Du schaffst das Gaara (Gaara´s Sicht)
Du schaffst das Gaara (Gaara´s Sicht)
Von einer Sekunde auf die nächste standen wir in einem weitläufigen Eingangsraum aus warmem Holz, groß genug, dass selbst ein Drache mühelos hindurchgepasst hätte.
Ich spürte, wie Amaya zur Seite kippte, und zog sie fest in meine Arme, bevor sie den Boden berühren konnte.
„Alles okay?“ Ich hielt sie sicher an mich gedrückt.
„Alles gut. Ich bin nur …“
„Immer noch verletzt“, beendete ich ihren Satz.
Sie sah mich mit ihren goldenen Augen erstaunt an. Diese glänzenden Spiegel, die keine Schlitze mehr besaßen. Es waren wieder ihre normalen Augen, menschlich und doch verletzlich. Erschöpft.
„Du wirst immer besser darin, mich zu durchschauen.“
„Du wirst immer schlechter darin, etwas vor mir zu verbergen.“
Ich vergewisserte mich, dass sie allein stehen konnte, bevor ich meinen stützenden Griff vorsichtig lockerte und mich umsah.
Alles wirkte … überraschend gewöhnlich. Kein fremdes Drachenreich, keine schimmernden Hallen, keine gewaltige Höhle. Nur ein ruhiges, schlichtes Zuhause. Und trotzdem lag eine stille Macht in der Luft, als würde die Welt unter ihrer vertrauten Oberfläche atmen.
Ich hatte versucht, mir Amayas Zuhause vorzustellen. Dass es so … normal wirkte, so bodenständig, hätte ich allerdings nicht erwartet.
Hinter uns fiel helles Licht auf den dunklen Dielenboden und reichte bis zu den zwei Stufen, die zur hinteren Wand hinaufführten. Dort zeichneten feine Konturen eine Holzschnitzerei nach: ein Drache mit ausgebreiteten Schwingen, kraftvoll und zugleich elegant.
Ich erkannte ihn sofort.
Den Drachen aus der Schriftrolle.
Amaya folgte meinem Blick. „Erkennst du Meian wieder?“, fragte sie. Ihre Stimme bekam etwas Ehrfürchtiges, als sie den Namen der Drachengöttin aussprach.
Natürlich erkannte ich sie. Ihre Darstellung war mir inzwischen beinahe so vertraut wie das Gefühl, Amayas Hand in meiner zu halten.
Neben den zwei Stufen stand ein hölzernes Schuhregal, dessen Farbe sich genau in dem Winkel, in dem das einfallende Licht darauf traf, dunkler verfärbt hatte, ein stiller Beweis jahrelanger Sonne.
Mein Blick wanderte weiter zu den Fenstern am Eingang. Dahinter erkannte ich eine überdachte Plattform, von der ein schmaler Steg hinaus in den offenen Himmel führte, als hätte man vorgehabt, direkt in die Wolken zu treten.
Ich löste mich vorsichtig von Amaya und trat einen Schritt näher an das Fenster. Dieses Panorama … Das war ihre Welt.
Am Horizont erhob sich eine gewaltige Bergwand, steil und wild, und in ihren Hängen lagen Häuser wie kleine Schätze, verborgen zwischen dichtem, grünem Bewuchs. Zu ihren Füßen glitzerte ein Fluss im Sonnenlicht, und über ihm schoben sich weiße Wolkenberge wie träge, grasende Tiere dahin. Es war ein Anblick von beinahe unwirklicher Ruhe.
Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, dass Amaya sich schwer gegen mich lehnte. Ihr Gewicht ruhte stärker auf mir, als es ihre sonst so stolze Haltung jemals zugelassen hätte. Ich kommentierte es nicht, sondern legte meinen Arm wieder um sie, um ihr Halt zu geben.
Kurz darauf spürte ich kühle Finger, die nach meiner Hand tasteten und sich um sie schlossen. Amaya lehnte den Kopf an meine Schulter.
Die Vertrautheit dieser kleinen Geste ließ etwas in meiner Brust eng werden.
„Es ist schön, wieder zu Hause zu sein“, murmelte sie.
„Danke, dass du mich mitgenommen hast.“
Ich beugte mich zu ihr und küsste sie auf die Stirn. Sie schmiegte sich ein wenig näher an mich, und gemeinsam blickten wir schweigend hinaus.
Erst jetzt, während mein Blick über die Bergketten und den glitzernden Fluss wanderte, wurde mir die volle Bedeutung dessen bewusst, was Amaya gerade getan hatte.
Kein Außenstehender hatte diesen Ort je betreten. Zumindest hatte ich sie so verstanden. Soweit ich wusste, durften Menschen außerhalb ihres Clans diese Welt nicht betreten.
Und trotzdem stand ich hier.
Neben ihr. An einem Ort, den sie ihr Zuhause nannte.
„Amaya … weiß außer Luna irgendjemand, dass du mich hergebracht hast?“
Sie schüttelte den Kopf, ohne den Blick von den Bergen abzuwenden. „Nein.“
Ich schwieg einen Moment und versuchte zu verstehen, warum sie ausgerechnet mich hierhergebracht hatte.
„Warum ich?“
Ein leichtes Lächeln huschte über ihre Lippen.
„Weil es Zeit wurde, dich hier willkommen zu heißen.“
Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte.
Willkommen.
Ein einfaches Wort. Und doch bedeutete es mir mehr, als sie vermutlich ahnte.
Sie hatte mir nicht einfach nur ihr Zuhause gezeigt. Sie hatte mir einen Ort anvertraut, den sie sonst für sich behielt.
Und während ich neben ihr stand und den Wind über die Berge streichen sah, begriff ich, dass sie mir gerade etwas geschenkt hatte, das sich nicht mit Worten oder Gegenständen aufwiegen ließ.
Und sie hatte entschieden, dass ich hineingehörte.
„Wollen wir reingehen und Luna überraschen?“, fragte Amaya und löste sich aus meinem Arm.
Mit zwei schwerfälligen Schritten stieg sie die hölzernen Stufen hinauf und drehte sich auf dem Absatz zu mir um.
„Kommst du?“
Ich nickte, zog meine Schuhe aus und ergriff ihre ausgestreckte Hand. Langsam ließ ich mich von ihr zur rechten Holzschiebetür ziehen. Kurz davor hielt ich sie sanft am Handgelenk zurück.
Eine wortlose Geste. Sie blieb stehen, drehte sich zu mir, und im warmen Halbdunkel der Eingangshalle lag ihr goldener Blick wie flüssiges Licht auf meinem Gesicht.
„Amaya …“ Meine Stimme klang tiefer, als ich erwartet hatte. „Ich bin froh, dass du wieder da bist. Ich habe mir solche Sorgen gemacht.“
Für einen Moment verschwand das Leichte aus ihrem Blick, und etwas Weiches, Warmes trat an seine Stelle. Ich hob die Hand und strich mit den Fingerspitzen über ihre Wange. Sie lehnte sich in meine Berührung.
„Ich habe dich vermisst“, sagte ich leise, kaum mehr als ein Atemzug.
Ein zarter Zug ging durch ihre Lippen. Dann legte ich meine Stirn an ihre. Nur für einen ruhigen Herzschlag lang, bevor ich mich vorbeugte und meine Lippen ihre suchten.
Der Kuss war vorsichtig und warm. Und doch lag darin all die Tage an denen ich sie nicht berühren konnte.
Amaya erwiderte ihn ohne Zögern. Ihre Hand glitt in meinen Nacken, und der vertraute Druck ihrer Finger löste etwas in mir, von dem ich nicht einmal bemerkt hatte, wie fest ich es die ganze Zeit über gehalten hatte.
Zwei Wochen lang hatte ich mich gefragt, ob sie jemals wieder aufwachen würde.
Jetzt stand sie vor mir. Warm. Lebendig. Bei mir.
Als wir uns voneinander lösten, schenkte sie mir ein Lächeln, das mich tiefer berührte als jedes Wort.
„Komm“, flüsterte sie und verschränkte ihre Finger mit meinen. „Jetzt überraschen wir sie.“
Wir traten in einen großen Raum, der beinahe einem Saal glich. Eine offene Küche mit einer Theke nahm einen Teil davon ein. Tatamimatten dämpften unsere Schritte, während die Wände mit warmem Holz vertäfelt waren. Im Zentrum stand eine niedrige Tafel mit sechs Sitzkissen. Auf den freien Flächen waren geschnitzte Truhen, Rollbilder, Masken und fein verzierte Fächer verteilt. Nichts wirkte zufällig platziert. Der Raum strahlte die Wärme eines Zuhauses aus, das von Erinnerungen und alltäglichem Leben erfüllt war.
Luna saß aufrecht vor der Theke. Für die Küchenzeile war sie definitiv zu groß, doch das schien sie nicht weiter zu stören. Aufmerksam behielt sie den Topf auf dem Herd im Auge, während einzelne Schüsseln und Küchenutensilien vor ihr in der Luft schwebten.
„Guck mal, Luna, wen ich mitgebracht habe.“
Luna drehte den Kopf zu uns.
„Ach, wir haben Herrenbesuch.“ Ihre Stimme klang hell und beinahe verspielt. „Schön, dich zu sehen, Gaara.“
Amaya ging zur Küche und begann, Schüsseln, Stäbchen und Vorratsgläser aus den Schränken zu holen.
„Gaara, setz dich doch schon mal.“
„Mir wäre es lieber, wenn du dich hinsetzt und ich helfe.“
Amaya holte bereits Luft, vermutlich um zu widersprechen, doch Luna kam ihr zuvor.
„Das finde ich auch.“
Amaya sah verwirrt zwischen uns hin und her, gab dann aber nach und ließ sich etwas schwerfälliger als sonst an der niedrigen Tafel nieder. Ein Schatten von Erschöpfung lag auf ihrem Gesicht. Sie wollte stärker wirken, als ihr Körper es nach den vergangenen Wochen zuließ.
Ich half Luna dabei, den dampfenden Reis und die kalten Beilagen auf dem Tisch zu verteilen. Schließlich ließ sie einen Bambuskorb mit gegartem Fisch in die Mitte schweben. Der Duft war herzhaft und warm, vertraut auf eine Weise, die mich an das Essen erinnerte, das Amaya vor dem Krieg mitgebracht hatte.
„Mensch, habe ich einen Hunger“, seufzte Amaya, als ich mich neben sie setzte.
„Du hast schließlich seit vierzehn Tagen keine feste Nahrung mehr zu dir genommen“, erinnerte Luna sie und füllte mithilfe ihrer telekinetischen Fähigkeiten Reis in Amayas Schüssel.
Es war erstaunlich. Obwohl sie nicht derselben Rasse angehörten, wirkten die beiden wie Schwestern. Dieselbe Wärme, dieselbe Vertrautheit.
Es gefiel mir, hier bei ihnen zu sein. Mit ihnen zu lachen. Und vor allem gefiel es mir, Amaya so zu sehen wie in diesem Moment: entspannt, zu Hause und glücklich.
Etwas in mir wurde weich, wenn sie lächelte. Noch weicher, wenn dieses Lächeln mir galt.
„Sagt mal, ihr beiden, wann wollt ihr überhaupt heiraten?“
Ich verschluckte mich beinahe an meinem Reis. Heiraten?
Für einen Moment wusste ich nicht, was ich mit dieser Frage anfangen sollte.
„Luna!“ Amayas Stimme wurde scharf. „Ich habe Gaara gerade zum ersten Mal mit nach Hause gebracht, und du redest schon vom Heiraten?“
„Na, dann wird er wohl der Richtige sein, wenn du ihn einfach so mitbringst.“
„Luna.“ Diesmal klang Amaya deutlich vorwurfsvoll.
„Du dürftest Gaara eigentlich gar nicht mitbringen, solange er nicht Doragon heißt.“
„Ich weiß, aber diese Regel ist sowieso schwachsinnig. Als ob Besucher sofort Einblick in die tiefsten Sitten und Bräuche bekommen würden.“ Amaya wedelte mit den Händen, als könnte sie damit das ganze Thema aus der Welt schaffen. „Und jetzt sieh mich nicht so an. Ich bin sowieso nicht diejenige, die über Anträge entscheiden darf.“
„Da hast du recht“, meinte Luna und richtete ihre großen blauen Augen auf mich.
Ich wusste nicht, was ich schlimmer fand.
Dass sie mich so unvermittelt ansah.
Oder dass ich plötzlich darüber nachdachte, warum sie mich überhaupt so ansah.
Hitze stieg mir ins Gesicht. Am liebsten hätte ich mich aufgelöst, notfalls in Sand.
„Gaara …“, begann Luna.
Doch noch bevor ihr Satz Gestalt annehmen konnte, stellte Amaya ihre Schüssel mit einem deutlichen Knall auf den Tisch und versuchte aufzustehen.
„Du bist doch auch fertig, Gaara?“
Sie wartete meine Antwort gar nicht erst ab, sondern ergriff meine Hand und zog daran, um mich ebenfalls zum Aufstehen zu bewegen.
Ich ließ mich widerstandslos mitziehen.
Ihr Griff war warm und selbstverständlich. Offenbar hatte sie beschlossen, dass diese Unterhaltung hiermit beendet war.
Ich war mir nicht sicher, ob ich darüber erleichtert oder enttäuscht sein sollte.
Amaya schob mich bereits durch die Tür.
„Danke fürs Abräumen!“, rief sie noch über die Schulter.
„Feigling!“, hörte ich Luna lachend hinter uns herufen, bevor die Tür zufiel.
Ich war mir nicht sicher, ob ich jemals wieder in diesen Raum zurückkehren wollte.
Andererseits hoffte ich bereits, dass ich es würde.
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Sie zog mich durch die Eingangshalle in einen schmalen Flur.
„Sorry wegen dieser Peinlichkeit“, murmelte sie. „Luna kann manchmal … sehr direkt sein. Wie sagt sie immer? Ach ja: Ich bin die einzige Erbin dieses Clans, und die Verantwortung liegt bei mir.“ Sie seufzte tief. „Im Klartext: Wenn ich keine Kinder bekomme, stirbt dieser Clan aus.“
Das war eine große Last, die auf ihren Schultern ruhte. Vielleicht eine, über die sie viel zu selten sprach.
Ich sah sie an. Sie sagte es in einem beinahe beiläufigen Ton, als wäre es nur eine weitere Tatsache ihres Lebens. Doch ich konnte mir vorstellen, wie schwer diese Erwartung auf ihr lasten musste.
Und plötzlich verstand ich auch, warum sie so selten über ihre Zukunft sprach.
„Willst du keine Kinder?“, fragte ich nach. Über dieses Thema hatte ich mir selbst eigentlich nie Gedanken gemacht.
„Doch, aber definitiv keine zehn.“
Ich überlegte kurz, ob ich überhaupt etwas dazu sagen sollte. „Wie viele denn?“
„Ich weiß nicht … Man müsste doch erst mal mit einem anfangen, oder?“ Ihr kleines, kokettes Lächeln brachte mich für einen Moment zum Schweigen.
Ich spürte, wie mir die Hitze in den Nacken stieg. Ich hatte keine Ahnung, was ich darauf antworten sollte. Also entschied ich mich für das Naheliegendste: nichts zu sagen und stattdessen das Thema zu wechseln, bevor ich mich noch mehr in Verlegenheit brachte.
„Du wolltest mir übrigens etwas zeigen“, murmelte ich und war dankbar für jeden Schritt, der uns von diesem Gespräch wegführte.
Von dem Flur, in dem wir standen, gingen fünf weitere Schiebetüren ab.
„Ach ja, stimmt.“ Sie führte mich weiter. „Das hier rechts ist Lunas Zimmer. Daneben liegt eigentlich ein Schlafzimmer, aber wir benutzen es eher als Rumpelkammer.“
Während sie sprach, stützte sie sich an der Wand ab. Es war nur eine kleine, beinahe unmerkliche Bewegung, doch ich bemerkte, wie sehr sie sich bemühte, ihre Erschöpfung zu verbergen.
„Und das hier links ist mein Zimmer.“
Sie schob die Tür auf.
Der Raum war warm und typisch japanisch eingerichtet. Tatamimatten bedeckten den Boden, daneben standen ein Kleiderschrank und ein ordentlich ausgelegter Doppelfuton. Über ihm hing ein großformatiges, selbst gemaltes Landschaftsbild. Eine Truhe neben dem Futon diente als Nachttisch.
„Du hast ein schönes Zimmer“, sagte ich ehrlich.
„Danke.“
„Aber das Beste hast du noch nicht gesehen.“
Sie rieb sich kurz die Schulter, unterdrückte die Bewegung jedoch sofort wieder, als sie meinen Blick bemerkte.
„Und ehrlich gesagt“, fügte sie hinzu, „könnte mein Körper gerade nichts dringender brauchen als das.“
Damit zog sie mich zurück in den Flur und öffnete die letzte Tür.
Vor uns lag eine kleine Badeoase. Sandfarbene Fliesen verliehen dem Raum die Atmosphäre einer Tropfsteinhöhle. In der linken Ecke befand sich eine begehbare Dusche, rechts davon eine Toilette. An der gegenüberliegenden Wand stand ein Doppelwaschbecken vor einem großen Spiegel, daneben ein deckenhohes Regal. Eine breite Holzbank nahm die Mitte des Raumes ein.
Amaya setzte sich darauf und beobachtete meine Reaktion.
„Na, was hältst du davon?“
„So ein Bad haben wir nicht einmal im Kage-Turm“, gab ich zu.
„Das Beste kommt aber noch.“
Sie stand etwas wackelig auf, nahm zwei Handtücher aus einem der Körbe und warf mir eines zu. Ich fing es auf und hielt es unschlüssig in den Händen.
Was … erwartete sie von mir?
Doch noch bevor ich eine Antwort finden konnte, zog Amaya ihr Shirt über den Kopf.
Überrascht wandte ich mich ab. Mein Herz schlug plötzlich schneller.
Hat sie wirklich …?
Ein Onsen? War das gemeint gewesen?
Und sollte ich mich ebenfalls ausziehen?
Allein die Vorstellung, sie so unbefangen zu sehen, ließ eine ungewohnte Wärme durch meinen Körper ziehen. Ich wusste nicht recht, wohin mit meinem Blick, und konzentrierte mich deshalb lieber auf die Tür.
„Willst du etwa nicht mit ins Wasser kommen?“
Amayas Stimme riss mich aus meinen Gedanken.
Ich drehte mich vorsichtig um. Sie stand vor mir, nur noch von einem Handtuch bedeckt, und wickelte gerade die Bandagen von ihrem Arm. Ihr offenes Haar fiel über ihre Brust bis hinunter zur Taille. Das Bild prägte sich mir unwillkürlich ein.
„Ähm …“ Mehr brachte ich nicht hervor.
„Ich geh schon mal vor“, bot sie an, nachdem sie ihren Arm von den Bandagen befreit hatte.
Die Haut darunter sah erstaunlich gut verheilt aus. Trotzdem konnte ich erkennen, wie viel Kraft sie jede Bewegung kostete.
„Ich komme gleich nach“, sagte ich mit letzter Fassung.
„Dann bis gleich.“
Sie strich mir leicht und zärtlich über die Wange, bevor sie durch die große Schiebewand im Dampf verschwand.
Ich blieb zurück und starrte noch immer auf die Tür, hinter der meine Freundin gerade verschwunden war.
Meine Freundin.
Das Wort fühlte sich neu an. Ungewohnt, aber richtig. Es war unbekanntes Terrain, ganz anders als eine Ratssitzung, bei der ich wusste, welche Worte angebracht waren und welche Entscheidungen getroffen werden mussten.
Bei Amaya gab es keine Berichte, die mir verrieten, was als Nächstes zu tun war. Keine Regeln, an denen ich mich orientieren konnte. Nur das, was zwischen uns entstand, und die Frage, wie wir beide damit umgehen wollten.
Wir sollten irgendwann in Ruhe darüber sprechen, was das für uns bedeutete und wie sie unsere Beziehung sah.
Nicht heute, aber bald.
Ich atmete tief durch, zog mich aus und schlang mir das Handtuch um die Hüfte.
Ich war bereit.
Zumindest redete ich mir das ein.