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Neuanfang (Gaara´s Sicht)

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Neuanfang (Gaara´s Sicht)

Temari und ich saßen über eine Karte gebeugt, als ein plötzliches Plopp die Stille durchbrach.

Ich fuhr herum. Meine Hand war bereits am Sandkürbis, noch bevor ich richtig begriff, was geschehen war. Erst als ich die Gestalt erkannte, die mitten in unserem Wohnzimmer aufgetaucht war, ließ ich die Hand sinken.

„Amaya!“

Doch mein Blick blieb an dem Wesen hängen, auf dessen Rücken sie saß. Luna schimmerte weiß im einfallenden Tageslicht, genau wie bei unserer ersten Begegnung. Selbst in dem vergleichsweise großzügigen Wohnzimmer wirkte sie gewaltig.

Neben mir erstarrte Temari vollständig. Der Stift blieb zwischen ihren Fingern in der Luft hängen.

„Das ist …“ Ihre Stimme sank zu einem ungläubigen Flüstern. „Das ist ein Drache. Ein echter, lebendiger Drache. In unserem Wohnzimmer.“

„Das ist Luna“, stellte Amaya vor. Sie schenkte mir ein kleines, beinahe entschuldigendes Lächeln, während sie sich auf Lunas Rücken abstützte. „Sie ist … so etwas wie meine Schwester.“

Luna neigte höflich den Kopf.

„Es freut mich, dich kennenzulernen, Temari. Amaya hat viel von dir erzählt.“

Temari starrte sie an.

„Sie … sie spricht.“

Ihre Stimme schwankte zwischen Faszination und offenem Schock.

„Natürlich spreche ich“, schnaubte Luna. In ihrer Stimme lag eine solche Überlegenheit, dass ich unwillkürlich an Amaya denken musste, wenn sie gereizt war. „Wofür hältst du mich? Für ein dummes Tier?“

„Luna“, ermahnte Amaya sie sanft.

Dann glitt sie vorsichtig von ihrem Rücken.

Luna ließ sich mit einer katzenartigen Streckung auf dem Boden nieder. Ihre Bewegungen waren geschmeidiger, als es ihre Größe vermuten ließ und meine Unterkunft bekam durch ihre Anwesenheit etwas Königliches.

Doch meine Aufmerksamkeit galt weiterhin Amaya.

Warum war sie mit Luna hierhergekommen?

Sie stand aufrechter als heute Morgen, und ihre Bewegungen wirkten kontrollierter. Trotzdem lag etwas in ihrer Haltung, das mich innehalten ließ. Ihre Gesicht war blasser, als ich es sonst kannte.

Es war nicht leicht zu erkennen, ob sie Schmerzen hatte oder lediglich erschöpft war. Amaya hatte die Angewohnheit, beides herunterzuspielen, solange sie noch stehen konnte.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte ich.

Meine Sorge war deutlich in meiner Stimme zu hören. Ich machte mir nicht die Mühe, sie zu verbergen.

Amaya sah zu mir und verzog leicht den Mund.

„Also … ja und nein. Das ist eine längere Geschichte.“

Sie ließ sich auf das nächstgelegene Sofa sinken. Erst jetzt schien die Anstrengung der letzten Stunden wirklich sichtbar zu werden. Ihre Haltung verlor an Spannung, und für einen Moment sah sie aus, als wäre selbst das Sitzen eine Erleichterung, die sie dringend gebraucht hatte.

Ich widerstand dem Drang aufzustehen und zu ihr zu gehen. Sie hatte noch nicht erklärt, was geschehen war, und ich wollte sie nicht mit Fragen überhäufen.

Neben mir hatte Temari ihre Aufmerksamkeit inzwischen vollständig auf Luna gerichtet.

Die beiden sahen einander an, ohne dass eine von ihnen den Blick abzuwenden schien.

„Darf ich …?“

Temari hob zögernd eine Hand. Ihr Blick wanderte über Lunas dichtes, weißes Fell, dann wieder zu deren Gesicht.

„Darf ich dich anfassen?“

Luna hob eine Augenbraue oder zumindest das, was bei einem Drachen einer Augenbraue am nächsten kam.

„Warum sollte ich das erlauben?“

Temari ließ die Hand langsam wieder sinken.

„Ich weiß nicht. Weil du so flauschig wie eine Katze aussiehst?“

Sie klang ein wenig enttäuscht, schien die Abweisung aber bereits hinzunehmen.

Luna musterte sie noch einen Moment.

Dann seufzte sie beinahe unmerklich und senkte den Kopf ein Stück.

„Meinetwegen. Aber nur einmal.“

Temari ließ sich diese Gelegenheit nicht entgehen. Sie stand auf, überquerte den Raum und musste sich sogar ein wenig strecken, um Lunas Kopf zu erreichen. Vorsichtig fuhr sie mit der Hand durch das dichte Fell.

Ihre Augen wurden groß.

„Wow. Das ist so viel weicher, als ich gedacht hätte.“

„Das höre ich öfter“, murmelte Luna.

Sie versuchte, genervt zu klingen, doch ihre Stimme verlor dabei etwas von ihrer Schärfe.

Temari strich noch einmal kurz über das Fell, bevor sie die Hand zurückzog. Ihr anfänglicher Schock war inzwischen einer unverhohlenen Neugier gewichen.

„Wie war das eigentlich, mit Amaya aufzuwachsen? Soweit ich weiß, bist du ihre Schwester, oder?“

Luna warf einen kurzen Blick zu Amaya, die sich auf dem Sofa zurückgelehnt hatte. Sie sagte nichts, beobachtete die beiden jedoch aufmerksam.

„Bei Menschen würde man das wohl so nennen“, antwortete Luna schließlich.

Ein Hauch von Wärme schwang in ihrer Stimme mit.

„Amaya war ein wildes, neugieriges Kind. Sie kletterte auf alles, was höher war als sie selbst. Meistens auf mich.“ Luna schüttelte leicht den Kopf. „Ich habe mehr Zeit damit verbracht, sie vor sich selbst zu beschützen, als vor irgendetwas anderem.“

Temari brach in ein Lachen aus.

„Das klingt ja überhaupt nicht nach ihr.“

Ich musste unwillkürlich schmunzeln. Ganz so abwegig fand ich die Vorstellung allerdings nicht. Amaya besaß noch immer diese Mischung aus Entschlossenheit und beinahe trotzigem Eigensinn, die es vermutlich schwierig machte, sie von etwas abzuhalten, das sie sich einmal in den Kopf gesetzt hatte.

„Wie seid ihr eigentlich Schwestern geworden?“, fragte Temari weiter.

Luna wandte den Kopf wieder Amaya zu. Für einen kurzen Moment lag etwas Zärtliches in ihrem Blick.

„Amaya ist meistens zu mir gekrabbelt“, sagte sie. „Schon als sie klein war. Sie wollte immer in meiner Nähe sein.“

Ihre Stimme wurde leiser.

„Ich glaube, irgendwann habe ich einfach beschlossen, dass sie mein Mensch ist. Oder vielleicht hat sie mich auch zuerst zu ihrer Schwester erklärt. So genau weiß ich das nicht mehr.“

Amaya lächelte leicht.

Sie wirkte nicht überrascht von Lunas Erzählung, und doch lag etwas Weiches in ihrem Gesicht.

Und vielleicht war gerade das bezeichnend für ihre Beziehung. Zwischen ihnen schien es Dinge zu geben, die keiner Erklärung bedurften. Eine Vertrautheit, die lange vor allem entstanden war, die Amaya zu der Frau gemacht hatten, die ich heute kannte.

„Ich mag dich“, verkündete Temari schließlich mit jener Direktheit, die ich von ihr gewohnt war. „Du bist ganz anders, als ich mir einen Drachen vorgestellt hätte.“

Luna neigte leicht den Kopf. Diesmal wirkte sie tatsächlich neugierig.

„Und wie war das für dich, mit Kankurō und Gaara aufzuwachsen? Als älteste Schwester?“

Temari blinzelte überrascht.

Offenbar hatte sie nicht damit gerechnet, dass Luna die Frage zurückgeben würde. Einen Moment lang schien sie überlegen zu müssen, wie viel sie erzählen wollte.

Dann lachte sie leise.

„Anstrengend“, gab sie zu. „Sehr anstrengend, manchmal. Aber ich würde es gegen nichts eintauschen.“

Luna betrachtete sie kurz, bevor sie trocken erwiderte: „Das ist wohl das Naheliegendste, was wir beide gemeinsam haben.“

Temari grinste.

Ich nutzte die kurze Stille, die sich nach Lunas letzten Worten ausbreitete, um das Thema zu wechseln. Amaya wirkte erschöpft genug. Wir mussten sie nicht auch noch mit Fragen bedrängen, bevor sie bereit war, uns zu erzählen, was sie mit einer längeren Geschichte gemeint hatte.

„Wir sollten über die Abreise sprechen.“ Mein Blick wanderte zurück zu der Karte, die noch immer auf dem Tisch lag. Temari setzte sich wieder zu uns. „Übermorgen, wie geplant?“

Sie nickte. „Wenn nichts dazwischenkommt, ja. Die Transportrouten sind organisiert. Die verwundeten Shinobi werden vorab in kleineren Gruppen aufbrechen, während wir mit der Hauptdelegation folgen. Das ist zumindest der aktuelle Plan.“ Sie ließ den Blick zwischen uns wandern. „Noch Fragen?“

„Zähle ich zu den Verwundeten oder zur Hauptdelegation?“

Amayas Stimme klang vorsichtig. Fast so, als hätte sie die Antwort bereits befürchtet und wollte sich dennoch vergewissern.

„Natürlich reist du mit uns in der Hauptdelegation“, antwortete ich ohne zu zögern.

Sie schien darüber nachzudenken, bevor sie den Kopf leicht neigte. „Ich habe nur Bedenken, dass es zu viel Aufsehen erregen könnte, wenn ich mit den Kage reise.“

Selbst jetzt, dachte sie noch darüber nach, wie sie auf andere wirkte. Wie sie sich in die Gruppe einfügen konnte, ohne Misstrauen in meinem eigenen Dorf zu wecken. Sie wollte mir keine Schwierigkeiten bereiten.

„Ich könnte dich als offizielles Mitglied meines Begleitschutzes vorstellen“, schlug ich vor. „Wäre dir das lieber?“

Amaya rutschte auf dem Sofa ein wenig hin und her. Ihre Hände verschränkten sich in ihrem Schoß, und ihre Schultern spannten sich an. Es war keine Reaktion auf ihre Verletzungen. Dafür kannte ich ihre Körpersprache inzwischen gut genug.

Es war etwas anderes.

Scham.

Ein Ausdruck, den ich nur selten bei ihr gesehen hatte.

„Das wäre der springende Punkt“, sagte sie schließlich und seufzte leise. „Ich könnte dich nicht mehr beschützen.“

Ihre Antwort überraschte mich. Nicht, weil ich ihre Sorge nicht nachvollziehen konnte, sondern weil sie offenbar davon ausging, dass es ihre Aufgabe war, mich zu schützen.

„Die Ärztedrachen haben mich untersucht“, fuhr sie fort. „Im Moment steht mir keine nutzbare Chakraquelle zur Verfügung.“

Temari runzelte die Stirn. „Was genau bedeutet das?“

„Dass mein eigenes Chakra erschöpft ist. Bis sich mein Körper erholt hat, darf ich keine Jutsu anwenden.“

Sie machte eine kurze Pause. Ihr Blick senkte sich auf ihre ineinander verschränkten Hände, ehe sie wieder aufsah. Als sie weitersprach, war ihre Stimme klar und ungewöhnlich direkt. Genau so, wie sie mit Wahrheiten umging, die sie lieber nicht aussprechen wollte.

„Ich erzähle euch das nicht, damit ihr Mitleid mit mir habt. Ich sage es euch, weil ihr es wissen müsst. Falls etwas passiert. Falls wir angegriffen werden oder es einen Notfall gibt, dürft ihr euch im Moment nicht auf mich als eure Beschützerin verlassen.“ Ihre Finger schlossen sich fester ineinander. „Ich kann gerade niemanden verteidigen. Nicht einmal mich selbst, wenn es hart auf hart kommt.“

Ihre Worte schienen schwerer zu wiegen als alles, was sie bis dahin gesagt hatte.

Ich betrachtete sie einen Moment lang. Ich erinnerte mich an Amaya vor den fünf Kage, an die Entschlossenheit, mit der sie sich in den Krieg gestürzt hatte.

Und jetzt saß sie hier und musste sich eingestehen, dass sie nicht einmal sich selbst schützen konnte.

Ich konnte mir vorstellen, wie schwer ihr das fiel. Für Amaya war Stärke nicht bloß eine Fähigkeit. Sie war Verantwortung, Schutz und die Gewissheit, im entscheidenden Moment handeln zu können. Der Verlust ihres Chakras nahm ihr nicht nur einen Teil ihrer Kräfte. Er zwang sie, eine Rolle aufzugeben, an der sie sich offenbar festhielt.

Doch ich wollte nicht, dass sie daraus schloss, damit auch ihren Wert verloren zu haben.

„Amaya“, sagte ich. Meine Stimme klang fester, als ich beabsichtigt hatte. „Das ändert nichts daran, wer du bist.“

Sie hob den Kopf und sah mich endlich an. In ihren Augen lag Unsicherheit, beinahe eine stumme Frage. Als wartete sie darauf, dass ich meine Worte zurücknahm, sobald ich wirklich begriff, was sie mir gerade gesagt hatte.

Ich tat es nicht.

„Es macht dich nicht schwächer“, fuhr ich fort. „Du bist verletzt. Du brauchst Zeit, um dich zu erholen. Das ist nicht dasselbe, wie schwach zu sein.“ Ich hielt ihrem Blick stand. „Und dass du uns sagst, was du gerade kannst und was nicht, ist keine Schwäche. Es zeigt, dass du uns vertraust. Dass du ehrlich zu uns bist. Das ist es, was zählt.“

Für einen Moment sagte niemand etwas.

Dann erhob sich Temari.

Sie ging um den Tisch herum, direkt auf Amaya zu, und blieb erst vor dem Sofa stehen.

„Na, dann sind wohl ausnahmsweise wir diejenigen, die dich beschützen werden.“

Noch bevor Amaya darauf antworten konnte, beugte Temari sich zu ihr hinunter und schloss sie fest in die Arme.

Amaya erstarrte überrascht, dann hob sie langsam die Arme und erwiderte die Umarmung.

Ich beobachtete die beiden schweigend.

Vielleicht musste Amaya gerade nicht lernen, wie sie ihre Kräfte zurückbekam. Vielleicht musste sie zunächst begreifen, dass sie auch dann nicht allein war, wenn sie niemanden beschützen konnte.

Und dass sie nicht immer diejenige sein musste, die stark blieb.

Temari löste sich langsam aus der Umarmung. Ein sanftes Lächeln lag noch auf ihren Lippen, als sie einen Schritt zurücktrat.

„Ich glaube, ich lasse euch beide jetzt allein“, sagte sie und warf mir einen kurzen Blick zu, der mehr aussagte als Worte. Kümmere dich um sie.

„Ich sollte wirklich mal wieder früher schlafen gehen“, fügte sie mit einem leichten Seufzen hinzu.

Luna erhob sich ebenfalls und streckte sich.

„Dann gehe ich auch mal. Madura wollte mit mir noch einen Nachtflug machen.“ Sie wandte den Kopf zu Amaya. „Wann soll ich morgen wieder hier sein?“

Amaya zuckte bei der Frage kaum merklich zusammen. Für einen Augenblick wirkte sie wie jemand, der gerade erst begriffen hatte, wie sehr sich die Umstände verändert hatten und sie andere um etwas bitten muss, das früher selbstverständlich gewesen war.

„Ich habe morgen keine Besprechungen“, antwortete sie. „Also … morgen Abend?“ Sie zögerte kurz. „Wenn das für dich passt.“

„Passt. Du kannst mich schließlich nicht rufen.“ Ein leiser, liebevoller Spott schwang in Lunas Stimme mit, doch ihre Augen blieben warm. „Also morgen Abend, wieder hier. Und stell keinen Unsinn an, bis ich zurück bin.“

„Als könnte ich im Moment überhaupt Unsinn anstellen“, murmelte Amaya.

Ein kleines Lächeln begleitete ihre Worte, doch es erreichte ihre Augen nicht ganz.

Dann stand sie auf und ging zu Luna hinüber. Ohne zu zögern, schlang sie die Arme um deren Hals und vergrub für einen kurzen Moment das Gesicht in dem dichten, weißen Fell.

Luna senkte den Kopf über Amayas Schulter und erwiderte die Umarmung, so gut es ihre Größe zuließ.

Als sie sich schließlich voneinander lösten, legten sie ihre Stirnen aneinander. Es war eine stille, vertraute Geste, die keiner Erklärung bedurfte. Ich hatte Luna erst zweimal erlebt, und doch genügte dieser eine Moment, um zu verstehen, dass ihre Verbindung weit über gewöhnliche Freundschaft hinausging. Sie waren miteinander aufgewachsen, hatten einander beschützt und vermutlich mehr gemeinsam durchgestanden, als ich mir vorstellen konnte.

„Danke, Luna“, sagte Amaya leise. „Für alles heute.“

„Dafür bin ich schließlich da“, erwiderte Luna.

Ihre Stimme war so sanft, dass ich sie beinahe nicht wiedererkannte.

Dann richtete sie sich auf und wandte den Kopf in meine Richtung. Ihr Blick blieb einen Moment auf mir liegen. Sie sagte nichts, doch die stille Warnung darin war unmissverständlich: Pass auf sie auf.

Ich erwiderte ihren Blick ruhig und nickte kaum merklich.

Luna schien damit zufrieden zu sein. Im nächsten Augenblick umgab sie ein sanfter Schimmer, der ihre Gestalt für einen Herzschlag in Licht tauchte. Dann war sie verschwunden.

Die Stille, die sie zurückließ, fühlte sich beinahe greifbar an.

Erst jetzt wurde mir bewusst, wie viel Raum Luna eingenommen hatte, nicht nur körperlich, sondern auch durch ihre bloße Anwesenheit.

Amaya stand noch immer an der Stelle, an der Luna sie zurückgelassen hatte. In ihrer Haltung lag eine Müdigkeit, die weit über körperliche Erschöpfung hinausging.

„Komm“, sagte ich leise und klopfte auf das Sofa. „Setz dich erst einmal.“

Amaya sah zu mir. Für einen Moment schien sie etwas erwidern zu wollen, entschied sich dann aber dagegen und kam zu mir.

Sie ließ sich neben mich aufs Sofa sinken. Ein tiefer, erschöpfter Seufzer entwich ihr, der trotz allem etwas Zufriedenes an sich hatte.

Ich wandte mich ihr zu und musterte ihr Gesicht. „Wie geht es dir wirklich?“

Sie legte den Kopf schief und dachte einen Moment nach. „Ehrlich? Es ist seltsam. Wahrscheinlich sollte ich in Panik geraten. Kein Chakra, kein Teleportieren, vollkommen abhängig von anderen. Und es könnte Wochen oder sogar Monate dauern, bis ich wieder richtig einsatzfähig bin.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Aber irgendwie fühlt es sich auch wie eine Erlaubnis an.“

„Eine Erlaubnis?“

„Ja.“ Ein kleines, schiefes Lächeln umspielte ihre Lippen. „Jahrelang musste ich funktionieren. Kämpfen, trainieren, retten, beschützen. Und jetzt sagen mir sechs Drachen, dass ich genau das eine Weile nicht darf.“ Sie ließ den Kopf gegen die Sofalehne sinken. „Ich glaube, ein Teil von mir hat sich schon länger nach so etwas gesehnt. Ohne dass ich mir jemals erlaubt hätte, es mir einzugestehen.“

Ich musste lächeln. Nicht, weil ich ihre Lage auf die leichte Schulter nahm, sondern weil es typisch für sie war, selbst in einer Situation wie dieser etwas zu finden, das ihr Hoffnung gab. Während ich mich vor allem fragte, wie wir mit den Einschränkungen umgehen sollten, erkannte sie darin bereits eine Möglichkeit, etwas nachzuholen, das sie sich viel zu lange versagt hatte.

„Und was jetzt?“, fragte sie und rückte ein Stück näher, bis ihre Schulter meine berührte.

„Jetzt ruhst du dich aus.“

Sie hob den Kopf und sah mich skeptisch an. „Das klingt langweilig.“

„Ich habe nicht gesagt, dass es langweilig sein muss.“

Eine Augenbraue wanderte amüsiert nach oben. „Ach ja? Und was schlägst du vor, mein Kazekage?“

Etwas an der Art, wie sie diese Worte aussprach, ließ meine Aufmerksamkeit ganz auf sie zusammenschrumpfen. Vielleicht lag es an dem neckenden Unterton. Vielleicht daran, dass sie bewusst sich zu mir lehnte. Oder daran, dass sie wusste, wie viel Wirkung eine solche Frage auf mich haben konnte.

Statt zu antworten, hob ich die Hand und strich ihr vorsichtig über die Wange. Meine Finger glitten weiter bis in ihr Haar, und als sie die Augen schloss und sich meiner Berührung entgegenlehnte, beugte ich mich zu ihr hinunter.

Unser Kuss begann sanft und langsam. Doch irgendetwas an diesem Abend machte es schwer, sich nach wenigen Augenblicken wieder voneinander zu lösen. Vielleicht war es die Erleichterung, dass sie zurückgekommen war. Vielleicht die Nähe von allem, was heute passiert war.

Ihre Hand fand meinen Nacken und zog mich näher zu sich. Der Kuss wurde intensiver, und als ihre Lippen meine leicht öffneten, erwiderte ich die Bewegung ohne nachzudenken. Ihre Zunge streifte meine, zunächst zaghaft, dann vertrauter, bis ich kaum noch einen klaren Gedanken fassen konnte.

Ich hatte lange geglaubt, dass es genügte, meine Gefühle zu verstehen, sie einzuordnen und ihre Auswirkungen abzuschätzen. Bei Amaya funktionierte das nur bedingt. Sie musste mich nicht einmal ansehen, um meine Aufmerksamkeit vollständig auf sich zu ziehen. Eine Berührung, ein Lächeln, ein paar beiläufige Worte und plötzlich erschien mir alles andere weit entfernt.

Ihre freie Hand legte sich an meine Brust. Dann wanderte sie langsam tiefer, bis ihre Finger den Saum meines Oberteils erreichten und darunterglitten. Ihre warme Handfläche berührte meine Haut, und ein leiser Atemzug entwich mir, bevor ich ihn zurückhalten konnte.

Es war nicht das erste Mal, dass sie mich auf diese Weise berührte. Trotzdem fühlte es sich jedes Mal neu an. Als würde ich nach und nach etwas entdecken, von dem ich vorher nicht einmal gewusst hatte, dass es mir fehlte.

Ich zog sie näher an mich. Meine Hand fand ihre Taille, während ich mit der anderen vorsichtig unter den Stoff ihres Pullovers glitt. Ich ließ meine Finger langsam über ihren Rücken wandern, gab ihr Zeit, sich an die Berührung zu gewöhnen, und achtete auf jede noch so kleine Reaktion.

„Gaara“, flüsterte sie zwischen zwei Küssen.

Mein Name klang kaum mehr als ein Seufzen.

Ich hielt inne und sah sie an. Die Nähe zwischen uns ließ mich für einen Moment vergessen, dass ich noch immer auf ihre Verletzungen aufpassen musste.

„Alles in Ordnung?“, fragte ich leise.

„Mehr als in Ordnung“, murmelte sie und zog mich wieder zu sich.

Ich küsste sie erneut, doch nach einer Weile machte sich das Sofa bemerkbar. Mein Arm begann unter ihrem Gewicht einzuschlafen, und meine Knie waren inzwischen in einem Winkel verdreht, der alles andere als bequem war.

„Warte“, murmelte ich gegen ihre Lippen. „Lass uns ins Schlafzimmer gehen. Das hier ist … nicht besonders praktisch.“

Amaya lachte leise. Ihr Atem streifte meine Wange, als sie sich ein wenig zurückzog. „Wie unromantisch von dir, das ausgerechnet jetzt anzusprechen.“

„Ich bin lieber unromantisch und ehrlich, als dass du dir noch eine Verletzung zuziehst, weil ich dich in eine unmögliche Position gebracht habe.“

„Fair genug.“

Sie stand auf und zog mich an der Hand mit sich. Gemeinsam gingen wir durch die Tür ins Schlafzimmer. Ihre Finger blieben fest mit meinen verschränkt.

Im Schlafzimmer wandte sie sich mir zu, und ich zog sie behutsam an mich. Der nächste Kuss war langsamer, bewusster. Ihre Hände fanden erneut den Weg unter mein Oberteil, während meine über ihren Rücken strichen. Ich spürte, wie sich ihre Haut unter meinen Fingerspitzen leicht anspannte, und ließ mir Zeit, sie weiter zu erkunden.

Schließlich sanken wir gemeinsam auf das Bett. Ich stützte mich auf einen Arm und hielt kurz inne, um sie anzusehen.

„Alles in Ordnung?“, fragte sie leise.

Ich zögerte. Ein Gedanke ließ mich nicht los, und vielleicht war jetzt nicht der beste Zeitpunkt, ihn auszusprechen. Trotzdem wollte ich ihn nicht einfach beiseiteschieben.

„Ich habe mich gefragt, ob Luna vielleicht mit uns reisen könnte“, murmelte ich. „Falls etwas passiert, könnte sie dich in Sicherheit bringen.“

Amaya schüttelte sofort den Kopf.

„Ich möchte nicht, dass andere auf die Idee kommen, Drachen als Reittiere einzusetzen.“

Ich dachte über ihre Antwort nach.

„Du hast recht“, sagte ich schließlich. „Wenn jemand sieht, wie wir einen Drachen nutzen, um uns fortzubewegen, könnten andere daraus ihre eigenen Schlüsse ziehen. Selbst in unseren Reihen könnten manche auf die Idee kommen, Drachen für Suna einsetzen zu wollen.“

„Genau.“ Ihr Gesicht wurde ernster. „Meine wichtigste Aufgabe ist es, sie zu beschützen.“

Für Amaya waren Drachen keine Hilfsmittel, die man nach Bedarf einsetzen konnte. Sie waren freie Geschöpfe, denen ihre eigene Entscheidung zustand. Dass sie selbst in ihrer jetzigen Lage zuerst an deren Sicherheit dachte, überraschte mich nicht. Es erinnerte mich vielmehr daran, wie konsequent sie an ihren Überzeugungen festhielt.

Dann veränderte sich ihr Ausdruck. Ein schelmisches Lächeln trat an die Stelle ihrer ernsten Miene, und sie zog mich an meinem Kragen wieder näher zu sich.

„Und waren wir nicht gerade ganz woanders stehen geblieben?“

Ich brauchte keine weitere Aufforderung.

Ich schob einen Arm vorsichtig unter ihren Hals und zog sie mit der anderen Hand an mich. Unsere Lippen fanden sich erneut, und diesmal ließ ich mich ganz auf den Augenblick ein. Der Kuss wurde leidenschaftlicher, unsere Bewegungen vertrauter. Als ihre Zunge meine berührte, erwiderte ich das Spiel, ohne noch darüber nachzudenken, was ich als Nächstes tun sollte.

Ich fragte mich flüchtig, ob ihr eigentlich bewusst war, was sie mit mir anstellte.

Meine Hand glitt an ihrer Seite entlang und fand ihren Rücken, bevor ich sie näher an mich zog. Amaya war inzwischen damit beschäftigt, die Knöpfe meines Hemdes zu öffnen. Als ihre Hände über meine Brust strichen, beschleunigte sich mein Herzschlag spürbar.

Ich küsste sie immer wieder, als könnte ich mich an dieser Nähe nicht sattsehen oder fühlen. Für eine Weile gab es nichts anderes als ihre Wärme, ihren Atem und das leise Rascheln des Stoffes, während wir uns näherkamen.

Dann stöhnte sie plötzlich auf.

Ich löste mich sofort von ihr und sah sie erschrocken an.

„Habe ich dir wehgetan?“

Amaya blinzelte. Für einen Augenblick schien meine Frage sie völlig aus dem Konzept zu bringen. Dann schüttelte sie den Kopf.

„Was? Nein.“ Ihr Atem ging noch immer unregelmäßig. „Du hast mir nicht wehgetan.“

Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass meine Sorge unbegründet war. Erst dann bemerkte ich die Wärme, die mir bis in den Nacken stieg.

„Ich … wusste nicht, wie ich das Geräusch sonst deuten sollte.“

Ein leises, verstehendes „Ah“ kam über ihre Lippen. Ihr Blick wurde weicher, und ein kleines Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.

„Nein, Gaara. Das war das genaue Gegenteil von Wehtun.“

„Gut.“ Ich hielt ihren Blick fest, nun wieder ernst. „Aber du sagst mir, wenn es dir zu viel wird. Ganz gleich, wann. Du musst nicht weitermachen, nur weil du es eben noch wolltest.“

Ihr Lächeln wurde wärmer. „Das werde ich.“

Sie beugte sich zu mir, die Hände bereits wieder an meinem Kragen, doch diesmal hielt ich sanft inne, bevor sich unsere Lippen berühren konnten.

„Kann ich mich kurz umziehen?“, murmelte ich.

Sie blinzelte, als müsste sie sich erst wieder daran erinnern, dass wir uns in einem Schlafzimmer befanden und es noch andere Dinge gab als Küssen. Dann lächelte sie.

„Natürlich.“

Ich stand auf, nahm meine Schlafkleidung vom Stuhl und verschwand ins Bad. Dort tauschte ich das steife Hemd und die enge Hose gegen ein schlichtes T-Shirt und meine Pyjamahose. Als ich wenig später zurückkam, lag Amaya noch immer auf dem Bett.

Ihr Blick wanderte langsam über mich, und ein Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus.

„Das“, sagte sie, „ist ein ganz anderer Anblick als deine Kazekage-Kleidung.“

Ich blieb am Bettrand stehen. „Gefällt er dir weniger?“

„Im Gegenteil.“ Sie streckte mir auffordernd die Hand entgegen. „Sogar sehr.“

Ich musste lächeln, während ich um das Bett herumging. Dann schlug ich die Decke zurück und legte mich neben sie. Kaum hatte ich mich hingelegt, rückte sie näher, und ich zog sie behutsam an mich. Wir verschwanden gemeinsam unter dem weichen Stoff, der sich warm über uns legte.

Amaya schmiegte den Kopf an meine Brust und legte ein Bein über meines, als wollte sie jede unnötige Distanz zwischen uns beseitigen. Ihre Finger wanderten gedankenverloren über meinen Arm und zeichneten kaum spürbare Linien auf meine Haut. Trotz der Leichtigkeit ihrer Berührungen hinterließen sie ein feines Kribbeln.

Ich spielte mit ihren Haaren, ließ sie durch meine Finger gleiten und lauschte ihrem ruhiger werdenden Atem.

„Ich könnte so einschlafen“, murmelte sie schließlich. Ihre Stimme klang bereits schwer vom Schlaf.

„Dann schlaf.“

Ich beugte mich vor und küsste sie sanft auf den Haaransatz.

Es dauerte nur wenige Minuten, bis sie eingeschlafen war. Ihr Atem ging ruhig gegen meine Brust.

Ich blieb still liegen und betrachtete sie. Die gleichmäßige Bewegung ihrer Schultern, die entspannten Züge, das Gewicht ihres Körpers an meiner Seite.

Es war seltsam, dass ausgerechnet dieser einfache Moment. Sie hier zu halten, nichts weiter, mehr Frieden in mir auslöste als jede Verhandlung, jeder gewonnene Kampf.

Ich begann zu verstehen, warum Küssen für andere Menschen offenbar so viel bedeutete. Warum Kankurō und all die anderen so viele Worte dafür fanden, warum Lieder und Geschichten sich immer wieder um Berührungen, Nähe und Liebe drehten.

Es ging nicht nur um den Kuss selbst.

Es ging darum, was danach blieb.

Die Wärme eines anderen Menschen. Das Vertrauen, das darin lag, sich aneinanderzuschmiegen und die Augen zu schließen. Dass es genügte, da zu sein.

Amaya hatte mir nie versprochen, dass es mit ihr einfach werden würde.

Aber ich konnte an ihrer Seite bleiben, während sie ihren Weg fand.

Und während ich sie im Schlaf vorsichtig näher an mich zog, wurde mir klar, dass ich mich in diesem Augenblick an keinem anderen Ort befinden wollte.

Nicht im Kazekage-Büro. Nicht in einem Konferenzraum. Nicht einmal an einem Ort, an dem alle Probleme bereits gelöst waren.

Hier. Mit ihr. Das war genug.