*NEU* - ein kleiner Gefallen (Gaaras Sicht)
*NEU* - ein kleiner Gefallen (Gaaras Sicht)
Ich ging die Treppe hinunter, ohne mich umzudrehen.
Meine Schritte waren gleichmäßig, meine Haltung gerade. Wer mir an diesem Abend im Treppenhaus des Kage-Turms begegnet wäre, hätte nichts Ungewöhnliches an mir bemerkt. Nur den Kazekage, der nach einem langen Tag nach Hause ging.
Niemand begegnete mir. Die Korridore des Wohnturms waren leer, und ich war dankbar dafür. Von außen hätte niemand vermutet, dass dieser Abend anders verlaufen war als die vielen zuvor.
Ich fuhr mir mit einer Hand durch die Haare und verlangsamte meine Schritte.
Nicht einmal im Kampf schlug mein Herz so schnell.
Was hatte ich da nur getan? Und warum war es mir so leichtgefallen?
Mein Körper hatte sich bewegt, bevor ich bewusst darüber nachgedacht hatte. Ich hatte ihre Hand ergriffen, sie vorsichtig gehalten und mich zu ihr hinuntergebeugt. Für einen kurzen Moment hatte ich nichts anderes wahrgenommen als ihre Nähe.
Es war nicht so, dass mir die Geste unangenehm gewesen wäre. Ich bereute nicht, Amaya nahe gewesen zu sein. Was mich beschäftigte, war vielmehr die Tatsache, dass ich den Kuss nicht geplant hatte. Ich hatte weder innegehalten, um über die Bedeutung nachzudenken, noch mich gefragt, wie sie darauf reagieren würde.
Das war es, was mich verunsicherte.
Ich erinnerte mich an ihr Gesicht, als ich mich von ihr gelöst hatte. Ihre Augen waren groß gewesen, golden selbst im schwachen Licht, ihre Lippen ein wenig geöffnet, als hätte sie etwas sagen wollen und es dann vergessen.
Ich wusste nicht, was sie in diesem Moment gedacht hatte.
Ich wusste auch nicht, was ich selbst gedacht hatte.
Mit einem leisen Ausatmen setzte ich mich wieder in Bewegung.
Ich war es gewohnt, meine Handlungen abzuwägen. Als Kazekage konnte ich mich nicht allein von einem Augenblick leiten lassen. Jede Entscheidung konnte Folgen haben, jedes Wort eine Wirkung entfalten, die weit über den Moment hinausging. Selbst kleine Gesten konnten von anderen anders verstanden werden, als sie gemeint waren.
Ich hatte früh gelernt, darauf zu achten und keine Grenzen zu überschreiten.
Und dennoch hatte ich mich gerade eben nicht daran gehalten.
Ich war wütend. Nicht auf sie, sondern auf mich selbst. Es war keine heftige Wut, eher die trockene Verärgerung, mit der man einen Fehler in einem Bericht entdeckte, den man selbst verfasst hatte. Es war niemandem ein Schaden entstanden, und trotzdem war etwas aus der Ordnung geraten, ohne dass ich genau sagen konnte, was.
Ich schritt den Korridor entlang, öffnete die Tür zu meiner Wohnung und trat ein.
Die vertrauten Stille empfing mich.
Ich zog meine Schuhe aus und stellte sie ordentlich an die Wand.
Dann blieb ich einen Moment stehen.
Meine Gedanken wanderten zurück zur Stadtmauer. Zu unserem Gespräch, zu Amayas Erzählungen über Luna und die Drachen, zu ihrem Schwert und den Worten, die sie mir übersetzt hatte. Sie hatte mir diese Dinge nicht auf meine Bitte hin anvertraut. Sie hatte selbst entschieden, mir davon zu erzählen.
Ein Teil davon durfte vielleicht niemand erfahren. Ihre Worte hatten deutlich gemacht, dass sie nicht frei über alles sprechen konnte. Trotzdem hatte sie mir einen Einblick in etwas gewährt, das sie offenbar nur wenigen Menschen zeigte.
Sie hatte mir vertraut.
Mir war noch nie jemand auf diese Weise begegnet. Vielleicht war es gerade deshalb so wichtig für mich, dieses Vertrauen nicht zu gefährden.
Ich hängte meinen Mantel an den Haken und ging ins Badezimmer. Dort wusch ich mir den Sand aus dem Gesicht und von den Händen.
Vielleicht war der Kuss genau das gewesen.
Dankbarkeit.
Ich ergriff mein Handtuch und trocknete mir das Gesicht ab. Ich hatte ihr danken wollen. Für den Abend, für das Gespräch, für ihre Offenheit. Für all das, was ich nicht in einem einzigen Wort hätte unterbringen können.
„Danke“ war mir in diesem Moment zu klein vorgekommen. Zu gewöhnlich für etwas, das so viel Gewicht hatte.
Ich blickte in den Spiegel. Das Gesicht, das mich ansah, war dasselbe wie immer. Das Kanji auf meiner Stirn, die Schatten unter den Augen, der ruhige Ausdruck, an den ich mich gewöhnt hatte.
Langsam nickte ich.
Das war eine Erklärung. Ich hatte ihr zeigen wollen, dass ich verstand, was ihr Vertrauen bedeutete. Dass ich es nicht als etwas Belangloses betrachtete, das man entgegennahm und anschließend wieder vergaß.
Doch als ich mich vom Waschbecken abstieß, kehrte die Unruhe zurück.
Selbst wenn ich ihr meine Dankbarkeit hatte zeigen wollen, gab es zahlreiche andere Möglichkeiten. Ich hätte ihre Hand halten können. Ich hätte etwas sagen können, das mehr gewesen wäre als ein einzelnes Wort. Ich hätte einfach noch einen Moment bei ihr bleiben können.
Warum also die Wange?
Ich blieb in meinem Schlafzimmer stehen.
Auf diese Frage fand ich keine Antwort. Ich ging sie immer wieder durch, suchte nach einer nachvollziehbaren Begründung, nach einem Muster, das mir erklären konnte, weshalb ich gerade diese Geste gewählt hatte.
Doch je länger ich darüber nachdachte, desto deutlicher erinnerte ich mich an den Moment selbst.
Wie nah sie gestanden hatte. Die Wärme ihrer Hand in meiner. Ihr Gesicht, zu mir gewandt, und ihre goldenen Augen, die mich im Licht der Laterne angesehen hatten.
Ich schloss kurz die Augen und öffnete sie wieder.
Es waren Beobachtungen. Sie erklärten nicht, weshalb ich mich bewegt hatte.
Was, wenn sie die Geste anders interpretierte? Vielleicht hatte sie sich unwohlgefühlt und es sich lediglich nicht anmerken lassen.
Dieser Gedanke gefiel mir am wenigsten.
Ich hatte keinen Grund anzunehmen, dass ich sie verletzt oder verärgert hatte. Amaya hatte mich nicht zurückgewiesen. Doch das bedeutete nicht zwangsläufig, dass sie mit der Situation einverstanden gewesen war. Überraschung ließ sich schwer einschätzen, besonders in einem Moment, mit dem niemand gerechnet hatte.
Ich sollte sie fragen.
Wenn ich eine Grenze überschritten hatte, musste ich das wissen. Es wäre meine Pflicht, ihr zuzuhören und mich gegebenenfalls zu entschuldigen, statt einfach anzunehmen, dass alles in Ordnung war.
Ich zog mich um und legte meine Kleidung ordentlich beiseite.
Sollte ich es morgen ansprechen?
Vor meinem inneren Auge erschien die Szene, wie ich vor Amaya stand und sie fragte, was sie von meinem Kuss gehalten hatte. Allein die Vorstellung ließ mich innehalten.
Wenn sie der Geste keine besondere Bedeutung beigemessen hatte, würde ich durch meine Frage möglicherweise erst eine Situation daraus machen, die für sie längst abgeschlossen war. Ich würde ihre Aufmerksamkeit auf etwas lenken, das sie vielleicht gar nicht weiter beschäftigte.
Und wenn es sie doch gestört hatte?
Dann sollte sie die Möglichkeit haben, es mir zu sagen.
Amaya war nicht dafür bekannt, ihre Meinung für sich zu behalten, wenn ihr etwas wichtig war. Sie hatte mir auf der Mauer deutlich gesagt, dass sie mir nicht ihre Technik verraten würde. Sie hatte mich ebenso offen wissen lassen, wenn sie mit meinen Entscheidungen nicht einverstanden war.
Es wäre falsch, ihr diese Fähigkeit abzusprechen, nur weil ich nicht wusste, wie sie auf eine unerwartete Geste reagiert hatte.
Dennoch beschloss ich, den Kuss zunächst nicht anzusprechen.
Ich würde sie morgen so behandeln wie immer und ihr die Entscheidung überlassen, ob sie darauf zurückkommen wollte.
Es war keine Lösung. Das wusste ich.
Es war lediglich eine Entscheidung, die Frage vorerst ruhen zu lassen.
Ich löschte das Licht und legte mich ins Bett. Das Zimmer versank in Dunkelheit. Mit der Stille wurden die Geräusche der Nacht deutlicher: das leise Pfeifen des Windes an den Fensterrahmen, das ferne Rauschen des Sandes.
Ich lag auf dem Rücken und sah zur Decke, die ich nicht erkennen konnte.
Der nächste Tag würde früh beginnen. Es gab genug zu tun, und am Morgen warteten bereits die ersten Berichte auf mich. Gewöhnliche Aufgaben, die meine Aufmerksamkeit erforderten und keinen Raum für unnötige Grübeleien ließen.
Ich schloss die Augen.
Amayas Gesicht tauchte vor meinem inneren Auge auf.
Ich erinnerte mich an ihr Lächeln, an den Moment, in dem sie ihre Hand auf meine gelegt hatte. An die Selbstverständlichkeit dieser Berührung und daran, wie wenig ich den Wunsch verspürt hatte, mich ihr zu entziehen.
Dann dachte ich an ihre Augen. Das Gold, das im Licht des Abends beinahe zu leuchten schien, und ihren überraschten Blick, nachdem ich sie geküsst hatte.
Ich öffnete die Augen wieder.
Es war unvernünftig, mich weiter mit einem einzigen Augenblick zu beschäftigen, für den es keine eindeutige Erklärung gab. Ich hatte meine Entscheidung getroffen. Morgen würde ich mich auf meine Arbeit konzentrieren, und mit etwas Abstand würde sich die Angelegenheit vermutlich leichter einordnen lassen.
Ich wandte meine Gedanken bewusst den Aufgaben des kommenden Tages zu.
Doch als ich schließlich einschlief, war es nicht der Gedanke an die Berichte, der mir zuletzt durch den Kopf ging.
Es war die Erinnerung an ihre Hand in meiner.
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Der Morgen begann, wie die meisten meiner Arbeitstage begannen: mit Berichten.
Ich hatte sie nach Dringlichkeit sortiert und arbeitete mich Stapel für Stapel hindurch. Handelszahlen, Wasserverteilung, Steuerverteilungen. Nichts davon konnte meine Aufmerksamkeit lange fesseln. Ich las denselben Absatz zum zweiten Mal, ohne seinen Inhalt wirklich aufzunehmen, und legte das Dokument schließlich beiseite.
Vielleicht sollte ich eine Pause machen.
Ein Blick auf die verbliebenen Akten belehrte mich eines Besseren. Dafür war keine Zeit.
Auf der Suche nach etwas Abwechslung griff ich zur Sammelmappe mit den offenen Missionsanfragen, die Baki mir jeden Morgen hinlegte, sauber nach Rang und Dauer geordnet. Ich blätterte die Aufträge durch.
D-Rang. D-Rang. Eine C-Rang-Mission, die bereits vergeben war. Wieder D-Rang.
Bei der vorletzten Anfrage hielt ich inne.
Begleitschutz für einen Versorgungstrupp zum nördlichen Grenzpass. Dauer: zehn Tage. Gefahrenstufe: niedrig bis mittel. Eigenständige Durchführung durch ein Genin-Team unter Leitung eines Jōnin möglich.
Ich las die Beschreibung ein zweites Mal, diesmal aufmerksamer.
Der nördliche Grenzposten wurde in regelmäßigen Abständen mit Medizin, Schriftrollen, Verbandsmaterial und Ersatzausrüstung versorgt. Die Route führte durch die Randgebiete der Wüste und anschließend über einen felsigen Pass. Kein feindliches Gebiet, aber auch kein Spaziergang. Sandstürme, unübersichtliches Gelände und gelegentliche Überfälle durch Plünderer gehörten zu den möglichen Risiken. Diese waren meist schlecht organisiert und unzureichend ausgerüstet, konnten für ein unerfahrenes Team jedoch trotzdem gefährlich werden.
Es war genau die Art von Auftrag, bei der junge Ninja lernten, was die Akademie nur in der Theorie vermitteln konnte.
Die Eskorte wäre für Amayas Gruppe perfekt geeignet.
Sie hatte mich jedes Mal, wenn sie eine Mission abholte, gefragt, wann ihre Genin endlich einen richtigen Außeneinsatz übernehmen dürften. Nicht nur Botengänge und Lagerarbeit. Sie wollte, dass sie das Dorf verließen, sich mehrere Tage selbstständig bewährten und lernten, mit Situationen umzugehen, die sich nicht auf dem Trainingsplatz simulieren ließen.
Ich legte die Anfrage vor mich und prüfte sie so sorgfältig wie jeden anderen Auftrag.
Amaya hatte mir berichtet, wie zuverlässig die fünf inzwischen zusammenarbeiteten. Hinaka hatte ihr Feuer inzwischen so weit unter Kontrolle, dass sie es gezielt einsetzen konnte. Roku und Rika waren im Nahkampf verlässlich. Tako entwickelte sich unter Amayas Anleitung zu einem vielversprechenden Schwertkämpfer, und Yuki besaß ein gutes Gespür für ihre Umgebung.
Dazu kam Amaya selbst. Sie hatte bei der Anbu gedient und laut dem Bericht des Hokagen die meisten ihrer S-Rang-Missionen allein durchgeführt.
Die Anforderungen der Eskorte deckten sich mit den Fähigkeiten der Gruppe. Die lange Route würde ihre Ausdauer und Orientierung auf die Probe stellen. Die möglichen Gefahren waren ernst genug, um sie zur Vorsicht zu zwingen, aber überschaubar genug, dass sie aus ihren Fehlern lernen konnten, ohne dass ein einzelner Fehltritt zwangsläufig katastrophale Folgen haben musste.
Ich ging die Angaben ein weiteres Mal durch und suchte gezielt nach einem Punkt, an dem die Mission für sie zu anspruchsvoll sein könnte.
Ich fand keinen.
Ich würde Amaya keine C-Rang-Mission zuteilen, nur weil sie danach gefragt hatte. Mir war wichtig, dass jedes Team, das ich aussandte, den Anforderungen des Auftrags gewachsen war. Dass diese Mission zu ihrer Gruppe passte, war das Ergebnis meiner Prüfung, nicht der Grund dafür.
Trotzdem war mir beim Lesen sofort Amaya eingefallen.
Ich wusste mehr über diese fünf Genin als über jedes andere Team im Dorf. Amaya erzählte mir von ihren Fortschritten, ihren Schwierigkeiten und den kleinen Eigenheiten, die sie im Training zeigten. Ich kannte Hinakas ungestümen Feuerstrahl, Takos Sturheit und Yukis aufmerksame Beobachtungsgabe, obwohl ich keines der Kinder selbst unterrichtet hatte.
Dieses Wissen war nützlich. Es erlaubte mir, die Gruppe besser einzuschätzen.
Gleichzeitig war mir bewusst, dass ich diese Informationen vor allem deshalb besaß, weil Amaya sie mit mir teilte. Andere Jōnin berichteten ebenfalls über ihre Teams, doch kaum jemand sprach so regelmäßig mit mir über die Entwicklung seiner Schüler.
Ich war nicht sicher, ob ich dieser Gruppe dadurch mehr Aufmerksamkeit schenkte, als ihr zustand.
Also prüfte ich die Anfrage ein drittes Mal, diesmal nicht nur auf ihre Eignung, sondern auch auf mögliche Voreingenommenheit meinerseits.
Das Ergebnis blieb dasselbe.
Die Mission war angemessen. Ich trug Amayas Gruppe in die Liste der zugeteilten Teams ein und legte das Dokument zu den bereits vergebenen Aufträgen. Baki würde die Mappe später abholen und die Missionen verteilen.
Damit war die Entscheidung getroffen.
Ich zog eines der Berichtshefte zu mir heran, hielt jedoch inne, bevor ich es aufschlug.
Es wäre sinnvoller, Amaya den Auftrag persönlich zu übergeben.
So konnte ich ihr die Einzelheiten erläutern und mögliche Fragen direkt beantworten. Sie kannte das Missionssystem von Sunagakure noch nicht so gut wie unsere eigenen Jōnin, und dies wäre der erste offizielle Außeneinsatz ihrer Gruppe für unser Dorf.
Außerdem sollte sie verstehen, dass ich ihr Team nicht leichtfertig auswählte. Sunagakure vertraute ihr mit dieser Mission eine Verantwortung an, die über die bisherigen Routineaufträge hinausging. Ihre Gruppe war dafür geeignet, und ich wollte, dass sie das wusste.
Ich nahm die Anfrage wieder aus der Mappe und legte sie auf die andere Seite meines Schreibtisches.
Kurz darauf betrat einer meiner Assistenten das Büro, um die erledigten Akten abzuholen.
„Schicken Sie bitte eine Nachricht an Amaya Doragon“, sagte ich. „Sie soll nach dem Training bei mir vorbeischauen.“
„Jawohl, Kazekage-sama.“ Er nahm den Stapel entgegen und verbeugte sich knapp. „Soll ich ihr den Anlass nennen?“
„Nein. Nur, dass es um eine Mission für ihre Gruppe geht.“
Er nickte und verließ den Raum.
Als sich die Tür hinter ihm schloss, lehnte ich mich in meinem Stuhl zurück.
Sie wird sich darüber freuen.
Der Gedanke kam so beiläufig, dass ich bereits nach der nächsten Akte griff. Erst einen Augenblick später hielt ich inne.
Ob sie sich freute oder nicht, war für die Entscheidung unerheblich. Ich hatte den Auftrag anhand ihrer Fähigkeiten ausgewählt, und ihre Reaktion würde daran nichts ändern.
Trotzdem stellte ich mir vor, wie sie die Nachricht erhielt.
Wahrscheinlich würde sie zunächst versuchen, sachlich zu bleiben. Sie würde nach den Einzelheiten fragen, die Risiken abwägen und sich die Verantwortung bewusst machen, bevor sie ihre Genin informierte. Doch wenn sie sich wirklich über etwas freute, verriet sie sich häufig selbst. Ein kaum merkliches Anheben ihrer Mundwinkel, ein kurzes Aufleuchten in ihren Augen, das sie nicht schnell genug verbergen konnte.
Ich sah dieses Lächeln so deutlich vor mir, dass ich unwillkürlich den Kopf schüttelte.
Ich saß in meinem Büro und stellte mir Amayas Reaktion auf eine Mission vor, die ich ihr noch nicht einmal übergeben hatte.
Dabei war ihre Freude für die Entscheidung völlig unerheblich.
Ich richtete mich auf und zog die nächste Akte heran.
Es war die richtige Mission. Ein sinnvoller Schritt für die Entwicklung der Genin und eine angemessene Verantwortung für ihre Anführerin.
Mehr nicht.
Ich senkte den Blick auf die Zahlen vor mir und zwang mich, den Bericht diesmal bis zum Ende zu lesen.
Wenigstens bis zum Mittag sollte ich mit der Arbeit fertig sein.
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Das Licht fiel schräg durch die schmalen Fenster und tauchte die Aktenstapel in ein müdes Goldbraun. Die Zahlen vom Morgen lagen längst hinter mir. Ich hatte die Wasserverteilung abgezeichnet und zwei Streitfälle an Baki delegiert.
Der Missionsauftrag lag noch immer auf meinem Schreibtisch.
Im Laufe des Tages hatte ich öfter daraufgesehen, als für seine Bearbeitung notwendig gewesen wäre.
Es war bereits später Nachmittag, als es kurz an meiner Bürotür klopfte.
Ich erkannte das Klopfen sofort.
Noch bevor ich antworten konnte, öffnete sich die Tür, und Amaya trat ein. Sie wartete inzwischen selten darauf, hereingebeten zu werden. Offenbar hatte sie sich daran gewöhnt, in meinem Büro ein und aus zu gehen, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.
Und ich hatte mich daran gewöhnt, sie hereinzulassen.
Der Gedanke kam mir so beiläufig, dass ich ihm zunächst keine weitere Beachtung schenkte.
Sie kam direkt vom Training. Der feine Sand an ihrer Kleidung, die zerzausten Strähnen, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatten, und die entspannte Müdigkeit in ihrer Haltung verrieten es. Ihre rote Weste stand offen, Ihre Drachenkette schmückte wie immer ihren Ausschnitt.
„Du hast nach mir schicken lassen“, sagte sie und blieb vor meinem Schreibtisch stehen. „Der Assistent meinte, es gehe um eine Mission?“
„Ja. Setz dich.“
Sie ließ sich auf den Besucherstuhl sinken. Ihr Blick glitt kurz über meinen Schreibtisch, über die Stapel, die Mappen und schließlich das Dokument, die vor mir lag.
Ich nahm den Auftrag und reichte sie ihr.
„Lies sie in Ruhe durch. Danach erkläre ich dir die Einzelheiten.“
Sie senkte den Blick auf das Dokument und begann zu lesen.
Während ich meine Unterlagen ordnete, beobachtete ich sie aus dem Augenwinkel.
Ihre Augen wanderten Zeile für Zeile über die Beschreibung. Zunächst zeigte sich Überraschung in ihrem Gesicht. Dann zuckte einer ihrer Mundwinkel nach oben, nur um kurz darauf wieder zu verschwinden, als sie sich offenbar daran erinnerte, dass sie den Auftrag noch nicht einmal zu Ende gelesen hatte.
Schließlich hob sie den Kopf.
„Das ist eine Auswärtsmission“, stellte sie fest. Sie klang beinahe ungläubig. Ihre goldenen Augen lagen auf mir. „Eine richtige. Mit Übernachtung. Und wir sollen sie eigenständig durchführen?“
„Ihr sollt einen Versorgungstrupp zum nördlichen Grenzpass begleiten und seine sichere Ankunft gewährleisten“, erklärte ich. „Der Aufbruch ist übermorgen früh.“
Sie sah mich an, dann wieder auf die Mission und schließlich erneut zu mir.
Da war es.
Dieses kurze Aufleuchten in ihren goldenen Augen, genau so, wie ich es mir am Morgen vorgestellt hatte. Ihr Mundwinkel zuckte. Sie presste die Lippen zusammen, als wollte sie ihre Begeisterung zurückhalten, doch diesmal gelang es ihr nicht.
„Gaara“, sagte sie und lächelte. „Das ist … Danke. Wirklich.“
„Bedank dich noch nicht“, erwiderte ich. „Ich muss dir erst die Bedingungen erklären.“
Ich bemerkte, dass mich ihr Lächeln mehr freute, als es für diese berufliche Zusammenkunft notwendig gewesen wäre. Also wandte ich mich der Karte zu, die ich bereits vorbereitet hatte.
Amaya rückte sofort ein Stück nach vorn und ich breitete die Karte zwischen uns aus.
„Der Grenzposten liegt hier, am nördlichen Ende des Passes.“ Ich deutete auf die markierte Stelle. „Er wird alle paar Monate versorgt. Medizin, Schriftrollen, Verbandsmaterial und Ersatzausrüstung. Der Trupp besteht aus sechs Trägern und einem Karawanenführer. Alle sind Zivilisten aus der Verwaltung. Sie kennen die Route, können sich aber nicht selbst verteidigen.“
„Und das ist unsere Aufgabe“, sagte Amaya leise.
Sie hatte den Kopf gesenkt und folgte der eingezeichneten Route mit dem Finger.
„Ja. Der Weg führt zunächst durch die Randgebiete der Wüste. Danach beginnt der felsige Abschnitt. Das Gelände ist unübersichtlich, und es gibt mehrere Engstellen.“ Ich tippte auf zwei markierte Punkte. „Hier und hier wurden in den vergangenen Jahren Karawanen überfallen. Meist waren es kleine Gruppen von Plünderern, schlecht ausgerüstet und unorganisiert.“
„Wie oft ist das vorgekommen?“
„Zweimal im vergangenen Jahr. Beide Male kam niemand ernsthaft zu Schaden, aber die Fracht ging verloren.“
Sie nickte langsam und prägte sich die Karte ein. Ihre Begeisterung trat für den Moment in den Hintergrund, während sie sich auf die Einzelheiten konzentrierte. Sie stellte keine überflüssigen Fragen und ließ sich Zeit, die Route zu erfassen.
„Was ist erlaubt, wenn wir angegriffen werden?“
„Verteidigung, Abwehr und nötigenfalls Gefangennahme. Kein unnötiges Töten. Wenn ihr Angreifer festsetzt, übergebt ihr sie dem Grenzposten, der sie nach Suna überstellt.“
Ich ließ ihr einen Moment, um die Information aufzunehmen.
„Noch Fragen dazu?“
Amaya hob den Blick. Diesmal war ihr Lächeln kleiner, ruhiger.
„Nein.“ Sie schüttelte langsam den Kopf. „Ich vermute, alles Weitere erfahre ich übermorgen von den Trägern.“
Ich nickte. Viel mehr gab es vorerst nicht zu erklären. Den Rest würde sie vor Ort erfahren müssen.
An ihrer Eignung zweifelte ich nicht. Für Amaya selbst dürfte die Mission keine besondere Herausforderung darstellen. Für ihre Genin hingegen würde die Reise eine neue Art von Verantwortung bedeuten. Zehn Tage unterwegs zu sein, einen Versorgungstrupp zu schützen und Entscheidungen außerhalb des Dorfes zu treffen, war etwas anderes, als unter Aufsicht auf einem Trainingsplatz zu üben.
Genau deshalb war die Mission für sie geeignet.
Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück.
„Die Träger versammeln sich übermorgen bei Sonnenaufgang am Osttor. Der Karawanenführer heißt Hokuto. Er ist erfahren und wird die Reise leiten, aber das Kommando liegt bei dir.“
Ich schob ihr einen zweiten Zettel hinüber.
„Hier stehen die Vorräte, die das Dorf stellt. Alles Weitere, was ihr braucht, müsst ihr selbst organisieren. Wasser, Nahrung und zusätzliche Ausrüstung.“
Amaya überflog die Liste.
„Das schaffen wir.“
Sie sagte es ohne Zögern.
Ich beobachtete, wie sie das Dokument sorgfältig zusammenfaltete und die Liste einsteckte. Ihre Haltung hatte sich seit ihrer Ankunft verändert. Die Müdigkeit vom Training war noch da, aber sie wirkte wacher, beinahe beschwingt. Als hätte sie schon begonnen, im Kopf die Vorbereitungen durchzugehen.
Eine stille Zufriedenheit breitete sich in mir aus.
Ich hatte im Laufe meiner Amtszeit viele Entscheidungen getroffen, die andere Menschen betrafen. Manche hatten Erleichterung gebracht, andere Enttäuschung. In den meisten Fällen hatte es genügt zu wissen, dass eine Entscheidung notwendig und richtig gewesen war.
Bei Amaya war es anders.
Ich hatte die Mission sorgfältig geprüft. Ich wusste, dass sie zu ihrer Gruppe passte, und würde meine Entscheidung auch dann vertreten, wenn sie sich nicht darüber gefreut hätte.
Doch nun saß sie mir gegenüber, und dieses Leuchten in ihren Augen ließ mich erkennen, dass ich ihr nicht nur eine geeignete Aufgabe übertragen hatte. Ich hatte ihr die Gelegenheit gegeben, etwas zu tun, worauf sie schon lange gewartet hatte.
Und es gefiel mir, dass ich das für sie möglich gemacht hatte.
„Gaara?“
Ich blinzelte. „Ja?“
Amaya musterte mich mit leicht geneigtem Kopf.
„Du starrst mich an.“
„Ich habe überlegt, ob ich etwas vergessen habe.“
„Und?“
„Nein. Das war alles.“
Sie zog eine Augenbraue hoch, als glaubte sie mir nicht ganz, ließ es aber dabei bewenden. Dann stand sie auf.
„Dann gehe ich besser. Ich habe fünf Genin, die sich auf zehn Tage vorbereiten müssen.“
Ich erhob mich ebenfalls, obwohl ich auch hätte sitzen belieben können.
Amaya trat zur Tür. Ihre Hand lag bereits auf der Klinke, als sie sich noch einmal zu mir umdrehte.
„Danke, Gaara.“ Ihre Augen glitzerten noch immer. „Für die Mission. Und dafür, dass du uns das zutraust.“
Ihre Worte trafen mich unerwartet.
Ich hatte mit einem Dank gerechnet. Nicht damit, dass sie gerade diesen Teil hervorheben würde.
„Es war keine Gefälligkeit“, sagte ich. „Die Mission passt zu euch.“
„Ich weiß.“
Sie hielt die Klinke in der Hand und sah mich einen Moment lang an. Ihr Lächeln wurde ein wenig weicher.
„Und gerade deshalb bedeutet es mir etwas.“
Dann nickte sie mir zu und ging.
Die Tür schloss sich leise hinter ihr.
Ich blieb stehen und sah auf die Stelle, an der sie eben noch gestanden hatte. Erst nach einigen Sekunden kehrte ich zu meinem Schreibtisch zurück und ließ mich in meinen Sessel sinken.
Der nächste Bericht lag bereits bereit.
Ich nahm ihn auf, überflog die ersten Zeilen und versuchte, mich auf die Zahlen zu konzentrieren.
Draußen wurde es allmählich dunkel. Durch die Wand drangen gedämpfte Stimmen aus dem Flur, irgendwo schlug eine Tür zu.
Ich las dieselbe Zeile dreimal.
Dann legte ich den Bericht beiseite.
Offenbar würde ich heute länger brauchen als üblich.