Chakrapapier (Amayas Sicht)
Chakrapapier (Amayas Sicht)
„Guten Morgen, Gaara“, sagte ich, als ich sein Büro betrat.
Er war nicht allein. Neben seinem Schreibtisch stand ein Mädchen, vielleicht ein oder zwei Jahre jünger als ich. Kurze braune Haare, einfache Genin-Kleidung, ein unsicherer Stand und Augen, die mich sofort misstrauisch musterten.
„Oh … Entschuldigung. Ich wusste nicht, dass du Besuch hast. Ich warte draußen.“
Ich hatte mich bereits halb zur Tür gedreht, als Gaara mich zurückhielt.
„Warte, Amaya. Du bist nur wegen des Chakrapapiers hier.“
Er drehte sich zu seinem Schreibtisch, öffnete eine Schublade und reichte mir eine kleine braune Schachtel.
„Vielen Dank, Gaara.“
„Kein Problem.“ Seine Stimme war ruhig wie immer, klang aber warm. „Viel Erfolg heute.“
Ich lächelte ihn an und schenkte auch dem Mädchen ein höfliches Lächeln. Sie erwiderte es nicht. Kein Zucken, kein Blinzeln. Nur dieser starre, ablehnende Blick.
Was für ein merkwürdiges Mädchen …
Ich verabschiedete mich von Gaara und verließ das Büro.
Ich hatte kaum die Eingangshalle erreicht, als hinter mir hastige Schritte ertönten.
„Du!“, rief eine Stimme. „Lass Gaara-sama in Ruhe!“
Verwirrt drehte ich mich um. Das Mädchen von eben stand mit hochrotem Gesicht vor mir, die Fäuste geballt.
„Wie bitte?“
„Tu nicht so, als wüsstest du nicht, was ich meine! Er gehört mir! Ich lasse nicht zu, dass du ihn mir wegnimmst!“
Ich verschränkte langsam die Arme. „Wie kommst du darauf, dass ich irgendjemanden wegnehmen will?“
„Weil er mich völlig ignoriert hat, als du hereingekommen bist! Und er hat dir nachgesehen, bis die Tür zu war!“ Ihre Stimme überschlug sich beinahe.
Ich blinzelte sie an. „Und das ist jetzt meine Schuld? Wie heißt du überhaupt?“
„M-Matsuri.“ Sie hob trotzig das Kinn. „Und natürlich ist es deine Schuld! Du hättest einfach wieder rausgehen können!“
Ich musste lachen. Trocken, erschöpft und vor allem fassungslos.
„Mach mal halblang, Matsuri. Such dir nicht mich als Sündenbock dafür, dass du hoffnungslos in den Kazekage verliebt bist.“
Ihre Wangen färbten sich noch dunkler.
„Ich … ich warne dich! Leg dich nicht mit mir an!“
„Jaaa …“, zog ich das Wort in die Länge. „Wenn du meinst. Hab einen schönen Tag.“
Ich drehte mich um und wollte weitergehen. Da riss sie mir plötzlich das Paket aus der Hand und stellte sich erneut vor mich.
„Du nimmst mich überhaupt nicht ernst!“
Ich sah erst sie, dann das Paket in ihrer Hand an.
„Könnte ich bitte mein Papier wiederhaben?“
Meine Stimme blieb ruhig. Das schien sie allerdings nur noch mehr aufzubringen.
„Nein! Erst, wenn du versprichst, dich von Gaara-sama fernzuhalten!“
„Du weißt schon, dass das ziemlich unsinnig ist, oder? Wie soll ich sonst meine Aufträge bekommen?“ Ich streckte die Hand aus. „Und jetzt gib es zurück.“
„Hol's dir doch!“ Sie hielt die Schachtel demonstrativ über ihren Kopf.
Ich seufzte.
Ein Schritt, ein Fingerzeig und ihre Hand blieb mitten in der Bewegung stehen, als hielten unsichtbare Fäden sie fest.
Matsuri erstarrte.
„W-was machst du da?“ Ihre Augen weiteten sich.
„Matsuri … willst du wirklich so ein kindisches Spiel mit mir spielen?“
„Das ist kein Spiel! Lass mich los!“
Sie zerrte an ihrem Arm und stemmte sich gegen die unsichtbare Blockade. Ohne Erfolg.
„Du willst doch nicht ernsthaft gegen mich kämpfen, oder?“ Ich legte den Kopf leicht schief. „Was erhoffst du dir davon? Dass Gaara dich plötzlich liebt, wenn du mich besiegst?“
„Nein!“
Sie gab es auf sich gehen die unsichtbare Fessel zu stemmen. Ihr Atem ging schneller, und der Trotz in ihrem Gesicht bekam einen ersten Riss.
„Gut. Dann lass das Paket einfach fallen, und ich lasse dich los.“
Sie zögerte kurz, nickte dann aber und öffnete die Hand.
Ich fing die Schachtel auf, löste die Blockierung und trat an ihr vorbei.
„Amaya?“, rief sie mir nach.
Ich blieb stehen und sah über die Schulter zurück. „Ja?“
Sie wirkte plötzlich unsicher. Ganz anders als noch vor wenigen Sekunden.
„Empfindest du … etwas für Gaara?“
Ich drehte mich nicht ganz zu ihr um. Ein kleines Lächeln schlich sich auf meine Lippen.
„Er ist einer meiner besten Freunde.“
Damit ging ich weiter.
Ich schüttelte den Kopf. Als hätte ich überhaupt Zeit, mir darüber Gedanken zu machen, was Gaara für mich war. Oder was nicht.
Trotzdem schob sich sein ruhiges Lächeln in meine Gedanken. Die Art, wie er zuhörte, ohne gleich über einen zu urteilen.
Ich verdrängte das Bild und beschleunigte meine Schritte.
Ganz gleich, was da war oder nicht war, in ein paar Monaten würde ich ohnehin wieder verschwinden. Manche Fragen musste man sich nicht stellen, wenn man die Antwort einem sowieso nichts brachte.
Als ich endlich draußen war, pochte mein Kopf. Nicht wegen Matsuri, sondern weil ich während der ganzen Auseinandersetzung die Luft angestrengt kompensiert hatte.
Die Ablenkung mit meinem Team würde mir guttun.
Meine kleine Rasselbande wartete bereits am Trainingsplatz. Alle fünf saßen im Schatten einer hohen Mauer an der Ostseite und malten Muster in den Sand.
„Sagen Sie mal, Amaya-sensei“, begann Tako, kaum dass ich näher kam, „macht es Ihnen Spaß, zu spät zu kommen?“
„Guten Morgen euch auch.“ Ich stellte mich vor die Gruppe. „Und nein, verspätete Auftritte gehören nicht zu meinen Hobbys. Aber ich habe euch etwas mitgebracht.“
Ich warf Hinaka das kleine Paket zu. Sie fing es auf und drehte es neugierig in den Händen.
„Was ist das?“
„Chakrapapier“, antwortete Yuki prompt.
„Und was sollen wir damit machen?“, fragte Roku skeptisch.
„Euer Chakra-Element bestimmen. Dann kann ich euch gezielter fördern.“
Die fünf betrachteten das Papier, als hätte ich ihnen einen Sack alter Nägel vor die Füße geworfen.
Ich verschränkte die Arme. „Na los. Jeder nimmt sich ein Blatt und konzentriert sein Chakra darauf. Ihr werdet schon merken, wenn etwas passiert.“
Die erste halbe Stunde verging schweigend. Na ja, beinahe schweigend. Frustriertes Seufzen, ungeduldiges Schnauben und gelegentliches Gemurre gehörten offenbar zum Training dazu.
Dann ertönte ein Aufschrei.
„Ah! Aua, verdammt!“ Hinaka fluchte und wedelte mit der Hand, während ihr Chakrapapier in kleinen Flammen aufging.
„Sehr gut!“
Sie starrte mich an. „Echt? Was bedeutet das?“
„Das du das Feuerelement hast“, erklärte Rika im Tonfall einer allwissenden Bibliothekarin.
Hinakas Augen leuchteten auf. „Cool! Und was darf ich jetzt machen?“
„Während die anderen weitermachen, zeige ich dir, wie du dein Feuerchakra für eine Feuertechnik einsetzen kannst.“ Ihre Augen leuchteten sofort auf.
Die nächsten Versuche verliefen etwas ruhiger. Einer nach dem anderen fand sein Element heraus, und sobald ich wusste, womit ich es bei jedem zu tun hatte, ließ ich sie selbstständig weiterüben. Ich gab Hinweise, korrigierte ihre Ausführung und beobachtete, wie sie sich an die ersten Schritte ihrer jeweiligen Techniken herantasteten.
Gerade wollte ich Roku erklären, dass er bevor er die Zeichenformte schon Chakra in die Hand lenken sollte, als Yuki zu mir kam.
„Amaya-sensei … wir werden beobachtet.“
„Ach ja? Von wem denn?“
Sie deutete hinter mich.
Ich drehte mich um und entdeckte Gaara, der ruhig auf der Mauer saß und den Blick auf meine Schüler gerichtet hatte.
„Ich kümmere mich kurz darum“, sagte ich zu den Kindern.
Mit einem kräftigen Sprung landete ich neben ihm auf der Mauer.
„Du trainierst sie gut“, sagte er, ohne den Blick von den fünf abzuwenden. „Sie bewundern dich.“
„Findest du?“ Ich ließ mich neben ihm nieder. Seine ruhige Präsenz hatte etwas Angenehmes. „Ich wusste gar nicht, dass du heute Zeit hast, dich hier blicken zu lassen.“
„Ich überlege, ob ich Tsunade darum bitten soll, dich als Lehrerin hierzubehalten.“
Ich hob amüsiert eine Augenbraue. „Und ich habe dabei nichts mitzureden?“
Der Scherz war schnell ausgesprochen. Der Gedanke, der darauf folgte, allerdings nicht.
Hatte ich überhaupt eine Wahl? Und wenn ja, würde ich bleiben wollen?
Ich sah wieder zu den Kindern hinunter. Noch war es zu früh, um darüber nachzudenken. Also ließ ich es dabei.
„Würdest du denn hierbleiben wollen?“, fragte Gaara.
Natürlich hatte er die Frage bemerkt, die ich nicht gestellt hatte.
Ich beobachtete weiter meine kleine Truppe, die alle mit ihrer eigenen Sache beschäftigt waren.
„Es ist heiß“, sagte ich ehrlich. „Aber … für die fünf würde ich bleiben.“
„Sie könnten viel von dir lernen.“
„Und wieso denkst du das?“
„Weil du eine gute Kämpferin bist.“
Ich schnaubte leise. „Du hast mich noch nie richtig kämpfen sehen.“
„Das stimmt.“ Er wandte den Kopf zu mir. „Aber du bist Anbu. Du hast zehn Shinobi allein in die Flucht geschlagen. Und du hast diesen Drachen.“
Ich grinste. „Luna beweist also, dass ich eine gute Kämpferin bin?“
„Nein.“ Er hielt kurz inne. „Aber ich sehe, wie du unterrichtest. Du bringst ihnen nicht nur Techniken bei. Du bringst ihnen bei, mit Herz und Verstand zu handeln.“
Damit hatte ich nicht gerechnet.
Es war nur ein Kompliment, und trotzdem traf es mich auf eine Weise, die ich nicht erwartet hatte.
„Ich gebe ihnen nur weiter, was ich selbst gelernt habe.“
„Dann hattest du einen guten Sensei.“
Mein Vater.
Der Gedanke kam so plötzlich, dass ich kurz den Blick senkte. Ja, er war ein guter Lehrer gewesen. Einer der besten, die ich mir hätte wünschen können.
Ich wollte gerade etwas erwidern, als vom Trainingsplatz ein verdächtiges Zischen zu hören war.
Hinaka hatte es tatsächlich geschafft, einen ordentlichen Feuerstrahl hervorzubringen.
Leider hatte Roku direkt vor ihr gestanden.
Sein Schrei hallte über den ganzen Platz, während er sich mit beiden Händen den Rücken hielt und Hinaka entsetzt auf das Unheil starrte, was sie angerichtet hatte.
Ich schloss kurz die Augen.
„Und du sagst, ich sei eine gute Lehrerin“, murmelte ich trocken.
Dann sprang ich von der Mauer und eilte hinunter, um mich um das Chaos zu kümmern.
Damit war der Unterricht für heute offiziell beendet.
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Das Krankenhaus roch nach Desinfektionsmittel und kaltem Stein. Ein scharfer Kontrast zur staubigen Hitze draußen.
Ich saß auf einem der harten Plastikstühle im Wartebereich, während ein Arzt drinnen Rokus verbrannten Rücken behandelte.
„Wird schon wieder“, hatte die Schwester gesagt, als sie ihn hereingebracht hatte. „Nur ein paar Blasen. Er hat Glück gehabt.“
Hinaka saß neben mir, die Knie an die Brust gezogen. Das schlechte Gewissen stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben.
„Es tut mir wirklich leid, Sensei“, murmelte sie zum dritten Mal.
„Ich weiß.“ Ich legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Unfälle passieren beim Training. Wichtig ist, dass Roku bald wieder auf die Beine kommt.“
Sie schwieg eine Weile. Dann hob sie den Kopf, und ihre Augen bekamen plötzlich einen neugierigen Glanz.
„Sensei … ich wusste gar nicht, dass Sie mit dem Kazekage befreundet sind.“
Ich blinzelte überrascht. „Woher weißt du das?“
„Roku hat gesehen, wie er uns von der Mauer aus beim Training zugeschaut hat. Und er meinte, Sie hätten mit ihm geredet, als wären Sie schon lange befreundet.“ Sie rückte ein Stück näher. Das schlechte Gewissen schien fürs Erste vergessen. „Ich habe ihn noch nie persönlich gesehen. Wie ist er denn so, der Kazekage-Gaara?“
Ich musste lächeln. Sie erinnerte mich an Naruto, der sprach auch einfach frei heraus was er dachte.
„Er ist ruhig. Bedacht. Er denkt gründlich nach, bevor er etwas sagt oder tut.“
Mir kamen ein paar kleine Momente in den Sinn. Wie er die Kinder in der Stadt grüßte. Wie er sich Zeit für jeden nahm, der ihn ansprach, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.
„Er ist ein guter Kage. Fürsorglich, auch wenn man es nicht immer sofort merkt. Er kümmert sich wirklich um sein Volk. Nicht nur, weil es seine Pflicht ist, sondern weil es ihm wichtig ist.“
„Klingt, als würden Sie ihn bewundern.“
Ich sah zu ihr hinüber. Dieses Grinsen kannte ich. Kinder hatten ein erstaunliches Talent dafür, Fragen zu stellen, auf die man nicht vorbereitet war.
Einen Moment zögerte ich.
„Ja“, gab ich schließlich zu. „Das tue ich. Es gibt nicht viele Menschen wie ihn.“
Erstaunlich, wie leicht mir die Antwort über die Lippen kam.
Er war mein Freund. Ein guter, verlässlicher Freund, den ich bewunderte und dem ich vertraute. Es fühlte sich gut an, das einfach so auszusprechen, ohne mir erst überlegen zu müssen, wie ich es formulieren sollte.
Als der Arzt schließlich zurückkam, versicherte er uns, dass Roku über Nacht zur Beobachtung bleiben sollte, am nächsten Tag aber voraussichtlich wieder nach Hause durfte.
Ich schickte Hinaka nach Hause und machte mich selbst auf den Weg zum Kageturm. Ich hatte ohnehin vorgehabt, nach einer neuen Mission zu fragen.
Gaara saß über seinen Unterlagen, als ich sein Büro betrat.
„Guten Abend, Gaara.“
Er sah sofort auf. „Ich habe gehört, dass ihr ins Krankenhaus musstet.“
Die Sorge in seinem Blick entging mir nicht.
„Ja, aber Roku geht es gut. Nur ein paar Brandblasen. Morgen darf er wahrscheinlich wieder raus.“ Ich setzte mich ihm gegenüber. „Sind neue D-Rang-Missionen für meine Gruppe reingekommen? Ich dachte, wir könnten es diese Woche noch einmal versuchen.“
Gaara legte seinen Stift beiseite und schwieg kurz.
„Nach dem, was heute passiert ist, wäre es vielleicht besser, noch etwas zu warten.“ Er sah mich ruhig an. „Konzentriert euch zunächst wieder auf die einfacheren Übungen. Ihr könnt die Missionen später nachholen.“
Ich runzelte die Stirn.
„Es war eine Brandblase, Gaara. Kein gebrochener Knochen. Solche Dinge passieren beim Training.“
„Das weiß ich.“ Er lehnte sich leicht vor. „Ich möchte nur vermeiden, dass jemand verletzt wird, weil ihr zu früh wieder mit Missionen beginnt. Vielleicht sollte ich mit Baki sprechen. Er könnte prüfen, ob euch bei der nächsten Mission ein anderes Team begleitet.“
Ich starrte ihn an.
„Ein anderes Team?“
Meine Stimme klang kälter, als ich beabsichtigt hatte.
„Ja. Nur zur Sicherheit.“
„Das ist meine Truppe, Gaara. Meine Verantwortung.“ Ich richtete mich auf. „Ich entscheide, wann sie bereit für eine Mission ist und welches Risiko ich ihnen zumuten kann.“
„Ich zweifle nicht an deinen Fähigkeiten, Amaya. Aber nach dem heutigen Vorfall…“
„Nach welchem Vorfall?“ Ich unterbrach ihn schärfer als beabsichtigt. „Ein Kind hat bei einer neuen Technik die Kontrolle verloren. Roku hat sich verbrannt, und ich habe mich darum gekümmert. Genau dafür bin ich da.“
Gaara hielt meinem Blick stand. „Ich weiß, dass du dich um sie kümmerst. Ich versuche lediglich, eine weitere Verletzung zu verhindern.“
„Indem du mir vorschreibst, wie ich meine Schüler auszubilden habe?“
„Das ist nicht meine Absicht.“
„Aber genau darauf läuft es hinaus.“
Ich stand auf. Meine Kehle fühlte sich eng an, und ich musste mich beherrschen, um nicht noch lauter zu werden.
„Ich bin seit Jahren Anbu. Ich habe Kämpfe überlebt, die du dir nicht vorstellen kannst. Ich weiß, wie man Risiken einschätzt, und ich weiß, wann ich meine Leute schützen muss. Glaubst du wirklich, ich würde sie auf eine Mission schicken, für die sie nicht bereit sind?“
„Nein, Amaya. Das glaube ich nicht.“
Seine Antwort kam ohne Zögern. Für einen Moment wusste ich nicht, was ich darauf sagen sollte.
Doch die Wut saß bereits zu tief.
„Dann verstehe ich nicht, warum wir dieses Gespräch überhaupt führen.“
Gaara richtete sich ein wenig auf. „Ich wollte dir helfen.“
„Dann lass mich meine Arbeit machen.“
Die Worte kamen härter heraus, als ich es geplant hatte. Ich sah, wie sich sein Gesichtsausdruck veränderte, doch ich wollte es gerade nicht genauer wissen.
„Danke für das Gespräch, Kazekage.“ Meine Stimme war nun eisig ruhig. „Ich finde die Missionen selbst.“
Ich verließ das Büro, ohne mich noch einmal umzudrehen.
Erst als ich draußen war, merkte ich, wie fest ich die Hände zu Fäusten geballt hatte.
Was dachte er sich eigentlich?
Zu Hause zog ich mir wortlos einen Pullover über. Die Wüstennacht würde kalt werden, und ich brauchte Abstand. Von ihm, von dem Gespräch und von dem verdammten Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen.
Ich wollte einfach nur raus. Also sprang ich aus dem Fenster.
Gaaras Sicht:
Ihr Abgang hallte in meinem Kopf nach, als hätte sie eine Tür zugeschlagen, von der ich nicht einmal bemerkt hatte, dass sie offen gestanden hatte.
Ich blieb noch eine Weile sitzen, den Stift reglos zwischen den Fingern, und ging unser Gespräch erneut durch.
Andere Teams, die bei der nächsten Mission mit dabei sind.
Ich hatte es gut gemeint. Ich wollte verhindern, dass noch jemand aus ihrer Gruppe verletzt wurde. Nach dem Vorfall beim Training erschien mir der Vorschlag vernünftig.
Doch je länger ich darüber nachdachte, desto deutlicher wurde mir, wie meine Worte auf sie gewirkt haben mussten. Als traute ich ihr nicht zu, ihre eigene Truppe zu führen. Als müsste jemand über ihre Entscheidungen wachen, weil ich ihrem Urteil nicht vertraute.
Das hatte ich nicht sagen wollen. Aber vielleicht spielte es keine Rolle, was ich hatte sagen wollen, wenn bei ihr etwas völlig anderes angekommen war.
Schließlich legte ich den Stift beiseite, stand auf und verließ mein Büro. Ich traf im Flur auf Temari. Sie kam mir entgegen, blieb jedoch stehen, als sie mich sah. Ihr Blick wanderte kurz über mein Gesicht, dann hob sie eine Augenbraue.
„Was ist passiert?“
„Warum fragst du?“
„Weil Amaya gerade an mir vorbeigestürmt ist.“ Sie musterte mich genauer. „Sie sah aus, als würde sie am liebsten jemanden in den Boden rammen.“
Ich schwieg.
Temari verschränkte die Arme.
„Gaara?“
„Wir hatten eine Auseinandersetzung.“
„Worüber?“
Ich zögerte kurz. „Ihre nächste Mission. Ich habe vorgeschlagen, andere Teams mitzuschicken.“
Temari sah mich einige Sekunden lang an. Dann seufzte sie.
„Und sie hat das als Einmischung verstanden.“
Es war keine Frage.
Ich nickte. „Ich wollte nur verhindern, dass wieder jemand aus ihrem Team verletzt wird.“
„Das weiß ich.“ Temaris Blick wurde etwas weicher. „Aber weiß sie das auch?“
Ich antwortete nicht. Das musste ich wohl erst herausfinden.
„Dann geh zu ihr“, sagte sie.
„Ich weiß nicht, ob sie mit mir reden will.“
„Das findest du nur heraus, wenn du hingehst.“
Ich sah sie an. „Wo ist sie?“
Temari zuckte mit den Schultern. „Wenn sie wütend ist? Wahrscheinlich dort, wo sie immer hingeht, wenn sie ihre Ruhe haben will.“
Ich wusste sofort, welchen Ort sie meinte. Ich wollte gerade an ihr vorbeigehen, als sie mich noch einmal aufhielt.
„Und Gaara?“ Ich drehte mich zu ihr um.
„Versuch diesmal, ihr zuzuhören, bevor du entscheidest, was das Beste für sie ist.“
Ihre Worte trafen näher die Wahrheit, als mir lieb war.
Ich nickte. „Das werde ich.“ Dann machte ich mich auf den Weg.
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Der Wind auf der Stadtmauer war kälter geworden. Feiner Sand wurde über die Steine getragen und strich über die Oberfläche wie ein leises Flüstern.
Amaya saß dort, die Knie angezogen, den Blick auf die dunklen Dünen gerichtet.
Ich näherte mich langsam und setzte mich neben sie. Zwischen uns ließ ich etwas Abstand. Ich wusste nicht, ob sie meine Anwesenheit überhaupt wollte, und wollte ihr zumindest die Möglichkeit lassen, mich wegzuschicken.
Sie sagte nichts. Ich ebenfalls.
Eine Weile saßen wir einfach da, während der Wind an unserer Kleidung zerrte. Ich hatte mir auf dem Weg hierher überlegt, was ich sagen wollte. Nun, da ich neben ihr saß, kamen mir meine vorbereiteten Worte plötzlich unzureichend vor.
„Amaya … ich habe über unser Gespräch nachgedacht.“
Sie rührte sich nicht, also fuhr ich fort.
„Mein Vorschlag klang, als würde ich dir nicht zutrauen, deine eigene Gruppe zu führen. Das war nicht meine Absicht, aber ich verstehe, warum du es so aufgefasst hast.“
Ich hielt kurz inne.
„Es tut mir leid.“
Sie sah weiterhin in die Ferne.
Ein Teil von mir wollte erklären, warum ich so gehandelt hatte. Die Verantwortung, die ich als Kazekage trug. Die Sorge, dass aus einem kleinen Fehler etwas Schlimmeres werden könnte. All das war nicht unwichtig.
Aber Temaris Worte gingen mir nicht aus dem Kopf.
Zuhören, bevor du entscheidest, was das Beste für sie ist.
„Ich mache mir Sorgen um dich und deine Schüler“, sagte ich schließlich. „Nach dem, was heute passiert ist, wollte ich sicherstellen, dass ihr nicht zu früh wieder mit Missionen beginnt. Als Kazekage muss ich die Risiken abwägen, bevor ich Teams auf einen Auftrag schicke.“
Nun wandte Amaya den Kopf zu mir.
„Ich weiß, dass du Verantwortung trägst, Gaara. Aber du kannst nicht alle beschützen und alles verhindern.“
Ihre Stimme war leise, doch die Schärfe darin war noch nicht verschwunden.
„Weißt du, was das Schlimme daran ist?“ Sie sah wieder zu den Dünen. „Ich musste immer allein entscheiden, ob etwas sicher genug war. Seit mein Vater weg ist, gab es niemanden, der meine Entscheidungen infrage gestellt hat.“
Sie zog die Knie etwas näher an sich.
„Und jetzt, wo du dir Sorgen darüber machst fühlt es sich so an, als würdest du mir das wegnehmen, was ich mir selbst erarbeitet habe.“
Ich ließ ihre Worte auf mich wirken.
Ich hatte gewusst, dass sie ihre Unabhängigkeit ernst nahm. Dass sie gelernt hatte, allein zurechtzukommen. Aber ich hatte nicht bedacht, wie viel für sie daran hing, selbst entscheiden zu dürfen.
„Ich wollte dir die Entscheidung nicht abnehmen“, sagte ich. „Ich hätte dich fragen sollen, ob du eine zweite Meinung möchtest, statt dir direkt zu sagen, was ich für die bessere Lösung halte.“
Sie betrachtete mich aufmerksam.
„Es ist ein Unterschied, Gaara.“ Ihre Stimme war nun etwas ruhiger. „Zwischen: ‚Ich bin für dich da, falls du mich brauchst‘ und: ‚Ich entscheide, ob du Hilfe brauchst.‘“
Ich senkte kurz den Blick.
„Ja. Das ist es.“
Es fiel mir nicht leicht, das einzugestehen. Nicht, weil ich ihr widersprechen wollte, sondern weil ich erkannte, dass meine Absicht allein nicht genügte. Ich hatte geglaubt, ihr eine Möglichkeit aufzuzeigen. Tatsächlich hatte ich ihr das Gefühl gegeben, ich wüsste besser als sie, was sie tun sollte.
„Es tut mir leid“, sagte ich noch einmal. „Nicht, dass ich mir Sorgen mache. Sondern dafür, wie ich damit umgegangen bin.“
Etwas in ihrem Gesicht veränderte sich. Die Anspannung ließ ein wenig nach, auch wenn sie noch nicht ganz verschwunden war.
„Ich bin nicht zerbrechlich“, murmelte sie.
„Das weiß ich.“
Ich legte meine Hand auf den Stein neben mir, ohne ihre zu berühren. Ich wollte ihr nahe sein, aber nicht so nahe, dass sie sich zurückziehen musste.
„Aber ich darf mir trotzdem Sorgen machen, oder?“
Ein leises, beinahe widerwilliges Schnauben entwich ihr.
„Das kann ich dir wohl kaum verbieten.“
„Dann werde ich das vermutlich weiterhin tun.“
Ich ließ den Blick wieder über die Dünen schweifen, bevor ich weitersprach. „Aber ich werde versuchen, dich zuerst zu fragen, bevor ich Entscheidungen über deinen Kopf hinweg treffe.“
Amaya schwieg lange. Ich wusste nicht, ob sie noch über meine Worte nachdachte oder ob sie einfach Zeit brauchte, um ihre Wut loszulassen. Ich zwang mich, nicht nachzuhaken.
Dann bewegte sie ihre Hand ein wenig. Ihre Finger berührten meine.
Es war nur eine kleine, beinahe beiläufige Bewegung. Trotzdem bemerkte ich sie sofort. Ich zog meine Hand nicht zurück, aber ich wagte auch nicht, ihre zu ergreifen.
„Abgemacht“, sagte sie leise.
Nach einem Moment fügte sie hinzu: „Aber wehe, du machst das noch mal.“
„Ich werde mich bemühen, mich daran zu erinnern.“
Sie schüttelte lächelnd den Kopf. Es wirkte zurückhaltender, vielleicht noch ein wenig vorsichtig. Aber es war echt.
Und das genügte mir fürs Erste.
Wir blieben noch eine Weile auf der Mauer sitzen. Keiner von uns hatte das Bedürfnis, das Schweigen zu füllen, während der Wind über den Stein strich und die ersten Sterne am Himmel erschienen.
Ich wusste, dass ich nicht verhindern konnte, dass Amaya verletzt wurde. Nicht als Kazekage. Nicht als ihr Freund.
Vielleicht war es auch nie meine Aufgabe gewesen, jede Gefahr von ihr fernzuhalten. Ich konnte sie warnen, ihr meine Sichtweise anbieten und ihr helfen, wenn sie mich darum bat. Aber ich konnte nicht jede Entscheidung für sie treffen, nur weil ich Angst vor den möglichen Folgen hatte.
Sie musste selbst entscheiden dürfen, welches Risiko sie eingehen wollte. Und ich musste lernen, ihr diese Entscheidung zuzutrauen.
Der Gedanke war ungewohnt.
Aber zum ersten Mal erschien er mir nicht wie ein Verlust von Verantwortung, sondern wie eine andere Art, ihr gerecht zu werden.