, als wollte er mir Zeit geben, mich wieder an seine Anwesenheit zu gewöhnen.

Ich hatte nicht bemerkt, dass er gekommen war.

Das beunruhigte mich mehr, als es sollte. Normalerweise entging mir nicht so leicht, wenn sich jemand näherte.

Wie lange saß er schon da?

„Hast du nicht“, sagte ich und ließ die Klinge sinken. „Zumindest nicht besonders.“

Ein kaum merkliches Zucken ging über seinen Mundwinkel. Er erhob sich und kam ein paar Schritte näher, blieb dann aber stehen.

„Temari sucht dich.“

Ich zuckte mit den Schultern und wischte mir eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht.

Sollte sie. In diesem Moment war mir nicht danach, gefunden zu werden.

„Wie lange sitzt du schon da?“, fragte ich. Meine Stimme klang beiläufiger, als ich mich fühlte.

Gaara sah kurz zur Mauer zurück, als müsste er überlegen, wie er antworten sollte.

„Eine Weile.“

„Eine Weile“, wiederholte ich und hob eine Augenbraue. „Das ist ziemlich ungenau.“

„Ich wollte dich nicht unterbrechen.“

Sein Blick wanderte kurz zu meinem Degen und dann wieder zu mir.

„Du warst sehr konzentriert.“

Ich drehte die Waffe langsam in meiner Hand. Plötzlich war mir nicht mehr ganz wohl bei dem Gedanken, dass er mich die ganze Zeit beobachtet haben könnte.

„Du hättest mich einfach ansprechen können.“

„Ich weiß.“ Er senkte für einen Moment den Blick. „Aber es sah nicht so aus, als sollte ich dich stören.“

Ich wusste nicht recht, was ich darauf sagen sollte. Er hätte mich vermutlich tatsächlich nicht gestört. Trotzdem war da etwas Beruhigendes an dem Gedanken, dass er einfach gewartet hatte, statt sich ungefragt in meinen Moment zudrängen.

Ich ließ die Klinge an meiner Seite sinken.

„Danke.“

Gaara nickte, doch dann schien er kurz zu zögern.

„Es war schön anzusehen.“

Ich blickte auf.

„Was?“

„Dein Tanz.“ Er deutete mit einer kleinen Bewegung auf den Degen. „Du hast dich bewegt, als würdest du gar nicht darüber nachdenken müssen. Als wüsstest du einfach, wohin du dich als Nächstes bewegen willst.“

Für einen Moment wusste ich nicht, wohin mit meinem Blick.

Das war nicht irgendein Kompliment über meine Technik oder meine Fähigkeiten. Er hatte etwas bemerkt, dass ich selbst kaum in Worte fassen konnte.

Und er hatte es schön genannt.

Ich spürte, wie sich ein Lächeln auf meine Lippen schlich, das ich nicht ganz unterdrücken konnte.

„So habe ich das noch nie betrachtet.“

„Wie denn?“

Ich schüttelte leicht den Kopf und sah auf die Gravur meiner Klinge hinunter.

„Ich mache das einfach. Schon sehr lange.“

„Dann sieht man es dir an.“

Ich hob den Blick wieder zu ihm. Sein Gesicht war ruhig, aber er sah mich so aufmerksam an, dass ich beinahe vergaß, etwas zu erwidern.

Das Kompliment schmeichelte mir mehr, als es sollte. Vielleicht, weil er nicht nur meine Technik gelobt hatte. Er hatte etwas gesehen, das ich sonst niemandem zeigte, und es nicht hinterfragt oder bewertet.

Ich strich mit dem Daumen über den Griff meines Degens, um meine Hände zu beschäftigen.

„Ich mache das manchmal“, sagte ich schließlich.

„Wenn du allein sein willst?“

Seine Frage war leise. Nicht neugierig aufdringlich, eher vorsichtig, als wolle er mir die Möglichkeit lassen, nicht zu antworten.

Ich sah ihn an.

„Wenn ich mich einsam fühle.“

Die Worte waren heraus, bevor ich sie noch einmal überdenken konnte. Für einen Moment fragte ich mich, ob ich gerade zu viel preisgegeben hatte.

Gaara bewegte sich nicht, doch seine Aufmerksamkeit schien noch wacher zu werden. Er sah mich einen Moment an, bevor er vorsichtig fragte:

„Vermisst du Konoha?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Nicht Konoha.“

Ich setzte mich auf die Mauer und legte den Degen neben mich. Der Stein war noch warm von der Tageshitze. Gaara ließ sich ebenfalls nieder, mit etwas Abstand zwischen uns.

Ich zog die Beine leicht an und sah über die dunkle Wüste.

„Manchmal fühlt man sich einfach einsam. Ich bin viel gereist. War nie wirklich irgendwo zu Hause.“

Meine Finger strichen gedankenverloren über die Gravur des Degens.

„Der Schwerttanz gibt mir Halt.“

Gaara schwieg. Er sah nicht weg, aber er drängte mich auch nicht, weiterzusprechen. Nach einer Weile nickte er kaum merklich, als hätte er verstanden, dass ich für den Moment genug gesagt hatte.

Ich war ihm dankbar dafür.

Die Stille zwischen uns fühlte sich nicht unangenehm an. Ich musste sie nicht mit irgendeiner belanglosen Bemerkung füllen, nur damit sie verschwand.

Nach einer Weile drehte ich den Kopf zu ihm.

„Warum bist du eigentlich hier?“

Er blinzelte und schien für einen Augenblick tatsächlich überlegen zu müssen. Dann richtete er sich etwas auf.

„Ich wollte dich etwas fragen.“

„Was?“

Sein Blick glitt zu meinem Gesicht. Er wirkte wieder ein wenig ernster.

„Ob du mich heute hast gewinnen lassen.“

Ich starrte ihn an. Dann entfuhr mir ein Lachen.

„Das beschäftigt dich?“

„Ja.“

Natürlich.

Ich schüttelte grinsend den Kopf.

„Die Antwort scheint dir wirklich wichtig zu sein, oder?“

„Es geht nicht darum, dass ich verloren hätte.“ Er verschränkte die Hände vor sich. „Ich möchte wissen, ob du dich zurückgehalten hast.“

Ich legte den Kopf schief.

„Und wenn?“

„Dann würde ich gerne wissen, warum.“

„Betriebsgeheimnis.“

Ich verschränkte die Arme und lehnte mich ein wenig zurück.

Gaara sah mich einen Moment lang an. Dann neigte er leicht den Kopf.

„Bitte.“

Ich blinzelte. War das gerade wirklich ein Flehen vom Kazekage?

Ich biss mir auf die Innenseite der Wange, um nicht zu grinsen.

„Ich verrate dir doch nicht einfach meine Techniken.“

„Für die Sicherheit Sunagakures wäre es sinnvoll.“

Da war er wieder, der Kazekage.

Ich hob eine Augenbraue.

„Wenn du mich für eine Gefahr hältst, sollte ich vielleicht gehen.“

Ich setzte bereits eine Hand auf die Mauer, um aufzustehen, als sich seine Finger um mein Handgelenk schlossen.

Nicht fest. Er hielt mich lediglich lange genug zurück, dass ich innehielt.

„Amaya.“

Ich sah über die Schulter zu ihm.

Seine Augen waren auf mein Gesicht gerichtet. Die leichte Anspannung um seinen Mund verriet, dass er verstanden hatte, wie seine Worte geklungen hatten.

„So habe ich das nicht gemeint.“

Seine Stimme war leiser geworden.

Er ließ mein Handgelenk los, noch bevor ich mich von ihm lösen musste.

„Es tut mir leid.“

Ich betrachtete ihn einen Moment. Er sah nicht verärgert aus, eher unzufrieden mit sich selbst.

Die Schärfe, die eben noch zwischen uns gestanden hatte, war verschwunden.

Ich setzte mich wieder.

„Schon gut.“

Gaara ließ die Hände auf seinen Knien ruhen. Sein Blick wanderte kurz in die Ferne, bevor er weitersprach.

„Immer wenn ich versuche, etwas über dich zu verstehen, weichst du aus.“

Ich senkte den Blick. Diesmal hatte ich keine schlagfertige Antwort parat.

„Ich weiß, dass du mir nicht alles erzählen kannst“, fügte er hinzu. „Aber manchmal weiß ich nicht, was ich fragen darf.“

Ich sah ihn wieder an.

Er klang nicht vorwurfsvoll. Eher so, als würde er tatsächlich versuchen, es richtig zu machen.

Das traf mich mehr, als ich erwartet hatte.

„Ich habe einen Eid“, sagte ich leise. „Viele Dinge darf ich niemandem erzählen.“

Meine Finger schlossen sich kurz um den Griff des Degens. Einen Augenblick lang überlegte ich, ob ich es dabei belassen sollte.

Dann atmete ich aus.

„Aber du bist der Erste, der von Luna weiß. Von den Drachen.“

Gaaras Gesicht wurde still. Er sah mich an, ohne sofort etwas zu erwidern.

„Wenn das kein Vertrauen ist … was dann?“

Er neigte leicht den Kopf.

„Es ist Vertrauen.“

Die Antwort kam ohne Zögern.

Dann sah er mich wieder direkt an.

„Und ich möchte dich trotzdem besser verstehen.“

Ich musste unwillkürlich lächeln.

„Du bist ganz schön hartnäckig.“

„Das wurde mir schon gesagt.“

„Von Temari, nehme ich an?“

Diesmal war es an ihm, beinahe zu lächeln.

„Unter anderem.“

Ich schüttelte amüsiert den Kopf und ließ mich etwas bequemer auf der Mauer nieder.

„Na gut. Dann frag etwas Konkretes.“

Sein Blick ruhte auf meinem Gesicht. Er dachte kurz nach, bevor er fragte:

„Wofür kämpfst du jeden Tag?“

Das Lächeln verschwand langsam von meinen Lippen.

Ich sah hinunter auf meine Hände.

„Früher für mich selbst.“

Ich atmete langsam aus.

„Heute, weil ich muss.“

Gaara bewegte sich nicht. Sein Blick blieb auf mir, doch er stellte keine weitere Frage.

Ich war froh darüber. Ich hätte nicht gewusst, wie ich ihm hätte erklären sollen, dass es Dinge gab, die man nicht einfach ablegte, nur weil man es wollte. Verpflichtungen, Versprechen, Menschen, Drachen, für die man weiterkämpfte, selbst wenn man manchmal nicht mehr wusste, wie lange man das noch konnte.

Vielleicht verstand er mehr davon, als ich dachte.

Ich musste es ihm nicht erklären. Nicht heute.

Vielleicht war es genau das, was ich an ihm inzwischen so schätzte. Ich musste nicht alles bis ins Letzte erklären, damit er es ernst nahm.

Nach einer Weile deutete Gaara auf meinen Degen.

„Darf ich ihn sehen?“

Ich reichte es ihm.

Er nahm ihn vorsichtig entgegen. Seine Finger glitten über den wellenförmigen Griff und blieben an der feinen Gravur auf der Klinge hängen.

„Was steht dort?“

Ich rückte ein wenig näher, um ihm die Zeichen zu zeigen, und strich mit dem Finger über die Keilschrift.

„Wasser schenkte dir das Leben,

Freiheit wird dir die Luft geben,

deinen Namen die Erde nennen,

damit ein Feuer kann in dir brennen.“

Gaara folgte den Zeichen mit den Augen. Dann drehte er den Degen leicht, sodass das Sternenlicht über den Stahl glitt.

„Schön“, sagte er leise.

Sein Blick wanderte zu mir.

„Kraftvoll.“

Ich lächelte. „Er ist einer meiner größten Schätze.“

„Gehörte er deinem Vater?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Nein. Aber er gehört zu unserer Familie.“

Ich sah zu ihm hoch.

Er betrachtete mich noch immer. Das Türkis seiner Augen schimmerte im Sternenlicht wie der Fluss in meinem Land bei Vollmond. Für einen Moment verlor ich mich darin. Vielleicht war es das Licht, aber sie wirkten wärmer als sonst.

„Deine Augen sind im Dunkeln noch auffälliger“, sagte Gaara plötzlich.

Ich blinzelte. „Auffälliger?“

Sein Blick ruhte noch immer auf meinem Gesicht. Für einen Moment schien er nach den richtigen Worten zu suchen, bevor er hinzufügte: „Sie sind so golden.“

Ein Lächeln breitete sich auf meinen Lippen aus. Mit diesem Kompliment hatte ich nicht gerechnet. Und noch weniger damit, dass er es einfach so aussprechen würde, als wäre es eine beiläufige Beobachtung.

Ich streckte die Hand aus und legte sie auf seinen Handrücken, der neben ihm auf der Mauer ruhte. Eine kleine, liebevolle Berührung.

Trotzdem hielt Gaara für einen Augenblick inne. Sein Blick wanderte zu unseren Händen, bevor er wieder zu mir sah.

„Das ist das schönste Kompliment, das ich je bekommen habe“, sagte ich leise.

Er wandte den Blick ab, als wäre ihm plötzlich bewusst geworden, was seine Worte bei mir ausgelöst hatten.

„Es war nur eine Feststellung“, erwiderte er.

„Gerade deswegen.“

Ein kaum merkliches Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

„Nicht jede Feststellung ist ein Kompliment“, gab er zu bedenken.

Ich sah auf unsere Hände. Meine Finger lagen noch immer locker auf seinem Handrücken. Für einen Moment ließ ich sie dort ruhen, dann hob ich den Blick wieder zu ihm.

„Da hast du recht.“ Ich zog meine Hand langsam zurück. „Eine Feststellung ist oft das ungeschönte Kompliment. Sie kann kritisch sein oder einfach eine Tatsache offenlegen, ohne sie schöner zu machen, als sie ist.“

Ich stemmte die Hände auf die Mauer und stand auf. Dann streckte ich mich, während ich über die Dächer der Stadt blickte.

„Das Interessante ist doch, was die Beschenkten mit der Wahrheit anfangen.“

Als ich mich zu Gaara umdrehte, sah er mich fragend an. Offenbar überlegte er, ob hinter meinen Worten noch etwas anderes steckte.

Ich schenkte ihm nur ein kleines Lächeln. Er musste nicht alles verstehen, was ich sagte. Manches durfte einfach im Raum stehen bleiben.

„Komm. Lass uns zurückgehen.“

Ich hob die Hülle meines Degens auf, verstaute ihn sicher und deutete anschließend auf die Dächer.

„Wettrennen. Bis zum Kage-Turm.“

Gaaras Haltung veränderte sich sofort. Das Nachdenkliche in seinem Gesicht wich einem vertrauten, herausfordernden Ausdruck, und seine Augen blitzten auf.

„Du wirst nicht gewinnen“, sagte er mit einer Sicherheit, die mich beinahe lachen ließ.

Ich trat neben ihn an den Rand der Mauer und ging leicht in die Knie, bereit zum Absprung.

„Heute Abend? Ganz sicher.“

Er hob eine Augenbraue.

„Das werden wir sehen.“

„Oh, das werden wir.“ Ich grinste ihn an. „Versuch einfach, nicht zu weit hinter mir zurückzufallen.“

Noch bevor er antworten konnte, sprang ich los.

Wir rannten über die Dächer, durch den Nachtwind, zwei Schatten zwischen den Lichtern der Stadt.

Die Lichter zogen unter uns vorbei wie ein Strom aus Sternen. Ich atmete die kühle Luft ein und spürte, wie sich meine Anspannung mit jedem Sprung löste.

Es war eine Genugtuung, einen Vorsprung zu haben. Ich konnte nicht anders und musste Lachen aus tiefsten Herzen. Wenn ich schon nicht im Kampf gewinnen durfte, dann wenigstens hier.

Mit einem letzten Sprung erreichte ich das Dach des Turms und wirbelte herum.

Gaara landete nur einen Augenblick später.

„Gewonnen!“

Er sah mich an. Ruhig. Fast zu ruhig.

„Du hast mich gewinnen lassen.“

Ich verschränkte die Arme.

„Und wenn es so wäre?“

Ich hielt kurz inne. Dann hob sich mein Mundwinkel.

„Dann hätte ich dich trotzdem gewonnen.“

Er starrte mich an.

„Das ist nicht dasselbe.“

„Nein?“

„Nein.“

Sein Blick blieb einen Moment länger auf mir liegen.

„Du bist heute sehr selbstsicher.“

„Nur heute?“

Er überlegte tatsächlich.

„Ich weiß es nicht.“

Ich grinste nur.

Sein Lächeln blieb noch einen Augenblick, bevor es wieder schwächer wurde. Dann trat er näher.

Ich verstummte.

Auf einmal war mir der Abstand zwischen uns viel bewusster als zuvor. Gaara nahm vorsichtig meine Hand. Seine Finger schlossen sich um meine, ohne Druck, und sein Blick suchte meinen.

Ich wusste nicht, was er vorhatte.

Er schien selbst noch einen Moment zu überlegen. Sein Daumen strich flüchtig über meine Finger, während er mich ansah, als wollte er sich etwas einprägen.

„Danke, Amaya“, sagte er leise.

„Wofür?“

Er antwortete nicht sofort.

Dann beugte er sich vor und küsste mich kurz auf die Wange.

Nur für einen Herzschlag. Ich erstarrte.

Es war keine große Geste gewesen. Kaum mehr als eine flüchtige Berührung, und trotzdem schien mein Körper einen Moment länger zu brauchen, um zu begreifen, was gerade passiert war.

Als Gaara sich zurückzog, sah er mich an. Seine Ohren waren leicht gerötet, und sein Blick huschte für einen Augenblick zur Seite, bevor er mir wieder in die Augen sah.

Er wirkte selbst überrascht von seiner eigenen Entscheidung.

„Gute Nacht“, sagte er schließlich.

Seine Stimme klang ruhiger, als ich mich fühlte.

Er ließ meine Hand los und wandte sich zum Eingang.

„Gute Nacht“, brachte ich hervor.

Er ging, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Ich blieb stehen und sah ihm nach.

Mein Herz schlug viel zu schnell.

Langsam hob ich die Hand und berührte die Stelle an meiner Wange, an der seine Lippen gerade noch gewesen waren.

Sofort ließ ich sie wieder sinken.

Das war nur eine Geste. Eine freundschaftliche Geste.

Vielleicht hatte er einfach das Bedürfnis gehabt, sich so zu bedanken. Für den Abend. Für meine Offenheit. Für irgendetwas, das ich selbst nicht einmal genau benennen konnte.

Aber warum fühlte sich meine Wange dann noch immer warm an?

Ich schüttelte den Kopf.

Unsinn. Es war Gaara.

Der Bruder meiner besten Freundin. Der Mann, mit dem ich inzwischen so viele Abende verbracht hatte, dass seine Gegenwart sich selbstverständlich anfühlte.

Natürlich hatte mich der Kuss überrascht.

Mehr nicht.

Matsuris empörter Blick schoss mir plötzlich durch den Kopf und ließ mich trotz allem leise lachen. Ich schüttelte das Bild ab.

„Was machst du nur mit mir?“, murmelte ich, obwohl er längst verschwunden war.

Ich sah noch einmal zur Tür, durch die er verschwunden war. Dann wandte ich mich ab. Es war späte geworden. Morgen warteten wieder fünf anstrebende Ninjas auf mich.

Ich sprang über die Brüstung hinunter, glitt durch mein Fenster und landete in völliger Dunkelheit.

Doch Finsternis hatte mich noch nie irritiert.

Ich sah auch mit geschlossenen Augen.

Und trotzdem konnte ich in dieser Nacht nicht aufhören, an zwei Dinge zu denken:

an seine Augen und an die Wärme seiner Lippen auf meiner Wange.