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Etwas kommt und etwas geht (Gaaras / Amayas Sicht)

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Etwas kommt und etwas geht (Gaaras / Amayas Sicht)

Das erste Licht des Morgens fiel schräg durch die Vorhänge und tauchte den Raum in ein sanftes, honigfarbenes Grau. Ich lag bereits seit einer Weile wach, reglos und darauf bedacht, keinen Laut von mir zu geben. Es war ein seltener Moment der Ruhe, und ich wollte ihn nicht durch eine unbedachte Bewegung zerstören.

Amaya schlief neben mir. Ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig, ihr Gesicht wirkte im fahlen Morgenlicht so friedlich, wie ich es nur selten zu sehen bekam. Eine Strähne ihres Haares hatte sich über ihre Wange gelegt. Mehr als einmal verspürte ich den Wunsch, sie ihr aus dem Gesicht zu streichen, doch jedes Mal hielt ich mich zurück. Sie hatte in den vergangenen Wochen genug durchgemacht. Wenn ihr Körper sich endlich die Ruhe nahm, die er brauchte, würde ich sie ihr nicht nehmen.

Meine Gedanken wanderten dennoch zu den Aufgaben, die mich erwarteten. Ein Stapel Berichte, der vermutlich bereits auf meinem Schreibtisch lag. Die Abreisepläne, die Temari längst bis ins letzte Detail ausgearbeitet hatte. Und die drei Tage, die uns noch blieben, bevor wir nach Suna zurückkehrten.

Am liebsten hätte ich heute einfach alles liegen gelassen.

Keine Berichte, keine Sitzungen, keine Entscheidungen, die getroffen werden mussten. Nur ein Tag mit Amaya, an dem ich mich weder um die Pflichten eines Kazekage noch um die Erwartungen anderer kümmern musste.

Der Gedanke war verlockend. Mehr noch: Er fühlte sich beinahe fremd an.

Ich hatte meine Pflichten nie als etwas betrachtet, das ich nach Belieben beiseiteschieben konnte. Zu viele Menschen verließen sich auf mich, und ich wusste, welche Verantwortung mit meinem Amt verbunden war. Einfach einen Tag freizunehmen, nur weil ich ihn lieber mit ihr verbringen wollte, erschien mir deshalb beinahe unvernünftig.

Und doch fiel es mir schwer, den Gedanken wieder loszulassen.

Vielleicht wäre es möglich, sobald wir zurück in Suna waren. Ein oder zwei Tage, an denen ich keine Termine vereinbarte. Tage, die nur uns gehörten.

Zunächst jedoch gab es etwas Wichtigeres.

Amaya musste vollständig genesen. Ihre Verletzungen waren noch nicht verheilt, und auch wenn sie sich bereits wieder auf die Beine kämpfte, bedeutete das nicht, dass ihr Körper schon bereit war, alles mitzumachen, was sie von ihm verlangte. Ich kannte ihre Entschlossenheit inzwischen gut genug, um zu wissen, dass sie Schmerzen lieber hinnahm, als sich von ihnen aufhalten zu lassen.

Neben mir regte sie sich leicht. Noch im Schlaf rückte sie näher an mich heran. Vorsichtig legte ich einen Arm um sie und für einen Augenblick ließ ich meine Gedanken einfach zur Ruhe kommen. Draußen erwachte die Stadt allmählich. Vereinzelte Stimmen drangen durch die geschlossenen Fenster, irgendwo klapperte etwas, und das Licht auf dem Boden wurde langsam heller.

Dann raschelte die Decke.

Amaya gähnte leise und öffnete allmählich die Augen.

„Guten Morgen.“

Ich hob die Hand und strich ihr die Haarsträhne aus dem Gesicht, auf die ich vorhin noch verzichtet hatte.

„Auch guten Morgen“, murmelte sie.

Ein kleines, verschlafenes Lächeln erschien auf ihren Lippen. Sie drehte sich vorsichtig auf die Seite, hielt dabei jedoch kurz die Luft an.

„Alles in Ordnung?“

„Nur meine Schulter.“ Sie kniff die Augen zusammen, bis der Schmerz nachließ. „Sie mag es nicht, wenn ich mich zu schnell bewege. Ich glaube, das wird noch eine Weile so bleiben.“

„Kann ich etwas für dich tun? Gegen die Schmerzen, meine ich.“

Sie dachte kurz nach und hob dann vorsichtig den unverletzten Arm über den Kopf, als wollte sie prüfen, wie weit sie sich bewegen konnte, ohne die schmerzende Schulter zu belasten. Als das Ziehen einsetzte, ließ sie ihn wieder sinken.

„Vielleicht später eine Salbe.“ Sie seufzte und kuschelte sich ein wenig tiefer in die Decke. „Aber jetzt … will ich einfach noch ein bisschen so liegen bleiben.“

„Das lässt sich einrichten“, sagte ich leise.

Sie sah mich an, als hätte sie genau diese Antwort erwartet. Dann beugte sie sich zu mir und küsste mich kurz auf die Lippen.

Die Selbstverständlichkeit dieser kleinen Geste überraschte mich noch immer. Nicht, weil ich sie nicht wollte, sondern weil ich mich erst daran gewöhnen musste, dass Nähe zwischen uns inzwischen keinen besonderen Anlass mehr brauchte.

Für einen Moment fühlte es sich an, als würde ich innerlich zu Sand zerfallen, nicht aus Unsicherheit, sondern weil die Ruhe, die sie in mir auslöste, jede meiner sorgfältig geordneten Gedankenketten durcheinanderbrachte.

Ich legte ihr behutsam eine Hand an die Wange und erwiderte den Kuss. Diesmal ließ ich mir Zeit. Ihre Lippen waren warm, und sie schmeckte nach Schlaf und dieser vertrauten Süße, die ich inzwischen unwillkürlich mit ihr verband.

Als wir uns voneinander lösten, lag ein kleines, zufriedenes Lächeln auf ihrem Gesicht.

Wir blieben liegen, ohne zu sprechen. Irgendwann fand ihre Hand ihren Platz auf meiner Brust, während ich die Finger in ihrem Haar ruhen ließ. Nichts an diesem Augenblick war außergewöhnlich.

Und gerade deshalb bedeutete er mir so viel.

Erst als die Sonne deutlich höher gestiegen war, begann sie sich langsam aufzurichten. Sie bewegte sich vorsichtig, beinahe in einzelnen Schritten, als hätte sie inzwischen genau gelernt, welche Bewegungen ihr Schmerzen bereiteten.

Als sie schließlich saß, hielt sie kurz inne, bevor sie die Decke von ihren Beinen schob.

„Was hast du heute vor?“, fragte ich und setzte mich ebenfalls auf.

„Ich muss nach Hause.“ Sie sah zu mir. „In meine Heimat, meine ich.“

Ich nickte. Natürlich hatte ich damit rechnen müssen, dass sie nicht einfach hierbleiben würde, nur weil sie sich noch von ihren Verletzungen erholte. Amaya hatte auch Verpflichtungen, nur anders als ich konnte sie nicht ihre Angelegenheiten von jemanden anders regeln lassen.

„Ich habe Luna versprochen, mich bald wieder um die Angelegenheiten des Clans zu kümmern“, fuhr sie fort. „Es gibt eine Konferenz mit den Ältesten der Drachen, die schon viel zu lange aussteht. Nach allem, was im Krieg passiert ist … gibt es einiges zu besprechen. Alvari und Unoku, die Zukunft, und was als Nächstes kommt.“

Bei den Namen wurde ihre Stimme leiser. Ich wusste nicht, was genau in ihr vorging. Sie hatte mir viel von ihrer Heimat gezeigt und mir Einblicke in diese Welt gewährt. Trotzdem gab es Dinge, die sie noch immer mit sich selbst ausmachte.

„Willst du, dass ich mitkomme?“

Sie sah mich an und überlegte einen Moment.

„Nein“, sagte sie schließlich sanft. „Das ist etwas, das ich allein machen muss. Aber danke, dass du fragst.“

Ich nickte.

Ein kleiner Teil von mir hätte sie gern begleitet. Nicht, weil ich glaubte, sie könne die Konferenz nicht allein bewältigen, sondern weil ich gern an ihrer Seite gewesen wäre. Doch sie hatte deutlich gemacht, dass sie diese Aufgabe selbst übernehmen wollte. Das musste ich respektieren.

„Wann gehst du los?“, fragte ich.

„Sobald ich es geschafft habe, aufzustehen.“

Ein schiefes Lächeln begleitete ihre Worte. Dann schob sie langsam die Beine über die Bettkante und blieb zunächst sitzen. Eine Hand stützte sich neben ihr auf die Matratze, während sie offenbar prüfte, ob ihr Kreislauf mitspielte. Erst nach einem kurzen Moment erhob sie sich vorsichtig und wartete, bis sie sicher war, dass ihre Beine sie trugen.

Ich beobachtete sie aufmerksam, zwang mich jedoch, nicht sofort aufzustehen und ihr zu helfen. Sie hatte keine Unterstützung verlangt.

„Je früher ich loskomme, desto eher bin ich wieder zurück“, sagte sie.

„Dann sind wir heute wohl beide ziemlich beschäftigte Leute.“

„So kann man es sagen.“ Sie grinste.

Ich musste lächeln. Selbst mit schmerzender Schulter und einem Körper, der noch längst nicht wieder vollständig belastbar war, schaffte sie es, ihrer Stimme diesen leichten, beinahe unbeschwerten Ton zu geben.

„Wann bist du zurück?“

„Ich denke, erst wenn die Sonne untergeht.“

Der Gedanke, den ganzen Tag getrennt zu sein, war eigentlich nichts Besonderes. Wir hatten beide schon wesentlich längere Zeiträume ohne einander verbracht, und trotzdem stellte ich fest, dass ich mich bereits auf den Abend freute.

Ich schwang die Beine aus dem Bett und stand auf. Dann trat ich zu ihr und zog sie vorsichtig in meine Arme, darauf bedacht, ihre verletzte Schulter nicht zu berühren.

Sie lehnte sich für einen kurzen Moment an mich.

„Dann bis heute Abend“, sagte ich.

„Bis heute Abend.“

Sie hob den Kopf und küsste mich. Ich erwiderte den Kuss, bevor ich sie widerwillig wieder losließ.

Einen Augenblick lang blieb sie noch vor mir stehen. Dann begann das vertraute Licht um sie herum zu schimmern. Es sammelte sich an ihren Konturen, wurde heller und hüllte sie schließlich in einen sanften, beinahe fließenden Schein.

Im nächsten Moment war sie verschwunden.

Amayas Sicht:

Die Teleportation traf mich härter, als ich erwartet hatte.

Kaum hatte ich den vertrauten Eingangsraum meiner Residenz erreicht, gaben meine Beine unter mir nach. Ich konnte mich gerade noch mit einer Hand an der Wand abstützen. Meine Knie zitterten, und ein greller, stechender Schmerz durchfuhr meinen Körper.

Es war nicht nur die vertraute Enge in meiner Schulter oder das dumpfe Pochen meiner übrigen Verletzungen. Der Schmerz saß tiefer, irgendwo in meinem Inneren. Dort breitete sich eine beunruhigende Leere aus, als wäre etwas aus mir herausgerissen worden und würde nun alles mit sich ziehen. Ein unsichtbarer Sog, der mich von innen auszuhöhlen schien.

Ich presste die Zähne aufeinander und versuchte, ruhig zu atmen. Doch je länger ich stillstand, desto deutlicher spürte ich, dass etwas nicht stimmte.

Das war nicht normal.

Eine Teleportation hatte sich noch nie so angefühlt. Ich kannte meine Fähigkeiten. Ich wusste, wie viel Kraft sie mich kosteten und welche Belastung mein Körper dabei aushalten musste. Das hier war anders.

„Luna!“

Meine Stimme brach beinahe, als ich ihren Namen rief.

„Luna!“

Ich hörte das schnelle Trappeln ihrer großen Tatzen über den Boden, noch bevor sie durch die offene Wohnzimmertür stürmte. Ihre Augen weiteten sich vor Schreck, als sie mich an der Wand zusammengesunken entdeckte.

„Amaya! Was ist passiert?“

Sie war sofort bei mir.

Ich presste eine Hand gegen meinen Bauch, dorthin, woher der pochende Schmerz zu kommen schien. Unter meinen Fingern war nichts zu spüren, das auf eine Verletzung hindeutete.

„Bring mich zu Nyxia und ihren Schwestern.“ Meine Stimme zitterte trotz aller Mühe, sie unter Kontrolle zu halten. „Etwas stimmt gewaltig nicht.“

Lunas Gesicht veränderte sich schlagartig. Der sonst so vertraute Spott wich einer Ernsthaftigkeit, die keinen Raum für Fragen ließ.

Sie zögerte keine Sekunde.

Mit einer Behutsamkeit, die ich von ihr nur selten kannte, schob sie sich unter mich und hob mich auf ihren Rücken.

„Halt dich fest“, sagte sie.

Dann trug sie mich hinaus auf die Plattform und stieg mit kräftigen Flügelschlägen in die Luft.

„Wir sind gleich da.“

Ihre Stimme klang fest, aber darunter hörte ich Angst heraus.

Luna hatte schon vieles mit mir erlebt. Doch ich konnte mich kaum daran erinnern, sie jemals so besorgt gehört zu haben.

Ich wollte ihr sagen, dass alles gut werden würde. Dass sie sich keine Sorgen machen musste.

Aber ich wusste nicht, ob ich es selbst glaubte.

Das Krankenhaus der Drachen lag hoch oben auf der Spitze eines schroffen Bergkamms. Das runde Gebäude schien beinahe aus dem Fels selbst gewachsen zu sein. Die Holzfassade verschmolz Nahtlos mit dem Berg.

Normalerweise beruhigte mich dieser Ort.

Diesmal nahm ich kaum mehr wahr als die Bewegung unter mir und den Schmerz, der in unregelmäßigen Wellen durch meinen Körper lief.

Luna stürmte über die breite Landeterrasse. Ihre Krallen scharrten über das Holz, als sie auf den Eingang zuhielt. Noch bevor sie im Inneren vollständig zum Stehen kam, hörte ich bereits alarmierte Stimmen, die sich uns näherten.

„Amaya!“

Nyxia trat als Erste zu uns. Ihre fliederfarbenen Schuppen schimmerten im sanften Licht der Halle, welche mich immer an eine Tropfsteinhöhle erinnerte. Hinter ihr kamen ihre fünf Schwestern, jede in einem anderen Pastellton, von zartem Türkis bis zu blassem Rosa.

Sechs Salamander-Drachen.

„Legt sie ins Becken“, befahl sie.

Die Schwestern handelten sofort. Vorsichtig wurde ich von Lunas Rücken gehoben und zu einem großen, in den Stein eingelassenen Becken getragen. Das Wasser darin war klar und still, seine Oberfläche spiegelte das Licht, das von den Wänden ausging.

Als sie mich hineinlegten, fuhr ein scharfer Schmerz durch meinen Bauch. Ich sog die Luft ein und krallte die Finger in den Rand des Beckens.

„Ganz ruhig, Amaya“, hörte ich Nyxia sagen. Ihre Stimme war tief und gleichmäßig. „Wir kümmern uns um dich.“

Ich wollte fragen, was mit mir geschah. Warum die Teleportation mich derart zugerichtet hatte. Warum sich mein Inneres anfühlte, als hätte jemand etwas herausgerissen, das dort eigentlich sein sollte.

Doch bevor ich auch nur eine Frage formulieren konnte, verteilten sich die sechs Schwestern um das Becken.

Dann begannen sie zu brummen.

Der Klang war tief und uralt. Er schien nicht allein aus ihren Kehlen zu kommen, sondern aus dem Stein unter mir, aus den Wänden und aus dem Wasser selbst. Eine Schwingung, die ich nicht nur hörte, sondern bis in meine Knochen hinein spürte.

Die Oberfläche des Wassers kräuselte sich.

Zunächst waren es nur kleine Wellen, dann begann das Wasser, sich um meinen Körper zu bewegen, als folgte es einem unsichtbaren Rhythmus. Es glitt über meine Haut, umschloss meine Arme und Schultern und schien schließlich durch mich hindurchzuströmen, als wären die Grenzen meines Körpers für diesen Moment bedeutungslos.

Ich spürte sechs unterschiedliche Chakra-Signaturen, die sich mit mir verbanden.

Jede hatte ihren eigenen Charakter. Ihre eigene Wärme, ihren eigenen Rhythmus, ihre eigene Art, sich durch meine Wahrnehmung zu bewegen. Und doch ergänzten sie einander, als wären sie seit jeher dafür bestimmt gewesen, gemeinsam zu wirken.

Es fühlte sich an, als würden sechs Stimmen ein Lied singen, dessen Melodie ich nicht kannte und dessen Worte ich nicht verstand.

Aber ich konnte es fühlen.

Von Zeit zu Zeit ließ eine der Schwestern eine Handvoll Kräuter ins Wasser gleiten. Sie sanken langsam zu Boden, während sich neue Düfte ausbreiteten. Bitter und erdig, mit einer beruhigenden Note, die mich an die Heilmittel meiner Kindheit erinnerte.

Ich versuchte, mich auf diese Eindrücke zu konzentrieren. Auf das Wasser, den Duft der Kräuter und das gleichmäßige Brummen. Auf irgendetwas, das mir Halt geben konnte.

Nach und nach begann das Stechen in meinem Inneren nachzulassen.

Nicht plötzlich. Es verschwand nicht mit einem einzigen Atemzug. Vielmehr löste es sich langsam, als würde etwas, das sich tief in mir festgesetzt hatte, behutsam gelockert. Der Druck ließ nach, die Leere verlor an Schärfe, und ich konnte wieder etwas freier atmen.

Gleichzeitig breitete sich eine tiefe Geborgenheit in mir aus.

Warm und dicht, beinahe wie ein zweites Fell, das sich um meinen Körper legte.

Ich wusste, dass ich wach war. Ich hörte das Brummen, spürte das Wasser. Trotzdem schien ich immer weiter von meinem eigenen Körper abzudriften. Meine Gedanken wurden träge, meine Wahrnehmung verschwamm an den Rändern.

Es war, als säße ich hinter einer dicken Glasscheibe und beobachtete, was mit mir geschah, ohne selbst eingreifen zu können.

Ich wusste nicht, wie lange die Behandlung dauerte.

Vielleicht nur wenige Minuten. Vielleicht eine Stunde.

In diesem Wasser schien Zeit ihre Bedeutung verloren zu haben.

Irgendwann wurde das Brummen leiser. Die tiefen Schwingungen gingen in ein sanftes Summen über, das allmählich verklang. Die Bewegungen des Wassers beruhigten sich, bis die Oberfläche wieder nahezu still dalag.

Dann herrschte Stille.

Ich blinzelte.

Für einen Moment wusste ich nicht, wo ich war. Das Licht der Halle erschien mir ungewöhnlich hell, und mein Kopf fühlte sich schwer an. Wasser lief mir aus den Haaren über das Gesicht und tropfte von meinem Kinn zurück ins Becken.

Langsam richtete ich mich auf.

Meine Kleidung und mein Haar waren völlig durchnässt. Das Wasser rann über meine Schultern, während ich mich mit einer Hand am Beckenrand abstützte.

Lunas Augen ruhten unverwandt auf mir, als Nyxia näher trat und mir half, aus dem Becken zu steigen. Eine ihrer Schwestern legte mir sofort eine weiche Decke um die Schultern.

„Wie fühlst du dich?“, fragte sie. Ihre Stimme war sanft, besaß aber jene professionelle Bestimmtheit, die keinen Raum für Ausflüchte ließ.

Ich suchte kurz nach den richtigen Worten.

„Anders“, gab ich schließlich zu. „Leerer. Aber der Schmerz ist weg.“

Nyxia tauschte mit ihren Schwestern einen Blick.

„Amaya“, begann sie vorsichtig, „wir müssen mit dir über das sprechen, was wir bei der Behandlung festgestellt haben.“

Unwillkürlich richtete ich mich etwas gerader auf. Unter der Decke spannte sich mein Körper an.

„Dein Chakra ist erschöpft. Nicht einfach nur geschwächt oder aufgebraucht.“ Nyxia hielt kurz inne. „Es ist vollständig erschöpft. Und die Verbindung zu Meian …“

Sie brach ab, als suche sie nach einer Formulierung, die das Kommende weniger schwer machte.

„Wir können sie nicht mehr in dir finden. Die Verbindung ist vollständig abgebrochen.“

Ich starrte sie an.

„Wie kann das sein?“

Die türkisfarbene Schwester trat ein wenig näher. „Wir haben eine Vermutung. Vielleicht betrachtet Meian ihre Aufgabe an deiner Seite als erfüllt. Der Krieg ist vorbei. Die Gefahr, auf die sie dich vorbereitet hat, ist gebannt. Möglicherweise hat sie sich deshalb zurückgezogen.“

„Zurückgezogen?“ Ich hörte selbst, wie ungläubig meine Stimme klang. „Und was bedeutet das jetzt für mich? Habe ich in Wirklichkeit gar kein eigenes Chakra?“

„Doch, das hast du“, antwortete Nyxia sofort.

Sie wartete, bis ich sie ansah, bevor sie fortfuhr.

„Stell dir Chakra wie einen Fluss vor. Seit deiner Kindheit hattest du Zugang zu einem breiten, mächtigen Strom, Meians Chakra. Du konntest daraus schöpfen, und du hast gelernt, diese Kraft zu lenken und einzusetzen. Aber du hast nie wirklich deine eigene Quelle entwickelt, weil du gar nicht wusstest, dass es zwei getrennte Ströme gab. Du hast aus ihrem Fluss geschöpft, nicht aus deinem eigenen.“

Ihre Erklärung war verständlich.

All die Jahre hatte ich ihr Chakra genutzt, weil es für mich keinen spürbaren unterschied gar. Und nun erfuhr ich, dass ein wesentlicher Teil meiner Kraft nie wirklich meiner gewesen war?

„Das heißt, ich habe nie eine eigene Chakraquelle aufgebaut.“

Es war keine Frage mehr, sondern der Versuch, das Gesagte in Worte zu fassen.

Die rosafarbene Schwester senkte leicht den Kopf. „Nicht in dem Maß, das wir bei jemandem in deinem Alter erwarten würden.“

Stille breitete sich im Raum aus.

Irgendwo in der Ferne tropfte Wasser von der Höhlendecke. Das leise Geräusch hallte zwischen den steinernen Wänden wider und schien in der Stille viel lauter zu sein, als es tatsächlich war.

Ich starrte auf meine Hände.

Sie sahen aus wie immer. Keine Veränderung, keine sichtbare Spur dessen, was gerade in meinem Leben zusammengebrochen war. Und doch fühlte sich mein Körper plötzlich fremd an.

Was bedeutete das für mich?

Was blieb von all dem, was ich gelernt hatte, wenn ich nicht mehr auf die Kraft zurückgreifen konnte?

„Was mache ich jetzt?“, fragte ich schließlich.

Die Worte waren leiser, als ich beabsichtigt hatte. Ich wusste nicht einmal genau, an wen ich die Frage richtete.

„Zuerst einmal: nichts“, antwortete Nyxia bestimmt.

Ich hob den Blick.

„Wir haben deine eigene Chakraquelle stabilisiert, so gut es uns möglich war. Sie war durch den plötzlichen Abbruch der Verbindung vollkommen überfordert. Das war der Grund für die Schmerzen, die dich hierhergebracht haben.“ Ihr Blick blieb ernst. „Aber eine Stabilisierung ist keine Heilung. Dein Körper braucht Zeit, um sich zu erholen.“

„Was bedeutet das genau?“

Diesmal antwortete die hellgrüne Schwester.

„Das du im Moment keinerlei Jutsu anwenden darfst. Kein Ninjutsu, kein Genjutsu und ganz besonders keine Teleportation.“

Für einen Moment hörte ich nur noch das Rauschen meines eigenen Blutes.

„Aber wie soll ich dann …?“

Ich brach ab, weil mir plötzlich viel zu viele Fragen gleichzeitig durch den Kopf schossen.

Wie sollte ich mich verteidigen? Wie sollte ich reisen, wenn ich nicht einmal mehr selbst teleportieren konnte? Was würde aus meinen Fähigkeiten werden? Und was, wenn ich sie nie wieder so einsetzen konnte wie früher?

Ich kannte es nicht anders, als mich auf mich selbst verlassen zu können. Doch diesmal gab es nichts, worauf ich zurückgreifen konnte.

„Langsam, Amaya.“ Nyxias Stimme blieb ruhig und unerschütterlich. „Es gibt eine Lösung. Aber sie kommt nicht über Nacht. Du wirst lernen müssen, deine eigene Chakraquelle zu finden, sie zu stärken und mit ihr zu arbeiten. So, wie du es all die Jahre nicht tun musstest.“

„Wie lange wird das dauern?“

Nyxia sah kurz zu ihren Schwestern. Keine von ihnen schien eine Antwort zu haben, die sie mir guten Gewissens geben konnte.

„Das wissen wir nicht“, sagte sie schließlich offen. „Keine von uns hat so etwas bei jemandem erlebt. Wir können dir nicht versprechen, wie schnell sich deine Chakraquelle erholt oder wie lange es dauern wird, bis du sie sicher nutzen kannst.“

Ich schluckte.

Es war, als hätte jemand mir mitten im Lauf den Boden unter den Füßen weggezogen und anschließend erklärt, ich müsse erst lernen, wieder zu gehen.

Ein Teil von mir wollte sofort aufstehen, meine Fähigkeiten testen und beweisen, dass ich noch immer dieselbe war.

Doch ich erinnerte mich an den Schmerz, der mich bei meiner Ankunft beinahe zu Boden gezwungen hatte.

Mein Körper hatte mir bereits eine Antwort gegeben.

Wenn ich jetzt versuchte, mich darüber hinwegzusetzen, würde ich vermutlich nur noch mehr Schaden anrichten.

„Aber du bist damit nicht allein, Amaya.“

Nyxia trat näher. Ihre Stimme wurde wärmer, und in ihrem Blick lag etwas, das über die nüchterne Einschätzung einer Heilerin hinausging.

„Du bist unsere Anführerin. Unsere Beschützerin. Was auch immer diese Veränderung für dich bedeutet, wir werden es gemeinsam mit dir herausfinden.“

Ich sah zu Luna.

Sie hatte sich während des gesamten Gesprächs zurückgehalten, die Augen noch immer auf mich gerichtet. Ihre Sorge war unverkennbar.

„Wie komme ich dann nach Hause?“, fragte ich leise.

Luna trat näher und senkte den Kopf, bis ihre Schnauze beinahe meine Schulter berührte.

„So, wie du hierhergekommen bist.“ Ihre Stimme klang wieder vertrauter. „Auf meinem Rücken. Genau wie früher.“

Ich sah sie an.

Es war eine einfache Antwort. Und doch musste ich sie einen Moment lang auf mich wirken lassen.

Ich atmete langsam aus.

Noch wusste ich nicht, wie ich damit umgehen sollte. Aber ich wusste, dass Luna recht hatte. Ich musste nicht jede Antwort sofort finden. Und ich war nicht allein.

Der Rückflug war kürzer, als ich erwartet hatte.

Luna schien es eilig zu haben, mich sicher nach Hause zu bringen.

Ich lehnte mich so gut es ging an ihren Hals, genoss ihr weiches Fell und war ihr dankbar, wie selbstverständlich sie mich trug.

Als wir auf der Plattform meiner Residenz landeten, war ich froh, endlich hier zu sein. Ich stieg vorsichtig von Lunas Rücken und schleppte mich ins Haus. Meine durchnässte Kleidung klebte unangenehm an meiner Haut, und ich sehnte mich nach nichts mehr als nach trockenen Sachen.

„Ich muss mich abtrocknen und umziehen“, murmelte ich und machte mich auf den Weg ins Bad.

Luna folgte mir. Natürlich tat sie das.

Wie so oft in meiner Kindheit trottete sie mir hinterher und ließ sich mitten im Badezimmer nieder, als wäre es ihr gutes Recht, den gesamten Raum zu beanspruchen. Sie legte die Vorderbeine übereinander und beobachtete mich, während ich vorsichtig meine nasse Kleidung auszog.

Ich warf ihr einen kurzen Blick zu.

„Du weißt schon, dass ich mich allein umziehen kann?“

„Und du weißt schon, dass ich dich nicht aus den Augen lasse, solange du aussiehst, als würdest du beim nächsten Windstoß umfallen?“

Ich schnaubte leise. „Mir geht es besser.“

„Das hast du vorhin auch gesagt, bevor du beinahe auf dem Boden gelandet bist.“

Dagegen ließ sich schlecht argumentieren.

Ich griff nach einem weichen Handtuch und wickelte es um mich. Mit einem zweiten rubbelte ich mir vorsichtig die Haare trocken.

„Du wirst mich brauchen, um zu Gaara zu kommen“, sagte Luna unvermittelt.

Ich hielt mit dem Handtuch inne und sah sie im Spiegel an.

„Glaubst du, das funktioniert, obwohl du selbst noch nie dort gewesen bist?“

Luna hob den Kopf. In ihren Augen blitzte ein Hauch jener Selbstsicherheit auf, die ich so gut kannte.

„Wer hat Gaara die Drachenperle höchstpersönlich gegeben?“ Sie schnaubte, als hätte ich eine ausgesprochen dumme Frage gestellt. „Wenn er sie noch hat, ist es für mich sogar einfacher, direkt zu ihm zu springen, als irgendwohin, wo ich noch nie gewesen bin.“

Ich senkte das Handtuch und dachte darüber nach.

Die Drachenperle.

Ich hatte sie vollkommen vergessen.

„Solange sich dein eigenes Chakra nicht erholt hat, nehme ich dich einfach mit“, fuhr Luna fort. „So, wie ich es schon immer getan habe.“

Ich sah sie einen Moment lang schweigend an.

Bis eben hatte ich mich an dem Gedanken festgehalten, etwas Entscheidendes verloren zu haben. Meine Unabhängigkeit. Die Möglichkeit, mich jederzeit selbst fortzubewegen.

Es würde Zeit brauchen, mich daran zu gewöhnen, dass ich das vorerst nicht mehr konnte.

Aber Luna hatte recht. Ich war nicht allein. Ich musste nicht jede Schwierigkeit aus eigener Kraft überwinden und im Moment musste ich nicht kämpfen.

„Ich habe die Perle tatsächlich völlig vergessen“, sagte ich und musste über mich selbst den Kopf schütteln. Ich legte das Handtuch beiseite und zog frische Kleidung aus dem Schrank. „Danke, dass du mir das anbietest, Luna. Ich hätte nicht erwartet, dass du das für mich tun würdest.“

Luna richtete sich ein wenig auf.

„Was soll das denn heißen?“

Ich schlüpfte in mein Oberteil und verzog kurz das Gesicht, als ich dabei meine Schulter ungünstig bewegte.

„Ich hatte sogar schon überlegt, wie ich Gaara informieren soll, dass ich erst einmal hierbleiben muss. Bei dir.“

„Das würde ich niemals zulassen“, schnaubte sie, beinahe beleidigt von der Vorstellung. Ich musste lächeln.

Genau das war Luna. Sie konnte sich über etwas aufregen, das sie im nächsten Moment ohnehin für mich erledigen würde.

„Trotzdem. Danke.“

Diesmal kam kein spöttischer Kommentar zurück. Luna sah mich nur einen Augenblick lang an, bevor sie den Blick abwandte, als wäre das Thema damit erledigt.

Manche Dinge änderten sich eben nie.

„Übrigens“, sagte sie nach einer kurzen Pause, „hast du die Konferenz mit den Ältesten nicht vergessen? Sie erwarten dich.“

Ich erstarrte mitten in der Bewegung.

Die Konferenz.

Ich hatte sie tatsächlich beinahe vergessen.

„Das habe ich fast vergessen“, gab ich zu.

Luna warf mir einen Blick zu, der deutlich machte, was sie von dieser Antwort hielt.

Ich wandte mich dem Schrank zu, in dem meine offiziellen Gewänder hingen. Zwischen den schlichteren Kleidungsstücken befand sich die schwere, dunkelgrüne Robe, die ich nur zu besonderen Anlässen trug. Feine goldene Fäden zogen sich in alten Mustern über den Saum und die Ärmel. Auf dem Rücken prangte das Wappen unseres Clans: der doppelschwänzige Drache.

Das Gewand des Clanoberhaupts.

Ich nahm es vorsichtig aus dem Schrank und hielt es einen Moment lang vor mich. Der Stoff war schwer, die Stickereien sorgfältig gearbeitet. Ich kannte jedes Detail dieser Robe. Seit meiner Kindheit hatte ich gewusst, dass ich sie eines Tages tragen würde.

Damals hatte ich mir kaum Gedanken darüber gemacht, was es bedeutete, sie anzuziehen. Ich hatte nur gewusst, dass ich eines Tages die Verantwortung übernehmen musste, die mit unserem Namen verbunden war.

Jetzt fühlte sich die Aufgabe schwerer an als sonst.

Vielleicht, weil ich mich selbst gerade nicht mehr so sicher fühlte wie noch vor wenigen Stunden.

Doch die Konferenz würde nicht warten, bis ich mich bereit fühlte.

Ich zog die Robe an und richtete den Stoff so gut es ging. Anschließend nahm ich den runden, spitz zulaufenden Hut aus dem Schrank. Die langen Fransen in verschiedenen Erdtönen fielen an den Seiten herab. Wie immer kam mir der Hut ein wenig zu groß vor, ganz gleich, wie oft ich ihn bereits getragen hatte.

Als ich schließlich vor dem Spiegel stand, sah ich das Clanoberhaupt, das die Ältesten erwarteten.

Die dunkelgrüne Robe. Das goldene Wappen. Der traditionelle Hut.

Alles saß an seinem Platz.

Nur in meinem Inneren war nichts mehr so selbstverständlich wie zuvor.

Ich hob das Kinn und betrachtete mein Spiegelbild noch einen Moment länger. Ich konnte nicht ändern, was geschehen war. Ich konnte auch nicht erzwingen, dass sich meine Chakraquelle schneller erholte. Aber ich konnte entscheiden, wie ich mit dem umging, was vor mir lag.

Und fürs Erste musste das genügen.

„Bereit?“, fragte Luna.

Ich wandte mich vom Spiegel ab und sah sie an.

„So bereit, wie ich sein kann“, antwortete ich schließlich.