Auszeit die Erste (Gaaras Sicht)
Auszeit die Erste (Gaaras Sicht)
Luna setzte uns in der großen Vorhalle ab, die mir inzwischen vertraut vorkam, obwohl ich sie bisher nur ein einziges Mal gesehen hatte. Der Duft von Fels und Wasser lag in der Luft, vermischt mit etwas, das ich einfach als den Geruch dieses Ortes, Amayas Zuhause, benannte.
Es war ein merkwürdiges Gefühl.
Dieser Ort gehörte nicht zu Suna. Er gehörte nicht zu meinem Leben, zumindest nicht zu dem Leben, das ich bisher gekannt hatte. Und doch fühlte sich unsere Ankunft vertraut an.
Vielleicht lag es daran, dass Amaya hierhergehörte. Vielleicht auch daran, dass ich inzwischen wusste, dass ich willkommen war.
Wir luden unser Gepäck ab. Während Amaya die Einkäufe nahm und damit in Richtung Küche verschwand, griff ich nach unseren beiden Reisetaschen. Zum einen, weil es praktisch war. Zum anderen wollte ich die Gelegenheit nutzen, unsere Sachen in Ruhe unterzubringen.
„Ich bringe das schon mal rüber“, sagte ich.
Amaya nickte nur, ganz auf die Einkäufe konzentriert.
Im Schlafzimmer stellte ich ihre Tasche neben dem Futon ab und meine in die Ecke neben dem Schrank. Meine Hand glitt unwillkürlich zu der Stelle zwischen meinen Hemden, an der ich die kleine Packung verstaut hatte.
Sie lag noch dort.
Ich ließ sie, wo sie war, und schob den Gedanken daran beiseite. Es gab keinen Grund, mich jetzt schon wieder damit zu beschäftigen.
Als alles an seinem Platz war, kehrte ich ins Wohnzimmer zurück.
Luna hatte es sich inzwischen in der offenen Verandatür bequem gemacht. Ihr massiger Körper nahm beinahe den gesamten Durchgang ein, sodass zwischen ihrem Flügel und dem Türrahmen kaum noch Platz blieb. Selbst zusammengerollt reichte sie weit in den Raum hinein. Ihren Kopf hatte sie auf den Vorderpfoten abgelegt, während sie mit halb geschlossenen Augen in den Garten blickte.
Amaya saß ihr gegenüber auf dem Boden und erzählte von ihrem Training.
„…und dann hat Yuki es tatsächlich geschafft, uns alle zu finden. Wenn sie so weitermacht, müssen wir beim nächsten Mal den Suchradius erweitern“, erzählte sie, währen dich den Raum betrat.
Luna stieß ein tiefes, zufriedenes Schnauben aus. Vermutlich war das ihre Art zu lachen.
Amaya hatte bemerkt, dass ich zu ihnen gestoßen war und Richtete ihre Aufmerksamkeit auf mich.
„Möchtest du etwas trinken?“, fragte ich und bewegte mich zur Küchenzeile.
Amaya setzte ein Bein auf und stütze ihren Arm darauf. „Eigentlich wäre das mein Satz gewesen. Ich bin schließlich die Gastgeberin.“
Ich nahm zwei Tassen aus dem Regal und füllte sie mit Wasser.
„Ich bin nicht dein Gast“, erwiderte ich. „Diese Auszeit gönnen wir uns beide.“
Mit den Tassen kehrte ich zurück und setzte mich neben sie. Eine reichte ich ihr, die andere behielt ich selbst.
„Danke für dein Mitwirken, Gaara“, sagte sie mit einem amüsierten Lächeln.
Dann lehnte sie sich gegen meine Schulter und wandte sich wieder Luna zu.
Der Drache musterte uns beide mit einem Blick, den ich nicht recht deuten konnte.
Ich sah zwischen ihnen hin und her. Es war angenehm, ihnen zuzuhören, ohne das Gefühl zu haben, mich an der Unterhaltung beteiligen zu müssen. Für gewöhnlich war ich es gewohnt, jedes Gespräch aufmerksam zu verfolgen, jedes Wort einzuordnen und im Hinterkopf bereits mögliche Konsequenzen abzuwägen.
Hier musste ich das nicht.
Zumindest versuchte ich, es nicht zu tun.
„Was ist eigentlich der Plan für die nächsten Tage?“, fragte ich schließlich. „Und was kann ich tun, damit ihr euch nicht um mich kümmern müsst?“
Amaya drehte den Kopf zu mir. In ihren Augen blitzte Belustigung auf.
„Der Plan ist: nichts. Wortwörtlich. Wir kochen, wir reden, wir schlafen aus. Vielleicht sitzen wir ein bisschen am Fluss, wenn dir danach ist.“
Ich ließ die Worte einen Moment auf mich wirken.
Nichts.
Es klang beinahe wie eine Aufgabe, auf die ich mich erst vorbereiten musste.
„Und wenn ich trotzdem etwas beitragen möchte?“
Luna hob den Kopf von ihren Vorderpfoten. Ihre Augen richteten sich auf mich, und in ihrem Blick lag unverkennbar Belustigung.
„Dann kannst du beim Kochen helfen. Amaya schneidet Gemüse, als hätte es sie persönlich beleidigt.“
„Das stimmt überhaupt nicht“, protestierte Amaya.
Das Lächeln, das dabei um ihre Mundwinkel zuckte, entlarvte ihre Worte allerdings als Lügen.
„Dann helfe ich beim Kochen“, sagte ich.
Es überraschte mich selbst, wie leicht mir die Antwort über die Lippen kam. Kein Zögern, keine Unsicherheit. Nur die schlichte Freude darüber, etwas zu tun, das nichts mit meinem Amt zu tun hatte und mir dennoch einen Platz in diesem ungewohnt ruhigen Alltag gab.
Amaya schien mit meiner Entscheidung zufrieden zu sein. Sie nahm die ersten Zutaten und verschwand damit in der breiten Küchenzeile.
Ich folgte ihr.
Wie sich herausstellte, bedeutete beim Kochen helfen vor allem, Amayas Anweisungen möglichst genau auszuführen.
„Die Karotten kleiner.“
Ich betrachtete das Schneidebrett und die Karottenstücke, die ich gerade geschnitten hatte.
„Wie viel kleiner?“
Amaya sah mich an, als hätte ich soeben eine taktische Entscheidung von nationaler Bedeutung von ihr verlangt.
„Gaara. Einfach kleiner.“
Ich nahm eins der Stücken und teilte es noch mal durch.
„So?“
Sie warf einen kurzen Blick darauf.
„Ja.“
Von der Verandatür kam ein tiefes Schnauben.
Ich wandte den Kopf zu Luna. „Hast du etwas beizutragen?“
Der Drache legte den Kopf wieder auf ihre Vorderpfoten.
„Nein. Es ist nur lustig, euch zuzuhören.“
„Schön, dass wir dich unterhalten können, Luna“, sagte Amaya liebevoll über die Schulter hinweg.
Ich wandte mich wieder dem Schneidebrett zu. Offenbar war meine Arbeit nicht nur für die Zubereitung des Essens nützlich, sondern bot auch eine willkommene Unterhaltung für die beiden.
Damit konnte ich leben.
Als die Karotten geschnitten waren, reichte ich sie Amaya.
„Was kommt als Nächstes?“
„Die Frühlingszwiebeln müssen in Ringe geschnitten werden.“ Sie deutete auf einen Bund neben dem Schneidebrett. „Und die kommen anschließend mit in die Soße.“
Dann reichte sie mir eine Schale mit einer dunklen Flüssigkeit.
Ich sah von der Schale zu den Zwiebeln und wieder zurück.
„Soll ich alle schneiden?“
Der ganze Bund schien mir für die kleine Schale reichlich bemessen.
Amaya blickte auf die Zwiebeln, dann zu mir.
„Eine reicht.“
Ich zog eine der Frühlingszwiebeln aus dem Bund und wusch sie zunächst ab, bevor ich sie auf das Brett legte.
Ich hatte noch nie selbst gekocht. In Suna hatte es dafür kaum einen Anlass gegeben. Die Kantine versorgte die Shinobi, und wenn ich zu Hause aß, musste ich mich normalerweise nicht darum kümmern, wie das Essen auf den Tisch kam.
Mir war nie etwas dabei aufgefallen. Kochen war eine alltägliche Tätigkeit, die andere Menschen erledigten, während ich mich um meine eigenen Aufgaben kümmerte.
Doch jetzt, während ich neben Amaya stand und versuchte, die Frühlingszwiebeln in gleichmäßige Ringe zu schneiden, begriff ich, wie angenehm diese Einfachheit sein konnte.
Es gab nichts, worauf ich besonders achten musste. Ich musste lediglich zuhören, wenn Amaya mir erklärte, was als Nächstes zu tun war, und versuchen, ihre Anweisungen richtig umzusetzen.
Zwischendurch sprachen wir über Belanglosigkeiten. Amaya erzählte von ihren Genin, ich berichtete von den letzten Vorbereitungen in Suna, und Luna mischte sich immer wieder mit einem Kommentar ein, der meistens auf Kosten einer von uns beiden ging.
Mit jeder Minute fiel es mir leichter, mich auf das zu konzentrieren, was gerade vor mir lag.
Als alles fertig war, hatten wir auf dem Boden sitzend gegessen, die Schüsseln zwischen uns verteilt, und ich hatte gar nicht bemerkt, wie schnell die Zeit vergangen war. Erst als ich irgendwann aufblickte, stellte ich fest, dass es draußen längst dunkel geworden war.
Durch die offene Terrassentür drang das laute Zirpen der Grillen. Ihr gleichmäßiger Gesang vermischte sich mit dem entfernten Plätschern des Flusses und erfüllte den Raum mit einer Ruhe, die ich in Suna nur selten erlebte.
Luna war irgendwann mitten in unserem Gespräch verstummt. Sie lag quer im Wohnzimmer, den massigen Kopf auf ihren Vorderpfoten abgelegt und die Augen geschlossen. Ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig. Mit jedem Atemzug hoben und senkten sich ihre Flanken, und allein ihr Anblick ließ auch mich allmählich schläfrig werden.
Amaya streckte sich und unterdrückte ein leises Gähnen. Dann warf sie einen Blick zu ihrer schlafenden Schwester.
„Wenn sie einmal so daliegt, wacht sie sowieso nicht mehr auf“, sagte sie leise und beinahe amüsiert.
Sie begann, die leeren Schüsseln zusammenzustellen.
„Lass mich das machen.“
Ich nahm ihr den Stapel aus der Hand, bevor sie widersprechen konnte.
Sie ließ es zu und schenkte mir ein kleines, dankbares Lächeln.
Während ich das Geschirr in die Küche trug, hörte ich, wie sie sich noch einmal zu Luna hinunterbeugte und ihr etwas ins Ohr murmelte. So leise, dass ich die Worte nicht verstehen konnte.
Vermutlich ein Abschiedsgruß für die Nacht.
Als ich mich wieder umdrehte, stand Amaya bereits in der Tür zum Flur.
„Ich würde mich jetzt fürs Bett fertig machen. Willst du mitkommen?“
Ich sah sie an. „Mitkommen … wohin genau? Ins Bad oder nur ins Schlafzimmer?“
Amaya blinzelte. Dann zuckte ihr Mundwinkel, und sie presste die Lippen zusammen, als müsste sie ein Lachen zurückhalten.
„Ich meinte eigentlich … in die Richtung.“ Sie deutete vage den Flur entlang. „Aber wenn du es genau wissen willst: erst ins Bad und dann ins Bett.“
Sie sagte es so selbstverständlich, als würde sie mir den Weg zum Kageturm beschreiben.
„Ich wollte nur nichts falsch verstehen“, erklärte ich.
„Das habe ich gemerkt.“
Ihr Schmunzeln wurde weicher. Sie betrachtete mich einen Augenblick, bevor sie hinzufügte: „Das mag ich übrigens an dir.“
Ich spürte, wie mir die Wärme bis in die Ohren stieg. Es war erstaunlich, wie mühelos sie mich manchmal aus dem Gleichgewicht bringen konnte, ohne überhaupt etwas Besonderes zu tun.
„Dann komme ich mit“, sagte ich schließlich.
Amaya löste sich vom Türrahmen und streckte mir wortlos die Hand entgegen. Ich nahm sie. Ihre Finger fühlten sich kühl an, und als sie meine Hand schloss, zog sie mich mit sich in den Flur, direkt zum Badezimmer.
Dort teilten wir uns zunächst auf. Ich musste meine Waschsachen noch aus meiner Tasche holen, die im Nebenraum stand, während Amaya bereits alles im Badezimmer für sich hatte.
Für einen Moment blieb ich im Schlafzimmer stehen und sah auf meine Tasche.
Es war ein einfacher Abend gewesen. Und vielleicht war es genau das, was mir so viel bedeutete.
Ich folgte Amaya, um mich ebenfalls für die Nacht fertig zu machen.
Als ich wenig später ins Schlafzimmer zurückkehrte, saß Amaya bereits umgezogen auf dem Bett und flechtete sich die Haare zu ihrem nächtlichen Zopf. Durch das obere Fenster fiel das Mondlicht schräg in den Raum und tauchte sie in einen sanften, silbernen Schimmer.
Ich blieb einen Moment in der Tür stehen und betrachtete sie.
Sie saß ganz selbstverständlich dort, konzentriert auf ihre Hände, deren Bewegungen so geübt waren, dass sie kaum hinsehen musste. Ihre Finger fanden wie von selbst die richtigen Strähnen, während ihre Gedanken offenbar längst woanders waren.
Es war eine dieser kleinen, unscheinbaren Szenen, die mir vor Augen führten, wie viel ich inzwischen über sie wusste. Dinge, die mir früher nie aufgefallen wären. Wie sie sich vor dem Schlafengehen die Haare zuband. Wie sie ihre Sachen zurechtlegte. Wie selbstverständlich sie sich inzwischen in meinem Leben bewegte.
Sie bemerkte mich und wandte den Kopf in meine Richtung. Den Haargummi hielt sie zwischen den Lippen, während sie das Ende ihres Zopfes zusammenband. Eine beiläufige Geste, nichts Besonderes eigentlich. Und doch wirkte sie auf eine Weise niedlich, die mich für einen Moment innehalten ließ.
Niedlich?
Ich ließ das Wort in Gedanken nachklingen. Ja, tatsächlich. Sie war niedlich. Besonders dann, wenn sie zu mir aufsah, mit diesen großen, gelben Augen, die mich manchmal an eine kleine Katze erinnerten. Jedes Mal setzte mein Herz für einen kurzen Augenblick aus.
Und ich war vermutlich nicht gerade derjenige, der das objektiv beurteilen konnte. Aber wenn jemand das Recht hatte, sie niedlich zu finden, dann wohl ich.
Mit einer letzten routinierten Bewegung befestigte sie den Zopf und nahm den Haargummi aus dem Mund.
„Was ist? Du starrst mich so an“, fragte sie leicht verwundert. Ein Lächeln lag auf ihren Lippen.
„Ich habe nur nachgedacht.“
„Worüber?“ Beide Augenbrauen wanderten nach oben.
Ich trat näher. „Darüber, wie vertraut mir das hier inzwischen vorkommt.“ Mein Blick blieb auf ihr liegen. „Noch vor einem Jahr hätte ich mir nicht vorstellen können, dir beim Haareflechten zuzusehen.“
Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich. Die anfängliche Neckerei wich einem weicheren, beinahe nachdenklichen Lächeln.
„Mir auch nicht“, gab sie leise zu.
Ich ließ mich neben ihr auf den Futon sinken. Die Matratze gab unter meinem Gewicht leicht nach. Für einen Moment dachte ich an nichts anderes als daran, wie selbstverständlich sich unsere Leben inzwischen miteinander verwoben hatten. Etwas, das ich mir früher kaum hätte vorstellen könne.
Amaya legte sich neben mich. Mein Arm fand wie von selbst den Weg unter ihren Nacken und zog sie näher zu mir, bis sie sich warm an meine Seite schmiegte. Ihr Atem strich ruhig über meine Haut.
„Weißt du“, murmelte sie und legte den Kopf an meine Schulter, „ich glaube, das hier war lange überfällig.“
„Was genau?“
„Einfach das.“ Sie machte eine vage Handbewegung, die den Raum, das Haus und die Stille draußen einzuschließen schien. „Nichts tun müssen. Nirgendwohin müssen. Nur … sein.“
Ich strich ihr eine lose Strähne aus dem Gesicht. Unter meiner Berührung entspannte sie sich ein wenig.
„Das können wir öfter machen, wenn du möchtest“, sagte ich leise. „Einfach sein.“
Sie sah zu mir auf. In ihrem Blick lag dieselbe Ruhe, die auch ich empfand. Kein Drängen, keine Erwartung. Nur die Nähe dieses Augenblicks.
Ich beugte mich zu ihr hinunter. Sie kam mir entgegen, noch bevor ich sie ganz erreicht hatte.
Unser Kuss begann langsam und ohne Eile. Wir hatten keinen Grund, uns zu beeilen. Zumindest für diese drei Tage mussten wir auf nichts anderes achten als aufeinander. Ihre Hand legte sich an meinen Nacken und hielt mich sanft dort, während sich der Kuss allmählich vertiefte. Er war warm und vertraut, getragen von dem schlichten Wunsch, einander nahe zu sein.
Meine freie Hand fand ihren Rücken und glitt in ruhigen Bewegungen darüber. Durch den dünnen Stoff spürte ich die Wärme ihrer Haut, während ihre Finger in mein Haar wanderten.
Ihre Lippen schmeckten noch immer süß nach den Nektarinen, die wir zum Nachtisch gegessen hatten.
Amaya richtete sich ein wenig auf, ohne den Kuss zu unterbrechen, und bewegte sich auf mich. Ihr Gewicht ruhte nun auf mir, sodass ich sie mit beiden Armen umfassen konnte. Ich wollte gerade meine Hände unter ihr Shirt schieben, um ihren Rücken direkt zu berühren, als sie sich von mir löste.
Ihre Augen funkelten im schwachen Mondlicht. Sie sah mich auf eine Weise an, die mir den Atem stocken ließ. Für einen Moment schien sie in meinem Gesicht nach etwas zu suchen, nach einer Bestätigung vielleicht, die sie eigentlich längst haben sollte.
Dann stützte sie sich neben meinem Kopf ab und beugte sich ein wenig zu mir hinunter.
„Ich liebe dich, Gaara“, hauchte sie.
Für einen Augenblick wusste ich nicht, was ich antworten sollte.
Nicht, weil mir die Worte fehlten.
Ich hatte sie mir selbst längst eingestanden. In jener Nacht auf der Stadtmauer. An ihrem Krankenbett, als ich nicht einmal wusste, ob sie mich hören konnte. Doch sie jetzt von ihr zu hören, war etwas völlig anderes.
Amaya sah mich ohne jeden Zweifel an, als wäre es die selbstverständlichste Wahrheit.
Ein großer Teil meines Lebens hatte ich geglaubt, Liebe sei etwas, das anderen Menschen vorbehalten war. Etwas, das ich beobachten, vielleicht verstehen, aber niemals selbst erfahren durfte.
Doch sie lag vor mir, sah mich an und sagte diese Worte, als hätten sie schon immer zu uns gehört.
„Ich liebe dich auch, Amaya.“
Diesmal musste ich nicht darüber nachdenken.
Für einen Moment gab es nur ihre Augen und das Glück, das darin lag. Sie sah mich nicht flüchtig an. Sie war ganz hier. Bei mir.
Ich zog sie zu mir und erwiderte ihre Liebeserklärung mit einem Kuss.
Eine Welle der Erleichterung durchströmte mich. Ich schloss die Augen und spürte, wie sich etwas löste, das ich seit Wochen mit mir herumgetragen hatte. Amaya gab einen leisen, zufriedenen Laut von sich und erwiderte den Kuss mit einer Hingabe, die mich beinahe den Verstand verlieren ließ.
Meine Hände glitten über ihren Rücken und schoben ihr Shirt langsam ein Stück nach oben. Ihre Haut fühlte sich weich und warm unter meinen Fingern an. Darunter spürte ich die vertrauten Linien ihrer Muskeln und die kleinen, kaum sichtbaren Narben, die von dem Krieg geblieben waren, den wir beide überlebt hatten.
Sie stöhnte leise in unseren Kuss hinein. Der Laut ging mir durch den ganzen Körper. Ihre Zunge berührte meine sacht, eine vorsichtige Einladung, der ich nur zu gern folgte. Der Kuss wurde intensiver, bis ich kaum noch zwischen ihrem Atem und meinem unterscheiden konnte.
Mit jeder Berührung wuchs das Verlangen, sie noch näher bei mir zu spüren. Meine Hand wanderte höher über ihren Rücken, und mein eigener Atem wurde schwerer. Mein Körper reagierte auf ihre Nähe, während mein Verstand zunehmend Mühe hatte, einen klaren Gedanken zu fassen.
Doch irgendwo zwischen diesem Verlangen und dem Augenblick selbst meldete sich ein leiser, beharrlicher Gedanke.
Nicht heute Nacht.
Es war unsere erste Nacht dieser Auszeit. Die erste von drei Tagen, die wir uns bewusst füreinander freigehalten hatten. Ich wollte nichts überstürzen, nur weil wir uns gerade unsere Liebe gestanden hatten.
Für einen Moment erschreckte mich beinahe, wie sehr mein Körper danach verlangte, diesen Augenblick weiterzuführen. Als müsste ich ihr durch jede Berührung beweisen, wie viel sie mir bedeutete.
Dabei musste ich ihr nichts beweisen.
Ich wollte diesen Abend nicht von Erwartungen bestimmen lassen. Nicht einmal von meinen eigenen.
Also zwang ich mich, langsamer zu werden. Ich ließ meine Hände zur Ruhe kommen, auch wenn jeder Teil von mir etwas anderes wollte. Behutsam drehte ich mich mit ihr zur Seite, sodass sie neben mir statt auf mir zu liegen kam. Wir blieben noch einen Moment eng aneinandergeschmiegt, bevor ich den Kuss schließlich löste.
Dann legte ich meine Stirn an ihre und wartete, bis sich unsere Atemzüge wieder beruhigten.
„Was ist?“, murmelte sie.
Ihre Stimme klang rau, ihre Augen waren leicht glasig.
„Nichts“, antwortete ich leise. „Ich wollte nur … einen Moment innehalten.“
Sie sah mich an, als würde sie hinter meinen Worten nach der eigentlichen Antwort suchen. Dann nickte sie langsam. In ihrem Blick lag ein Verständnis, das mich beinahe mehr berührte als jede weitere Berührung es in diesem Augenblick vermocht hätte.
„Wir haben Zeit“, sagte sie leise. Fast so, als würde sie sich selbst daran erinnern.
„Ja“, stimmte ich zu. „Das haben wir.“
Ich küsste ihre Stirn. Es war eine stille Geste, mit der ich ihr zeigen wollte, wie viel mir ihr Vertrauen bedeutete. Wie viel mir diese Nähe bedeutete, ganz unabhängig davon, wohin sie uns noch führen würde.
Sie sah mich zärtlich an, inzwischen deutlich schläfriger. Dann strich sie mir ein letztes Mal über die Wange, griff hinter sich nach der Decke und zog sie über uns beide.
Anschließend schmiegte sie sich wieder an mich. Ihren Kopf bettete sie auf meiner Brust, eine Hand lag locker auf meinem Herzen, als wollte sie dessen Schläge zählen.
Ich strich ihr sanft über den Rücken.
Es dauerte nicht lange, bis sie einschlief. Ihr Atem wurde gleichmäßig, und ihr Kopf ruhte noch immer an meiner Schulter.
Ich blieb wach und betrachtete die Schatten an der Decke. Draußen zirpten die Grillen, und irgendwo in der Ferne rauschte der Fluss.
Drei Tage.
Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich nichts geplant.
Und zum ersten Mal störte mich das nicht.
Ende Oktober wird es hier weiter gehen, aber ihr könnt euch auf noch zwei neue Kapitel freuen nach dem 12 Kapitel. Ich habe Gaara in der Anfangsphase nicht ausreichend genug beleuchtet und seine Geschwister kommen auch zu kurz.