*NEU* - ein leerer Platz (Gaaras Sicht)
*NEU* - ein leerer Platz (Gaaras Sicht)
Die Ratssitzung zog sich länger, als sie hätte dauern müssen.
Es ging um die Steuereinnahmen, wie fast immer am Anfang eines Monats, und um die Frage, wer die Kosten für die Ausbesserung der nördlichen Zisternen tragen sollte. Ich hörte zu, stellte die nötigen Fragen und traf am Ende die Entscheidung, die ohnehin schon festgestanden hatte.
Als sich die Ältesten schließlich erhoben und der Raum sich leerte, lehnte ich mich einen Augenblick zurück und atmete aus.
Ich ließ meine Unterlagen von einem Assistenten in mein Büro bringen und machte mich auf den Weg nach unten.
Seit mehreren Wochen frühstückte ich wieder in der Kantine. Nicht jeden Tag, aber an den meisten. Anfangs hatte ich mir eingeredet, es sei vernünftig, regelmäßig zu essen. Inzwischen fragte ich nicht mehr nach dem Grund.
Auf der Treppe bemerkte ich, dass ich schneller ging als nötig. Ich hielt kurz inne und verlangsamte meinen Schritt. Es gab keinen Grund zur Eile.
Der Geruch von Tee und geröstetem Sesam kam mir schon im Flur entgegen, begleitet vom vertrauten Stimmengewirr. Ich bog um die Ecke und ließ den Blick über die Tische wandern.
Temari saß an der Fensterseite und hielt ihre Teetasse mit beiden Händen. Ihr gegenüber saß Kankurō, bereits bei der zweiten Schale Nudeln. Er redete mit vollem Mund auf sie ein, während sie ihm mit einem Gesichtsausdruck zuhörte, der deutlich machte, dass sie seine Geschichte bereits kannte und trotzdem nicht vorhatte, ihn zu unterbrechen.
Neben Temari war ein Platz frei.
Ich blieb stehen.
Einen Herzschlag lang verstand ich nicht, warum er leer war. Dann fiel es mir ein, so plötzlich, als hätte mir jemand die Information in die Hand gedrückt.
Die Mission. Der nördliche Grenzpass.
Amaya war gestern früh am Osttor aufgebrochen, mit ihren fünf Genin und sieben Zivilisten im Schlepptau. Vermutlich war sie in diesem Augenblick irgendwo zwischen den Dünen unterwegs, wo die Morgensonne gerade erst begann, die Hitze über den Sand zu treiben.
Ich hatte ihr den Auftrag selbst gegeben. Ich hatte ihr die Karte gezeigt und den Abreisetermin genannt.
Und trotzdem hatte ich erwartet, sie dort sitzen zu sehen, mit einer Tasse in der Hand und diesem warmen Lächeln, das sie mir schon von Weitem zuwarf.
Es war ein merkwürdiges Gefühl, etwas Selbstverständliches zu vermissen, von dem ich nicht gewusst hatte, dass es selbstverständlich geworden war.
„Gaara?“
Temaris Stimme holte mich aus meinen Gedanken.
Sie hatte mich entdeckt und winkte mir zu. Kankurō folgte ihrem Blick. Als er mich bemerkte, hob auch er die Hand und bedeutete mir mit einer übertrieben einladenden Bewegung, zu ihnen zu kommen.
Ich seufzte und ging zu ihnen.
„Na endlich. Wir dachten schon, du hättest dich wieder in deinem Büro eingeschlossen“, platzte mein Bruder wie immer sofort heraus.
„Die Ratssitzung hat länger gedauert.“
„Überraschend“, murmelte Kankurō. „Eine Sitzung, die länger dauert als geplant. Das habe ich ja noch nie erlebt.“
Temari stieß ihn mit dem Fuß an. „Iss einfach.“
„Ich esse doch.“
Ich holte mir eine Schale und setzte mich Temari gegenüber, nicht auf den freien Platz neben ihr. Der gehörte Amaya. Wir vier hatten inzwischen eine feste Sitzordnung, und nur weil sie fort war, musste ich daran nichts ändern.
Temari musterte mich einen Moment, bevor sie einen Schluck Tee nahm.
Kankurō dagegen machte sich nicht einmal die Mühe, seine Neugier zu verbergen. Er legte die Stäbchen beiseite und beugte sich zu mir herüber.
„Du siehst ja begeistert aus, uns zu sehen“, bemerkte er. „Was ist los, Bruderherz?“
„Nichts ist los“, antwortete ich prompt.
„Ach, wirklich?“ Er lehnte sich zurück und grinste. „Dann starrst du also aus rein beruflichem Interesse auf einen leeren Stuhl.“
„Ich habe nur nachgedacht.“
„Über was denn?“
Ich wandte mich meiner Schale zu und nahm die Stäbchen auf. Der Reis war warm, das Rindfleisch gut gewürzt. Ich schmeckte nichts davon.
Ich spürte Temaris Blick auf mir. Sie hatte ihre Tasse abgestellt und betrachtete mich aufmerksam.
„Gaara?“
Ich wandte mich ihr zu. „Ja?“
„Du musst nicht so tun, als wäre es dir egal, dass sie weg ist.“
Kankurō hörte auf zu essen.
Ich sah Temari an. „Ich tue nicht so.“
„Gut.“ Sie nahm ihre Tasse wieder auf.
„Ich habe nicht erwartet, dass sie hier ist. Ich weiß, dass sie gestern aufgebrochen ist“, ergänzte ich.
„Das ist nicht dasselbe“, sagte Temari.
Ich erwiderte ihren Blick. Sie sah mich mit derselben Ruhe an wie früher, wenn sie längst verstanden hatte, was in mir vorging, und darauf wartete, dass ich es selbst begriff.
„Sie wird in zehn Tagen wieder da sein“, fügte sie hinzu. „Du hast ihr die Mission gegeben.“
„Das ist mir bekannt.“
„Also, ich vermisse sie nicht, falls mich jemand fragt“, warf Kankurō ein und griff wieder nach seinen Stäbchen.
Temari drehte langsam den Kopf zu ihm. „Du musstest extra noch einmal aufstehen und dir Sushi holen, weil Amaya sich immer mehr nimmt, damit du ihr etwas davon klauen kannst.“
„Waaas?“ Kankurō starrte sie entsetzt an. „Das heißt, ich klaue gar nichts von ihr, sondern sie füttert mich an wie einen kleinen Hund?“
Ein Lachen entwich mir, bevor ich es unterdrücken konnte.
Amaya kannte ihn gut. Besser, als er sich selbst zu kennen glaubte.
„Lach nicht“, sagte Temari prompt. „Wer von uns beiden ist denn derjenige, dem sie Essen gebracht hat und der dadurch wieder hier mit uns frühstückt?“
„Ich frühstücke gerne mit euch!“
Die Worte kamen schneller heraus, als ich beabsichtigt hatte.
Kankurō blinzelte. Temari sah von mir auf.
Für einen kurzen Moment sagte keiner von beiden etwas.
Dann schüttelte Temari belustigt den Kopf, und ihre Mundwinkel hoben sich.
„Das wissen wir“, sagte sie leise.
Ich wandte mich wieder meiner Schale zu. Es war unnötig gewesen, mich so hastig zu rechtfertigen. Schließlich saß ich hier, weil ich es wollte. Nicht nur, weil Amaya mich daran erinnert hatte, dass regelmäßige Mahlzeiten sinnvoll waren.
„Ist es nicht seltsam?“, sagte Temari nach einer Weile und stellte ihre Tasse ab. „Wie selbstverständlich sie inzwischen zu uns gehört. Dabei kennen wir sie erst seit ein paar Monaten.“
Kankurō hielt mitten im Kauen inne.
„Das fällt dir jetzt auf?“
„Mir fällt es nicht jetzt auf. Ich sage es jetzt.“ Temari sah erst ihn und dann mich an. „Wir drei haben Jahre gebraucht, bis wir wieder vernünftig zusammen frühstücken konnten.“
Ihre Stimme klang ruhig, doch in ihrem Blick lag etwas Nachdenkliches.
„Als wir Kinder waren, habe ich ständig versucht, euch beide an einen Tisch zu bekommen. Vater war meistens schon bei der Arbeit, und wenn wir uns überhaupt alle gesehen haben, dann oft beim Frühstück. Kankurō hat geredet, ich habe mich über ihn beschwert, und du …“ Sie hielt kurz inne und sah mich an. „Du hast meistens geschwiegen.“
Ich senkte den Blick.
Ich erinnerte mich an diese Morgen. An die Streitereien, die manchmal wegen einer Kleinigkeit begonnen hatten. An Temaris Versuche, uns zusammenzuhalten, obwohl sie selbst noch ein Kind gewesen war. Und an die Stille, die sich über den Tisch gelegt hatte, sobald ich den Kopf hob.
Damals hatte sie versucht, uns an einen Tisch zu bringen. Aber gemeinsam dort zu sitzen, bedeutete nicht, dass wir uns nahe gewesen waren.
„Es war nicht einfach“, sagte Temari leiser. „Wir hatten alle unsere Gründe, uns voneinander fernzuhalten. Und irgendwann haben wir uns so sehr daran gewöhnt, dass wir gar nicht mehr versucht haben, etwas daran zu ändern.“
Kankurō spielte mit seinen Stäbchen. Für einen Moment machte er keinen Scherz.
„Vielleicht liegt es nicht an der Zeit“, sagte ich schließlich.
Temari sah mich an. „Sondern?“
Ich dachte kurz darüber nach, wie ich es ausdrücken sollte.
„An der Art, wie sie ist.“ Ich suchte nach den richtigen Worten. „Sie erwartet nichts von einem. Sie ist einfach da, und man merkt erst später, dass man sich daran gewöhnt hat.“
Kankurō hob eine Augenbraue.
„Das war ziemlich viel für einen Mann, der gerade behauptet hat, nichts zu vermissen.“
Er zwinkerte mir zu.
„Ich habe nichts behauptet.“
„Eben deshalb.“
Temari gluckste. Ich nahm meine Stäbchen wieder auf und beschloss, ihm keinen weiteren Anhaltspunkt zu geben.
„Mir geht es genauso“, sagte sie etwas später. Ihr Lächeln war inzwischen nachdenklicher geworden. „Ich bin die Letzte, die Fremden schnell vertraut. Aber bei ihr war es einfach. Ich habe es nicht einmal bemerkt.“
„Vielleicht, weil sie selbst nie wollte, dass man es bemerkt“, murmelte Kankurō.
Das saß. Keiner von uns widersprach.
Amaya drängte sich nicht auf. Sie versuchte nicht, uns zu verändern oder uns zu etwas zu bewegen, wozu wir nicht bereit waren. Sie war da, wenn man sie brauchte, und ließ einem ansonsten den Freiraum, den man wollte. Vielleicht war es genau das, was es so leicht machte, sie in unserer Nähe zu haben.
„Außerdem ist sie die Einzige, die Gaara dazu gebracht hat, regelmäßig zu essen“, fügte Kankurō hinzu. „Das allein reicht, um in die Familie aufgenommen zu werden.“
„Das ist kein Aufnahmekriterium“, sagte ich.
„Es sollte eins werden. Wer es schafft, mit dir klarzukommen, hat Talent.“
Ich sagte nichts dazu. Es war besser so.
Kankurō schien das als seinen persönlichen Sieg zu betrachten und wandte sich wieder Temari zu.
Mein Blick fiel irgendwann wieder auf den freien Platz neben Temari.
Sie hatte recht. Amaya gehörte inzwischen so selbstverständlich dazu, dass ihre Abwesenheit mir erst bewusst machte, wie viel sie in unseren Alltag eingebracht hatte. Ihre kurzen Kommentare. Ihre trockenen Bemerkungen, wenn Kankurō übertrieb. Die Art, wie sie und Temari manchmal nur Blicke austauschten und sich verstanden, ohne ein Wort sagen zu müssen. Und ihr Lachen, das ich selbst aus all den anderen Stimmen heraushören würde.
Ich hatte mich an diese Kleinigkeiten gewöhnt, ohne es zu bemerken.
„Ich frage mich“, sagte Kankurō und stocherte in seinem Reis, „wenn wir jetzt schon nicht mehr richtig zu dritt klarkommen, wie das in einem halben Jahr aussehen wird, wenn sie wieder nach Konoha geht.“
Temari hielt beim stapelten ihr Geschirrs inne. „Du musst das nicht ausgerechnet jetzt ansprechen.“
„Irgendjemand muss es. Ihr denkt doch auch daran.“
Ich sagte nichts. Den Gedanken hatte ich bisher nie bewusst zu Ende gedacht. Natürlich wusste ich, dass Amayas Aufenthalt in Suna zeitlich begrenzt war. Es war von Anfang an so vereinbart gewesen. Trotzdem hatte ich mich bislang auf die Aufgaben konzentriert, die vor uns lagen, statt auf den Tag, an dem sie wieder abreisen würde.
„Sie hat einen Vertrag mit Suna“, sagte ich schließlich. „Ein Jahr. So haben Tsunade und ich es vereinbart.“
„Das heißt nicht, dass sie gehen will“, erwiderte Temari.
„Es heißt auch nicht, dass sie bleiben will“, entgegnete ich.
„Hast du sie gefragt?“
„Nein.“
„Natürlich nicht“, murmelte Kankurō.
Ich überging die Bemerkung.
„Sie hat ihr Leben in Konoha“, fuhr ich fort. „Ihre Wohnung, ihre Freunde. Naruto. Sie spricht oft von ihm.“
„Sie spricht auch oft von Suna“, sagte Temari. „Von ihren Schülern, dem Wetter hier und dem guten Essen. Ist dir eigentlich aufgefallen, dass sie manchmal von uns spricht, wenn sie Suna meint?“
Ich sah sie an.
Das war mir nicht aufgefallen. Oder ich hatte es bemerkt und nicht zugelassen, dass es für mich eine Bedeutung bekam.
„Außerdem ihre Truppe“, warf Kankurō ein. „Die fünf hängen an ihr. Wenn sie in einem halben Jahr einfach verschwindet, fangen die wieder bei null an. Das kann Tsunade doch nicht wollen.“
„Tsunade möchte, dass Suna Jōnin ausbildet“, sagte ich. „Danach hat sie Amaya wieder für Konoha eingeplant.“
„Pläne ändern sich“, versuchte mein Bruder den Allwissenden zu spielen.
„Nicht ohne Grund.“
„Dann geben wir ihr einen“, sagte Temari.
Ich wandte mich ihr zu. Sie hielt meinem Blick ruhig stand, die Hände flach auf den Tisch gelegt. In ihrer Stimme lag keine Neckerei mehr.
„Ich glaube, sie würde bleiben“, sagte sie. „Aber sie wird es nicht von sich aus sagen. Du kennst sie. Sie ist sehr verantwortungsbewusst und zuverlässig. Sie würde Konoha nicht einfach so den Rücken zukehren.“
„Oder sie traut sich nicht, es sich überhaupt zu wünschen“, ergänzte Kankurō. Ausnahmsweise klang er nicht scherzhaft. „Manchmal sieht sie aus, als wäre sie überall nur zu Gast.“
Niemand widersprach.
Ich dachte an die Mauer, an den Abend, an dem sie mir von ihrem Schwerttanz erzählt hatte. An ihre Worte darüber, dass sie nie wirklich irgendwo zu Hause gewesen war.
Damals hatte ich verstanden, dass hinter ihrer Unabhängigkeit mehr steckte als bloße Gewohnheit. Sie hatte gelernt, allein zurechtzukommen, und machte selten den Eindruck, etwas von anderen zu erwarten. Vielleicht war es deshalb so leicht, zu übersehen, dass auch sie sich wünschen könnte, irgendwo bleiben zu dürfen.
„Ihr habt recht, dass es ihre Entscheidung sein muss“, sagte ich langsam. „Ich werde sie nicht drängen.“
„Niemand will, dass du sie drängst“, sagte Temari. „Aber du könntest dafür sorgen, dass sie überhaupt eine Wahl hat.“
Sie beugte sich ein Stück vor.
„Sprich mit Tsunade, Gaara. Nicht sofort und nicht, als würdest du etwas fordern. Frag einfach, ob eine Verlängerung des Vertrags möglich wäre. Dann hat Amaya, wenn der Zeitpunkt kommt, die Wahl.“
Ich ließ den Vorschlag einen Moment auf mich wirken.
Eine Verlängerung wäre organisatorisch möglich. Ihre Arbeit mit den Genin verlief gut, und ihre Fähigkeiten waren für Suna von großem Nutzen. Es gab sachliche Gründe, sie länger hierzubehalten, sofern Konoha zustimmte.
Doch keiner dieser Gründe beantwortete die Frage, die ich mir bisher nicht gestellt hatte: Wollte ich, dass sie blieb, weil es für Suna sinnvoll war, oder weil ich mich an ihre Anwesenheit gewöhnt hatte?
„Und wenn sie Nein sagt?“, fragte ich.
„Dann sagt sie Nein“, erwiderte Temari. „Aber dann hat sie es wenigstens selbst entschieden.“
Ich sah auf meine Schale, in der der Reis längst kalt geworden war.
Es war vernünftig. Sachlich. Ein Vorschlag, den ich auch aus dem Mund von Baki ohne Weiteres akzeptiert hätte.
Und doch wog er schwerer als jeder andere.
Denn solange ich nichts unternahm, blieb alles so, wie es vereinbart worden war. Amaya würde ihre Missionen erfüllen, ihre Genin ausbilden und irgendwann nach Konoha zurückkehren. Ich konnte mich auf die Abmachung berufen und so tun, als hätte ich mit dieser Entscheidung nichts zu tun.
Aber das wäre nicht ganz ehrlich gewesen.
„Ich denke darüber nach“, sagte ich.
„Das heißt ja“, stellte Kankurō fest.
„Das heißt, ich denke darüber nach.“
„Das heißt ja.“
Temari lächelte in ihre Tasse und sagte nichts mehr.
Der Rest des Frühstücks verlief ruhiger. Wir sprachen über die anstehenden Aufgaben des Tages, über eine Lieferung, die sich verzögert hatte, und über Temaris bevorstehende diplomatische Reise für Suna. Kankurō versprach, später bei den Vorbereitungen vorbeizusehen.
Ich hörte zu und antwortete, wo es nötig war.
Als ich schließlich aufstand, um mein Tablett wegzubringen, fiel mein Blick noch einmal auf ihren Platz.
„Wir sehen uns später“, sagte ich.
„Bis später“, erwiderte Temari.
Kankurō hob zum Abschied seine Stäbchen.
Ich brachte mein Tablett weg und verließ die Kantine, ohne mich noch einmal umzudrehen.
Erst in meinem Büro, hinter geschlossener Tür, fiel mir auf, dass ich meine Schale kaum angerührt hatte.
Ich setzte mich an den Schreibtisch und zog den ersten Bericht heran. Die Schrift vor mir war klar, die Zahlen waren ordentlich aufgelistet, und die Entscheidung, die ich treffen musste, war nicht kompliziert.
Ich las den ersten Absatz.
Dann begann ich von vorn.
Der leere Platz in der Kantine war nur ein Stuhl. Amaya würde zurückkehren, und bis dahin würde sich an meinem Alltag nichts Wesentliches ändern.
Ich nahm den Bericht wieder auf.
Diesmal zwang ich mich, bis zum Ende zu lesen.
Danach arbeitete ich die nächsten Unterlagen durch. Ich prüfte Zahlen, setzte Unterschriften und gab Anweisungen weiter. Meine Aufgaben duldeten keine Nachlässigkeit, und ich hatte gelernt, persönliche Gedanken von meinen Pflichten zu trennen.
Normalerweise gelang mir das ohne Schwierigkeiten.
Heute brauchte ich für jede Entscheidung länger als nötig.
Immer wieder kehrte ich zu dem Gespräch beim Frühstück zurück. Zu Temaris Vorschlag, mit Tsunade über eine Verlängerung von Amayas Vertrag zu sprechen.
Ich hatte gesagt, ich würde darüber nachdenken. Das war keine Zusage gewesen. Trotzdem hatte ich den Gedanken seitdem nicht mehr losgelassen.
Ein sieben Monate war keine lange Zeit. Zumindest nicht für jemanden, der gewohnt war, in Jahren zu planen und Entscheidungen nach ihren langfristigen Folgen zu beurteilen. Doch diesmal ließ sich die Frage nicht allein mit einer Aufstellung von Vor- und Nachteilen beantworten.
Amaya hatte ein Leben in Konoha. Menschen, die ihr wichtig waren, und einen Ort, an den sie zurückkehren konnte. Ich durfte nicht voraussetzen, dass sie Suna einem Leben vorzog, das sie bereits kannte. Noch weniger durfte ich aus ihrer Vertrautheit mit uns ableiten, dass sie bleiben wollte.
Aber ich konnte dafür sorgen, dass sie die Möglichkeit dazu hatte.
Eine Vertragsverlängerung würde sie zu nichts verpflichten. Sie würde lediglich verhindern, dass ihre Rückkehr nach Konoha bereits feststand, bevor sie überhaupt Gelegenheit gehabt hatte, sich anders zu entscheiden.
Das war ein vernünftiger Schritt. Ein organisatorischer Schritt, der sich rechtzeitig vorbereiten ließ.
Zumindest war das die Erklärung, auf die ich mich zunächst konzentrierte.
Ich schob den letzten Bericht beiseite und blickte zum Fenster.
Draußen ging der Alltag in Suna seinen gewohnten Gang. Händler zogen karren durch die Straße, Shinobi eilten zu ihren Aufträgen, und irgendwo in der Wüste reisten fünf Genin mit ihrem Sensei zum Nordpass.
Ich fragte mich, ob es ihnen gut ging. Ob die Reise bisher reibungslos verlief.
Ich brach den Gedanken ab. Es gab keinen Grund anzunehmen, dass etwas nicht in Ordnung war. Amaya war fähig, ihre Mission zu führen, und ich vertraute ihr.
Gerade deshalb musste ich ihr auch zutrauen, selbst zu entscheiden, wo sie leben wollte.
Mein Blick wanderte zurück zu den Unterlagen auf meinem Schreibtisch. Ich hätte weiterarbeiten können. Es gab genügend Berichte, die noch geprüft werden mussten, und mehrere Entscheidungen, die nicht bis zum nächsten Tag warten sollten.
Stattdessen zog ich eine freie Mappe aus der Schublade und legte sie beiseite.
Ich würde Tsunade schreiben. Nicht, um Amaya zurückzuhalten, und auch nicht, um eine Entscheidung für sie vorzubereiten. Ich wollte lediglich klären, ob eine Verlängerung ihres Vertrags grundsätzlich möglich war. Wenn Amaya später darüber nachdenken wollte, sollte sie eine echte Wahl haben.
Und wenn sie sich für Konoha entschied, würde ich das akzeptieren müssen.
Der Gedanke gefiel mir weniger, als er sollte. Ich nahm das zur Kenntnis, ohne weiter darauf einzugehen.
Dann griff ich nach dem Briefpapier.
Eine Weile blieb meine Hand über dem leeren Blatt liegen. Ich wusste, was ich schreiben wollte. Trotzdem fiel es mir schwer, den ersten Satz zu formulieren.
Schließlich setzte ich den Stift an.
Als ich den Brief beendet hatte, las ich ihn noch einmal sorgfältig durch. Er war klar, höflich und ließ Tsunade genügend Raum, die Anfrage zu prüfen.
Es war nur ein Brief. Noch keine Entscheidung, nicht einmal eine Zusage. Amaya würde davon nichts erfahren müssen, solange ich nicht wusste, ob eine Verlängerung überhaupt infrage kam.
Trotzdem hatte sich etwas verändert.
Zum ersten Mal hatte ich nicht nur darüber nachgedacht, was geschehen würde, wenn Amaya Suna wieder verließ. Ich hatte einen Schritt unternommen, damit sie selbst entscheiden konnte, ob sie bleiben wollte.
Ob sie sich dafür entscheiden würde, lag nicht bei mir.
Aber die Möglichkeit sollte es geben.