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Die Offenbarung (Amayas Sicht)

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Die Offenbarung (Amayas Sicht)

Als ich mich teleportierte, landete ich wie immer im Empfangsraum meiner Residenz. Der breite, rechteckige Raum empfing mich mit dem vertrauten Duft von Holz und der kalten Bergluft, die durch die Ritzen der Fenster drang. Dunkelbraune Paneele und die klaren Linien des Raumes strahlten Ruhe aus.

In mir herrschte keine.

Am Absatz blieb ich stehen. Schuhe ausziehen. Immer.

Selbst jetzt, wo meine Gedanken rasten, übertrat ich diese Regel nicht. Ich stellte meine Schuhe allerdings auch nicht in den Schrank. Das war die einzige Nachlässigkeit, die ich mir erlaubte.

Ich sprang den Absatz hinauf, riss die rechte Schiebetür auf und eilte in den Wohnraum.

Dort saß Mandura.

Der onyxschwarze Drache meines Vaters ruhte vor den weit geöffneten Türen zur Veranda. Das Licht der untergehenden Sonne glitt über seine Schuppen und ließ ihn wirken, als wäre er selbst ein Stück Dämmerung.

Sein kantiger Kopf drehte sich zu mir. Die tief liegenden Augen musterten mich, und im nächsten Moment war ich schon bei ihm. Ich warf die Arme um seinen Hals und drückte mich an die kühlen Schuppen.

„Es ist schön, dich wiederzusehen“, flüsterte ich.

„Die Freude liegt ganz auf meiner Seite“, brummte Mandura.

Doch seine Stimme klang schwerer als sonst. Angespannter.

Ich löste mich ein wenig von ihm.

„Aber es bleibt keine Zeit für lange Begrüßungen“, fuhr er fort. „Dein Vater erwartet dich im Tempel.“

Ich starrte ihn an.

„Du hast ihn … wirklich mitgebracht?“ Meine Stimme klang plötzlich fremd. „Du wirkst so ernst. Ist etwas passiert?“

Mandura hielt meinem Blick nicht stand. Seine Augen wandten sich ab, und mir wurde kalt.

„Tsubasa wird dir alles erklären.“

Mehr sagte er nicht.

Sein Schweigen verriet mir genug, um mir Sorgen zu machen, aber nicht genug, um zu verstehen, wovor ich mich fürchten musste.

„Geh“, sagte er schließlich.

Ich nickte, drückte mich ein letztes Mal gegen seinen Hals und rannte hinaus.

Die Residenz lag hoch oben in den Bergen. Unter mir schlängelte sich der türkisfarbene Fluss durch das Tal. Im Licht der sinkenden Sonne glänzte seine Oberfläche wie flüssiges Kupfer.

Ich sprintete über den Holzsteg bis zu seinem Ende und sprang.

Der freie Fall riss mir die Luft aus den Lungen. Der Wind peitschte mir ins Gesicht und zerrte an meiner Kleidung. Erst kurz vor dem Wasser öffnete ich meine Flügel. Der abrupte Auftrieb bremste mich, und ich glitt knapp über der Wasseroberfläche dahin.

In meiner Halbdrachenform fühlte ich mich leichter. Freier.

Und zugleich verletzlicher, weil jede Emotion schärfer durch mich hindurchfuhr.

Der Tempel der Drachen thronte auf dem höchsten Gipfel. Ein gewaltiger steinerner Bau, so alt, dass selbst der Wind die einst scharfen Kanten seiner Mauern rund geschliffen hatte. Er ragte wie ein stiller Wächter zwischen Himmel und Erde.

Ich landete auf dem Vorplatz. Meine Flügel zogen sich zurück, und die drachische Kraft in mir trat in den Hintergrund.

Der Tempel war verfallen, doch die Inschriften waren noch immer sichtbar. Geschichten von Leben und Zerstörung, in Stein gemeißelt und von der Zeit gezeichnet.

Wie Narben, die blieben, selbst wenn längst niemand mehr von den Wunden sprach.

Ich rannte durch das Tor, vorbei an den steinernen Marmordrachen, hinein ins Herz des Heiligtums.

Und dort saß er.

Mein Vater erhob sich langsam von seinem steinernen Thron.

Ich blieb abrupt stehen.

Sechs Jahre.

Sechs Jahre hatte ich dieses Gesicht nur in meinen Erinnerungen gesehen.

Was, wenn er sich verändert hatte?

Was, wenn ich mich verändert hatte?

„Warum bleibst du stehen?“

Seine Stimme.

Vertraut und warm, doch von einer rauen Müdigkeit durchzogen, die ich nicht kannte.

Meine Beine setzten sich von selbst in Bewegung und trugen mich zu ihm. Ich fiel in seine Arme, die sich gleichzeitig unendlich vertraut und seltsam fremd anfühlten.

„Nicht so stürmisch, junge Dame“, lachte Tsubasa leise.

Er hielt mich ein wenig von sich weg, um mich anzusehen.

Das Lachen traf mich beinahe härter als seine Worte.

Der Mann vor mir war nicht mehr der, an den ich mich erinnerte.

Es schien, als hätte die Zeit ihn nicht einfach altern lassen, sondern langsam ausgezehrt. Seine Haut war fahl und wirkte dünn, die Falten in seinem Gesicht erinnerten eher an die Rinde eines Baumes, dem das Leben entzogen worden war, als an gewöhnliche Alterserscheinungen.

Seine Augen waren dieselben.

Aber sein Körper …

„Wie ist es dir ergangen, Amaya-chan?“

Seine spröden Lippen verzogen sich zu einem liebevollen Lächeln.

„Ich habe dich vermisst“, brachte ich hervor.

Er strich mir über die Wange. Seine Hand zitterte, doch die Berührung war so zärtlich wie früher.

„Aus dir ist eine richtige Frau geworden.“ Sein Blick ruhte auf meinem Gesicht. „Du siehst deiner Mutter immer ähnlicher.“

Ich schluckte.

Dann setzte er sich wieder. Langsam. Viel zu langsam.

Jeder Atemzug schien ihn Kraft zu kosten.

Die Freude über unser Wiedersehen war noch da, aber sie wurde von etwas anderem verdrängt. Einer Furcht, die ich nicht benennen wollte. Ich hatte sechs Jahre darauf gewartet, ihn wiederzusehen. Jetzt, da er vor mir saß, konnte ich kaum ertragen, wie schwach er wirkte.

„Erzähl mir alles“, bat er. „Was hast du erlebt?“

Ich setzte mich vor ihm auf den Boden, so wie früher, als ich noch ein Kind gewesen war und zu seinen Füßen seinen Geschichten gelauscht hatte.

Und ich begann zu erzählen.

Von Naruto, meinem ersten Freund in Konoha. Von meinen Lehrjahren als Genin und den Missionen, die uns zum Lachen gebracht oder beinahe das Leben gekostet hatten. Vom Weg nach Sunagakure und von den Geschwistern, die so unterschiedlich waren, dass man glauben konnte, sie wären aus verschiedenen Welten gefallen.

Ich erzählte ihm von meinen Schülern, von den Herausforderungen, die sie mir bereiteten, und von den kleinen Fortschritten, die mich manchmal mehr freuten, als ich zugeben wollte.

Und ich erzählte ihm von Gaara.

Vielleicht zu lange. Vielleicht mit zu viel Wärme in der Stimme.

Mein Vater unterbrach mich nicht. Er hörte einfach zu, lächelte, nickte und sah mich manchmal mit einem Ausdruck an, den ich nicht recht einordnen konnte.

Als ich schließlich verstummte, ließ er einen Moment verstreichen.

Dann fragte er leise: „Wie viel bedeutet dir dieser Gaara?“

Ich wich seinem Blick aus. „Was soll die Frage?“

„Beantworte sie.“

Ich ließ mich nach hinten fallen und stützte mich mit den Händen auf dem kalten Steinboden ab.

„Ich weiß es nicht.“

„Doch. Natürlich weißt du es.“

„Aber wozu, Otōsan?“ Ich sah wieder zu ihm auf. „Was bringt es, darüber nachzudenken?“

Sein Lächeln verschwand langsam.

„Weil die Antwort auf diese Frage wichtig ist.“ Seine Stimme hatte plötzlich ein Gewicht, das ich bisher nicht darin gehört hatte. „Nur dann weiß ich, ob du bereit bist für das, was ich dir erzählen will.“

Ich richtete mich ein wenig auf.

Was hatte meine Antwort mit dem zu tun, was er mir sagen wollte?

Und doch musste ich über seine Frage nachdenken.

Woran erkannte man überhaupt, was man für jemanden empfand? War es die Art, wie sich meine Brust zusammenzog, wenn Gaara meinen Namen sagte? Die Wärme, die mich durchströmte, wenn er mich unvermittelt mit einem seiner seltenen, ehrlichen Lächeln bedachte? Oder war es viel einfacher?

Dieses stille Bedürfnis, in seiner Nähe zu sein, selbst wenn wir nichts sagten.

Ich dachte an meine Mutter, die ich nie kennengelernt hatte. Ich kannte sie nur aus den Geschichten, die mein Vater mir erzählt hatte. In seinen Erzählungen hatte sie immer lebendig gewirkt, als wäre sie nur für einen kurzen Moment aus dem Raum gegangen.

Wie hatten die beiden es gewusst?

Gab es einen einzigen Augenblick, in dem alles klar gewesen war?

„Otōsan …“ Ich zögerte. „Wie hast du eigentlich gewusst, dass du Mama liebst? Wann hast du es bemerkt?“

Ein weiches, beinahe wehmütiges Lächeln legte sich auf sein Gesicht.

„Es war kein einzelner Moment, Amaya. Es war, als hätte sich etwas in mir langsam verschoben, bis ich eines Tages erkannte, dass ich nicht mehr zurückwollte.“ Er blickte für einen Moment ins Leere. „Das ich lieber mit ihr durch jeden Sturm gehen würde, als allein unter einem klaren Himmel zu stehen.“

Ich schwieg und ließ seine Worte in mir nachhallen.

Vielleicht war es bei mir ähnlich.

Ich wusste nicht, wann genau es begonnen hatte. Ich konnte keinen bestimmten Augenblick benennen, an dem Gaara aufgehört hatte, einfach nur ein Freund zu sein.

Ich wusste nur, dass ich seine Nähe inzwischen nicht mehr missen wollte. Dass ich mich dabei ertappte, an ihn zu denken, selbst wenn er gar nicht da war. Dass seine Anwesenheit etwas in mir beruhigte, ohne dass ich verstand, warum.

Und dass mich der Gedanke, irgendwann wieder von ihm fortzugehen, mehr beschäftigte, als er sollte.

Ich atmete langsam aus.

„Ich glaube …“ Meine Stimme stockte kurz. „Ich glaube, ich liebe ihn.“

Zum ersten Mal sprach ich es aus. Nicht nur vor meinem Vater.

Auch vor mir selbst.

Tsubasa schwieg. Er stellte keine weitere Frage und machte keine Bemerkung. Stattdessen legte sich ein warmes, zufriedenes Lächeln auf sein müdes Gesicht, als hätte er eine Antwort erhalten, nach der er lange gesucht hatte.

Dann veränderte sich sein Ausdruck.

„Komm näher“, sagte er ernst. „Es ist Zeit, dass ich dir dein Schicksal offenbare.“

Ich richtete mich sofort auf.

„Woher kennst du mein Schicksal?“

„Meian hat es mir mitgeteilt.“

Ich starrte ihn an. „Warum dir? Warum nicht mir?“

„Weil du noch nicht bereit warst.“

„Und jetzt soll ich es sein?“

„Nach allem, was du mir erzählt hast … ja.“

Ich zog misstrauisch eine Augenbraue hoch. „Das klingt nicht gerade nach einer Erklärung.“

Für einen kurzen Moment schien etwas Vertrautes in seinen Augen aufzuflackern. Fast hätte ich geglaubt, er würde über meine Antwort lachen. Doch die Müdigkeit kehrte zurück, und er faltete die Hände in seinem Schoß.

„Meian hat dir eine Aufgabe zugedacht“, sagte er sanft. „Du sollst die Welt beschützen.“

Ich blinzelte.

„Ich soll … die Welt retten?“

Die Worte klangen lächerlich groß. Zu groß für einen Menschen. Zu groß für mich.

Mein Vater sah mich ruhig an.

„Denk darüber nach, Amaya. Warum besitzt du dieselben Kräfte wie Hanabi?“

Mein Blick sank zu Boden.

Warum hoffte man immer, besondere Kräfte wären ein Geschenk?

Und nicht eine Last, die einem auferlegt wurde, bevor man überhaupt verstehen konnte, was sie bedeuteten?

Wir sprachen über die alten Sagen. Über Hanabi. Über Juubi. Über Akatsuki und das Genjutsu, mit dem die Welt versklavt werden sollte.

Je mehr mein Vater erklärte, desto deutlicher wurde mir, wie wenig ich tatsächlich wusste.

„Um das zu verhindern“, fuhr er schließlich fort, „musst du dich mit Meian verbinden.“

Ich hatte den Blick zur Decke des Tempels erhoben. Hoch über uns ragte das Abbild der zweischwänzigen Gottheit aus dem Stein: der Drache des Lebens und des Todes.

Meian.

Ein raues Husten zerriss die Stille. Ich fuhr herum.

„Otōsan?“

Er krümmte sich nach vorn. Ein Hustenanfall schüttelte seinen Körper, heftiger als der erste. Er versuchte, Luft zu holen, doch sein Atem ging stoßweise. Dann lief Blut über seine Lippen.

„Nein!“

Ich war sofort bei ihm, fing ihn auf und hielt ihn fest.

„Otōsan, sieh mich an!“

Sein Körper fühlte sich erschreckend leicht an.

„Ich bringe dich zu Melchor-hakase. Jetzt sofort!“

Ich versuchte, ihn aufzurichten. Er konnte kaum stehen, und jeder Atemzug schien ihm Schmerzen zu bereiten. Ich legte seinen Arm um meine Schultern und stützte ihn so gut ich konnte.

Wir hatten den Ausgang kaum erreicht, als das Geräusch kräftiger Flügelschläge durch die Stille drang.

Mandura landete vor dem Tempel.

„Ich bringe ihn“, sagte der Drache ruhig.

Zu ruhig.

„Aber…“

„Amaya-chan …“

Mein Vater hob schwach die Hand. Seine Stimme war kaum mehr als ein Hauch.

Ich wandte mich sofort zu ihm.

„Die Kette …“ Er musste zwischen den Worten nach Luft ringen. „Sie ist der Schlüssel zu einem Buch. Ikaru-oniichan … weiß, welches.“

Ich nickte, obwohl sich meine Kehle bereits zugeschnürt hatte.

„Ich habe dich lieb, mein Schatz“, flüsterte er. „Pass gut auf dich auf.“

„Otōsan …“

Ich wollte noch so viel sagen. Ich wollte ihm sagen, dass ich ihn gerade erst wiedergefunden hatte. Dass er mich nicht noch einmal verlassen durfte. Dass ich sechs Jahre lang nach ihm gesucht hatte und nicht bereit war, ihn jetzt wieder gehen zu lassen.

Doch keines dieser Worte kam über meine Lippen.

Mandura beugte sich zu ihm hinunter und hob ihn vorsichtig auf seinen Rücken. Dann breitete er die Flügel aus.

Ich machte einen Schritt nach vorn, als könnte ich sie dadurch aufhalten.

Aber ich wusste nicht, was ich tun sollte.

Mandura stieg auf.

Ich sah ihnen nach, bis sie hinter den Felsen verschwanden.

Ich wusste, dass ich fliegen sollte. Dass ich zu Luna zurückkehren musste. Dass mein Vater mir gerade etwas aufgetragen hatte, das vermutlich wichtiger war als alles, womit ich mich bisher beschäftigt hatte.

Aber mein Körper bewegte sich nicht.

Ich stand einfach da und starrte auf den leeren Himmel.

Erst als die Stille des Tempels mich zu ersticken drohte, breitete ich meine Flügel aus.

Und flog.

Mit einer Gewissheit, die sich tief in meiner Brust festsetzte und mir bei jedem Flügelschlag den Atem nahm:

Ich hatte sechs Jahre darauf gewartet, meinen Vater wiederzusehen.

Und tief in mir wusste ich, dass dies das letzte Mal gewesen war.