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Der Wunsch (Amayas Sicht)

Wenn Drachen Weinen — www.fanfiktion.de · All chapters

Der Wunsch (Amayas Sicht)

Der Morgen war noch jung, als ich mich in meiner Wohnung für das Frühstück mit Temari fertig machte. Durch das offene Fenster drang bereits die warme Luft der Wüste herein, und irgendwo auf der Straße unter mir waren die ersten Händler zu hören. Sunagakure erwachte langsam, als hätte die Stadt alle Zeit der Welt.

Ich band mir die Haare zusammen und griff nach meiner Weste, die über der Stuhllehne hing. Eigentlich hätte ich längst fertig sein können. Stattdessen blieb mein Blick an dem Drachenanhänger hängen, der auf meinem Tisch lag.

Mein Vater hatte ihn mir gegeben, als ich zehn Jahre alt gewesen war. Ich erinnerte mich noch daran, wie ich ihn damals in den Händen gedreht und jedes noch so kleine Detail betrachtet hatte. Für mich war er etwas Besonderes gewesen, auch wenn ich in diesem Alter noch nicht alles verstanden hatte, was mit ihm verbunden war.

Ich strich mit dem Daumen über die vertrauten Konturen.

Und wie so oft musste ich an meinen Vater denken.

Er war es gewesen, der mich fortgeschickt hatte. Er hatte mir aufgetragen, das Leben außer halb der Drachenwelt kennenzulernen, hinauszugehen und Erfahrungen zu sammeln, die ich in meinem bisherigen Leben niemals hätte machen können. Damals hatte ich geglaubt, irgendwann würde ich verstehen, was genau er damit gemeint hatte.

Aber ich hatte seinen Auftrag nie einfach nur ausgeführt und ihn dabei vergessen.

All die Jahre hatte ich auch nach ihm gesucht. In jedem neuen Ort, den ich besucht hatte, hatte ich gehofft, irgendwo einen Hinweis zu finden, eine Spur, irgendetwas, das mich ihm näherbringen könnte. Ich hatte Fragen gestellt, Informationen gesammelt und Möglichkeiten verfolgt, die sich am Ende doch wieder im Nichts aufgelöst hatten.

Ohne Erfolg.

Irgendwann hatte ich gelernt, mit dieser Ungewissheit weiterzuleben. Nicht, weil ich aufgehört hätte, ihn finden zu wollen, sondern weil ich nicht den Rest meines Lebens damit verbringen konnte, auf eine Antwort von ihm zu warten, die vielleicht niemals kommen würde.

Vielleicht war genau das der Grund gewesen, weshalb ich seinen Auftrag so ernst genommen hatte. Wenn ich ihn schon nicht finden konnte, wollte ich wenigstens verstehen, was er mir hatte mitgeben wollen.

Und ich hatte viel gesehen. Mehr, als ich mir früher hätte vorstellen können.

Manchmal fragte ich mich, ob mein Vater gewusst hatte, wohin mich seine Worte führen würden. Lerne die Facetten des Lebens kennen. Lange hatte ich das als Aufforderung verstanden, weiterzugehen. Neue Orte zu sehen, Menschen kennenzulernen, Erfahrungen zu sammeln. Nicht stehen zu bleiben, solange es noch etwas gab, das ich nicht kannte.

Doch in den letzten Monaten hatte sich etwas verändert.

Sunagakure hatte sich leise in mein Herz geschlichen. Es war langsam geschehen, bis ich irgendwann festgestellt hatte, dass mir die Stadt vertraut geworden war. Auf eine andere Weise als Konoha, aber nicht weniger echt.

Meine kleine Ninjatruppe war mir ans Herz gewachsen. Seit unserer ersten Auswärtsmission waren die fünf enger zusammengerückt. Natürlich musste ich noch immer hin und wieder eine hitzige Auseinandersetzung schlichten, aber das gehörte wohl dazu. Wachstum war selten leise. Und der Fortschritt, den Hinaka, Roku, Rika, Tako und Yuki bereits gemacht hatten, erfüllte mich mit einem Stolz, den ich so zuvor kaum gekannt hatte.

Kankurō zog mich gelegentlich damit auf, wie oft ich beim gemeinsamen Frühstück von ihnen erzählte. Als wäre es meine Schuld, dass sie sich tatsächlich gut entwickelten.

Auch meine freie Zeit sah inzwischen anders aus als in Konoha. Ich verbrachte sie mit Temari und Kankurō, ließ mich auf ihre Sticheleien ein und hatte mich irgendwie daran gewöhnt, dass es Menschen gab, die mich einfach in ihre Pläne einbezogen, ohne vorher zu fragen, ob ich überhaupt Gesellschaft wollte.

Und dann war da Gaara.

Unsere Abende auf der Mauer waren längst zu etwas geworden, auf das ich mich freute. Wenn die Sonne hinter der Wüste versank und die Stadt langsam zur Ruhe kam, saßen wir zusammen, redeten über unseren Tag oder schwiegen einfach nebeneinander. Manchmal erwischte ich mich dabei, wie ich nach einem anstrengenden Tag zum Kage-Turm hinaufsah, nur um festzustellen, ob in seinem Büro noch Licht brannte.

Sein Schweigen beruhigte mich auf eine Weise, die ich nicht recht erklären konnte. Und nach unseren gemeinsamen Abenden blieb oft dieses leise Gefühl zurück, dass ich etwas gefunden hatte, auf das ich nicht mehr verzichten wollte.

Ich zog die Weste an und zog den Reisverschluss zu.

Vielleicht meinte mein Vater genau das, als er mir seinen Auftrag gegeben hatte. Vielleicht ging es nicht nur darum, möglichst viel von der Welt zu sehen. Vielleicht gehörte auch dazu, herauszufinden, wo man bleiben wollte. Welche Menschen einem wichtig wurden. Und ob man sich erlauben konnte, irgendwo Wurzeln zu schlagen, selbst wenn man ursprünglich nur auf der Durchreise gewesen war.

Der Gedanke machte mich nervös.

Denn wenn meine Reise mich tatsächlich hierhergeführt hatte, nach Sunagakure, zu diesen Menschen, zu diesen Abenden, bedeutete das dann, dass ich am Ende angekommen war?

Oder hatte ich nur zum ersten Mal seit langer Zeit einen Ort gefunden, an dem ich mir vorstellen konnte, nicht sofort wieder weiterzuziehen?

Ich nahm meinen Degen vom Tisch und warf einen letzten Blick durch das Fenster. Die Sonne stand inzwischen höher, und Temari würde vermutlich jeden Moment anklopfen.

Ob ich nach Konoha zurückkehren wollte, wusste ich noch immer nicht. Ein Teil von mir hielt an dem Gedanken fest, dass ich irgendwann weiterziehen musste. Dass ich noch immer nach meinem Vater suchen und herausfinden wollte, was aus ihm geworden war.

Aber vielleicht musste ich dafür nicht ständig unterwegs sein.

Vielleicht durfte ich auch hierbleiben, ohne ihn aufzugeben.

Ein heftiges Hämmern ließ meine Wohnungstür erzittern.

Ich seufzte. Es gab nur eine Person, die klopfte, als wollte sie die Tür aus den Angeln reißen.

„Ja, ich komme schon!“

Ich öffnete die Tür und sah Temari genervt an. „Kannst du bitte einmal in deinem Leben normal anklopfen?“

„Dir auch einen guten Morgen“, trällerte sie und funkelte mich grinsend an. „Los, wir gehen frühstücken. Ich sterbe vor Hunger!“

Bevor ich etwas erwidern konnte, hatte sie mich bereits am Arm gepackt und zog mich den Flur entlang.

„Du weißt schon, dass ich auch allein laufen kann?“

„Dann beeil dich eben.“

Ich verdrehte die Augen. Mit Temari zu diskutieren, bevor sie etwas gegessen hatte, war ohnehin zwecklos.

Als wir den Frühstücksraum erreichten, saß Kankurō bereits am Tisch. Er starrte gedankenverloren vor sich hin, bis unsere Schritte ihn aus seinen Gedanken rissen.

„Morgen, Mädels. Habt ihr schon den Termin für das Sommerfest erfahren?“

Temari riss die Augen auf. „Was? Nein! Wann denn?“

„In zwei Wochen.“

„WAS? Und warum weißt du das, aber ich nicht? Gaara wollte das doch mit mir besprechen!“

Kankurō zuckte unschuldig mit den Schultern. „Vielleicht hat er es ohne dich entschieden. Damit du nicht wieder ein ganzes Festival daraus machst.“

„Schwachkopf!“, fauchte Temari. „Ihr Männer habt keine Ahnung von Organisation.“ Sie beugte sich zu ihm vor. „Weißt du wenigstens, was er schon geplant hat?“

Während die beiden diskutierten, setzte ich mich gemütlich an den Tisch und begann zu essen. Ich hielt mich bewusst heraus. Manche Dinge musste man einfach aus sicherer Entfernung beobachten.

„Woher soll ich das wissen? Frag ihn selbst“, murmelte Kankurō.

„Mach ich!“

Temari sprang auf und stürmte davon.

Ich sah ihr verblüfft hinterher. „Und was ist mit deinem Frühstück?“

„Das kann warten!“

Ich blickte auf ihren leeren Platz. War sie nicht vor zwei Minuten noch am Verhungern gewesen?

Kankurō stieß ein langes Seufzen aus und rieb sich über das Gesicht.

„Sag nicht, dass du deine Schwester anstrengend findest“, neckte ich ihn.

„Nein“, antwortete er vollkommen ernst. „Ich bewundere dich nur dafür, wie du ganze Nachmittage mit ihr aushältst.“

Ich lachte. „Sie ist bei mir nicht ganz so … herrisch.“

Kankurō warf mir einen skeptischen Blick zu.

„Na gut“, gab ich zu. „Doch, ist sie. Ich kann sie nur ein bisschen dämpfen.“

„Deine Ruhe müsste man haben.“

Er leerte seinen Kaffee, stand auf und griff nach seiner Weste. „Ich muss los. Schönen Tag dir.“

„Dir auch.“

Kurz nachdem er gegangen war, tauchte Temari wieder auf. Sie ließ sich neben mir auf den Stuhl fallen, als wäre sie nie weg gewesen.

„Und?“, fragte ich mit vollem Mund.

„Er hat nichts ohne mich entschieden“, verkündete sie triumphierend. „Nur den Termin.“

„Na, dann ist ja gut.“

„Und wir beide …“ Sie wedelte aufgeregt mit ihren Essstäbchen vor meiner Nase herum. „… gehen heute shoppen!“

Ich schluckte und sah sie entschuldigend an. „Geht nicht. Ich muss unterrichten.“

„Dann nimm dir frei!“

„Temari.“ Ich legte meine Stäbchen ab und sah sie an. „Ich lasse meine Gruppe nicht hängen. Samstag geht's.“

Sie musterte mich streng, als würde sie prüfen, ob ich es ernst meinte.

„Gut. Aber wehe, du kneifst.“

Ich grinste. „Warum sollte ich? Ich darf doch mit meiner Freundin Geld ausgeben.“

---

Am Samstag holte Temari mich mit derselben ungebremsten Energie ab wie immer. Nach einem kleinen Frühstück schleppte sie mich in die größte Einkaufspassage von ganz Suna.

Ich hatte Shoppen noch nie gemocht. Zu viele Menschen, zu viele Läden und vor allem viel zu häufiges Umziehen. Es war einfach frustrierend.

Wir hatten bereits drei Geschäfte hinter uns, und ich war kurz davor, mich in einem Kleiderständer zu verstecken, als Temari erneut zwischen den Auslagen verschwand.

Ich nutzte die Gelegenheit, um einmal tief durchzuatmen.

Ein Fehler.

„Amaya! Hier!“

Ich schloss kurz die Augen. Natürlich.

Temari kam mit einem grünen Cocktailkleid auf mich zu und hielt es mir direkt vor die Nase.

„Was sagst du dazu?“

Ich musterte den Stoff. Es war hübsch, keine Frage. Aber allein der Gedanke, es anzuziehen, ließ mich bereits nach meiner Geduld suchen.

„Sieht gut aus.“

„Dann probier es an.“

Ich sah sie an. „Ich dachte, du willst es anziehen.“

„Bitte.“ Sie lachte. „Meine Augen sind grün. Das Kleid passt viel besser zu deinen goldenen.“

„Temari, es hat keine Ärmel.“

„Und? Kleider brauchen nicht immer Ärmel.“

„Meine schon.“

„Probier es wenigstens an.“

Sie sah mich mit den besten Welpenaugen an, die ich je gesehen hatte. Eine ziemlich beeindruckende Leistung für jemanden, der normalerweise eher damit drohte, einem den Kopf abzureißen.

Ich seufzte. „Na gut.“

Ein Fehler. Ein gewaltiger Fehler.

Denn kaum hatte ich das Kleid genommen, überhäufte Temari mich mit einem ganzen Berg weiterer Modelle.

Eine gefühlte Ewigkeit später traten wir gleichzeitig aus den Umkleidekabinen. Temari trug ein dunkelblaues Abendkleid, während ich in dem grünen Cocktailkleid vor dem Spiegel stand und mich fragte, womit ich das verdient hatte.

Temaris Augen leuchteten.

„Du siehst wunderbar aus!“

Ich warf ihr einen Blick zu, mit dem ich vermutlich einen Baum hätte fällen können.

„Wenn wir deine Haare hochstecken und die Bandagen abnehmen, wirst du der Blickfang des Abends.“

„Und genau das ist das Problem.“ Ich stemmte die Hände in die Hüften. „Ich laufe nicht mit nackten Armen herum.“

Ihr Lächeln verblasste ein wenig.

„Was ist eigentlich mit deinem Arm?“

Ich zog mich zurück in die Kabine und atmete leise aus. Immer dieselbe Geschichte.

„Ich habe mir vor Jahren im Kampf die Haut verbrannt“, erklärte ich in dem Ton, den man nach unzähligen Wiederholungen entwickelte. „Seitdem darf ich den Arm keiner direkten Sonne aussetzen.“

„Warst du beim Arzt?“

„Natürlich.“

Was für eine Frage.

„Es ist verheilt, aber die Haut ist immer noch sehr empfindlich.“

„Das Sommerfest findet abends statt“, wandte sie ein, als hätte sie gerade das entscheidende Argument gefunden.

„Ja, und mein Arm wird trotzdem aussehen, als hätte ich ihn in kochendes Wasser gehalten. Ich möchte nicht, dass alle den ganzen Abend darauf starren.“

Temari verzog den Mund. Für einen Moment sah es so aus, als würde sie widersprechen. Dann ließ sie es bleiben. Zumindest vorerst.

Stattdessen erschien ihr Gesicht wieder neben dem Vorhang meiner Kabine.

„Wie wäre es mit einem Kleid mit tiefem Ausschnitt?“

Ich verdrehte die Augen. Sie und ihre Mode.

„Keine Sorge. Ich finde schon etwas, in dem ich mich wohlfühle.“

„Du musst!“ Sie grinste siegessicher. „Immerhin bezahlt Gaara dir das Kleid.“

Ich erstarrte mitten in der Bewegung.

„Was?! Temari!“

„Was denn? Ist doch so.“

„Seit wann?“

„Seit Gaara angeboten hat, die Kosten zu übernehmen.“

Ich starrte sie an, als hätte sie gerade verkündet, dass der Kazekage persönlich vor der Kabine stand und meine Kleiderauswahl überwachte.

„Warum sollte er das tun?“

Temari zuckte mit den Schultern, als wäre die Antwort vollkommen offensichtlich.

„Weil er möchte, dass du etwas Schönes für das Sommerfest hast.“

„Ich fühle mich unwohl, wenn man mir teure Geschenke macht“, murmelte ich.

„Dann gewöhn dich daran.“

Ich hielt inne und schob den Vorhang beiseite. „Wie bitte?“

Temari stand inzwischen in einem roten Kimono vor dem Spiegel und betrachtete sich von der Seite. Sie strich den Stoff glatt, bevor sie meinen Blick im Spiegel erwiderte.

„Mein Bruder ist nicht gerade dafür bekannt, sein Geld für andere auszugeben.“

„Und?“

„Und trotzdem will er dir das Kleid bezahlen.“

Ich verschränkte die Arme. „Vielleicht hast du ihn dazu überredet.“

„Habe ich nicht.“

„Temari.“

„Amaya.“ Sie drehte sich zu mir um. „Er wollte es selbst.“

Ich öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, brachte aber keinen vernünftigen Satz heraus.

Das war lächerlich. Gaara war mein Freund. Wir verbrachten Zeit miteinander, verstanden uns gut und hatten uns inzwischen aneinander gewöhnt. Dass er mir etwas schenken wollte, musste nichts bedeuten.

Trotzdem blieb ich an ihren Worten hängen.

Temari schien das zu bemerken. Ihr Grinsen wurde breiter.

„Du bekommst es vielleicht selbst nicht mit, aber Gaara macht in letzter Zeit ziemlich viel für dich.“

„Er ist mein Freund“, entgegnete ich prompt.

„Das habe ich nicht bestritten.“

„Dann verstehe ich dein Problem nicht.“

„Ich habe kein Problem.“ Sie hob unschuldig die Hände. „Ich finde es nur interessant.“

„Was findest du daran interessant?“

„Dass mein Bruder plötzlich Spaß daran hat, jemandem eine Freude zu machen.“

Darauf wusste ich nichts zu sagen.

Ich sah wieder in den Spiegel. Das grüne Kleid saß tatsächlich gut. Der Schnitt gefiel mir, und die Farbe brachte meine Augen zur Geltung. Wenn ich mir die Sache mit den Ärmeln wegdachte, wäre es vermutlich sogar eine gute Wahl.

Und Gaara wollte es bezahlen.

Ich wusste nicht, was ich mit diesem Gedanken anfangen sollte. Einerseits wollte ich das Angebot nicht annehmen, weil ich niemandem etwas schuldig sein wollte. Andererseits war da etwas an der Vorstellung, dass er selbst daran gedacht hatte, mir eine Freude zu machen, das sich überraschend warm anfühlte.

Temari wandte sich wieder ihrem Spiegelbild zu.

„Also gewöhn dich besser daran.“

„Woran genau?“

„Daran, dass Gaara dir Dinge schenkt, wenn er denkt, dass sie dir Freude machen.“

Ich seufzte. „Das macht es nicht besser.“

„Vielleicht nicht für dich.“

Sie grinste mich über den Spiegel hinweg an.

„Aber für ihn schon.“

Damit klopfte sie mir auf die Schulter und verschwand wieder in ihrer Umkleidekabine.

Ich blieb vor dem Spiegel stehen und betrachtete das Kleid noch einen Moment länger.

Verdammt, Temari. Warum musste sie aus einer einfachen Einkaufstour immer etwas machen, über das ich anschließend nachdenken musste?

Nach diesem Einkaufsmarathon sehnte ich mich nach einem Bad, nach Luna, einem großen Topf Reis und meinem Bett.

Doch als ich vor meiner Wohnung ankam, wartete Gaara bereits auf mich.

Der Kazekage persönlich machte mir einen Strich durch meine Pläne.

Ich blieb überrascht stehen. Gleichzeitig breitete sich eine unerwartete Wärme in mir aus. Ich hatte nicht damit gerechnet, ihn heute noch zu sehen.

„Gaara? Willst du zu mir?“

„Ja. Komme ich ungelegen?“

„Nein, überhaupt nicht.“

Ich schloss die Tür auf und ließ meine Taschen im Flur stehen. Gaara folgte mir, wirkte dabei allerdings ein wenig verloren, als wüsste er nicht recht, wohin mit sich.

„Geh schon mal ins Wohnzimmer“, sagte ich sanft. „Ich komme gleich.“

Als ich zu ihm trat, stand er am Fenster und blickte über die Lichter der Stadt. Seine Schultern waren angespannt, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Sein rotes Haar saß etwas unordentlich, als wäre er sich im Laufe des Tages öfter hindurchgefahren.

Ich hatte ihn schon oft in seinem Büro beobachtet, zurückgelehnt in seinem Stuhl, mit konzentriertem Gesicht über einen Bericht gebeugt. Und nicht selten hatte ich dabei gedacht, was für ein schöner Mann er doch war.

Das ließ sich inzwischen nur noch schwer leugnen.

Vor allem seine Augen fielen mir viel zu häufig auf. Genauso wie die kleinen Veränderungen in seinem Gesicht, wenn er ein Lächeln zu verbergen versuchte.

Ich schüttelte leicht den Kopf.

Es war beinahe unheimlich, wie vertraut mir sein Gesicht geworden war.

Vielleicht lag es einfach daran, dass ich ihn in den vergangenen Monaten besser kennengelernt hatte. Je mehr Zeit ich mit ihm verbrachte, desto weniger sah ich nur den Kazekage.

Ich sah Gaara.

Und vielleicht war genau das der Grund, warum sich manche Gedanken inzwischen anders anfühlten als früher.

„Wie war euer Einkauf?“, fragte er, ohne sich umzudrehen. „Wart ihr erfolgreich?“

Ich ließ mich seufzend auf die Couch fallen. „Ich habe gefühlt tausend Kleider anprobiert.“

Er setzte sich neben mich.

„Hast du eines gefunden?“

„Ja.“

„Gefällt es dir?“

„Ja.“ Ich warf ihm einen kurzen Blick zu. „Und … danke dafür.“

Er sah mich fragend an. „Wofür?“

„Für das Kleid. Temari meinte, du hättest ihr Geld dafür gegeben.“

„Nicht der Rede wert.“

Ein Hauch von Verlegenheit huschte über sein Gesicht, so flüchtig, dass ich ihn beinahe übersehen hätte. Beinahe.

Für einen Moment musste ich an unseren letzten Abend auf dem Kage-Turm denken. Dort hatte er ähnlich ausgesehen, als hätte ihn etwas aus dem Gleichgewicht gebracht, mit dem er nicht gerechnet hatte. Ich schob die Erinnerung beiseite, bevor sie irgendwohin führen konnte.

„Ich würde gerne sehen, welches du ausgesucht hast“, sagte er.

„Nein, auf gar keinen Fall!“

Er blinzelte. „Warum?“

„Sonst ist es keine Überraschung mehr.“

Bevor er etwas erwidern konnte, wechselte ich schnell das Thema.

„Hattest du heute früher Schluss?“

„Ich bin deinem Rat gefolgt und habe mein Büro so gelassen, wie es war.“ Er sagte es, als würde er ein Geständnis ablegen.

Ich grinste. „Klingt nach einer Qual.“

„War es auch.“ Ein gequältes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Wenn ich daran denke, was morgen auf mich wartet …“

„Dann denk nicht daran.“

Ich lehnte mich zurück und ließ meinen Blick über das Wandbild gegenüber schweifen.

„Nicht an morgen. Nur an jetzt.“

Gaara schwieg. Als ich zu ihm hinübersah, betrachtete er seine Hände, als könnte er dort eine Antwort finden, die ihm bisher entgangen war.

„Manchmal hilft es auch, seinen Träumen zu folgen“, fügte ich hinzu.

Er hob den Kopf. „Welche Träume?“

„Zukunftsträume.“

„Was sind deine?“

Ich musste schmunzeln. Hatte ich mir gerade selbst eine Grube gegraben?

„Wenn ich sie verrate, erfüllen sie sich nicht.“

Er sah mich an. Diesmal machte er keinen Versuch, seine Enttäuschung zu verbergen. Sie stand ihm offen ins Gesicht geschrieben.

Das überraschte mich. Früher hätte er vermutlich einfach genickt und das Thema fallen gelassen.

Ich seufzte leise.

„Na gut.“ Mein Blick wanderte kurz durch den Raum, bevor ich mich ihm wieder zuwandte. „Ich würde meinen Vater gern wiedersehen.“

Sein Gesicht wurde still. Er erinnerte sich an das, was ich ihm erzählt hatte: dass mein Vater verschwunden war und ich nicht wusste, ob ich ihn jemals wiedersehen würde.

„Meinen Vater würde ich am liebsten nicht wiedersehen“, sagte er.

Die Bitterkeit in seiner Stimme war kaum zu überhören.

Ich wusste, warum. Sein Vater war tot, doch manche Wunden verschwanden nicht mit dem Menschen, der sie verursacht hatte.

Eine Weile sagte keiner von uns etwas. Schließlich beugte ich mich ein wenig zu ihm.

„Gibt es sonst etwas, das du dir wünschst?“

Er brauchte lange, bevor er antwortete. Als er es schließlich tat, klang es beinahe, als würde er die Worte zum ersten Mal laut aussprechen.

„Ich möchte jemand sein, den andere brauchen.“

Der Wunsch traf mich unerwartet.

Gaara wurde gebraucht. Daran bestand für mich kein Zweifel. Sein ganzes Dorf zählte auf ihn, und er trug diese Verantwortung, ohne sich darüber zu beklagen. Doch offenbar reichte ihm das nicht.

„Aber du wirst gebraucht, Gaara. Dein ganzes Dorf zählt auf dich.“

„Wirklich?“

Er sah mich nicht an, sondern auf einen Punkt irgendwo zwischen uns.

„Wenn ich nicht Kazekage wäre, wäre es jemand anderes.“

Ich schwieg einen Moment. Ich wollte ihm keine leeren Versprechungen machen, nur damit er sich besser fühlte.

„Ich kann dir keine absolute Antwort geben“, sagte ich schließlich. „Aber ich glaube, dass vielen Menschen etwas an dir liegt. Nicht an deinem Amt. An dir.“

Er wandte den Kopf ab und betrachtete das Wandbild, als könnte es ihm eine Antwort geben, die ich ihm nicht liefern konnte.

Dann stellte er eine weitere Frage.

„Wie wichtig bin ich wirklich?“

Seine Stimme war ruhig, doch darunter lag etwas, das ich nur selten bei ihm hörte. Eine Offenheit, beinahe schon Verletzlichkeit, die er sonst sorgfältig verbarg.

Ich suchte nach den richtigen Worten, aber bevor ich etwas sagen konnte, sah er mich wieder an.

„Brauchst du mich auch?“

Die Frage traf mich unvorbereitet.

Nicht, weil ich die Antwort nicht kannte. Sondern weil ich nicht verstand, warum ausgerechnet er sie von mir hören musste, mit einer solchen Ernsthaftigkeit, als hinge etwas viel Größeres daran.

„Ja“, sagte ich schließlich. „Ja, ich brauche dich.“

Sein Blick veränderte sich. Nur ein wenig, aber ich bemerkte es. Und plötzlich bekam die Stille zwischen uns ein Gewicht, mit dem ich nicht umzugehen wusste.

Also tat ich das, was ich manchmal tat, wenn mir etwas zu nahe kam.

Ich machte einen Scherz.

„Sonst würde ich ja kein Gehalt bekommen.“ Ich stieß ihn leicht mit dem Ellenbogen an.

Sein Gesicht verschloss sich beinahe sofort wieder. Es war kaum mehr als eine kleine Veränderung um seine Augen, doch ich sah sie.

Verdammt.

„Das war ein Scherz“, fügte ich hastig hinzu und ärgerte mich über mich selbst. Ich hatte vergessen, wie schnell Ironie bei ihm wie ein Rückzieher wirken konnte. Als hätte ich etwas Ernstes gesagt und es im nächsten Moment wieder zurückgenommen.

„Ich weiß.“

Er klang nicht überzeugt. Seine Hände, die eben noch ruhig auf seinem Schoß gelegen hatten, fanden zueinander und verschränkten sich.

Ich seufzte und drehte mich ein wenig zu ihm.

„Gaara.“

Er wartete, ohne mich anzusehen.

„Du bist mein Freund.“ Ich ließ ihm einen Moment, bevor ich weitersprach. „Natürlich brauche ich dich. Das war kein Scherz. Nur der Teil danach.“

Diesmal schwieg er länger. Dann nickte er.

„Gut.“

Nur dieses eine Wort. Aber als sich seine Schultern ein wenig entspannten, wusste ich, dass meine Antwort ihm mehr bedeutet hatte, als er zugeben würde.

Wir saßen eine Weile schweigend nebeneinander. Dann sprach Gaara wieder.

„Dein Vater.“ Er wandte sich mir zu. „Du hast vorhin gesagt, dass du ihn gern wiedersehen würdest.“

Er zögerte kurz, bevor er die nächste Frage stellte.

„Was für ein Vater war er?“

Die Frage kam unerwartet, aber sie störte mich nicht. Im Gegenteil. Noch bevor ich antwortete, stahl sich ein Lächeln auf meine Lippen.

„Geduldig“, sagte ich. „Und lustig. Auf eine trockene Art, die man erst verstand, wenn man ihn lange genug kannte.“

Ich lehnte mich zurück und ließ die Erinnerung für einen Moment auf mich wirken.

„Er hat mir abends, bevor ich eingeschlafen bin, unzählige Geschichten erzählt. Von unseren Ahnen, von Orten, die ich nie gesehen hatte, und von Dingen, die ich damals kaum verstanden habe. Manche Geschichten waren bestimmt erfunden, aber das hat mich nie gestört.“

Ich hielt kurz inne.

„Er hat mich nie unterschätzt. Er hat mich gefördert und gefordert, beides gleichermaßen. Ich glaube, er wusste immer genau, wann er mich schonen musste und wann nicht.“

Gaara hörte aufmerksam zu. Er unterbrach mich nicht, stellte keine voreiligen Fragen. Er schenkte meinen Worten dieselbe konzentrierte Aufmerksamkeit, mit der er sonst Berichte las oder wichtige Entscheidungen abwog.

„Das klingt“, sagte er schließlich, „nach jemandem, der dich als Tochter gesehen hat. Nicht als etwas, das du sein solltest.“

Ich sah ihn an.

In seiner Stimme lag etwas, das mich innehalten ließ. Eine leise Sehnsucht, die er nicht ganz verbergen konnte.

Im warmen Licht der Lampe wirkte sein Gesicht weicher als sonst. Die Erschöpfung des Tages zeichnete sich in den feinen Linien um seine Augen ab.

Mein Blick wanderte zu seiner Stirn, zu dem Kanji, das ich schon unzählige Male gesehen und doch nie angesprochen hatte. Es gehörte so selbstverständlich zu seinem Gesicht, dass ich es lange nicht als etwas betrachtet hatte, nach dem ich fragen sollte.

Jetzt fragte ich mich zum ersten Mal, wie es sich wohl anfühlte, jeden Tag mit diesem Zeichen herumzulaufen.

Und ob er jemals gelernt hatte, sich selbst so zu sehen, wie ich ihn inzwischen sah.

„Darf ich dich etwas fragen?“

Ich zögerte und suchte nach den richtigen Worten. „Dein Zeichen. Ich habe dich nie gefragt, wie es entstanden ist.“

Gaara wurde für einen Moment still. Seine Hand wanderte beinahe unbewusst zu seiner Stirn und strich kurz über das Kanji, bevor er sie wieder sinken ließ.

„Ich habe es mir selbst eingeritzt“, sagte er schließlich. Ohne Umschweife, ohne Beschönigung.

Ich hatte nicht erwartet, dass er sich so etwas selbst zugefügt hatte.

„Selbst?“

„Mit meinem Sand.“ Seine Stimme blieb ruhig, fast zu ruhig, als hätte er diesen Satz schon oft in Gedanken ausgesprochen, bevor er ihn jemals jemandem erzählt hatte. „Es war, nachdem ich meinen Onkel Yashamaru getötet hatte.“

Er sprach den Namen ohne Zögern aus, doch etwas Trauriges schwang darin mit.

„Ich hatte immer geglaubt, dass er mich beschützen wollte. Stattdessen hatte mein Vater ihn beauftragt, mich zu töten.“ Sein Blick verlor sich für einen Moment. „Als Yashamaru tot vor mir lag, dachte ich, dass es niemanden mehr gab, der mich lieben konnte.“

Ich schwieg. Mit jedem seiner Sätze schien sich etwas in meiner Brust enger zusammenzuziehen.

„Ich beschloss, dass ich niemanden mehr brauchte, der mich liebte. Dass ich nur noch mir selbst vertrauen konnte. Mich selbst lieben musste.“ Ein trockenes, beinahe schmerzhaftes Lächeln huschte über seine Lippen. „Ich wollte zu dem werden, was alle ohnehin in mir sahen. Ein Dämon, der nur sich selbst gehörte. Also habe ich es mir eingeritzt, damit ich es niemals vergesse.“

Ich versuchte, mir ihn als Kind vorzustellen. Allein, mit seinem eigenen Sand als einzigem Schutz, und überzeugt davon, dass er sich dieses Wort für immer in die Haut brennen musste, weil niemand sonst ihm Liebe geben würde.

Der Gedanke tat weh.

„Und heute?“, fragte ich leise. „Was bedeutet es dir jetzt?“

Gaara sah mich an. Sein Blick war klar, ruhig, nicht länger gefangen in dem, was einmal gewesen war.

„Heute ist es nur noch eine Narbe. Ein Teil meiner Geschichte, aber nicht mehr das, was mich ausmacht.“ Er hielt kurz inne. „Ich habe längst gelernt, dass es Menschen gibt, die mich lieben können.“

Etwas in mir wurde weich.

Die Narbe würde immer ein Teil von ihm bleiben. Aber sie bedeutete nicht mehr dasselbe wie damals. Sie war kein Versprechen an seine Einsamkeit mehr, kein Urteil darüber, wer er sein musste. Sie war eine Erinnerung an das, was er überlebt hatte und daran, wie weit er seitdem gekommen war.

„Darf ich sie berühren?“, fragte ich leise.

Ich war mir nicht sicher, ob ich damit zu weit ging.

Die Frage überraschte ihn. Das verriet das kurze Aufflackern in seinen Augen. Dann nickte er, kaum merklich.

Langsam hob ich die Hand und strich vorsichtig mit den Fingerspitzen über das Kanji. Unter meiner Berührung fühlte sich die Narbe leicht erhaben an.

Das Zeichen, das er sich einst selbst als Urteil auferlegt hatte.

Gaara schloss die Augen und ließ es geschehen. Seine Schultern sanken ein wenig, als hätte er nicht damit gerechnet, dass jemand es so berühren könnte. Nicht aus Angst. Nicht aus Abscheu. Sondern einfach, als wäre es ein Teil von ihm, den man nicht fürchten musste.

Ich ließ meine Hand wieder sinken.

„Ich finde, es passt zu dir“, sagte ich leise. „Auch wenn es einen ganz anderen Anfang genommen hat.“

Seine Augen öffneten sich wieder. Etwas in ihnen hatte sich gelöst. Es war noch unsicher, aber offen.

„Wie meinst du das?“

„Du bist fähig zu lieben, Gaara.“ Ich erwiderte seinen Blick. „Das Zeichen hat nur länger gebraucht, um wahr zu werden, was es sagt.“

Einen Augenblick lang sagte er nichts. Dann legte sich ein warmes, ruhiges Lächeln über sein Gesicht. Eines, dass er nicht zu verbergen versuchte.

„Vielleicht hast du recht.“

Ein lautes Plopp ertönte.

Ich zuckte so heftig zusammen, dass ich beinahe von der Couch gefallen wäre.

Luna stand mitten im Wohnzimmer.

„Schön zu sehen, dass du dich amüsierst, während ich seit Stunden warte.“

„Luna! Du hast mich zu Tode erschreckt!“ Ich fuchtelte erschrocken mit den Armen und warf ihr einen empörten Blick zu.

Doch als ich ihr in die Augen sah, verstummte ich.

In ihren kristallklaren Augen lagen sonst meist Spott oder Übermut. Diesmal war davon nichts zu sehen.

Nur Sorge.

Ich richtete mich auf. „Was ist passiert?“

„Mandura ist zurück“, sagte sie. Ihre Stimme trug ein Gewicht, das ich nur selten von ihr hörte. „Er will mit dir sprechen.“

Ein kalter Schauer lief mir durch die Brust. Plötzlich fühlte sich die Luft im Raum anders an, als hätte jemand Eis in mich gegossen.

„Geht es um meinen Vater?“

Luna nickte.

Sie sagte nichts weiter, aber ihr Schweigen verriet mir genug, um mir den Magen zusammenzuziehen.

Gaara war bereits aufgestanden.

„Soll ich hier warten?“

Ich sah ihn an. Für einen kurzen Moment wollte ich ihn bitten, mitzukommen. Einfach, weil seine Nähe sich gerade so selbstverständlich anfühlte und ich nicht wusste, was mich erwartete.

Doch ich wusste auch, dass ich das allein mit Luna klären musste.

„Nein.“ Ich schüttelte den Kopf. „Es wird lange dauern.“

Ich berührte kurz seine Hand. Warm, fest, vertraut. Ein letzter Halt, bevor sich der Boden unter mir wieder in etwas Unsicheres verwandelte.

Dann wandte ich mich Luna zu.

Im nächsten Augenblick verschwanden wir in einem Wirbel aus Licht.