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schuppige Angelegenheiten (Gaaras Sicht)

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schuppige Angelegenheiten (Gaaras Sicht)

Vor mehreren Wochen hatte der Raikage ein Krisentreffen einberufen, nachdem sein Bruder von Sasuke Uchiha angegriffen und entführt worden war.

Die Nachricht hatte sich wie ein Donnerschlag durch die Welt getragen. Jeder Anwesende wusste, dass dies kein einzelner Akt der Gewalt war. Es war ein Zeichen. Ein Vorbote. Akatsuki, einst nur ein Name, der in den Schatten geflüstert wurde, war zu einer Macht herangewachsen, die selbst die erfahrensten Shinobi zittern ließ.

Um das bröckelnde Gleichgewicht zwischen den Nationen zu bewahren, war ein Vorschlag gefallen, der noch wenige Jahre zuvor undenkbar gewesen wäre: eine Allianz der fünf großen Länder.

Doch Einheit ließ sich nicht erzwingen.

Misstrauen lag schwer in der Luft. Alte Feindschaften und längst überwunden geglaubte Meinungsverschiedenheiten brachen wieder auf. Die Stimmen wurden lauter, die Worte schärfer. Die Spannung im Raum wuchs mit jedem Augenblick, bis das Treffen kurz davorstand, in offene Feindseligkeit umzuschlagen.

Dann wurde die aufgeheizte Stimmung jäh zerrissen.

Ein Wesen, halb Mensch, halb groteske Venusfliegenfalle, tauchte wortlos mitten im Konferenzraum auf. Für einen Herzschlag schien die Zeit stillzustehen. Jeder Shinobi griff instinktiv nach einer Waffe, doch zunächst wagte sich niemand zu bewegen. Zu unerwartet war das Auftauchen des Eindringlings, zu greifbar die Gefahr, die von ihm ausging.

Dann durchschnitt seine Stimme die Stille wie kalter Stahl.

Sasuke Uchiha war auf dem Weg.

Der Raikage zögerte keine Sekunde. Er wollte sofort aufbrechen, um seinen Bruder zu retten und Sasuke entgegenzutreten. Doch diese Ankündigung war nur der Auftakt zu einer weitaus größeren Bedrohung gewesen.

Kurz darauf erschien Tobi, ein weiteres Mitglied von Akatsuki. Er offenbarte uns seine sogenannte „Operation Mondauge“ – einen monströsen Plan, den er allen Ernstes mit unserer Unterstützung verwirklichen wollte.

Wir Kage lehnten seine Forderung entschieden ab.

Tobi reagierte ohne zu zögern. Er erklärte den vierten Ninjaweltkrieg.

Und dann verschwand er, als hätte er uns nicht gerade den Krieg erklärt, der über das Schicksal der gesamten Shinobi-Welt entscheiden sollte.

Deshalb saß ich nun hier, im Land der Blitze, Seite an Seite mit den anderen vier Kage. Eine Allianz, geboren aus Notwendigkeit und Verantwortung. Gemeinsam trafen wir Entscheidungen, die darüber bestimmten sollten, wie wir Akatsuki entgegentreten und unsere Welt vor der drohenden Gefahr schützen konnten.

„Wurden die drei Länder informiert? Wurden die Menschen in Sicherheit gebracht?", fragte ich in die Runde.

Tsunade deutete auf die Karte, die in der Mitte des Tisches ausgebreitet lag. „Die Pässe hier und hier wurden bereits evakuiert. Bei den Gebieten entlang der Küste wird es noch bis morgen dauern. Ich vermute …“

„Verzeiht die Unterbrechung.“

Einer der Türwächter war eingetreten und verbeugte sich knapp.

„Vor der Tür steht eine junge Frau, die darum bittet, mit euch allen zu sprechen.“

Ich ließ den Blick durch die Runde schweifen.

„Lasst sie herein“, entschied der Raikage.

Zu unserer aller Überraschung betrat Amaya Doragon den Raum. Zu meinem ganz besonderen Erstaunen war sie es, die vor uns stand.

Sie trug eine schwarze Haaremshose und eine ärmellose violette Weste, die den Rücken frei lies. Ihre Brust zierte wie immer der Drachenanhänger. Ihr Haar hatte sie zu einer eleganten Hochsteckfrisur gebunden, an der mein Blick unwillkürlich hängen blieb. Meinen Haarpfeil. Die windförmigen Ornamente fingen das Licht der Halle ein und ließen die goldenen Details aufblitzen. Genau dort, wo ich ihn ihr auf der Stadtmauer ins Haar gesteckt hatte.

Sie hatte ihn behalten. Sie trug ihn heute, an diesem Tag, an dem alles auf dem Spiel stand. Etwas in mir wurde warm, selbst inmitten der Anspannung des Raumes.

Ich ließ meinen Blick über die vertraute und doch anderswirkende Kriegerin wandern. Ihre Haltung strahlte dieselbe Entschlossenheit aus, die mir schon bei unserem ersten Treffen aufgefallen war.

Dann blieb mein Blick an ihrem rechten Arm hängen.

Das Mal. Es war tatsächlich ein Drache.

Er wand sich über ihren Arm, schlängelte sich hinauf zu ihrer Schulter und verschwand schließlich unter ihrer Kleidung. Der Kopf musste sich ungefähr auf Höhe ihrer rechten Brust befinden.

„Amaya?“ Tsunade runzelte verwirrt die Stirn. „Was machst du hier?“

„Hokage, Ihr kennt diese Frau?“, fragte der Mizukage.

„Ja“, antwortete Amaya selbst, bevor Tsunade etwas sagen konnte. „Der Hokage und der Kazekage kennen mich. Und ich bin hier, um die fünf großen Länder zu unterstützen.“

„Und dafür kommst du extra hierher?“, höhnte A. „Wenn du kämpfen willst, musst du dich einfach einer der Einheiten der Allianz anschließen.“

Ich wollte ihm bereits Einhalt gebieten. Er sollte es nicht wagen, sich über Amaya lustig zu machen, ohne überhaupt zu wissen, weshalb sie hier war.

Doch sie kam mir zuvor.

„Ich bin nicht hier, um mich der Allianz anzuschließen“, erklärte sie mit fester Stimme. „Ich bin als Verbündete zu euch gekommen. Und ich bringe meine eigene Armee mit.“

A. schnaubte verächtlich.

„Und aus wie vielen Kämpfern besteht diese Armee, wenn ich fragen darf?“

„Fünfzig.“

Ein leises, spöttisches Lachen entwich ihm.

„Fünfzig? Und was sollen diese fünfzig Krieger schon ausrichten, dass du glaubst, als eigenständige Einheit auftreten zu können?“

Amaya lächelte. Langsam, selbstbewusst und mit der Gelassenheit einer Frau, die genau wusste, was sie zu verkünden hatte.

„Wer hat denn gesagt, dass es Krieger sind?“

Sie ließ eine kurze Pause entstehen und gab uns Zeit, über ihre Worte nachzudenken.

„Ich spreche von etwas … weitaus Stärkerem.“

Ihr Blick glitt über die versammelten Kage. In ihren goldenen Augen lag ein Funkeln, das ich nur zu gut kannte.

„Von Drachen.“

Stille senkte sich über den Saal.

„Drachen?“, wiederholte der Tsuchikage schließlich ungläubig. „Du meinst diese feuerspeienden, fliegenden Wesen aus Mythen und Legenden?“

„Ja“, erwiderte Amaya ruhig. „Genau die meine ich. Nur sind sie keine Legenden.“

Ein aufgeregtes Murmeln ging durch den Raum. Selbst Tsunade, die Amaya kannte, schien für einen Moment nicht zu wissen, was sie sagen sollte.

„Und du erwartest, dass wir dir das einfach glauben?“

„Ihr könnt Amaya glauben“, sagte ich, bevor sie antworten konnte.

Alle Blicke richteten sich auf mich.

„Ich habe einen Drachen mit eigenen Augen gesehen. Und … ich bin sogar schon auf einem geflogen.“

Für einen Moment herrschte erneut Stille. Dann wandten sich mehrere Kage gleichzeitig zu mir um. Auf ihren Gesichtern zeichneten sich Überraschung und Ungläubigkeit ab.

Ich konnte es ihnen nicht verdenken. Schließlich war es auch für mich einst kaum vorstellbar gewesen.

A. räusperte sich und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Amaya.

„Wenn du tatsächlich fünfzig Drachen befehligst, wie genau gedenkst du, uns zu unterstützen?“

Amaya verschränkte die Arme vor der Brust. Ihre Miene blieb ruhig, beinahe unbeeindruckt von der Skepsis, die ihr entgegenschlug.

„Eine berechtigte Frage. Allerdings werde ich euch nicht an vorderster Front unterstützen. Betrachtet mich und meine Drachen als euer Ass im Ärmel.“

Ihre Stimme wurde leiser, doch ihre Entschlossenheit war unüberhörbar.

„Mein Ziel ist es, Madara aufzuhalten. Wir werden eingreifen, wenn er angreift.“

Niemand im Raum musste fragen, was sie damit meinte. Wir wussten, was Madara vorhatte: den Zehnschwänzigen wiederzuerwecken und die gesamte Welt in ein unentrinnbares Genjutsu zu zwingen.

„Ich verstehe, wenn ihr nicht sofort eine Entscheidung treffen könnt“, fuhr Amaya fort. „Letztlich spielt es keine Rolle, ob ihr mir erlaubt, an diesem Krieg teilzunehmen, oder nicht. Ich werde versuchen, Madara aufzuhalten. Mit oder ohne eure Zustimmung.“

Die Mizukage zog skeptisch die Brauen zusammen.

„Und warum bist du dann überhaupt hier, wenn es letztlich keinen Unterschied macht?“

Amaya sah sie ruhig an. „Damit ihr uns vertraut.“

Dann verbeugte sie sich tief.

Niemand hielt sie auf. Niemand fand ein Wort, das ihre Entschlossenheit infrage gestellt hätte. Wir starrten ihr lediglich nach, während sie den Raum verließ. Eine zierliche Gestalt, die gerade verkündet hatte, mit fünfzig Drachen in einen Krieg ziehen zu wollen.

Ich brauchte einen Moment, um meine Gedanken zu ordnen.

Dann erhob ich mich. „Entschuldigt mich.“

Noch bevor jemand antworten konnte, war ich bereits auf dem Weg zur Tür. Ich musste Amaya einholen.

---

Als sie meine schnellen Schritte hinter sich hörte, drehte sie sich um. Im nächsten Moment hatte ich sie erreicht und an mich gezogen. Fester, als ich beabsichtigt hatte.

„Gaara …“

Ihr leises Flüstern klang warm an meiner Schulter. Ich spürte, wie sie meine Umarmung erwiderte und sich an mich schmiegte. Weich, vertraut, so, wie ich es in Erinnerung hatte.

Doch nur einen Herzschlag später löste ich mich von ihr und hielt sie ein Stück von mir entfernt, um ihr Gesicht betrachten zu können.

Amaya lächelte zaghaft, aber der Ernst in ihren Zügen blieb. Als ich ihr in die Augen sah, stockte mir der Atem.

Ihre Iris leuchteten noch immer golden, doch ihre Pupillen waren schmal und senkrecht, wie geschliffene Klingen. Das Weiße ihrer Augen war vollständig verschwunden. Drachenaugen.

„Was ist mit deinen Augen passiert?“, fragte ich leise.

Amaya wich meinem Blick aus, als hätte ich sie bei etwas ertappt.

„Das passiert, wenn man sich für Meians Chakra öffnet“, erklärte sie beinahe beschämt.

Sanft hob ich ihr Kinn an, sodass sie mich wieder ansehen musste, ohne ihr die Möglichkeit zu nehmen, sich zurückzuziehen.

„Du musst dich dafür nicht schämen“, sagte ich mit einer Überzeugung, die selbst mich überraschte. „Sie sind … einzigartig. Und wunderschön.“

Ein leises, schüchternes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Trotzdem fiel es ihr schwer, meinem Blick standzuhalten.

„Komm mit.“

Ich nahm ihre Hand. Sie war warm und vertraut, und für einen kurzen Moment genügte mir allein dieses Gefühl. Dann führte ich sie durch die Gänge zu dem Zimmer, das mir zugeteilt worden war, und ließ sie eintreten, bevor ich die Tür hinter uns schloss.

Erst als der Lärm auf dem Gang verstummte, bemerkte ich, wie angespannt sie tatsächlich war.

Amaya stand unsicher vor mir, den Kopf leicht angehoben. Ihr Blick wanderte über die Muster an der Decke, als wären sie plötzlich interessanter als alles andere im Raum.

„Amaya, ist alles in Ordnung?“, fragte ich und trat näher.

„Es geht. Na ja … eigentlich bin ich ziemlich angespannt.“ Verlegen senkte sie den Blick.

„Wie ist dein Training gelaufen? Ich habe mir Sorgen um dich gemacht.“ Erst nachdem ich die Worte ausgesprochen hatte, bemerkte ich, wie angespannt meine Stimme klang. „Es ist so viel passiert. Ich wünschte, wir hätten uns zwischendurch sehen können.“

Ich trat vor sie und nahm ihre kleinen, kühlen Hände in meine.

„Das wünschte ich auch. Dann wäre meine äußerliche Veränderung kein völliger Schock für dich gewesen.“

Noch immer brachte sie es nicht fertig, mich anzusehen.

„Welche Veränderung meinst du?“ Ich drückte ihre Hände sanft. „Ich sehe immer noch Amaya. Die Frau, die ich all diese Monate kennengelernt habe.“

Ich beugte mich vor und küsste ihren Handrücken. Ihre Anspannung löste sich sichtbar.

„Bist du sicher, dass du das sehen möchtest?“

„Ja.“ Ich musste nicht einmal darüber nachdenken. „Wenn du möchtest, dass ich es sehe, dann will ich es sehen.“

Amaya hob eine Hand und strich mir kurz über die Wange. Eine sanfte, flüchtige Berührung, die dennoch in meinem ganzen Körper nachzuhallen schien.

Dann legte sie ihre linke Hand an das rechte Handgelenk und fuhr langsam an ihrem Arm hinauf. Es wirkte, als würde sie etwas enthüllen, das lange verborgen gewesen war.

Und tatsächlich begann sich ihre Haut zu verändern, genau in dem Tempo, in dem ihre Hand nach oben glitt.

Zunächst nahm sie einen tiefen Grünton an. Dann bildeten sich feine Schuppen, die sich wie flüssiges Licht über ihre Haut ausbreiteten. Sie wuchsen weiter, bis schließlich ihr ganzer Körper von einem glänzenden Smaragdgrün überzogen war.

Mit einem leisen, reißenden Geräusch entfalteten sich hinter ihr große, lederne Flügel. Sie breiteten sich aus wie ein Mantel aus Schatten. Gleichzeitig glitt ein langer, geschmeidiger Reptilienschwanz hinter ihr über den Boden und strich mit einem leisen Geräusch über den Stein.

Ich verfolgte jede Veränderung, ohne den Blick von ihr abzuwenden.

Dann hob Amaya den Kopf und sah mich direkt an.

Ihre Augen leuchteten golden. Die Pupillen waren schmal, senkrecht und scharf, doch in ihnen lag noch immer dieselbe Lebendigkeit, die ich kannte.

Ich war sprachlos.

„Das ist… unglaublich", brachte ich schließlich hervor. „Können das alle aus deinem Clan?"

Vorsichtig strich ich über ihren Arm. Die Drachenschuppen fühlten sich warm an, überraschend weich, beinahe seidig.

„Nein", antwortete Amaya leise. „Ich bin erst die Zweite aus meiner Linie."

„Und wer war die Erste?"

„Du erinnerst dich an die Schiftrolle mit Meian und Hanabi? Für die Welt ist sie zwar nur eine vergessene Kämpferin, doch sie war eine der drei ersten Shinobis.“

„Dann ist das nicht nur eine Fähigkeit deines Clans.“

Sie schüttelte den Kopf. Mit ihrer klauenartigen, dennoch zierlichen Hand strich sie sanft über meine Brust, so behutsam, als hätte sie Angst, mich zu zerbrechen.

„Wie ist es dir ergangen?“, fragte sie.

„Es geht.“ Ich atmete tief aus. „Ich habe dich vermisst.“

„Ich dich auch.“ Ihre goldenen Drachenaugen ruhten auf mir. In ihrem Blick lag eine Wärme, die von einer kaum verborgenen Sehnsucht nach Nähe begleitet wurde.

Amaya ließ spielerisch ihre Flügel schlagen. Dann überwand sie die letzten Zentimeter zwischen uns und schlang die Arme um mich.

Ich zog sie an mich.

Eine Weile sagte keiner von uns etwas. Meine Hand glitt langsam über ihren Rücken. Die Schuppen waren warm unter meinen Fingern, ihre Oberfläche überraschend glatt. Ich ließ meine Finger vorsichtig über eine der Linien bis zum Ansatz ihres Flügels wandern.

Sie zuckte nicht zurück. Im Gegenteil, sie schmiegte sich noch ein wenig näher an mich.

Erst dann wagte ich es, den Flügel selbst zu berühren. Er fühlte sich anders an, als ich erwartet hatte. Fremd und doch ein Teil von ihr, genauso selbstverständlich wie ihre Hände oder ihr Haar.

Ich strich einmal behutsam über die lederartige Oberfläche, bevor ich meine Hand wieder auf ihrem Rücken ruhen ließ.

Nun verstand ich auch, warum ihre Weste am Rücken offen war.

„Warum hast du diese Gestalt versteckt?" fragte ich.

„Du solltest das wissen… gerade du als ehemaliger Jinchūriki."

Ja. Ich wusste es. Die Verachtung. Der Hass.

Die Blicke voller Angst.

All das brannte noch immer in meiner Erinnerung wie alte Narben.

„Gaara?"

„Mmh?", antwortete ich nur, denn ich war immer noch mit ihrem grünen Anblick beschäftigt.

„Ich muss zurück. Und du musst bestimmt wieder in die Konferenz."

„Nein.“ Unwillkürlich schloss ich meine Arme fester um sie. „Bleib noch.“

Sie seufzte, und ihre Flügel sanken langsam herab.

„Gaara…“

„Kannst du dich noch an den Brief erinnern, welchen du mir dagelassen hast?“, unterbrach ich sie einfach.

Ihr Blick verriet mir, dass sie sich erinnerte. Natürlich erinnerte sie sich.

Ich beugte mich vor und legte meine Stirn gegen ihre.

„Ich habe jede Nacht zum Kageturm hinübergeschaut und gehofft, dass du wieder dort sitzen würdest. Das habe ich noch nie für jemanden getan. Ich will dich jetzt noch nicht wieder gehen lassen. Nicht nach all den Wochen, in denen ich auf dich gewartet habe.“

Ihre Augen funkelten wie Sterne über dem Wüstensand. Auf ihren Lippen erschien ein weiches, glückliches Lächeln.

Ich strich über ihre schuppige Wange und beugte mich vor, bis sich unsere Lippen trafen.

Der Kuss war warm und fordernd, erfüllt von all den Gefühlen, die Wochen nicht ausgesprochen werden konnten.

Amaya schlang die Arme um meinen Nacken und fuhr mit den Fingern durch mein Haar. Für einen Moment verlor ich mich vollkommen in ihr. In ihrer Wärme, ihrer Stärke und der Zärtlichkeit, die sie trotz allem in sich trug. Ihre Nähe fühlte sich vertraut an. Wärmer, als ich sie in Erinnerung gehabt hatte.

Langsam verschwanden die Schuppen unter meinen Fingern, bis ich wieder ihre vertraute, weiche Haut spürte. Ich strich ihr über den Rücken, der sich so offen für mich anbot, während meine Lippen immer noch an ihren hingen. Als ich mich schließlich von ihr löste und in ihre Augen sah, schienen sie zu lodern.

Meine Hände ruhten noch immer an ihren Hüften, als ihr Blick sanfter wurde. Doch in dem Feuer, das eben noch darin getanzt hatte, erkannte ich nun wieder den Funken aus Pflichtbewusstsein und Ernst, der sie seit der Konferenz begleitete.

„Gaara… ich muss gehen.“

Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. „Wir beide haben Verpflichtungen.“

Ich seufzte schwer, weil ich wusste, dass sie recht hatte. „Ich weiß.“

Meine Stirn blieb an ihrer. „Aber ich wäre lieber bei dir. Du… du riechst gut.“

Überrascht blinzelte sie, dann brach sie in Lachen aus. Es war warm und hell wie ein Glockenspiel und nahm mir für einen Moment die Schwere von der Brust.

,,Was ist daran falsch?“

„Das ist eines der verrücktesten Komplimente, die ich je bekommen habe.“

Ich strich sanft über ihre Wange. „Bleib bei mir. Nur für ein Weilchen.“

„Gaara …“, begann sie, verstummte dann aber. Ihr Blick wanderte zur Seite, als würde sie im Kopf verschiedene Pläne, Möglichkeiten und Reihenfolgen durchgehen. Diesen Ausdruck kannte ich inzwischen gut genug: Sie kalkulierte.

„Amaya?“

„Ich…" Sie hielt inne und dachte weiter nach, während ihre Finger unbewusst auf meiner Schulter trommelten. „Wäre es in Ordnung, wenn ich heute Nacht bei dir bleibe?"

Für einen Moment fehlten mir die Worte. Damit hatte ich nicht gerechnet. Es war sogar mehr, als ich zu hoffen gewagt hatte.

„Ich muss vorher noch zwei Dinge regeln“, fügte sie hinzu, bevor ich antworten konnte. „Es dauert nicht lange. In drei Stunden bin ich zurück.“

„Natürlich“, erwiderte ich, vielleicht ein wenig zu schnell.

Sie nickte und drückte mir einen Kuss auf die Wange. Dann löste sie sich von mir und verschwand im nächsten Augenblick in einem Schimmer aus Licht.

Ich blieb noch einen Moment stehen und betrachtete die Stelle, an der sie eben noch gewesen war. Die Stille, die sie zurückgelassen hatte, fühlte sich plötzlich viel größer an.

Schließlich zwang ich mich, mich abzuwenden und zur Konferenz zurückzukehren.

Die übrigen Kage erwarteten mich bereits ungeduldig. In den nächsten Stunden diskutierten wir Amayas Auftauchen und ihre Ankündigung. Wir mussten einschätzen, ob ihre Drachen eine zusätzliche Gefahr darstellten oder tatsächlich die Verstärkung waren, die wir so dringend benötigten.

Der Tsuchikage blieb skeptisch, der Mizukage wog die Möglichkeiten sorgfältig ab. Nur der Raikage schien zunehmend beeindruckt von der Kühnheit, mit der Amaya vor uns getreten war.

Ich hörte aufmerksam zu, brachte meine Einschätzungen ein, wenn ich danach gefragt wurde, und beantwortete die Fragen der anderen Kage. Doch während ich mich an der Diskussion beteiligte, verlor ich die Zeit nie aus dem Blick.

Ich wusste genau, wie lange es noch dauerte, bis sie zurückkommen würde.

---

Als ich die Tür zu meinen Räumen öffnete, stand die Sonne bereits tief und tauchte den Himmel über den Bergen in ein sattes Orange.

Amaya war schon da und hatte sich umgezogen. Sie trug etwas Weites und Bequemes.

Ich blieb im Türrahmen stehen. Mit ihr hatte ich gerechnet. Damit, dass sie bereits ein Essen vorbereitet hatte, allerdings nicht.

Auf dem ovalen Tisch in der Mitte meines Besprechungszimmers standen mehrere Tontöpfe mit Reis und gedämpftem Gemüse sowie ein ganzer, gedämpfter Fisch, dessen Duft den Raum erfüllte. Neben Amaya stand ein großer, geflochtener Bambuskorb, aus dem sie gerade die letzten Schälchen nahm.

Durch die großen Fenster hinter ihr fiel das letzte Licht des Tages und warf lange Schatten über die dunklen Sofas, auf denen ich normalerweise unangenehme Besprechungen führte. Heute wirkten sie plötzlich einladend.

„Du bist ja schon da", brachte ich hervor, noch immer etwas überrumpelt.

„Ich habe gesagt, in drei Stunden", grinste sie. „Ich halte meine Versprechen."

„Woher hast du das alles?"

„Luna hat mir geholfen.“ Sie stellte das letzte Schälchen ab und setzte sich auf eines der Kissen am Tisch. „Sie hat den Fisch gefangen. Ich glaube, sie wollte, dass es ein ganz besonderer wird.“

Etwas in mir wurde still. Dass Luna sich diese Mühe gemacht hatte, nur für dieses eine Essen, berührte mich mehr, als ich erwartet hätte.

Ich sagte nichts dazu, sondern schenkte Amaya lediglich ein kleines, dankbares Lächeln, bevor ich mich zu ihr setzte.

Wir aßen, und für eine Weile existierte dieser fremde Raum für mich nicht. Da waren nur das Essen und Amayas Stimme, während sie mir von dem Fluss in ihrer Heimat erzählte und davon, wie die Drachen und sie selber die Fische daraus fingen. Ich hörte ihr zu, stellte hin und wieder eine Frage und bemerkte erst nach einer Weile, dass ich nicht mehr darüber nachdachte, was die anderen Kage von ihren Drachen hielten.

Kein Tsuchikage. Kein Mizukage. Kein bevorstehender Krieg.

Nur Amaya, die mir mit erstaunlichem Ernst erklärte, warum ein bestimmter Abschnitt des Flusses besonders viele Fische führte.

Ich wusste nicht, wann ich mich zuletzt so lange mit etwas beschäftigt hatte, das keine unmittelbare Bedeutung hatte.

Es fühlte sich ungewohnt an, aber nicht unangenehm.

Ich lehnte mich etwas zurück und beobachtete sie, während sie weitererzählte. Ihre Stimme war ruhiger geworden. Sie gestikulierte beim Sprechen und schien für einen Moment sogar zu vergessen, wie angespannt die vergangenen Wochen gewesen waren.

Ich wollte, dass dieser Augenblick länger anhielt.

Vielleicht war das der Grund, weshalb ich sie nicht unterbrach, als sie mir mehr über die unterschiedlichen Fischarten erzählte und warum die Drachen bestimmte Fische bevorzugten.

Ich hörte einfach weiter zu.

Erst als die Töpfe beinahe leer waren, kehrten meine Gedanken langsam zu dem zurück, was vor uns lag.

„Die Kage und ich haben das letzte Meeting damit verbracht über deine Drachen zu sprechen." erzählte ich schließlich. „Ich habe ihre Fragen beantwortet. Am Ende schienen einige von ihnen dem Ganzen deutlich offener gegenüberzustehen.“

Amaya hielt kurz inne und dachte nach. „Gibt es eine Information, die du denkst wäre wichtig zu wissen?“

Ich sah sie einen Moment an. Dann kehrte ich endgültig zu meiner Aufgabe zurück.

„Ja, werden die Drachen mitkämpfen?" fragte ich. Das war das Thema um was wir am meisten spekuliert haben.

„Die jüngeren Drachen haben sich freiwillig dazu entschieden, mitzukämpfen oder Schutz zu bieten. Die älteren wollen bei der Evakuierung helfen und kampfunfähige Shinobi aus den Gefahrengebieten bringen.“

So, wie sie es schilderte, hatten die Drachen selbst entschieden, sie im Krieg zu unterstützen. Ich wusste nicht, ob mich diese Nachricht beruhigen oder beunruhigen sollte. Amaya würde nicht allein in den Krieg ziehen müssen. Doch ihre Verbündeten würden sich gemeinsam mit ihr in Gefahr begeben.

Bevor ich etwas erwidern konnte, stand sie auf und griff in den Bambuskorb. Sie zog ein sorgfältig gefaltetes Kleidungsstück heraus.

Zunächst hielt ich es für Leder. Doch als sie es auseinanderfaltete, erkannte ich, dass es eine Weste war. Das Material schimmerte im Licht und besaß eine ungewöhnliche, mir unbekannte Struktur.

„Ich habe dir etwas mitgebracht."

Sie reichte mir das Kleidungsstück. Es fühlte sich ungewöhnlich leicht an, und doch lag darin eine Festigkeit, die gewöhnliches Leder nicht besaß.

„Was ist das?“

„Drachenhaut“, erklärte sie schlicht. „Unsere Drachen häuten sich alle paar Jahrzehnte. Mein Clan verwendet die alte Haut schon seit Generationen, um Westen, Wassersäcke und andere Dinge herzustellen. Sie ist unglaublich reißfest, wasserdicht, und selbst Waffen können ihr kaum etwas anhaben.“ Sie machte eine kurze Pause. „Diese Weste hat einmal meinem Großonkel gehört.“

Ich starrte auf das Kleidungsstück in meinen Händen. Noch bevor ich sein Gewicht richtig einschätzen konnte, spürte ich bereits, wie viel es bedeutete.

„Amaya, das kann ich nicht annehmen. Es ist zu kostbar. Die Weste gehörte deinem Großonkel, und ich gehöre nicht einmal zu deinem Clan.“ Ich sah sie an. „Warum gibst du mir so etwas?“

„Bitte trag sie morgen“, erwiderte sie sanft, aber bestimmt. „Dann weiß ich, dass du ausreichend geschützt bist. Nichts, was ich kenne, kann Drachenhaut ohne Weiteres durchdringen.“

Ich strich mit den Fingern über das ungewöhnliche Material. Es fiel mir schwer, ein solches Geschenk anzunehmen. Nicht, weil ich seinen Wert nicht erkannte, sondern weil ich nicht wusste, womit ich es verdient hatte.

„Dann werde ich sie tragen“, versprach ich schließlich.

Behutsam legte ich die Weste auf meinen Schoß.

Amaya griff erneut in den Korb und holte eine kleine silberne Anstecknadel hervor. In ihrer Mitte saß eine schimmernde, perlenartige Kugel. Mit dem Schmuckstück in der Hand umrundete sie den Tisch und setzte sich neben mich.

„Und das hier.“ Sie hielt mir die Nadel hin. „Eine Schutzperle. Wenn du sie trägst, wissen meine Drachen, dass du unter unserem Schutz stehst. Solltest du einem von ihnen begegnen und Hilfe brauchen, werden sie dir helfen.“

Ich saß einfach nur da. Die Weste lag auf meinem Schoß, die Nadel ruhte in ihrer ausgestreckten Hand, und mir fehlten die Worte für das, was in mir vorging.

„Sie würden mir helfen?“

„Wenn du die Perle trägst, wissen sie, dass du zu uns gehörst.“

Etwas in meiner Brust zog sich zusammen.

Ich wusste nicht, wie ich ihr begreiflich machen sollte, was diese Geste für mich bedeutete. Also tat ich das Einzige, was mir in diesem Moment richtig erschien.

Ich beugte mich vor und küsste sie.

Ihre weichen Lippen berührten meine, und für einen Augenblick verschwanden all die Worte, die ich nicht finden konnte.

Als ich mich wieder von ihr löste, sah ich sie an.

„Womit habe ich all das verdient, Amaya?“

„Das ist das Mindeste, was ich tun kann, um dich zu schützen.“

Sie strich mir über die Wange und sah mich etwas traurig mit einem Lächeln an.

Behutsam legte ich ihre Geschenke beiseite, um die Hände frei zu haben. Dann nahm ich ihre beiden Hände in meine.

„Gibt es etwas, das ich für dich tun kann?“

Sie schloss die Augen, als müsste sie tief in sich hineinhorchen, bevor sie mir antworten konnte.

„Lass uns einfach diese Nacht zusammen verbringen.“

Ich hielt ihren Blick fest.

„Bist du sicher?“

Sie nickte. Das genügte mir.

Ich stand auf und half ihr, sich ebenfalls zu erheben. Ihre goldenen Augen blickten fragend zu mir auf.

„Komm“, sagte ich und nahm ihre Hand, um sie zum Schlafzimmer zu führen. „Ich zeige dir, wo wir schlafen werden.“

Sie folgte mir ohne Widerstand, ein verwirrten Blick aufgesetzt.

„Und wenn ich noch gar nicht müde bin?“

„Ich auch nicht“, gab ich zu. „Aber wir müssen ja nicht sofort schlafen.“

Noch bevor wir die Tür erreichten, spürte ich, wie sie ihre Hand aus meiner löste. Verwundert drehte ich mich zu ihr um.

Sie stand reglos da, einen Arm fest um ihren Körper geschlungen. Ihr Gesicht wirkte seltsam ausdruckslos, als hätte sie sich bewusst hinter einer Maske verborgen.

„Alles in Ordnung?“, fragte ich vorsichtig.

Hatte ich etwas Falsches gesagt? Ging ihr das alles zu schnell?

Sie schwieg einen Moment. Ihr Blick wanderte zu Boden und dann wieder zu mir, als würde sie mit sich selbst ringen, ob sie überhaupt etwas sagen sollte. Allmählich begann die Starre in ihrem Gesicht zu bröckeln und machte etwas anderem Platz. Ich konnte nicht genau erkennen, was es war. Keine richtige Angst, aber etwas, das ihr nahekam.

Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in meiner Brust aus. Hatte ich sie bedrängt, ohne es zu bemerken?

Da kamen mir Kankurōs Worte in den Sinn. Vor langer Zeit hatte er mir Dinge über Männer, Frauen und das erzählt, was zwischen ihnen im Schlafzimmer geschehen konnte. Damals hatte ich nicht alles verstanden. Jetzt begriff ich plötzlich, was er gemeint hatte.

Glaubte Amaya, ich würde heute Nacht mehr erwarten, als einfach nur mit ihr zusammen zu sein? Hatte sie mein Angebot, ihr das Schlafzimmer zu zeigen, als unausgesprochene Forderung verstanden

„Amaya“, sagte ich leise. „Was auch immer dir gerade durch den Kopf geht … ich möchte nicht, dass du dich meinetwegen unwohl fühlst. Sag mir einfach, was du brauchst.“

Sie sah mich lange an. Ihr Arm blieb fest um ihren Körper geschlungen, bis sie schließlich leise ausatmete.

„Es ist dumm“, murmelte sie, mehr zu sich selbst als zu mir. „Ich weiß, dass du nicht … dass du das nicht erwartest. Ich glaube, ich habe mir das auf dem Weg hierher selbst eingeredet.“ Sie hielt inne. „Weil es so viel einfacher ist, sich vor etwas zu fürchten, das noch gar nicht passiert ist, als sich einzugestehen, dass ich einfach nur …“

Sie brach ab und presste die Lippen zusammen.

„Dass du einfach nur was?“, fragte ich behutsam.

„Dass ich einfach noch nie so weit war.“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Bei niemandem. Und ich hatte Angst, dass du es erwartest, nur weil wir uns geküsst haben. Dass ich dich enttäusche, wenn ich dir sage, dass ich noch nicht bereit dafür bin.“

Bei ihren Worten löste sich etwas in mir. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie sehr mich ihre Anspannung beunruhigt hatte.

„Amaya“, sagte ich sanft, „du könntest mich niemals enttäuschen, nur weil du dir Zeit lässt.“

Sie atmete langsam aus und lockerte ihre Umarmung, mit der sie sich selbst festgehalten hatte.

„Okay“, sagte sie leise. Dann hob sie den Blick zu mir. „Dann zeig mir, wo wir schlafen werden.“

Ihre Stimme klang ruhiger als zuvor. Die Anspannung war nicht völlig verschwunden, aber sie hatte nachgelassen. Es war nur ein kleiner Satz. Und doch lag darin mehr Vertrauen, als sie vermutlich selbst bemerkte.

Ich streckte ihr meine Hand entgegen, welche sie ohne weiteres Zögern ergriff.

---

Draußen hatte die Nacht längst die letzten Spuren des Tageslichts verschluckt. Ich hatte mich umgezogen, während Amaya kurz im Badezimmer verschwunden war. Nun lagen wir nebeneinander, ihren Kopf auf meinem ausgestreckten Arm, während meine Finger gedankenverloren durch ihr langes Haar glitten.

So lagen wir da, ohne Eile, ohne etwas voneinander zu verlangen. Einfach nur sie und ich.

Amaya rückte ein wenig näher. Ihre Hand glitt in langsamen, ziellosen Bewegungen über meine Brust.

„Gaara?“ Ihre Stimme war leise, beinahe brüchig.

„Hm?“

„Bist du … bereit für morgen?“

Ich wusste, was sie wirklich fragte. Nicht, ob ich bereit für die Schlacht war, sondern ob ich bereit war, vielleicht nicht zurückzukehren.

„So bereit, wie man sein kann.“

Ich wandte den Kopf zu ihr, und unsere Blicke begegneten sich.

„Aber ich wünschte, ich könnte morgen bei dir sein.“

Ihre Augen wurden weich.

„Ich auch.“

Einen Moment lang schwieg sie, bevor sie weitersprach.

„Ich habe keine Angst vor dem Tod.“

Ich glaubte ihr. Sie sagte es mit einer Ruhe, die nur jemand besitzen konnte, der dem Tod bereits begegnet war.

„Wovor hast du dann Angst?“, fragte ich.

Sie schluckte.

„Davor, dass das hier unsere letzte gemeinsame Zeit sein könnte. Dass einer von uns fällt.“ Ihre Stimme zitterte leicht. „Vielleicht kämpfen wir für eine bessere Zukunft, aber manchmal frage ich mich, welchen Preis wir dafür bezahlen müssen.“

Ein paar Tränen liefen ihr die Wange hinab, den Schmerz, welcher ihr Herz beherbergte. Sie hatte bereits so viel verloren und war trotzdem bereit, sich wieder in Gefahr zu bringen. Diesen Blick kannte ich. Die Bereitschaft, alles zu geben, selbst wenn am Ende nichts mehr von einem selbst übrigblieb.

Und doch verstand ich nicht ganz, wie sie dazu bereit sein konnte, obwohl es ihr so schwerfiel, anderen zu vertrauen. Sie war bereit, ihr Leben zu riskieren, und hatte mir trotzdem etwas geschenkt, das sie nur selten jemandem gewährte: ihr Vertrauen.

Mein Herz schlug schwer gegen meine Brust.

„Ich weiß“, sagte ich ruhig. „Wir setzen viel aufs Spiel. Aber ich kann mir keine Zukunft mehr vorstellen, in der du nicht vorkommst.“

Eine Weile schwiegen wir. Dann streckte sie langsam die Hand aus und legte sie auf meine.

Ihre Berührung war warm und behutsam.

„Wenn einer von uns nicht zurückkommt …“ Sie hielt inne und suchte meinen Blick. „Dann bin ich froh, dass wir diese Nacht zusammen verbringen.“

Ich löste meine Hand aus ihrer, hob sanft ihr Kinn an und beugte mich zu ihr hinunter.

Unser Kuss war ruhig und zärtlich. Darin lag kein Drängen, keine Forderung. Nur ein Versprechen, das keiner von uns auszusprechen wagte.

Als wir uns voneinander lösten, sah sie mich lange an. Wir waren einander so nah, dass ich ihren Atem auf meinen Lippen spürte.

„Ich will nicht, dass das unser letztes Mal ist“, murmelte ich.

„Ich auch nicht.“

Sie schmiegte sich enger an mich. Ihre Finger hielten sich leicht in meinem Stoff fest, als fürchtete sie, den Halt zu verlieren.

Ich zog sie behutsam an mich, bis sie halb auf mir lag. Ihr Bein berührte meines, ihr Körper schmiegte sich an meinen.

„Ist das … in Ordnung für dich?“, fragte ich leise.

„Ja", flüsterte sie und ließ sich vollständig gegen mich sinken. Ihre Arme schlangen sich um meinen Körper. Ich hielt sie fest, eine Hand an ihrem unteren Rücken, den anderen verschränkte mit ihrem.

„Schlaf, Amaya. Ich halte dich.“

Vielleicht ist das unsere letzte Nacht.

Sie schloss die Augen und legte den Kopf an meine Brust. Ich spürte, wie ihr Atem allmählich ruhiger wurde.

Behutsam küsste ich ihre Stirn.

So schliefen wir schließlich ein, eng aneinander, während draußen die Welt dem Krieg entgegensah.

Vielleicht würde morgen alles enden.

Aber heute Nacht war sie hier.

Bei mir.