mehr Rätsel als Antworten (Gaaras Sicht)
mehr Rätsel als Antworten (Gaaras Sicht)
Amaya wartete bereits am Tor von Konoha, als wir uns näherten. Schon von Weitem winkte sie uns zu.
Ich fragte mich, ob ich mich täuschte oder ob sie sich tatsächlich freute, uns wiederzusehen.
Vielleicht lag es auch an Temari, die Amaya sofort in ein Gespräch verwickelte, kaum dass wir das Tor durchschritten hatten. Die beiden schienen sich bereits gut zu verstehen. Amaya wirkte deutlich offener als auf unserer Hinreise und erzählte bereitwillig von den Ländern, die sie während ihrer Reisen gesehen hatte. Von den Nebelküsten im Wasserreich, den kargen Bergpässen im Erdreich und kleinen Dörfern, deren Namen mir unbekannt waren.
Ich hörte mehr zu, als ich mich am Gespräch beteiligte.
Auf der Hinreise hatte Amaya sich meist auf das Nötigste beschränkt. Sie war aufmerksam und höflich gewesen, hatte aber nur selten etwas von sich aus erzählt. Jetzt sprach sie, ohne bei jeder Antwort abzuwägen, wie viel sie preisgeben wollte. Selbst ihre Gesten wirkten ungezwungener.
Vielleicht hatte die Nähe zu ihrer Heimat etwas damit zu tun. Möglicherweise fiel es ihr leichter, sich zu öffnen, wenn sie sich in vertrauter Umgebung befand.
Ich wusste es nicht. Es war lediglich eine Vermutung.
Die Zeit vergingen schneller, als ich erwartet hatte.
Als wir am Abend wieder in der Gaststätte in Hacho saßen, fiel mir auf, wie sehr sich mein Bild von Amaya seit unserer ersten Begegnung verändert hatte.
Sie lachte über Kankurōs neckische Bemerkungen, tauschte mit Temari gelegentlich Blicke aus, deren Bedeutung mir verborgen blieb, und beteiligte sich an Gesprächen, die sie auf der Hinreise vermutlich nur höflich verfolgt hätte.
Sie war noch immer dieselbe Shinobi. Aufmerksam, fähig und zurückhaltend, wenn es darauf ankam. Doch inzwischen bekam ich auch andere Seiten von ihr zu sehen.
Es war, als hätte sie sich allmählich an uns gewöhnt. An Temaris direkte Art, an Kankurōs ständige Scherze und vielleicht sogar an meine Anwesenheit.
Der Gedanke ließ mich einen Moment innehalten.
Auf unserer Hinreise hatte ich mich gefragt, warum Amaya mich so anders behandelte als meine Geschwister. Jetzt fragte ich mich, wann sich diese Distanz gelockert hatte. Sie sprach zwar noch immer weniger mit mir als mit Temari, doch ihre Zurückhaltung fühlte sich nicht mehr ganz so ausgeprägt an.
Ich hatte keinen Grund, mich darüber zu beklagen. Im Gegenteil.
Es war angenehmer, sie so zu erleben. Unsere Reise wirkte weniger wie ein Auftrag, bei dem uns eine fremde Shinobi aus Konoha begleitete, und mehr wie eine gemeinsame Unternehmung, bei der jeder seinen Platz gefunden hatte.
Amaya gehörte inzwischen beinahe selbstverständlich dazu.
Und als ich mir vorstellte, dass sie nach unserer Ankunft in Suna wieder ihrer Wege gehen würde, stellte ich fest, dass mir dieser Gedanke nicht besonders gefiel.
Ich nahm einen weiteren Bissen und richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf das Gespräch.
Es gab keinen vernünftigen Grund, darüber nachzudenken.
Schließlich war Amaya unsere Begleiterin. Mehr nicht.
„Will jemand von euch noch mit an den See?“, fragte Amaya in die Runde, als die letzte Schale geleert war.
„Ich bin raus“, antwortete Kankurō prompt.
„Ich auch“, murmelte Temari gähnend. Sie stand auf und folgte ihrem Bruder zur Treppe.
„Gute Nacht, ihr beiden“, sagte Amaya und erhob sich ebenfalls. Dann wandte sie sich an mich. „Was ist mit Ihnen, Lord Kazekage?“
Ich zögerte.
Der Tag war lang gewesen. Die Verhandlungen in Konoha hatten mehr Kraft gekostet, als ich erwartet hatte, und ein Teil von mir sehnte sich nach Ruhe. Ich hätte mich ohne Weiteres zurückziehen können.
Trotzdem wollte ich den Abend nicht schon beenden.
Ich hatte noch einiges über Amaya erfahren wollen, seit sie auf dem Rückweg so viel offener geworden war. Bisher hatte sich selten eine Gelegenheit ergeben, mit ihr allein zu sprechen. Vielleicht würde sich das am See ändern.
„Ich komme mit“, sagte ich schließlich und stand auf.
Gemeinsam traten wir hinaus in die Abendluft.
Die Straßen Hachos lagen bereits im Dämmerlicht. Die meisten Geschäfte hatten geschlossen, und nur vereinzelt drangen noch Stimmen aus den Häusern. Hinter geöffneten Fenstern hörte man gedämpftes Lachen und das Klappern von Geschirr. Es roch nach Holzrauch und dem Essen, das in den Küchen zubereitet worden war.
Der Weg zum See war nicht weit. Wir folgten einer schmalen Straße, die zwischen den Häusern hindurchführte und sanft bergab verlief.
Der See lag am Fuß der Stadt, eingebettet zwischen zwei Bergketten. Das Wasser war dunkel und ruhig. Nur hier und da spiegelten sich die Lichter der Häuser auf der Oberfläche, während sich am Himmel die ersten Sterne zeigten.
Am Ufer waren noch einige Menschen unterwegs. Zwei Kinder liefen lachend an uns vorbei, und auf einer Bank saß ein älteres Paar, das sich leise unterhielt. Weiter draußen auf dem Wasser schaukelte ein kleines Boot, dessen Laterne einen schwachen Lichtschein über die Wellen warf.
Wir liefen die Promenade entlang. Nebeneinander, ohne zu sprechen.
Ich fragte mich, ob Amaya in Konoha ebenfalls solche Spaziergänge mit Naruto unternahm. Laut Naruto waren die beiden gute Freunde, obwohl Amaya ihn auf unserer Reise nie erwähnt hatte. Dabei schien er einen festen Platz in ihrem Leben zu haben.
„Wie kommt es, dass du mit Naruto so gut befreundet bist, Amaya?“
Ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Er hat sich einfach nie abweisen lassen. In den ersten Wochen an der Akademie habe ich es wirklich versucht. Ich habe ihn ignoriert und kaum geantwortet, wenn er mit mir reden wollte. Aber er kam trotzdem jeden Tag wieder, setzte sich neben mich und redete, als würde es ihn überhaupt nicht stören, dass ich kein Wort zurückgab.“
„Das klingt nach ihm.“
Naruto konnte vermutlich mehr reden als Temari und Kankurō zusammen.
„Irgendwann war es anstrengender, ihn zu ignorieren, als ihm einfach zuzuhören.“ Sie wandte den Blick zum Wasser. Ihr Lächeln verblasste ein wenig. „Er wusste, dass ich auch allein war. Ohne Familie. Vielleicht hat ihn das so hartnäckig gemacht.“
Für einen Moment wirkte sie traurig. Ich wusste, dass ihre Eltern gestorben waren, als sie zwölf gewesen war. Mehr hatte sie darüber nicht erzählt, und ich hatte nicht nachgefragt.
Es schien nicht viele Menschen zu geben, die Amaya wirklich an sich heranließ. Naruto gehörte offenbar dazu. Vielleicht inzwischen auch Temari.
Der Gedanke blieb mir im Kopf, während wir weitergingen. Ich fragte mich, ob Amaya schon immer so zurückhaltend gewesen war oder ob sie erst mit der Zeit gelernt hatte, andere auf Abstand zu halten. Eine Antwort darauf hatte ich nicht.
Bald wurde die Promenade schmaler und führte zu einem kleinen Holzsteg, der ein Stück weit in den See hinausragte. Amaya ging bis ans Ende und setzte sich auf die Kante. Ihre Füße baumelten knapp über der Wasseroberfläche.
Ich ließ mich neben ihr nieder.
Vor uns spiegelten sich die Lichter der Stadt auf dem dunklen Wasser. Hinter uns waren die Stimmen der Menschen nur noch gedämpft zu hören. Die Stille zwischen uns fühlte sich nicht unangenehm an. Nach dem langen Tag war sie beinahe willkommen.
Eine Weile sagte keiner von uns etwas. Dann wandte Amaya den Kopf zu mir.
„Wie ist Suna aus ihrer Sicht, Lord Gaara? Bisher haben mir nur ihre Geschwister von eurer Stadt erzählt.“
Ich sah sie an.
„Du hältst immer noch an meinem Titel fest. Selbst jetzt.“
Sie hob leicht eine Augenbraue. „Gewohnheit. Was ist mit meiner Frage?“
„Ich hatte gehofft, dass sich das inzwischen geändert hätte.“
Ich wollte nicht, dass sie mich ständig wie den Kazekage behandelte. Zumindest nicht, wenn wir unter uns waren. Bei meiner Ankunft in Konoha hatte sie sich an die üblichen Höflichkeitsformen gehalten, und auf der Hinreise hatte ich keinen Grund gesehen, darauf zu bestehen. Inzwischen störte mich die Distanz, die dadurch zwischen uns blieb, mehr, als sie sollte.
Einen Moment lang sagte sie nichts. Ich war mir nicht sicher, ob ich zu weit gegangen war.
Dann huschte ein kleines Lächeln über ihre Lippen. Es wirkte anders als das höfliche Lächeln, das sie bei offiziellen Anlässen zeigte. Ungezwungener.
„Na gut“, sagte sie schließlich. „Aber nur, wenn du mir etwas über Suna erzählst. Aus der Sicht des Kazekage.“
„Abgemacht.“
Es war nur eine kleine Veränderung. Trotzdem hatte ich das Gefühl, etwas erreicht zu haben, auch wenn ich nicht genau sagen konnte, weshalb mir das wichtig war.
Ich überlegte kurz, wie ich ihre Frage beantworten sollte. Temari hatte zuerst von den Märkten, den vertrauten Straßen und den Menschen erzählt. Sie kannte die Stadt gut und wusste, was Besuchern gefiel. Doch Amaya wollte meine Sicht hören, also versuchte ich, ihr nichts zu erzählen, das nur gut klang.
„Suna ist rauer als viele andere Dörfer“, begann ich. „Das Klima ist hart. Die Menschen können es ebenfalls sein. Aber das bedeutet nicht, dass sie kein Herz haben. Wenn sie dich erst einmal als einen der Ihren akzeptiert haben, gibt es kaum etwas, das sie nicht für dich tun würden.“
Ich hielt kurz inne. Es war schwierig, einen Ort zu beschreiben, den man sein ganzes Leben lang gekannt hatte. Vieles erschien einem selbstverständlich, bis jemand danach fragte.
„Das klingt nicht besonders einladend“, bemerkte Amaya.
„Es ist auch nicht das, was die meisten Menschen sich unter einem schönen Ort vorstellen.“
Ich richtete den Blick auf den See. Vor meinem inneren Auge sah ich die Felsen am Rand Sunas, die sich im Licht der untergehenden Sonne verfärbten, und die Dünen, die sich bis zum Horizont erstreckten.
„Aber kurz vor Sonnenuntergang gibt es einen Moment, in dem der ganze Sand golden wird. Fast wie flüssiges Metall. Von der Stadtmauer aus kann man dann meilenweit sehen. Nichts als Dünen, bis zum Horizont.“
Amaya betrachtete mich schweigend, ihr Blick nachdenklich, fast so, als würde sie das Bild, das ich gerade gezeichnet hatte, in sich aufnehmen und mit dem vergleichen, was sie bisher gehört hatte.
„Es ist kein leichter Ort“, fügte ich hinzu. „Trotzdem ist es meine Heimat.“
Sie ließ den Blick wieder über das Wasser wandern.
„Das klingt", sagte sie schließlich, „nach einem Ort, an dem man lernt, was wirklich zählt."
Ich dachte kurz über ihre Worte nach. Vielleicht hatte sie recht. In Suna konnte man sich nicht lange auf Dinge verlassen, die keinen Bestand hatten. Man lernte früh, worauf es ankam und für wen man Verantwortung trug.
„Wenn du Suna wirklich kennenlernen willst, solltest du nicht nur auf das hören, was wir dir erzählen“, sagte ich. „Schau es dir selbst an und bilde dir eine eigene Meinung.“
Amaya sah mich wieder an. „Das werde ich. Und dann treffen wir uns wieder, und ich erzähle dir, wie ich Suna sehe.“
„So soll es sein.“
Ich erhob mich. Es war spät geworden, und am nächsten Morgen mussten wir früh aufbrechen. Amaya stand ebenfalls auf, und gemeinsam gingen wir zurück in die Stadt.
Auf dem Rückweg sprach sie kaum noch. Ihr Blick war auf die Straße gerichtet, doch sie schien mit den Gedanken woanders zu sein. Vielleicht dachte sie über Suna nach. Vielleicht hatte unser Gespräch Erinnerungen geweckt, über die sie lieber allein nachdachte.
Ich fragte nicht nach.
Als wir das Gasthaus erreichten, wünschten wir uns eine gute Nacht. Im Flur trennten sich unsere Wege.
„Gute Nacht, Gaara“, sagte sie, bevor sie zu ihrem Zimmer ging.
„Gute Nacht, Amaya.“
Als ich unser Zimmer betrat, schnarchte Kankurō bereits. Ich zog meine Sandalen aus und legte mich hin.
Der Tag war lang gewesen. Die Verhandlungen, die Reise und die Gespräche hatten mehr Kraft gekostet, als ich erwartet hatte. Trotzdem dachte ich noch eine Weile an unseren Spaziergang zurück.
Amaya hatte mir von Naruto erzählt, ohne viel darüber preiszugeben, was sie selbst empfand. Und ich hatte versucht, ihr Suna zu beschreiben, obwohl mir erst während des Gesprächs klar geworden war, wie schwer es war, die eigene Heimat in Worte zu fassen.
Ich fragte mich, wie sie die Stadt wohl sehen würde, wenn sie sie mit eigenen Augen erlebte.
Dann schloss ich die Augen. Morgen würden wir unsere Reise fortsetzen. Für weitere Gedanken blieb später Zeit.
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Die Sonne ging gerade erst auf, als wir uns am nächsten Morgen, an die Durchquerung des kleine Grenzland machten. Der Wald war vertraut geworden, ebenso die zahlreichen Flüsse, die unseren Weg kreuzten. Wir kamen gut voran und würden das Land des Windes voraussichtlich noch vor Mittag erreichen.
Doch kurz vor der Grenze wurden wir überfallen.
Fünf Shinobi versperrten uns den Weg. Keiner von ihnen trug ein Stirnband, an dem sich ihre Herkunft hätte erkennen lassen. Söldner oder abtrünnige Shinobi. Beides war möglich.
Die Atmosphäre veränderte sich schlagartig. Die Männer verteilten sich auf der Straße und versperrten uns jeden direkten Fluchtweg.
„Ihr bleibt zurück“, befahl Amaya und trat vor, noch bevor einer von uns reagieren konnte.
Der erste Angreifer stürmte auf sie zu. Er holte aus, doch Amaya wich nicht zurück. Sie packte seinen Arm, zog ihn nach unten und rammte ihm das Knie in den Magen. Noch während er zusammensackte, griffen die anderen an.
Was folgte, erinnerte mich an ihren Kampf bei der Chūnin-Auswahlprüfung. Amaya bewegte sich schnell und präzise, ohne eine Bewegung zu verschwenden.
Sie fing einen Gegner aus der Luft ab, schleuderte ihn gegen den nächsten, duckte sich unter einem Schlag hindurch und traf den vierten mit einem präzisen Tritt in die Rippen.
Ihre Taktik war beeindruckend. Doch mir blieb keine Zeit, sie genauer zu beobachten.
Weitere Gegner stürmten aus dem Unterholz. Kankurō und Temari wurden ebenfalls angegriffen, und innerhalb weniger Augenblicke waren wir in einen Kampf verwickelt, der deutlich größer war, als es zunächst den Anschein gehabt hatte.
Ich wehrte einen Angriff mit meinem Sand ab und brachte den Gegner zu Fall. Gleichzeitig versuchte ich, die Lage zu überblicken. Es waren mehr Shinobi, als ich zuerst angenommen hatte.
Dann hörte ich Amayas Stimme.
„Verschwindet hier!“
Ein kräftiger Windstoß fegte über die Straße und schleuderte drei Angreifer zurück. Für einen Moment geriet selbst der Staub zwischen den Bäumen durcheinander.
Temari blickte zu ihr. „Bist du sicher?“
„Vertraut mir!“
Amaya wartete unsere Antwort nicht ab. Sie drehte sich um und rannte in den Wald.
Die Angreifer reagierten beinahe gleichzeitig. Sie ließen von uns ab und setzten ihr nach, als hätten sie nur auf diese Gelegenheit gewartet.
Ich verstand nicht, was sie vorhatte. Doch Amaya hatte uns angewiesen, zu fliehen, und ihre Entscheidung schien die Gegner genau dorthin zu lenken, wo sie sie haben wollte.
Ich wandte mich zur Grenze und setzte mich mit meinen Geschwistern in Bewegung.
Wir liefen, bis der Kampfeslärm hinter uns verstummte. Erst dann wurde mir klar, was mich die ganze Zeit gestört hatte.
Die Angreifer hatten sich nicht für uns alle interessiert.
Sie waren Amaya gefolgt.
Ich blieb so abrupt stehen, dass Temari beinahe mit mir zusammenstieß.
„Sie ist ihr Ziel“, sagte ich.
Noch während ich mich umdrehte, hörte ich Temari meinen Namen rufen.
„Gaara!“
Ich reagierte nicht. Ich konnte jetzt keine Zeit damit verschwenden, ihr meine Entscheidung zu erklären. Wenn ich mich irrte, würde ich es früh genug feststellen. Wenn nicht, zählte jede Minute.
Ich rannte zurück in den Wald.
Die Luft rauschte an meinen Ohren vorbei. Meine Gedanken überschlugen sich, während ich versuchte, den Ablauf des Angriffs zu rekonstruieren.
Wie hatte ich das übersehen können?
Ich war der Kazekage. Es war meine Aufgabe, Gefahren zu erkennen und die Menschen unter meinem Schutz sicher nach Suna zurückzubringen. Amaya war als unsere Begleiterin eingeteilt worden, und ich hatte zugelassen, dass sie sich allein den Angreifern stellte.
Dabei hatte ich nicht einmal gewusst, ob sie deren eigentliches Ziel war.
Die Stelle, an der sie im Wald verschwunden war, lag noch voller Spuren des Kampfes. Aufgewühlte Erde, abgebrochene Zweige und tiefe Furchen im Boden zeugten davon, wie heftig die Auseinandersetzung gewesen sein musste.
Dass Amaya es mit zehn Shinobi aufnehmen konnte, bezweifelte ich nicht. Wer einer Sondereinheit angehörte und S-Rang-Missionen ausführte, war kein gewöhnlicher Gegner.
Trotzdem machte ich mir Sorgen.
Ich zwang mich, mich auf die Spuren zu konzentrieren, und folgte ihnen tiefer in den Wald. Die Bäume standen hier dichter, ihre Kronen ließen nur wenig Sonnenlicht hindurch. Zwischen den Stämmen war es kühl und still. Kein Kampfeslärm, keine Stimmen.
Dann erreichte ich eine Lichtung.
Ich blieb stehen.
Bäume lagen entwurzelt am Boden, einige ihrer Stämme waren angesengt. Die Erde war an mehreren Stellen aufgerissen, Kunai steckten im Boden und in der Rinde der umliegenden Bäume. Zwischen den Grashalmen entdeckte ich dunkle Blutflecken.
Doch ich sah niemanden.
Weder Amaya noch ihre Angreifer.
„Amaya!“
Meine Stimme hallte zwischen den Bäumen wider. Ich wartete, lauschte, rief erneut.
Keine Antwort.
Für einen Moment breitete sich ein Gedanke in meinem Kopf aus, den ich sofort wieder verdrängen wollte. Was, wenn sie verletzt worden war? Was, wenn die Angreifer sie mitgenommen hatten?
Ich durfte keine voreiligen Schlüsse ziehen. Die Spuren bewiesen lediglich, dass hier ein heftiger Kampf stattgefunden hatte. Nicht, wie er ausgegangen war.
Ich sah mich genauer um. Am Rand der Lichtung entdeckte ich Abdrücke im feuchten Boden, die zwischen den Bäumen hindurch in Richtung eines Flusses führten.
Ich folgte ihnen.
Der Wald wurde wieder dichter. Das Rauschen des Wassers war zunächst kaum wahrnehmbar, doch mit jedem Schritt wurde es lauter, bis ich schließlich das Ufer erreichte.
Der Fluss war breit und strömte zügig zwischen den bewaldeten Ufern hindurch. An einer Stelle schimmerte das Wasser rötlich. Blut.
Ich folgte dem Flussufter. Wenige Schritte flussaufwärts entdeckte ich eine Gestalt, die am Wasser hockte.
Amaya.
Die Anspannung, die sich seit meiner Umkehr in mir aufgebaut hatte, ließ ein wenig nach. Sie lebte. Zumindest schien sie nicht schwer genug verletzt zu sein, um sich nicht mehr selbstständig bewegen zu können.
Sie hatte den linken Unterarm ins Wasser gehalten und wusch eine Wunde aus. Ihr Degen steckte neben ihr im Boden.
Ich ging auf sie zu, ohne mich besonders leise zu bewegen. Trotzdem musste sie mich erst im letzten Moment bemerkt haben.
Amaya fuhr herum und griff reflexartig nach ihrem Degen. Ihre Bewegung war schnell, beinahe schon auf halbem Weg zum Angriff, als ihr Blick auf mich fiel.
Sie hielt inne.
Die Anspannung wich aus ihren Gesichtszügen, und sie ließ die Hand sinken.
„Gaara, was machst du hier? Ich habe euch gesagt, ihr sollt verschwinden. Warum bist du zurückgekommen?"
Ihre Stimme klang vorwurfsvoll, doch sie bemühte sich, höflich zu bleiben. Vermutlich erinnerte sie sich daran, dass ich der Kazekage war und sie als unsere Begleitschutzshinobi eingeteilt worden war. Trotzdem hatte ich den Eindruck, dass sie lieber mit mir geschimpft hätte, als sich Gedanken über die richtige Anrede zu machen.
Ich hockte mich neben sie. „Ich konnte dich nicht zurücklassen.“
Sie sah mich kurz an, als hätte sie mit dieser Antwort nicht gerechnet.
„Damit hast du dich unnötig in Gefahr gebracht.“
Sie stützte sich auf ihren Degen und richtete sich auf. Ihre Bewegungen waren kontrolliert, doch ihre Atmung ging schwerer als zuvor. Sie war erschöpft, auch wenn sie sich alle Mühe gab, es nicht zu zeigen.
„Ein Ninja lässt niemanden zurück“, erwiderte ich und zitierte damit den ersten Paragraphen des Ninja-Eids.
Sie sah mich nicht an. Wortlos zog sie ihre Waffe aus dem Boden, wandte sich ab und setzte sich in Bewegung.
„Lass uns gehen.“
Ihre Schritte waren zunächst sicher, doch schon nach wenigen Schritten geriet sie leicht ins Schwanken. Sie fing sich sofort wieder und ging weiter, als wäre nichts geschehen.
Mein Blick glitt über sie, auf der Suche nach einer Erklärung. Die einzige Verletzung, die ich erkennen konnte, war der Schnitt an ihrem Unterarm. Nicht besonders tief, soweit ich beurteilen konnte. Nichts, das ihre Bewegungen derart beeinträchtigen sollte, schon gar nicht bei einer Kunoichi wie Amaya.
Trotzdem stimmte etwas nicht.
Ich sagte nichts, beobachtete sie jedoch aufmerksam. Sie zwang sich, weiterzugehen, und allein das ließ mich daran zweifeln, dass sie tatsächlich in Ordnung war.
„Was wollten sie von dir?“, fragte ich schließlich.
„Das spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass sie weg sind.“
Ihre Antwort kam schnell. Zu schnell, um mich zufriedenzustellen.
Ich sah sie von der Seite an. Sie wich meinem Blick aus und ging weiter, als wäre damit alles gesagt.
Ich ließ die Frage vorerst unbeantwortet zwischen uns stehen, auch wenn ich wusste, dass diese Banditen anders waren. Sie waren gut ausgebildet und schienen ein Ziel zu haben, was nicht ich war.
Wer wusste schon, welche Aufträge Amaya in letzter Zeit übernommen hatte, dass jemand sie verfolgte? Sobald wir wieder in Sunagakure waren, musste ich das überprüfen lassen. Ich wollte wissen, wer hinter diesem Angriff steckte und ob von ihnen noch eine Gefahr ausging.
Meine Gedanken wurden unterbrochen, als Amaya sich plötzlich auf einen umgestürzten Baum setzte. Sie wirkte erschöpft. Dann beugte sie sich vor und vergrub das Gesicht in den Händen.
Ich setzte mich sofort neben sie.
„Was ist los?“
„Es geht gleich wieder“, murmelte sie.
Ich musterte sie kurz, bevor ich ihr meine Wasserflasche reichte. Sie nahm sie entgegen und trank sie in einem Zug leer.
Als sie sich wieder aufrichten wollte, griff ich nach ihrem Arm und hielt sie zurück.
„Nein. Du bleibst sitzen.“ Ich betrachtete ihr Gesicht. Ihre Wangen waren auffällig gerötet. „Du bist völlig rot im Gesicht.“
„Das liegt am Gift“, erwiderte sie beiläufig.
Für einen Moment sah ich sie einfach nur an.
„Du bist vergiftet und sagst nichts?“
„Hätte es etwas geändert?“ Ihre Stimme klang gereizt. „Wir haben kein Gegengift. Oder hast du etwas anderes in deinem Kürbis als Sand?“
Ich ignorierte ihren Tonfall. Sie hatte recht, was das Gegengift betraf. Trotzdem machte es die Sache nicht besser.
„Je mehr du dich bewegst, desto schneller wirkt es.“
Sie holte bereits Luft, vermutlich um mir zu widersprechen.
„Ich trage dich“, warf ich sofort ein, ehe sie etwas sagen konnte.
„Nein, tust du nicht.“
Ich sah sie an.
Diese Frau war sturer als meine Schwester. Und das wollte etwas heißen.
„Wieso nicht?“
Sie stand auf. „Weil …“, setzte sie und brach ab.
Ich beobachtete sie aufmerksam. Für einen Moment schien sie mit sich selbst zu ringen. Als hätte sie bereits eine Entscheidung getroffen, zögerte aber noch, sie umzusetzen. Mein Blick blieb auf ihr, während ich versuchte zu verstehen, was sie zurückhielt.
War es meine Anwesenheit?
Bevor ich nachfragen konnte, zog sie ein Kunai und stach sich damit in den Finger.
„Bitte, großer Drache, verzeihe mir“, murmelte sie.
Ich richtete mich auf.
Sie formte rasch eine Reihe von Fingerzeichen – Hund, Schwein, Vogel, Affe, Drache – und schlug die Hand auf den Boden.
Ein Puff aus weißem Rauch verschluckte sie für einen Augenblick.
Als sich der Dunst verzog, stand etwas vor uns, das meinen Blick unwillkürlich nach oben wandern ließ.
Die Kreatur war gut doppelt so groß wie ich. Ihre kräftigen Hinterbeine und der lange Schwanz bildeten ein stabiles Dreieck, auf dem sie mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit aufrecht stand. Ihr Oberkörper war gerade, die Arme vor der Brust verschränkt. Ein länglicher Hals führte zu einem reptilienartigen Kopf, an dem lange Ohren entspannt nach hinten lagen.
Dann sah sie mich an.
Blaue, mandelförmige Augen musterten mich mit einer Gelassenheit, die beinahe irritierend war.
Ein Drache.
Ein lebender Drache stand vor mir, als hätte sich eine alten Sagen aus dem Reich der Geschichten gelöst und eine Gestalt angenommen.
Ich ließ mir meine Überraschung nicht anmerken, auch wenn ich für einen Moment nicht wusste, was ich zuerst hinterfragen sollte: die Existenz dieser Kreatur oder die Tatsache, dass Amaya sie beschworen hatte, ohne mir auch nur ein Wort davon zu sagen.
Der Drache betrachtete mich weiter. Seine Haltung blieb entspannt.
„Dir ist bewusst, dass eine weitere Person anwesend ist?“, fragte er. Seine Stimme klang eher verwirrt als vorwurfsvoll.
„Natürlich", antwortete Amaya.
Der Drache betrachtete sie einen Augenblick, ehe er sich auf die Vorderbeine sinken ließ. „Einmal nach Suna?“
„Direkter Weg.“ Ohne zu zögern schwang Amaya sich auf seinen Rücken.
Ich sah zwischen den beiden hin und her. Offenbar hatten sie das bereits miteinander geklärt, bevor ich überhaupt verstanden hatte, was hier vor sich ging.
„Willst du nun mitkommen, oder stehen bleiben?“, fragte der Drache. Seine Stimme war überraschend ruhig.
„Wir könnten ihn zurücklassen“, brummte die Bestie.
„Luna“, ermahnte Amaya das Felltier. „Höflichkeit ist für dich heute ein Fremdwort.“
Mit einem demonstrativen Schnauben ging Luna noch etwas tiefer in die Knie.
Ich trat näher und setzte mich hinter Amaya auf den breiten Rücken des Drachen. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich keine Ahnung hatte, wo ich mich festhalten sollte. Ich kam nicht mehr dazu, es herauszufinden.
Luna stieß sich mit solcher Kraft vom Boden ab, dass mir für einen Moment der Atem stockte. Instinktiv griff ich nach Amaya und hielt mich an ihr fest, während ich mich dicht an ihren Rücken presste.
Dann sprengte ein gewaltiger Satz uns durch die Baumwipfel.
Der Boden verschwand unter uns.
Ich hob den Kopf und sah, wie sich die mächtigen Flügel des Drachen ausbreiteten. Der Wind schlug mir entgegen, kalt und unerbittlich, während Luna uns mit kräftigen Flügelschlägen in die Höhe trug.
Für einen kurzen Moment war ich damit beschäftigt, meinen Griff nicht zu verlieren und meinen Magen davon zu überzeugen, dass diese Reise eine gute Idee gewesen war.
Dann zwang ich mich, den Blick nach vorn zu richten. Wenn Luna ihr Versprechen hielt, würden wir die Stadt auf dem Luftweg schneller erreichen. Und das war entscheidend.
Amaya war vergiftet. Jede Minute, die wir verloren, konnte ihren Zustand verschlimmern.
„Alles in Ordnung da hinten?!“, rief Amaya gegen den Wind.
„Ja!“, brachte ich hervor.
Mein Magen war anderer Meinung.
Wir flogen parallel zur untergehenden Sonne. Am Horizont zeichnete sich bereits die Felsenform von Suna ab und unter uns erstreckte sich ein endloses, goldenes Meer aus Sand. Das letzte Licht des Tages ließ die Dünen beinahe glühen.
„Wir müssen nach Temari und Kankurō Ausschau halten“, fiel mir plötzlich wieder ein. Ich hatten mich im Wald von ihnen getrennt, und sie wussten vermutlich nicht, wo wir waren.
„Kannst du die beiden nicht informieren, dass wir auf dem Weg sind?“, fragte Amaya.
Ich blinzelte. Natürlich konnte ich das.
Ich hätte meinen Sand längst einsetzen können, um nach ihnen zu suchen. Stattdessen hatte ich mir Gedanken darüber gemacht, wie wir sie finden sollten, obwohl die Antwort direkt an meinem Rücken hing.
Ich hätte mir am liebsten mit der freien Hand gegen die Stirn geschlagen, doch angesichts unserer Höhe verzichtete ich darauf.
Vorsichtig löste ich mit einer Hand den Verschluss meiner Kürbisflasche. Ein dünner Strom Sand löste sich daraus und wurde vom Wind erfasst. Ich konzentrierte mich auf die feinen Körner und ließ sie sich in der Umgebung ausbreiten.
Es war einfacher, als nach ihnen Ausschau zu halten. Mein Sand konnte ein weitaus größeres Gebiet absuchen, als es mir von hier oben möglich gewesen wäre.
Ich ließ ihn weiter vordringen, bis ich schließlich die vertrauten Chakra-Signaturen wahrnahm.
Temari und Kankurō.
Ich lenkte den Sand in ihre Richtung und gab ihnen damit eine Spur, der sie folgen konnten. Es dauerte ungefähr zehn Minuten, bis ich sicher war, dass sie den richtigen Weg eingeschlagen hatten.
Erst dann zog ich den Sand wieder zu mir zurück.
Ich wollte Amaya gerade Bescheid geben, dass ich meine Geschwister gefunden hatte, als sie plötzlich zur Seite kippte.
Ich fing sie auf, bevor sie vom Rücken des Drachen rutschen konnte.
„Was machst du?!“
Sie versuchte, sich wieder aufzurichten, doch ihre Bewegung blieb kraftlos.
„Mir ist schwindelig …“
Ich zog sie etwas näher an mich, um sie zu stabilisieren. „Willst du dich ausruhen?“
„Ja.“
Ihre Antwort kam leiser als zuvor. Sie musste zwischen den Worten Luft holen.
Ich sah sie an. Bis eben hatte sie noch so getan, als wäre alles in Ordnung. Nun konnte sie nicht einmal mehr aufrecht sitzen, ohne sich abzustützen.
Amaya um Hilfe bitten zu hören, war ungewöhnlich genug. Dass sie ihre Schwäche so offen zugab, beunruhigte mich mehr, als ich zeigen wollte.
„Wenn du es schaffst, uns beide auf Luna zu halten“, fügte sie hinzu. Selbst dieser Satz kostete sie sichtbar Kraft.
„Was muss ich tun?“
„Drück die Beine gegen ihren Bauch. Dann rutschst du ein Stück näher zu mir und greifst ihr Fell am Hals.“ Sie hielt kurz inne, um Atem zu holen. „Das sollte reichen.“
Ich tat, was sie mir erklärte, und rückte näher an sie heran.
Als sie sich gegen mich lehnte, spürte ich, wie viel Gewicht sie inzwischen auf mich verlagerte.
Ihr Atem ging schwer und unregelmäßig.
Ich blickte auf ihr Gesicht. Ihre Augen waren halb geschlossen, und sie wirkte, als koste es sie Mühe, überhaupt wach zu bleiben.
„Geht es so?“, fragte ich leise.
Sie nickte kaum merklich.
Ich festigte meinen Halt um sie, damit sie bei Lunas nächsten Flügelschlägen nicht das Gleichgewicht verlor.
„Versuch, dich auszuruhen“, sagte ich. „Ich halte dich.“
Ich wusste nicht, ob sie mich noch gehört hatte. Sie lehnte bereits mit geschlossenen Augen an mir.
Mein Blick richtete sich nach vorn. Suna war jetzt deutlich zu erkennen.
Noch vor Sonnenuntergang setzte Luna uns außerhalb der Stadt ab, zwei Dünen von den Toren entfernt. Die letzten Sonnenstrahlen tauchten den Sand in ein tiefes Orange, beinahe wie glühende Asche.
Luna drehte den Kopf zu mir.
„Pass gut auf sie auf“, sagte sie leise. „Sie vertraut dir. Also tue ich es auch.“
Ich erwiderte ihren Blick und nickte.
„Und erinnere dich: Du hast mich nicht gesehen.“
„Verstanden.“
Mehr sagte ich nicht. Ich wusste nicht, was genau hinter Amayas Beschwörung steckte, aber das war eine Frage für später.
Vorsichtig hob ich sie auf meine Arme.
Ihr Kopf sank gegen meine Schulter. Sie war warm, doch sie reagierte nicht.
Ich zog sie etwas näher an mich, um ihren Kopf zu stützen, und setzte mich in Bewegung.
Das Krankenhaus.
Alles andere konnte warten.
Ich beschleunigte meine Schritte, sobald die Tore in Sicht kamen. Meine Gedanken kreisten bereits um die Fragen, die ich den Ärzten stellen musste: welches Gift in ihrem Körper war, wie weit es sich ausgebreitet hatte und was getan werden konnte, um seine Wirkung aufzuhalten.
Ich hätte früher erkennen müssen, wie schlecht es ihr ging.
Der Gedanke kam ungelegen. Ich verdrängte ihn nicht, aber ich erlaubte ihm auch nicht, mich aufzuhalten.
Amaya brauchte Hilfe. Und ich würde dafür sorgen, dass sie sie bekam.