Kapitel 2: Splitter im Spiegel
Kapitel 2: Splitter im Spiegel
Der Regen klatscht mir ins Gesicht. Brennt wie Nadeln. Aber mein ganzer Körper zittert aus einem ganz anderen Grund.
Sieben Jahre.
Verdammt noch mal, sieben Jahre lang habe ich jede freie Nacht hier oben verbracht. Bis mir die Augen brannten, nur um einen Blick auf ein rotes Kostüm zu erhaschen. Und eben… eben stand sie da. Einfach so.
Ich bücke mich, meine Finger tasten nach dem nassen Metall meines Stabs. Gott, ich zittere so heftig, dass ich ihn kaum am Gürtel festkriege. In meinem Kopf explodiert gerade alles. Und diese verdammte Schuld frisst mich von innen auf.
Es gab ja nie dieses eine große Finale. Kein epischer Sieg, bei dem wir Hawk Moth die Maske vom Gesicht gerissen haben. Nichts. Von heute auf morgen gab es einfach keine Akumas mehr. Nur diese unheimliche, drückende Stille. Ich dachte damals, ich drehe durch. War es eine Falle? Aber der Preis für den Frieden war einfach zu hoch. Mit den Akumas war auch Ladybug weg. Einfach von der Bildfläche verschwunden. Sie hat mich in dieser Stille sitzen gelassen.
Und dann diese eine Nacht. Dieser blutrote Himmel. Die Bäckerei der Dupain-Chengs brannte lichterloh, sank komplett in Schutt und Asche. Sabine und Tom… tot. Erstickt, verbrannt, ich weiß es bis heute nicht. War es Hawk Moths letzter, dreckiger Racheakt? Oder ein blöder Unfall? Marinette stand vor den Trümmern ihres Lebens. Ganz allein.
Und ich? Ich war nicht da.
Mein Vater drehte nach dem Ende von Hawk Moth völlig durch. Wurde noch kälter, vergrub sich nur noch in seiner Arbeit. Aber ehrlich gesagt, war mir das damals egal. Er war ja nie anders zu mir. Aber er erstickte mich. Verpflichtungen, Kontrolle, purer Wahnsinn. Ich saß in meinem eigenen goldenen Käfig und habe kaum noch Luft bekommen. Ich war so blind vor eigenem Mitleid, dass ich Marinette nicht mal die Hand gereicht habe, als sie ertrank.
Als ich endlich den Mut hatte, zu ihr zu gehen, war sie weg. Geflohen.
Ich habe Jahre gebraucht, um von meinem Vater wegzukommen. Mit einundzwanzig habe ich das erste Mal das getan, was ich mich mit vierzehn nie getraut hätte: Ich habe rebelliert. Modelverträge hingeschmissen, ihm sein Imperium vor die Füße geworfen. Meine eigene Wohnung war wie der erste tiefe Atemzug nach dem Ertrinken.
Nino und Alya haben mich gerettet. Aber immer, wenn Marinettes Name fiel, wurde es totenstill im Raum. Alya schüttelte nur den Kopf, die Augen voller Tränen. Sie wusste irgendwas. Aber sie schwieg.
Und in mir wuchs dieser eine, völlig verrückte Verdacht.
Marinette und Ladybug. Eins.
Am Anfang dachte ich, ich verliere den Verstand. Das kreative, liebe Mädchen aus der Bäckerei und die unnahbare Heldin von Paris? Aber mein Kopf suchte wie besessen nach Mustern. Dieses unverkennbare, tiefe Blau der Augen. Und die Tatsache, dass beide genau nach dieser Brandnacht aus meinem Leben gelöscht wurden.
Ich habe solche Angst, dass ich mir das alles nur einbilde. Wenn es zwei verschiedene Frauen sind, habe ich beide verloren. Wenn sie dieselbe Person sind… dann habe ich das Mädchen im Stich gelassen, das mich am meisten gebraucht hätte, als ihre Eltern starben.
Und jetzt stand sie vor mir. Älter. Schmaler. Aber sie trug keine Maske mehr. Das war eine Rüstung.
„...M’Lady?“, flüstere ich, und meine Stimme versagt komplett. Ich mache einen Schritt auf sie zu. Ich will Antworten. Ich will sie festhalten, damit dieser Traum nicht einfach verpufft.
„Nein“, bringe ich heraus, und es klingt viel zu scharf, viel zu bitter. „Das ist… das ist unmöglich.“
Ich warte darauf, dass sie irgendwas sagt. Einen ihrer klugen Pläne auspackt. Mir erklärt, warum sie abgehauen ist.
Nichts. Sie steht einfach nur starr im Regen. Atmet nicht mal richtig. Ich gehe noch einen Schritt näher, das Licht einer Straßenlaterne trifft ihr Gesicht, und da sehe ich es.
Sie starrt mich an. Aber das ist nicht Ladybug. Das ist ein Blick voller Entsetzen, blanker Panik und so einem tiefen Schmerz, dass es mir richtig in der Brust wehtut. Sie reißt die Augen weit auf, mustert mein Gesicht – die harten Falten, die die Jahre hinterlassen haben. Sie sieht mich an, als wäre ich der Geist.
Auf einmal kocht die Wut in mir hoch. Zusammen mit dieser unendlichen, wahnsinnigen Erleichterung, dass sie lebt.
„Sieben Jahre, Ladybug. Kein Brief. Gar nichts. Ich habe jede Ruine abgesucht! Ich dachte, Hawk Moth hat dich erwischt. Ich dachte… verdammt, ich dachte, du liegst irgendwo in der Seine!“ Ich baue mich vor ihr auf, zwinge sie, mich anzusehen. „Wo. Warst. Du?“
Sie antwortet nicht. Sie weicht nur zurück. Einen Schritt. Noch einen. Weg von mir.
In ihren Augen steht pure Todesangst. Fluchtinstinkt. Sie sieht mich an, weicht noch weiter zurück – und zieht die Reißleine. Ohne ein Wort wirbelt sie herum. Ihr Jojo schneidet durch den Regen, krallt sich irgendwo fest, und sie schießt rückwärts in den schwarzen Himmel.
„Warte! M’Lady, bleib hier!“, brülle ich gegen den Wind an.
Die Panik schnürt mir die Kehle zu. Genau wie vor sieben Jahren. Ich fahre den Stab aus, springe vom Grand Palais und jage ihr nach. Über die rutschigen Dächer, über Abgründe hinweg, mein Blick starr auf diesen roten Punkt im Sturm gerichtet.
Aber sie ist zu schnell. Ihre Bewegungen sind präziser, getrieben von einer fast schon beängstigenden, verzweifelten Kraft. Sie bricht nach links aus, taucht ab in die Häuserschluchten an der Seine – und weg ist sie.
Ich lande keuchend auf einem Flachdach. Klammere mich an meinen Stab. Ich starre in die Dunkelheit, aber da ist nichts. Sie hat mich abgehängt. Sie will absolut nicht gefunden werden.
Meine Schultern sacken nach unten. Mein ganzer Oberkörper tut weh vor Erschöpfung, als ich mich in eine dunkle Gasse fallen lasse.
„Verwandlung aufheben“, flüstere ich. Mehr kriege ich nicht heraus.
Plagg rutscht aus dem Ring und landet schwer auf meiner Schulter. Er guckt mich nur an. Ganz ernst. Kein blöder Spruch über Camembert. Er merkt, wie sehr ich innerlich am Ende bin.
Ich nestele nach meinem normalen Mantel, den ich hier unten versteckt hatte. Genau in dem Moment vibriert das Handy in meiner Tasche. Mein Herz macht einen Satz – vielleicht sie? Eine Nachricht von ihr? Aber als ich auf das Display gucke, wird mir schlagartig speiübel.
Eine SMS vom Chauffeur meines Vaters:
Adrien. Schwerer Unfall auf dem Quai de la Tournelle. Dein Vater… der Wagen ist von der Fahrbahn abgekommen. Sie bringen ihn in die Pitié-Salpêtrière.
Das Handy rutscht mir fast aus den nassen Fingern. Gabriel.
Die Vergangenheit zieht die Schlinge immer enger zu. Schneller, als ich überhaupt denken kann. Eben stand ich noch vor der Frau, die ich seit sieben Jahren vermisse – und im nächsten Moment bin ich auf dem Weg ins Krankenhaus.