Du gehörst doch zur Familie (Amaya´s Sicht)
Du gehörst doch zur Familie (Amaya´s Sicht)
Warum sahen die Wartebereiche der Krankenstationen in jedem Land gleich aus? Immer dieses sterile Weiß, immer der Geruch von Desinfektionsmittel, der sich scheinbar in jede Faser der Kleidung fraß. Ganz gleich, wo man war, Krankenhäuser schienen sich darin einig zu sein, dass nichts einladender wirkte als kahle Wände und der Duft von Sauberkeit.
Ich saß auf der Untersuchungsliege und ließ die Beine baumeln, während die Ärztin meine Akte durchblätterte. Ich versuchte, geduldig zu bleiben, aber nach zwei Wochen im Krankenhaus war meine Begeisterung für medizinische Untersuchungen ziemlich erschöpft.
„Also“, sagte sie schließlich und legte die Akte beiseite, „Ihr Blutbild sieht gut aus. Alle Werte sind wieder im Normalbereich. Die Medikamente der letzten zwei Wochen haben ihre Wirkung getan.“
Sie blätterte noch einmal um.
„Die verletzten Schultermuskeln sind gut verheilt. Auch Ihre Lunge hat sich erholt. Von der Rauchvergiftung sind keine Rückstände mehr festzustellen.“
Ich richtete mich ein wenig auf. „Also bin ich entlassen?“
Die Erleichterung in meiner Stimme war kaum zu überhören.
Die Ärztin lächelte leicht. „Offiziell entlassen.“
Sie reichte mir eine dicke Mappe.
„Hier ist Ihre vollständige Akte für Ihre Unterlagen. Ihr behandelnder Arzt sollte über die Verletzungen und die bisherige Behandlung Bescheid wissen. Und übertreiben Sie es in den nächsten Wochen nicht. Die Werte mögen wieder normal sein, aber Ihr Körper braucht weiterhin Zeit, um sich vollständig zu erholen.“
„Ich werde mich bemühen“, versprach ich.
Ich nahm die Mappe entgegen. Sie war schwerer, als ich erwartet hatte. Vielleicht lag es nur an den vielen Seiten, vielleicht aber auch daran, dass ich beim Anblick der Unterlagen erst richtig begriff, was hinter mir lag. Zwei Wochen, die sich gleichzeitig endlos lang und unwirklich weit entfernt anfühlten.
Jetzt durfte ich endlich gehen.
Allein dieser Gedanke machte es mir leichter, von der Untersuchungsliege zu steigen.
Draußen im Flur wäre ich beinahe mit jemandem zusammengestoßen, der es offenbar genauso eilig hatte wie ich.
„Amaya!“ Kankurō fing sich gerade noch rechtzeitig ab und grinste mich breit an. „Du bist ja wieder auf den Beinen.“
„Wie du siehst.“ Ich hob die Mappe ein wenig an. „Was machst du hier?“
„Ich war bei ein paar Ninjas aus Suna, die noch behandelt werden. Wollte nach ihnen sehen, bevor wir abreisen.“ Sein Blick fiel auf die Unterlagen in meinen Händen. „Na, endlich frei?“
„Endlich frei.“ Diesmal konnte ich das Lächeln nicht zurückhalten.
Kankurō schien sich ehrlich mit mir zu freuen.
„Perfektes Timing. Ich wollte sowieso gerade zu Gaara. Temari plant seit Stunden unsere Abreise. Transportrouten, wer wann verfügbar ist, wer mit wem reist, das volle Programm.“
Ich schnaubte leise. „Klingt nach ihr.“
„Dann können wir zusammen zu Gaara gehen. Ich wollte ohnehin zurück.“
Wir machten uns auf den Weg. Kankurō passte sein Tempo ganz selbstverständlich meinem an, ohne es zu kommentieren. Trotzdem bemerkte ich es natürlich. Meine Beine fühlten sich noch immer schwer an. Ich war froh, nicht erklären zu müssen, warum ich langsamer ging.
Nach einer Weile warf er mir einen Seitenblick zu.
„Du bist noch nicht ganz fit, was?“
Es klang weniger wie eine Frage als wie eine Feststellung.
„Es geht.“ Ich zog die Schultern vorsichtig zurück und bereute es sofort, als ein dumpfer Schmerz durch sie fuhr. „Alles ist besser, als weiter im Krankenhaus herumzuliegen. Manche Verletzungen brauchen eben Zeit. Da können selbst die Ärzte nicht viel mehr machen.“
„Dann ruh dich in Suna erst mal richtig aus“, sagte er. „Du hast dir eine Pause verdient.“
In Suna.
Kankurō sagte sie so selbstverständlich, als hätte nie zur Debatte gestanden, dass ich mit ihnen zurückkehren würde.
Vielleicht hatte Gaara ihm bereits erzählt, dass ich nach Suna ziehen würde. Wenn Kankurō Bescheid wusste, dann vermutlich auch Temari.
Ich warf ihm einen prüfenden Blick zu. „Und du glaubst wirklich, Temari lässt mich in Ruhe?“
Er sah mich an. Für einen Moment hielten wir beide unsere ernsten Gesichter, dann mussten wir lachen.
Es tat gut. Selbst wenn mein Körper die spontane Bewegung mit einem schmerzhaften Ziehen quittierte, war es das wert. Ich legte eine Hand an meine Seite und atmete vorsichtig aus.
„Na schön“, murmelte Kankurō. „Vielleicht solltest du beim Lachen noch ein bisschen vorsichtig sein.“
„Vielleicht solltest du weniger lustig sein.“
„Unmöglich. Das ist eine meiner besten Eigenschaften.“
„Dann wird meine Genesung wohl etwas länger dauern müssen.“
Er lachte erneut, und ich schüttelte grinsend den Kopf.
Es war seltsam, wie gut sich diese kleinen, belanglosen Gespräche anfühlten.
„Wie ist es dir eigentlich nach dem Krieg ergangen?“, fragte ich, während wir durch die mir noch immer fremden Gänge des Gästehauses liefen.
Kankurō atmete hörbar aus.
„Puh. Zum Glück war ich nicht lange im Krankenhaus. Ich habe mich ziemlich schnell wieder um unsere Leute gekümmert und die ersten Heimreisen organisiert. Es gab mehr als genug zu tun.“
Das konnte ich mir vorstellen. Als Gaaras Bruder und einer der führenden Shinobi Sunas trug er eine Menge Verantwortung. Der Krieg mochte vorbei sein, aber damit waren die Aufgaben nicht einfach verschwunden. Dazu kamen die politischen Entscheidungen und der Wiederaufbau.
Frieden bedeutete offenbar nicht, dass man plötzlich nichts mehr zu tun hatte.
„Du hattest also auch keine Gelegenheit, dich auszuruhen.“
„Nicht wirklich.“ Er zuckte mit den Schultern. „Aber irgendwer musste sich schließlich kümmern.“
Ich wollte gerade etwas erwidern, als wir vor einer Tür stehen blieben.
Vermutlich Gaaras Zimmer.
Ich war ehrlich froh, Kankurō getroffen zu haben. Ohne ihn hätte ich mich wahrscheinlich noch durch mehrere Flure verirrt. Das Gästehaus war größer, als ich gedacht hatte, und die zahlreichen Türen sahen für mich inzwischen alle gleich aus.
Kankurō sah mich plötzlich mit einem Ausdruck an, der nichts Gutes verhieß, zumindest, wenn man seine Vorliebe für spontane Einfälle kannte.
„Weißt du was?“, begann er.
Ich hob eine Augenbraue. „Das klingt gefährlich.“
„Wir haben das noch gar nicht richtig gefeiert.“
Ich blinzelte. „Was gefeiert?“
„Dass wir alle noch hier sind.“ Sein Grinsen wurde breiter. „Dass wir den Krieg gewonnen und überlebt haben. Dass wir endlich nach Hause können, ohne damit rechnen zu müssen, dass gleich wieder irgendetwas versucht, die Welt zu zerstören.“
Er sagte es scherzhaft, aber für einen kurzen Moment wurde sein Blick ernster.
Ich wusste genau, was er meinte.
Wir hatten gewonnen. Wir lebten. Und trotzdem war es noch immer schwer zu begreifen, wie knapp es gewesen war, dass wir überhaupt eine Zukunft hatten, in der wir über so etwas nachdenken konnten.
Kankurō schien sich bewusst zu werden, dass er gerade für einen Moment zu ernst geworden war. Er klatschte einmal in die Hände und war wieder ganz der Alte.
„Also, ich besorge etwas zu essen, und wir treffen uns alle bei Gaara. Eine kleine Familienfeier, bevor wir wieder in unseren Pflichten versinken. Nichts Großes. Einfach zusammensitzen, essen und darauf anstoßen, dass wir noch da sind.“
Ich spürte, wie sich etwas in mir aufhellte. Eine kleine, warme Regung, die ich nicht erwartet hatte.
Eine Feier. Mit Menschen, die mir inzwischen näherstanden, als ich es mir zu Beginn meiner Reise je hätte vorstellen können.
„Das klingt … schön“, sagte ich.
Der leichte Ton meiner Stimme konnte kaum verbergen, wie ernst ich es meinte.
Kankurō nickte zufrieden. „Dann ist es beschlossen.“
Bevor ich fragen konnte, ob Gaara überhaupt davon wusste, klopfte er bereits gegen die Tür. Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern drückte die Klinke herunter und stieß sie auf.
Gaara saß auf dem Sofa, über einen Stapel Berichte gebeugt, als Kankurō und ich eintraten. Er schien so vertieft in seine Arbeit zu sein, dass er uns zunächst nicht bemerkte. Erst als Kankurō die Tür hinter uns zufallen ließ, hob er den Kopf.
Sein Blick fiel auf mich, und für einen kurzen Moment glätteten sich die Sorgenfalten auf seiner Stirn.
„Amaya.“
Er legte die Berichte beiseite und erhob sich. Schon im nächsten Augenblick kam er auf mich zu. Sein Blick glitt über mein Gesicht, blieb dann an der Mappe in meinen Händen hängen.
„Was haben die Ärzte gesagt?“
„Alles bestens. Den Rest wird die Zeit heilen.“ Ich lächelte und hob die Akte ein wenig an. „Ich bin offiziell entlassen.“
Zumindest hatte ich vorgehabt, sie triumphierend in die Höhe zu halten. Meine Schulter machte mir allerdings einen Strich durch die Rechnung.
Gaaras Gesicht veränderte sich. Die letzte Anspannung wich daraus, als könnte er erst jetzt richtig durchatmen.
„Das ist …“
Er brach ab und trat noch ein wenig näher.
Für einen Augenblick schien er vollkommen vergessen zu haben, dass Kankurō direkt hinter mir stand. Gaara nahm meine freie Hand in seine. Seine Finger schlossen sich warm um meine, und sein Daumen strich einmal sanft über meinen Handrücken.
„Gut“, sagte er schließlich.
Nur dieses eine Wort.
Doch ich sah die Erleichterung in seinen Augen, und plötzlich fühlte sich meine Entlassung noch ein bisschen besser an.
Ich drückte seine Hand leicht.
„Ah, ah, ah.“
Kankurō räusperte sich so demonstrativ.
„Ich bin übrigens auch noch da, falls das jemand vergessen hat.“
Gaara blinzelte, als würde er erst jetzt wieder daran erinnert, dass wir nicht allein waren. Er ließ meine Hand los, und ein zarter Rotschimmer breitete sich auf seinen Wangen aus.
Ich biss mir auf die Innenseite der Wange, um nicht zu grinsen. Es war selten genug, ihn so aus dem Konzept gebracht zu sehen.
„Was kann ich für dich tun, großer Bruder?“, fragte Gaara und versuchte, zu seinem üblichen, sachlichen Ton zurückzufinden.
Kankurō schien nur darauf gewartet zu haben.
„Schön, dass du fragst. Ich hatte nämlich eine großartige Idee, die ich Amaya bereits verkündet habe.“
Ohne eine Einladung abzuwarten, ließ er sich auf das Sofa fallen und lehnte sich bequem zurück, als gehöre ihm der Raum.
„Wir feiern heute Abend. Ich kümmere mich ums Essen, du sorgst dafür, dass wir einen Platz haben. Temari kommt sowieso vorbei, um mit dir über die Abreise zu sprechen.“ Er hob vier Finger. „Wir vier. Eine kleine Familienfeier.“
Gaara sah ihn einen Moment lang schweigend an.
Ich konnte beinahe dabei zusehen, wie er die Idee abwog.
Dann wandte er sich mir zu.
In seinem Blick lag eine Frage, die er nicht laut aussprach.
Willst du das wirklich?
Ich verstand sofort. Er wollte nicht, dass ich mich zu etwas überreden ließ, nur weil Kankurō es beschlossen hatte. Und schon gar nicht, wenn ich eigentlich Ruhe brauchte.
Ich dachte kurz darüber nach. Mein Körper hätte sich vermutlich über einen weiteren Abend im Bett gefreut.
Aber das konnte ich auch danach machen.
„Nach allem, was passiert ist …“ Ich sah zwischen den beiden Brüdern hin und her. „Ja. Ich glaube, das würde uns allen guttun.“
Gaaras Gesicht wurde weicher. Ein kleines Lächeln erschien auf seinen Lippen, dieses zurückhaltende, das ich inzwischen immer leichter bei ihm erkannte.
„Gut. Dann ist es beschlossen.“
„Es war schon beschlossen, bevor du überhaupt gefragt wurdest“, verkündete Kankurō zufrieden.
Er sprang vom Sofa auf, klopfte sich die Hände ab und marschierte zur Tür.
„Ich hole das Essen. Bis später, Turteltauben!“
„Kankurō“, warnte Gaara ihn, doch seinem Ton fehlte jede echte Schärfe.
Sein Bruder lachte nur und verschwand auf den Flur. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss.
Für einen Moment war es still.
„Turteltauben“, wiederholte Gaara, als würde er das Wort zum ersten Mal auf der Zunge schmecken.
Ich musste grinsen. „Hast du ihm etwas von uns erzählt?“
Vorsichtig ließ ich mich auf das Sofa sinken, das Kankurō gerade freigegeben hatte. Meine Schulter quittierte die Bewegung mit einem dumpfen Ziehen. Langsam gewöhnte ich mich daran, dass mein Körper mich bei jeder Gelegenheit daran erinnerte, dass ich noch nicht wieder ganz auf der Höhe war.
Gaara kratzte sich am Hinterkopf. „Es gab einen Abend, an dem du noch im Koma lagst. Kankurō hat mich gefragt, ob zwischen uns etwas läuft.“ Er hielt kurz inne. „Temari soll ihm seit dem Sommerfest die Ohren vollgeredet haben.“
„Seit dem Sommerfest?“ Ich sah ihn überrascht an. „Das heißt, die beiden wussten es schon die ganze Zeit?“
„Vermutlich länger, als wir selbst wussten, was genau zwischen uns ist.“
Ich lachte leise. Ganz unrecht hatte er damit nicht.
Ob ich es gut fand, dass seine Geschwister offenbar längst Bescheid wussten, konnte ich noch nicht entscheiden. Einerseits ersparte uns das vielleicht ein unangenehmes Gespräch. Andererseits konnte ich mir lebhaft vorstellen, wie Temari uns bei nächster Gelegenheit mit Fragen löchern würde. Und Kankurō würde ganz sicher seinen Spaß daran haben.
„Was machen wir jetzt?“, fragte ich.
Gaara ließ sich neben mich aufs Sofa fallen und legte einen Arm auf die Rückenlehne, direkt hinter mir.
„Meine Kriegsberichte sind im Moment nicht besonders spannend.“ Ein kaum merkliches Lächeln spielte um seine Lippen. „Wir könnten uns die Zeit zu zweit vertreiben, bis Kankurō und Temari kommen.“
Ich drehte den Kopf zu ihm.
„So meinte ich das nicht,“ ich musste zugeben, so konnte man meine Frage auch interpretieren.
„Ich meinte Kankurō und Temari. Was wollen wir ihnen über uns sagen?“
Er richtete sich ein wenig auf und kratzte sich am Kinn. Diese kleine Geste kannte ich inzwischen gut genug. Gaara tat das immer dann, wenn er über etwas nachdachte und noch keine fertige Antwort parat hatte.
Ich wartete.
„Müssen wir überhaupt etwas sagen?“, fragte er schließlich.
Ich blinzelte. „Wie meinst du das?“
„Kankurō nennt uns bereits Turteltauben. Und Temari wusste angeblich seit dem Sommerfest Bescheid.“ Er zuckte leicht mit den Schultern. „Vielleicht müssen wir es gar nicht extra ankündigen. Wenn sie fragen, sagen wir die Wahrheit. Wenn nicht, müssen wir auch nichts erklären.“
Er sah mich an, ruhig und offen.
„Wir müssen aus etwas, das sich für uns richtig anfühlt, keine große Angelegenheit machen, nur weil andere es wissen könnten.“
Ich ließ seine Worte einen Moment auf mich wirken.
Eigentlich hatte ich erwartet, dass wir irgendeine Entscheidung treffen mussten. Dass es Regeln gab, die man befolgte, sobald eine Beziehung ernst genug wurde, um sie nicht länger geheim zu halten. Aber je länger ich darüber nachdachte, desto weniger sinnvoll erschien mir der Gedanke, etwas ankündigen zu müssen.
Wir waren zusammen. Wir wollten es beide. Was musste man daran noch groß erklären?
„Du hast recht“, sagte ich schließlich. „Wir sind einfach … wir.“
„Einfach wir sein“, wiederholte er.
Ein kleines Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Dann nahm er meine Hand und verschränkte seine Finger mit meinen.
Ich betrachtete unsere ineinander verschlungenen Hände.
„Das könnte tatsächlich funktionieren.“
„Ich bin zuversichtlich.“
Ich lehnte meinen Kopf an seine Schulter. Ich musste nicht darüber nachdenken, ob ich ihm zu nahe kam oder ob ich mich zurückhalten sollte. Ich konnte einfach bei ihm sein.
Und genau das wollte ich.
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Temari kam kurz darauf mit einem Stapel Abreisepapiere unter dem Arm herein.
Sie war so sehr auf ihre Unterlagen konzentriert, dass sie erst nach den ersten Schritten bemerkte, wie wir auf dem Sofa saßen: meine Hand in Gaaras, mein Kopf an seiner Schulter.
Sie hielt kurz inne.
Ihr Blick wanderte von unseren Händen zu unseren Gesichtern. Dann erschien dieses ganz bestimmte Lächeln auf ihren Lippen, das mir augenblicklich verriet, dass sie eine Bemerkung auf der Zunge hatte.
Ich machte mich innerlich auf alles gefasst.
Doch Temari sagte lediglich: „Na endlich.“
Sie warf ihre Unterlagen auf den Tisch und setzte sich zu uns, als wäre nichts Besonderes geschehen.
Gaara und ich richteten uns beinahe gleichzeitig auf.
„Entschuldigt, wenn ich euch unterbrochen habe“, sagte sie und griff bereits wieder nach ihren Papieren. „Ich kann auch später noch einmal kommen.“
„Nein, Temari, bleib!“, warf ich schnell ein.
Sie sah zu mir auf.
„Wir haben eine kleine Feier geplant. Kankurō müsste bald mit dem Essen zurück sein.“
„Ach, tatsächlich?“ Ihr Blick huschte kurz zu Gaara und dann wieder zu mir. Das wissende Lächeln blieb. „Na, wenn das so ist, sollten wir wohl erst einmal den Tisch freiräumen.“
Damit war die Sache für sie offenbar erledigt.
Temari stand auf, sammelte ihre Unterlagen ein und legte sie in einer Ecke des Raumes ab. Anschließend machte sie sich daran, den niedrigen Tisch freizuräumen.
Ich wollte es ihr gleichtun und mich ebenfalls erheben, doch kaum hatte ich die Beine unter mich gezogen, meldete sich mein Körper mit einem unmissverständlichen Protest.
Ich ließ mich mit einem leisen Seufzen zurück aufs Sofa sinken.
Temari warf mir einen Blick zu. „Bleib sitzen. Du hilfst uns nicht, wenn du dir gleich wieder etwas antust.“
„Ich wollte nur…“
„Ich weiß. Aber du bist gerade erst aus dem Krankenhaus gekommen.“
Da war sie wieder, diese Selbstverständlichkeit, mit der sie sich um mich kümmerte, ohne daraus eine große Sache zu machen.
Ich gab mich geschlagen und hob ergeben die Hände.
„Schon gut. Ich bin offenbar zum Zuschauen verdammt.“
„Endlich hast du es verstanden“, erwiderte Temari trocken.
Ich schnaubte amüsiert, während Gaara neben mir ein leises Lachen hören ließ.
Kankurō ließ nicht lange auf sich warten.
Als er wenig später zurückkam, waren seine Hände voller Tüten, Schachteln und Töpfe. Er hatte offenbar nicht übertrieben, als er angekündigt hatte, sich um das Essen zu kümmern.
„Ich hoffe, ihr habt Hunger!“, rief er, noch bevor er die Tür ganz hinter sich geschlossen hatte.
„Das sieht nach Essen für eine ganze Kompanie aus“, stellte Temari fest, als er die Einkäufe auf dem Tisch verteilte.
„Unsinn. Das ist eine angemessene Auswahl.“
„Für wie viele Leute? Zehn?“
„Vier Leute mit vernünftigem Appetit.“
„Dann hast du dich bei mindestens sechs Portionen verschätzt.“
„Man kann nie genug Essen haben.“
Ich beobachtete die beiden, während sie sich darüber stritten, ob Kankurō tatsächlich so viel gekauft hatte, oder ob er einfach nicht an einem guten Essensstand vorbeigehen konnte.
Auf dem Tisch reihten sich inzwischen Schachteln und Töpfe aneinander: gegrilltes Fleisch, Nudeln, verschiedene Reisgerichte und sogar süße Teigtaschen, die Kankurō stolz als „das Beste, was dieses Land zu bieten hat“ anpries.
Ich bekam langsam wirklich Hunger.
Als alles bereitstand, rutschte ich vorsichtig näher an den niedrigen Tisch. Die anderen ließen sich auf Kissen nieder, Gaara direkt neben mir, seine Geschwister uns gegenüber.
Für einen Moment ließ ich den Blick über die kleine Runde wandern.
Wir saßen hier zusammen. Nur ohne die Schwere eines Krieges.
Und das allein fühlte sich beinahe unwirklich an.
Kankurō hob sein Glas.
„Auf uns! Darauf, dass wir alle noch hier sitzen und über blöde Witze lachen können.“
„Auf uns“, wiederholten wir.
Unsere Gläser stießen mit einem leisen Klirren aneinander.
Gaara wandte sich anschließend mir zu und hob sein Glas noch einmal ein wenig.
„Und darauf, dass Amaya endlich wieder wach ist.“
Ich sah ihn an. In seiner Stimme lag eine Wärme, die mich unerwartet berührte.
„Ein Glück“, sagte Temari und lächelte mich an, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, dass ich mit ihnen am Tisch saß. „Ohne dich wäre die Runde nicht vollkommen.“
Ich wusste einen Moment lang nicht, was ich darauf erwidern sollte.
„Danke“, sagte ich schließlich. „Euch allen. Auch dafür, dass ihr euch solche Sorgen um mich gemacht habt.“
Kankurō winkte ab, als wäre das überhaupt nicht erwähnenswert.
„Natürlich haben wir uns Sorgen gemacht.“
„Gaara hat schließlich fast jede freie Minute bei dir im Krankenzimmer verbracht“, ergänzte Temari.
Ich drehte mich zu Gaara um.
Er schien plötzlich sehr an seiner Schüssel interessiert zu sein.
„Temari“, murmelte er warnend.
„Was denn? Es stimmt doch.“
Ich spürte, wie mir die Wärme in die Wangen stieg. Der Gedanke, dass Gaara so viel Zeit an meinem Krankenbett verbracht hatte, war mir vorher nicht bewusst gewesen.
„Luna hat nachts immer über dich gewacht“, fügte Gaara leise hinzu.
Während er sprach, nahm er die Schöpfkelle und füllte mir Reis in meine Schüssel.
Ich sah auf das Essen hinunter.
Eigentlich hatte ich großen Hunger gehabt. Nach zwei Wochen ohne Essen hätte ich vermutlich fast alles gegessen, was Kankurō auf den Tisch gestellt hatte. Doch plötzlich schien sich etwas in meiner Brust auszubreiten, das sich nicht mit Reis oder gegrilltem Fleisch füllen ließ.
Wärme. Dankbarkeit. Und ein Gefühl, das ich kaum einordnen konnte.
„Danke“, sagte ich noch einmal. Meine Stimme klang leiser, als ich beabsichtigt hatte. „Ich weiß gar nicht, wie ich euch all diese Fürsorge jemals zurückgeben soll.“
Ich verschränkte die Hände in meinem Schoß und drückte die Finger ineinander. Meine Kehle fühlte sich eng an, und ich musste mich darauf konzentrieren, ruhig zu atmen.
„Spinnst du?“, platzte Temari heraus.
Ich sah erschrocken auf.
„Du gehörst doch zur Familie!“
Die Worte trafen mich mit einer Wucht, auf die ich nicht vorbereitet gewesen war.
Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es so einfach sein könnte. Dass jemand mich ansehen und mir sagen würde, dass ich dazugehöre, ohne Bedingungen zu stellen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten und ohne dass ich erst beweisen musste, dass ich diesen Platz verdient hatte.
Diese drei Menschen nahmen mich auf, als hätte ich längst einen Platz zwischen ihnen gehabt.
Und ein Teil von mir wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte.
Die Tränen kamen, bevor ich sie zurückhalten konnte. Erst liefen sie mir nur über die Wangen, dann musste ich hastig blinzeln, weil sich meine Augen immer weiter mit Wasser füllten.
Ich wischte mir schnell über das Gesicht.
Gaara sagte nichts. Er ergriff einfach meine Hand und hielt sie fest. Seine Finger schlossen sich warm um meine, ohne mich zu drängen, ohne zu versuchen, mich mit Worten zu beruhigen.
„Habe ich euch eigentlich schon erzählt, wie schwierig es war, hier die richtigen Schrauben für meine Puppen zu finden?“ Kankurō begann ausführlich zu erklären, welche Teile er gebraucht hatte und wie lange er danach hatte suchen müssen. Temari unterbrach ihn mit spitzen Kommentaren, während Gaara tatsächlich interessiert nachfragte, welche Schrauben ihm genau gefehlt hatten und ob er sie inzwischen hatte auftreiben können.
Ich beobachtete die beiden älteren Geschwister, wie sie sich gegenseitig neckten. Zwischen ihren Sticheleien lag eine Vertrautheit, die nicht erst erklärt werden musste. Sie kannten einander seit ihrer Kindheit. Sie wussten genau, welche Bemerkungen den anderen auf die Palme brachten, welche Geschichten peinlich genug waren, um sie immer wieder hervorzuholen, und wann ein Streit nicht mehr war als eine weitere Form ihrer Zuneigung.
Und dann war da Gaara.
Ich hatte ihn schon in vielen Situationen erlebt. Als Kazekage, ernst und gefasst, immer darauf bedacht, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Als Beschützer, entschlossen und wachsam. Als den Mann, der mich in stillen Nächten hielt und manchmal lange nach Worten suchte, wenn ihm etwas wirklich wichtig war.
Aber so wie heute sah ich ihn selten.
Hier, zwischen seinen Geschwistern, war er nicht der Mann, auf dessen Schultern die Verantwortung für ein ganzes Dorf lag. Er war einfach Gaara.
Kankurō stahl ihm beiläufig ein Stück Fleisch vom Teller, woraufhin Gaara ihm einen missbilligenden Blick zuwarf. Temari nahm das zum Anlass, eine Geschichte aus ihrer Kindheit hervorzuholen, und Gaara verdrehte die Augen, widersprach aber nicht wirklich.
„Weißt du noch“, begann Kankurō bereits lachend, „als Temari dir befohlen hatte, dein Zimmer aufzuräumen, und du stattdessen alles mit Sand zugeschüttet hast? Und als sie dich gefragt hat, was das soll, hast du nur gesagt: ‚Jetzt muss ich nie wieder aufräumen!‘“
Er brach in Gelächter aus, noch bevor er den Satz ganz beendet hatte.
Gaara schloss kurz die Augen.
„Das war einmal“, murmelte er.
Ein kleines, widerwilliges Lächeln zuckte um seine Mundwinkel.
„Einmal reicht auch, um es dir für den Rest deines Lebens nachzuerzählen“, warf Temari ein. „Ich bin an dem Abend mit Sand ins Bett gegangen. Mit so viel Sand, dass ich mir daraus eine eigene Wüste hätte bauen können!“
Kankurō lachte noch lauter.
„Du hättest sie wenigstens nach mir benennen können.“
„Ich hätte dich darin begraben können.“
„Siehst du, Gaara? Genau deshalb war deine Idee damals so gut. Du hast uns allen eine Lektion erteilt.“
„Ich glaube, das war nicht die Lektion, die er uns erteilen wollte“, bemerkte Temari trocken.
Ich lachte mit ihnen. Es war unmöglich, nicht mitzulachen, wenn Kankurō seine Geschichten mit so viel Begeisterung erzählte.
So musste es sich anfühlen, einen Bruder zu haben, den man wegen seiner Kindheitsstreiche aufziehen konnte. Eine Schwester, die einen bei jeder peinlichen Erinnerung bloßstellte und einen trotzdem ohne zu zögern verteidigt hätte. Menschen, mit denen man lachen konnte, weil sie einen schon gekannt hatten, bevor man erwachsen wurde.
Ich hatte das nie gehabt.
Natürlich hatte ich Luna und ich würde sie nie eintauschen wollen. Trotzdem konnte ich nicht verhindern, dass ich mich fragte, wie es wohl gewesen wäre, mit Geschwistern aufzuwachsen.
Es war kein schmerzhafter Gedanke. Nicht wirklich.
Eher eine Erkenntnis darüber, dass es Dinge gab, von denen ich erst jetzt verstand, dass ich sie vermisst hatte.
Gaara fing meinen Blick auf.
Natürlich tat er das. Er bemerkte oft mehr, als ich ihm zutraute, besonders dann, wenn ich versuchte, meine Gedanken für mich zu behalten.
„Was ist?“, fragte er leise.
Kankurō und Temari waren inzwischen in einen Streit darüber geraten, wer die nächste Geschichte erzählen durfte, und schienen uns für den Moment vergessen zu haben.
Ich schüttelte den Kopf. Ein Lächeln lag auf meinen Lippen, und diesmal wollte ich es nicht verbergen.
„Nichts. Ich beobachte dich nur gerne so.“
Er zog leicht die Augenbrauen zusammen. „So?“
„Als Bruder. Als Mensch, der nicht der Kazekage sein muss.“ Ich ließ meine Hand unter dem Tisch in seine gleiten und drückte seine Finger kurz. „Es gefällt mir.“
Gaara sah mich einen Moment lang an. In seinem Blick lag etwas Weiches, beinahe Verlegenes und seine Finger schlossen sich fester um meine, warm und sicher.
„Hey, ihr zwei!“
Kankurōs Stimme riss uns aus unserem kleinen Moment.
Ich hob den Kopf. Er grinste uns über den Tisch hinweg an.
„Keine Geheimnisse am Tisch!“, verkündete er. „Jetzt bist du dran, Amaya.“
Ich ahnte, dass mir das nicht gefallen würde.
„Was war das Peinlichste, das du in deiner Kindheit erlebt hast?“
Ich starrte ihn an.
Natürlich. Kaum hatte ich mich an den Gedanken gewöhnt, Teil dieser Familie zu sein, wollten sie mich schon mit peinlichen Kindheitsgeschichten in die Mangel nehmen.
Temari legte erwartungsvoll die Hände zusammen. Gaara wandte sich mir zu, und in seinen Augen blitzte eine kaum verhohlene Neugier auf.
Ich seufzte theatralisch.
„Ich wusste, dass dieser Abend irgendwann einen Haken haben würde.“
Doch ich überlegte einen Moment. Was gab es, worüber Luna und ich so sehr gelacht hatten, dass wir irgendwann kaum noch Luft bekommen hatten?
Mit Luna war es nie schwierig gewesen, Spaß zu haben. Sie war für jeden Unsinn zu haben, und mit ihren dreißig Jahren galt sie unter den anderen Drachen ohnehin noch als Jungspund.
Dann fiel mir eine Geschichte ein.
„Mein Vater hatte einmal darauf bestanden, dass wir uns mit Wasser abspülen, bevor wir ins Haus durften.“ Ich grinste bereits bei der Erinnerung. „Wir hatten uns vorher ausgiebig im Schlamm gewälzt. Wirklich überall. Daraufhin meinte er nur: Schlammmonster müssen im Garten schlafen.“
Kankurō beugte sich neugierig vor. „Und? Habt ihr auf ihn gehört?“
„Natürlich nicht.“ Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen. „Luna und ich haben das tatsächlich eine ganze Woche durchgezogen. Wir haben draußen geschlafen, weil wir ihm beweisen wollten, dass wir uns nicht herumkommandieren lassen.“
Temari starrte mich ungläubig an. „Eine ganze Woche?“
„Eine ganze Woche.“ Ich hob unschuldig die Hände. „Irgendwann konnten wir uns allerdings selbst nicht mehr riechen. Da haben wir beschlossen, dass unser Protest ausreichend deutlich gewesen war.“
Kankurō war der Erste, der laut loslachte, während Temari den Kopf schüttelte und Gaara mich mit einem amüsierten Blick betrachtete.
„Und dein Vater hat euch einfach draußen schlafen lassen?“, fragte er.
„Er hat uns jeden Abend gefragt, ob wir nicht doch lieber ins Haus kommen wollten.“ Ich schmunzelte. „Wir haben jedes Mal abgelehnt. Ich glaube, irgendwann hat er nur noch darauf gewartet, wie lange wir unseren Unsinn durchhalten würden.“
„Ich hätte zu gern sein Gesicht gesehen, als ihr nach einer Woche endlich aufgegeben habt“, sagte Kankurō.
„Er hat uns wortlos zwei Handtücher hingelegt.“ Ich lachte. „Das war alles. Kein Kommentar, kein Vortrag. Ich glaube, er war einfach froh, dass wir das nicht weiter durchzogen.“
Die Geschichte sorgte für eine weitere Runde Gelächter, und danach ging der Abend einfach weiter. Eine Erzählung folgte auf die nächste, begleitet von kleinen Sticheleien, gegenseitigen Vorwürfen und gelegentlichen Lachanfällen. Niemand nahm die Neckereien ernst genug, um sich wirklich daran zu stören. Sie gehörten dazu, genauso wie das Essen auf dem Tisch.
Irgendwann waren die Schachteln beinahe leer, und die Müdigkeit schlich sich langsam in meine Glieder.
Es war eine angenehme Müdigkeit. Keine, die mich mit Schmerzen an meine Grenzen erinnerte, sondern eine, die nach einem langen, schönen Tag kam. Ich lehnte mich gegen Gaaras Schulter und ließ den Kopf dort ruhen.
„Danke“, murmelte ich.
Es war mehr ein Gedanke, der mir über die Lippen rutschte, als eine bewusste Aussage.
Gaara neigte den Kopf ein wenig zu mir. „Wofür?“
Temari und Kankurō waren gerade damit beschäftigt, die Einzelheiten ihrer Rückreise nach Suna zu besprechen. Ihre Stimmen bildeten ein vertrautes Hintergrundrauschen, während ich meine Finger locker mit denen Gaaras verschränkte.
„Dafür, dass ich das hier haben darf.“ Ich sah auf unsere Hände. „Auch wenn es nur für einen Abend ist.“
Er antwortete nicht sofort. Stattdessen beugte er sich zu mir und drückte mir einen Kuss auf den Haaransatz. Die Geste war so beiläufig und selbstverständlich, dass sie mir fast mehr bedeutete als große Worte.
„Es muss nicht bei einem Abend bleiben“, sagte er leise. „Das hier kannst du jetzt öfter haben.“
Ich hob den Kopf und sah ihn an.
Sein Blick war ruhig. Er versprach mir etwas, was ich früher nie für möglich gehalten hatte. Eine Familie
Ich schloss die Augen und ließ die Wärme des Raumes, das leise Stimmengewirr und Gaaras Nähe auf mich wirken.
---
Temari streckte sich ausgiebig und unterdrückte ein Gähnen.
„Ich gehe ins Bett. Kankurō, was ist mit dir?“
Ihr Bruder lag inzwischen so tief im Sofa versunken, dass ich mich fragte, ob er überhaupt noch wusste, wie man aufrecht saß.
„Bin dabei“, murmelte er.
Er stemmte sich mühsam hoch und gähnte dabei so herzhaft, dass ich befürchtete, sein Kiefer würde gleich ausrenken. Temari packte ihn am Arm und half ihm auf die Beine, wobei sie ihn mit einem Blick bedachte, der deutlich machte, dass sie ihn morgen früh für seinen Zustand verantwortlich machen würde.
Dann wandte sie sich zu mir um. In ihren Augen lag ein schelmisches Funkeln.
„Gute Nacht, ihr zwei.“ Sie deutete mit dem Kinn auf Gaara. „Und Amaya? Pass gut auf ihn auf.“
Ich spürte, wie mir die Hitze in die Wangen stieg.
„Das werde ich“, versprach ich.
Kankurō lachte leise, während Temari ihn zur Tür schob. Wenige Augenblicke später waren die beiden verschwunden, und die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss.
Mit einem Mal wurde es still.
Nur das leise Sirren der Beleuchtung war zu hören. Auf dem Tisch standen noch immer die leeren Schachteln, Schüsseln und Töpfe, die von unserem Abend übrig geblieben waren.
Ich betrachtete das Chaos und seufzte.
„Wir sollten wohl aufräumen.“
Ich stemmte die Hände auf die Sitzfläche und versuchte, mich hochzudrücken.
Ein stechender Schmerz zog durch meine Hüfte.
Ich ließ mich sofort wieder zurücksinken und biss die Zähne zusammen.
„Brauchst du Hilfe?“
Gaara war bereits halb aufgestanden und sah mich aufmerksam an.
„Ich schaffe das schon“, murmelte ich.
Natürlich schaffte ich das. Ich musste nur irgendwie auf die Beine kommen.
Ich versuchte es erneut. Diesmal gelang es mir immerhin, die Füße unter meinen Körper zu ziehen, doch als ich mein Gewicht nach vorn verlagerte, versagten meine Beine beinahe augenblicklich.
Noch bevor ich wieder das Gleichgewicht verlieren konnte, war Gaara bei mir. Er legte einen Arm um meine Taille und half mir sanft auf die Füße.
Ich hasste es. Nicht ihn. Nicht seine Hilfe.
Ich hasste dieses Gefühl, auf Unterstützung angewiesen zu sein. Dieses Wissen, dass mein Körper mir nicht mehr gehorchte wie früher. Ich war es gewohnt gewesen, mich auf meine Fähigkeiten verlassen zu können. Und jetzt brauchte ich jemanden, der mir half, von einem Sofa aufzustehen.
„Ich kann das nicht mehr ausstehen“, sagte ich, während Gaara mich langsam in Richtung Schlafzimmer führte.
Er sah mich an, sagte aber nichts. Also redete ich weiter.
„Dass ich nicht einmal mehr allein aufstehen kann. Ich war ANBU, Gaara. Ich habe Kriege überlebt. Ich habe gegen Gegner gekämpft, bei denen andere längst aufgegeben hätten.“ Meine Stimme wurde schärfer, als ich beabsichtigt hatte. „Und jetzt kann ich nicht einmal von einem Sofa hochkommen, ohne dass mich jemand stützen muss.“
Gaara reagierte nicht auf den Vorwurf, der sich in meine Worte geschlichen hatte. Er hielt mich einfach weiter fest, sein Griff sicher, ohne mich einzuengen.
„Das wird besser“, sagte er ruhig. „Du hast in den letzten Wochen mehr durchgemacht, als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben.“
„Das macht es nicht einfacher.“
„Nein.“ Seine Antwort kam ohne Zögern. „Das tut es nicht.“
Er versuchte nicht, mir zu erklären, warum ich mich nicht so fühlen sollte. Er sagte nicht, dass ich dankbar sein musste, überhaupt noch am Leben zu sein.
Er verstand, dass ich gerade nicht hören wollte, wie viel Glück ich gehabt hatte.
Ich wollte einfach nur wieder ich selbst sein.
Am Schlafzimmer angekommen, half Gaara mir, mich auf die Bettkante zu setzen. Dann ging er vor mir in die Hocke, sodass wir auf Augenhöhe waren, und ließ seine Hände sanft an meinen Armen ruhen.
„Es ist nicht falsch, Hilfe anzunehmen, Amaya.“
Ich sah auf ihn hinunter.
„Ich weiß.“
„Weißt du das wirklich?“
Ich wollte widersprechen. Stattdessen schloss ich kurz die Augen und atmete vorsichtig aus.
„Ich weiß, dass du recht hast“, gab ich zu. „Das heißt nicht, dass ich es mögen muss.“
Ein kaum merkliches Lächeln erschien auf seinem Gesicht.
„Nein. Das musst du nicht.“
Seine schlichte Antwort nahm mir den Wind aus den Segeln. Ich hatte mich auf einen Widerspruch vorbereitet, auf weitere vernünftige Argumente, gegen die ich ohnehin nichts hätte sagen können. Aber Gaara verlangte nicht von mir, dass ich meine Frustration einfach ablegte.
Er ließ sie mir.
Und vielleicht war genau das der Grund, weshalb ich nach einem Moment die Hand hob und seine Wange berührte.
„Gaara?“
„Ja?“
Ich zögerte. Die Frage, die mir auf der Zunge lag, erschien plötzlich viel schwieriger, als sie in meinem Kopf geklungen hatte.
„Darf ich dich etwas fragen?“
Sein Blick blieb auf meinem Gesicht.
„Immer.“
Ich ließ meine Hand sinken und sah auf meine Finger, die sich in meinem Schoß ineinander verschränkten.
„Was Temari vorhin gesagt hat … dass ich zur Familie gehöre.“ Ich schluckte. „Kann ich das einfach so annehmen? So schnell?“
Die Worte kamen langsamer, als ich wollte.
„Ich kenne euch alle erst seit ein paar Monaten. Und trotzdem behandeln sie mich, als wäre ich schon immer dabei gewesen.“ Ich hob die Schultern ein wenig, bereute es wegen des Ziehens sofort und ließ sie wieder sinken. „Ist das nicht … zu früh? Zu leicht verdient?“
Gaara schwieg einen Moment.
Dann setzte er sich neben mich auf die Bettkante. Die Matratze gab unter seinem Gewicht leicht nach.
„Wie empfindest du es denn?“, fragte er.
Ich drehte den Kopf zu ihm.
„Du beantwortest meine Frage mit einer Gegenfrage.“
„Ich möchte wissen, was du darüber denkst.“
Natürlich wollte er das. Gaara gab selten Antworten, nur um eine unangenehme Stille zu füllen. Er wollte verstehen, was mich beschäftigte, bevor er mir sagte, wie er die Dinge sah.
Ich dachte tatsächlich darüber nach, statt sofort etwas zu erwidern.
Fühlte es sich falsch an? Nein.
Es war nur ungewohnt.
Ich hatte mein Leben lang gelernt, dass ich mich auf meine eigene Stärke verlassen musste. Dass ich für meinen Platz selbst sorgen und mich notfalls allein behaupten konnte. Ich war nicht daran gewöhnt, etwas einfach annehmen zu dürfen, nur weil andere es mir geben wollten.
„Nein“, sagte ich schließlich. „Es fühlt sich nicht falsch an.“
Ich rieb mit dem Daumen über meine Fingerknöchel.
„Es fühlt sich richtig an. Nur ungewohnt. Als hätte ich mir nie erlaubt, dass sich etwas so schnell und so einfach richtig anfühlen darf.“
Gaara betrachtete mich nachdenklich.
„Vielleicht ist Familie nichts, was man sich verdienen muss“, sagte er leise. „Vielleicht ist es etwas, das man wählt. Oder etwas, das einen wählt.“
Ich sah ihn an. Vielleicht musste ich nicht erst beweisen, dass ich gut genug war, um dazuzugehören. Vielleicht durfte ich einfach annehmen, was mir angeboten wurde.
Ich spürte, wie sich etwas in meiner Brust löste.
„Dann wähle ich euch“, sagte ich leise.
Gaara sah mich an, und sein Blick wurde warm.
„Wir haben dich schon lange gewählt.“
Bevor ich etwas erwidern konnte, beugte er sich zu mir und küsste mich sanft. Ich schloss die Augen und legte eine Hand an seinen Nacken, hielt ihn für einen Moment bei mir, bevor wir uns wieder voneinander lösten.
Er strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Ruh dich aus. Ich kümmere mich um den Tisch.“
Er gab mir noch einen kurzen Kuss auf die Stirn, bevor er aufstand und zurück ins Wohnzimmer ging.
Ich blieb auf der Bettkante sitzen und lauschte seinen Schritten.
Schließlich stand ich vorsichtig auf. Mit einer Hand an der Wand tastete ich mich langsam ins Badezimmer. Jeder Schritt erforderte mehr Konzentration, als mir lieb war.
Als ich endlich dort ankam, war ich erschöpft genug, um am liebsten direkt auf dem Boden sitzen zu bleiben.
Ich erledigte nur noch das Nötigste, bevor ich mich zurück ins Schlafzimmer begab. Der Weg erschien mir plötzlich doppelt so lang wie zuvor. Als ich endlich das Bett erreichte, ließ ich mich mit einem erschöpften Seufzen auf die Matratze sinken.
Die Decke fühlte sich herrlich weich an.
Ich zog sie bis zur Schulter und schloss die Augen. Aus dem Wohnzimmer drangen noch gedämpfte Geräusche zu mir. Irgendwann hörte ich, wie Gaara zurückkam und sich umzog.
Die Matratze bewegte sich, als er sich neben mich legte.
Noch bevor ich richtig wach wurde, spürte ich seinen Arm um meine Taille und seine Wärme an meinem Rücken. Ich rückte unwillkürlich näher an ihn heran.
„Gute Nacht“, murmelte ich schläfrig.
Seine Lippen berührten meine Schläfe.
„Gute Nacht, Amaya.“
Ich war schon halb eingeschlafen und mit Gaara an meiner Seite glitt ich in einen tiefen, ruhigen Schlaf.