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Mitternacht in Suna (Gaaras Sicht)

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Mitternacht in Suna (Gaaras Sicht)

Ich saß wie so oft in meinem Büro und starrte auf einen Bericht, der sich zäher las als trockener Sand. Die Abendsonne warf rötliche Streifen durch das Fenster, doch selbst ihr Licht konnte nichts daran ändern, dass die Zeilen vor meinen Augen allmählich ineinander verschwammen.

Es klopfte leise an der Tür.

„Herein“, sagte ich, ohne aufzusehen.

Die Tür öffnete sich. Als ich die Stimme der Besucherin hörte, hob ich den Kopf.

„Guten Abend, Gaara-sama.“

Amaya stand im Türrahmen und lächelte. Es war nur ein kleines, unaufdringliches Lächeln und trotzdem bewirkte es, dass sie meine volle Aufmerksamkeit hatte.

„Guten Abend. Was kann ich für dich tun?“, räusperte ich mich.

„Ich wollte dir die Akten zurückgeben.“

Sie trat an meinen Schreibtisch und ließ die Unterlagen mit einem dumpfen Plumps darauf fallen.

Ich sah auf den Stapel. „Du hast die schon alle durchgearbeitet?“

Sie nickte. „Und ich wollte dich nach einem Auftrag für meine Gruppe fragen. Nichts Großes. Etwas, bei dem sie lernen, als Team zusammenzuarbeiten.“

„Verstehe.“

Ich stand auf und ging zum Aktenregal. Dort lagen mehrere Schriftrollen mit Missionen, die für junge Genin geeignet waren.

„Sehen wir mal, was sich finden lässt.“

Während ich die Unterlagen durchsah, fragte ich: „Wie lief dein Unterricht heute?“

„Ziemlich gut. Ich habe mit den fünf einen Übungskampf gemacht, um mir einen Überblick über ihre Fähigkeiten zu verschaffen.“ Sie legte nachdenklich einen Finger an die Lippen. „Ach, weißt du, wo ich Chakrapapier herbekomme?“

Ich wandte mich zu ihr um. „Wofür brauchst du es?“

„Ich möchte einen Chakratest mit ihnen machen. Ich will wissen, welches Basiselement sie beherrschen, damit ich besser ihre individuellen Fähigkeiten fördern kann.“

Das klang sinnvoll.

„Ich frage Baki danach.“

Ich zog eine Schriftrolle aus dem Regal und überflog die Angaben. Eine einfache Mission, die sich für eine junge Gruppe eignen sollte. Ich nahm sie mit zum Schreibtisch und reichte sie Amaya.

„Hier. Ich hoffe, sie passt zu euch.“

Sie entrollte das Papier und las die Beschreibung. Während ihre goldenen Augen über die Zeilen glitten, blieb mein Blick an ihrem Gesicht hängen.

War es das Licht, das durch das Fenster fiel, oder wirkten ihre Augen heute dunkler als sonst? Das Training hatte sie vermutlich einiges an Kraft gekostet. Trotzdem sah sie nicht besonders erschöpft aus.

Ich wandte mich wieder meinen Unterlagen zu.

„Danke für die Mission, Gaara“, sagte sie.

Als ich aufsah, lächelte sie mich erneut an.

Es war bemerkenswert, wie mühelos ihr das gelang. Sie musste nichts Besonderes sagen oder tun. Ein Lächeln genügte, und die Atmosphäre im Raum veränderte sich.

„Gern.“

„Und was hast du heute so gemacht?“

Ihre Frage überraschte mich. „Büroarbeit.“

„Nur?“

Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück. „Die Arbeit als Kazekage ist zwar verantwortungsvoll, aber nicht besonders abwechslungsreich.“

„Warst du heute draußen?“

„Nein... Heute nicht.“

Sie sah mich einen Moment lang an.

„Gehst du überhaupt manchmal raus?“

Ich blinzelte.

Wann war ich eigentlich das letzte Mal einfach so draußen gewesen?

Ich überlegte kurz. Abgesehen von dienstlichen Angelegenheiten fiel mir nichts ein. Wahrscheinlich war ich zuletzt auf der Rückreise aus Konoha länger an der frischen Luft gewesen.

Amayas Gesichtsausdruck verriet mir, dass sie meine Antwort bereits kannte.

„Du warst nicht draußen“, stellte sie fest.

Es klang nicht wirklich vorwurfsvoll. Eher so, als hätte sie etwas bemerkt, das ihren Werten nicht entsprach.

„Ich hatte einiges zu erledigen.“

„Das glaube ich dir.“ Sie verschränkte die Arme. „Aber du kannst nicht den ganzen Tag in diesem Büro sitzen.“

Ich hätte darauf hinweisen können, dass die Aufgaben eines Kazekage nicht von selbst erledigt wurden. Allerdings war mir bewusst, dass sie damit nicht ganz unrecht hatte.

Bevor ich etwas erwidern konnte, stellte sie eine weitere Frage.

„Hast du heute Abend etwas vor?“

Überrascht sah ich sie an.

„Außer dem Stapel hier? Nein.“

Sie warf einen Blick auf meinen Schreibtisch. „Ist das dringend?“

Ich betrachtete die Akten. Einige davon waren wichtig. Andere konnten ohne Weiteres bis morgen warten.

„Nicht wirklich.“

„Gut.“ Ihr Lächeln wurde ein wenig breiter. „Dann hast du ja Zeit. Wollen wir etwas zusammen unternehmen?“

„Ja.“ Die Antwort kam schneller, als ich beabsichtigt hatte. Sie war heraus, bevor ich überhaupt darüber nachdenken konnte.

Amaya grinste kurz.

„Super! Dann hole ich dich in einer halben Stunde ab.“

„Amaya, warte...“

Doch sie war bereits auf dem Weg zur Tür.

„Bis gleich!“

Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss.

Ich blieb in meinem Stuhl sitzen und sah einen Moment lang auf die Stelle, an der sie eben noch gestanden hatte.

Dann blickte ich auf die Akten.

Vor wenigen Minuten hatte ich mich gefragt, wie ich diesen Bericht endlich zu Ende bringen sollte. Jetzt war das plötzlich nicht mehr mein größtes Problem.

Ich wusste nicht, was Amaya geplant hatte. Ich wusste nicht einmal, wohin wir gehen würden.

Aber ich hatte zugesagt, ohne nachzufragen.

Nach einem kurzen Blick auf die Uhr legte ich den Bericht beiseite.

Es waren noch dreißig Minuten.

Ich beschloss, sie sinnvoll zu nutzen, und wandte mich wieder meinen Unterlagen zu. Doch obwohl ich die nächste Seite aufschlug, schweiften meine Gedanken immer wieder zu der Frage ab, was sie wohl vorhatte.

Die halbe Stunde zog sich länger hin, als sie sollte. An konzentriertes Arbeiten war kaum noch zu denken. Immer wieder schweiften meine Gedanken zu Amaya ab. Zu ihrer Stimme, ihrer aufmerksamen Art und der Selbstverständlichkeit, mit der sie Dinge bemerkte, die anderen entgingen.

Ich wusste nicht, wann ich mich zuletzt so auf etwas gefreut hatte, dessen Ausgang ich nicht einmal kannte.

Als es endlich klopfte, hob ich den Kopf. Mein Herz schlug schneller, als es dafür einen vernünftigen Grund gab.

„Herein.“

Die Tür öffnete sich, und für einen Moment vergaß ich, was ich sagen wollte.

Amaya hatte sich umgezogen. Sie trug eine dunkelviolette Tunika mit weiten Trompetenärmeln, dazu eine schwarze Hose und schlichte Sandalen. Ihr braunes Haar fiel offen bis zu ihrer Taille und bewegte sich bei jedem Schritt leicht mit. Über der Schulter hing eine kleine Umhängetasche.

Sie sah anders aus als sonst.

Auf unserer Reise war sie die entschlossene Jōnin gewesen, die zehn Ninjas in die Flucht geschlagen hatte. Jetzt wirkte sie weniger wie eine Shinobi im Dienst und mehr wie jemand, der den Abend einfach genießen wollte.

Ich brauchte einen Moment, um mich wieder zu sammeln.

„Du siehst immer so beschäftigt aus“, neckte sie mich.

„Das liegt daran, dass ich es bin“, erwiderte ich und legte die Akte beiseite.

Ich stand auf und schob meinen Stuhl an den Schreibtisch zurück.

Amayas Lächeln wurde ein wenig weicher.

„Fertig?“

Ich nickte.

„Gut. Dann lass uns gehen.“

Ich schaltete das Licht aus, kontrollierte aus Gewohnheit noch einmal den Schreibtisch und folgte ihr zur Tür.

Für heute konnte die Arbeit warten.

---

Draußen war inzwischen die Dämmerung hereingebrochen. Nach und nach leuchteten die Laternen Sunas auf, wie kleine Glühwürmchen in einem Meer aus Sand. Die Hitze des Tages ließ langsam nach und machte einer angenehmen Kühle Platz.

„Wohin wollen wir gehen?“, fragte Amaya.

„Das kommt darauf an, worauf du Lust hast.“ Also hatte sie keinen festen Plan gehabt. Als Jonin war sie sehr organisiert und aufmerksam, als Amaya, so schien es mir, ließ sie gerne Dinge auf sich zu kommen.

„Wollen wir etwas essen? Ich habe noch nicht zu Abend gegessen.“

„Gerne. Wo möchtest du hin?“

Sie sah mich an, als hätte ich etwas Offensichtliches übersehen.

„Du musst entscheiden. Ich kenne die Stadt doch gar nicht.“

Ich überlegte kurz. Es gab durchaus einige Lokale, die ich kannte. Nicht, weil ich oft dort gewesen wäre, sondern weil ein Kazekage zwangsläufig wusste, wo sich die Bewohner seines Dorfes gerne trafen, welche Küchen einen guten Ruf genossen und welche Wirte man besser mied. Nur hatte ich dieses Wissen bisher selten für mich selbst genutzt.

„Es gibt ein kleines Lokal am Rand des Marktviertels“, sagte ich schließlich. „Es ist nicht besonders bekannt, aber einige der Ältesten gehen gerne dorthin. Es ist ruhig. Ich glaube, das könnte dir gefallen.“

Amayas Blick wurde neugierig.

„Warst du schon einmal dort?“

„Nein", gab ich zu, und ein Anflug von Verlegenheit schlich sich doch noch in meine Stimme. „Ich kenne nur den Ruf des Lokals. Es wäre also für uns beide das erste Mal.“

Ein kleines Lächeln huschte über ihre Lippen.

„Dann finden wir es eben gemeinsam heraus.“

Wir zogen gemeinsam los, gingen Seite an Seite durch die Straßen. Ich bemerkte, wie Amayas Blick immer wieder an den Häusern, den Schildern und den kleinen Geschäften hängen blieb. Sie schien Dinge wahrzunehmen, an denen die meisten Menschen achtlos vorbeigingen. Manchmal verlangsamte sie kurz ihre Schritte, um etwas genauer zu betrachten, bevor sie weiterging.

Obwohl sie bereits viel von der Welt gesehen hatte, war sie meines Wissens noch nie in Suna gewesen. Ihre Neugier überraschte mich nicht. Trotzdem fragte ich mich, wie sie unser Dorf wohl wahrnahm. Für mich war es Heimat. Für sie war es ein fremder Ort, den sie gerade erst kennenlernte.

„Warst du während deiner Reisen jemals hier?“, fragte ich. „In Suna?“

Amaya schüttelte den Kopf.

„So weit in den Süden bin ich damals nicht gekommen.“

„Verstehe.“

Die Wüste war kein Gebiet, das man ohne Vorbereitung durchqueren sollte. Zwischen dem Norden und Suna lagen weite Sandflächen, in denen Wasser knapp war und heftige Sandstürme selbst erfahrene Reisende überraschen konnten. Für jemanden, der die Gefahren unterschätzte, konnte eine solche Reise tödlich enden.

Ich sah zu Amaya hinüber.

„Der Weg hierher ist nicht ungefährlich. Besonders, wenn man die Wüste nicht kennt.“

Sie nickte und ließ den Blick über die sandfarbenen Häuser wandern.

„Dann bin ich froh, dass ich Suna jetzt auf diesem Weg kennenlernen kann.“

---

Wir erreichten das kleine Restaurant am Rand des Marktviertels. Laternen und bunte Papierschirme schmückten den Eingang, während auf der Terrasse warmes Licht auf die Holztische fiel. Es war gemütlich und ruhig. Nur wenige Gäste saßen draußen.

„Draußen oder drinnen?“, fragte ich.

„Draußen“, antwortete Amaya ohne zu zögern.

Ich zog ihr den Stuhl zurecht, so, wie ich es bei anderen Männern schon beobachtet hatte. Sie schien sich nichts dabei zu denken, sondern setzte sich einfach. Ich nahm ihr gegenüber Platz.

Kurz darauf brachte ein Kellner Tee und zwei Speisekarten.

Während ich die Karte durchblätterte, sah ich gelegentlich zu Amaya hinüber. Sie studierte das Angebot mit einer Ernsthaftigkeit, die mich beinahe schmunzeln ließ. Ab und zu tippte sie sich nachdenklich mit einem Finger gegen die Lippen.

Dabei rutschte ihr Ärmel ein Stück zurück und gab den Blick auf die Bandagen an ihrem rechten Handgelenk frei.

Sie trug diesen Schutz also tatsächlich ständig.

„Und? Hast du dich entschieden?“, fragte sie plötzlich.

Ich sah auf meine Speisekarte. „Ja.“

Das stimmte nicht ganz. Ich hatte mich bisher mehr mit ihr als mit dem Essen beschäftigt.

Wir bestellten mehrere Gerichte, und für eine Weile fühlte sich der Abend erstaunlich gewöhnlich an. Kein politisches Gespräch, keine Berichte, keine dringenden Entscheidungen. Nur wir beide an einem Tisch.

Als der Kellner gegangen war, nutzte ich die Gelegenheit, eine Frage zu stellen, die mich schon länger beschäftigte.

„Woher kommst du eigentlich, Amaya? Laut dem Bericht aus Konoha bist du erst vor fünf Jahren dorthin gezogen.“

Sie nahm einen Schluck Tee.

„Ich stamme aus einem kleinen, namenlosen Dorf.“

Sie sah mich dabei nicht an. An ihrer Stimme war nichts Auffälliges, aber ich hatte das Gefühl, dass hinter dieser knappen Antwort mehr steckte.

„Hast du dort noch Verwandte?“

Sie seufzte leise.

„Nein. Mein ganzer Clan ist bereits vor meiner Geburt ums Leben gekommen.“

Clan?

Es war das erste Mal, dass sie dieses Wort benutzte. Ihr Blick huschte kurz zur Seite, als wäre ihr selbst erst im Nachhinein bewusst geworden, was sie gerade preisgegeben hatte.

Ich dachte an Luna, den großen weißen Drachen, den ich auf unserer Reise gesehen hatte. Amaya hatte eine ungewöhnliche Verbindung zu ihr. Nun sprach sie auch noch von einem Clan, von dem in ihren Unterlagen nichts stand.

Wie viele Dinge gab es, die ich über sie nicht wusste? Die selbst der Hokage mir nicht mitgeteilt hatte?

„In welchem Verhältnis stehst du eigentlich zu diesem weißen Drachen?“

Amaya hob den Kopf. Überraschung lag in ihrem Gesicht, doch sie wich meinem Blick nicht aus. Ihre Haltung wurde allerdings merklich angespannter.

„Du meinst Luna. Sie ist … meine Schwester. Ich bin mit ihr aufgewachsen.“

Sie hielt kurz inne.

„Was soll das werden, Gaara?“

Ihre Stimme war strenger geworden. Nicht viel, aber genug, um mich innehalten zu lassen.

„Wenn du mich verhören willst, warum hast du mich dann nicht einfach in dein Büro bestellt?“

Ihre Worte trafen mich stärker, als ich erwartet hatte.

Ein Verhör.

War das tatsächlich der Eindruck, den ich ihr vermittelte?

„Wenn ich dich hätte verhören wollen, hätte ich das direkt nach deinem Krankenhausaufenthalt getan“, antwortete ich. Meine Worte kamen schneller, als beabsichtigt.

Amaya musterte mich schweigend. Ihre Arme waren locker vor der Brust verschränkt, doch in ihrer Haltung lag eine Anspannung, die ich zuvor nicht bemerkt hatte. Es wirkte, als überlege sie bereits, ob sie aufstehen sollte.

Ich atmete tief durch.

Ich durfte diesen Abend nicht durch meine eigene Neugier ruinieren.

„Ich habe den Bericht über deine bisherige Laufbahn in Konoha gelesen“, erklärte ich. „Dort stand kaum etwas über dich. Kein Geburtsort, keine Angaben zu deiner Familie. Nur das Datum, an dem du in Konoha aufgetaucht bist.“

Ich hielt kurz inne und suchte nach den richtigen Worten.

„Das hat mich beschäftigt. Nicht, weil ich dir misstraue.“ Ich sah sie an. „Sondern weil ich mehr über dich wissen wollte.“

Amaya schwieg.

„Ich war neugierig auf dich“, fügte ich schließlich hinzu.

„Neugier rechtfertigt kein Verhör“, erwiderte sie.

Ihre Stimme klang noch immer bestimmt, aber nicht mehr ganz so scharf wie zuvor.

„Du hast recht.“

Ich senkte den Blick auf meine Hände. Es fiel mir schwer, das auszusprechen, doch daran änderte sich nichts.

„Ich wollte verstehen, wer mir gegenübersitzt. Nicht als Kazekage. Einfach als ich selbst.“

Einen Moment lang sagte keiner von uns etwas.

Als ich wieder aufsah, musterte Amaya mich, als versuche sie herauszufinden, ob ich es ernst meinte.

„Du musst mir nichts erzählen, was du nicht erzählen möchtest“, sagte ich leiser. „Ich werde dich nicht weiter fragen. Und wenn du gehen willst, halte ich dich nicht auf.“

Ihre Schultern sanken ein wenig. Die Anspannung verschwand nicht vollständig, doch zumindest schien sie nicht länger unmittelbar aufbrechen zu wollen.

„Ich bin es nicht gewohnt, dass sich jemand für mich interessiert, ohne einen bestimmten Grund zu haben“, sagte sie schließlich.

Es klang beinahe, als spräche sie mehr zu sich selbst als zu mir.

„Vielleicht bist du selbst Grund genug.“

Die Worte waren ausgesprochen, bevor ich darüber nachdenken konnte.

Amaya blinzelte. Ihre Überraschung war offensichtlich und meine eigene vermutlich nicht weniger groß.

Für einen Augenblick sah sie mich einfach nur an. Dann erschien ein kleines, beinahe widerwilliges Lächeln auf ihren Lippen.

„Das war fast charmant, Kazekage.“

Ich runzelte die Stirn.

„Charmant?“

„Na ja, wie eine Art Kompliment.“ Sie schüttelte leicht den Kopf. „Ach, vergiss es. Ich weiß selbst nicht, wie ich das erklären soll.“

Sie rückte ihren Stuhl zurecht und lehnte sich etwas bequemer zurück. Ihre Haltung entspannte sich allmählich.

Ich war erleichtert, dass sie geblieben war.

Bevor ich noch etwas sagen konnte, kehrte der Kellner mit unserem Essen zurück.

Der Duft der frisch zubereiteten Gerichte breitete sich über dem Tisch aus. Wir begannen zu essen, und für eine Weile schwiegen wir. Es war kein unangenehmes Schweigen. Ich hatte nicht das Gefühl, etwas sagen zu müssen, nur um es zu füllen.

Amaya ließ ihre Essstäbchen etwas sinken.

„Wie war deine Kindheit, Gaara?“

Ich hielt inne.

Meine Kindheit.

Ich atmete tief ein. Nicht, weil ich lange nach einer Antwort suchen musste, sondern weil es schwer war, die eigene Vergangenheit in wenigen Sätzen zusammenzufassen.

„Nicht besonders glücklich“, begann ich. „Meine Mutter starb bei meiner Geburt. Und der Bijū wurde in mir versiegelt. So wie bei Naruto.“

Ich machte eine kurze Pause.

„Die Menschen hatten Angst vor mir. Selbst diejenigen, die eigentlich meine Familie hätten sein sollen. Für sie war ich kein Kind. Sie sahen in mir eine Gefahr.“

Vor meinem inneren Auge tauchten die Gesichter der Menschen auf, die vor mir zurückgewichen waren. Auch die Kinder, die mich gemieden hatten. Manche sahen mich noch heute auf diese Weise an.

Ich konnte es ihnen nicht einfach verübeln. Ich hatte selbst viel Leid über dieses Dorf gebracht, bevor ich gelernt hatte, anders zu leben.

„Hatte Shukaku Auswirkungen auf dich? So wie Narutos Bijū auf ihn?“, fragte Amaya.

Es war keine Frage, die ich oft beantwortete.

„Ja. Mehr, als ich damals verstanden habe.“

Unbewusst legte ich eine Hand an die Stelle, an der früher die Narbe meiner Versiegelung gewesen war.

„Shukaku war nicht einfach nur ein Bijū in mir. Seine Anwesenheit beeinflusste meinen Schlaf, meine Gedanken und meine Fähigkeit, anderen zu vertrauen. Als Kind konnte ich kaum unterscheiden, welche Gefühle wirklich meine eigenen waren und welche durch ihn verstärkt wurden.“

Erst vor Kurzem war mir diese Macht genommen worden. Manchmal fiel es mir noch immer schwer, mich an den Gedanken zu gewöhnen.

„Lange Zeit dachte ich, Shukaku wäre mein Gefängnis. Oder ich seines.“ Ich sah auf meine Hand. „Aber er war nicht derjenige, der mich zu einem Monster gemacht hat. Es war mein Vater, der mich wie eines behandelte.“

Meine Finger schlossen sich fester um die Essstäbchen. Das Holz knirschte leise unter dem Druck.

Ich lockerte meinen Griff wieder.

„Warum fragst du?“, wollte ich wissen. „Hast du Angst, dass noch etwas von ihm in mir steckt?“

Amaya schüttelte sofort den Kopf.

„Vor dir könnte ich niemals Angst haben.“

Ihre Antwort kam so unmittelbar, dass ich sie überrascht ansah.

„Ich habe mich nur gefragt, wie man überhaupt beurteilen kann, ob ein Kind zurechnungsfähig ist, wenn es einen Bijū in sich trägt. Das klingt nach einer enormen zusätzlichen Belastung.“ Sie hielt kurz inne. „Und dafür darf man dich nicht verurteilen. All das wurde dir angetan. Du musstest mit diesem Schmerz umgehen, obwohl du selbst noch ein Kind warst.“

Ich schwieg.

„Du warst damals nicht alt genug, um zu verstehen, was mit dir geschah“, fuhr sie fort. „Und offenbar hat dir auch niemand geholfen, damit zurechtzukommen.“

Ihre Worte waren ruhig. Sie klangen weder nach Mitleid noch nach einem Versuch, mich zu trösten. Sie sprach einfach aus, was sie für richtig hielt.

„Du bist die Erste, die das so sagt“, murmelte ich.

Meine Stimme war leiser geworden.

Amaya schien Naruto gut genug zu kennen, um zu verstehen, was es bedeutete, mit einem Bijū aufzuwachsen. Vielleicht hatte sie deshalb einen anderen Blick auf meine Vergangenheit als die meisten Menschen in Suna.

Ich dachte über ihre Worte nach.

Sie hatte recht. Ich war ein Kind gewesen. Ein Kind, dem eine Last auferlegt worden war, die es niemals hätte tragen sollen. Niemand hatte mir gezeigt, wie man mit Angst, Einsamkeit oder Hass umging. Stattdessen hatte man mir beigebracht, dass ich nur dann einen Platz in dieser Welt haben würde, wenn andere mich fürchteten.

Ich sah wieder zu Amaya auf.

Ihr Blick ruhte auf mir. In ihren goldenen Augen lag etwas Weiches, Mitfühlendes. Vielleicht lag es auch nur an ihrer ungewöhnlichen Augenfarbe und dem warmen Licht der Laternen.

Ich wusste es nicht.

„Warum haben die anderen Kinder nicht mit dir gespielt, Amaya?“

Die Frage kam mir in den Sinn, weil sie zuvor erzählt hatte, mit Luna aufgewachsen zu sein. Ich hatte mich schon länger gefragt, warum sie als Kind offenbar so wenig Kontakt zu anderen Menschen gehabt hatte.

Amaya sah kurz auf ihren Teller.

„Es gab keine anderen Kinder. Ich habe mit meinem Vater allein gelebt. Wir haben die anderen Dörfer gemieden.“

„Verstehe.“

Ich ließ ihr einen Moment Zeit, bevor ich weiterfragte. „Und deine Mutter?“

„Das war ähnlich wie bei dir. Sie ist kurz nach meiner Geburt gestorben.“

Ich nickte langsam.

Erst jetzt fiel mir auf, dass ihre Geschichte nicht mit dem übereinstimmte, was sie uns auf der Reise erzählt hatte.

Damals hatte sie gesagt, ihre Eltern seien auf einer Mission gestorben, als sie zwölf gewesen war. Sie hatte es so selbstverständlich erzählt, dass ich keinen Grund gehabt hatte, daran zu zweifeln.

Doch nun wusste ich, dass ihre Mutter kurz nach ihrer Geburt gestorben war und ihr Vater verschwand, als sie zwölf war.

Sie hatte uns also nicht die Wahrheit gesagt.

Ich sah kurz zu ihr hinüber. Amaya aß ruhig weiter, als wäre nichts gewesen.

Vielleicht war die Geschichte von der Mission eine Antwort, die sie sich im Laufe der Jahre angewöhnt hatte. Eine einfache Erklärung für Menschen, die Fragen stellten. Eine, die weitere Nachfragen überflüssig machte.

Ich kannte das Bedürfnis, gewisse Dinge für sich zu behalten. Nicht jeder musste alles über die eigene Vergangenheit wissen, und niemand war verpflichtet, sich anderen gegenüber zu erklären.

Trotzdem fragte ich mich, warum sie mir nun etwas anderes erzählt hatte.

Vielleicht hatte sie mir mehr anvertrauen wollen. Vielleicht war es ihr auch einfach herausgerutscht.

Ich beschloss, sie nicht darauf anzusprechen und bei der Familien Geschichte zu bleiben, die sie mir offen legte.

„Hattest du wenigstens ein gutes Verhältnis zu deinem Vater?“, setzte ich bei meiner letzten Info an.

„Ja.“ Mehr sagte sie nicht. Doch ich bemerkte, dass ihre Finger kurz innehielten, bevor sie ihre Essstäbchen wieder aufnahm. Es war nur eine kleine Bewegung, aber ich hatte inzwischen gelernt, dass sie nicht immer alles aussprach, was sie beschäftigte.

Trotzdem fragte ich weiter.

„Was ist mit ihm passiert?“

„Er ist verschwunden, als ich zwölf war.“

Ich sah sie an.

„Das muss schwer für dich gewesen sein.“ Ich zögerte kurz. „Ich hoffe, dass du bald etwas von ihm hörst.“

Amaya lächelte schwach.

„Irgendwann wird er wieder da sein. Ich weiß, dass er noch lebt. Ich weiß nur nicht, wo er ist.“

Sie sagte es mit einer Überzeugung, die mich überraschte. Gleichzeitig lag in ihrem Lächeln eine Traurigkeit, die nicht zu ihren Worten passte.

Es war offensichtlich, dass ihr Vater ihr viel bedeutete. Vielleicht klammerte sie sich an die Gewissheit, dass er noch lebte, weil sie sich nicht vorstellen wollte, dass sie ihn für immer verloren haben könnte.

Ich hätte nachfragen können, doch ich hatte bereits genug gefragt.

Also ließ ich das Thema ruhen und wandte mich wieder meinem Essen zu. Wenn Amaya mir mehr erzählen wollte, würde sie es selbst tun müssen.

Für heute war es genug.

---

Nach dem Essen schlenderten wir durch die stiller werdenden Straßen Sunas. Die Nacht hatte sich inzwischen vollständig über das Dorf gelegt, und mit jeder Minute wurden die Stimmen der Menschen leiser, während die Laternen an den Häusern ein warmes, honigfarbenes Licht auf den Sand warfen. Der Wind, der tagsüber noch scharf die Haut gekitzelt hatte, strich jetzt angenehm kühl durch die Gassen.

Amaya ging ein paar Schritte vor mir. Ihr Haar schimmerte im Licht der Laternen beinahe kupferfarben und bewegte sich in weichen Wellen hinter ihr her. Ihr Blick ruhte nicht wirklich auf der Umgebung, er schien eher nach innen gerichtet, als würde sie in Gedanken alte Türen öffnen, deren Scharniere längst eingerostet waren.

Ich bemerkte die leichte Schwere in ihren Schultern, und obwohl sie ihre Haltung tapfer aufrecht hielt, spürte ich den Schatten ihrer Erinnerungen.

Vielleicht konnte ich sie auf andere Gedanken bringen.

„Komm mit“, sagte ich plötzlich und griff, ohne lange darüber nachzudenken, nach ihrem Handgelenk.

Sie blinzelte überrascht. „Wohin?“

„Das wirst du sehen.“

Sie stellte keine weiteren Fragen und folgte mir.

Gemeinsam stiegen wir die Treppen zur Stadtmauer hinauf. Unter unseren Schritten knirschte der Sand, und über uns spannte sich ein klarer Nachthimmel. Mit jedem Schritt wurde der Blick auf das Dorf weiter, bis schließlich die Lichter Sunas unter uns lagen.

Für die letzte Strecke ließ ich uns von meinem Sand nach oben tragen.

Als wir die Mauer erreichten und der Sand sich wieder unter unseren Füßen verteilte, blieb Amaya stehen.

Vor uns erstreckte sich das nächtliche Suna. Zwischen den dunklen Umrissen der Häuser glommen unzählige Lichter. Darüber lag der Himmel, übersät mit Sternen, die wie silberne Punkte im Dunkel funkelten.

Ihr Blick lag auf der Stadt und ein Ausdruck stiller Bewunderung lag in ihren Augen.

„Die Sterne sind schön“, sagte sie leise. Ihre Stimme war weich, beinahe verletzlich.

Sie setzte sich an den Rand der Mauer und blickte nach oben.

Ich nahm neben ihr Platz. Der Wind strich über unsere Kleidung und wehte ihr einige Haarsträhnen ins Gesicht. Sie machte keine Anstalten, sie zurückzustreichen.

Sie betrachtete den Himmel, als würde das Universum sie mit etwas rufen, das nur sie hören konnte.

Ihre goldenen Augen schienen nicht länger die Sterne über uns zu sehen. Sie wurden plötzlich leer, fast gläsern, als wäre sie mit ihren Gedanken an einem anderen Ort.

Ich fragte mich, woran sie dachte.

„Was geht dir gerade durch den Kopf?“, fragte ich schließlich.

Sie blinzelte und wandte den Kopf zu mir, als hätte sie für einen Moment vergessen, dass ich neben ihr saß.

„Hast du gehofft, dass ich es dir verrate?“

Ihr Mundwinkel hob sich leicht, doch das Lächeln wirkte… geschützt.

„Ich habe dich zumindest gefragt.“

Sie sah wieder zum Himmel.

Der Wind wehte über uns hinweg wie ein seufzender Riese und für einige Augenblicke sagte keiner von uns etwas.

„Verrätst du es mir?“, fragte ich nach einer Weile.

Die Sterne spiegelten sich in ihren Augen, wie flüssiges Gold, als sie den Kopf leicht neigte.

„Vielleicht. Vielleicht verrate ich es dir eines Tages.“

„Warum nicht jetzt?“

Sie schwieg kurz.

„Weil ich dir schon mehr von mir erzählt habe als jedem anderen.“

Ihre Stimme war ruhig, aber bestimmt. Sie machte deutlich, dass sie mir damit bereits mehr anvertraut hatte, als sie eigentlich vorgehabt hatte.

Ich verstand das. Zumindest versuchte ich es. Trotzdem machte sich eine leise Enttäuschung in mir bemerkbar. Ich hatte gehofft, sie würde mir noch etwas mehr erzählen. Warum, konnte ich mir selbst nicht genau erklären.

Amaya drehte sich zu mir.

„Du bist enttäuscht.“

„Nein.“

„Doch.“ Sie musterte mich aufmerksam. „Du siehst mich an, als würdest du versuchen, meine Gedanken auseinanderzunehmen.“

Ich schwieg einen Moment.

Sie hatte recht. Ich versuchte tatsächlich, aus ihrem Gesicht etwas herauszulesen, das sie mir nicht sagen wollte. Dass sie es so schnell bemerkte, verunsicherte mich. Ich war es nicht gewohnt, dass jemand meine Gedanken so leicht zu erraten schien.

Und noch weniger war ich daran gewöhnt, dass es mich nicht störte.

„Ich wusste nicht, dass man mir das so deutlich ansieht“, gab ich schließlich zu.

Ich wandte den Blick kurz zum Dorf.

„Du schienst weit weg zu sein. Ich dachte, vielleicht möchtest du es mit mir teilen.“

Ich zögerte, bevor ich weitersprach.

„Wenn es um deinen Vater geht, könnte ich dir vielleicht helfen, ihn zu finden.“

Amaya sah mich skeptisch an.

„Das ist ein großzügiges Angebot, Gaara. Aber wenn mein Vater gefunden werden wollte, hätte ich ihn vermutlich schon längst gefunden.“ Sie atmete leise aus. „Ich bin mehrere Jahre durch die Welt gereist, um nach ihm zu suchen.“

Mehrere Jahre.

Ich hatte gewusst, dass sie viel unterwegs gewesen war, aber nicht, dass sie einen so großen Teil dieser Zeit mit der Suche nach ihrem Vater verbracht hatte.

Ich konnte mir kaum vorstellen, wie es sein musste, so lange nach jemandem zu suchen und irgendwann zu akzeptieren, dass man ihn vielleicht nie wiederfinden würde. Sie war die Letzte ihrer Familie.

Ich hätte Nachforschungen anstellen lassen können. Suna unterhielt Beziehungen zu anderen Dörfern, und es gab Möglichkeiten, Informationen zu beschaffen, die einer einzelnen Shinobi nicht ohne Weiteres zugänglich waren.

Doch ich wusste nicht, ob Amaya das überhaupt wollte.

Wenn sie ihre Suche selbst hatte abschließen wollen, würde ich ihr diese Entscheidung nicht abnehmen.

„Dann lass mich wissen, wenn ich irgendwann etwas für dich tun kann.“

Sie sah mich einen Moment lang an. Schließlich erschien ein kleines, schiefes Lächeln auf ihrem Gesicht.

„Das werde ich.“

Ihre Mine wurde wieder ernster.

„Aber ich fürchte, bei meiner Vergangenheit wirst du dich mit den Informationen begnügen müssen, die ich dir freiwillig gebe.“

Ihre Stimme klang beinahe leicht. Die Grenze, die sie damit zog, war dennoch unmissverständlich.

Ich nickte. „Verstanden.“

Ich würde sie nicht weiter bedrängen.

Wir saßen noch eine Weile schweigend nebeneinander. Meine Gedanken kehrten trotzdem immer wieder zu unserem Gespräch zurück. Amaya schien das zu bemerken, denn irgendwann stieß sie mich leicht mit dem Ellenbogen an.

„Du denkst schon wieder zu viel nach, Gaara-sama.“

Ich sah zu ihr.

„Das ist nichts Neues.“

Sie schmunzelte.

„Dann sollten wir vielleicht etwas dagegen tun.“

Damit stand sie auf und klopfte sich den Sand von der Kleidung. Ein paar Schritte entfernt blieb sie stehen und drehte sich zu mir um.

„Ich habe deinen Sand bisher nur bei Einsätzen gesehen.“

Ich hob eine Augenbraue.

„Und?“

In ihren Augen blitzte plötzlich jene Neugier auf, die mir inzwischen vertraut geworden war.

„Ich frage mich, was du damit alles anstellen kannst.“

„Du willst es herausfinden?“ Ich wusste nicht ob mir ihre Idee gefiel.

„Genau.“

Sie nahm eine lockere Kampfhaltung ein.

„Zeigst du es mir?“

Ich betrachtete sie einen Moment lang.

„Du willst gegen mich kämpfen?“

„Ich will sehen, was du kannst.“ Ihr Grinsen wurde breiter. „Oder hast du Angst, dass ich deinen Sand überliste?“

Ich wusste nicht, ob sie mich tatsächlich provozieren wollte oder lediglich einen Grund suchte, ihre Gedanken auf etwas anderes zu lenken. Vermutlich beides.

Ein kaum merkliches Lächeln zog über mein Gesicht.

„Das werden wir sehen.“

Ich ließ eine schmale Sandwelle über den Boden gleiten.

Amaya wich ihr mit einem Sprung aus. Noch bevor sie landete, schoss eine zweite Welle auf sie zu. Sie drehte sich in der Luft, setzte auf und wich auch diesem Angriff aus.

Es dauerte nicht lange, bis aus meinem Versuch, ihre Fähigkeiten zu testen, ein richtige Verfolgungsjagt wurde.

Ich schickte Sandpeitschen in ihre Richtung, die sie geschickt übersprang oder mit gezielten Bewegungen umging. Sie war schnell und reagierte ungewöhnlich gut auf meine Angriffe. Mehr als einmal änderte ich die Richtung meines Sands im letzten Augenblick, nur damit sie ihm trotzdem auswich.

Es war, als würde sie seine Bewegungen erahnen.

Als ich sie schließlich bis an den Rand der Mauer drängte, erwartete ich, dass sie zur Seite ausweichen würde.

Stattdessen sprang sie rückwärts in die Tiefe.

Für einen Augenblick setzte mein Herzschlag aus.

Ich ließ den Sand sofort hinter ihr herjagen, doch Amaya hatte ihre Landung bereits vorbereitet. Sie fing sich mit einer geschmeidigen Bewegung ab und kam unten sicher auf den Füßen auf.

Im nächsten Moment tauchte sie wieder vor mir auf.

Ich hatte kaum Zeit, mich umzudrehen, bevor sie mich mit einer überraschend gezielten Bewegung aus dem Gleichgewicht brachte.

Plötzlich verlor ich selbst den Halt.

Die Mauer verschwand unter meinen Füßen, und ich begriff, dass sie mich tatsächlich hinuntergestoßen hatte.

Noch bevor ich reagieren konnte, griff sie nach meinem Arm. Ihr Chakra erfasste die Luft um uns herum, bremste unseren Fall und ließ uns kontrolliert nach unten gleiten.

Ich spürte den Boden als erstes unter den Füßen und fing Amaya reflexartig auf, als sie das Gleichgewicht verlor.

Sie sah zu mir auf und hob eine Augenbraue.

„Würdest du mich vielleicht los lassen?“

Ich bemerkte erst jetzt, dass ich sie noch immer festhielt.

„Natürlich.“

Ich ließ sie los.

„Danke“, fügte sie trocken hinzu.

Für einen kurzen Moment standen wir uns gegenüber. Wir waren beide außer Atem, und Amaya grinste, als hätte sie gerade einen besonders gelungenen Streich gespielt.

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Also trat ich einen Schritt zurück und strich meine Kleidung glatt, obwohl es dafür keinen wirklichen Grund gab.

Amaya schien sich darüber zu amüsieren.

„Gehen wir zurück“, sagte sie schließlich. „Ich muss morgen mein Team trainieren. Und du solltest dich wieder deinen Pflichten widmen.“

Ich warf einen Blick in Richtung Kage-Turm.

„Einverstanden.“

Es fiel mir schwer, das zuzugeben, aber ich hatte die Arbeit für diesen Abend tatsächlich vergessen.

Der Rückweg zu ihrer Wohnung verlief ruhig. Die Nacht hatte das Dorf fast vollständig verschluckt, nur ein paar Wachen patrouillierten.

Als wir ihre Tür erreichten, blieb Amaya stehen.

„Gute Nacht“, sagte ich.

„Gute Nacht.“

Sie legte eine Hand auf die Türklinke, öffnete die Tür jedoch nicht sofort. Stattdessen senkte sie den Blick, und ihre Schultern entspannten sich ein wenig.

„Gaara?“

„Ja?“

Sie sah wieder zu mir auf.

„Danke. Ich hatte schon lange nicht mehr so viel Spaß wie heute.“

Ich brauchte einen Moment, um zu antworten. „Mir ging es genauso.“

Es war die Wahrheit. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich zuletzt einen Abend verbracht hatte, an dem ich so wenig an meine Pflichten gedacht hatte.

Amaya lächelte. Diesmal war es kein neckisches Grinsen, sondern ein warmes, offenes Lächeln.

Dann verabschiedete sie sich endgültig und verschwand in ihrer Wohnung.

Ich blieb noch einen Augenblick vor der geschlossenen Tür stehen.

Es gab keinen Grund, hier länger zu verweilen. Ich wusste das.

Trotzdem setzte ich mich nicht sofort in Bewegung.

Erst nach einer Weile machte ich mich auf den Heimweg. Als ich schließlich zu Hause ankam, war ich noch immer hellwach.

Der Abend ging mir nicht aus dem Kopf. Unser Gespräch, ihre Fragen, der Kampf auf der Stadtmauer und ihr Lachen.

Ich hatte nichts Besonderes erreicht.

Und doch hatte ich das Gefühl, dass der Abend etwas verändert hatte.

Was genau, konnte ich nicht sagen.

Also beschloss ich, nicht weiter darüber nachzudenken, und bereitete mich auf die Nacht vor.

Es dauerte länger als gewöhnlich, bis ich einschlief.