Von Suna nach Konoha (Gaaras Sicht)
Von Suna nach Konoha (Gaaras Sicht)
Es war später Nachmittag, als es an meiner Bürotür klopfte. Das Licht fiel bereits schräg durch die schmalen Fenster, tauchte die Aktenstapel auf meinem Schreibtisch in ein müdes Goldbraun.
Temari und ich blickten gleichzeitig von unseren Unterlagen auf.
„Herein.“
Baki trat ein und verbeugte sich leicht.
„Kazekage, Amaya Doragon aus Konoha ist eingetroffen.“
Hinter ihm betrat eine junge Frau den Raum.
Mein Blick glitt zunächst flüchtig über sie, wie es bei jedem neuen Besucher üblich war. Langes braunes Haar, zu einem hohen Zopf gebunden, der im Licht der Nachmittagssonne fast kupfern schimmerte. Ihre Haltung war aufrecht, ihr Auftreten ruhig.
Dann sah ich ihre Augen.
Gold.
Ein ungewöhnlich klares Gold, wie die Sonne selber oder eher wie die Sterne am Firmament
Ich betrachtet ihre Augen einen Moment länger, als nötig gewesen wäre.
Warum mir ausgerechnet das auffiel, wusste ich nicht. Es war für meine Aufgabe bedeutungslos. Augenfarbe sagte nichts über die Fähigkeiten eines Shinobi aus, ebenso wenig über dessen Absichten.
Trotzdem blieb ich daran hängen.
Noch merkwürdiger war das Gefühl, das ihre Anwesenheit in mir auslöste. Eine seltsame Vertrautheit, die ich nicht zuordnen konnte. Als hätte ich sie schon einmal gesehen, obwohl ich sicher war, dass wir uns nie begegnet waren.
Ich suchte in meiner Erinnerung nach einem möglichen Anhaltspunkt. Ohne Erfolg.
Vermutlich war es nichts weiter als eine flüchtige Ähnlichkeit mit jemandem, den ich einmal getroffen hatte.
Ich ließ den Gedanken fallen.
Die Frau trat höflich vor und verbeugte sich leicht.
„Es freut mich, Sie kennenzulernen. Tsunade hat mich geschickt, um Sie nach Konoha zu begleiten."
Sie lächelte kurz. Es war eine höfliche Geste, nicht mehr. Ihr Blick blieb kühl und professionell, ihre Haltung verriet keine Unsicherheit. Ich kannte diese Art von Zurückhaltung. Menschen konnten aus den unterschiedlichsten Gründen eine solche Distanz wahren.
Bei ihr konnte ich es noch nicht beurteilen, welche Art ihre Fassade entsprach.
Ich fragte mich kurz, ob ihr das immer so leichtfiel oder ob sie sich bewusst darum bemühte.
Dann wandte ich mich wieder der Mission zu.
Ich stellte ihr Temari vor und erklärte den Ablauf unserer Reise. Amaya hörte aufmerksam zu. Sie unterbrach mich nicht, stellte keine unnötigen Fragen und schien sich jedes Detail einzuprägen.
„Wann brechen wir auf?" fragte sie sachlich.
„Im Morgengrauen. Temari zeigt dir dein Zimmer."
Meine Schwester erhob sich und bedeutete Amaya, ihr zu folgen. Die beiden verließen das Büro, ohne dass das Gespräch länger dauerte als nötig.
Ich wandte mich wieder meinen Unterlagen zu. Zumindest hatte ich das vor.
Mein Blick glitt noch einmal zur Tür. Sie war längst geschlossen. Im Flur waren ihre Schritte bereits verstummt.
Ich sah einen Augenblick länger hin, als es einen Grund dafür gab.
Dann senkte ich den Blick auf den Bericht vor mir.
Eine Jōnin aus Konoha. Eine gemeinsame Mission. Mehr musste mich vorerst nicht beschäftigen. Ich nahm die Feder wieder auf und setzte meine Arbeit fort.
---
Am nächsten Morgen warteten Temari und Amaya bereits am Tor, als Kankurō und ich dazukamen. Die Luft war noch kühl. Sie roch nach Sand und dem frischen Wind, der kurz vor Sonnenaufgang durch die Straßen zog.
Amaya trug dieselbe rote Weste wie am Vortag, den Reißverschluss halb geöffnet. Darunter lag eine schwarze Bluse mit weiten Ärmeln. An ihrem Hüftgürtel hing ein Degen mit kunstvoll verschlungenem Griff. Die erdbraune Kniebundhose und die leichten schwarzen Sandalen verliehen ihr ein praktisches, beinahe elegantes Aussehen.
Wir begrüßten uns kurz und machten uns auf den Weg.
Schon nach kurzer Zeit fiel mir auf, wie gut Temari und Amaya miteinander auskamen.
Sie unterhielten sich, lachten und wechselten Bemerkungen, denen ich nicht immer folgen konnte. Es wirkte mühelos. Als hätten sie sich nicht erst gestern kennengelernt, sondern schon lange gewusst, wie die andere dachte.
Ich hatte Amaya bisher als höflich, beherrscht und ausgesprochen professionell erlebt. Bei Temari schien diese Zurückhaltung zumindest teilweise zu verschwinden.
Ihr Lachen klang anders als das kurze, höfliche Lächeln vom Vortag. Unbeschwerter. Echter.
Ich fragte mich, ob sie sich bei jedem so verhielt, den sie mochte, oder ob Temari einfach eine Art hatte, Menschen schnell für sich zu gewinnen.
„Sag mal, Brüderchen …“ Kankurō stieß mich mit dem Ellbogen an. „Glaubst du, ich hätte eine Chance bei ihr?“
Ich sah ihn warnend an.
Er grinste, als hätte ich ihm damit bereits eine Antwort gegeben, und setzte zu einem seiner üblichen, wenig überzeugenden Flirtversuche an.
Amaya schenkte ihm einen einzigen kühlen Blick.
Kankurō verstummte.
Ich wandte mich wieder nach vorn. Ein Kommentar war unnötig.
Der Rest des Tages verlief ohne größere Zwischenfälle.
Als die Nacht hereinbrach, schlugen wir unser Lager auf. Die Wüste verlor ihre Tageswärme schneller, als man es ihr zugetraut hätte und über uns spannte sich ein Himmel, so klar und weit, dass die Sterne wie Nadeln aus Silber wirkten.
Amaya übernahm die erste Wache.
Temari und Kankurō schliefen bereits, ihre Atemzüge ruhig im Rhythmus der Nacht, während ich noch eine Weile liegen blieb und in die Dunkelheit sah.
Der Schlaf wollte sich nicht einstellen.
Schließlich gab ich es auf, stand leise auf und setzte mich ans Feuer, dessen Wärme sich wohltuend gegen die Kühle der Nacht stemmte.
Amaya bemerkte mich sofort. Sie saß auf der anderen Seite der Flammen und stocherte mit einem Ast in der Glut.
„Könnt Ihr nicht schlafen?“, fragte sie, ohne aufzusehen.
„Nein.“ Ich setzte mich bequemer hin. „Und du kannst mich ruhig duzen.“
Der Ast hielt für einen Moment inne.
Sie hob den Blick nur leicht.
„Mein Rang erlaubt es mir nicht, den Kazekage zu duzen.“
„Ich habe es dir erlaubt.“
„Das ändert nichts an meinem Rang.“
Ihre Antwort kam ruhig und ohne jede Schärfe. Sie widersprach mir nicht aus Trotz. Für sie schien die Sache schlicht festzustehen.
Ich schwieg einen Moment.
Die meisten Menschen reagierten anders, wenn ich ihnen etwas gestattete. Manche wurden übertrieben vorsichtig, andere versuchten, mir zu gefallen. Amaya hingegen hielt an ihrer eigenen Einschätzung fest, als wäre mein Titel für sie Grund genug, eine bestimmte Grenze nicht zu überschreiten.
Das war ungewöhnlich.
„Du nimmst deine Aufgabe ernst“, stellte ich fest.
„Dafür wurde ich hergeschickt.“
Sie wandte sich wieder dem Feuer zu.
Ich beobachtete, wie das Holz in den Flammen knackte und kleine Funken in die Dunkelheit stiegen. Sie drängte sich nicht in das Gespräch, stellte keine Fragen, nur um die Stille zu füllen, und schien auch nicht das Bedürfnis zu haben, mich zu unterhalten.
Trotzdem empfand ich ihre Anwesenheit nicht als störend.
Im Gegenteil. Die Stille zwischen uns war angenehm. Ich musste nichts erklären und nichts darstellen. Für einen kurzen Moment konnte ich einfach am Feuer sitzen, ohne dass jemand etwas von mir verlangte.
Ich wusste nicht, warum mir das ausgerechnet bei einer Frau auffiel, die ich kaum kannte.
Vielleicht lag es daran, dass sie mich nicht anders behandelte, nur weil ich mit ihr allein am Feuer saß.
Ich richtete den Blick auf die Glut.
„Wie lange bist du schon Jōnin?“, fragte ich schließlich.
Amaya sah zu mir auf.
Und zum ersten Mal seit ihrer Ankunft hatte ich das Gefühl, dass unser Gespräch vielleicht länger dauern könnte als nötig.
„Seit drei Jahren“, antwortete sie.
Ich sah sie einen Moment länger an.
Drei Jahre. Nach den Informationen, die Tsunade mir geschickt hatte, musste Amaya bereits mit fünfzehn zum Jōnin ernannt worden sein. Eine ungewöhnlich frühe Beförderung. Allerdings hatte ich nach unserem bisherigen Gespräch keinen Grund, an ihren Fähigkeiten zu zweifeln.
„Du bist früh befördert worden“, stellte ich fest.
„Ich hatte gute Lehrer.“
Sie sagte es ohne Stolz, beinahe beiläufig, als wäre damit alles erklärt. Ich fragte mich, ob sie ihre Leistungen grundsätzlich so wenig hervorhob oder ob sie schlicht kein Bedürfnis hatte, sich vor mir zu rechtfertigen.
Das Gespräch verstummte wieder.
Ich ertappte mich dabei, sie erneut anzusehen. Das Feuer flackerte zwischen uns und warf wechselnde Schatten über ihre Gesichtszüge. Im warmen Licht wirkte ihr Ausdruck weicher als am Tag, doch die aufmerksame Ruhe in ihren Augen war geblieben.
Als sie den Kopf leicht bewegte, wandte ich den Blick rasch ab.
„Missfällt Ihnen meine Anwesenheit?“, fragte sie plötzlich.
Ich sah überrascht zu ihr zurück.
„Nein. Erwecke ich diesen Eindruck?“
„Sie beobachten mich seit heute Morgen.“ Sie legte den Ast beiseite und sah mich nun direkt an. „Ich würde es verstehen, wenn Sie sich mit Begleitschutz unwohl fühlen. Den besten Schutz bietet man sich immer selbst.“
Tsunade hatte nicht übertrieben. Amaya entging wenig. Vielleicht sogar weniger, als mir lieb war.
„Das ist nicht der Grund“, erwiderte ich.
Sie schien auf eine weitere Erklärung zu warten, doch ich war mir selbst nicht sicher, wie ich es formulieren sollte. Ich hatte sie beobachtet, weil mir etwas an ihr bekannt vorkam. Weil ich dieses Gefühl seit unserer ersten Begegnung nicht hatte abschütteln können.
„Amaya … kann es sein, dass wir uns schon einmal begegnet sind?“
Sie neigte leicht den Kopf.
„Dein Gesicht kommt mir bekannt vor“, fügte ich hinzu.
Zum ersten Mal lächelte sie wirklich. Nicht das kurze, höfliche Lächeln vom Vortag, sondern eines, das den kühlen Ausdruck aus ihrem Gesicht verschwinden ließ. Es hielt nur einen Herzschlag lang an, veränderte aber ihren gesamten Ausdruck.
„Vielleicht sagt Ihnen die Chūnin-Auswahlprüfung etwas.“
Die Erinnerung traf mich unvermittelt.
Natürlich.
Diese Kämpfe.
Ich hatte viele der Teilnehmer längst vergessen. Einzelne Gesichter waren geblieben, manche Techniken, manche Entscheidungen. Doch an ihren Kampf erinnerte ich mich deutlicher, als ich erwartet hätte.
Eine kleine, schmächtige Genin, die ihrem deutlich größeren Gegner immer Leichtigkeit auswich und ihn mit präzisen Bewegungen ins Leere laufen ließ. Sie hatte nicht versucht, seine Kraft mit ihrer eigenen zu übertreffen. Stattdessen hatte sie seine Größe und seine Ungeduld gegen ihn eingesetzt.
Dann dieser eine Moment.
Ihr Arm hatte aufgeleuchtet, als sie die wuchtige Keule ihres Gegners mit bloßer Hand aufhielt
Wind, Kraft, Entschlossenheit.
Doch was mir am meisten im Gedächtnis geblieben war, war nicht ihre Stärke. Es war die Art, wie sie kämpfte. Kein unnötiger Angriff, keine verschwendete Bewegung. Hinter jeder Entscheidung steckte ein Plan.
Damals war sie eine Genin gewesen.
Jetzt saß sie mir als Jōnin aus Konoha gegenüber, als wäre zwischen diesen beiden Begegnungen kaum etwas Besonderes geschehen.
Ich betrachtete sie erneut, diesmal mit einem anderen Verständnis.
„Du warst das“, sagte ich schließlich.
Ihr Lächeln kehrte schwach zurück. „Sie erinnern sich also.“
„An deinen Kampf.“ Ich hielt kurz inne. „Er war bemerkenswert.“
Amaya senkte den Blick. Das schwache Lächeln verschwand, und für einen Moment war wieder jener zurückhaltende Ausdruck auf ihrem Gesicht, den sie mir schon bei unserer ersten Begegnung gezeigt hatte.
Mein Blick wanderte zu ihrem rechten Arm. Der lange Ärmel verbarg ihn bis zum Handgelenk. Während ihres Kampfes damals hatte ich gesehen, wie sich ihre Kraft verändert hatte. Doch ich wusste nicht, ob das, was ich in Erinnerung hatte, mit dem zu tun hatte, was sie heute vor mir verbarg.
Ich hätte fragen können. Stattdessen zögerte ich.
Sie bemerkte meinen Blick, sagte aber nichts.
Vielleicht war es gerade diese Zurückhaltung, die mich dazu brachte, etwas auszusprechen, das ich vorher nicht geplant hatte.
Ich sah auf ihren rechten Arm, verborgen unter dem langen Ärmel.
„Amaya… ich vertraue dir“, sagte ich schließlich.
Sie sah mich an, kühl, aber nicht unfreundlich.
„Als Kage sollten Sie niemandem zu schnell vertrauen. Auch nicht mir.“
Ihre Worte trafen härter, als sie sollten.
Warum hatte ich etwas anderes erwartet?
„So meinte ich das nicht“, versuchte ich zu korrigieren.
„Wie dann?“, fragte sie ruhig.
Ich wusste es selbst nicht. Also stand ich auf.
„Ich lege mich hin. Gute Nacht, Amaya.“
„Gute Nacht“, murmelte sie, ohne vom Feuer aufzusehen.
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Im Morgengrauen setzten wir unsere Reise fort. Der Himmel färbte sich blassrosa, während der Sand allmählich lockerem Gestrüpp wich und wir die Grenze meines Landes überquerten.
Um nach Konoha zu gelangen, mussten wir das Land der Flüsse durchqueren. Der Wald war eine willkommene Abwechslung zur Wüste. Die Luft war kühl und roch nach feuchter Erde und frischem Wasser. Breite Flüsse durchzogen unseren Weg, ihr Rauschen laut und beständig. Über uns zwitscherten unzählige Vögel.
Wer an die Stille der Wüste gewöhnt war, vergaß leicht, wie laut die Natur sein konnte.
Wie schon am Vortag lief Amaya mit Temari voraus. Die beiden unterhielten sich ungezwungen und lachten hin und wieder. Amaya wirkte entspannt, beinahe unbekümmert.
Bei mir war sie wieder anders. Distanziert. Höflich. Professionell.
Ich beneidete meine Schwester ein wenig um diese Leichtigkeit, mit der sie mit Amaya umging.
Warum behandelte Amaya uns so unterschiedlich? Es störte mich, dass sie mir gegenüber eine solche Distanz wahrte, obwohl wir gemeinsam unterwegs waren. Schließlich gab es keinen Grund, mich anders zu behandeln als Temari oder Kankurō.
„Sag mal, Gaara“, begann Temari plötzlich neben mir, „kann es sein, dass dir Amaya gefällt?“
„Unsinn“, antwortete ich sofort.
„Ach ja? Und warum schaust du sie dann ständig so verträumt an?“
Ich verstand bis heute nicht, wie meine Schwester aus den belanglosesten Beobachtungen solche Schlussfolgerungen ziehen konnte.
„Ich habe nachgedacht“, widersprach ich. Vielleicht etwas zu schnell.
Temari grinste breit. Natürlich ließ sie es damit nicht gut sein.
„Du schaust wie Kankurō, wenn er versucht, eine Frau zu beeindrucken. Ich sollte mir überlegen, was ich da tun kann …“
„Nein, Temari. Ich warne dich.“
Ein dumpfer Schlag unterbrach mich.
Wir blieben stehen und drehten uns um.
Kankurō lag bäuchlings auf dem Waldboden. Sein Gesicht war schmerzverzerrt, die Kopfbedeckung verrutscht. Amaya stand neben ihm und hielt seinen Arm auf seinem Rücken fixiert. Mit dem Fuß hielt sie ihn am Boden, während die Spitze ihres gezogenen Degens leicht gegen seine Wange drückte.
Ich war bereits im Begriff einzugreifen, hielt jedoch inne. Temari neben mir tat dasselbe.
„Wenn du mich noch ein einziges Mal ungefragt anfasst“, sagte Amaya ruhig, aber mit einer Schärfe, die keinen Zweifel an ihrem Ernst ließ, „ritze ich dir ein Muster ins Gesicht. Eines, bei dem dich keine Frau je wieder ansehen will. Verstanden?“
Kankurō nickte hastig. Er versuchte, sein Gesicht von der Klinge wegzubewegen, doch Amaya folgte seiner Bewegung mühelos.
Dann ließ sie den Degen mit einer fließenden Bewegung in die Scheide gleiten und gab seinen Arm frei.
„Dann sind wir uns ja einig.“
Nüchterner hätte sie es kaum sagen können.
Kankurō rappelte sich auf und klopfte sich den Schmutz von der Kleidung. Sein Gesichtsausdruck erinnerte mich an früher, wenn Temari ihn dazu aufgefordert hatte, endlich seine Puppen vom Tisch zu räumen. Grenzen waren für meinen Bruder offenbar nur Hindernisse, die darauf warteten, überwunden zu werden.
Bei Amaya hatte er sich allerdings die falsche ausgesucht.
Für den Rest des Tages blieb er auffällig dicht an meiner Seite.
Ich musste mir ein Lachen verkneifen. Er hatte es verdient. Und ich war erleichtert.
Der Gedanke kam unerwartet, und ich versuchte zunächst, ihn zu ignorieren. Es war schließlich nicht meine Angelegenheit, für wen sich Amaya interessierte. Trotzdem gefiel mir die Vorstellung nicht besonders, dass Kankurō bei ihr Erfolg haben könnte.
Warum eigentlich?
Vielleicht hatte sie bereits einen Freund. Vielleicht war sie einfach vorsichtig. Oder sie wollte grundsätzlich Abstand zu Männern halten, die ihr zu nahe kamen.
Ich kannte sie kaum. Es gab keinen vernünftigen Grund, über solche Dinge nachzudenken.
Als Kazekage hatte ich wichtigere Aufgaben. Das bevorstehende Treffen in Konoha beispielsweise. Oder die Frage, wie sich die Jōnin-Prüfungen in Zukunft verbessern ließen.
Trotzdem kehrten meine Gedanken immer wieder zu ihr zurück.
Amaya war mir ein Rätsel. Und je länger wir miteinander unterwegs waren, desto weniger schien ich darüber zu wissen, wie ich sie einschätzen sollte.
Wir kamen schneller voran, als ich erwartet hatte. Die schwere, drückende Hitze, die uns in der Wüste regelmäßig ausgebremst hatte, war verschwunden. Stattdessen umgab uns eine feuchte Kühle, die das Atmen erleichterte.
Selbst Kankurō, der sich sonst gern über jede Anstrengung beschwerte, schien den Wechsel zu genießen. Sein Schritt wurde unmerklich schneller.
Temari und Amaya waren unterdessen wieder in ein Gespräch vertieft, als wäre nichts geschehen.
Ich wandte den Blick nach vorn.
Es wäre vernünftiger, mich auf die Reise zu konzentrieren.
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Am Abend machten wir in Hacho halt, dem ersten Dorf im Feuerreich.
Der Speiseraum unserer Unterkunft war klein, aber gemütlich. An den Holztischen saßen bereits einige andere Reisende, und aus der Küche drang der Duft von gebratenem Fisch und frisch gekochtem Reis.
Wir suchten uns einen Tisch am Rand. Ich setzte mich Amaya gegenüber, während Temari neben ihr und Kankurō neben mir Platz nahm. Kurz darauf brachte uns eine Bedienung Schalen mit dampfendem Reis, gegrilltem Gemüse und Fisch.
„Wie lange ist es her, dass wir zuletzt hier waren?“, fragte Temari, während sie sich Reis in ihre Schale füllte. „Ein halbes Jahr?“
„Ungefähr“, antwortete Kankurō mit bereits halbvollem Mund. „Damals hast du die Sicherheit der Handelsroute zum Feuerreich mitorganisiert.“
„Das Dorf hat sich kaum verändert“, stellte Temari fest und ließ den Blick durch den Raum wandern.
Dann wandte sie sich an Amaya. „Wie ist es für dich, wieder hier zu sein? Du bist schließlich im Feuerreich aufgewachsen.“
„In den letzten fünf Jahren hat sich einiges getan“, antwortete Amaya. „Besonders das Reisen ist sicherer geworden.“
„Bist du viel gereist?“, fragte ich.
„Ja. Ich habe einiges gesehen.“
Ihre Antwort war höflich, aber knapp. Sie schien nicht die Absicht zu haben, das Thema von sich aus zu vertiefen.
„Und ihr?“, fragte sie stattdessen. „Ich kann mir vorstellen, dass man als Kage viel herumkommt.“
„Schön wär's“, sagte Kankurō an meiner Stelle. „Abgesehen von der Strecke zwischen Konoha und Suna haben wir nicht besonders viel von der Welt gesehen.“
Er klang beinahe enttäuscht darüber.
„Wie kommt es, dass du so viel gesehen hast?“, fragte er weiter. Offenbar hatte er echtes Interesse an ihrer Antwort.
„Ich habe ein Jahr lang nichts anderes gemacht“, sagte Amaya schlicht.
Mehr fügte sie nicht hinzu.
„Ein ganzes Jahr?“ Temari sah überrascht aus. „Das ist eine lange Zeit, um allein unterwegs zu sein. Was haben deine Eltern dazu gesagt?“
Zum ersten Mal, seit wir uns an den Tisch gesetzt hatten, veränderte sich Amayas Gesichtsausdruck deutlich.
Es war nur eine kleine Veränderung. Ihre Lippen pressten sich kurz zusammen, und ihr Blick verlor für einen Moment seine gewohnte Klarheit. Doch ich bemerkte es.
„Ich habe keine Eltern mehr“, sagte sie schließlich. „Die beiden sind auf einer Mission gestorben, als ich zwölf war.“
Temaris Gesicht wurde sofort ernst.
„Oh. Das tut mir leid. Hätte ich das gewusst, hätte ich nicht gefragt.“
„Schon in Ordnung. Du konntest es nicht wissen.“
Amaya sprach ruhig. Sie schien Temari keinen Vorwurf zu machen, doch irgendetwas an ihrer Haltung hatte sich verändert. Ihre Schultern waren ein wenig angespannter, ihr Blick lag wieder auf ihrer Schale.
„Wir haben unsere Eltern auch früh verloren“, sagte Kankurō, offenbar bemüht, die Stimmung aufzulockern. „Willkommen im Club.“
Temari warf ihm einen kurzen Blick zu, sagte aber nichts.
„Danke“, erwiderte Amaya.
Sie lächelte leicht, doch das Lächeln erreichte ihre Augen nicht. Es war, als hätte sie mit ihrer Antwort eine Tür geschlossen, die sie uns nur für einen Augenblick geöffnet hatte.
Ich wusste, wie es war, wenn andere von einem Verlust erfuhren und plötzlich nicht mehr wussten, wie sie mit einem umgehen sollten. Die vorsichtigen Blicke, die ungeschickten Worte. Manchmal war Schweigen leichter.
Temari schien das ebenfalls zu verstehen. Sie ließ das Thema fallen und wandte sich wieder Amaya zu.
„Sag mal, hast du vielleicht Lust, in Konoha mit mir einkaufen zu gehen? Ich wollte ein paar Dinge besorgen, die man nur dort bekommt.“
Es war ein offensichtlicher Versuch, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken.
„Gerne“, antwortete Amaya.
Ein kleines, höfliches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, bevor sie sich wieder ihrem Essen widmete.
Ich betrachtete sie einen Moment länger, als ich sollte.
Was hatte sie in diesem einen Jahr erlebt? Sie war damals erst zwölf Vielleicht dreizehn gewesen. Ein Jahr allein unterwegs, nachdem sie ihre Eltern verloren hatte. Ich wusste nicht, ob sie die Reise aus freien Stücken unternommen hatte oder ob es dafür andere Gründe gab. Ebenso wenig wusste ich, warum sie so wenig darüber erzählte.
Ich hätte sie fragen können.
Doch nach ihrer Reaktion zu urteilen, hätte sie mir vermutlich nicht geantwortet.
Es gab noch so viele Länder, die ich nie gesehen hatte. Orte, von denen ich nur Berichte gelesen hatte, Landschaften, die ich mir kaum vorstellen konnte. Amaya hatte einen Teil dieser Welt mit eigenen Augen gesehen.
Ich fragte mich, welche Orte ihr in Erinnerung geblieben waren.
Und warum sie ausgerechnet darüber so wenig erzählte.
Nach dem Essen stellten wir unsere Schalen zusammen. Die Anstrengungen des Tages machten sich langsam bemerkbar, und keiner von uns hatte noch viel Lust, lange sitzen zu bleiben.
„Ich gehe dann mal nach oben“, sagte Temari und unterdrückte ein Gähnen. „Kommst du, Amaya?“
„Gleich. Ich wollte nur noch kurz frische Luft schnappen.“
Temari nickte und verschwand die schmale Treppe hinauf. Kankurō streckte sich ausgiebig.
„Ich bin auch fertig für heute. Gute Nacht, ihr beiden.“
Er folgte meiner Schwester, ohne auf eine Antwort zu warten.
Erst als seine Schritte auf der Treppe verklungen waren, bemerkte ich, dass ich mit Amaya allein am Tisch saß.
Für einen Moment wusste ich nicht, was ich sagen sollte.
Ich hätte sie nach ihrer Reise fragen können. Oder nach ihrem Kampf bei der Chūnin-Auswahlprüfung. Beides wären vernünftige Gesprächsthemen gewesen. Doch nach dem Abendessen schien es mir unpassend, erneut nach etwas zu fragen, das sie offensichtlich für sich behalten wollte.
Während ich noch überlegte, stand sie auf.
„Gute Nacht, Lord Gaara“, sagte sie.
Die vertraute Höflichkeit lag wieder in ihrer Stimme. Zwischen uns blieb dieselbe Distanz wie zuvor.
„Gute Nacht“, erwiderte ich.
Sie ging hinaus in die kühle Abendluft, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Ich blieb noch einen Moment am Tisch sitzen. Dann stand auch ich auf und machte mich auf den Weg in unser Zimmer.
Kankurō war bereits halb ausgezogen und ließ sich gerade auf sein Futon fallen.
„Sie ist schon ein seltsamer Begleitschutz“, murmelte er, während er sich die Decke über die Schultern zog. „Aber ganz sympathisch.“
Ich antwortete nicht und legte mich auf mein eigenes Futon.
Die Decke über mir war schlicht, das Zimmer still. Von draußen drangen gedämpfte Stimmen und gelegentlich Schritte aus dem Flur herein.
Ich schloss die Augen.
Trotzdem dachte ich noch immer an Amaya. An die Veränderung in ihrem Gesicht, als Temari nach ihren Eltern gefragt hatte. An die Art, wie sie das Gespräch anschließend beendet hatte, ohne jemanden vor den Kopf zu stoßen.
Ich kannte ihre Fähigkeiten. Ich wusste, dass sie eine ungewöhnlich früh ernannte Jōnin war und dass sie bei der Chūnin-Auswahlprüfung einen bleibenden Eindruck hinterlassen hatte.
Doch das sagte wenig darüber aus, wer sie außerhalb eines Kampfes war.
Vielleicht würde ich es mit der Zeit herausfinden.
Der Gedanke war vernünftig genug. Schließlich würden wir noch einige Tage miteinander reisen.
Ich drehte mich auf die Seite und versuchte einzuschlafen.
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Am nächsten Morgen brachen wir früh auf. Nur noch eine Etappe trennte uns von Konoha.
Der Wald lichtete sich allmählich, bis zwischen den Bäumen schließlich die vertrauten Umrisse der Stadtmauern auftauchten. Konoha lag vor uns, noch immer ein Stück entfernt, aber bereits deutlich zu erkennen.
„Fast geschafft“, sagte Temari erleichtert.
Ich ließ den Blick über die Mauern wandern und rechnete im Kopf durch, was uns in den nächsten Tagen erwartete. Wenn das Treffen ohne Zwischenfälle verlief, konnten wir in drei Tagen wieder aufbrechen. Es gab keinen Grund, länger als nötig zu bleiben.
Mein Blick glitt zu Amaya.
Sie lief schweigend neben mir her. Ihr Gesicht war der Stadt zugewandt, und an ihrer Haltung ließ sich nicht erkennen, was sie dachte. Seit unserem Aufbruch hatte sie sich mir gegenüber kaum verändert. Sie war höflich, aufmerksam und hielt sich an ihre Aufgabe. Mehr hatte ich nicht von ihr verlangen können.
Trotzdem störte mich etwas daran.
Ich verstand nicht, warum ich immer wieder versuchte, ein Gespräch mit ihr zu beginnen, nur um mich kurz darauf zu fragen, weshalb sie so zurückhaltend war. Bei anderen Menschen war mir ihre Distanz gleichgültig. Ich akzeptierte sie, solange sie ihre Arbeit erledigten und mir keinen Anlass gab, an ihrer Zuverlässigkeit zu zweifeln.
Bei Amaya schien mir das nicht zu genügen.
Vielleicht lag es daran, dass sie mit Temari so ungezwungen sprechen konnte. Vielleicht störte mich auch, dass sie mich offenbar anders einschätzte als die anderen. Ich wusste es nicht.
Ich wandte den Blick wieder nach vorn.
Wir würden noch einige Tage miteinander verbringen. Danach kehrte jeder an seinen Platz zurück, und unsere Wege würden sich vermutlich für längere Zeit trennen. Es gab keinen Grund, aus ihrer Zurückhaltung eine größere Sache zu machen.
Doch selbst als wir das Tor von Konoha erreichten, ließ mich eine Frage nicht los:
Warum fiel es mir so schwer, sie auf Abstand zu halten, während es ihr so leichtfiel, Abstand zu mir zu wahren?