Kapitel VIII - Und dann war da noch die Kaffeemaschine
Kapitel VIII - Und dann war da noch die Kaffeemaschine
Ich war den ganzen Tag in der Werkstatt und habe an dem MARK VII gearbeitet. Das neue Energieverteilungssystem ist endlich fast fertig.
Langsam gehe ich die Treppe zum Penthouse nach oben.
Eigentlich will ich mir nur einen Kaffee holen und dann das System fertig einbauen.
Da arbeite ich schon seit über einer Woche drauf hin und ich will es endlich testen können.
Als ich die letzte Stufe betrete, fällt mein Blick auf die Hologramme.
Das gespeicherte Asgard 2.0 Konzept läuft.
Die Fensterfront hat sich zu einem riesigen Wasserfall umgestellt, der bis inmitten des Raumes fließt, an den Türen stehen goldene
Feuerschalen auf Ziersäulen und die Wände sind mit goldenen und grünen Ornamenten geschmückt, während an der Decke ein
Sternenverhangener Nachthimmel mit Galaxie Nebeln zu sehen ist.
Mein Blick wandert durch den Raum, bis dieser auf Loki fällt, der auf dem Sofa sitzt.
Er hat den Kopf in den Nacken gelegt und starrt abwesend an die Decke, auf den Sternenhimmel.
Ich bleibe einen Augenblick lang auf der Treppe stehen und beobachte ihn.
Normalerweise hätte er mich schon längst bemerkt und wenigstens irgendwas gesagt.
Aber heute nicht.
Absolute Stille.
Mich beschleicht das Gefühl, dass irgendwas nicht stimmt.
Vorsichtig verlasse ich die Treppe und gehe ein paar Schritte in seine Richtung.
»Loki?«
Keine Reaktion.
Also entweder ist er eingeschlafen oder irgendwas stimmt hier gewaltig nicht.
Ich gehe zu ihm und setze mich neben ihm auf das Sofa.
»Hey, ist alles in Ordnung?«
Langsam, fast träge, hebt er den Kopf. »Hm?«
Mein Blick wandert über sein Gesicht und er lässt den Kopf wieder zurückfallen.
Ich mustere ihn einen Augenblick, dann lasse ich mich in das Sofa sinken, genau wie er, und lege den Kopf in den Nacken.
Ich starre auf den holografischen Sternenhimmel über uns.
»Es fehlt dir, oder?«
Loki schweigt.
Ich sehe nicht zu ihm.
Eine ganze Weile schweigt er.
Ich starre weiter gemeinsam mit ihm auf den Sternenhimmel.
Irgendwann seufzt er leise.
Seine Antwort kommt so leise, dass sie fast nicht zu hören ist. »Schon ein wenig.«
»Hmm…«
Wir starren weiter gemeinsam an die Decke mit dem Sternenhimmel.
»Willst du mir ein wenig davon erzählen?«
Kurz dreht er den Kopf in meine Richtung.
Danach wandert sein Blick wieder zur Decke.
Wieder schweigt er eine Weile.
Dann atmet er langsam aus und beginnt zu erzählen. »Asgard ist… anders.«
»Das ist nicht sehr präzise.«
Er schmunzelt leicht.
»Die Stadt ist riesig, viele Leute. Unfassbar viel Gold. Also selbst die Gebäude und vor allem der Palast erstrahlen in goldenem Glanz. Und der Palast ist riesig. Wirklich riesig.«
Ich höre aufmerksam zu. »Das klingt beeindruckend.«
»Für einen gewöhnlichen Menschen ist es das mit Sicherheit.«
»Hey!«
Loki sieht zu mir und grinst. »Willst du mir etwa sagen, du seist kein gewöhnlicher Mensch?«
»Ich bin immerhin Iron Man.«
»Das hat nichts zu sagen.«
Ich lache leise.
Jetzt hat er mich mit eigenen Waffen geschlagen.
Mistkerl.
Einen Moment lang schweigen wir wieder.
»Du vermisst es wirklich.«
Loki sieht weiter zur Decke.
»Ja.«
Diesmal widerspricht er nicht.
Ich nicke langsam.
»Dann zeigst du mir irgendwann, wie es wirklich aussieht.«
Loki dreht den Kopf zu mir.
»Wie bitte?«
»Dein Asgard.«
Er sieht mich einen Moment lang an.
Dann lächelt er leicht.
»Vielleicht.«
»Reichst du mir mal den Schraubenschlüssel dort?«
Ich nehme das Werkzeug und reiche es ihm.
»Den anderen.«
Ich sehe ihn an. »Welchen anderen denn?«
»Den neben dir.«
Ich reiche ihm den entsprechenden Schraubenschlüssel.
»Danke.«
Tony wendet sich wieder seinem Anzug zu.
»Ich brauche noch die Zange.«
Auch diese reiche ich ihm, während ich ihm zusehe.
»Du bist erstaunlich nützlich.«
»Ich bin ein Gott.«
»Das hat nichts zu sagen.«
Ich verdrehe die Augen.
Einen Moment lang beobachte ich ihn bei seiner Arbeit.
»Tony?«
»Hm?«
»Warum vertraust du mir?«
Klimpernd fällt ihm die Zange in den geöffneten MARK VII Anzug.
Er fischt hektisch die Zange wieder raus und sieht auf. »Was?«
»Nichts. Schon gut.«
Tony sieht mich eindringlich an. »Loki. Du stellst selten grundlos Fragen.«
Ich grinse kurz. »Nie.«
»Siehst du.« Er legt die Werkzeuge weg. »Also sag schon.«
»Ich fragte, warum du mir eigentlich vertraust.«
Er lehnt sich langsam zurück und sieht mich an.
Eine kurze Weile sagt er nichts.
»Warum sollte ich es nicht?«
Ich blinzle kurz.
Dann finde ich meine Fassung wieder. »Tony! Ich habe versucht New York zu erobern. Ich wollte die Menschheit unterjochen. Es gibt genug Gründe, um mir nicht zu vertrauen.«
»Sind nicht gerade die neuesten Schlagzeilen.« Er zuckt mit den Schultern.
Ich schnaube kurz. »Das kann nicht dein Ernst sein.«
Tony schweigt.
Ich sehe ihn ungläubig an.
»Tony, du willst mir doch nicht weiß machen, dass das keine Rolle spielt.«
»Nein, aber wenn man mich immer noch nur nach dem beurteilen würde, was ich früher getan habe…« Er winkt ab.
Dann schweigt er wieder.
Ich ziehe die Augenbrauen zusammen.
Er sieht wieder auf den MARK VII Anzug und atmet tief aus.
»Ich weiß, was du getan hast, Loki.«
»Aber?«
»Du hast dich am selben Tag entschieden es besser zu machen.«
Ich ziehe eine Augenbraue hoch. »Und das reicht dir?«
Tony sieht mich wieder an. »Es reicht mir, um dir eine Chance zu geben.«
Ich verschränke die Arme vor der Brust. »Und was, wenn du dich irrst?«
Er schmunzelt amüsiert. »Das glaube ich nicht.«
Ich sehe ihn an. »Ach?«
»Wenn du mir wirklich etwas hättest antun wollen, dann hättest du dazu bereits genug Gelegenheiten gehabt. Wenn du hättest gehen wollen, hättest du das jederzeit gekonnt. Aber du stehst hier in meiner Werkstatt und hilfst mir. Zumindest bis eben.«
Ich runzle die Stirn. »Komm schon, Stark. Wir wissen beide, dass das nicht alles ist.«
Tony sieht mich einen Moment lang an.
Dann seufzt er. »Nein.«
Er lehnt sich zurück. »Das ist nicht alles.«
Ich sage nichts, sehe ihn nur erwartend an.
»Du willst das wirklich wissen, oder?«
Ich rolle mit den Augen. »Sonst hätte ich diese Frage wohl kaum gestellt.«
Wieder schweigt er.
Nach einer kurzen Weile sieht er mich direkt an.
»Weil ich dich verstehe.«
Ich ziehe eine Augenbraue hoch. »Du verstehst mich?«
»Mehr als mir lieb ist.«
»Erzählst du es mir auch, oder muss ich weiter nachfragen?«
Er seufzt wieder.
»Ich stand sehr lange im Schatten meines Vaters und habe viele Dinge getan, um aus diesem herauszutreten.«
Ich schweige und höre ihm zu.
Sein Blick wandert unstet durch die Werkstatt. »Eins der Ergebnisse davon war, dass die Waffen, die ich entwickelt habe, in den falschen Händen gelandet sind.«
Das habe ich nicht erwartet.
»Oh.«
Wir sehen uns schweigend an.
Bis Tony sich wieder dem MARK VII Anzug zuwendet.
»Reich mir mal bitte den Schraubendreher.«
Ich sehe ihn noch einen Moment lang an.
Dann nicke ich. »Welchen genau?«
»Den dort drüben, bitte.« Er deutet auf einen Schraubendreher am Ende des Tisches.
Ich schleppe mich noch verschlafen durch das Penthouse.
Eigentlich will ich nur einen Kaffee.
Doch als ich Loki vor der rauchenden Kaffeemaschine sehe, ahne ich bereits das Schlimmste.
Er sieht aus wie ein Reh im Scheinwerferlicht.
Ich beobachte ihn einen Augenblick lang, doch er rührt sich nicht.
Er starrt einfach nur auf die Kaffeemaschine und scheint mich auch überhaupt nicht zu bemerken.
Ich mache noch ein paar Schritte, dann bleibe ich stehen.
»Loki, was hast du angestellt?«
Er zuckt zusammen und sieht mich an.
»Ich habe nichts angestellt.«
Mein Blick wandert zwischen ihm und der Kaffeemaschine hin und her.
»Die Kaffeemaschine raucht.«
»Das ist mir aufgefallen, Tony.«
Sein Blick wandert zurück zu dem Gerät.
Einen Moment lang sieht es aus, als würde er sie durch bloßes Anstarren dazu bringen wollen zu tun, was sie soll.
Natürlich passiert das nicht.
Dann sieht er wieder zu mir.
»Das sollte nicht so sein, oder?«
Ich schüttle den Kopf.
Loki sieht wieder auf die Kaffeemaschine und rauft sich die Haare.
»Verdammt.«
Ich lache leise.
Sofort schnellt sein Blick zu mir.
»Du… bist nicht wütend?«
Ich grinse kurz. »Ich finde es eher unterhaltsam, dass du meine Technik in den MARK-Anzügen innerhalb kürzester Zeit verstanden hast und mir sogar schon geholfen hast, bei der Optimierung, es aber nicht zustande bringst, eine Kaffeemaschine zu bedienen.«
Seine Schultern sacken für den Bruchteil einer Sekunde nach unten, bevor er sie wieder strafft.
Sein Blick fällt erneut zurück auf die Kaffeemaschine.
Ich betrachte die morgendliche Szene vor mir.
Da steht ein asgardianischer Gott vor meiner rauchenden Kaffeemaschine und scheint wirklich keine Ahnung zu haben, was er getan hat.
»Du hast keine Ahnung, wie man sie bedient, warum hast du es überhaupt versucht?«
Loki sieht wieder zu mir.
Dann zuckt er mit den Schultern.
Es ist offensichtlich, dass er irgendwas vorhatte, aber ich lasse es so stehen.
»Und warum hast du JARVIS nicht nach Hilfe gefragt?«
Einen Moment lang schweigt er.
Dann sieht er nochmal zu der Kaffeemaschine. »Verdammt.«
Ich grinse.
»Schon gut. Ist kein Problem.«
Er sieht mich überrascht an.
Ich trete neben ihn und ziehe den Stecker der Kaffeemaschine aus der Steckdose. »Ich habe neulich eine meiner Kaffeemaschinen mit einem Repulsor erschossen, falls du dich erinnerst. Es ist halb so wild.«
Loki wirkt immer noch nicht überzeugt.
Ich beobachte, wie der Rauch weniger wird, der aus dem Gerät aufsteigt. »JARVIS?«
»Ja, Sir?«
»Bestell eine neue Kaffeemaschine.«
»Sir, Sie haben erst vor drei Wochen eine neue gekauft.«
»Kaffeemaschinen haben hier zurzeit eine ziemlich kurze Lebensdauer, JARVIS.«
»Verstehe, Sir. Ihre neue Kaffeemaschine kommt Morgen an.«
»Danke JARVIS.«
Loki starrt mich an, als hätte ich gerade gezaubert, dabei ist er derjenige mit der Magie.
»Was?«
Er blinzelt.
»Irgendwie war das nicht die Reaktion, mit der ich gerechnet habe.«
Ich grinse. »Überraschung.«
Er starrt mich an.
Ich winke ab. »Gib mir ein paar Minuten zum Anziehen, dann gehen wir irgendwo Kaffee trinken.«
Er nickt langsam und scheint immer noch nicht realisiert zu haben, dass ich anders reagiert habe, als er erwartet hat.
Sein Blick folgt mir, bis zu meiner Schlafzimmertür, die ich hinter mir schließe.
Wenige Minuten später verlasse ich das Schlafzimmer angezogen wieder.
Loki steht immer noch an derselben Stelle und starrt wieder auf die Kaffeemaschine, als würde er sie überzeugen können, doch noch ihren Dienst zu tun.
Ich schmunzle ein wenig über diesen Anblick, während ich zum Fahrstuhl gehe. »Kommst du?«
Ich sitze auf dem Sofa.
Mir gegenüber eine Duplikation von mir für JARVIS.
Zwischen uns das Schachbrett.
Ich will gerade meinen Zug machen, als sich die Fahrstuhltüren öffnen und Tony reinkommt.
»Hey Tony.«
»Hey.« Er murrt es halblaut vor sich hin und geht an mir vorbei.
Ich sehe ihm hinterher.
Umgehend verschwindet er über die Treppe in die Werkstatt.
»Hm.«
»JARVIS, weißt du was mit Tony los ist?«
»Mister Stark scheint einen überaus schlechten Tag zu haben, Lord Loki.«
Ich runzle die Stirn.
»Verstehe.«
Ich starre noch einen Moment auf die Treppe, wo er verschwunden ist.
Dann stehe ich auf. »Wir spielen später weiter, JARVIS.«
»Sehr gerne, Lord Loki.«
Ich gehe zur Kaffeemaschine.
»JARVIS?«
»Ja, Lord Loki?«
»Wie bedient man eine Kaffeemaschine?«
»Das kann je nach Modell variieren, Lord Loki.«
»Okay. Wie bedient man die Kaffeemaschine von Tony?«
»Mister Stark hat einen sogenannten Vollautomat, Lord Loki. Als erstes müssen Sie eine Tasse auf das Gitter am Fuß der Maschine stellen, unter die Ausgabe.«
Ich bleibe vor der Kaffeemaschine stehen und betrachte das Gerät.
Dann nehme ich eine Tasse und stelle sie an die Stelle, die JARVIS wahrscheinlich meint.
»Was muss ich dann machen, JARVIS?«
»Über das Display wählen Sie die gewünschte Art des Kaffees aus, Lord Loki. Mister Stark trinkt seinen Kaffee üblicherweise als Café Crème.«
Ich mache also wieder, was JARVIS mir gesagt hat, und suche in der Auswahl, die entsprechende Variante.
»Und wenn ich es gefunden habe?«
»Dann müssen Sie es nur noch auf dem Display anklicken und bestätigen, Lord Loki.«
»Verstehe.«
Ich tippe auf dem Display den Café Crème an und bestätige es.
Kurz darauf beginnt der Vollautomat zu surren und zu summen.
Mir steigt der Geruch direkt in die Nase.
Riecht gar nicht schlecht.
Wenn ich mir auch einen mache, kann ich ihn vielleicht gemeinsam mit Tony trinken.
Irgendwie erscheint mir das eine gute Idee.
Die Kaffeemaschine wird wieder still und ich sehe auf den Inhalt der Tasse.
Ich stelle die bereits volle Tasse an die Seite, nehme eine zweite und wiederhole den ganzen Vorgang.
Als der zweite Kaffee ebenfalls fertig ist, nehme ich beide Tassen und trage sie durch das Penthouse zur Treppe.
Bereits hier kann ich Tonys Musik aus der Werkstatt hören.
Wenn man das Musik nennen kann.
Vorsichtig balanciere ich die Tassen mit ihrem Inhalt die Stufen nach unten.
Vor der Tür zur Werkstatt bleibe ich stehen und mir fällt auf, dass ich diese mit den Tassen in den Händen nicht öffnen kann.
»JARVIS, lass mich in die Werkstatt, bitte.«
»Natürlich, Lord Loki.«
Der Riegel der Tür klickt leise und ich schaffe es gerade so, sie mit dem Ellenbogen zu öffnen.
Tony sitzt wie üblich an seinem Tisch über einem seiner Anzüge und scheint mich aufgrund der Lautstärke überhaupt nicht zu bemerken.
Erst als ich ihm die Tasse vor die Nase stelle, sieht er auf.
»JARVIS, stell die Musik leise.«
»Natürlich, Sir.«
Es dauert nur einen Sekundenbruchteil, bis die Musik leise wird.
Tony sieht mich an. »Du hast mir Kaffee gemacht?«
Ich nicke, meine eigene Tasse in der Hand haltend.
Er schließt kurz die Augen und atmet tief aus.
»Danke.«
Wieder nicke ich und setze mich auf den Hocker neben ihn, der gewissermaßen schon mein eigener Platz hier ist.
Tony nimmt die Tasse, die ich vor ihm abgestellt habe und lehnt sich zurück.
Ich hebe meine Tasse unter meine Nase und rieche an dem Getränk.
Als er zu mir sieht, hebt er fragend eine Augenbraue.
»Du hast dir auch einen gemacht?«
»Na ja, ich muss ja rausfinden, was du daran so toll findest, dass du jeden Tag mehrere Tassen davon trinkst.«
Tatsächlich huscht kurz ein winziges Lächeln über sein Gesicht.
Ich lehne mich ein wenig nach hinten und nippe an dem Kaffee.
Tony sieht mich dabei aufmerksam an.
Es schmeckt herb und ein wenig bitter.
Ich lächle leicht.
Gar nicht so schlecht.
Tony erwidert mein Lächeln und nippt ebenfalls an seiner Tasse.
Wir schweigen und trinken Kaffee.
Und irgendwie habe ich den Eindruck, dass es genau das richtige war.
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Vielen lieben Dank an ElaW für die Review zum letzten Kapitel!