Kapitel 1: Der Geruch von Desinfektionsmittel und Regen
Kapitel 1: Der Geruch von Desinfektionsmittel und Regen
Der scharfe, sterile Dunst von Isopropanol liegt wie eine unsichtbare Kruste auf meiner Haut. Im Hôpital de la Pitié-Salpêtrière fragt niemand nach gestern. Die gekachelten Wände verlangen keine Erklärungen. Hier existiert keine Ladybug, kein brennendes Holz, kein Einsturz eines Lebens. Hier gibt es nur Dr. Marinette Dupain-Cheng. Die kühle Spezialistin für Notfallmedizin, direkt aus Boston.
Mein Chefarzt lobt die Regungslosigkeit, mit der jeder meiner Schnitte sitzt. Er nennt es Professionalität. Keine Ahnung hat er. Diese Kälte wurde in den nassen, dunklen Nächten unter dem Dach meiner amerikanischen Verwandten geschmiedet. Wer gelernt hat, beim fernen Knarren einer Treppenstufe das Atmen einzustellen und das Herzflimmern im Hals zu blockieren, der kippt nicht um, wenn eine Schlagader reißt.
Kurz nach Mitternacht. Schwere Tropfen klatschen gegen die gläserne Drehtür des Ausgangs. Ich ziehe den Mantelkragen nach oben. Schirme den Hals ab. Die feuchte, kalte Luft brennt in meinen Lungen, schwemmt das Adrenalin der Schicht hinweg. Zurück bleibt das Übliche. Bleierne, dumpfe Leere im Brustkorb.
Der Weg zu einem Taxi wäre kurz. Doch meine Glieder verlangen nach Weite. Nach der Freiheit, die mir so lange entzogen war.
Der Schatten einer schmalen Gasse nahe der Metro-Station. Ein rascher Blick über meine Schulter. Der Reißverschluss meiner Handtasche gleitet auf. Noch bevor die kleine Gestalt herausschlüpft, ist da dieses feine, warme Vibrieren an meinem Herzen.
„Marinette… bist du dir sicher?“ Tikki drückt sich gegen meine Wange, die großen, nachtblauen Augen voller Sorge. Sie hat jede lautlose Träne in Amerika gesehen. Sie kennt den Ursprung jeder einzelnen Narbe.
„Nur eine Runde, Tikki.“ Ich schlucke die Trockenheit im Mund hinunter. „Um den Kopf… ich muss sehen, ob die Stadt wirklich noch schläft.“
„Tikki, verwandle mich.“
Das vertraute, warme Leuchten legt sich wie eine schützende Membran über meine Haut. Das rote Kostüm mit den schwarzen Punkten fühlt sich anders an als mit vierzehn. Es kaschiert keine Tollpatschigkeit mehr. Es ist die schwere Rüstung einer Frau, die gelernt hat, Schläge einzustecken.
Der Zug am Jojo ist reine Routine, meine Muskeln erinnern sich sofort. Mein Körper schnellt hinauf auf das erste Dach. Der Wind peitscht mir ins Gesicht, reißt den Geruch des Krankenhauses mit sich und schmeckt nach Freiheit. Einen Moment lang herrscht Schwerelosigkeit. Paris liegt als glitzerndes Teppichmeer im Dunkeln. Hawk Moth ist eine verblasste Erinnerung. Die Akumas sind Geschichte.
Meine Füße fliegen über den nassen Schiefer, federn auf den Schornsteinen ab, bis die geschwungene Silhouette des Grand Palais aufragt. Die Landung auf dem glatten Dach ist lautlos. Doch meine Bewegung erstirbt mitten im Schritt.
An der Kante, die Beine in die Schwärze des Abgrunds hängend, sitzt jemand.
Ein mattschwarzer Anzug. Katzenohren, die im Wind leicht erzittern. Ein langer, metallischer Stab liegt griffbereit im nassen Blech.
Mein Herz stolpert. Die Luft bleibt mir in der Kehle stecken.
Cat Noir.
Die schmalen Schultern des Jungen von früher sind verschwunden, gewichen einer breiteren, kantigeren Statur. Seine Haltung atmet keine jugendliche Arroganz mehr, sondern eine tiefe, fast greifbare Schwere. Der Blick ist starr auf den Eiffelturm gerichtet, die Ellbogen auf den Knien abgestützt.
Lauf weg. Ein panischer Impuls schießt mir in die Beine. Du hast ihn im Stich gelassen. Du hast kein Recht, hier zu sein.
Ich will zurückweichen, den Fuß anheben, unsichtbar werden. Da gibt eine lose Fliese unter meinem Stiefel mit einem feinen Knacken nach.
Das Geräusch ist minimal. Doch seine Katzenohren zucken nach hinten. In einer fließenden, bedrohlich schnellen Bewegung wirbelt die Gestalt herum. Seine Finger schließen sich um den Stab, die grünen Augen verengen sich zu gefährlichen Schlitzen.
Dann bleibt er stehen.
Der Stab zittert nicht, jede Faser seines Körpers friert mitten in der Bewegung ein. Das matte Licht der Straßenlaternen fängt sich in seinen Pupillen, die sich ungläubig weiten. Seine Lippen formen ein namenloses Wort, bevor überhaupt ein Ton herauskommt.
„...M’Lady?“ Das Flüstern ist rauer, tiefer als in meiner Erinnerung. Es bricht am Ende ab, verliert sich im Prasseln des Regens.
Ich stehe wie einbetoniert. Das Wasser läuft mir über die Maske, tropft vom Kinn auf das rote Gewebe. Ich will etwas sagen, meine Lippen öffnen sich, doch es kommt kein Ton. Nur das schnelle, flache Heben meiner Brust verrät mich. Zwei Retter einer Stadt, gezeichnet von den Jahren, getrennt durch ein Schweigen, das tiefer ist als jeder Abgrund.