Sternenhimmel (Amayas Sicht)
Sternenhimmel (Amayas Sicht)
Ich saß ausgestreckt auf der Stadtmauer, die Beine über der Kante, den Kopf in den Nacken gelegt und den Blick auf den Sternenhimmel gerichtet. Neben mir lag eine kleine Tüte mit Keksen, die ich am Nachmittag in einem Laden um die Ecke entdeckt hatte.
Ich steckte mir gerade den nächsten in den Mund, als ich Schritte hinter mir hörte.
Gaara kam über die Mauer auf mich zu, langsamer als sonst, als hätte ihm der Tag die letzte Kraft geraubt.
„Du bist spät dran“, warf ich ihm vor, ohne es wirklich ernst zu meinen.
„Die Ratssitzung hat länger gedauert.“
Kein Konter. Das allein verriet mir schon einiges darüber, wie sein Tag gelaufen war.
Er setzte sich neben mich, ein Stück näher als gewöhnlich. Dabei ließ er sich beinahe fallen, statt sich wie sonst kontrolliert niederzulassen. Ich hielt ihm die Tüte hin, ohne zu fragen.
Er blickte hinein, sichtlich unschlüssig. „Was ist das?“
„Irgendein Snack, den ich heute entdeckt habe. Keine Ahnung, wie er heißt.“
„Du hast etwas gekauft, ohne zu wissen, was es ist?“
„Es sah gut aus.“
Er nahm trotzdem einen Keks heraus, betrachtete ihn kurz und biss hinein. Dann kaute er, ohne eine Miene zu verziehen.
„Und?“
„Essbar“, urteilte er zwischen zwei Bissen.
„Das ist deine ganze Bewertung?“
„Wie fällt deine aus?“
Ich betrachtete den Keks in meiner Hand. „Also, ich habe schon bessere gegessen.“
„Dann würdest du deinen Kauf selbst als Fehler bezeichnen?“
„Auf gar keinen Fall. Und du hast dir gerade einen zweiten genommen. So schlecht können sie also nicht sein.“
Er sah mich an und zuckte mit den Schultern. „Ich hatte Hunger.“
Ich schnaubte und schüttelte den Kopf. Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte ich vermutet, mein Kage wäre heute tatsächlich zum Scherzen aufgelegt.
Ich griff wieder in die Tüte.
„Wie war dein Tag?“, fragte ich diesmal aus ehrlichem Interesse und nicht bloß, um das Schweigen zu füllen.
Er ließ sich mit der Antwort einen Moment Zeit. „Lang. Zwei Sitzungen, eine Besprechung mit den Handelsleuten aus dem Norden. Danach die Berichte zur Wasserversorgung.“ Er machte eine kurze Pause. „Und dann habe ich mich gefragt, ob du noch hier oben bist, auch wenn ich spät dran bin.“
Ich sah ihn von der Seite an.
„Ich hatte fast schon nicht mehr damit gerechnet, dich heute noch zu sehen.“
Ich wusste, wie viel er als Kazekage zu erledigen hatte. Dass wir überhaupt so regelmäßig hier oben zusammensaßen, war keine Selbstverständlichkeit. Vielleicht schätzte ich diese Abende gerade deshalb so sehr.
„Ich war mir selbst nicht sicher, ob ich es noch schaffe.“ Er seufzte und stützte das Kinn in die Hand. „Im Moment bin ich mir nicht einmal sicher, ob ich den letzten Bericht unterschrieben habe.“
Ich musste lachen. „Das klingt für dich als Kazekage nicht besonders beruhigend.“
„Es war ein langer Tag.“
„Das merkt man.“ Ich reichte ihm die Tüte erneut, diesmal eher aus Gewohnheit als aus Überlegung. „Falls es dich tröstet: Notfalls unterschreibst du ihn morgen noch einmal. Zweimal unterschrieben hat schließlich noch niemandem geschadet.“
„Das würde Baki vermutlich anders sehen.“ Er griff in die Tüte.
„Baki sieht vieles anders.“
Ein kleines, müdes Schnauben, kein richtiges Lachen, aber nah dran.
„Und wie war dein Tag?“, fragte er.
„Meiner...“, holte ich aus, „war anstrengend. Aber auf die gute Art."
„Die gute Art?", fragte er nach und drehte den Kopf zu mir.
Ich lehnte mich ein Stück zurück und richtete den Blick auf die Dünen, die sich im schwachen Sternenlicht kaum noch von der Dunkelheit abhoben.
„Rika und Yuki haben sich heute zum ersten Mal wirklich aufeinander abgestimmt. Nicht nur nebeneinander gekämpft, sondern tatsächlich zusammen.“ Ich musste lächeln bei der Erinnerung. „Rika hatte Roku und Hinaka mit ihrem Wasserjutsu abgelenkt, und noch bevor ich überhaupt sagen konnte, dass Yuki den Moment nutzen sollte, war sie schon da. Als hätten sie es geübt."
„Was denkst du woran das lag?"
Ich zuckte mit den Schultern, konnte den Stolz aber nicht ganz aus meiner Stimme heraushalten. „Ich glaube, das war einfach Vertrauen. Das kann man nicht trainieren, das muss wachsen."
Gaara nickte, während er einen Keks zwischen den Fingern drehte, ohne hineinzubeißen.
„Und die anderen?"
„Hinaka hat ihren Feuerstrahl mittlerweile tatsächlich unter Kontrolle. Kein Stamm musste heute dran glauben.“ Ich grinste. „Sie war fast enttäuscht, dass es diesmal nichts zu retten gab.“
Ein leises Lachen entkam ihm, kaum mehr als ein Ausatmen.
„Das klingt nach einer Verbesserung."
„Definitiv.“ Ich zog die Knie an und schlang meine Armen darum. „Und Tako..." Ich hielt kurz inne, um die richtigen Worte zu finden. „Beim Schwerttraining heute hat er wieder viel zu früh frontal angegriffen.“
Ich schüttelte den Kopf. Schon bei der Erinnerung musste ich wieder grinsen.
„Ich hatte ihm gesagt, er soll warten, bis sein Gegner die Deckung öffnet. Stattdessen ist er einfach losgestürmt. Mitten in die Reichweite der offenen Klinge.“
„Ist ihm etwas passiert?" Gaaras Stimme klang sofort besorgt.
Ich schüttelte den Kopf.
„Ich musste ihn zur Seite treten. Ein blauer Fleck an der Rippe, mehr nicht. Aber das war noch nicht einmal das Interessanteste.“ Ich lachte leise. „Als ich ihn danach gefragt habe, warum er nicht gewartet hatte, behauptete er steif und fest, das sei vollkommen beabsichtigt gewesen. Eine Taktik, um seinen Gegner in falscher Sicherheit zu wiegen.“
Gaaras Mundwinkel zuckten.
„War es das?"
„Natürlich nicht." Ich grinste breiter. „Aber er hat es mit einem so ernsten Gesicht gesagt, dass ich fast versucht war, ihm zu glauben. Fast.“
„Er hat wenigstens Selbstbewusstsein."
„Das auf jeden Fall." Ich seufzte, aber es war ein zufriedenes Seufzen. „Er ist stur. Manchmal zu stur für sein eigenes Wohl. Aber er lernt schnell, sobald er einsieht, dass etwas nicht funktioniert. Das größere Problem ist, ihn überhaupt so weit zu bringen.“
Gaara schien einen Moment darüber nachzudenken. Sein Blick ruhte auf den Dünen, bevor er sich wieder mir zuwandte.
„Hat er den Fehler wiederholt?“
Ich lächelte. Es überraschte mich, wie genau er zugehört hatte, obwohl er sich bisher mit Kommentaren zurückgehalten hatte.
„Zweimal", gab ich zu. „Beim dritten Mal hat er dann tatsächlich gewartet. Lieber kassiert er blaue Flecken, als gleich auf mich zu hören."
„Ehrgeiz."
„Viel davon." Ich nahm einen weiteren Keks, betrachtete ihn einen Moment, bevor ich hineinbiss. „Manchmal erinnert er mich an mich selbst in dem Alter. Zu stolz, um zuzugeben, dass meine eigene Vorgehensweise vielleicht nicht die beste ist.“
„Das kann ich mir schwer vorstellen“, sagte Gaara. Ein Hauch Ironie lag in seiner Stimme, den ich inzwischen gut genug kannte, um ihn zu erkennen.
„Sehr witzig.“ Ich funkelte ihn böse an.
Er erwiderte nichts. Stattdessen breitete sich dieses kleine, zufriedene Schweigen zwischen uns aus, das ich mittlerweile fast genauso gern mochte wie unsere Gespräche.
Der Wind strich sanft über die Mauer. Zwischen uns wurde die Tüte mit den Keksen langsam leer.
Plötzlich grinste Gaara.
„Kankurō hat heute versucht, das Budget für die Puppenwerkstatt zu erhöhen“, erzählte er.
Ich hielt inne, den Keks halb auf dem Weg zum Mund.
„Und hast du es ihm bewilligt?“
„Er soll mir erst einen vollständigen Kostenplan vorlegen, aus dem hervorgeht, wofür das Geld verwendet werden soll.“
„Vernünftig. Kankurō würde das Geld wahrscheinlich in all seine spontanen Ideen stecken, und am Ende passt nichts zusammen.“
„Du kennst ihn gut.“
„Stell dir vor. Ich kenne euch drei inzwischen seit sechs Monaten.“
„Sechs Monate“, wiederholte Gaara beinahe überrascht, als müsste er die Zeit erst im Kopf nachrechnen.
„Die Hälfte meiner Vertragszeit“, fügte ich hinzu und warf einen kleinen Stein von der Mauer. Er verschwand irgendwo in der Dunkelheit.
Das halbe Jahr war schneller vergangen, als ich erwartet hatte. Selbst manche Monate in Konoha hatten sich länger angefühlt. Vielleicht lag es daran, dass ich hier mit den Chūnin und meinen Genin alle Hände voll zu tun hatte. Die Tage waren selten langweilig, und wenn ich abends auf der Mauer saß, fragte ich mich manchmal, wo die Zeit geblieben war.
„Für mich fühlt es sich länger an“, sagte Gaara ruhig.
Er stützte sich mit den Unterarmen nach hinten ab und blickte wieder in den Sternenhimmel.
Ich drehte den Kopf zu ihm. „Wie das?“
Er zuckte leicht mit einer Schulter. Bei einem anderen Menschen hätte ich die Geste vielleicht als Ratlosigkeit gedeutet. Bei Gaara war sie beinahe schon eine Seltenheit.
„Weil man sich schnell an Dinge gewöhnt.“
„An Dinge?“
Er wandte den Blick zu mir. In seinen Augen lag etwas, das ich nicht ganz einordnen konnte.
„An Menschen.“
Für einen Moment wusste ich nicht, was ich darauf sagen sollte.
Leider hatte er damit nicht ganz unrecht. Ich hatte mich an Suna gewöhnt. An Temaris direkte Art, an Kankurōs ständige Sprüche und daran, dass Gaara abends manchmal trotz eines endlos langen Arbeitstages hier oben auftauchte. Auch meine kleine Truppe war mir längst ans Herz gewachsen.
Und vielleicht war genau das der Haken.
Hatte Tsunade gewusst, dass es mir hier gefallen würde? Hatte sie deshalb zugestimmt, mich für ein Jahr nach Suna zu schicken? Oder hatte sie einfach eine Gelegenheit gesehen, die ich nutzen sollte?
Ich wusste es nicht. Und im Moment wollte ich auch nicht zu lange darüber nachdenken.
Ich streckte die Beine wieder aus und lehnte mich zurück, diesmal ein wenig zu Gaara gedreht.
„Es ist schön, euch zu kennen“, sagte ich. „Dich, Temari und Kankurō. Dadurch fühlt sich Suna für mich nicht mehr ganz so fremd an.“
Ich sah zu ihm hinüber und versuchte, seinen Blick einzufangen.
Doch Gaara schaute schweigend in die Ferne. Sein Gesicht verriet kaum etwas.
Vielleicht hatte er mich gehört und wusste nur nicht, was er darauf sagen sollte. Vielleicht war er einfach müde.
Trotzdem hatte ich für einen kurzen Moment gehofft, dass er etwas erwidern würde. Irgendetwas.
Ich wandte den Blick wieder der Wüste zu.
Na schön. Nicht jeder Satz brauchte eine Antwort.
Trotzdem hätte ich mir eine gewünscht.
„Gibt es etwas, das dir hier in Suna noch fehlt? Etwas, das dir helfen würde, dich mehr zu Hause zu fühlen?“, fragte er plötzlich.
Die Frage überraschte mich. Ich hatte nie wirklich darüber nachgedacht, ob mir in Suna etwas fehlte. Mein Vater kam mir als Erstes in den Sinn, aber das war nichts, was ich hier finden oder mir von irgendjemandem geben lassen konnte.
„Nichts, das man mir einfach geben könnte“, sagte ich schließlich. „Es ist nicht so, als würde mir ein bestimmter Gegenstand fehlen oder ein Ort, den es hier nicht gibt.“
„Was dann?“ Seine blauen Augen ruhten auf mir.
Ich zog die Beine ein wenig an und überlegte.
„Ich glaube …“ Ich suchte nach den richtigen Worten. „Es fühlt sich immer noch an wie geliehene Zeit. Ich bin hier, weil Tsunade es so entschieden hat, nicht, weil ich mich selbst bewusst dafür entschieden habe.“ Ich hielt kurz inne. „Manchmal habe ich das Gefühl, auf etwas warten zu müssen. Auf etwas, das mich irgendwann finden wird. Aber gleichzeitig kann ich nicht einfach stehen bleiben und darauf warten. Ich muss weitermachen, sonst verpasse ich es vielleicht.“
Gaara schwieg. Sein Blick lag nachdenklich auf mir, doch er unterbrach mich nicht.
„Und wenn du nicht mehr warten müsstest?“, fragte er schließlich.
Ich sah ihn an. Die Frage klang schlicht, aber sie traf einen Punkt, über den ich bisher lieber nicht allzu lange nachgedacht hatte.
„Dann müsste ich mir zum ersten Mal wirklich überlegen, ob ich bleiben will.“ Ich ließ den Blick kurz über die dunklen Dünen schweifen. „Nicht, weil ich muss. Sondern weil ich es selbst möchte.“
Gaara nickte langsam. Er sah mich weiterhin an, und irgendetwas an seiner Haltung veränderte sich kaum merklich. Als hätte er meine Antwort ernst genommen und würde sie nicht so schnell wieder vergessen.
„Vielleicht lässt sich daran etwas ändern“, sagte er schließlich. Seine Stimme klang ruhig, beinahe sachlich. „Verträge lassen sich verhandeln.“
Ich blinzelte und sah ihn überrascht an. Er sagte das so selbstverständlich, als wäre es tatsächlich eine Möglichkeit, über die man einfach sprechen konnte. Dabei schien er den Gedanken beinahe schon wieder abzuschwächen, noch während er ihn aussprach.
„So einfach, wie du es klingen lässt, ist es nicht.“
„Nein“, gab er zu. „Aber es ist auch nicht unmöglich.“
Er erklärte nicht weiter, was er damit meinte. Er stellte keine Forderung und fragte mich auch nicht, ob ich bleiben wollte. Er ließ den Gedanken einfach zwischen uns stehen.
„Du musst das nicht heute klären“, fügte er nach einer Weile hinzu. Seine Stimme war jetzt etwas weicher. „Ich wollte nur verstehen, woran es liegt. Nicht, dass du dich sofort entscheidest.“
Unwillkürlich entspannte ich mich ein wenig.
Ich war es gewohnt, Entscheidungen allein treffen zu müssen. Und wenn jemand mir helfen wollte, bedeutete das nicht selten, dass er mir gleich auch erklärte, was ich tun sollte. Bei Gaara war es anders. Er zeigte mir eine Möglichkeit und überließ es mir, was ich daraus machte.
„Danke“, sagte ich leise.
Er neigte leicht den Kopf. „Wofür?“
„Das du nicht insistierst."
Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht. „Ich habe gelernt, dass manche Dinge Zeit brauchen."
Ich sah ihn an. Für einen Moment fragte ich mich, ob er dabei nur an unser Gespräch dachte oder auch an all das, was zwischen uns in den vergangenen Monaten anders geworden war.
Ich fragte nicht nach.
Stattdessen lehnte ich mich wieder zurück und blickte zum Himmel.
Vielleicht war es genau das, was mir hier langsam vertraut wurde.
Nicht ein bestimmter Ort oder ein Gegenstand, der Suna mehr nach einem Zuhause aussehen ließ.
Sondern die Menschen, bei denen ich nicht sofort wissen musste, was als Nächstes kam.
Die Nacht war inzwischen weit vorangeschritten, als ich in die Tüte zwischen uns griff und feststellte, dass nur noch zwei Kekse übrig waren.
„Wir haben fast alle aufgegessen“, bemerkte ich.
Gaara warf einen kurzen Blick auf die Tüte. „Du hast fast alle aufgegessen.“
„Habe ich gar nicht“, widersprach ich.
„Ich habe dabei zugesehen.“
Ich sah ihn von der Seite an. „Warum hast du mich dann nicht aufgehalten?“
„Du sahst zufrieden aus.“
Für einen Moment wusste ich nicht, was ich darauf erwidern sollte. Dann musste ich lächeln und reichte ihm den vorletzten Keks, bevor ich mir selbst den letzten nahm.
Zufrieden ließ ich mich nach hinten auf die Mauer fallen und blickte in das endlos Meer aus Sternen. Ich hatte sie schon so oft gesehen. Sie waren immer da gewesen, hatten mich begleitet bei Nacht. Unwillkürlich musste ich an die Abende mit meinem Vater denken, wenn wir vor dem Tempel gesessen hatten und er mir die Himmelskörper erklärte. Ich fragte mich, wo er wohl war. Ob er denselben Himmel sehen konnte wie ich.
Erst als sich die Mauer neben mir leicht bewegte, bemerkte ich, dass Gaara sich ebenfalls hingelegt hatte. Zwischen uns blieb ein wenig Abstand.
Ich verschränkte die Hände hinter dem Kopf.
„Kennst du eigentlich irgendwelche Sternbilder?"
Gaara drehte den Kopf ein wenig zu mir. „Einige."
„Welche?"
Er richtete den Blick wieder nach oben.
„Dort“, hob er den Arm und deutete in den Himmel, „Das ist der Adler."
Ich rückte mit dem Kopf ein Stück näher zu ihm, um besser sehen zu können, worauf er zeigte. So eindeutig, wie er es klingen ließ, war es allerdings nicht. Ich versuchte, der Linie seines Fingers zu folgen, der sich kein bisschen stillhalten wollte.
„Meinst du den da?“ Ich hob ebenfalls den Arm und zeigte auf einen kleinen Stern.
„Nein, der helle dort.“ Es gab Tausende von hellen Sternen.
„Welcher helle?"
Er sah mich von der Seite an, als wollte er sich vergewissern, dass ich überhaupt in den Himmel schaute, bevor er erneut darauf deutete.
„Siehst du den kleinen, der leicht unregelmäßig flackert?“
„Das grenzt es wirklich nicht besonders ein“, murmelte ich und warf ihm einen leicht genervten Blick zu.
Meine Neugier war allerdings größer als meine Geduld. Ich rückte noch ein Stück näher, bis mein Kopf beinahe seine Schulter berührte.
„Zeig noch mal.“
Er hob den Arm erneut.
„Den da?", versuchte ich den selben Stern mit meinem Finger anzupeilen.
„Nein. Etwas weiter links." Seine Stimme war klar und direkt neben meinem Ohr.
Ich schob mich etwas hoch, bis meine Schulter seine berührte und folgte seinem Finger über den Himmel. Doch ich konnte den Sternhimmel nicht mehr klar erkennen, denn Gaara lag so nah, dass der Wind seinen Duft zu mir trug. Warmes Holz, trockene Erde, ein Hauch von Sand. Nichts daran war aufdringlich. Im Gegenteil. Es war angenehm vertraut.
Ich atmete unwillkürlich etwas tiefer ein, bevor ich mich wieder auf die Suche nach dem Sternbild konzentrierte.
Warum mir seine Nähe plötzlich so auffiel, wusste ich selbst nicht. Es war ja nicht das erste Mal, dass wir nebeneinander saßen.
„Hier?“, fragte ich hastig, bevor er noch auf die Idee kam, mich danach zu fragen, ob ich überhaupt zuhörte.
„Ja. Und wenn du den, den und den verbindest, ist das der Adler.“
Ich folgte seinen Anweisungen. Mit genügend Fantasie konnte man tatsächlich einen mächtigen Vogel darin erkennen. Ich blieb liegen und betrachtete das Sternbild, das für mich eher wie ein ziemlich verkrüppelter Adler aussah.
„Welche kennst du?“, fragte Gaara und ließ den Arm wieder sinken. Dabei streifte seine Hand meinen Arm.
Ich überlegte kurz. Viele waren es nicht, aber eines hatte mir schon oft geholfen.
„Den Nordstern.“ Ich deutete nach oben.
„Nur den?“, fragte er verwundert.
„Mehr brauchte ich bisher nicht.“
Ich warf ihm einen Seitenblick zu. Er hatte den Kopf leicht zu mir gedreht.
„Wofür?“
„Zum Reisen.“ Ich sah wieder nach oben. „Wenn ich nachts unterwegs war, konnte ich mich an ihm orientieren und die Richtung halten. Der Nordstern war immer da. Egal, wo ich gerade war.“
Gaaras Blick blieb auf mir liegen. Nachdenklich, als würde er meine Worte irgendwo in seinem Gedächtnis ablegen.
„Was kennst du noch?“, fragte er schließlich und wandte den Kopf wieder dem Himmel zu.
Ich musste lächeln. Irgendwie schien er zu ahnen, dass das noch nicht alles war. Und damit hatte er recht.
Es gab ein Sternbild, das ich immer wieder fand. „Den Großen Drachen.“
Für einen Moment sagte Gaara nichts. War das zu offensichtlich gewesen?
„Zeig ihn mir“, bat er leise.
Ich suchte den Himmel ab. Anders als der Nordstern veränderte der Drache im Laufe des Jahres seine Position. Es dauerte einen Moment, bis ich die vertraute Konstellation fand: drei Sterne, von denen aus sich der Körper des Drachen erstreckte, bis hin zu Kopf und Schwanz.
Ich hob die Hand, um Gaara die Position zu zeigen.
„Da. Siehst du die drei Sterne?“
Er folgte meinem Finger.
„Ja“, sagte er und ich spürte wie er nickte.
„Von dort aus gehst du schräg nach unten...“
Meine Hand wanderte langsam über den Himmel, während ich ihm die einzelnen Punkte zeigte, so, wie mein Vater es früher oft mit mir gemacht hatte.
„…und da...“ Ich ließ meinen Finger ein Stück weiterwandern und machte eine kleine Kurve nach oben.
„…das ist der Kopf.“
„Das soll ein Drache sein?“, platzte Gaara heraus, noch bevor er dem Sternbild eine wirkliche Chance gegeben hatte.
Ich drehte den Kopf zu ihm.
„Mit ein wenig Fantasie soll das ein Drache sein.“
Er musterte den Himmel noch einen Moment. Dann wandte er den Blick von den Sternen ab und sah mir direkt in die Augen.
Er lag so nah, dass ich jede einzelne Wimper erkennen konnte, wenn er blinzelte. Seine Augen, dieses ungewöhnliche Türkis, wirkten im Dunkeln beinahe durchscheinend, als hätte sich der Nachthimmel darin gespiegelt.
Mein Blick glitt über sein Gesicht und blieb an seinem Mund hängen.
Seine Lippen waren leicht geöffnet, als wollte er etwas sagen. Ich wartete darauf, dass er es tat, doch er schwieg.
Der Wind strich kühl über die Mauer und fuhr durch mein Haar. Gaaras Nähe fühlte sich dagegen beinahe warm an.
Als ich wieder zu seinen Augen sah, hatte sich etwas in seinem Ausdruck verändert. Nur ganz leicht. Vielleicht spielte mir auch einfach das Licht einen Streich.
Ich hätte wegsehen sollen. Doch keiner von uns schien es eilig zu haben, diesen Moment zu beenden.
Ich hätte etwas sagen sollen. Irgendetwas. Stattdessen schien mein Verstand ausgerechnet jetzt beschlossen zu haben, den Dienst einzustellen.
„Du hast eine Schramme an der Wange“, sagte er.
Ich blinzelte und fand endlich aus diesem seltsamen Moment zurück.
„Wirklich?“
Er hob die Hand, hielt aber inne, bevor seine Finger meine Haut berührten.
„Hier. Vermutlich von heute.“
Automatisch fasste ich mir an die Wange. Tatsächlich spürte ich die feine, kaum wahrnehmbare Kante eines Kratzers, den ich mir beim Training zugezogen hatte.
„Ach, das.“ Ich ließ die Hand wieder sinken, ein wenig zu schnell. „Yuki hat mich beim Kunaiwerfen kurz gestreift.“
„Sie sollte vorsichtiger sein.“
In seiner Stimme lag eine Spur von Besorgnis, die ich bei ihm inzwischen gut genug kannte, um sie nicht zu überhören.
„Sie lernt noch.“ Ich zwang mich zu einem Lächeln, obwohl mein Herz immer noch schneller schlug, als es sollte. „Ist nur ein kleiner Kratzer.“
Gaara nickte. Sein Blick ruhte noch einen Augenblick auf der Stelle, bevor er sich wieder dem Himmel zuwandte.
Ich tat es ihm gleich. Der Drache stand noch immer über uns, doch ich konnte mich nicht mehr richtig auf die Sterne konzentrieren.
Der Wind strich erneut über die Mauer. Die Stille zwischen uns fühlte sich anders an als zuvor. Dichter. Wärmer. Als hätte sich etwas verändert, ohne dass einer von uns es ausgesprochen hätte.
„Amaya.“ Seine Stimme war leiser als sonst, beinahe zögerlich.
„Hm?“
„Ich mag diese Abende.“
Ich drehte den Kopf zu ihm. Die schlichte Offenheit seiner Worte überraschte mich mehr, als sie sollte.
„Ich auch“, antwortete ich, ohne erst darüber nachdenken zu müssen.
Es stimmte. Diese Abende mit ihm waren mir inzwischen so vertraut geworden, dass ich mir kaum noch vorstellen konnte, einfach darauf zu verzichten.
Er sagte nichts mehr darauf, nur ein kleines Nicken, und für einen Moment dachte ich, er würde noch etwas hinzufügen. Doch dann setzte er sich auf, strich sich den Sand von der Kleidung.
„Es wird spät", sagte er, den Blick zurück auf die Stadt gerichtet, die unter uns langsam zur Ruhe kam.
„Das wird es.“ Ich setzte mich ebenfalls auf, sammelte die leere Tüte ein, faltete sie mehrmals, ohne wirklich einen Grund dafür zu haben, außer meinen Händen etwas zu tun zu geben.
Gemeinsam standen wir auf und sprangen die einzelnen Ebenen der Mauer hinunter.
Schweigend liefen wir zum Kageturm zurück. Am Eingang, wo sich unsere Wege trennten, blieben wir stehen.
„Gute Nacht, Gaara."
„Gute Nacht.“ Seine Antwort kam mit einer kurzen Verzögerung.
Wir verabschiedeten uns immer hier im Hofe, bevor jeder in seine eigene Richtung ging. Doch diesmal schien er noch etwas sagen zu wollen. Er sah mich einen Augenblick länger an, als nötig gewesen wäre, und ich wartete unwillkürlich.
Dann wandte er sich doch ab und ging.
Seine Schritte waren wie immer ruhig, seine Haltung vielleicht ein wenig angespannter als sonst.
Ich sah ihm nach, bis er im Eingang verschwand, bevor ich mich selbst zum Wohnturm umdrehte.
Die Korridore lagen still da, während ich die Treppe hinaufstieg. Die leere Tüte hielt ich noch immer in der Hand.
Ich dachte wieder an seine Augen. So nah und klar.
Und an diesen Moment, der irgendwie länger gedauert hatte, als ein gewöhnlicher Blick zwischen zwei Menschen dauern sollte.
Ich schüttelte leicht den Kopf.
Das bedeutete nichts. Es war nur ein Moment.
Menschen sahen sich manchmal etwas zu lange an. Wenn sie müde waren. Wenn die Nacht zu still war. Wenn die Sterne besonders hell leuchteten. Das musste nichts bedeuten. Und doch klang diese Erklärung nicht mehr ganz so überzeugend wie früher.
Ich hatte mir selbst versprochen, nicht mehr zu sein als eine Gastlehrerin, eine vorübergehende Anführerin einer kleinen Genin-Truppe. Eine Frau, die in ein paar Monaten nach Konoha zurückkehren würde.
Suna war nicht meine Heimat.
Und Gaara war der Kazekage.
Es gab Dinge, die einfach ihre Grenzen hatten.
Ich betrat meine Wohnung und schloss die Tür hinter mir. Doch für einen Moment blieb ich dagegen gelehnt stehen.
Ich mag diese Abende.
Seine Worte kamen mir wieder in den Sinn.
So einfach. So ehrlich.
Und vielleicht war genau das der Grund, warum sie mir nicht mehr aus dem Kopf gingen.
Ich presste die Handflächen gegen mein Gesicht und ließ mich langsam an der Tür zu Boden gleiten. Was sollte das denn bitte werden?
Es war Freundschaft, natürlich war es das.
Ich zog die Knie an mich und starrte einen Moment auf die zerknitterte Tüte in meiner Hand.
Freundschaft.
Ich sagte es mir noch einmal.
Diesmal klang es deutlich weniger überzeugend.