Sterben und Leben (Gaaras / Amayas Sicht)
Sterben und Leben (Gaaras / Amayas Sicht)
Krieg war nichts Schönes.
Ich hatte das immer gewusst, doch an diesem ersten Tag wurde aus diesem Wissen eine bittere Wahrheit, die sich tief in meine Knochen fraß. Noch bevor die Sonne ihren Zenit erreicht hatte, hatte jede Seite bereits die Hälfte ihrer Soldaten verloren. Das Schlachtfeld war ein Meer aus Sand, Blut und Staub, durchzogen vom Echo unserer Entscheidungen.
Als der zweite Tag anbrach, schien die Luft dichter zu werden. Sie vibrierte förmlich vor Anspannung, schwer von Chakra und dem Geruch des Todes.
Und dann tauchten sie auf: die Drachen.
Große, majestätische Wesen, deren Schuppen im Licht schimmerten und deren bloße Anwesenheit selbst erfahrenen Shinobi den Atem raubte. Ihre gewaltigen Flügel warfen Schatten über das Schlachtfeld. Für einen flüchtigen Moment keimte Hoffnung in mir auf. Vielleicht konnten diese Wesen das Blatt tatsächlich zu unseren Gunsten wenden.
Doch es war nur die Ruhe vor dem Sturm.
Madara erschien, so plötzlich, als hätte die Welt selbst ihn ausgespuckt. Mit ihm kamen Amaya und Narutos Schattendoppelgänger auf das Schlachtfeld.
Ich konnte den Blick nicht von ihr lösen. Es war erstaunlich. Beängstigend. Atemberaubend.
Jeder ihrer Schritte war ein Tanz auf Messers Schneide, jede Bewegung ein Ausdruck ihres unerschütterlichen Willens. Sie kämpfte mit einer Kraft, die kaum menschlich wirkte. Doch Madara war mehr als ein Gegner. Er war eine Naturgewalt.
Gemeinsam mit Naruto und Amaya versuchten wir, ihn in die Knie zu zwingen. Der Kampf schien aussichtslos, und dennoch gab keiner von uns nach.
Dann trafen auch die übrigen drei Kage auf dem Schlachtfeld ein, und das Blatt wendete sich erneut.
Während Amaya und Naruto weiterzogen, um das Juubi aufzuhalten, stellten wir fünf Kage uns Madara entgegen.
Der Kampf, der folgte, brannte sich in meine Seele. Jeder Schlag ließ meine Arme erzittern, jeder Atemzug brannte in meiner Brust. Wir kämpften erbittert, Seite an Seite, doch selbst gemeinsam stießen wir bald an unsere Grenzen. Madara war uns haushoch überlegen. Ein Gigant in einer Welt voller sterblicher Körper.
Wir verloren.
Hätte Tsunade nicht eingegriffen, wären wir alle fünf gefallen.
Ich wäre tot gewesen.
Doch ich lebte. Und dieses Leben, das mir geblieben war, trieb mich weiter. Es führte mich zurück zu Amaya.
Ich fand sie an der Seite von Naruto, Sasuke und Sakura, im Kampf gegen Madara und Obito.
Ihre Drachenform war überwältigend. Ihre Kraft entzog sich allem, was ich bisher für möglich gehalten hatte. Der Anblick erfüllte mich mit Stolz und ließ mich zugleich erschaudern. Ich wusste, wie viel sie zu geben bereit war. Aber zu sehen, wie sie sich einem Gegner wie Madara entgegenstellte, machte mir schmerzhaft bewusst, wie viel sie dabei verlieren konnte.
Selbst als Madara zum Jinchūriki wurde, ließ ihre Stärke nicht nach. Ihr Wille blieb ungebrochen.
Gemeinsam gelang es Amaya, Sakura, Naruto und Sasuke, Madara zurückzudrängen und ihn in Schach zu halten. Einem Gegner, gegen den gewöhnliche Shinobi längst keine Chance mehr gehabt hätten.
Es war kaum noch ein Kampf, wie ich ihn kannte.
Es war ein Duell unter Göttern.
Jeder Schlag erzeugte Druckwellen, die den Sand aus der Erde rissen und die Luft erzittern ließen. Die Welt bebte unter ihrer Macht, während die Umgebung Stück für Stück verwüstet wurde. Es war, als wäre die Natur selbst zum stummen Zeugen einer Kraft geworden, die alles zu verschlingen drohte.
Und dann …
Plötzlich stand der Mond am Himmel.
Rot.
Rot wie das Blut der gefallenen Shinobi.
Das war das letzte Bild, an das ich mich vom Krieg erinnern konnte.
Als ich wieder zu mir kam, war ich von hölzernen Ranken umschlungen. Ich brauchte einige Augenblicke, um zu begreifen, was geschehen war. Mit aller Kraft befreite ich mich aus ihrem Griff und richtete mich auf.
Wie viel Zeit vergangen war, konnte ich nicht sagen.
Ich fand Amaya auf dem verwüsteten Schlachtfeld, zwischen aufgerissener Erde und zertrampeltem Sand. Blut und Staub bedeckten ihren Körper, sodass sie kaum wiederzuerkennen war.
Für einen schrecklichen Augenblick glaubte ich, zu spät gekommen zu sein.
Ich erinnere mich nur noch bruchstückhaft daran, wie ich neben ihr auf die Knie sank. Mein eigener Körper protestierte bei jeder Bewegung, die Erschöpfung zehrte an meinen letzten Kräften. Trotzdem zwang ich mich, nach ihrem Puls zu suchen. Ich wagte kaum zu hoffen, ihn zu spüren.
Dann fand ich ihn. Schwach, aber vorhanden.
Noch bevor ich um Hilfe rufen konnte, erschien einer ihrer Drachen. Es war nicht Luna, sondern ein größeres, dunkelgrünes Wesen, das ich zuvor noch nie gesehen hatte. Es musste Amayas Zustand aus der Ferne gespürt haben.
Ohne zu zögern, hob ich sie so vorsichtig wie möglich auf seinen Rücken und kletterte hinter ihr hinauf. Ich legte die Arme um sie, um sie festzuhalten, während der Drache sich in die Luft erhob.
Kumogakure war der nächstgelegene Ort mit ausreichenden medizinischen Kapazitäten, um die zahllosen Verwundeten zu versorgen, die dieser Krieg hinterlassen hatte.
Der Flug verschwimmt in meiner Erinnerung zu einer einzigen, endlosen Strecke aus Wind und Sorge. Amayas regloser Körper lag vor mir, ihr Atem so flach, dass ich mehrmals eine Hand an ihre Brust legen musste, nur um mich zu vergewissern, dass sie noch atmete.
Als wir schließlich landeten, war ich nicht der Einzige, den ein Drache dorthin gebracht hatte. Amayas Drachen waren noch immer im Einsatz. Sie transportierten Verwundete aus allen Teilen des Schlachtfelds und legten Entfernungen zurück, die für menschliche Helfer kaum zu bewältigen gewesen wären.
Es war ein letzter, stiller Dienst, während ihre Herrin zwischen Leben und Tod schwebte.
Das Krankenhaus von Kumogakure war überfüllt. Die Flure waren voller Verletzter, und das medizinische Personal arbeitete längst an der Grenze seiner Kräfte.
Doch Amaya wurde sofort übernommen. Die Ärzte untersuchten sie, während ich darauf wartete, dass jemand mir sagte, wie schlimm es wirklich war. Als schließlich einer von ihnen zu mir zurückkehrte, versicherte er mir, dass ihr Zustand stabil sei.
Sie lag im Koma. Aber sie lebte.
In jenen ersten Tagen war das die einzige Gewissheit, an der ich mich festhalten konnte.
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Eine Woche war seit dem Ende des Krieges vergangen, und noch immer saß ich hier, in diesem kargen, weißen Krankenzimmer, den Blick auf Amayas reglose Gestalt gerichtet. Im Hintergrund piepten die medizinischen Geräte leise und gleichmäßig. Ihr stetiger Rhythmus war mir inzwischen vertrauter als das Rascheln der Berichte auf meinem Schoß.
Die Ärzte versicherten mir jeden Tag aufs Neue, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis sich ihr Körper erholt hätte. Ihr Zustand sei stabil, und das Koma zeige keine Anzeichen einer Verschlechterung. Ich hatte gelernt, ihren Worten zu vertrauen. Trotzdem konnte ich erst dann wirklich aufatmen, wenn ich mit eigenen Augen sah, wie sich Amayas Brust hob und wieder senkte.
Wie so oft in den vergangenen Tagen hatte ich einen Stapel Berichte mitgebracht. Nicht, weil ich ernsthaft glaubte, hier viel erledigen zu können, sondern weil sie mir einen Vorwand gaben, an ihrem Bett zu sitzen, ohne mir selbst eingestehen zu müssen, wie viel Zeit ich tatsächlich hier verbrachte.
Die Berichte beschäftigten meine Hände. Mehr nicht.
Kaum hatte ich zwei Sätze gelesen, verschwammen die Schriftzeichen vor meinen Augen. Mein Blick wanderte immer wieder zu Amaya zurück.
Die Tür öffnete sich, und Temari trat ein. Sie trug ein Tablett mit Tee, das sie auf dem kleinen Tisch neben dem Fenster abstellte.
„Hab ich mir doch gedacht, dass du wieder hier bist“, sagte sie. Es klang eher wie eine Feststellung als wie eine Frage. Dann ließ sie sich auf den freien Stuhl mir gegenüber sinken. „Wie lange sitzt du heute schon hier?“
„Ein paar Stunden.“
„Ein paar Stunden.“ Sie zog eine Augenbraue hoch. „Gaara, du musst auch auf dich achten. Amaya würde es bestimmt nicht gutheißen, wenn du dich ihretwegen völlig verausgabst.“
„Das tue ich nicht. Ich verbringe Zeit mit ihr und erledige nebenbei meine Berichte.“
Temari deutete mit dem Kinn auf die Unterlagen auf meinem Schoß.
„Du scheinst aber nicht besonders weit gekommen zu sein. Das nennst du Multitasking? Du bist immer noch auf derselben Seite.“
Ich schwieg. Eine überzeugende Antwort hätte ich ohnehin nicht gehabt.
Das gleichmäßige Piepen der Geräte füllte die kurze Stille zwischen uns.
Temari musterte mich eine Weile. Ein Anflug von Belustigung trat in ihren Blick, und ich ahnte bereits, dass mir ihre nächste Frage nicht gefallen würde.
„Wie steht es eigentlich zwischen euch? Hast du ihr schon gesagt, dass du sie liebst?“
Unwillkürlich stieg mir die Hitze in den Nacken.
„Temari.“
„Das ist keine Antwort.“ Sie beugte sich vor und stützte die Ellbogen auf ihre Knie. „Also? Weiß sie es?“
„Nein.“ Ich wandte den Blick wieder Amaya zu. Neben ihr zeichnete ein Gerät unbeirrt ihren Herzschlag auf. „Noch nicht.“
„Warum nicht?“
Ich brauchte einen Moment, um die richtigen Worte zu finden. „Weil ich nicht weiß, ob sie dasselbe für mich empfindet. Und weil es sich falsch anfühlt, es ihr zu sagen, während sie es nicht einmal hören kann.“
Temaris Belustigung wich einer stilleren, ernsteren Miene.
„Gaara, diese Frau ist mit dir auf das Sommerfest gegangen, und sie war sichtlich glücklich an deiner Seite. Sie hat mehr Abende mit dir verbracht als mit mir und sich sogar vor dem Krieg darum gekümmert, dass du geschützt bist.“ Sie machte eine kurze Pause. „Was genau brauchst du denn noch?“
„Das weiß ich.“
„Und trotzdem glaubst du, dass sie nichts für dich empfinden könnte?“
Ich senkte den Blick auf meine Hände.
„Ich glaube“, sagte ich langsam, „dass es einen Unterschied gibt, zwischen jemandem zu vertrauen, jemanden beschützen zu wollen und jemanden zu lieben. Ich weiß nicht, was davon sie für mich empfindet.“
Temari sah mich an, als hätte ich gerade etwas vollkommen Unverständliches gesagt.
„Gaara, das ist doch offensichtlich.“ Sie hielt kurz inne, dann verengte sie die Augen. „Habt ihr euch denn schon geküsst?“
Die Frage kam so unvermittelt, dass ich einen Moment brauchte, um zu begreifen, dass sie es ernst meinte.
„Also …“
Temari klatschte triumphierend in die Hände, diesmal leiser als sonst, offenbar aus Rücksicht auf Amaya.
„Ich wusste es! Seit wann?“
Ich warf einen kurzen Blick zu Amaya, bevor ich antwortete.
„Ich weiß nicht, ob es ihr recht wäre, wenn ich dir davon erzähle.“
Temari beugte sich noch ein Stück weiter vor.
„Ach, komm schon. Ich verrate es niemandem. Nicht einmal Kankurō.“
Ich betrachtete Amaya. Ihr Gesicht wirkte ruhig, und vor meinem inneren Auge tauchte die Erinnerung an jenen Abend bei mir zu Hause auf, von dem ich niemandem erzählt hatte. Nicht einmal Temari.
„Vor dem Krieg. Zwei Mal. Sie hat bei mir übernachtet“, sagte ich schließlich. Mehr, um sie von weiteren Fragen abzuhalten, als weil ich wirklich darüber sprechen wollte.
„Vor dem Krieg, zwei Mal?“ Temari schlug mir gegen den Arm. „Ihr Jungs seid echt blinde Nüsse. Du denkst tatsächlich, sie will dich nur beschützen?!“
„Das ist etwas anderes“, verteidigte ich mich, obwohl ich selbst hörte, wie schwach meine Worte klangen.
„Ist es nicht.“ Temari schüttelte beinahe fassungslos den Kopf. „Gaara, sie hat dich geküsst. Mehr als einmal. Sie hat bei dir übernachtet. Und du willst mir ernsthaft erzählen, das sei nur irgendeine Art von Schutzverhalten? Das ist …“ Sie brach ab und suchte nach den richtigen Worten. „Das ist etwas, das man tut, wenn man jemanden will. Nicht, wenn man ihn nur beschützen möchte.“
Ich schwieg und ließ ihre Worte auf mich wirken. Mein Blick wanderte wieder zu Amaya. Vielleicht hatte Temari recht. Vielleicht hatte ich all die Anzeichen längst gesehen und mich trotzdem geweigert, ihnen zu vertrauen. Aus Angst, mich in etwas hineinzuwagen, das sich am Ende doch nur als Fürsorge herausstellen könnte.
„Es könnte sein.“
„Du bist hoffnungslos“, schnaubte Temari und verschränkte die Arme.
„Und selbst wenn du recht hast“, sagte ich schließlich, „ändert das nichts daran, dass ich es ihr nicht sagen kann, solange sie schläft.“
Temaris Blick wurde weicher. „Nein“, stimmte sie zu. „Aber wenn sie aufwacht, wirst du es ihr sagen. Versprich mir das.“
Ich sah sie an und blickte dann wieder zu Amaya. Ihr Atem ging noch immer ruhig und gleichmäßig, begleitet vom stetigen Piepsen des Geräts neben ihr.
„Das verspreche ich.“
Die Tür öffnete sich erneut, und Kankurō trat ein.
„Hier seid ihr ja. Ich habe euch echt gesucht.“
Er ließ sich auf die freie Fensterbank fallen und streckte die Beine aus. Sein Blick wanderte kurz zu Amaya und anschließend zu dem Stapel unberührter Berichte auf meinem Schoß. Ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus.
„Hast du dein Büro jetzt hierher verlegt, Gaara?“, neckte mich mein eigener Bruder.
„Beim nächsten Mal hält er seine Besprechungen gleich hier ab, nur um nicht von Amayas Seite weichen zu müssen“, warf Temari ein. Ihr Seitenblick verriet mir, dass sie das eben Gesagte keineswegs vergessen hatte. Sie behielt es lediglich vorerst für sich.
„Klingt ganz nach dir, dem großen Beschützer.“ Kankurō legte den Kopf schräg und deutete mit dem Kinn auf Amaya. „Irgendwelche Neuigkeiten? Von den Ärzten, meine ich.“
„Stabil“, antwortete ich. „Keine Veränderung.“
„Immerhin keine Verschlechterung.“ Er seufzte und rieb sich übers Gesicht. „Weißt du eigentlich, wo all diese Drachen hergekommen sind?“
„Wo genau sie leben, weiß nur Amaya. Es gibt ein Land, in dem sie alle zu Hause sind“, erklärte ich. „Wo auch immer es liegt, es dient dem Schutz dieser Wesen.“
„Verständlich.“ Kankurō lehnte den Kopf gegen die Fensterscheibe. „Ich habe noch nie etwas Beeindruckenderes gesehen. Glaubst du, Amaya kann uns irgendwann einmal dorthin mitnehmen?“
„Sie leben in einem abgeschiedenen Land. Amaya hat mir nicht viel darüber erzählt. Sie teleportiert sich immer dorthin.“ Ich hielt kurz inne. „Soweit ich weiß, darf sie keine Außenstehenden mitnehmen. Ihr Drache Luna hat das ausdrücklich betont.“
Kankurō zog die Augenbrauen hoch. „Luna? Die Drachen haben alle Namen?“
„Vermutlich.“
„Beeindruckend.“ Er schüttelte den Kopf, halb bewundernd, halb ungläubig. „Ich werde mich wohl nie ganz daran gewöhnen, dass es sie wirklich gibt.“
„Du hattest genug Zeit dafür“, bemerkte Temari trocken. „Der Krieg ist vorbei, und du redest immer noch über sie, als wären sie ein Wunder.“
„Sind sie doch auch.“ Er grinste wieder, diesmal ohne den Spott von vorhin. „Wobei mich das, wenn ich ehrlich bin, nur noch neugieriger auf sie macht.“ Er nickte in Amayas Richtung. „Und auf all die anderen Geheimnisse, die sie mit sich herumträgt.“
Ich erwiderte nichts. Stattdessen dachte ich an all die Dinge, die ich selbst erst nach und nach über Amaya erfahren hatte: die Drachengottheit, die Last ihres Clans und die stille Trauer, die sie hinter ihrer Stärke verbarg. Vielleicht würde Kankurō manches davon eines Tages ebenfalls erfahren. Anderes vielleicht niemals.
Wir blieben noch eine Weile sitzen und sprachen über die Drachen, die ersten Berichte zum Wiederaufbau und Bakis Klagen darüber, dass sich die halbe Stadt noch immer im Ausnahmezustand befand. Das Piepsen der medizinischen Geräte begleitete uns wie ein stiller vierter Gesprächspartner, gleichmäßig und unbeirrt.
Irgendwann, als die Sonne draußen bereits tief stand und den Raum in warmes Abendlicht tauchte, richtete sich Kankurō auf und streckte sich ausgiebig.
„Wollt ihr den ganzen Abend hier verbringen? Ich habe echt Hunger!“
„Du hast doch immer Hunger“, bemerkte Temari. Trotzdem stand sie auf und strich die Falten ihrer Kleidung glatt.
„Das ist kein Verbrechen.“ Kankurō sah zu mir. „Kommst du mit, Gaara, oder klebst du hier fest?“
Ich warf einen letzten Blick auf Amaya, auf ihren gleichmäßigen Atem und das stetige Piepsen, das sie begleitete.
„Geht schon vor. Ich komme gleich nach.“
„Das sagst du jeden Abend“, meinte Temari. Ihre Stimme klang nicht vorwurfsvoll, sondern eher resigniert-amüsiert, als hätte sie sich längst mit dieser Gewohnheit abgefunden.
„Und jeden Abend stimmt es auch.“
Ich stand auf und legte die unberührten Berichte auf den kleinen Tisch neben dem Bett. Am nächsten Tag würde ich sie wieder mitbringen, ganz gleich, ob ich sie dann tatsächlich las oder nicht.
Im Vorbeigehen klopfte Kankurō mir auf die Schulter. „Lass uns nicht zu lange warten. Sonst wird das Essen kalt.“
Die beiden verließen das Zimmer. Ihre Stimmen verklangen im Flur, begleitet von Temaris leisem Lachen über etwas, das Kankurō gesagt haben musste.
Ich blieb noch einen Moment stehen und betrachtete Amaya im schwindenden Abendlicht.
„Ich liebe dich, Amaya“, flüsterte ich.
Ich wusste, dass sie mich nicht hören konnte. Trotzdem fühlte es sich anders an, nachdem ich die Worte endlich ausgesprochen hatte.
Dann folgte ich meinen Geschwistern hinaus, in der stillen Hoffnung, dass der nächste Tag der sein würde, an dem sich ihre Augen endlich wieder öffneten.
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Amayas Sicht
Ich blinzelte gegen das helle Licht an, das wie ein greller Schleier vor meinen Augen flimmerte, und kuschelte mich instinktiv tiefer in das warme, weiche Bett. Die Matratze fühlte sich beinahe unwirklich an, als hätte ich seit Jahren kein richtiges Bett mehr gespürt.
Langsam kehrten die letzten Bilder des Kampfes zurück, grell und chaotisch, wie zersplitterte Erinnerungsstücke aus einem Albtraum. Naruto, Sakura und Sasuke an meiner Seite. Kaguya Ōtsutsuki, die Urmutter des Chakras, deren Präsenz mich wie ein Abgrund zu verschlingen drohte. Ihr Schrei, als sie in ihrer eigenen Dimension versiegelt wurde.
Dann nichts mehr.
Als ich mich vorsichtig auf die Seite drehte, entdeckte ich Luna.
Sie lag mit dem Kopf auf meinem Bett, ihre schimmernde Nase dicht an meine Decke geschmiegt. Ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig, und unwillkürlich musste ich lächeln. Ein kleiner Funken Wärme breitete sich in meiner Brust aus. Ein erster, kostbarer Moment des Glücks nach all dem Dunkel.
Vorsichtig streckte ich die Hand aus und kitzelte sie an der Nase.
Sie prustete, ihre Nüstern zuckten, und ich biss mir auf die Lippe, um nicht laut loszulachen. Dann schlug sie die Augen auf – zwei dunkelblaue, funkelnde Seen – und starrte mich einen Herzschlag lang fassungslos an. Im nächsten Moment stieß sie ein freudiges Quieken aus und drückte ihren Kopf gegen meine schmerzende Schulter.
„Oh, du bist wieder wach!“, rief sie. Allein der Klang ihrer Stimme ließ mir eine unerwartete Gänsehaut über die Arme laufen. Sie richtete sich neben meinem Bett auf. „Wie fühlst du dich?“
„Gut … vielleicht noch nicht ganz erholt, aber für das, was passiert ist, geht es mir ganz okay.“ Ich begann vorsichtig, mich von den Schläuchen zu befreien. Jeder Handgriff kostete Kraft, und das leise Klirren des Kunststoffs störte die zerbrechliche Ruhe unseres Wiedersehens.
„Luna, wie lange lag ich hier, dass sie mich so verkabelt haben?“
„Zwei Wochen“, antwortete mein Fellmonster leise.
Zwei Wochen.
Die Worte sanken schwer in mich hinein. Ich musste wirklich am Ende gewesen sein.
„Wie geht es den anderen? Sind alle wohlauf?“ Kaum hatte ich die Frage ausgesprochen, bemerkte ich die feine Veränderung in Lunas Gesicht. Die Freude wich aus ihrem Blick, und ihre großen, glasigen Augen füllten sich mit Trauer. Der Anblick traf mich unerwartet tief.
„Den anderen geht es gut. Sie warten alle sehnsüchtig darauf, dass du zurückkommst.“ Sie schluckte. „Nur … zwei haben es nicht geschafft.“
„Okay …“ Das Wort blieb mir beinahe im Hals stecken. „Wen haben wir verloren?“
„Alvari und Unoku.“
Einen Moment lang fühlte es sich an, als hätte sich ein schwerer Stein in meinem Brustkorb festgesetzt.
„Habt ihr sie schon zu Meian gebracht?“
Luna nickte nur.
Stille legte sich zwischen uns, schwer und zugleich sanft. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Alvari und Unoku waren nicht einfach zwei Namen auf einer Liste. Sie waren Teil meiner Drachen gewesen. Und jetzt würden sie nicht mehr zurückkehren.
„Weißt du, worauf ich jetzt Lust habe?“, fragte ich schließlich. Mehr, um die bedrückende Stille ein wenig aufzulockern, als aus echtem Appetit heraus.
Luna hob eine Braue. „Auf ein heißes Bad und einen Reistopf?“
Ein erschöpftes, aber warmes Lächeln stahl sich auf meine Lippen. „Genau. Du kennst mich einfach zu gut.“
„Dann zisch ich schon mal los und setze den Reis auf“, versprach sie.
Mit einem vertrauten Plopp verschwand sie und ließ ein winziges Stück Normalität zurück.
Ich schlug die Bettdecke zur Seite. Sofort schoss ein stechender Schmerz durch meine Seite, als würde eine glühende Ader unter meiner Haut aufflammen. Meine Beine fühlten sich gleichzeitig schwer wie Blei und taub wie Watte an. Jeder Verband spannte, jeder Atemzug erinnerte mich an Schnitte und Prellungen, an Verletzungen, die vor Kurzem noch offene Wunden gewesen waren.
Ich presste die Lippen zusammen und wartete, bis der erste Schmerz nachließ.
Ich hatte es gerade geschafft, mich aufzurichten, mit zitternden Armen, die mich kaum tragen wollten, als die Tür aufschwang und Gaara eintrat.
Er blieb wie versteinert stehen. Für einen Herzschlag sagte er nichts. Die Überraschung in seinen Augen war so offen, so ungeschützt, dass ich beinahe lächeln musste.
Dann war er mit wenigen Schritten bei mir.
„Amaya! Was machst du denn da? Du solltest dich wieder hinlegen“, ermahnte er mich besorgt und drückte mich mit einer Mischung aus Sorge und stiller Autorität zurück ins Bett.
Ich ließ es zu, mehr aus Erschöpfung als aus fehlendem Widerstand.
Mein Körper protestierte ohnehin lauter, als ich zugeben wollte.
„Es freut mich auch, dich zu sehen, Gaara.“ Ich griff nach seiner Hand und hielt sie einen Moment fest, bevor ich sie sanft von meiner Schulter löste. Seine Berührung war warm und beruhigend und vertrauter als früher. „Wie geht es dir? Ich bin froh, wieder wach zu sein.“
„Mir wäre es lieber, du würdest liegen bleiben, während ich einen Arzt hole.“
Natürlich. Kaum war ich wieder wach, wollte er schon jemanden holen.
Er wandte sich zur Tür, doch ich packte ihn rasch am Unterarm. Die Bewegung kostete mich mehr Kraft, als sie sollte, und für einen Moment musste ich die Zähne zusammenbeißen. Unter meiner Hand spannten sich seine Muskeln an.
„Nein, Gaara, bitte. Du wirst niemandem da draußen erzählen, dass ich wach bin. Sonst kommen sie alle wie die Aasgeier angeflogen und lassen mir keine Sekunde Ruhe.“
Er sah mich verwirrt an. Sein Blick wanderte kurz über mein Gesicht, als würde er nach den Spuren der vergangenen zwei Wochen suchen.
„Was hast du stattdessen vor?“
„Ich will einfach nach Hause, etwas essen und mich umziehen.“
Ein Schatten glitt über sein Gesicht. Er senkte den Blick, als kämpfte er gegen einen Gedanken an, den er lieber nicht aussprechen wollte.
Ich zog mich an seinem Arm wieder in eine sitzende Position.
„Also willst du wieder dorthin verschwinden, wo ich dir nicht folgen kann.“
Er sagte es ruhig. Aber inzwischen kannte ich ihn gut genug, um zu hören, was wirklich hinter seinen Worten steckte.
Du bist gerade erst wieder aufgewacht. Und schon willst du wieder gehen.
„Oh, Gaara …“ Ich zog ihn so weit zu mir, wie es meine schwachen Arme zuließen, und lehnte meine Stirn gegen seinen Bauch. „Es sind doch nur zwei Stunden. Ich verspreche, mich zu beeilen.“
Einen Moment blieb er reglos. Dann spürte ich, wie sich seine Arme um mich legten und die Anspannung langsam aus seinem Körper wich. Es tat gut, mich einfach an ihn lehnen zu können.
„Na gut.“
Ich hob den Kopf und deutete ihm an, mir aufzuhelfen. Er legte eine Hand fest an meinen Rücken und stützte mich, während ich mich langsam auf die Beine kämpfte. Dabei fing er einen größeren Teil meines Gewichts auf, als ich gern zugegeben hätte.
Ich klammerte mich an ihm fest, bis der Raum aufhörte, sich um mich zu drehen.
„Eigentlich dürfte ich dich nicht mitnehmen, aber umbringen können mich die Ältesten deswegen wohl kaum“, murmelte ich.
Gaara sah mich verdutzt an.
„Was?“
„Nichts.“
„Amaya.“
Ich musste lachen. „Später.“
Sein Blick blieb skeptisch, doch er ließ es dabei bewenden.
Mit einem schiefen Grinsen sammelte ich, was von meinem Chakra übrig war. Das vertraute Ziehen in meiner Brust verriet mir, wie viel Kraft mich selbst diese kleine Anstrengung kostete. Gleichzeitig breitete sich eine freudige Aufregung in mir aus.
Gaaras Augen weiteten sich.
„Amaya, was …?“
Zu spät.
Ich schlang einen Arm um ihn und zog ihn näher an mich.
„Vertrau mir.“
Einen Herzschlag lang sah er mich an. Dann legte sich sein Arm sicher um meine Taille.
„Das tue ich.“
Die Welt löste sich in Licht auf.