Sechs auf einen Streich (Amaya's Sicht)
Sechs auf einen Streich (Amaya's Sicht)
Ein kitzelndes Gefühl holte mich aus dem angenehmsten Schlaf, den ich seit Wochen gehabt hatte.
Ich blinzelte verschlafen und brauchte einen Moment, um zu begreifen, woher es kam. Gaara lag dicht neben mir und schlief tief und fest. Sein Arm ruhte um mich, sein Gesicht war meinem so nah, dass ich seinen warmen Atem auf meiner Haut spürte.
Ein leises Seufzen entwich mir, während ich mich unwillkürlich näher an ihn kuschelte.
Im Schlaf wirkte er anders. Weicher. Entspannter. Die sonst so kontrollierten Züge seines Gesichts waren vollkommen gelöst, und nichts erinnerte an den Kazekage. Ich betrachtete die feinen Linien um seine Augen, den Schwung seiner Nase und seine leicht geöffneten Lippen.
Am liebsten hätte ich ihn berührt.
Nicht nur sein Gesicht. Ich wollte mit den Fingerspitzen über seine Wange streichen, durch sein Haar fahren und ihn küssen. Immer wieder.
Der Gedanke kam so selbstverständlich, dass ich ihn erst einen Augenblick später wirklich bemerkte.
Ich schloss kurz die Augen.
Was macht dieser Mann nur mit mir?
Gaara gab ein tiefes, beinahe summendes Geräusch von sich und rückte noch ein wenig näher. Seine roten Haarsträhnen kitzelten meine Stirn.
Ich musste lächeln.
Eigentlich sollte ich ihn wecken. Er hatte eine Sitzung mit dem Ältestenrat den ganzen Vormittag. Andererseits schlief er so selten lange genug, dass es mir beinahe falsch vorkam, ihn ausgerechnet jetzt aus diesem friedlichen Zustand zu reißen.
Vielleicht sollte ich ihn einfach schlafen lassen.
Ich wusste inzwischen, wie wenig Ruhe er sich gönnte. Wie selbstverständlich er seine eigenen Bedürfnisse hinter die seines Dorfes stellte, als wäre es undenkbar, einmal etwas für sich selbst zu beanspruchen. Und jetzt lag er hier, warm und schwer an mich geschmiegt, vollkommen entspannt, ohne auch nur im Entferntesten daran zu denken, dass draußen jemand auf ihn warten könnte.
War es wirklich so schlimm, ihn ein wenig länger schlafen zu lassen?
Oder war ich einfach nur egoistisch, weil ich selbst nicht wollte, dass dieser Moment endete?
Ich schloss wieder die Augen.
„Gaara“, murmelte ich leise.
Seine Umarmung wurde augenblicklich ein wenig fester.
Mein Herz machte einen kleinen Satz.
Ich blieb reglos liegen und kostete das Gefühl noch ein wenig aus. Sein Geruch war mir inzwischen vertraut geworden: eine Mischung aus warmem Holz, Sand und diesem ganz eigenen Duft, den ich mittlerweile sofort mit ihm verband. Es war seltsam, wie schnell solche Kleinigkeiten zu etwas Vertrautem werden konnten.
Doch irgendwann meldete sich mein schlechtes Gewissen zurück.
Es war durchaus möglich, dass er tatsächlich aufstehen musste.
Schweren Herzens stupste ich ihn leicht an, so, wie ich es bei Luna tat, wenn sie sich partout nicht von ihrem Lieblingsplatz lösen wollte.
„Gaara?“
Er gab ein verschlafenes, fragendes Geräusch von sich und verlagerte sein Gewicht noch ein wenig mehr auf mich.
Ich presste die Lippen zusammen, um nicht laut loszulachen.
Ich hätte nie gedacht, dass der Kazekage so verschlafen sein konnte. Oder so schwer, wenn er sich im Schlaf offenbar dazu entschied, sämtliche Verantwortung für seine eigene Körperhaltung an mich abzugeben.
„Gaara … ich glaube, du hast eine Besprechung.“ Ich zögerte kurz und fügte dann möglichst beiläufig hinzu: „Aber ich zwinge dich nicht, hinzugehen.“
Insgeheim hoffte ich, dass er genau das tun würde, was ich ihm damit beinahe ausdrücklich erlaubte: liegen bleiben.
Er war so warm.
Als Antwort kam lediglich ein weiteres tiefes Summen. Ich spürte die Vibration davon an meiner Brust und musste erneut lächeln.
Offenbar hatte ich gerade gegen seinen Schlaf verloren.
Ein kleiner Teil von mir war damit vollkommen einverstanden. Mein Pflichtgefühl hingegen erinnerte mich daran, dass ich den Kazekage nicht einfach den halben Vormittag verschlafen lassen konnte, nur weil ich seine Gesellschaft genoss.
Also schob ich meine Hände vorsichtig zwischen uns und drückte ihn sanft von mir weg. Nicht genug, um ihn wirklich aus dem Schlaf zu reißen, nur so weit, dass er sich auf den Rücken drehte.
Er gab ein leises, unverständliches Geräusch von sich, ließ es aber geschehen.
Nun konnte ich ihn besser betrachten.
Im Schlaf wirkte er beinahe jünger. So friedlich, dass ich für einen Moment vergaß, dass dieser Mann normalerweise jeden Morgen mit dem Gewicht eines ganzen Dorfes auf den Schultern erwachte. Es war ein Anblick, den ich mir gern ein wenig länger bewahrt hätte.
Ich hob eine Hand und strich ihm ganz behutsam mit den Fingerspitzen über den Nasenrücken.
Nur eine kleine Berührung.
Gaara riss die Augen auf.
Sein Blick war sofort wach, scharf und alarmiert. Für den Bruchteil eines Herzschlags spannte sich sein ganzer Körper an, als hätte er vergessen, wo er war und was ihn geweckt hatte.
Ich zog meine Hand erschrocken zurück.
„Oh.“
Er blinzelte. Einmal. Dann noch einmal.
Sein Blick wanderte von meiner Hand zu meinem Gesicht. Langsam schien die Erinnerung zurückzukehren, und die Anspannung wich aus seinen Schultern.
„Amaya?“ Seine Stimme war rau vom Schlaf.
Ich musste mir ein Lachen verkneifen.
„Guten Morgen.“
Er sah mich noch einen Moment an, als müsste er erst herausfinden, warum ich so dicht bei ihm lag und weshalb ihn ausgerechnet eine sanfte Berührung über die Nase aus dem Schlaf gerissen hatte.
„Du hast mich erschreckt“, murmelte er.
„Das war nicht meine Absicht.“ Ich schenkte ihm mein unschuldigstes Lächeln.
Er betrachtete mich ruhig. „Du hast mir über die Nase gestrichen.“
„Ja.“
Eine kurze Pause entstand.
„Warum hast du das gemacht?“
Ich senkte den Blick auf meine Fingerspitzen. Plötzlich kam mir die Antwort persönlicher vor, als ich erwartet hatte.
„Mein Vater hat mich früher so geweckt.“ Ich führte meinen Zeigefinger über meinen eigenen Nasenrücken und zeichnete die Bewegung nach. „Ganz vorsichtig. Ich wusste immer sofort, dass er es war.“
Die Worte waren leiser herausgekommen, als ich beabsichtigt hatte.
Gaaras Gesicht wurde weicher. Er fragte nicht weiter nach meinem Vater. Vielleicht verstand er, dass ich gerade nicht mehr dazu sagen wollte.
Stattdessen schloss er für einen kurzen Moment die Augen.
„Dann sollte ich mich wohl daran gewöhnen“, murmelte er.
Ich musste lächeln.
„Woran?“
Er öffnete die Augen wieder und sah mich an.
„So geweckt zu werden.“
„Aber wenn du es nicht magst, mache ich das nicht bei dir.“
Er schwieg einen Moment. Dann hob er die Hand und strich mir mit der Fingerspitze langsam über den Nasenrücken.
Die Berührung war so vorsichtig, dass ich beinahe den Atem anhielt.
„Ich mag es“, sagte er leise.
Sein Finger verweilte noch einen Herzschlag auf meiner Haut, bevor er die Hand wieder sinken ließ.
„Dann weiß ich das jetzt“, murmelte ich.
Ein kaum sichtbares Lächeln erschien auf seinen Lippen.
„Gut.“
Wir sahen uns noch einen Moment an, ohne etwas zu sagen.
Ich betrachtete ihn und fand es einfach schön, ihn so zu sehen. Verschlafen, ungewohnt entspannt und noch weit entfernt von dem Mann, der sich sonst bereits beim Erwachen mit den Sorgen eines ganzen Dorfes beschäftigte.
Vielleicht war genau das der Grund, weshalb ich ihn noch ein wenig länger bei mir haben wollte. Nicht nur, weil ich seine Nähe genoss, sondern auch, weil es sich gut anfühlte, einmal einen Augenblick mit ihm zu teilen, in dem nichts von ihm verlangt wurde.
Ich richtete mich langsam auf. Er folgte meiner Bewegung mit den Augen.
„Was hast du vor?“
„Nichts.“
Er sah mich skeptisch an.
Ich grinste.
Dann ließ ich mich mit einem Satz auf ihn fallen.
„Amaya …“
Ein überraschter Laut entwich ihm, während ich mich lachend an ihn klammerte und mein Gesicht gegen seine Schulter drückte. Einen Augenblick später spürte ich, wie seine Arme sich um mich legten.
„Das ist also deine Art, jemanden zu wecken“, stellte er fest.
„Funktioniert doch.“
„Sehr überzeugend.“
Ich hob den Kopf und sah ihn an.
„Du bist wach.“
„Das kann ich nicht bestreiten.“
Ich grinste zufrieden und kuschelte mich wieder an ihn. Für einen Moment blieb alles ruhig, bis ich spürte, wie sich seine Arme etwas fester um mich schlossen.
Dann drehte er sich mit mir um. Langsam genug, dass ich mich nicht erschreckte, aber bestimmt genug, dass ich keine Gelegenheit hatte, mich dagegen zu wehren.
Einen Augenblick später lag ich auf dem Rücken, während er sich halb über mich stützte.
Sein Blick traf meinen. Auf seinen Lippen lag dieses kleine, verschlafene Lächeln, das ich inzwischen so sehr mochte.
Er strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht und beugte sich zu mir hinunter.
Sein Kuss kam sanft und ohne jede Eile. Seine Lippen bewegten sich spielerisch gegen meine, und bei seinen federleichten Berührungen lief mir ein angenehmer Schauer durch den Körper. Ich legte eine Hand an seine Wange und erwiderte den Kuss, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, wie spät es inzwischen sein mochte.
Es war ein langer, warmer Kuss.
Als er sich schließlich löste, blieb sein Gesicht noch einen Moment dicht vor meinem.
„Guten Morgen“, murmelte er.
Ich konnte nicht verhindern, dass ich lächelte.
„Guten Morgen.“
Er richtete sich ein wenig auf, und ich erkannte an seinem Blick, dass er vor hatte das Bett zu verlassen.
„Ich muss aufstehen.“
Ich verzog das Gesicht.
„Musst du wirklich?“
„Leider.“
Ein Seufzen entwich mir, und ich setzte mich ebenfalls auf. Die Decke rutschte mir von den Schultern, während ich mir die Haare aus dem Gesicht strich.
„Dann komme ich mit.“
Gaara sah mich kurz an.
„Du musst nicht.“
„Ich weiß.“ Ich stand auf und streckte mich vorsichtig. „Ich komme trotzdem.“
Ein kleines Lächeln erschien auf seinen Lippen.
Und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass er sich darüber genauso freute wie ich.
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Wir liefen gemeinsam durch die Gänge des Verwaltungsgebäudes. Gaara ging neben mir, wieder in seiner gewohnten Kagekleidung, die Haltung aufrecht, den Blick nach vorn gerichtet. Doch ich kannte ihn inzwischen gut genug, um zu erkennen, wann seine Gedanken bereits bei den Aufgaben lagen, die ihn erwarteten. Vermutlich ging er im Kopf schon die Berichte durch, die sich während seiner Abwesenheit angesammelt hatten.
Ich sprach ihn nicht darauf an. Stattdessen genoss ich die Ruhe des Morgens. Bald würde der Tag uns beide in unterschiedliche Richtungen führen, ihn zu seinen Pflichten und mich zu meinem alten Team, sofern diese mich auch sehen wollten.
Dann bog Matsuri um die Ecke.
Ihre Augen weiteten sich, als sie Gaara entdeckte. Ihr Gesicht hellte sich augenblicklich auf. Da war es wieder, dieses unverhohlene Leuchten in ihrem Blick, dieselbe Schwärmerei, die mir schon bei unserer ersten Begegnung aufgefallen war. Als hätte der Krieg nichts verändert. Als hätte es die vergangenen Monate nie gegeben.
„Gaara-sama!“ Ihre Stimme klang plötzlich deutlich fröhlicher, als sie vor uns stehen blieb. „Ich habe Sie schon länger nicht gesehen. Hatten Sie eine angenehme Heimreise?“
„Sie verlief ereignislos“, antwortete Gaara freundlich, wenn auch knapp. „Du wurdest mit dem ersten Trupp zurückgeschickt, richtig?“
„Ja. Wir sind schon vor knapp zwei Wochen angekommen.“ Sie nickte und wirkte sichtlich erfreut darüber, dass er sich daran erinnerte.
Die beiden wechselten noch ein paar Worte über die Rückkehr und die Lage im Dorf. Ich hielt mich währenddessen im Hintergrund und beobachtete Matsuri.
Ihr Blick wanderte immer wieder zu mir. Kurz, prüfend und mit einer gewissen Abneigung, die sie nicht ganz verbergen konnte. Immerhin war sie inzwischen vorsichtiger, als bei unserer ersten Begegnung. Keine offene Feindseligkeit. Sie würdigte mich nicht einmal eines Wortes, als wäre ich gar nicht anwesend.
Vielleicht hoffte sie, ich würde mich in Luft auflösen, wenn sie mich nur konsequent genug ignorierte.
Ich fand das eher amüsant als beleidigend.
Nach einigen weiteren höflichen Floskeln verabschiedete sich Matsuri. Bevor sie ging, warf sie mir noch einen letzten, wenig freundlichen Blick zu und verschwand dann in die entgegengesetzte Richtung.
Kaum war sie außer Hörweite, wandte Gaara den Kopf zu mir.
„Sie mag dich immer noch nicht besonders.“
Ich grinste.
„Sie schwärmt immer noch für dich.“
Er blinzelte. Die Überraschung in seinem Gesicht war so aufrichtig, dass ich beinahe lachen musste.
„Was?“
„Gaara.“ Ich schüttelte den Kopf, halb belustigt, halb ungläubig über seine Ahnungslosigkeit. „Sie ist seit Jahren in dich verknallt. Das war schon so, als ich sie zum ersten Mal in deinem Büro getroffen habe.“
Er sah mich an, als versuchte er, diese Information mit dem Bild in Einklang zu bringen, das er von seiner Schülerin hatte.
„Das … wusste ich nicht.“
„Das ist mir aufgefallen“, erwiderte ich trocken. „Sie hat mich damals sogar zur Rede gestellt, weil sie dachte, ich würde dich ihr wegnehmen.“
Gaara schwieg einen Moment. Seine Stirn legte sich in leichte Falten, während er offenbar überlegte, wie er diese Erkenntnis einordnen sollte.
„Ich hätte nichts unternommen, um das zu fördern“, sagte er schließlich.
„Das weiß ich.“
Ich hakte mich bei ihm unter und wir setzten unseren Weg fort.
„Aber sie traut sich nicht, etwas gegen mich zu sagen, solange du in der Nähe bist“, erklärte ich. „Deshalb das eisige Schweigen eben.“
Gaara sah kurz zu mir hinunter.
„Sollte ich etwas dazu sagen? Ihr klarmachen, dass …“
„Nein.“ Ich unterbrach ihn sofort und schüttelte entschieden den Kopf. „Lass sie einfach in Ruhe. Sie wird es irgendwann selbst merken.“
Er betrachtete mich einen Moment, als wollte er sich vergewissern, dass ich es ernst meinte.
„Bist du sicher?“
„Absolut.“ Ich drückte seinen Arm leicht. „Ich brauche nicht, dass du dich für mich mit ihr auseinandersetzt. Solange sie mich nicht belästigt oder mir Schwierigkeiten macht, kann sie von mir aus so viele missbilligende Blicke verteilen, wie sie möchte.“
Ein kaum merkliches Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Du scheinst erstaunlich gelassen damit umzugehen.“
„Was soll ich denn machen? Ihr einen Vortrag darüber halten, dass man Menschen nicht für ihre Gefühle bestrafen sollte?“ Ich zog eine Augenbraue hoch. „Außerdem kann ich verstehen, dass sie enttäuscht ist. Sie hat sich offenbar lange Hoffnungen gemacht.“
„Und du bist nicht eifersüchtig?“
Ich sah zu ihm auf und musste grinsen.
„Sollte ich das sein?“
Er antwortete nicht sofort. Vielleicht hatte er nicht erwartet, dass ich die Frage einfach zurückgeben würde.
Ich lehnte den Kopf kurz gegen seine Schulter, während wir weiter durch den Gang liefen.
„Gaara, ich weiß, mit wem du zusammen sein möchtest. Das reicht mir.“
Seine Finger schlossen sich etwas fester um meine Hand. Er sagte nichts, doch die kleine Veränderung seiner Haltung verriet mir, dass meine Antwort ihn erreicht hatte.
Und das genügte mir.
Matsuri durfte ihre Gefühle haben. Ich musste sie weder bekämpfen noch mich ihretwegen beweisen. Was zwischen Gaara und mir war, gehörte uns beiden. Ich hatte nicht vor, daraus einen Wettkampf zu machen, nur weil jemand anderes sich eine andere Zukunft für sich selbst vorgestellt hatte.
Also gingen wir einfach weiter, Hand in Hand.
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Wir betraten das Kagebüro, und ich blieb einen Moment im Türrahmen stehen, um den vertrauten Anblick auf mich wirken zu lassen. Der große Schreibtisch, die ordentlich gestapelten Akten, das Licht, das schräg durch die Fenster fiel und helle Streifen auf dem Boden hinterließ.
Es fühlte sich seltsam normal an, hier zu stehen. Nicht als vorübergehende Aushilfskraft, sondern mit einem echten dienstlichen Anliegen. Ich hatte beinahe vergessen, wie gut sich das anfühlen konnte. Eine kleine alltäglich Pflicht zu haben.
Ich wollte einfach meine Truppe wiedersehen. Herausfinden, wie es ihnen ging, und sehen, was aus ihnen geworden war, während ich fort gewesen war.
Gaara ging hinter seinen Schreibtisch und setzte sich, während ich mich ihm zuwandte.
„Kannst du mir die Wohnanschriften meiner Truppe geben?“, fragte ich. „Ich habe mich mit niemandem verabredet. Ich muss sie erst alle zusammentrommeln.“
„Kein Problem.“
Er öffnete eine Schublade und suchte kurz zwischen den darin abgelegten Ordnern, bis er schließlich eine Mappe herauszog. Er blätterte sie einmal durch, um sicherzugehen, dass er das Richtige gefunden hatte, und reichte sie mir über den Schreibtisch.
„Hier. Alle fünf, samt aktueller Adressen.“
Ich nahm die Mappe entgegen. Das vertraute Gewicht lag in meinen Händen, und für einen Moment musste ich schmunzeln.
„Danke.“
Gaara lehnte sich ein wenig zurück und sah mich mit einem kleinen Lächeln an.
„Viel Glück mit deinen Genin. Ich bin sicher, sie werden sich freuen, dich zu sehen.“
„Das hoffe ich.“ Ich erwiderte sein Lächeln und trat näher an den Schreibtisch, um kurz seine Hand zu drücken. „Bis heute Abend?“
„Bis heute Abend.“
Ich ließ seine Hand los und wandte mich zur Tür. Die Mappe hielt ich fest an mich gedrückt, während ich den Raum verließ.
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Yukis Familie wohnte in einem der ruhigeren Viertel, näher am Stadtrand. Als ich vor ihrer Haustür stand, zögerte ich einen kurzen Moment, bevor ich anklopfte.
Es dauerte nicht lange, bis sich die Tür öffnete. Yuki stand vor mir.
Für einen Herzschlag sah sie mich einfach nur an. Dann erstarrte ihr Gesicht, und noch bevor ich ein Wort sagen konnte, fiel die Tür wieder ins Schloss.
Ich starrte auf das Holz vor mir.
Verdammt. Sie war wirklich sauer auf mich.
Ich hob die Hand, um erneut zu klopfen. Diesmal öffnete sich die Tür nur einen schmalen Spalt. Yuki lugte dahinter hervor, die Augen verdächtig feucht.
„Yuki“, sagte ich sanft. „Ich wollte dir nur Bescheid geben, dass wir uns morgen früh auf dem Trainingsplatz treffen. So wie früher.“ Ich machte eine kurze Pause. „Aber du musst nicht kommen, wenn du nicht möchtest. Das ist ganz deine Entscheidung.“
„Sie verschwinden einfach, ohne ein Wort zu sagen, und jetzt denken Sie, wir kommen einfach zurück, als wäre nichts gewesen.“
Ihre Stimme zitterte vor unterdrückter Wut. Sie wollte die Tür wieder schließen, doch diesmal legte ich vorsichtig die Hand dagegen.
Ihre Worte trafen mich, gerade weil ich ihnen nichts entgegenzusetzen hatte. Sie hatte recht. Ich war gegangen, ohne mich persönlich von meiner Truppe zu verabschieden. Als ihre Sensei hatte ich sie im Stich gelassen, zumindest in diesem einen Moment, in dem sie eine Erklärung verdient gehabt hätten.
„Es tut mir leid“, sagte ich aufrichtig. „Ich hätte mit euch sprechen müssen, bevor ich abgereist bin. Ihr hättet einen richtigen Abschied von mir verdient gehabt. Das war nicht fair euch gegenüber.“
Yuki schwieg.
Langsam hob sie den Blick und suchte meinen, als wollte sie herausfinden, ob ich es wirklich ernst meinte.
„Werden Sie … werden Sie wieder unsere Sensei sein?“
Die Frage war so leise, dass ich sie beinahe nicht verstanden hätte.
„Ja“, antwortete ich ohne zu zögern. „Wenn ihr mich noch haben wollt.“
Einen Moment lang blieb sie reglos stehen. Dann schien sie eine Entscheidung zu treffen. Mit einer Entschlossenheit, die mich überraschte, stieß sie die Tür ganz auf, schnappte sich ihre Sandalen von der Schwelle und schlüpfte hinein.
„Ich komme mit. Sie gehen bestimmt zu den anderen.“
Ich sah sie überrascht an.
Woher wusste sie, dass ich die anderen ebenfalls besuchen wollte?
Doch bevor ich nachfragen konnte, war Yuki schon an mir vorbei auf die Straße getreten. Ihre Augen waren noch immer gerötet, aber die Wut in ihrem Gesicht hatte etwas anderem Platz gemacht. Ganz verziehen hatte sie mir offenbar noch nicht. Das hatte ich allerdings auch nicht erwartet.
Immerhin war sie bereit, mir zuzuhören.
Die Zwillinge wohnten nur ein paar Straßen weiter. Als wir dort ankamen, öffnete ihre Mutter die Tür. Ein müdes, aber herzliches Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, sobald sie mich erkannte.
„Amaya-san! Wie schön, dich zu sehen.“
Sie trat einen Schritt zurück und wandte sich ins Haus.
„Rika! Roku! Eure Sensei ist hier!“
Sekunden später kamen die beiden angerannt, so hastig, dass sie beinahe übereinander stolperten.
„Sensei!“
Rikas Gesicht strahlte, und Roku war dicht hinter ihr. Beide sahen mich an, als könnten sie kaum glauben, dass ich tatsächlich vor ihnen stand.
„Wir haben gehört, was passiert ist“, erklärte Roku, noch bevor ich überhaupt etwas sagen konnte. „Der Kazekage hat gesagt, dass Sie plötzlich nach Konoha zurückmussten, weil Akatsuki angegriffen hat.“
Für einen kurzen Moment wusste ich nicht, was ich darauf antworten sollte.
Dann breitete sich eine leise Wärme in meiner Brust aus.
Gaara hatte ihnen also eine Erklärung gegeben. Eine plausible Geschichte, die sie vorerst vor weiteren Fragen bewahrte, ohne ihnen mehr verraten zu müssen, als sie wissen sollten. Ich war ihm dankbar dafür. Nicht nur, weil er mir damit Zeit verschafft hatte, sondern auch, weil er offenbar daran gedacht hatte, was meine Abwesenheit für meine Schüler bedeuten könnte.
„Es tut mir leid, dass ich es euch nicht persönlich sagen konnte“, antwortete ich. Es war nicht die ganze Wahrheit, aber auch keine Lüge. „Aber jetzt bin ich wieder da. Wollt ihr morgen früh mit mir auf den Trainingsplatz kommen?“
„Natürlich!“, riefen beide beinahe gleichzeitig.
Sie verabschiedeten sich hastig von ihrer Mutter und schlossen sich uns an, noch bevor ich Gelegenheit hatte, etwas hinzuzufügen.
So marschierten mir nun drei kleine Genin hinterher.
Ein Anblick, der sich erstaunlich vertraut anfühlte.
Als wir uns auf den Weg zu Hinaka machten, wurde ich allerdings wieder nachdenklich. Sie lebte bei ihren Großeltern. Ihre Eltern waren vor Jahren während einer Mission gestorben. Ein unangenehmer Stich regte sich in meiner Brust.
Ich wusste nicht, wie meine Abwesenheit für sie gewesen war. Aber wenn sie auch nur einen Bruchteil dessen empfunden hatte, was ich bei Yuki gerade gesehen hatte, dann hatte ich ihr mehr zugemutet, als mir lieb war.
Als wir vor ihrer Haustür standen, klopfte ich.
Die Tür öffnete sich, und Hinaka erschien im Rahmen.
Sobald sie mich erkannte, veränderte sich ihr Gesichtsausdruck schlagartig.
„Sie!“
Ihre Augen verengten sich, und ihre Stimme war so scharf, dass die drei hinter mir unwillkürlich verstummten.
„Sie sind einfach verschwunden! Kein Wort, keine Nachricht, gar nichts!“
Ich ließ sie ausreden. Sie hatte jedes Recht, wütend zu sein, und ich würde mich nicht hinter Ausreden verstecken.
„Du hast recht“, sagte ich ruhig. „Es tut mir leid, dass ich nicht persönlich mit euch gesprochen habe, bevor ich abgereist bin. Ihr hättet einen richtigen Abschied von eurer Sensei verdient gehabt.“
Hinaka presste die Lippen aufeinander. Ihr Blick flackerte zwischen mir und den anderen hin und her, als müsste sie erst entscheiden, ob sie mir überhaupt glauben wollte.
Bevor sie etwas erwidern konnte, trat Yuki neben mich.
„Ich war auch sauer, Hinaka“, sagte sie. Ihre Stimme war noch etwas zaghaft, aber sie wich Hinakas Blick nicht aus. „Aber wäre dir Kankurō als Trainer lieber?“
Hinaka starrte sie an.
Yuki zuckte leicht mit den Schultern, als wäre die Antwort doch eigentlich offensichtlich.
„Ich meine, er ist ja nicht schlecht. Aber er ist eben nicht Sensei Amaya.“
Für einen Augenblick wusste Hinaka offenbar nicht, was sie sagen sollte. Die Wut in ihren Augen kämpfte gegen etwas anderes an, etwas, das sie viel länger zurückgehalten hatte.
Dann veränderte sich ihr Gesicht.
Die Anspannung fiel von ihr ab, und plötzlich liefen ihr dicke Tränen über die Wangen.
„Ich habe gedacht, dass wir Sie nie wiedersehen würden, Sensei“, schluchzte sie.
Im nächsten Moment stürzte sie auf mich zu und fiel mir in die Arme. Sie vergrub das Gesicht an meiner Brust und klammerte sich an mich, als hätte sie Angst, ich könnte mich gleich wieder in Luft auflösen.
Mein Herz zog sich zusammen.
Ich legte die Arme um sie und strich ihr behutsam über den Kopf.
„Wie könnte ich euch denn einfach vergessen?“ Meine Stimme wurde weicher, als ich beabsichtigt hatte. „Ihr seid das beste Team, das ich je hatte. Ich bin stolz darauf, euch als Gruppe zu haben.“
Hinaka schluchzte noch einmal, bevor sie sich schließlich von mir löste. Mit dem Handrücken wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht und schniefte.
Dann richtete sie sich auf, als hätte sie beschlossen, dass genug Gefühle für einen Morgen gezeigt worden waren.
„Na gut! Aber nur, wenn wir morgen da weitermachen, wo wir aufgehört haben!“
Sie hielt mir die Hand hin, als würden wir gerade einen wichtigen Geschäftsvertrag abschließen.
Ich musste lachen und schlug ein.
„Abgemacht!“
Kaum hatte ich ihre Hand losgelassen, war sie auch schon an uns vorbeigestürmt und auf die Straße hinausgelaufen.
„Kommen Sie! Wir müssen noch Tako finden, oder?“
Ich sah ihr einen Moment hinterher, bevor ich den Kopf schüttelte und lächelnd zu den anderen aufschloss.
„Ganz genau.“
Und damit war meine kleine Truppe beinahe wieder vollständig.
Beinahe. Denn während ich den drei Genin folgte, wurde mir klar, wie sehr ich genau das vermisst hatte: ihre Stimmen, ihre Eigenheiten, ihre kleinen Streitereien und selbst die Momente, in denen sie mich zur Verzweiflung trieben.
Tako war nicht zu Hause.
Auch seine Nachbarn wussten nicht, wo er sich aufhielt.
„Wie finden wir ihn?“, fragte Rika, während wir gemeinsam durch die Straßen Sunas liefen.
„Gute Frage.“ Ich blieb stehen und dachte kurz nach. Dann kam mir eine Idee. „Eigentlich ist das eine gute Gelegenheit, euch etwas Neues beizubringen. Habt ihr schon einmal von Sensorik gehört?“
Vier verständnislose Gesichter sahen mich an.
„Sensorik ist eine Fähigkeit, mit der man Chakra-Signaturen wahrnehmen und aufspüren kann, auch über größere Entfernungen hinweg. Dafür muss man lernen, die unterschiedlichen Chakras genau zu unterscheiden und sich ihre jeweilige Signatur einzuprägen. Wenn man das beherrscht, kann man eine Person wiederfinden, selbst wenn man sie nicht sehen kann.“
„Können wir das lernen?“, fragte Yuki. Ihre Augen waren plötzlich hellwach.
„Die Grundlagen könnt ihr zumindest verstehen. Um die Fähigkeit tatsächlich anzuwenden, braucht es allerdings Übung und eine gute Chakrakontrolle.“ Ich sah sie der Reihe nach an. „Aber warum versuchen wir es nicht einfach? Schließt die Augen, konzentriert euch und horcht in euch hinein. Versucht herauszufinden, ob ihr etwas Vertrautes in eurer Nähe wahrnehmen könnt.“
Die vier stellten sich mitten auf dem Gehweg auf und schlossen die Augen. Während sie sich konzentrierten, gingen die Passanten um uns herum und warfen uns neugierige Blicke zu. Offenbar gehörte eine Gruppe junger Shinobi, die mit geschlossenen Augen auf der Straße stand, nicht zum alltäglichen Stadtbild.
Eine Weile geschah nichts.
„Ich spüre überhaupt nichts“, murmelte Roku schließlich. Die Enttäuschung war ihm deutlich anzuhören.
„Das ist völlig normal. Ihr könnt nicht erwarten, eine Fähigkeit beim ersten Versuch zu beherrschen.“
Ich wollte gerade vorschlagen, es ein anderes Mal erneut zu versuchen, als Yuki sich leicht bewegte. Ihre Stirn war gerunzelt, ihre Aufmerksamkeit schien ganz nach innen gerichtet.
„Ich glaube … ich spüre etwas.“ Sie zögerte. „Es ist sehr schwach. Dort entlang, glaube ich.“
Unsicher deutete sie nach Süden.
Überrascht sah ich sie an. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass einer von ihnen schon bei diesem ersten Versuch überhaupt etwas wahrnehmen würde.
„Das ist ein guter Anfang, Yuki.“ Ich lächelte anerkennend. „Vielleicht liegt dir Sensorik besonders.“
Sie öffnete die Augen und für einen Moment wirkte sie, als traue sie ihrer eigenen Wahrnehmung nicht. Dann huschte ein kleines, stolzes Lächeln über ihr Gesicht.
„Dann sollten wir herausfinden, ob du recht hast“, sagte ich.
Wir folgten der Richtung, die sie angezeigt hatte und dann nach einigen Straßen standen wir schließlich vor einem kleinen Waffenladen. Aus dem Inneren drang das vertraute Klappern von Metall.
Über der Tür hing ein schlichtes Schild, und durch das Fenster konnte ich einen Teil des Verkaufsraums erkennen.
Wir traten ein.
Hinter der Theke stand Tako und half seinem Onkel dabei, eine Kiste Kunai zu sortieren. Er hielt gerade eine Handvoll Waffen in der Hand, als die Türglocke ertönte. Er blickte auf und erstarrte, als er uns entdeckte.
„Wie habt ihr mich gefunden?“
Ich verschränkte die Arme und konnte mir ein stolzes Grinsen nicht verkneifen.
„Yuki hat dich aufgespürt.“
Tako sah sie verblüfft an. Dann blickte er zu mir, als wartete er darauf, dass ich erklärte, wie das möglich gewesen war. Sein Onkel schien die Sache amüsanter zu finden. Er schüttelte mit einem belustigten Lächeln den Kopf und widmete sich wieder seiner Arbeit.
Yuki hingegen wirkte, als hätte sie gerade etwas viel Größeres erreicht, als sie selbst erwartet hatte.
„Wir treffen uns morgen früh auf dem Trainingsplatz“, verkündete Hinaka und wandte sich an Tako. „Kommst du?“
„Klar.“ Er legte die Kunai zurück in die Kiste und wischte sich die Hände an seiner Hose ab. „Wo geht's jetzt hin?“
Ich ließ den Blick über meine fünf Schüler wandern. Fünf erwartungsvolle Gesichter sahen mich an. Eigentlich hatte ich nur vorbeikommen wollen, um ihnen Bescheid zu geben, dass wir am nächsten Morgen wieder trainieren würden. Stattdessen hatte ich nun mein gesamtes Team um mich versammelt.
Es war ein merkwürdig schönes Gefühl.
„Habt ihr Lust auf Eis?“, fragte ich spontan.
„Ja!“, kam es wie aus einem Mund zurück.
Ich lachte leise. „Na, dann los.“
Wir zogen weiter durch die Straßen, bis wir einen kleinen Stand fanden, an dem bunte Eiskugeln in knusprige Waffeln gefüllt wurden. Ohne lange nachzudenken, bezahlte ich für alle fünf.
Anschließend suchten wir uns eine niedrige Mauer am Rand des Marktplatzes und ließen uns im Schatten nieder. Die Sonne hatte ihren höchsten Stand längst überschritten, und die Wärme des Tages lag noch immer über den Straßen.
Für eine Weile gab es keine Trainingspläne, keine Missionen und keine unangenehmen Fragen.
Es gab nur fünf Kinder, die sich gegenseitig ihre Eissorten zeigten und einander damit aufzogen, wer am schnellsten aß. Tako behauptete, sein Eis sei eindeutig das Beste, während Rika ihm widersprach. Roku versuchte, seine Waffel vor den neugierigen Blicken seiner Schwester zu schützen, und Hinaka erklärte mit ernster Miene, sie würde sich niemals von jemandem etwas wegnehmen lassen.
Ich saß daneben und sah ihnen zu.
So unbeschwert konnte Kindheit sein, wenn man ihr die Gelegenheit dazu gab.
Meine Schüler waren Shinobi. Sie trainierten, lernten, kämpften und würden irgendwann Verantwortung übernehmen müssen. Doch sie waren eben auch Kinder. Sie sollten lachen dürfen, Unsinn machen und sich darüber streiten, welche Eissorte die beste war, ohne dass die Welt ihnen ständig vor Augen führte, wie gefährlich sie sein konnte.
Vielleicht gehörte auch das zu meiner Aufgabe als Sensei.
„Sensei?“
Yukis Stimme holte mich aus meinen Gedanken. Sie saß neben mir und betrachtete ihr Eis, als würde sie darin nach einer Antwort suchen.
„Sind Sie froh, wieder da zu sein?“
Ich sah sie an. Dann ließ ich meinen Blick über die anderen wandern, über ihre vertrauten Gesichter und die kleinen Gesten, die mir während meiner Abwesenheit gefehlt hatten.
„Ja“, antwortete ich.
Das Wort kam ganz selbstverständlich. „Sehr sogar.“
Yuki lächelte zufrieden und wandte sich wieder ihrem Eis zu. Sie fragte nicht weiter nach. Dafür war ich ihr dankbar.
„Sensei?“, meldete sich Roku wenig später. In seiner Hand hielt er nur noch den letzten Rest seiner Waffel. „Was werden wir morgen lernen?“
Ich ließ den Blick noch einmal über die fünf Gesichter wandern und überlegte kurz.
„Ich denke, es wird Zeit, dass wir anfangen, euch auf die Chūnin-Prüfung vorzubereiten.“
Für einen Herzschlag herrschte Stille. Dann ging ein aufgeregtes Raunen durch die Gruppe.
„Wirklich?“, fragte Rika. Ihre Augen leuchteten. „Schon?“
„Ihr seid bereit dafür. Mehr, als ihr vielleicht selbst glaubt.“ Ich hob warnend einen Finger. „Aber das bedeutet nicht, dass ihr euch zurücklehnen könnt. Die Vorbereitung wird anstrengend, und ich werde einiges von euch verlangen.“
„Wie anstrengend?“, wollte Tako wissen.
„Anstrengend genug, dass ihr euch wünschen werdet, ihr hättet noch ein paar Nachmittage mit Eisessen verbringen können.“
Er sah auf den letzten Rest seiner Waffel hinunter.
„Schade“, murmelte er.
Sein Grinsen verriet allerdings, dass er sich darauf freute.
Ich lachte und klatschte einmal in die Hände, um die Aufmerksamkeit wieder auf mich zu lenken.
„So, das reicht für heute. Geht nach Hause, ruht euch aus und esst ordentlich zu Abend. Morgen früh bei Sonnenaufgang treffen wir uns auf dem Trainingsplatz.“
Ich ließ den Blick zu Hinaka wandern.
„Und diesmal bitte pünktlich.“
Sie riss empört die Augen auf.
„Wann war ich denn jemals unpünktlich?“
Die anderen brachen in leises Gelächter aus. Ich beschloss, mir die Antwort zu sparen. Hinaka wusste ganz genau, dass ich genügend Beispiele hätte nennen können.
Nach und nach verabschiedeten sie sich voneinander und schlugen ihre jeweiligen Wege ein. Tako hob noch einmal die Hand, Rika und Roku stritten bereits wieder über irgendetwas, und Yuki ging neben Hinaka her, während die beiden leise miteinander sprachen.
Ich blieb einen Moment stehen und sah ihnen nach, bis ihre Stimmen zwischen den Häusern und in den schmalen Gassen Sunas verklangen.
Dann machte auch ich mich auf den Heimweg.
Ein tiefes, zufriedenes Gefühl breitete sich in mir aus. Das Gefühl, gebraucht zu werden, ohne kämpfen zu müssen. Ich hatte geglaubt, nach allem, was geschehen war, würde es eine Weile dauern, bis ich wieder in meinen Alltag zurückfand. Vielleicht hatte ich sogar befürchtet, dass dieser Alltag sich inzwischen fremd anfühlen würde.
Doch als ich durch die vertrauten Straßen ging, wusste ich, dass ich mich geirrt hatte.
Heute hatte ich nicht nur meine Schüler wiedergesehen. Ich hatte auch einen Teil von mir selbst wiedergefunden, der Teil, den ich in den vergangenen Monaten aus den Augen verloren hatte.
Und morgen würde ich dort weitermachen, wo wir aufgehört hatten.