Eine andere Seite (Gaaras Sicht)
Eine andere Seite (Gaaras Sicht)
Ich war auf dem Rückweg von einer Ratssitzung, die sich deutlich länger hingezogen hatte als geplant, als mein Blick zu Amayas Wohnung hinaufwanderte.
Ich blieb stehen.
Ihr Fenster war geöffnet und Licht brannte.
Früher wäre mir das vermutlich nicht einmal aufgefallen. Jetzt blieb ich mitten auf der Straße stehen und sah hinauf. Dabei spürte ich etwas, das sich nur schwer als bloße Neugier abtun ließ.
Ihr Verschwinden vor drei Tagen hatte mich mehr beschäftigt, als ich mir eingestehen wollte. War sie wirklich zurück? Ging es ihr gut? Ich wollte mich vergewissern, dass das Licht in ihrem Fenster bedeutete, dass sie wieder zu Hause war.
Der Sand unter meinen Füßen begann sich beinahe von selbst zu bewegen. Er hob sich leicht, bereit, mich zum Fenstersims hinaufzutragen.
Es wäre einfach gewesen. Schnell. Niemand hätte es bemerkt.
Doch ich hielt inne.
Was genau erhoffte ich mir davon, ungefragt durch ihr Fenster zu steigen? Dass sie sich freute, mich dort vorzufinden? Oder war es lediglich meine eigene Ungeduld, die keinen Aufschub duldete?
Der Sand sank zurück auf die Straße.
Es war ihre Wohnung. Ihr Rückzugsort. Die Sorge um sie gab mir nicht das Recht, einfach einzudringen, nur weil ich dazu in der Lage war. Wenn ich wollte, dass sie mir vertraute und mir Dinge erzählte, die sie sonst niemandem anvertraute, musste ich auch ihre Grenzen respektieren.
Gerade dann, wenn es mir schwerfiel.
Ich setzte meinen Weg fort, diesmal mit schnelleren Schritten, und ging zum Wohnturm hinauf. Vor ihrer Tür blieb ich stehen, klopfte und wartete.
Keine Antwort.
Aus dem Inneren drang ein leises Plätschern. Vermutlich kam es aus dem Bad.
Ich überlegte, noch einmal zu klopfen, entschied mich dann aber dagegen. Stattdessen lehnte ich mich neben der Tür an die Wand und wartete. Nach einer Weile verstummte das Wasser. Es folgten Schritte, dann das Klicken des Schlosses.
Die Tür öffnete sich einen Spalt.
Amaya stand vor mir, ein Handtuch um ihre nassen Haare gewickelt und in einen Kimono gekleidet. Sie sah mich überrascht an.
„Gaara? Was machst du hier?“
Ich stieß mich von der Wand ab. Plötzlich war ich mir nicht mehr sicher, wie ich mein Erscheinen erklären sollte, ohne aufdringlich zu wirken.
„Ich wollte wissen, ob es dir gut geht.“
Ihr Blick huschte an mir vorbei den Flur hinunter und kehrte dann zu mir zurück. Bevor ich ihre Reaktion richtig einordnen konnte, packte sie mich am Handgelenk und zog mich so hastig ins Zimmer, dass ich beinahe über meine eigenen Füße stolperte.
„Bist du wahnsinnig, hier vor meiner Tür zu warten?“ zischte sie und zog die Tür hinter uns ins Schloss, als hätte sie einen unsichtbaren Verfolger abgeschüttelt. „Wenn Temari dich hier findet, noch dazu vor meiner Tür wartend wie ein …“
Sie brach ab und schüttelte den Kopf, als wollte sie den Gedanken lieber nicht zu Ende führen.
Ich sah sie verwirrt an. „Wäre das so schlimm?“
„Sie würde niemals wieder aufhören, mich damit aufzuziehen.“
Amaya presste kurz die Hand gegen ihre Stirn. Dann lachte sie leise über sich selbst.
„Entschuldige. Reflex.“
Trotz meiner Verwirrung musste ich lächeln. Diese Reaktion hatte ich nicht erwartet. Sie hatte mich regelrecht in ihre Wohnung gezerrt, nur um zu verhindern, dass meine Schwester uns gemeinsam vor ihrer Tür sah.
Amaya war schnell. Sehr schnell.
Sie sah mich wieder an.
„Und du hast einfach … gewartet? Draußen?“
„Es erschien mir angemessener, als einfach hineinzukommen.“
Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich kaum merklich. Etwas in ihrem Blick wurde weicher, eine stille Anerkennung, die sie nicht aussprach und die ich vielleicht nur deshalb bemerkte, weil ich inzwischen auf solche Kleinigkeiten bei ihr achtete.
„Das war unnötig rücksichtsvoll von dir“, sagte sie schließlich. „Aber danke.“
Noch immer hing der Dampf aus dem Bad wie ein leichter Schleier im Flur.
Erst jetzt nahm ich wirklich wahr, wie sie vor mir stand. Der Kimono schmiegte sich an ihre noch feuchte Haut, und der lockere Ausschnitt ließ mehr erkennen, als ich erwartet hatte. Auch ihre Beine waren teilweise sichtbar.
Der Anblick traf mich unvorbereitet.
Ich zwang mich, den Blick wieder auf ihr Gesicht zu richten. Es war nicht der richtige Zeitpunkt, mich von solchen Dingen ablenken zu lassen. Ich war hierhergekommen, weil ich mir Sorgen um sie machte.
Amaya schien dennoch bemerkt zu haben, dass ich für einen Moment nicht gewusst hatte, wohin ich sehen sollte. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Nicht unbedingt verlegen, eher abwartend.
„Ich habe eigentlich nicht mit deinem Besuch gerechnet, Gaara. Gibt es etwas Wichtiges?“
Sie klang, als wäre ich geschäftlich zu ihr gekommen.
„Ich wollte wissen, ob es dir gut geht.“
„Wie du siehst, geht es mir gut. Danke der Nachfrage.“
Sie antwortete mir sofort, in einem schnellen Ton und es war nicht allein das, was sie sagte, sondern die Art, wie sie es sagte. Ihre Worte klangen wie eine Schutzmauer, hinter der sie etwas verbarg.
„Amaya, ich habe nicht den Eindruck, dass alles in Ordnung ist.“
Sie antwortete nicht. Stattdessen drehte sie sich um und ging in Richtung Schlafzimmer.
Ich folgte ihr, ohne zu wissen, ob sie mir überhaupt etwas erzählen würde.
Mit einer geübten Bewegung öffnete sie den Wandschrank und verschwand dahinter. Ich blieb im Türrahmen stehen.
„Arbeitest du nicht eigentlich noch um diese Uhrzeit?“, fragte sie aus dem Schrank heraus.
„Wenn ich das Licht in deinem Fenster nicht gesehen hätte, säße ich wieder im Büro.“ Das war die Wahrheit, und dass ich gerade hier stand, war mehr Zufall als geplant.
Die Schranktür schloss sich. Kurz darauf kam Amaya wieder zum Vorschein, nun in einem schlichten Sweatshirt und einer knielangen Hose. Sie sah aus wie immer, und doch wirkte sie auf mich ungewohnt still.
Sie streckte sich kurz und ging zurück ins Bad.
„Darf man fragen, wo du warst?“, fragte ich und folgte ihr, blieb jedoch erneut im Flur stehen.
„Zu Hause“ antwortete sie aus dem Bad und kam mit einer Haarbürste zurück. Lief wieder an mir vorbei ins Schlafzimmer. Ich stellte mich wieder in den Türrahmen nicht wissend wohin mit mir.
„Was ist passiert, dass du drei Tage lang weg warst?“, konfrontierte ich sie direkt und machte mich auf einen rausschiss gefasst.
„Mein Vater ist wieder aufgetaucht.“ Amaya fuhr sich durch die Haare, als hätte diese Information keinerlei Gewicht. Doch ich bemerkte die feine Spannung in ihren Schultern.
„Warum ist er wieder aufgetaucht?“, fragte ich nach und lehnte mich an den Türrahmen.
„Seine Reise war zu Ende“, sagte sie.
Ihre Stimme klang traurig. Zu traurig, wenn man bedachte, wie sehr sie ihn vermisst hatte. Hätte seine Rückkehr nicht etwas Gutes sein müssen?
„Ist etwas zwischen euch vorgefallen? Ist er noch da?“, harkte ich nach.
Ihre Hand hielt mitten in der Bewegung innen und sie ließ die Bürste sinken. „Nein, ist er nicht.“
Nicht? War er etwa wieder gegangen?
„Solltest du nicht eigentlich arbeiten? Papiere unterschreiben oder so?“ Ihre Stimme klang matter als sonst, als würde sie jedes Wort durch eine dicke Schicht Watte sagen.
„Eigentlich schon“, murmelte ich.
Ich stieß mich vom Türrahmen ab und trat neben sie. „Aber das kann warten.“
Im Spiegel konnte ich ihr Gesicht sehen. Sie hatte damit begonnen ihre Haare zu einem lockeren Zopf zu flechten. Ihre Bewegungen waren langsamer als gewöhnlich, beinahe mechanisch, als würde sie die einzelnen Handgriffe nur noch aus Gewohnheit ausführen.
„Ich bin echt ziemlich fertig, Gaara. Ich habe gerade keinen Nerv, um zu reden.“ Sie wich meinem Blick aus.
Ihre Worte zogen etwas in meiner Brust zusammen. Ich wusste nicht, was in den letzten drei Tagen geschehen war. Ich wusste nur, dass sie verschwunden gewesen war, ohne mir sagen zu können, wann sie zurückkommen würde. Und nun stand sie vor mir, erschöpft und mit einer Traurigkeit, die sie nicht verbergen konnte.
„Ist es wegen dem, was auch immer dich die letzten drei Tage weggehalten hat?“
Ich hatte versucht, die Frage so behutsam wie möglich zu stellen. Trotzdem hielt sie inne.
Für einen Moment sagte sie nichts. Sie starrte lediglich auf ihr Spiegelbild.
„Ja“, sagte sie schließlich. So leise, dass ich sie beinahe nicht verstanden hätte.
Sie wandte sich von mir ab und setzte sich aufs Bett. Ihre Schultern sanken nach vorn, als hätte sie plötzlich nicht mehr die Kraft, sie aufrecht zu halten.
Ich ging zu ihr und hockte mich vor sie, damit sie nicht zu mir aufsehen musste.
„Amaya …“ Ich suchte nach Worten, die nicht wie ein Vorwurf klangen. „Das letzte Mal, als ich dich gesehen habe, bist du verschwunden, als wäre die Welt untergegangen.“
Ich hielt kurz inne. „Natürlich mache ich mir Sorgen.“
Sie presste die Lippen zusammen. Ihre Augen waren leicht gerötet, und für einen Moment sah es aus, als wollte sie etwas sagen. Doch dann schüttelte sie nur schwach den Kopf.
„Darf ich erfahren, was vorgefallen ist?“
„Ich … kann nicht“, flüsterte sie beinahe entschuldigend.
„Warum nicht?“
„Weil ich nicht weiß, wie ich es in Worte fassen soll, ohne … zusammenzubrechen.“ Ihre Stimme drohte bereits zu brechen.
Ich verstand, dass sie nicht schwieg, weil sie mir nicht vertraute, sondern weil sie selbst noch nicht in der Lage war, auszusprechen, was geschehen war.
„Dann lass mich einfach hier sein“, sagte ich leise. „Du musst mir nichts erklären.“
Es tat weh, sie so leiden zu sehen. Gleichzeitig wusste ich nicht, was ich sonst tun konnte. Ich konnte ihr den Schmerz nicht abnehmen. Alles, was mir blieb, war, ihr zuzuhören, falls sie irgendwann dazu bereit war.
Sie sah mich lange an, als müsste sie erst entscheiden, ob sie mir glauben konnte.
„Mein Vater ist gestorben.“
Ich hielt den Atem an. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich wusste, wie sehr sie sich gewünscht hatte ihn wieder zu sehen und jetzt war er für immer gegangen.
„Mein Beileid“, brachte ich schließlich hervor.
Es waren unzureichende Worte. Ich wusste es, während ich sie aussprach. Doch mir fiel nichts ein, das ihren Schmerz hätte lindern können.
Amaya nickte nur. Dann brach sie zusammen.
Ihr Körper begann zu zittern, und plötzlich weinte sie so heftig, dass jeder Gedanke in meinem Kopf verstummte. Ich hatte sie kämpfen sehen, hatte erlebt, wie sie selbst in schwierigen Situationen die Kontrolle behielt. Doch nichts davon hatte mich darauf vorbereitet, sie so zu sehen.
Ich legte vorsichtig einen Arm um sie.
So hatte Temari es früher bei uns getan, wenn einer von uns nicht wusste, wohin mit seinem Schmerz. Sie hatte uns einfach an sich gezogen, ohne viele Fragen zu stellen.
Ich wusste nicht, ob ich es genauso gut konnte wie sie.
Aber ich konnte es versuchen.
Amaya schmiegte sich an mich und vergrub das Gesicht in meiner Schulter. Ihr Schluchzen erschütterte ihren ganzen Körper. Die Stärke, die sie sonst so selbstverständlich ausstrahlte, war verschwunden. Vor mir saß nur noch eine erschöpfte junge Frau, die gerade ihren geliebten Vater verloren hatte.
Ich hielt sie fest, denn mehr konnte ich nicht tun.
Also blieb ich bei ihr, während die Zeit verging und ihr heftiges Schluchzen allmählich in leises Schniefen überging.
Als sie schließlich den Kopf hob, waren ihre goldenen Augen noch immer voller Tränen. Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Wangen und atmete zittrig ein.
„Ich wollte nicht so schroff zu dir sein“, sagte sie. „Es tut mir leid, dass ich dich so angefahren habe. Ich habe kaum geschlafen. Ich bin einfach … fertig.“
„Willst du, dass ich gehe?“
Die Frage fiel mir schwerer, als sie sollte. Ein Teil von mir wollte bleiben, bis ich sicher war, dass es ihr besser ging. Doch ich wollte nicht, dass meine Anwesenheit zu einer weiteren Belastung für sie wurde.
„Nein.“ Sie schüttelte leicht den Kopf und wischte sich die letzten Tränen von den Wangen, bevor sie mich wieder ansah.
„Du bist verrückt, Gaara.“
Ich runzelte die Stirn. „Warum?“
Ich konnte den Gedankengang nicht nachvollziehen.
Sie schnaubte leise, obwohl ihre Stimme noch immer brüchig klang. „Weil du sicher zehntausend wichtigere Dinge zu tun hast, als hier auf meinem Bett herumzusitzen.“
„Nichts davon läuft mir weg.“ Ich hielt kurz inne. „Du aber warst weg, und ich wusste nicht, ob …“
Ich brach ab. Es war schwierig, die Sorge in Worte zu fassen, ohne ihr das Gefühl zu geben, sich für ihr Verschwinden rechtfertigen zu müssen.
„Ich bin einfach froh, dass du wieder hier bist“, sagte ich schließlich.
Etwas in ihrem Gesicht wurde weicher.
„Danke für deine Sorge, Gaara. Und dafür, dass du geblieben bist.“
Ich öffnete den Mund, schloss ihn aber wieder.
Sie bedankte sich bei mir. Dabei hatte ich nichts getan, außer bei ihr zu sitzen und sie zu halten, während sie weinte. Ich wusste nicht, ob das etwas war, wofür man sich bedanken musste. Und selbst wenn, wusste ich nicht, was ich darauf erwidern sollte.
„Ich …“, begann ich, verstummte jedoch erneut.
Amaya legte eine Hand auf meinen Oberschenkel.
„Schon in Ordnung. Du musst darauf nichts erwidern“, sagte sie, noch bevor ich die Worte in meinem Kopf zu Ende formen konnte.
Ich sah zu ihr hinunter.
„Ich wollte für dich da sein.“
Es war die Wahrheit und trotzdem fühlte sie sich merkwürdig ungeschützt an, sobald ich sie ausgesprochen hatte. Als hätte ich etwas von mir preisgegeben, ohne vorher darüber nachzudenken, ob ich es sollte.
Ihre Augen leuchteten ein wenig auf, und ein müdes Lächeln umspielte ihre Mundwinkel.
„Dann hoffe ich, dass du dir in den letzten Tagen nicht allzu viele Sorgen gemacht hast.“
Ein leises Lachen entwich mir. Bei dem Gedanken daran, wie Temari mich beinahe aus meinem Büro gedrängt hatte, fiel es mir schwer, etwas anderes zu sagen.
„Ein wenig.“
Ich machte eine kurze Pause.
„Aber ich wusste, dass du zurückkommen würdest. Das hat es leichter gemacht.“
„Das ist gut“, sagte sie leise.
Dann ließ sie den Kopf wieder auf meine Schulter sinken und schloss halb die Augen.
Mein Herz schlug schneller. Dabei war ihre Berührung vollkommen harmlos. Sie lehnte sich lediglich an mich, weil sie müde war und offenbar nicht allein sein wollte. Es gab keinen Grund, mich deswegen so sehr auf meinen eigenen Herzschlag zu konzentrieren.
Trotzdem wagte ich es kaum, mich zu bewegen. Mein linker Arm lag noch immer um ihre Schultern, und ich wollte sie nicht dazu bringen, sich aufzurichten, nur weil ich nicht wusste, wohin mit meiner Hand.
Nach einer Weile sprach ich sie leise an.
„Amaya, du solltest schlafen gehen, wenn du müde bist.“
Sie holte tief Luft.
„Ja, du hast recht.“
Sie setzte sich wieder auf und ließ sich anschließend langsam seitwärts aufs Bett sinken.
Dabei schien sie allerdings nicht bedacht zu haben, dass ihre Beine noch immer über die Bettkante hinausragten.
Ich betrachtete die Position, in der sie nun lag, die ausgesprochen uneffektiv aussah.
„Soll ich gehen, damit du schlafen kannst?“ Ich blickte fragend zu ihr hinab.
„Die Frage hatten wir schon mal“, sagte sie nüchtern.
„Hat sich deine Antwort inzwischen geändert?“
„Nein.“ Sie drehte den Oberkörper halb zu mir. Sah mich von unten herauf an. „Wenn du Zeit hast, kannst du gerne bleiben."
„Gut.“
Mehr musste ich dazu nicht sagen.
Ich rückte ein Stück nach hinten, bis ich mich mit dem Rücken an der Wand anlehnen konnte. So war es deutlich bequemer.
Mein Blick fiel wieder auf Amaya. Sie lag noch immer halb auf der Seite, die Beine über die Bettkante hinaus. Ich musste ein kleines Lächeln unterdrücken. Bequem war das vermutlich nicht.
„Wie ist es eigentlich bei dir zu Hause?“, fragte ich, weil ich versuchte hatte mir diesen Ort vorzustellen. „Dort, wo die Drachen leben?“
Amaya drehte sich auf den Rücken und blickte zur Decke, als könnte sie dahinter den Himmel sehen.
„Meine Heimat ist alt und bergig. Viel Wald, viele Flüsse, viel Wind. Wir bauen unsere Häuser an die Hänge. Drachen lieben die Höhe. Es gibt nichts Schöneres, als oben zu stehen und das Wasser unter sich vorbeiziehen zu sehen.“
Man konnte hören, wie sehr sie dieses Land liebte.
Es war eine Veränderung, die mir auffiel. Noch vor wenigen Minuten hatte sie kaum sprechen können. Jetzt klang ihre Stimme lebendiger.
„Was schätzt du daran am meisten?“, fragte ich.
Sie atmete langsam aus.
„Die Geborgenheit. Dass mir einfach alles vertraut ist.“ Ihre Stimme wurde leiser.
Geborgenheit.
Ich ließ das Wort auf mich wirken.
Ich kannte Vertrautheit. Suna war mir vertraut. Ich selber wusste nicht, ob ich Sunagakure so betitel konnte und bei Amaya wusste ich erst recht nicht, ob diese Stadt für sie jemals mehr als ein Ort sein konnte, an dem sie eine Weile geblieben war. Wenn ihre Heimat dieses Gefühl in ihr hervorbrachte, was fühlte sie hier in Suna?
„Und Suna?“, fragte ich. „Hat sich dieser Ort für dich jemals ähnlich angefühlt?“
Amaya wandte den Kopf zu mir. Sie wirkte nicht abweisend, aber nachdenklich. Sie nahm sich Zeit, die Frage ernst zu nehmen.
„Nein, es ist anders. Ich habe hier meine Arbeit, die Kids und euch als Freunde. Es ist alles wärmer hier.“ Sie schwieg kurz. „Und trotzdem ist es nicht dasselbe. Ich glaube, das eine lässt sich nicht mit dem anderen vergleichen.“
Ich nickte leicht.
Ein Teil von mir hatte auf eine andere Antwort gehofft. Auf etwas, das mir versicherte, dass sie bleiben wollte. Doch sie hatte gerade ihren Vater verloren. Ich wusste nicht, was dieser Verlust für sie bedeutete, was er in ihr verändert hatte oder wohin ihre Gedanken sie in den nächsten Wochen führen würden.
Es wäre falsch gewesen, sie jetzt um eine Antwort zu bitten, die sie vielleicht selbst noch nicht kannte.
Trotzdem stellte ich mir vor, wie sie eines Tages ihre Sachen packte und Suna verließ. Wie selbstverständlich sie sich von uns verabschiedete, vielleicht noch mit einem ihrer trockenen Kommentare, und dann einfach ging.
Der Gedanke gefiel mir nicht. Aber ich hatte keinen Einfluss darauf.
„Mehi attea mara“, sagte sie plötzlich.
Ich wandte den Blick zu ihr. Für einen Augenblick war ich mir nicht sicher, ob ich die Worte richtig gehört hatte.
„Was bedeutet das?“
Ihre goldenen Augen fanden meine.
„Meine zweite Heimat.“
Ein sanftes Lächeln legte sich auf ihre Lippen.
„Das ist es, was Suna für mich ist“, erklärte sie. „Das Gefühl, angekommen zu sein. Dazuzugehören.“
Ich sah sie an, ohne sofort zu antworten.
Meine zweite Heimat.
Vor wenigen Augenblicken hatte sie noch gesagt, dass Suna nicht mit ihrer eigentlichen Heimat zu vergleichen war. Jetzt verstand ich, dass ich die Frage vielleicht falsch gestellt hatte. Ich hatte wissen wollen, ob dieser Ort für sie dasselbe sein konnte wie das Land, in dem sie aufgewachsen war.
Aber das musste er gar nicht.
Eine zweite Heimat musste die erste nicht ersetzen. Sie musste nicht dieselben Erinnerungen tragen oder sich auf dieselbe Weise vertraut anfühlen. Vielleicht durfte sie einfach etwas anderes sein. Etwas, das mit der Zeit gewachsen war, ohne dass Amaya es geplant hatte.
Und vielleicht hatte ich deshalb so sehr wissen wollen, was Suna für sie bedeutete.
Nicht nur, weil ich verstehen wollte, wo sie sich zu Hause fühlte.
Sondern weil ich wissen wollte, ob sie bleiben könnte.
Ihr Blick ruhte noch immer auf mir. Dann schien sie selbst zu bemerken, was sie gerade gesagt hatte. Für einen kurzen Moment lag etwas Verletzliches in ihrem Gesicht, bevor sie die Augen wieder zur Decke wandte.
Ich wollte ihr sagen, wie viel mir diese Worte bedeuteten. Dass es mich erleichterte, sie nicht nur als Besucherin zu sehen, die irgendwann weiterziehen würde. Dass ihre Anwesenheit längst zu meinem Alltag gehörte und ich erst während der vergangenen drei Tage verstanden hatte, wie sehr.
Doch all das wäre zu viel gewesen.
Vielleicht auch für mich selbst.
„Dann bin ich froh“, sagte ich schließlich, leiser als beabsichtigt, „dass du sie hier in Suna gefunden hast.“
Sie antwortete nicht. Ich wusste nicht, ob sie in meinen Worten mehr hörte, als ich ausgesprochen hatte.
Ich selbst tat es jedenfalls. Ich war froh, dass sie Suna gefunden hatte. Dass sie hier war, bei den Kindern, bei Temari und Kankurō.
Bei mir.
Der letzte Gedanke blieb länger, als mir lieb war.
Ich rutschte wieder zur Bettkante, um der Versuchung zu widerstehen, sie aus Erleichterung, dass sie wieder hier war und auch erst mal bleiben würde, in meine Arme zu nehmen.
Und ich wusste auch nicht, ob sie diese Nähe gerade wollte. Sie hatte mir bereits mehr erzählt, als sie vermutlich vorgehabt hatte. Ich wollte nicht aus ihrer Erschöpfung eine Gelegenheit machen.
Also blieb ich, wo ich war.
Ein langes Gähnen unterbrach die Stille. Amaya blinzelte müde und zog die Arme vor sich zusammen.
„Du solltest wirklich schlafen“, sagte ich.
„Mhm.“
Sie drehte sich auf die Seite, als wäre die Unterhaltung damit beendet. Ihre Augen fielen langsam zu.
Ich hätte jetzt gehen sollen. Sie brauchte Ruhe, und ich hatte keinen Grund, sie länger wach zu halten.
Trotzdem blieb ich sitzen, weil meine Beine mir nicht gehorchten und lauschte ihrem gleichmäßigen Atmen.
„Gaara?“, murmelte sie.
„Ja?“
„Kannst du das Licht ausmachen?“
Ich erhob mich langsam und schaltete es aus. Die Dunkelheit legte sich über den Raum. Von draußen drang das gedämpfte Murmeln der Stadt herein, während sich meine Augen langsam an das schwache Licht gewöhnten.
Amaya atmete ruhig. Ich konnte nicht erkennen, ob sie bereits eingeschlafen war. Sollte ich gehen?
Ich sah zum Fenster hinaus, über die Dächer Sunas, hinauf zu den leise funkelnden Sternen, und dachte an das Sommerfest, das in wenigen Tagen bevorstand.
Die Frage hatte ich schon seit Tagen mit mir herumgetragen und mir verschiedene Formulierungen überlegt. Jede davon hatte ich wieder verworfen. Manche klangen zu förmlich, andere zu unverbindlich. Keine schien richtig auszudrücken, was ich eigentlich wollte.
Dabei war die Frage an sich einfach.
Doch ich wollte ihr diese nicht aufdrängen. Ich wollte, dass sie erhlich entschied. Vielleicht war das nicht der richtige Moment. Sie war erschöpft, verletzlich, in tiefer Trauer. Es wäre besser, zu warten.
Ich sah zu ihr hinüber. Ihr Gesicht lag halb im Kissen, ihre Augen waren geschlossen. Sie sah erschöpft aus, aber nicht mehr so angespannt wie vorhin.
Ich könnte die Frage auf einen anderen Abend verschieben. Auf einen Moment, in dem sie ausgeruhter war und ich sicher sein konnte, dass sie sich nicht verpflichtet fühlte.
Aber ein anderer Teil von mir wollte es einfach wissen.
Vielleicht auch deshalb, weil ich in ihrer Abwesenheit erst gemerkt hatte, wie sehr ich mich darauf freute, diesen Abend mit ihr zu verbringen.
Jetzt war sie wieder hier und ich wollte nicht noch einen weiteren Tag darüber nachdenken. Das war unnötig. Es wäre nur ein hinauszögern der Dinge und die Entscheidung lag bei ihr. Egal ob morgen oder jetzt.
„Amaya?“, ich räusperte mich.
„Ja?“
Ihre Augen öffneten sich langsam. Sie war also doch noch wach.
Mein Herz schlug plötzlich so schnell, dass ich mich darüber ärgerte. Ich hatte schwierige Gespräche geführt, Entscheidungen getroffen, von denen das ganze Dorf betroffen war, und vor versammeltem Rat meine Position verteidigt. Und nun brachte mich eine einfache Einladung aus dem Gleichgewicht.
Ich ließ die sorgfältig vorbereiteten Worte fallen.
„Hättest du Lust, mich zum Sommerfest zu begleiten?“
Für einen Moment blieb es still.
Dann sah ich ihre goldenen Augen im Dunkeln.
„Du willst mich als deine Begleitung?“
„Ja.“
Ich konnte ihren Gesichtsausdruck kaum erkennen. Für einen kurzen Augenblick fragte ich mich, ob ich die Frage zu spät gestellt hatte oder ob sie sich wunderte, warum ich ausgerechnet jetzt damit anfing.
Dann lächelte sie.
„Ich begleite dich gerne.“
Die Anspannung in meiner Brust löste sich so plötzlich, dass ich beinahe die Augen geschlossen hätte. Ich hatte mich auf eine Absage vorbereitet. Nicht, weil ich glaubte, sie würde mich absichtlich verletzen, sondern weil ich wusste, dass sie mir nichts schuldete.
Dass sie Ja sagte, bedeutete mir mehr, als ich erwartet hatte.
„Aber ich kann nicht tanzen“, fügte sie hinzu.
Ich musste lächeln.
„Das glaube ich kaum. Du kämpfst sehr elegant.“
Ein leises Lachen kam aus ihrer Richtung.
„Es ist ein Unterschied, ob man mit oder gegen jemanden geht.“
„Dann begleitest du mich also?“, fragte ich, obwohl sie mir bereits geantwortet hatte.
„Ja.“ Ihre Stimme bekam einen spielerischen Klang. „Oder soll ich das schriftlich einreichen, Herr Kazekage?“
„Nein“, murmelte ich.
Diesmal konnte ich ein Lächeln nicht verhindern.
Es war nur eine Einladung. Nur ein Abend auf einem Fest, das jedes Jahr stattfand.
Und doch hatte sich etwas verändert. Nicht zwischen uns, dafür war es zu früh, um das zu behaupten. Aber in mir. Ich hatte ausgesprochen, was ich wollte, und ihr die Möglichkeit gegeben, selbst zu entscheiden.
Sie hatte zugestimmt.
Für diesen Moment genügte mir das.
„Gute Nacht, Amaya.“
„Gute Nacht, Gaara.“ Ihre Stimme klang schon wieder schläfrig. Dann hielt sie mich noch einmal zurück. „Kannst du mir einen Gefallen tun?“
Ich drehte mich zu ihr um.
„Natürlich.“ Ich hätte ihr gerade jeden Wunsch erfüllt.
„Sag Temari bitte noch nicht, dass ich zurück bin.“
Ich musste an meine Schwester denken. An die Fragen, die sie mir stellen würde, sobald sie davon erfuhr, und an die Kommentare, die vermutlich folgen würden, wenn sie herausfand, dass ich Amaya in ihrem Schlafzimmer besucht hatte.
„Ich sage nichts.“
„Gut.“ Sie schob das Gesicht ein wenig tiefer ins Kissen. „Und zieh die Tür ordentlich ran, wenn du gehst.“
„Mache ich.“
Ich wartete einen Augenblick, falls sie noch etwas sagen wollte. Doch sie hatte die Augen bereits wieder geschlossen.
Also verließ ich die Wohnung und zog die Tür leise hinter mir zu.
Im Flur blieb ich stehen.
Hinter dieser Tür lag Amaya. Sie war zurück in Sunagakure, und zum ersten Mal seit drei Tagen musste ich mich nicht fragen, ob sie wiederkommen würde.
Ich legte kurz die Fingerspitzen an das Holz. Die Geste war sinnlos, und ich nahm die Hand wieder weg, bevor ich mich dabei ertappen konnte, länger dort stehen zu bleiben.
Sie brauchte Schlaf. Ich musste sie nicht bewachen, und ich musste mich auch nicht davon überzeugen, dass sie wirklich da war.
Trotzdem fühlte sich der Gedanke, dass sie nur wenige Schritte entfernt schlief, beruhigend an.
Ich wandte mich ab und machte mich auf den Weg zu meinem eigenen Schlafbereich. Meine Schritte waren leichter als zuvor.
Amaya war wieder da.
Und in wenigen Tagen würde sie an meiner Seite zum Sommerfest gehen.
Zum ersten Mal freute ich mich auf etwas, das nicht geplant, befohlen oder erledigt werden musste.
Einfach auf einen Abend mit ihr.