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Das letzte Fest (Amayas Sicht)

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Das letzte Fest (Amayas Sicht)

Die Stille des Morgens legte sich wie ein sanfter Schleier um mich, als ich bemerkte, dass Gaara sich an meine Bitte gehalten hatte. Kein Klopfen. Keine Stimme, die mich durch die Tür hindurch zum Frühstück scheuchte.

Ich atmete erleichtert aus und blieb noch einen Moment liegen. Für ein paar Minuten gehörte der Morgen nur mir. Keine Fragen, keine neugierigen Blicke, keine Erklärung dafür, wo ich die letzten drei Tage gewesen war.

Vor allem keine Temari.

Der Gedanke an ihr Gesicht, sobald sie herausfand, dass ich wieder da war, reichte aus, um mich endgültig aus dem Bett zu treiben. Sie würde Fragen stellen. Viele Fragen. Und vermutlich würde sie schon an meiner ersten Antwort merken, wenn ich ihr nicht die ganze Wahrheit sagte.

Dafür war ich noch nicht bereit.

Also ließ ich das Frühstück ausfallen, zog mich an und machte mich direkt auf den Weg zu meinen Schülern.

Natürlich wollten auch sie wissen, wo ich gewesen war.

Kaum hatte ich sie begrüßt, sahen sie mich erwartungsvoll an.

Für einen kurzen Moment wusste ich nicht, was ich sagen sollte.

Ich spürte das Ziehen in meiner Brust bei dem Gedanken an die Ereignisse, die ich hinter mir gelassen hatte. Ein Atemzug, ein flüchtiges Lächeln, und ich ließ die Lüge über die Lippen gleiten: „Ich war auf einer Auswärtsmission."

Hinaka nickte verständnisvoll. Roku schien erleichtert, während Yuki mich noch einen Moment länger ansah. Vielleicht hatte sie bemerkt, dass etwas nicht stimmte. Vielleicht bildete ich mir das auch nur ein.

Ich schenkte ihnen ein flüchtiges Lächeln und wandte mich ab, bevor jemand genauer nachfragen konnte.

Zum Glück hielt ihre Neugier nicht lange an.

„Und was machen wir heute?“, fragte Tako, der bereits ungeduldig von einem Fuß auf den anderen trat.

Ich musste beinahe lächeln. Natürlich. Kaum war die Frage nach meiner Abwesenheit geklärt, wollten sie wissen, was ich für sie geplant hatte.

„Heute gibt es etwas anderes als gewöhnliches Training.“

Fünf Augenpaare richteten sich auf mich.

„In vier Tagen beginnt das Sommerfest. Bis dahin gibt es in der Stadt genug zu tun, und wir werden dabei helfen.“

Ich erklärte ihnen die Aufgaben, die ich für die Gruppe ausgesucht hatte: Unterstützung beim Aufbau der Stände, Hilfe beim Schmücken der Straßen und kleinere Arbeiten rund um die Veranstaltungsplätze.

Nichts besonders Gefährliches, aber genug, um sie zu beschäftigen und ihnen Verantwortung zu übertragen.

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten.

Rika und Yuki begannen sofort darüber zu diskutieren, welche Aufgabe wohl am interessantesten wäre. Hinaka strahlte, während Roku wissen wollte, ob wir auch beim Aufbau der Bühne helfen würden. Selbst Tako schien für einen Moment vergessen zu haben, dass er normalerweise jede Gelegenheit nutzte, um lieber zu trainieren.

Ich sah ihnen zu und merkte, wie sich etwas in mir lockerte.

Vier Tage, bis die Stadt voller Lichter, Farben und Menschen sein würde. Überall würden Buden aufgebaut, Straßen geschmückt und Bühnen errichtet werden. Suna würde sich verändern, zumindest für eine Weile. Selbst die Menschen, die sonst kaum Zeit hatten, würden zusammenkommen, um das Fest vorzubereiten.

Es war seltsam, wie schnell die Zeit verging. Manchmal fühlte sie sich an wie Sand, der zwischen den Fingern hindurchrann, egal, wie fest man die Hände schloss.

Ich schob den Gedanken beiseite und klatschte einmal in die Hände, um die Aufmerksamkeit meiner Schüler zurückzugewinnen.

„Also gut. Genug geredet. Wenn ihr euch schon so sehr auf das Fest freut, könnt ihr auch dafür sorgen, dass alles rechtzeitig fertig wird.“

Ein kollektives Stöhnen folgte, das mich diesmal tatsächlich zum Lachen brachte.

Für einen kurzen Moment fühlte sich alles beinahe normal an.

---

Am Nachmittag des vierten Tages zog ich mich in meine eigenen vier Wände zurück. Eine seltene Ruhe legte sich über mich, während ich mich für das Fest fertigmachte. Mein blauer Kimono-Zweiteiler hing an der Schranktür. Bei seinem Anblick musste ich lächeln. Es kam nicht oft vor, dass ich mich für einen besonderen Anlass so herrichtete. Normalerweise musste meine Kleidung vor allem praktisch sein. Sie sollte mich weder beim Kämpfen behindern noch unnötige Aufmerksamkeit auf mich ziehen.

Heute war das anders.

Ich strich den Stoff glatt und stellte mir kurz vor, wie der Abend aussehen würde. Die geschmückten Straßen, die Musik, das Lachen der Menschen. Und Gaara an meiner Seite.

Das Lächeln blieb nicht lange.

Heute würde mich ganz Suna mit ihm sehen, als seine Begleitung des Abends.

Ich war keine Einheimische. Ich stammte aus keiner angesehenen Familie, und meine Herkunft war für die meisten Menschen hier ein Rätsel. Ich war eine Fremde, die erst seit einigen Monaten in Suna lebte und nun ausgerechnet den Kazekage zum wichtigsten Fest des Jahres begleitete.

Was würden die Leute darin sehen?

Würde man sich fragen, warum er mich ausgewählt hatte? Würde jemand glauben, ich würde meine Stellung ausnutzen? Oder würde es am Ende sogar auf ihn zurückfallen, weil er eine Frau an seiner Seite hatte, über die kaum jemand etwas wusste?

Ich atmete lang aus, um meinen schnellen Puls zu beruhigen.

Es war Gaaras Entscheidung gewesen. Er hatte mich gefragt, und ich hatte zugesagt, weil ich ihn begleiten wollte.

Ich würde ihm nicht nachträglich die Entscheidung abnehmen, nur weil ich mir ausmalte, was andere darüber denken könnten.

Ich griff nach meinem Pinsel und tunkte ihn in den Liedschatten.

Außerdem hatte es ohnehin keinen Wert mehr, darüber zu grübeln.

Dies war meine letzte offizielle Nacht in Suna. Zumindest vorerst.

Ich wusste nicht, wann ich zurückkehren würde. Nicht einmal, ob ich überhaupt in das Leben zurückfinden konnte, das ich mir hier aufgebaut hatte.

Der Gedanke traf mich unerwartet heftig.

Ich hatte mich zu sehr an alles hier gewöhnt, an Temaris direkte Art, an Kankurōs endlose Ideen und an die stillen Abende mit Gaara.

Vor allem an Gaara.

Und dann waren da meine fünf Genin.

Hinaka, Roku, Rika, Tako und Yuki. Fünf junge Shinobi, die erst vor Kurzem begonnen hatten, mir wirklich zu vertrauen.

Ich hatte gesehen, wie sie Fortschritte machten, wie sie lernten, ihre Fähigkeiten aufeinander abzustimmen und sich gegenseitig zu unterstützen. Sie waren noch lange nicht am Ziel, aber sie waren auf einem guten Weg.

Und jetzt sollte ich sie zurücklassen, ohne ihnen auch nur erklären zu können, warum.

Scham stieg in mir auf.

Ich ließ sie im Stich. Ausgerechnet jetzt, wo aus einer Gruppe von Schülern langsam ein Team geworden war und ich angefangen hatte, mich für jeden Einzelnen von ihnen verantwortlich zu fühlen.

Immerhin hatte ich in den vergangenen Tagen noch einen ausführlichen Abschlussbericht über ihre Fähigkeiten und Fortschritte geschrieben. Gaara würde damit arbeiten können, und er würde dafür sorgen, dass sie einen neuen Lehrer bekamen.

Er war ein guter Kazekage. Und ein noch besserer Freund.

Trotzdem würde ich meinen Vertrag brechen.

Ich presste die Lippen zusammen. Was auf mich zukam, ließ mir keine Zeit, alles vorher ordentlich zu regeln.

Warum musste es ausgerechnet jetzt sein?

Warum, Meian?

Warum gerade in dem Moment, in dem ich zum ersten Mal seit Langem das Gefühl gehabt hatte, irgendwo angekommen zu sein?

Draußen färbte die untergehende Sonne die Stadt in warmes Licht, und die Straßenlampen erwachten eine nach der anderen. Ich sah ihnen zu und prägte mir das Bild ein.

Vielleicht war es töricht, aber ich wollte mich daran erinnern. An dieses Licht, an die Wärme, an den Ort, der mir so viel schneller ans Herz gewachsen war, als ich erwartet hatte.

Ein goldener Abschied, dachte ich.

Dann klopfte es.

Zweimal, leise und beinahe zögerlich. Als wäre derjenige vor der Tür nicht sicher, ob er stören durfte.

Ich musste unwillkürlich lächeln. Gaara war pünktlich. Natürlich war er das.

Ich warf einen letzten Blick in den Spiegel. Der blaue Lidschatten ließ meine Augen heller wirken, beinahe wie geschliffene Goldsteine. Ich hatte ihn dezent gehalten. Nichts Auffälliges, nichts, das mich verkleidet wirken ließ. Ich wollte mich für das Fest zurechtmachen, nicht wie jemand aussehen, der eine völlig andere Person sein wollte.

Ich richtete den Stoff meines Oberteils, atmete einmal tief durch und ging zur Tür.

Als ich sie öffnete, hob Gaara den Blick.

Für einen Moment sagte keiner von uns etwas.

Seine Augen wanderten über mich, kurz und beinahe unmerklich, bevor sie meine trafen. Er schien mitten in der Bewegung innezuhalten. Seine Miene veränderte sich kaum, doch in seinem Blick lag eine Überraschung, die er nicht schnell genug verbergen konnte. Und etwas, das ich nicht recht einordnen konnte.

Mir wurde augenblicklich warm.

Er sah gut aus. Verdammt gut, wenn ich ehrlich war.

Das schlichte schwarze Oberteil seines Kimonos bildete einen ruhigen Kontrast zu der hellgrauen Hakama. Nichts an seinem Outfit war besonders auffällig, und trotzdem ließ es seine feuerroten Haare noch kräftiger wirken.

Er trug nichts Auffälliges und schaffte es selbst in dieser schlichter Kleidung, eine Präsenz auszustrahlen, die den Raum um ihn herum kleiner wirken ließ.

Ich merkte, dass ich ihn anstarrte, und senkte beinahe instinktiv den Blick.

Warum war ich plötzlich so nervös?

Ich ertappte mich dabei, ihn anzusehen, und senkte beinahe instinktiv den Blick.

Warum war ich plötzlich so nervös?

„Guten Abend, Gaara“, sagte ich etwas zu schnell. „Vielen Dank fürs Abholen.“

Er blinzelte, als hätte meine Stimme ihn aus seinen Gedanken geholt.

„Guten Abend, Amaya.“

Seine Stimme klang ruhig wie immer. Nur sein Blick hatte ihn für einen kurzen Moment verraten.

Ein kleines, viel zu zufriedenes Lächeln kündigte sich in meinem Gesicht an. Vielleicht gefiel ihm tatsächlich, was er sah. Ein gefährlicher Gedanke, den ich hastig beiseiteschob.

„Wollen wir gehen?“

Statt zu antworten, streckte Gaara mir die Hand entgegen.

Die Geste wirkte so selbstverständlich, dass ich einen Augenblick brauchte, um zu begreifen, was er mir anbot.

Dann legte ich meine Hand in seine und ließ mich aus der Tür ziehen.  Draußen hakte ich mich wie von selbst bei ihm ein.

Unter dem Stoff seines Ärmels spürte ich die Wärme seiner Haut und die ruhige Festigkeit seines Arms.

Schweigend durchschritten wir den Korridor. Die Stadt war heute lauter als sonst. Doch in meinen Ohren rauschte es, als hätte ich gerade einen langen Sprint hinter mir.

Ich versuchte, mich auf die Umgebung zu konzentrieren. Auf die Stimmen, die Schritte, das Licht, das durch die Fenster fiel.

Es half nichts.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte Gaara. „Du wirkst nervös. Möchtest du darüber reden?“

Ich zögerte. War mein schneller Puls tatsächlich so offensichtlich? Ich atmete tief ein und überlegte, wie ich ihm antworten sollte, ohne gleich alles preiszugeben, was mir durch den Kopf ging.

„Wie viele Feste hast du schon als Kage veranstaltet?"

Er sah mich kurz von der Seite an, schien die Frage aber nicht infrage zu stellen.

„So einige, wieso?"

„Und wie oft bist du da mit Begleitung hingegangen?"

„Bisher noch nie.“

Ich wusste nicht, ob mich die Antwort beruhigen oder noch nervöser machen sollte.

„Machst du dir Sorgen darüber, wie die Bewohner reagieren könnten?“, fragte er.

Ich zog eine kleine Grimasse. „Nicht direkt. Eher darüber, welchen Einfluss das später auf dich als Kazekage haben könnte. Was du tust, was du sagst … alles hat bei dir Gewicht. Die Leute achten darauf.“

Er schwieg einen Moment.

„Das stimmt“, sagte er schließlich. „Aber ich habe lange genug danach gelebt, mir vor jedem Schritt Gedanken darüber zu machen, was andere davon halten könnten.“

Ich wandte den Kopf zu ihm.

Sein Blick blieb auf den Weg vor uns gerichtet. Er klang weder trotzig noch gleichgültig. Er stellte lediglich etwas fest, das er für sich entschieden hatte.

„Und heute Abend?“, fragte ich leiser.

Diesmal sah er mich an.

„Heute Abend gehe ich mit dir, weil ich es will. Nicht, weil ich vorher abwäge, was es bedeuten könnte.“

Sein Arm bewegte sich leicht unter meiner Hand. Ein sanfter Druck, kaum mehr als eine kleine Bestätigung.

„Wenn das für manche Bewohner ein Problem ist, dann ist das ihr Problem. Nicht meins. Und auch nicht deins.“

Für einen Moment wusste ich nicht, was ich darauf sagen sollte.

Ich hatte mir ausgemalt, wie andere Menschen über uns reden könnten. Ob sie mich für unpassend hielten, ob sie seine Entscheidung infrage stellten oder ob ich ihm Schwierigkeiten bereitete, die er nicht bedacht hatte.

Dabei hatte Gaara offenbar längst darüber nachgedacht.

Und sich trotzdem für diesen Abend entschieden.

„Danke“, sagte ich schließlich.

Er wandte den Blick wieder nach vorn. „Wofür?“

„Dass du es so einfach klingen lässt.“

„Eine kluge Frau hat mir einmal gesagt, manche Dinge könnten einfach sein, wenn man sich auf den Moment konzentriert und nicht auf morgen.“

Ich erkannte meine eigenen Worte, noch bevor er den Satz beendet hatte.

Er sah geradeaus, als hätte er nichts Besonderes gesagt. Als wäre das nur eine beiläufige Erinnerung, die ihm eben in den Sinn gekommen war.

Ich hatte nicht erwartet, dass er sich daran erinnern würde.

Noch weniger, dass er meine Worte tatsächlich auf sich übertragen hatte.

„Diese Frau klingt furchtbar besserwisserisch“, brachte ich hervor.

„Sehr“, erwiderte er trocken. „Ich höre trotzdem auf sie.“

Ich öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, schloss ihn aber wieder.

Verdammt.

Er hatte einen einzigen Satz von mir behalten, einen, den ich selbst längst vergessen hatte, und trug ihn offenbar mit sich herum wie eine alte Weisheit.

Der Kazekage, der einen ganzen Rat an seiner Seite hatte und nach meinem Vater der klügste Mann war, den ich kannte, machte sich Dinge zu eigen, die ich ihm halb im Scherz gesagt hatte.

Ich drückte seinen Arm ein wenig fester.

Gaara sah nicht zu mir hinunter und machte auch keine Bemerkung dazu. Er ließ meine Hand einfach dort, wo sie war, und ging mit mir weiter durch den Korridor.

Ich lehnte mich ein wenig näher an ihn.

Vielleicht war das Antwort genug.

Überall herrschte reges Leben. Farben, Stimmen und Musik vermischten sich zu einem lebhaften Treiben, während bunte Stoffbahnen zwischen den Häusern im Abendwind schaukelten. Es war nicht leicht, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen. Gaara blieb wachsam, auch wenn man es seiner Miene kaum ansah, und führte uns zielstrebig zum Podium am Rand des Marktplatzes.

Schon von Weitem entdeckte ich Temari und Kankurō neben der Bühne, beide mit Mikrofonen in der Hand. Temari zog mich sofort in eine feste Umarmung. In ihrem grünen Qipao sah sie beinahe majestätisch aus. Kankurō dagegen wirkte wie immer wie ein düsterer Künstler, der sich ausnahmsweise in Festtagslaune befand. Er nickte mir zu, und ich erwiderte die Geste.

„Kommst du, Gaara?“ Temari hüpfte bereits hinter Kankurō die Treppe hinauf.

„Amaya, ich muss dich kurz allein lassen“, murmelte Gaara, bevor er ihnen folgte.

Die Musik verstummte, und Temari begrüßte die Menge.

„Hallo, liebe Festteilnehmer! Hiermit beginnt offiziell unser Sommerfest! Genießt die Musik, das gute Essen und die Gemeinschaft!“

Jubel brandete auf, begleitet von lautem Applaus.

Ich lächelte, während ich zusah, wie die drei Geschwister das Fest eröffneten. Anschließend schob Temari Gaara nach vorn. Seine Rede war kurz und würdevoll, aber wärmer. Er sprach von Dankbarkeit, Verantwortung und dem Zusammenhalt in Suna, und die Menge antwortete mit einem einzigen, donnernden „KAZEKAGE GAARA!“.

Als er das Mikrofon an Temari zurückgab und sie die Tanzfläche eröffnete, klatschte ich noch immer. Ich war so vertieft, dass ich erst einen Moment später bemerkte, dass Gaara wieder neben mir stand.

„Möchtest du tanzen?“, fragte er leise.

„Nein. Du?“

„Nein.“

„Gut.“ Ich sah mich um. „Und was machen wir jetzt?“

„Wir könnten uns die Stände ansehen.“

„Einverstanden!“

Ich hakte mich wieder bei ihm unter, und wir schlenderten durch die von Lampions erleuchteten Gassen. Überall blieben wir stehen, bestaunten Handwerkskunst und probierten Süßigkeiten. Die Luft roch nach Gewürzen, heißem Zucker und Kohlenrauch.

Gaara wurde häufig angesprochen. Er begegnete jedem freundlich und verlor dabei kein einziges Mal seine Ruhe. Ich beobachtete, wie sich die Gesichter der Bewohner aufhellten, sobald er mit ihnen sprach. Manche verbeugten sich, andere lächelten ihn stolz an.

„Sie ehren dich“, sagte ich schließlich.

Er sah überrascht zu mir. „Wer?“

„Die Bewohner von Suna.“

„Findest du?“

„Sonst hätte ich es wohl kaum gesagt.“

Er schwieg. In seinem Blick lag etwas zwischen Verwunderung und Zweifel, vielleicht auch ein wenig Stolz. Offenbar war ihm gar nicht bewusst, wie viel Zuneigung ihm die Menschen entgegenbrachten.

Bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, entdeckte ich einen Dango-Stand.

Mein Herz machte einen völlig irrationalen kleinen Sprung.

„Komm mit!“

Ich zog Gaara hinter mir her. Er leistete keinen Widerstand, was vermutlich bedeutete, dass er meine plötzlichen Impulse inzwischen kannte und hinnahm.

Wir kauften vier Spieße. Ich kaute genüsslich, als ließe sich Frieden in Reis und Zucker pressen.

Gaara zog wortlos die Bällchen vom Stab.

Als ich den letzten Bissen geschluckt hatte, waren wir wieder am Hauptplatz angekommen. Die Tanzfläche war voller Menschen, die sich im Takt der Musik drehten.

„Amaya, hast du Durst?“, fragte Gaara.

Jetzt, da er es erwähnte, bemerkte ich meine trockene Kehle.

„Ja.“

„Ich hole uns etwas.“

„Mach das. Ich warte hier.“

Ich ließ mich auf einer Bank am Rand der Tanzfläche nieder und beobachtete die Menge. Junge Menschen tanzten in Gruppen, kleine Mädchen drehten sich lachend im Kreis, und Paare bewegten sich Arm in Arm zur Musik. Für einen Moment beneidete ich sie um ihre Unbeschwertheit.

„Hallo, du Hübsche. Lust auf einen Drink?“

Ich drehte den Kopf.

Vor mir stand ein junger Mann mit schwarzen Haaren und einem Lächeln, das wirkte wie ein schlecht sitzender Hut.

„Sorry, aber nein“, antwortete ich ruhig.

„Warum nicht?“

Ich seufzte innerlich. „Weil ich schon in bester Gesellschaft bin.“

„Ich sehe deine Gesellschaft nicht. Muss ja ein toller Typ sein, wenn er eine Schönheit wie dich allein lässt.“

Sein schiefes Grinsen ließ meine Geduld schwinden. Für einen kurzen Moment überlegte ich, wie weit ich ihn wohl werfen könnte, bevor jemand einschreiten musste.

„Alles in Ordnung?“

Gaaras Stimme unterbrach meine Überlegungen. Ich hatte ihn nicht kommen hören. Erst als er neben mir stand, bemerkte ich, wie der Fremde schlagartig erstarrte.

„Ja, Kazekage. Wir haben uns nur nett unterhalten“, stammelte er.

„Worüber denn?“

Der Mann kratzte sich verlegen am Kopf. „Über nichts Wichtiges. Einen schönen Abend noch.“

Damit verschwand er in der Menge.

„Danke“, murmelte ich.

„Ich wollte ihn nur vor deiner Stärke bewahren“, sagte Gaara trocken.

Ich sah ihn an, dann musste ich lachen. Er stimmte ein, und die letzte Anspannung löste sich in unserem gemeinsamen Lachen auf.

Er reichte mir einen Becher, und wir setzten uns nebeneinander. Das Getränk schmeckte süßlich nach Rose und Granatapfel. Luna hätte es vermutlich geliebt, auch wenn es für Drachen nicht gesund gewesen wäre.

Wir sahen den Tanzenden zu. Überall wurde gelacht, geredet und gefeiert. Kinder flitzten zwischen den Erwachsenen hindurch, während die Musik über den Platz hallte.

Mach dir selbst ein Bild von Suna, hatte Gaara mir vor Monaten gesagt.

Damals hatte ich vor allem Mauern, Sand und Hitze gesehen.

Jetzt musste ich unwillkürlich lächeln. Offenbar hatte ich inzwischen mehr entdeckt, als mir bewusst gewesen war.

Der Wind strich mir durch die Haare, irgendwo lachten Kinder, und über uns spannte sich ein klarer Sternenhimmel. Der süße Duft der Stände mischte sich mit dem Rhythmus der Trommeln.

Ich wollte mir diesen Abend merken.

Nicht jeden einzelnen Geruch und jedes Geräusch. Nur das Gefühl, für einen Moment hier zu sitzen und nirgendwo anders sein zu müssen.

Darüber vergaß ich völlig, auf Gaara zu achten.

Ich bemerkte nicht, dass er schon eine ganze Weile nicht mehr die Tanzenden ansah. Auch nicht, dass er seinen Becher langsam leerte und mich dabei aus dem Augenwinkel betrachtete.

Erst als er das Gefäß abstellte und sich erhob, kehrte meine Aufmerksamkeit zu ihm zurück.

„Erweist du mir die Ehre?”, fragte er und streckte mir seine Hand entgegen.

Ein leises Flattern ging durch meinen Bauch.

„Bist du sicher, dass du mit mir tanzen willst?" flüsterte ich.

Ein Schmunzeln auf seinen Lippen war Antwort genug.

Ich legte meine Hand in seine und ließ mich von ihm auf die Tanzfläche führen. Seine Finger schlossen sich um meine, während er die andere Hand vorsichtig an meine Hüfte legte.

Zunächst bewegten wir uns langsam, beinahe zögerlich. Ich musste mich konzentrieren, um ihm nicht auf die Füße zu treten. Doch nach und nach fand ich den Rhythmus. Als ich aufhörte, über jeden Schritt nachzudenken, und mich einfach von ihm führen ließ, wurde die Bewegung leichter.

So funktionierte Tanzen also.

Wo er es wohl gelernt hatte? Bestimmt von Temari.

Ich hob den Blick zu ihm. Seine türkisfarbenen Augen schienen im Licht der Laternen beinahe zu leuchten. Seine roten Haare standen wie immer in alle möglichen Richtungen ab. Ich verspürte den absurden Wunsch mit den Fingern hindurchzufahren, nur um zu wissen, wie sie sich anfühlten.

„Ich habe dir noch gar nicht gesagt, wie schön du aussiehst", sagte Gaara plötzlich leise.

Ich sah zu ihm auf.

Er hielt meinen Blick stand, doch für einen kurzen Moment glaubte ich, Unsicherheit darin zu erkennen. Als hätte er selbst nicht damit gerechnet, dass er diese Worte tatsächlich aussprechen würde.

Mein Herz setzte einen Schlag lang aus.

„Du siehst auch nicht schlecht aus“, murmelte ich.

Zum Anbeißen, ergänzte ich in Gedanken.

Schnell sah ich an ihm vorbei. Mein Herz schlug viel zu schnell, und ich wusste plötzlich nicht mehr, wohin mit meinem Blick. Ob er wohl auch so über mich dachte? Was ging ihm durch den Kopf, während wir so dicht beieinander tanzten?

Seine Hand lag warm an meiner Hüfte. Nicht fordernd, nicht besitzergreifend. Er hielt mich einfach dort, als wäre es das Natürlichste der Welt. Jeden anderen Mann, der mich dort berührt hätte, hätte ich vermutlich schon längst von mir gestoßen.

Bei Gaara wollte mein Körper sich dieser Berührung nur mehr hingeben.

„Amaya?" Holte er mich aus meinen Gedanken

„Ja, Gaara?"

Er schwieg. Für einen Augenblick sah es aus, als wollte er etwas sagen. Dann schien er es sich anders zu überlegen.

„Wie findest du das Fest?“

„Wundervoll. Es ist lange her, dass ich an einem Fest teilgenommen habe."

„Wieso? Gab es in Konoha keine Feste?"

„Doch, aber…"

Kankurōs laute Stimme zerschnitt den ruhigen Moment.

„Das war echt schön, Leute! Und jetzt: Schwingt eure Hüften! Jetzt wird richtig getanzt!“

Ich verdrehte die Augen. Gaara lachte leise.

Im nächsten Moment wechselte die Musik. Laute Beats und harte Bässe dröhnten über den Platz, und die Menschen auf der Tanzfläche wurden schlagartig ausgelassener.

Ich beugte mich näher zu Gaara. „Möchtest du weiter tanzen?“

„Was?“

Ich musste lachen. Die Musik war inzwischen so laut, dass er mich kaum verstehen konnte.

„MÖCHTEST DU WEITER TANZEN?!“

Er schüttelte den Kopf und rief zurück: „TANZ DU RUHIG WEITER!“

Seine Stimme ging beinahe vollständig in der Musik unter.

Ein kurzer Stich der Enttäuschung traf mich. Ich nickte trotzdem.

„Okay!“

Seine Finger schlossen sich noch einmal um meine. Ein kurzer, warmer Druck, bevor er meine Hand losließ und zwischen den Menschen verschwand.

Ich sah ihm einen Moment nach. Vielleicht war ihm die Musik einfach zu laut. Ich wusste, dass er große Menschenmengen nicht besonders mochte. Und doch ließ mich das Gefühl nicht los, dass etwas anderes dahintersteckte. Vielleicht hatte ich mir den Moment auch nur eingebildet. Seinen Blick, seine Hand an meiner Hüfte, die Worte, die er mir so nah ins Ohr gesagt hatte.

Du siehst wirklich schön aus.

Ich schüttelte leicht den Kopf und wandte mich wieder der Tanzfläche zu. Lange musste ich nicht warten, bis Temari sich zu mir durchgekämpft hatte. Sie packte meine Hand und zog mich mitten ins Getümmel.

Mit ihr zu tanzen war deutlich weniger beunruhigend. Temari hatte genug Energie für drei Menschen und kümmerte sich herzlich wenig darum, ob ihre Bewegungen elegant aussahen. Ich lachte, ließ mich von der Musik mitreißen und versuchte, nicht mehr an Gaaras Blick zu denken.

Eine Weile gelang mir das sogar.

Doch irgendwann wurden mir die Hitze, die Lautstärke und die vielen Menschen zu viel. Ich verabschiedete mich von Temari und kämpfte mich an den Rand des Platzes.

Dort atmete ich erst einmal tief durch.

Mein Blick wanderte automatisch über die Menge.

Ich suchte nach roten Haaren.

Nichts.

Vielleicht … vielleicht war er auf der Mauer.

Sein Lieblingsplatz.

Der Gedanke schenkte mir einen kleinen Funken Hoffnung. Ich machte mich auf den Weg durch die überfüllten Straßen zur Stadtmauer.

Gaaras Sicht:

Ich ließ den Blick über die Menge wandern, doch Amaya war nirgendwo zu sehen. Stattdessen entdeckte ich Temari am Rand der Tanzfläche, wo sie sich mit Baki unterhielt.

Ich bahnte mir einen Weg zu ihr.

„Hast du Amaya gesehen?“

Temari wandte sich zu mir um. „Ich habe sie auf dem Weg zur Stadtmauer gesehen.“

„Danke.“

Ich wollte mich bereits abwenden, als sie mich am Arm festhielt.

„Gaara.“ Ihre Stimme wurde leiser. „Irgendwann musst du ihr sagen, was sie dir bedeutet.“

Ich hielt inne.

Ihre Worte trafen mich unerwartet, obwohl ich vermutlich längst hätte damit rechnen müssen.

Temari hatte schon früher bemerkt, wie viel Zeit ich mit Amaya verbrachte. Und offenbar entging ihr auch jetzt nicht, dass ich sie suchte, sobald sie nicht mehr an meiner Seite war.

Ich wusste nicht, ob ich schon bereit war, ihr zu sagen, was in mir vorging.

Gefühle waren etwas, das ich inzwischen besser verstand als früher. Ich konnte Zuneigung erkennen, Vertrauen zulassen und inzwischen sogar nachvollziehen, warum Menschen einander vermissten. Doch all das in Worte zu fassen, war etwas anderes.

Vor allem, wenn es um Amaya ging.

Ich sah Temari an. Sie musterte mich mit einem Ausdruck, der weder spöttisch noch drängend war.

„Ich weiß“, sagte ich schließlich.

Es war keine Antwort auf ihre unausgesprochene Frage. Aber mehr konnte ich ihr im Moment nicht geben.

Temari ließ meinen Arm los.

Ich wandte mich ab und machte mich auf den Weg zur Stadtmauer. Ich wollte Amaya finden. Was ich ihr sagen würde, wusste ich noch nicht.

Fürs Erste musste das genügen.

---

Ich fand Amaya schließlich dort, wo Temari sie gesehen hatte. Sie saß auf der Mauer, die Beine angezogen, den Blick in den Himmel gerichtet. Das Licht der Sterne spiegelte sich in ihren goldenen Augen. Für einen Moment wirkte sie so weit fort von allem, was um sie herum geschah, dass ich beinahe zögerte, sie anzusprechen.

Dann setzte ich mich neben sie.

Amaya zuckte erschrocken zusammen. Etwas glitt ihr aus der Hand und fiel über die Mauer.

„Nein!", hauchte sie und wollte hinterher, doch ich hielt sie sanft am Arm zurück. Mit dem Sand holte den Gegenstand zurück.

Es war ihre Kette. Der silberne, zweischwänzige Drache in dem eine Perle eingelassen war.

Ein Erbstück ihres Clans. Ein Teil ihrer Herkunft, über den sie kaum sprach.

Ich reichte sie ihr, und sie schloss die Finger darum, als wäre sie erleichtert, sie wieder in den Händen zu halten.

Ich wusste beschämend wenig über diesen Teil ihres Lebens. Es gab so viele Fragen, die ich ihr nie gestellt hatte. Nicht, weil sie mich nicht interessierten, sondern weil ich befürchtete, sie könnte sich zurückziehen, sobald ich zu weit ging.

Doch heute hatte ich einen Grund, eine davon auszusprechen.

Beim Tanzen hatte ich ihre rechte Hand in meiner gehalten. Dabei war mir die Bandage aufgefallen, die sie bis zum Handballen trug. Sie verzichtete nie darauf, selbst wenn ihre Ärmel lang genug waren, um sie zu verbergen.

„Amaya … ich muss dich etwas fragen. Etwas, das mich schon länger beschäftigt.“

Sie wandte sich mir zu. Ihr Blick war vorsichtig, aber nicht abweisend.

„Du trägst diese Bandagen nicht ohne Grund, also …“

„…also fragst du dich, was ich darunter verberge", beendete sie meinen Satz. Ich nickte.

„Ein Mal", sagte sie schließlich. „In der Form eines Drachen."

„Hat es eine Bedeutung?“

Amaya atmete tief durch.

„Es bedeutet, dass Meian mich berührt hat.“

Ich runzelte die Stirn. „Meian?“

„Die Drachengottheit.“ Ihre Stimme wurde leiser. „Unser Ursprung … unser Fluch. Oder unsere Bestimmung. Es ist kompliziert.“

Ihr Blick glitt zurück zum Himmel. Es war, als hätte sie eine Tür einen Spaltbreit geöffnet und überlegte nun, ob sie sie wieder schließen sollte.

„Warum ist es kompliziert?“, fragte ich.

Sie seufzte tief.

„Weil es gerade nichts ändern würde, wenn ich es dir erkläre.“ Sie sah mich kurz an. „Können wir einfach hier sitzen und den Sternenhimmel beobachten? Nur für diesen Moment?“

Ich hätte nachfragen können. Ein Teil von mir wollte verstehen, was sie mir gerade angedeutet hatte und warum sie es so schwer auszusprechen schien.

Doch ich erinnerte mich daran, dass Vertrauen nicht bedeutete, auf jede Frage eine Antwort zu bekommen.

„Natürlich“, sagte ich.

Bevor ich noch etwas hinzufügen konnte, lehnte sie den Kopf an meine Schulter.

Ihre Nähe überraschte mich noch immer, obwohl sie mir längst vertraut geworden war. Ich spürte ihre Wärme durch den Stoff meiner Kleidung und das leichte Gewicht ihres Kopfes an meiner Schulter. Sie vertraute mir genug, um sich für einen Moment nicht aufrecht halten zu müssen.

Ich wollte nichts tun, das dieses Vertrauen störte.

Also schwieg ich und ließ die Stille zwischen uns sprechen, während wir Kopf an Kopf dasaßen und in die ewige sandige Weite starten. Ich hörte Amayas gleichmäßigen Atem und bemerkte, wie sich ihre Anspannung allmählich löste.

Es war ein stiller, beinahe gewöhnlicher Augenblick.

Vielleicht war es gerade das, was ihn so kostbar machte.

„Gaara… ich muss dir… etwas sagen." Ihre Stimme zitterte kaum merklich, doch ich hörte es.

Sie richtete sich auf und sah mich an. Etwas in ihrem Blick ließ mich ahnen, dass die nächsten Worte nichts Gutes bedeuteten.

„Ich muss Suna verlassen.“

Für einen Moment schien alles in mir stillzustehen.

„Was?“ Ich wandte mich ganz zu ihr. „Warum? Was ist passiert?“

Ich griff nach ihren Händen, ehe ich darüber nachdenken konnte.

Sie ließ es zu. Doch ihre Finger waren angespannt, als müsste sie sich selbst davon abhalten, sich aus meinem Griff zu lösen.

„Es bleibt mir keine Wahl. Ein vierter Ninjakrieg wird kommen … und ich habe eine Aufgabe darin.“

Ich atmete scharf ein.

„Eine Aufgabe? Was meinst du damit?"

„Meinem Vater hat es mir erzählt."

Sie schüttelte den Kopf, als wollte sie weitere Fragen ersticken.

„Gaara, ich kann es dir nicht erklären. Nicht jetzt.“ Ihre Stimme wurde brüchig. „Aber ich bin die Einzige, die etwas aufhalten kann.“

Sie rieb sich erschöpft über das Gesicht.

Ich betrachtete sie und versuchte, die wenigen Informationen miteinander zu verbinden. Ein bevorstehender Krieg. Eine Aufgabe, von der sie nicht sprechen konnte. Und ein Vater, der offenbar mehr wusste, als ich mir vorstellen konnte.

Nichts davon ergab ein vollständiges Bild.

Doch zum ersten Mal wollte ich nicht nur verstehen, was geschah. Ich wollte verhindern, dass sie gehen musste.

Der Gedanke war beunruhigend. Ich war Kazekage. Ich wusste, dass manche Entscheidungen unvermeidlich waren, dass persönliche Wünsche nicht immer ausreichten, um eine Verpflichtung aufzuheben.

Aber das Wissen machte es nicht leichter, sie anzusehen und zu begreifen, dass ich sie vielleicht verlieren würde.

„Amaya …“

Mehr brachte ich nicht hervor.

Sie schenkte mir ein schwaches Lächeln, das ihre Erschöpfung nicht verbergen konnte.

„Hey. Kopf hoch, Kazekage. Ich komme zurück.“ Sie hielt meinem Blick stand, doch ihre Stimme brach beinahe, als sie hinzufügte: „Dafür bedeutest du mir zu viel.“

Mein Herz setzte einen Schlag lang aus.

Nicht nur wegen ihrer Worte. Sondern wegen der Art, wie sie sie aussprach, als müsste sie sich selbst davon überzeugen, dass sie zurückkehren konnte.

Sie beugte sich zu mir und küsste mich sanft auf die Wange. Die Berührung war flüchtig, kaum mehr als ein warmer Hauch. Trotzdem blieb sie in mir zurück, als hätte sie etwas ausgesprochen, für das ihr die Worte fehlten.

Danke. Vielleicht auch Abschied.

Als sie sich erheben wollte, hielt ich sie am Arm fest.

Nicht grob. Ich wollte sie nicht zwingen zu bleiben. Ich brauchte nur noch einen Augenblick.

„Warte.“

Mein Mund war trocken. Ich griff in meine Tasche und holte einen kleinen Beutel hervor.

„Bevor du gehst … wollte ich dir das geben.“

Verwirrt nahm sie ihn entgegen und öffnete ihn.

Darin lag der Haarpfeil, den ich für sie angefertigt hatte.

Als sie ihn sah, veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Ihre Züge wurden weich, und in ihren Augen lag eine Überraschung, die ich nicht erwartet hatte.

Der Haarpfeil war mit geschwungenen, windähnlichen Ornamenten verziert. Kleine goldene Elemente erinnerten mich an die Sterne, die sich in ihren Augen spiegelten. Ich hatte versucht, etwas zu gestalten, das zu ihr passte, nicht zu der Kunoichi, die sie für andere sein musste, sondern zu der Frau, die ich in den stillen Stunden mit ihr kennengelernt hatte.

„Er ist wunderschön“, flüsterte sie.

Ich nahm den Haarpfeil vorsichtig aus ihrer Hand.

„Darf ich?“

Sie nickte.

Langsam hob ich die Hand. Ich ließ ihr genügend Zeit, zurückzuweichen, doch sie blieb still, während ich ihr den Haarpfeil ins Haar steckte. Die kleinen Perlen klimperten leise und erinnerten mich an ein Windspiel.

Als ich fertig war, betrachtete ich mein Werk.

Es passte zu ihr.

Nein. Es passte nicht nur zu ihr. Es gehörte für diesen Augenblick zu ihr, und ich wusste, dass ich mich an dieses Bild erinnern würde, lange nachdem sie gegangen war.

„Damit du …“ Meine Stimme stockte. Ich zwang mich, den Satz zu beenden. „Damit du mich nicht vergisst. Egal, wohin du gehst.“

Sie sah mich an.

Zwischen uns lag eine Stille, die sich anders anfühlte als die zuvor. Nichts berührte sich, und doch schien die Luft zwischen uns aufgeladen. Ich konnte nicht erkennen, was sie dachte. Ich wusste nur, dass ich sie nicht aus den Augen lassen wollte.

Ihre Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Ein breites, dankbares Lächeln, das ihre Augen erreichte.

„Gaara … so ein Geschenk habe ich noch nie bekommen.“

Ihre Worte trafen mich tiefer, als ich erwartet hatte.

Ich legte meine Stirn vorsichtig an ihre.

„Es freut mich, dass es dir gefällt", murmelte ich.

Für einen unmöglichen Moment wünschte ich mir, die Welt könnte stehen bleiben.

Ich schloss die Augen, um mir diesen Augenblick einzuprägen.

Dann spürte ich, wie sie sich langsam von mir löste.

„Du solltest zurückgehen“, sagte sie leise. „Die anderen suchen dich bestimmt schon.“

Ich öffnete die Augen und sah sie an.

„Für diesen Moment kann Suna warten.“

Ein leises Lachen entwich ihr. Es war kaum mehr als ein Hauch und klang bittersüß, doch es war echt.

„Danke … für alles, Gaara.“

Dann beugte sie sich vor und küsste meine Stirn. Sanft, beinahe zärtlich und doch lag in der Geste eine Distanz, die ich nicht übersehen konnte.

Diesmal hielt ich sie nicht auf.

Ich konnte sie nicht bitten zu bleiben, solange ich nicht einmal wusste, wofür sie fortmusste. Und ich würde sie nicht dazu bringen, zwischen ihrer Aufgabe und mir zu wählen.

Amaya stand auf.

Einen letzten Moment sah sie mich an. Dann verschwand sie.

Ich blieb allein auf der Mauer zurück.

Die Stelle auf meiner Stirn, an der ihre Lippen mich berührt hatten, fühlte sich noch immer warm an. Ich hob den Blick zu den Sternen, die sie so liebte, und versuchte, den Gedanken an ihren Abschied zu ordnen.

Es gelang mir nicht.

Ich dachte an ihre Hände in meinen, an den Haarpfeil in ihrem Haar und an das Versprechen, zurückzukehren. Ich wollte ihr glauben. Mehr als das: Ich musste ihr glauben, obwohl ich wusste, dass ein Versprechen nicht jede Gefahr aufhalten konnte.

Lange saß ich schweigend da.

Dann sprach ich in die Nacht, leise genug, dass selbst der Wind meine Worte hätte davontragen können.

„Ich liebe dich, Amaya.“

Ich wusste nicht, ob sie mich noch hören konnte.

Vielleicht war es besser, wenn nicht.

Doch zum ersten Mal fühlte es sich falsch an, diese Worte nur in mir zu behalten.