Wir müssen hier weg (Amayas / Gaaras Sicht)
Wir müssen hier weg (Amayas / Gaaras Sicht)
Die letzten zwei Wochen waren schneller vergangen, als ich es für möglich gehalten hätte.
Meine Truppe machte spürbare Fortschritte. Hinaka hatte die Zeit meiner Abwesenheit genutzt, um ihren Feuerstrahl zu verbessern. Inzwischen konnte sie ihn gezielt und viel breiter einsetzten. Yuki hingegen hatte ihr neu entdecktes Talent für Sensorik gefestigt und war mittlerweile in der Lage, fast jeden von uns über den gesamten Trainingsplatz hinweg aufzuspüren. Es war schön zu sehen, wie viel sie in so kurzer Zeit dazugelernt hatten.
Auch mein eigenes Training ging voran, wenn auch langsamer, als mir lieb war. Jeden Abend saß ich im Wohnzimmer, schloss die Augen und tastete vorsichtig nach meinem eigenen Chakra. Mit jedem Tag gelang es mir ein wenig besser, den feinen Strom wahrzunehmen, der tief in mir lag und allmählich deutlicher wurde. Trotzdem hatte ich mich noch nicht getraut, mein erstes Jutsu damit auszuführen. Die Vorstellung, diesen empfindlichen Fluss durch einen einzigen Fehler wieder versiegen zu lassen, hielt mich zurück. Ich wusste, dass ich es irgendwann versuchen musste. Nur eben noch nicht heute.
Währenddessen hatte sich Suna vollständig von den Folgen des Krieges erholt. Die Schäden waren beseitigt, die Straßen wieder belebt, und langsam kehrte die Normalität zurück.
Deshalb überraschte es mich kaum, als sich die Nachricht in der Stadt verbreitete, dass in wenigen Tagen ein großes Fest stattfinden sollte. Ein Fest, um den Frieden zu feiern und all das zu würdigen, was Suna überstanden hatte.
An diesem Nachmittag saß ich am Wohnzimmertisch, einen Stift in der Hand, und versuchte, den Antrag für die Chūnin-Prüfung auszufüllen. Ein erstaunlich bürokratischer Vorgang für etwas, das am Ende vor allem von Können, Erfahrung und der Bereitschaft abhing, sich Herausforderungen zu stellen.
Ich war gerade dabei, eines der Felder auszufüllen, als sich die Tür öffnete.
Gaara trat ein, noch immer in seiner Kagekluft. Doch etwas an ihm war anders. Seine Haltung wirkte weniger angespannt, und auf seinen Lippen lag ein kleines, beinahe ungewohntes Lächeln.
„Ich habe mir freigenommen“, verkündete er ohne Umschweife. Typisch Gaara: direkt auf den Punkt, ohne lange Einleitung. „Drei Tage. Zum ersten Mal, seit ich Kazekage bin.“
Ich blinzelte und legte den Stift weg. Einen Moment brauchte ich, um zu begreifen, was er mir da gerade sagte.
„Wirklich?“
„Wirklich.“ Er kam zu mir an den Tisch und setzte sich. „Ich dachte, wir könnten diese Zeit zusammen verbringen, wenn du möchtest.“
Ein warmes Gefühl breitete sich in meiner Brust aus. Es war keine große Geste und gerade deshalb bedeutete sie mir so viel. Gaara nahm sich Zeit.
„Das würde ich sehr gerne.“ Ich lächelte ihn an. „Hast du schon eine Vorstellung davon, was wir unternehmen könnten?“
Er legte die Hand ans Kinn, eine Geste, die ich inzwischen gut genug kannte, um zu wissen, dass er die Frage ernsthaft durchdachte.
„Wir könnten essen gehen. Oder …“ Er verstummte kurz, als würde er mehrere Möglichkeiten gegeneinander abwägen.
Ich betrachtete ihn amüsiert. Selbst bei der Planung von drei freien Tagen schien er nicht einfach irgendeine Entscheidung treffen zu können.
„Wir könnten auch einfach drei ganz entspannte Tage hier verbringen“, schlug ich vor. „Ohne große Pläne. Nur wir beide.“
Gaara ließ die Hand noch immer am Kinn und sah mich nachdenklich an.
„Das wäre eine Möglichkeit.“ Eine kurze Pause folgte. „Allerdings besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass wir dabei von meinen Geschwistern gestört werden.“
Ich musste lachen. „Du meinst, wir sollten untertauchen?“
„Wenn wir tatsächlich unsere Ruhe haben wollen, wäre das vermutlich die sinnvollste Lösung.“
Er sagte es mit seiner üblichen Sachlichkeit, doch in seinen Augen lag ein Hauch von Belustigung. Außerdem bemerkte ich, dass er mich ansah, als überließe er mir bewusst die Entscheidung.
Ich lehnte mich ein wenig zurück und dachte nach.
„Wir könnten auch zu mir gehen. Drei Tage weg von Suna. Und am vierten Tag kommen wir rechtzeitig zum Friedensfest zurück.“
Sein Blick blieb auf mir liegen. An seinem Gesicht erkannte ich, dass er selbst schon darüber nachgedacht hatte.
„Aber nur unter einer Bedingung“, fügte ich hinzu.
Eine seiner Augenbrauen hob sich leicht. „Welche?“
„Du sagst Temari und Kankurō Bescheid, dass wir weg sind.“ Ich deutete mit dem Stift auf ihn. „Wenn du plötzlich drei Tage lang nicht erreichbar bist, suchen sie am Ende noch die ganze Stadt nach dir ab. Ich möchte ungern dafür verantwortlich sein, dass in Suna Panik ausbricht.“
„Kannst du es Temari nicht selbst sagen?“
Ich sah ihn ungläubig an.
„Nein. Ich werde mich ums Essen kümmern. Irgendjemand muss schließlich dafür sorgen, dass wir die drei Tage nicht von Luft und schöner Aussicht leben.“ Ich legte den Stift endgültig beiseite. „Außerdem wirst du Temari morgen vermutlich früher sehen als ich.“
Gaara zog eine Augenbraue hoch.
„Das klingt, als hättest du dir bereits alles genau überlegt.“
„Habe ich auch“, gab ich unumwunden zu.
Ein kaum merkliches Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Dann nehme ich an, dass ich hier wenig mitzureden habe.“
„Du darfst natürlich widersprechen.“ Ich verschränkte die Arme und sah ihn herausfordernd an. „Ich glaube nur nicht, dass es dir besonders viel nützen wird.“
„Nein“, erwiderte er ruhig. „Das habe ich auch nicht vor.“
Er stand auf und zog seine Kagejacke aus, als wäre die Entscheidung damit bereits gefallen. Ich beobachtete ihn mit einem zufriedenen Lächeln.
„Ich rede mit Temari, bevor wir aufbrechen“, sagte er. Dann wandte er sich zur Tür, die ins Bad führte, hielt jedoch noch einmal inne. „Was soll ich ihr sagen, falls sie wissen will, wohin wir verschwinden?“
Ich überlegte kurz.
„Die Wahrheit reicht. Sie kennt Luna. Damit dürfte sie zumindest wissen, dass wir nicht irgendwo in einer Sanddüne verschollen gehen.“
Gaara nickte.
„Ob sie sich damit zufriedengibt, ist allerdings eine andere Frage“, fügte ich hinzu.
„Das bezweifle ich ebenfalls.“
Sein Tonfall war so trocken, dass ich erneut lachen musste. Dann wandte er sich ab, ging ein paar Schritte in Richtung Bad und drehte sich plötzlich noch einmal zu mir um.
„Amaya?“
Ich sah auf. „Hm?“
„Danke, dass du das organisierst.“
Die Worte überraschten mich ein wenig. Nicht, weil ich sie nicht gern hörte, sondern weil es für mich selbstverständlich war, ihm diese Zeit so angenehm wie möglich zu machen.
„Das mache ich gerne.“ Ich lächelte. „Wenn du dir schon zum ersten Mal seit deiner Ernennung drei Tage freinimmst, sollst du sie wenigstens nicht damit verbringen, dir über Kleinigkeiten Gedanken zu machen.“
Für einen Moment betrachtete er mich einfach nur. Dann erschien wieder dieses kleine, zurückhaltende Lächeln auf seinem Gesicht.
„Dann überlasse ich das dir.“
Mit diesen Worten verschwand er im Bad.
Ich blieb noch eine Weile am Tisch sitzen. Der Antrag für die Chūnin-Prüfung lag nach wie vor unvollständig vor mir, der Stift daneben, als hätte ich mitten in einer wichtigen Aufgabe einfach vergessen, was ich eigentlich hatte erledigen wollen.
Was vermutlich auch stimmte.
Drei Tage.
Nur Gaara und ich.
Einfach Zeit, die uns gehörte.
Ich konnte mich kaum erinnern, wann ich mich zuletzt auf etwas so sehr gefreut hatte. Normalerweise bedeutete Vorfreude für mich, dass eine Mission bevorstand, auf die ich mich vorbereiten musste. Es war ein vertrautes Kribbeln, das stets mit Anspannung und Wachsamkeit einherging.
Doch diesmal war es anders.
Ich freute mich einfach darauf, mit ihm zusammen zu sein.
Allein dieser Gedanke fühlte verdammt schön an.
Ich schob den Antrag zur Seite. Er konnte bis morgen warten.
Stattdessen stand ich auf und begann im Kopf durchzugehen, was wir für unsere kleine Auszeit brauchen würden.
Aus dem Bad drang das gedämpfte Rauschen der Dusche.
Ich lächelte vor mich hin, während ich überlegte, was ich einpacken sollte. Drei Tage, um herauszufinden, wie es sich anfühlte, einfach nur wir zu sein.
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Meine Schüler verschwanden gerade hinter der Mauer am Rand des Trainingsplatzes. Wir hatten noch ein letztes Training absolviert, bevor die fünf ebenso wie ich drei freie Tage vor sich hatten. Ich sah ihnen einen Moment nach, als ich eine vertraute Präsenz bemerkte, die sich näherte.
Matsuri stand am Rand des Platzes. Die Arme vor der Brust verschränkt, den Blick fest auf mich gerichtet.
„Danke, dass du gewartet hast, bis ich mit meinen Schülern fertig war“, sagte ich, während ich meine Ausrüstung zusammenpackte.
„Ich bin kein Kind. Ich weiß, was sich gehört.“
Ihr Ton ließ mich innehalten. Keine offene Wut, keine gespielte Überlegenheit, mit der sie sonst gelegentlich ihre Unsicherheit überspielte. Stattdessen lag etwas Schweres in ihrer Stimme. Eine bleierne Ernsthaftigkeit, die ich von ihr nicht kannte.
Ich richtete mich auf und sah sie an.
„Was kann ich für dich tun, Matsuri?“
Sie presste die Lippen aufeinander, als müsste sie sich überwinden, die Worte überhaupt auszusprechen.
„Er hat sich freigenommen.“
Ich schwieg.
„Drei Tage.“ Ihr Blick blieb auf mir liegen. „Zum ersten Mal, seit ich ihn kenne. Seit er Kazekage ist.“ Sie schluckte. „Und er tut es für dich.“
Dass Gaara sich diese Zeit genommen hatte, wegen mir, sah ich nicht so. Doch ich wollte sie nicht unterbrechen.
Ich wollte hören, was sie wirklich zu sagen hatte.
„Ich habe versucht, es zu verstehen“, fuhr sie fort. Ihre Stimme wurde leiser. „Ich habe versucht, mir einzureden, dass es nichts bedeutet. Dass er einfach nur eine Pause braucht. Dass es nicht unbedingt mit dir zu tun haben muss.“
Sie lachte kurz auf, doch das Geräusch war freudlos.
„Aber es bedeutet alles, oder?“
Ihre Stimme brach beinahe. Für einen Augenblick wirkte sie nicht mehr wie die selbstbewusste Kunoichi, die ich aus dem Dorf kannte, sondern wie jemand, der viel zu lange an einer Hoffnung festgehalten hatte und nun zusehen musste, wie sie endgültig zerbrach.
„Was hast du, das ich nicht habe?“
Die Frage traf mich unerwartet. Nicht, weil sie mir einen Vorwurf machte, sondern weil ich die Verzweiflung dahinter hörte. Matsuri wollte offenbar eine Antwort auf etwas, das sich nicht mit einer einfachen Erklärung lösen ließ. Ich atmete langsam aus.
„Nichts“, sagte ich ehrlich. „Es gibt nichts, das ich habe und du nicht. Liebe funktioniert nicht so, Matsuri.“
Sie verzog das Gesicht.
„Das ist eine einfache Antwort für jemanden, der gewonnen hat.“
„Ich habe nichts gewonnen.“ Ich stellte meine Tasche ab und wandte mich ihr vollständig zu. „Die Liebe eines anderen Menschen ist kein Abzeichen, das man sich verdienen kann. Und sie ist auch kein Preis, den man gewinnt, wenn man sich nur lange genug bemüht.“
„Wie bequem für dich.“ Ihre Stimme wurde schärfer. „Du kommst hierher, bekommst alles, was du willst. Seine Zeit, seine Aufmerksamkeit, seine Liebe. Während ich seit Jahren hier bin. Seit Jahren versuche, …“
Sie brach ab, als wären ihr die Worte selbst zu viel.
„Versuchst was?“, fragte ich ruhig, aber direkt. „Ihn zu beeindrucken? Darauf zu warten, dass er irgendwann bemerkt, wie sehr du ihn liebst, und sich dann für dich entscheidet?“
Ihr Blick verhärtete sich.
„Du hast leicht reden.“
„Nein, das habe ich nicht.“
Ich trat einen Schritt näher, ohne die Stimme zu heben.
„Ich weiß, wie es sich anfühlt, etwas unbedingt haben zu wollen. Sich nach etwas zu sehnen, das unerreichbar scheint, egal, wie sehr man sich bemüht.“ Ich hielt kurz inne. „Ich habe in meinem Leben auf vieles verzichten müssen. Nicht nur auf Menschen.“
Matsuri schüttelte den Kopf.
„Du verstehst nichts.“
Die Worte waren kaum ausgesprochen, da bewegte sie sich bereits.
Ihre Faust schoss auf mein Gesicht zu.
Mein Körper reagierte, bevor ich überhaupt darüber nachdenken konnte. Ich wich zur Seite aus und fing ihren Schlag mit dem Unterarm ab. Der Aufprall ließ meine Muskeln kurz anspannen, doch ich blieb stehen.
„Doch, eine Sache unterscheidet uns“, sagte ich, während sie bereits zum nächsten Angriff ansetzte.
Ich lenkte ihren Schlag an mir vorbei.
„Ich habe Gaara nie zum Mittelpunkt meines Lebens gemacht. Ich habe mich auf meinen eigenen Weg konzentriert. Auf das, was ich erreichen wollte, und auf die Person, die ich selbst sein wollte.“
Sie hörte nicht zu. Oder sie wollte nicht hören.
Der nächste Angriff kam schneller. Ich wich aus, fing ihren Tritt ab und nutzte ihren Schwung, um sie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Mit einer kontrollierten Bewegung brachte ich sie zu Fall. Sie landete unsanft im Sand.
Ich trat einen Schritt zurück und wartete.
Kein Jutsu. Kein Chakra. Nur Reflexe, Erfahrung und das jahrelange Training, das tief in meinem Körper verankert war. Auch ohne meine gewohnte Chakraquelle wusste ich noch immer, wie ich mich verteidigen musste.
Matsuri stützte sich auf die Hände und sah zu mir auf. Ihre Brust hob und senkte sich rasch. Für einen Moment dachte ich, sie würde wieder angreifen.
Doch sie blieb liegen.
Ich hätte sie einfach stehen lassen können. Ihr sagen können, dass sie sich zusammenreißen sollte, oder ihr vorwerfen können, wie lächerlich es war, mich wegen ihrer unerwiderten Gefühle anzugreifen.
Aber nichts davon hätte ihr geholfen.
„Verändere dich niemals für einen Mann, Matsuri“, sagte ich schließlich. „Denn wenn du damit anfängst, verleugnest du irgendwann die wichtigste Person in deinem Leben.“
Sie sah mich an. „Dich selbst.“
Für einen Moment blieb alles still.
Dann veränderte sich ihr Gesicht. Die Anspannung wich nicht allmählich, sondern schien mit einem Mal aus ihr herauszufallen. Ihre Lippen bebten, sie senkte den Kopf und plötzlich liefen ihr die Tränen über die Wangen.
Ich wusste nicht recht, was ich tun sollte.
Matsuri und ich waren nie besonders gut miteinander ausgekommen.
Doch die Person, die jetzt im Sand saß und weinte, war keine Rivalin.
Sie war einfach jemand, dem etwas wehtat.
Ich zögerte kurz, dann setzte ich mich neben sie. Nicht so nah, dass sie sich bedrängt fühlen musste, aber nah genug, um ihr zu zeigen, dass ich nicht vorhatte, sie allein zurückzulassen.
Eine Weile sagte keine von uns etwas.
Schließlich wischte Matsuri sich mit dem Handrücken über das Gesicht.
„Es tut mir leid“, brachte sie hervor. Ihre Stimme klang erstickt. „Das wollte ich nicht. Ich wollte nur …“ Sie brach ab und schüttelte hilflos den Kopf. „Ich weiß nicht einmal mehr, was ich wollte.“
Ich sah sie von der Seite an.
„Du wolltest, dass es wehtut“, sagte ich leise. „Dass es mir wehtut, weil es dir wehtut.“
Sie antwortete nicht.
Doch ihr Schweigen sagte genug.
Ich ließ ihr einen Moment, bevor ich weitersprach.
„Ich kann dir nichts versprechen, Matsuri. Ich kann dir nicht sagen, dass der Schmerz bald verschwinden wird. Oder dass du eines Tages zurückblickst und plötzlich verstehst, warum alles so gekommen ist.“ Mein Blick wanderte über den Trainingsplatz. Im Sand waren unsere Fußspuren und die Abdrücke ihres Sturzes zu erkennen. „Aber ich kann dir sagen, dass du mehr bist als das, was du für Gaara empfindest.“
Sie schniefte leise.
„Du bist eine gute Kunoichi. Du hast hart trainiert, Fähigkeiten entwickelt und dir deinen Platz in diesem Dorf erarbeitet. Das alles gehört dir. Nicht, weil Gaara dich bemerkt oder nicht bemerkt. Nicht, weil er dich liebt oder eben nicht. Sondern weil du es selbst geschafft hast.“
Matsuri starrte auf ihre Hände.
„Es fühlt sich gerade nicht so an.“
„Das glaube ich dir.“
Mehr konnte ich ihr nicht anbieten. Nur die Gewissheit, dass sie nicht auf ihre Gefühle für Gaara reduziert werden musste, auch wenn sie im Moment vielleicht nichts anderes sehen konnte.
Ich stand auf und hielt ihr die Hand hin.
Matsuri betrachtete sie misstrauisch, als könnte selbst diese kleine Geste irgendeinen Haken haben. Dann zögerte sie noch einen Moment, bevor sie zugriff.
Ich zog sie auf die Füße.
„Ich hasse dich nicht mehr genug, um das jetzt abzulehnen“, murmelte sie, während sie sich den Sand von der Kleidung klopfte.
Ein kleines, trauriges Lachen entkam mir.
„Das ist wohl das Beste, was ich heute bekommen werde.“
Zu meiner Überraschung zuckte ihr Mundwinkel. Es war kein richtiges Lächeln, aber immerhin ein Anfang.
Wir standen nebeneinander und schwiegen. Der Wind strich über den Trainingsplatz und wirbelte den Sand auf.
„Ich werde nicht plötzlich damit klarkommen“, sagte Matsuri schließlich. Ihre Stimme war leiser geworden, aber auch ehrlicher. „Nur damit das klar ist.“
„Das erwarte ich auch nicht.“
Sie nickte knapp und wischte sich ein letztes Mal über die Augen. Dann drehte sie sich um und ging in Richtung Ausgang.
Ihre Schritte waren langsamer, doch sie hielt den Kopf aufrecht.
Ich sah ihr nach, bis sie hinter der Mauer verschwunden war.
Erst dann hob ich meine Tasche wieder auf.
In meiner Brust lag ein seltsames Gemisch aus Erleichterung und Schwere. Ich war froh, dass sie nicht weitergekämpft hatte. Froh, dass sie ausgesprochen hatte, was sie so lange mit sich herumgetragen hatte. Und gleichzeitig tat sie mir leid, weil ich wusste, dass ein Gespräch nicht einfach auslöschen konnte, was sie über Jahre empfunden hatte.
Manche Wunden heilten nicht über Nacht.
Manchmal war es schon ein Anfang, wenn man aufhörte, anderen die Schuld für den eigenen Schmerz zu geben.
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Gaaras Sicht
Kankurō klopfte nicht, wie so oft. Er kam einfach herein, eine Packung Senbei unter den Arm geklemmt, und ließ sich ungefragt auf den Besucherstuhl vor meinem Schreibtisch fallen, als hätte er den gesamten Nachmittag nichts Besseres zu tun.
„Na, Bruderherz. Hab gehört, du machst dich für drei Tage aus dem Staub.“
Ich hob den Blick von den Unterlagen. „Wer hat dir das erzählt?“
„Temari natürlich. Sie kann ein Geheimnis genauso wenig für sich behalten wie ich meine Meinung.“ Er grinste und biss in einen Keks. „Und? Alles vorbereitet?“
„Ich denke schon.“
Ich schob die letzten Dokumente zusammen, die ich Baki noch übergeben wollte, bevor ich aufbrach.
Kankurō betrachtete mich über den Rand seiner Senbei-Packung hinweg. Sein Grinsen wurde breiter.
„Alles vorbereitet, aha.“ Er lehnte sich zurück und musterte mich mit einem Blick, den ich nur zu gut kannte. Es war jener Blick, der mir verriet, dass er sich gleich in eine Angelegenheit einmischen würde, um die ich ihn nicht gebeten hatte. „Und weißt du auch, was du tust, wenn ihr da ganz allein seid? Du und Amaya. Drei Tage lang.“
Ich hielt inne. Die Unterlagen lagen noch immer in meinen Händen.
„Wir werden essen, reden und vermutlich schlafen“, antwortete ich. „Was sollte ich sonst tun?“
Kankurō stöhnte, ließ den Kopf zurücksinken und rieb sich mit einer Hand über das Gesicht.
„Gaara. Ich meine nicht den Zeitplan.“
„Was meinst du dann?“
Er sah mich an, als müsste er zunächst abwägen, wie viel Geduld ihn dieses Gespräch kosten würde. Dann deutete er mit einer knappen Bewegung auf den Stift in meiner Hand.
„Okay. Leg den Stift weg.“
„Ich höre dir auch so zu.“
„Leg. Den Stift. Weg.“
Ich betrachtete ihn einen Moment, ehe ich das Schreibgerät beiseitelegte. Weniger, weil ich einsah, dass es notwendig war, als vielmehr, um ihm die Sache zu erleichtern. Offenbar würde er ohnehin nicht gehen, bevor er gesagt hatte, was er sagen wollte.
„Also.“ Kankurō räusperte sich mit einer Feierlichkeit, die er sonst bei besonders komplizierten Reparaturen an seinen Puppen an den Tag legte. „Unser Vater ist tot. Das bedeutet, diese Aufgabe fällt jetzt mir zu. Als deinem großen Bruder.“
Ich sah ihn abwartend an.
„Welche Aufgabe?“
„Dir zu erklären, was zwischen einem Mann und einer Frau passieren kann, wenn sie … du weißt schon.“ Er machte eine vage Handbewegung. „Zusammen sind. Allein. Für drei Tage.“
Die Wärme stieg mir in den Nacken, noch bevor er seinen Satz beendet hatte.
„Das ist nicht nötig.“
„Doch, ist es.“ Er ließ sich nicht beirren. „Ich habe gesehen, wie du sie ansiehst, wenn du glaubst, dass es keiner merkt. Beim Training, beim Essen, völlig egal, wo ihr gerade seid. Das ist nicht der Blick eines Mannes, der nur ein bisschen reden möchte, wenn ihr endlich Zeit für euch habt.“
„Kankurō …“
„Ich sage ja nur.“ Er hob beschwichtigend beide Hände. „Es gibt gewisse Dinge, die ein Mann wissen sollte. Damit er nicht wie ein kompletter Anfänger dasteht.“
Ich atmete langsam aus. „Ich bin kein Kind mehr. Was auch immer du mir erklären willst, Kankurō, ich glaube nicht, dass ich es brauche.“
Zum ersten Mal seit Beginn des Gesprächs hielt er inne.
Dann hörte er auf zu grinsen und sein Gesicht nahm ernste Züge an.
„Nein. Das glaube ich auch nicht.“ Er musterte mich noch einmal. „Du bist in solchen Dingen vermutlich vernünftiger, als ich es in deinem Alter war.“
„Warum bist du dann hier?“
Die Frage schien ihn unerwartet zu treffen. Er zuckte mit den Schultern, und sein Blick wanderte kurz zur Seite. Plötzlich wirkte er nicht mehr ganz so selbstsicher.
„Weil es sonst niemand getan hätte.“ Er schwieg einen Augenblick, bevor er hinzufügte: „Und weil … ich weiß nicht. Weil ein großer Bruder so etwas eben macht. Auch wenn es ihm selbst peinlich ist.“
Ich sah ihn an.
Bis zu diesem Moment hatte ich angenommen, er sei hauptsächlich hier, um mich aufzuziehen. Das gehörte zu Kankurōs Wesen, und normalerweise ließ ich mich davon kaum noch überraschen. Doch hinter seinen unbeholfenen Andeutungen steckte etwas anderes. Er wollte sich um mich kümmern, auf die einzige Weise, die ihm in dieser Situation einfiel.
Vielleicht wusste er selbst nicht recht, wie er das anstellen sollte.
„Danke“, sagte ich schließlich. „Auch wenn es nicht nötig war.“
„Vielleicht nicht.“ Er stand auf und klopfte mir auf die Schulter. „Aber jetzt ist es gesagt. Und wehe, ihr macht mich in neun Monaten zum Onkel. Dann will ich als Erster Bescheid wissen.“
„Kankurō.“
„Schon gut, schon gut. Ich gehe ja.“ Er war bereits halb durch die Tür, als er sich noch einmal umdrehte. Sein gewohntes Grinsen war zurückgekehrt. „Pass gut auf sie auf, ja? Und auf dich selbst.“
„Das werde ich.“
„Gut.“
Dann verschwand er, und die Tür fiel hinter ihm ins Schloss.
Ich blieb noch einen Moment sitzen. Die Wärme in meinem Nacken war nicht vollständig verschwunden, doch sie wurde allmählich von einem anderen Gefühl verdrängt. Etwas Warmem, das sich in meiner Brust ausbreitete und sich nicht ganz als Verlegenheit einordnen ließ.
Kankurō hatte mich aufgezogen, wie er es immer tat. Trotzdem war er gekommen, weil er sich Gedanken machte. Vielleicht war das seine Art, mir zu zeigen, dass er sich freute, mich so zu sehen. Dass ich jemanden gefunden hatte, mit dem ich meine Zeit verbringen wollte.
Ich zog die restlichen Unterlagen zu mir heran und begann, sie zu ordnen. Die Bewegung war vertraut, beruhigend. Blatt für Blatt richtete ich die Dokumente aus, prüfte, ob etwas fehlte, und legte sie auf den Stapel für Baki.
Doch meine Gedanken kehrten immer wieder zu Kankurōs Besuch zurück.
Sollte ich etwas besorgen?
Der Gedanke kam so unvermittelt, dass ich kurz innehielt.
Es waren nicht seine Andeutungen, die mich beschäftigten. Es war vielmehr die Frage, die sich hinter seinen unbeholfenen Worten verbarg.
War ich vorbereitet?
Nicht nur auf das, was zwischen Amaya und mir geschehen könnte, sondern auch auf die praktischen Dinge, über die man in Suna selten offen sprach.
Ich wusste nicht einmal genau, wo ich es herbekommen sollte.
Vielleicht frage ich Baki.
Der Gedanke war kaum zu Ende gedacht, da verwarf ich ihn wieder. Baki würde vermutlich keine Fragen stellen. Er würde mir sagen, was ich wissen musste, und das Thema anschließend behandeln, als hätte es nie existiert. Dennoch wäre ich mir seines Wissens bei jeder unserer nächsten Begegnungen bewusst. Es würde unausgesprochen zwischen uns stehen, und allein die Vorstellung war unangenehm.
Vielleicht Temari.
Das war noch weniger ratsam.
Sie würde wahrscheinlich versprechen, niemandem etwas zu erzählen. Allerdings kannte ich meine Schwester gut genug, um zu wissen, dass dieses Versprechen nicht verhindern würde, dass sie mir anschließend eine ganze Reihe weiterer Fragen stellte. Vermutlich würde sie sich dabei nicht einmal die Mühe machen, ihre Neugier zu verbergen.
Ich legte die letzte Akte auf den Stapel und strich mit den Fingerspitzen über die Kanten, bis sämtliche Blätter exakt bündig lagen. Eine kleine, überflüssige Geste, die mir half, meine Gedanken wieder in eine klare Ordnung zu bringen.
Amaya würde es wahrscheinlich selbst regeln. Sie war selbstständig, wusste, was sie wollte, und sprach Dinge an, wenn sie es für nötig hielt. Vermutlich würde sie sich um alles kümmern, ohne ein Wort darüber zu verlieren.
Der Gedanke beruhigte mich zunächst.
Dann bemerkte ich, was daran nicht stimmte.
Ich wollte nicht, dass sie sich um alles kümmern musste, nur weil ich mich davor scheute, selber das zu regeln.
Wenn wir diese drei Tage gemeinsam verbringen wollten, dann lag es auch in meiner Verantwortung.
Ich musste nicht jede mögliche Situation im Voraus planen. Aber ich wollte vorbereitet sein, soweit es mir möglich war. Nicht aus der Erwartung heraus, dass etwas Bestimmtes geschehen musste, sondern weil ich ihr zeigen wollte, dass ich mir ebenso viele Gedanken machte wie sie.
Und weil ich nicht wollte, dass ausgerechnet meine Verlegenheit dazu führte, ihr etwas aufzubürden, das ich selbst übernehmen konnte.
Mein Blick fiel auf die Tür, durch die Kankurō verschwunden war.
Er hatte das Thema schließlich selbst zur Sprache gebracht. Vielleicht war es deshalb nur folgerichtig, ihn noch einmal damit zu behelligen. Er würde vermutlich grinsen, einige Kommentare machen, die ich am liebsten überhören würde, und sich wahrscheinlich für den Rest des Tages für außerordentlich hilfreich halten.
Aber er würde mir sagen können, wo ich das Nötige bekam, ohne dass am nächsten Morgen halb Suna davon wusste.
Das war Grund genug.
Ich nahm die Unterlagen für Baki an mich und stand auf. Die Entscheidung war gefallen.
Auf dem Heimweg würde ich kurz bei Kankurō in der Werkstatt vorbeischauen.
Mit diesem Entschluss verließ ich mein Büro und machte mich auf den Weg zu Baki, um die letzten Angelegenheiten zu übergeben.
Der Rest des Abends stand fest.
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Als ich endlich zu Hause ankam, fand ich Amaya im Wohnzimmer vor. Ein großes Tuch lag auf dem Boden, darauf standen mehrere Einkaufstaschen, bereits ordentlich nebeneinander gereiht.
Mein Blick blieb einen Moment an ihr hängen.
Noch vor wenigen Monaten hätte ich mir kaum vorstellen können, dass ihr Anblick in unserem Wohnzimmer einmal so selbstverständlich sein würde. Dass sie hier saß und mich mit einem Lächeln begrüßte, das nur für mich war.
Sie saß auf dem Boden und befüllte gerade eine vierte Tasche. Als sie zu mir aufsah, schenkte sie mir ihr wärmstes Lächeln.
„Na, fertig mit der Arbeit?“
Ich trat zu ihr, beugte mich hinunter und küsste sie auf den Kopf.
„Fertig ist bei meiner Arbeit wohl niemals möglich. Aber alles, was noch wichtig war, ist erledigt.“
Dann ließ ich mich neben ihr auf dem Boden nieder.
Es fühlte sich noch immer ungewohnt an, zu wissen, dass ich die nächsten drei Tage nicht erreichbar sein würde. Ein Teil von mir suchte bereits nach möglichen Problemen, die passieren könnten.
Ich schob den Gedanken beiseite.
Drei Tage würden Suna nicht ins Chaos stürzen.
Zumindest hoffte ich das.
„Was hast du alles gekauft?“, fragte ich und deutete auf die Taschen.
„Hauptsächlich Gemüse und Obst.“ Sie wies auf zwei der Beutel. „Reis, ein paar Snacks und Gewürze. Jetzt fehlen nur noch deine Sachen. Und dann müsste Luna auch bald da sein.“
„Dann werde ich wohl besser packen.“
Ich stand auf. Gleichzeitig wollte ich die Gelegenheit nutzen, meine Kageuniform gegen etwas Bequemeres einzutauschen. Wenn ich schon drei Tage frei nahm, musste ich nicht auch noch in der Kleidung herumlaufen, die mich jeden Tag an meine Pflichten erinnerte.
Im Schlafzimmer öffnete ich den Schrank und suchte die nötigen Sachen zusammen. Einige Wechselkleidungsstücke, ein dickeres Hemd für die kühlen Nächte in Amayas Heimat und ein paar bequeme Hosen wanderten in meine Tasche.
Ich hielt kurz inne, als mein Blick auf die Berichte fiel, die ich noch nicht vollständig durchgesehen hatte.
Für einen Moment erwog ich, einen davon mitzunehmen. Es wäre leicht gewesen, mir einzureden, dass ich ihn in einer ruhigen Stunde bearbeiten könnte. Vermutlich hätte ich damit sogar recht gehabt.
Doch ich kannte mich gut genug, um zu wissen, dass aus einem Bericht schnell zwei werden konnten, also ließ ich die Unterlagen liegen.
Drei Tage. Amaya hatte recht gehabt. Wenn ich mir schon frei nahm, dann sollte ich es auch ernst meinen.
Auf meinem Nachttisch entdeckte ich das schmale Buch, das dort seit Wochen lag. Ich hatte es angefangen, aber nie die Zeit gefunden, es zu Ende zu lesen.
Ich nahm es in die Hand und blätterte kurz durch die Seiten.
Es war nicht einmal besonders spannend. Trotzdem steckte ich es ein.
Amaya würde mit Luna oder den anderen Drachen genug zu besprechen haben, und ich wollte ihr diese Zeit lassen, ohne ständig daneben zu sitzen.
Außerdem hatte sie mir mehr als einmal gesagt, dass ich lernen musste, nicht jede freie Minute mit Arbeit zu füllen.
Vielleicht war ein Buch ein Anfang.
Dann blieb noch die kleine Packung, die ich seit dem Nachmittag unauffällig in meiner Hosentasche aufbewahrt hatte.
Ich zog sie hervor und betrachtete sie einen Moment. Allein ihr Anblick genügte, um mich an Kankurōs Besuch in meinem Büro zu erinnern.
“Und weißt du auch, was du tust, wenn ihr da ganz allein seid?“
In diesem Moment hätte ich ihn am liebsten vor die Tür gesetzt.
Jetzt musste ich mir allerdings eingestehen, dass seine Frage nicht völlig unberechtigt gewesen war.
Ich hatte mir Gedanken gemacht. Nicht darüber, ob etwas geschehen würde. Das konnte ich weder wissen noch wollte ich es voraussetzen. Doch falls wir diesen Schritt irgendwann gemeinsam gehen sollten, wollte ich nicht feststellen müssen, dass ich aus bloßer Verlegenheit etwas versäumt hatte, für das ich ebenso Verantwortung trug.
Ich drehte die Packung zwischen den Fingern.
Es war erstaunlich, wie viel Unbehagen ein derart kleiner Gegenstand auslösen konnte.
Amaya durfte sie nicht zufällig entdecken.
Nicht, weil ich mich dafür schämte. Es gab nichts, wofür ich mich schämen musste. Vielmehr wollte ich nicht, dass sie etwas darin sah, das ich gar nicht beabsichtigt hatte. Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, ich würde von ihr irgendetwas erwarten.
Die Packung war lediglich eine Vorsichtsmaßnahme.
Ich schob sie zwischen meine Kleidung, überlegte kurz, ob das Versteck sinnvoll war, und ordnete die Sachen noch einmal um. Nicht ganz oben, wo sie sofort ins Auge fallen würde. Aber auch nicht so tief, dass ich sie selbst kaum wiederfand.
Schließlich schloss ich die Tasche.
Damit war es erledigt.
Zumindest der praktische Teil.
Alles andere würde sich ergeben.
Mit diesem Gedanken ergriff ich die Tasche und kehrte ins Wohnzimmer zurück.
Amaya saß noch immer auf dem Boden und sortierte die letzten Dinge. „Fertig?“
Sie erhob sich mit einer Leichtigkeit, die mir vor wenigen Wochen noch unmöglich erschienen wäre.
Wenn man bedachte, wie schwer ihr jede Bewegung noch vor drei Wochen gefallen war, war der Anblick fast unwirklich.
Ihre Schnittwunden waren vollständig verheilt, nur noch feine Narben zeugten davon, wo einst offene Wunden gewesen waren. Auch die Brandwunde auf ihrer Haut war kaum noch zu erkennen, und weder ihre Schulter noch ihre Hüfte schränkten sie mehr in ihren Bewegungen ein.
Für einen flüchtigen Moment kehrte das Bild zurück, das sich mir auf dem Schlachtfeld eingebrannt hatte: Amaya, blutverschmiert und kaum bei Bewusstsein.
Ich hatte damals nicht gewusst, ob sie überleben würde.
Doch als ich wieder zu ihr sah, stand sie gesund vor mir. Lebendig. Mit diesem vertrauten, schelmischen Ausdruck in den Augen.
Erst jetzt bemerkte ich bewusst, was sie trug: ihre schwarze Kniebundhose und die kurzärmlige rote Kimonobluse. Das Drachenmal auf ihrem Unterarm hatte langsam an Farbe verloren. Es wirkte, als würde selbst dieses Zeichen ihrer Vergangenheit allmählich verblassen.
Vielleicht war es auch nur das Licht.
Ich blieb einen Moment an diesem Gedanken hängen, ehe Amaya mich mit einem leichten Anstoßen ihrer Schulter zurück in die Gegenwart holte.
„Na?“, fragte sie amüsiert. „Bist du jetzt fertig?“
„Ich bin fertig.“
Ich stellte meine Tasche zu den anderen. Gemeinsam falteten wir das große Tuch zusammen und ich hielt die Enden fest, während Amaya den Knoten zuzog und das Bündel so sicherte, dass nichts herausfallen konnte.
Sie prüfte den Halt mit einem kurzen Ruck und klatschte anschließend zufrieden in die Hände.
„So. Geschafft.“
Sie sah aus, als hätte sie gerade einen kleinen Feldzug erfolgreich beendet.
Als hätte Luna gespürt, dass wir bereit waren, begann die Luft vor uns zu flimmern. Der Raum schien sich für einen Augenblick zu verzerren, und im nächsten Moment stand sie mitten in unserem Wohnzimmer.
Angesichts ihrer Größe wirkte der Raum beinahe lächerlich klein.
„Guten Abend, ihr zwei“, begrüßte sie uns und ließ sich mit der geschmeidigen Bewegung einer übergroßen Katze zu Boden sinken.
Amaya war sofort bei ihr und schlang die Arme um ihren Hals.
Ich musste lächeln. Sie hatten sich erst vor zwei Tagen gesehen. Offenbar spielte das für Amaya keine Rolle. Wenn es um Luna ging, schien selbst die kürzeste Trennung lang genug zu sein, um eine Begrüßung zu rechtfertigen.
„Ich hoffe, ihr habt alles dabei“, sagte Luna und musterte das ordentlich verschnürte Bündel.
„Alles dabei“, bestätigte Amaya.
„Na dann. Alle an Bord! Der Drachenexpress startet in Kürze.“
Amaya schwang sich auf Lunas und ich kletterte wie gewohnt hinter sie auf den Rücken.
Drei Tage.
Drei Tage ohne Sitzungen, ohne Berichte, ohne die ständige Verantwortung. Drei Tage, in denen ich einfach Gaara sein durfte.
Und in denen ich bei Amaya sein konnte, ohne dass uns die nächste Verpflichtung bereits im Nacken saß.
Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich der Gedanke an freie Zeit nicht wie etwas an, das ich mir erst verdienen musste.
Luna packte das große Bündel. Vor uns begann die Luft erneut zu flimmern, und die vertraute Spannung einer bevorstehenden Teleportation legte sich über den Raum.
Amaya lehnte sich gegen mich und ich zog sie sanft an mich.
Dann verzerrte sich die Welt um uns herum und mit einem leisen Plopp waren wir verschwunden.