Kapitel XII - Wiederholungen
Kapitel XII - Wiederholungen
»JARVIS, gleiche die Aufnahmen der Vorfälle auf identische Personen ab.«
»Natürlich, Sir.«
Ich beobachte, wie die Aufnahmen nebeneinander und alle zeitgleich laufen.
JARVIS analysiert die Personen, die zu sehen sind und gleicht diese ab.
Dann enden die Aufnahmen.
»Ich habe einen Treffer, Sir.«
»Zeig ihn mir.«
JARVIS vergrößert die Standbilder.
Wie ich erwartet habe, ist es der Mann, der Loki und mir schon längst aufgefallen ist.
Ich massiere mir die Schläfen.
Es muss doch noch irgendwas geben.
Irgendwas, das wir nicht sehen.
Noch nicht.
Ich brauche dringend einen Kaffee.
»JARVIS?«
»Ja, Sir?«
»Gleiche alle Daten der Vorfälle miteinander ab und wenn du ein Muster findest, informier mich.«
»Natürlich, Sir.«
Kurz darauf verlasse ich die Werkstatt und gehe die Treppe nach oben.
Als ich im Penthouse ankomme, sitzt Loki immer noch auf dem Sofa, und zwar ganz genau so, wie ich ihn zurückgelassen habe.
»Hast du dich überhaupt mal bewegt?«
Lokis Blick klebt gebannt in dem Comic.
Keine Reaktion.
Ich beobachte ihn einen Moment lang, während ich durch das Penthouse in Richtung der Kaffeemaschine gehe.
Ich stelle meine Tasse unter den Vollautomat.
»Loki?«
Er sieht auf. »Oh. Hey Tony.«
Ich grinse. »Immer noch so gefesselt, hm?«
»Kann man wohl so sagen.«
»Du hast dich nicht einen Zentimeter bewegt, seit ich gegangen bin.«
Loki sieht sich kurz um, als würde er etwas suchen.
»Du warst weg?«
Ich blinzle.
Dann lache ich auf. »Du hast nicht einmal bemerkt, dass ich weg war?«
Er grinst. »Natürlich habe ich das bemerkt.«
Sein Blick wandert wieder auf die aufgeschlagene Seite.
Dann blättert er um.
Ich tausche die Tassen unter der Kaffeemaschine. »Natürlich hast du das.«
Loki legt den Comic auf einen der beiden Stapel auf dem Tisch.
Er lehnt sich zurück und ändert seine Sitzposition ein wenig.
»Ich war wirklich vertieft, oder?«
»Mhm.« Ich nehme die beiden Tassen und gehe mit ihnen zum Sofa.
»Also wie weit bist du?«
Sein Blick fällt auf die Comics. »Ich habe gerade den fünften zu Ende gelesen.«
»Also bleiben dir noch drei.«
Er nickt.
Ich setze mich neben ihn und reiche ihm eine der Tassen.
»Danke.« Er nimmt die Tasse und sieht mich an.
»Also du warst weg?«
Ich nicke und nippe an meinem Kaffee.
»Ich war in der Werkstatt.«
»Was hast du gemacht?«
Ich lehne mich zurück.
»Ich bin nochmal den Fall durchgegangen mit JARVIS.«
»Und?«
Ich schüttle den Kopf. »Nichts.«
Loki sieht mich weiterhin an.
Ich sehe auf meine Tasse. »Zumindest nichts, was wir nicht schon wussten.«
Er nickt langsam, als müsste er diese Info erstmal verarbeiten.
Mein Blick fällt auf die Comics.
»Gefallen sie dir?«
Sein Blick folgt meinem, dann wandert er wieder zurück zu mir.
»Sie sind nicht schlecht.«
Ich lache leise. »Nicht schlecht? Du warst völlig abwesend.«
Loki rollt mit den Augen. »Okay. Sie sind unterhaltsam.«
Ich hebe skeptisch eine Augenbraue.
Wieder sehe ich auf die Comics.
»Unterhaltsam. Klar.«
Er rollt erneut mit den Augen.
»Danke für den Kaffee.«
Ich nicke nur.
»Guten Morgen, Lord Loki.«
Ich setze mich langsam in meinem Bett auf. »Guten Morgen, JARVIS.«
Ich strecke mich kurz und streiche mir die Haare glatt.
Dann stehe ich auf und ziehe mir ein Shirt und eine Hose über.
Als ich das Zimmer verlasse, sitzt Tony bereits mit einer Tasse in der Hand auf dem Sofa.
Er mustert mich einen Augenblick und zieht dann eine Augenbraue hoch.
»Guten Morgen, Tony.«
»Guten Morgen, Schneewittchen.«
Mein Blick fällt auf die dampfende Tasse, die auf dem Sofatisch steht.
Er grinst und lehnt sich wortlos zurück.
Ich gehe zum Sofa und lasse mich neben ihn fallen.
»Hat der Gott heute akute Geschmacksverirrungen?«
Ich sehe ihn an. »Was?«
Tony deutet vage auf mich.
Ich sehe an mir runter. »Ist irgendwas daran falsch?«
Er lacht und nippt an seiner Tasse. »Nein.«
Meine Augenbraue zuckt hoch.
Tony grinst. »Nur, dass ich dich bisher immer nur in deiner Rüstung oder im Anzug gesehen habe.«
Ich rolle mit den Augen und nehme mir die Tasse vom Tisch.
»Ich wusste nicht, dass meine Kleidung einer morgendlichen Inspektion unterzogen wird.«
»Nur heute.«
Ich trinke einen Schluck von meinem Kaffee und lehne mich zurück.
»Sir?«
»Ja, JARVIS?«
»Direktor Fury ist am Apparat.«
Ich sehe Tony an und wir scheinen uns einig zu sein, ohne es aussprechen zu müssen.
Das bedeutet nichts Gutes.
»Stell ihn durch, JARVIS.«
»Natürlich, Sir.«
Wenige Augenblicke später sehen wir Fury auf einer der Hologrammoberflächen.
»Mister Stark. Loki.«
Wir nicken einstimmig.
»Es gab einen weiteren Vorfall.«
Augenblicklich spannt Tony sich an.
»Wann?«
»Gestern.«
Ich ziehe die Augenbrauen hoch. »Gestern? Aber-«
Fury nickt. »Ich weiß. Wir dachten alle es würde frühestens Heute wieder einer passieren.«
Tony stellt die Tasse ab. »Also verkürzen sich die Abstände wirklich.«
Fury nickt ernst. »Sieht ganz danach aus.«
Ich sehe zu Tony. »Dann müssen wir davon ausgehen, dass gleich heute…-«
Ich spreche den Satz nicht zu Ende.
Tony nickt zustimmend.
Er weiß, was ich sagen wollte.
Wir sehen uns kurz an.
Dann sieht er wieder zu Fury. »Wie viele Betroffene?«
Furys Stirn legt sich in Falten. »Etwa Sechshundert.«
Ich reibe mir die Stirn.
Mein Kopf arbeitet bereits auf Hochtouren.
»Und wo?«
»Industry City.«
Tony nickt langsam.
Er scheint ebenfalls nachzudenken.
Fury schaltet sich erneut ein. »Ich werde die Anderen informieren und schicke Ihnen die Aufnahme.«
Tony nickt.
Dann ist die Verbindung auch schon unterbrochen.
Ich sehe zu Tony. »Wir haben immer noch keinen Anhaltspunkt, wo es als nächstes passieren könnte.«
Er schüttelt den Kopf. »Und wir müssen davon ausgehen, dass es wieder passiert.«
Ich nicke. »Heute.«
Tony nickt. »Und mit mehr Betroffenen.«
»Sir, wollen Sie die Aufnahme sehen?«
»Ja, JARVIS. Spiel sie ab.«
Auf der Hologrammoberfläche erscheint die Aufnahme.
Tony startet sie.
Es ist dasselbe wie bei den anderen Vorfällen.
Erst sind die Menschen friedlich und gehen ihren Dingen nach.
Dann bricht plötzlich Panik aus.
»JARVIS, such in der Aufnahme nach dem Mann, den du gestern erfasst hast.«
»Natürlich, Sir.«
Es dauert nur einige Sekunden, bis die Aufnahme stoppt und das Standbild sich vergrößert.
Im Fokus steht der Mann, der auch bei allen anderen Vorfällen zu sehen war.
Vor uns erstrecken sich die Hologramme der Aufnahmen der mittlerweile sechs Vorfälle.
Daneben die Standbilder mit dem Mann im Fokus, der bei jedem Vorfall anwesend war.
Wieder sehen wir uns die Aufnahmen nacheinander immer wieder an.
Aber wir finden nichts Neues.
Da ist nichts, was uns einen weiteren Hinweis gibt.
Nur die Betroffenen werden immer mehr.
»Vielleicht gehen wir falsch an die Sache ran.« Loki sieht mich an.
Ich halte seinem Blick stand. »Aber wir haben nicht mehr.«
»Vielleicht sollten wir uns auf die Betroffenen konzentrieren.«
Ich blinzle. »Du meinst die, über die wir exakt nichts wissen?«
»Wir wissen wie viele es jeweils waren.«
Ich massiere mir die Schläfen. »Selbst wenn es ein Muster in der Steigerung gibt, hilft uns das kaum.«
»Und dennoch wäre es besser als weiterhin nichts, weil wir uns nur immer wieder ansehen, was wir bereits kennen.«
»Also gut…« Ich nicke langsam. »JARVIS, liste mir die Zahlen der Betroffenen chronologisch auf.«
»Natürlich, Sir.«
Die Aufnahmen verschwinden an die Seite und vor uns taucht die Liste mit den Zahlen auf.
Loki betrachtet sie eingehend. »Zwischen dem Ersten und dem zweiten Vorfall lag die Steigerung bei dreißig Menschen.«
Ich nicke. »Danach waren es Siebzig.«
Er nickt zurück. »Und dann Hundert.«
»Zwischen dem Vierten und fünften Vorfall waren es dann schon Hundertfünfzig.«
Loki verschränkt die Arme vor der Brust. »Und jetzt sind wir bei zweihundert Betroffenen mehr als zuvor.«
»Also dreißig, siebzig, hundert, hundertfünfzig, zweihundert.«
Der schwarzhaarige Gott nickt nachdenklich.
Ich lege den Kopf in den Nacken. »Da ist kein wirkliches Muster zu erkennen, außer wir lassen die ersten beiden Steigerungen aus, aber das wäre hirnrissig.«
Loki sieht auf die Auflistung. »JARVIS, gibt es in der Steigerung ein auffälliges Muster?«
»Nein, Lord Loki. Das Einzige, was auffällig ist, wie Mister Stark schon feststellte, dass es ab dem dritten Vorfall relativ saubere Schritte sind, aber daraus lässt sich nichts sicher Schlussfolgern.«
Er nickt langsam. »Dann fällt das auch weg.«
»Und damit haben wir? Genau. Nichts!« Ich sehe ihn an.
Loki rollt mit den Augen. »Und trotzdem ist es besser, als es nicht zumindest versucht zu haben, Stark.«
Ich schweige.
Er sieht mich an. »Es bringt uns nichts, wenn wir jetzt einfach den Kopf in den Sand stecken. Irgendetwas muss es geben.«
»Aber da ist nichts, Loki! Da ist einfach nichts!«
Loki packt mich an den Schultern, dreht mich zu sich und sieht mir in die Augen. »Reiß dich am Riemen, Tony. Wir werden es finden, egal was es ist, irgendetwas muss es geben, das wir übersehen.«
Ich atme tief durch und schließe einen Moment lang die Augen.
Als ich sie wieder öffne, wandert mein Blick über die Liste, die Standbilder mit dem Mann, die Aufnahmen an den verschiedenen Orten.
Orte…
Ich löse mich aus Lokis Griff. »JARVIS, erstelle mir eine Karte mit den Standorten der Vorfälle und nummeriere die Marker.«
»Sehr gerne, Sir.«
Loki starrt mich an, als hätte ich ihm einen seiner neuen Comics weggenommen.
Vor uns erscheint die Karte auf dem Hologrammfeld und ich ziehe sie in die Waagerechte, um von oben drauf sehen zu können.
»Bronx.« Ich deute auf den ersten Marker.
»Dann Brooklyn.« Mein Blick wandert zu dem zweiten Marker.
»Der dritte Vorfall war in Queens.«
Loki beobachtet mich aufmerksam. »Der Vierte in Manhattan.«
Ich nicke. »Und jetzt pass auf.«
Ich ziehe den fünften Marker etwas größer. »Wieder die Bronx.«
Loki deutet auf den sechsten Marker. »Lass mich raten, das ist wieder in Brooklyn.«
Ich klatsche einmal in die Hände. »Ganz genau!«
Seine Augen weiten sich kurz. »Also ist es nicht unwahrscheinlich, dass der nächste Vorfall wieder in Queens ist.«
Ich tippe mir auf die Nasenspitze und deute dann auf ihn.
Ich starre auf die holografische Karte von mir.
Bronx, Brooklyn, Queens, Manhattan.
Und wieder von vorne.
Tony trommelt mit den Fingern in der Luft. »JARVIS, berechne mir welche Standorte in Queens für die nächste Massenpanik in Frage kommen, wenn diese heute noch passiert und liste sie mir auf. Mindestens zweihundertfünfzig Betroffene mehr als beim letzten Vorfall, potentiell auch mehr.«
»Natürlich, Sir.«
Nur wenige Momente später wird die Auflistung der Steigerungszahlen zur Seite geschoben und eine Auflistung von Orten erscheint.
Und Tony ist wieder voll bei der Sache.
»Jetzt sortiere die Orte nach Wahrscheinlichkeit, JARVIS.«
Die Liste sortiert sich wie von selbst neu und wird nun von einem Ort namens ‚Kupferberg Center for the Arts‘ angeführt.
Tony schnippt und deutet darauf. »Das ist es.«
Ich nicke langsam. »Hoffen wir es.«
Er sieht mich an. »Schon mal geflogen, Loki?«
Ich hebe eine Augenbraue.
Ich bin mir nicht sicher, ob mir gefällt, wohin das gerade führt.
Tony grinst.
Nein.
Das gefällt mir wirklich überhaupt nicht.
Ehe ich antworten kann, hat er mich bereits am Arm gepackt und zieht mich Richtung Bartheke. »Zeit für dein Hokus Pokus Zeug mit deiner Rüstung, Loki.«
Das hingegen braucht er mir nicht zwei Mal sagen.
Innerhalb weniger Augenblicke materialisiert sich mit einem magischen Schimmern meine asgardianische Rüstung um meinen Körper.
»Fertig.«
Tony sieht zu mir und blinzelt überrascht, obwohl er es gerade selbst gefordert hat.
Er lässt meinen Arm los und legt sich zwei Armreifen an.
»JARVIS, aktiviere den MARK-Sieben.«
»Sofort, Sir.«
»Ich würde da weg gehen.« Tony deutet auf die Stelle, an der ich stehe.
Gerade im letzten Moment mache ich einen Schritt zur Seite, bevor der Anzug als Klumpen an mir vorbeirauscht und sich anschließend elegant um Tonys Körper ausbreitet und schließt.
Eine kalte Metallhand greift meine und zieht mich die Treppe hoch Richtung Balkon, wo Tonys Landeplatz war, als ich New York angegriffen habe.
»Tony.«
»Ja, Loki?«
»Mir gefällt nicht, in welche Richtung das hier gerade geht.«
Das Lachen, das er von sich gibt, klingt durch den MARK VII Anzug ein wenig blechern. »Wir haben keine Zeit für Alternativen im Transport.«
»Und wenn wir einfach den nächsten Vorfall abwarten?«
Ein Ruck geht durch den Metallkörper vor mir und bremst mich unsanft aus.
Er wirft mir über die Schulter einen Blick zu, während ich nur auf die kalte, goldene Oberfläche der Maske sehe. »Nein.«
Bevor ich noch etwas sagen kann, zieht er mich durch die Tür nach draußen auf die Plattform.
Mein Blick wandert kurz in die Tiefe.
Bis seine Stimme meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. »Du weißt, wie Huckepack funktioniert?«
»Natürlich.«
»Gut, dann weißt du ja, was du zu tun hast, Schneewittchen.« Sofort dreht er mir den Rücken zu.
Ich betrachte sein Metallkreuz. »Das ist demütigend.«
»Es ist notwendig. Jetzt mach schon.«
Ich seufze und kann nicht fassen, dass ich mich im nächsten Moment wirklich an ihn hänge.
Meine Beine von hinten um seine Hüften geschlungen, die Arme über seine Schultern hinweg ineinandergegriffen und an seinen Brustkorb gepresst.
Tony strafft sich merklich in dem Anzug.
»Gut festhalten, Schneewittchen.«
Das sind die letzten Worte, die ich höre, bevor wir abheben.
Verdammter Stark.