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Prolog – Erste Zeilen

Winterklee — www.fanfiktion.de · All chapters

Prolog – Erste Zeilen

Der Tag, an dem sie sich von ihm verabschieden musste, hatte sich tief in ihre Erinnerung gebrannt. Es war ein heißer Sommertag in den Ferien gewesen, schwül mit wolkenlosem Himmel und glühendem Asphalt, der einem ohne Schuhe die blanken Fußsohlen bitterböse verbrannte. Die Zikaden waren laut, während die beiden Kinder Hand in Hand an den noch nicht vollständig aufgebauten Ständen des anstehenden Sommerfestes entlang rannten. In je einer Hand ein schmelzendes Eis, während die andere fest um die Finger des anderen geschlossen war. Es war viel zu warm, ihre Kehlen durstig und doch schien nichts den Entdeckerdrang der beiden zu trüben, als sie nach einer kurzen Verschnaufpause ihren Weg zu einem nahen Kanal fortsetzten, um in diesem ihre Füße zu kühlen. Die Sandalen neben sich im Gras seufzten sie zufrieden, während sie träge die Beine im Wasser treiben ließen.

„Heute ist es auch wieder so heiß…aber noch viel wichtiger ist ja eigentlich: Worauf freust du dich eigentlich beim Sommerfest?“ Fuyumi, die sich gerade mit der Hand etwas Luft zufächerte, war ungewöhnlich redselig an diesem Vormittag. „Mutti hat mir ein bisschen mehr Taschengeld versprochen, als ich ihr erzählt habe, dass du auch mitkommen wirst. Also können wir ganz viel ausprobieren!“

Sie schwärmte von den verschiedenen Spielen, dem Goldfischangeln mit den dünnen Papierkeschern, dem Dosenwerfen. Von all den Leckereien, die sie am Ende an den Ständen probieren könnten, von kandierten Äpfeln bis hin zu gebratenen Nudeln. „Vor allem müssen wir die Tierfiguren ausstechen! Ich habe extra dafür geübt, damit ich dich ganz bestimmt schlagen kann!“

Obwohl Fuyumi ihn sonst sofort mit ihrer Begeisterung anstecken konnte, traf ihre Freude ausgerechnet heute nicht auf Gleichsinn. Kaum, dass sie das Sommerfest angesprochen hatte, verdüsterte sich die Miene von Tatsuya neben ihr sichtbar und er verfiel in tiefes Schweigen. Fuyumi merkte sofort an dem sinkenden Gefühl in ihrer Magengegend, dass etwas nicht stimmte. Ihr Redefluss stoppte abrupt, als sie zu ihm sah, ehe sie ins Stocken geriet.

„A-also nur, wenn…wenn es auch wirklich okay für dich ist! W-wenn…wenn du nicht willst, dann –“

„Ich…ich will schon, wirklich! Aber…“, kamen die Worte flüsternd über seine Lippen, fast verschluckt vom Gesang der Zikaden, „…ich kann nicht. Tut mir leid. Ich…mein Vater und ich fliegen an dem Abend nach Amerika. Ich…kann daher nicht mit dir zum Sommerfest.“

„Oh“, machte Fuyumi nachdenklich, während sie die Stirn runzelte. Natürlich war sie enttäuscht, dass sie das Sommerfest nicht mit ihrem besten Freund besuchen konnte, aber das war ja nicht das Ende der Welt. „Das ist sehr schade. Und wann kommst du dann wieder?“

Tatsuya antwortete nicht sofort, sondern zuckte nur ratlos mit den Schultern. Er wusste selbst nicht, wie er sonst darauf antworten sollte, denn Zeit war in der Welt eines Kindes schwer messbar. Wenn eine Stunde sich schon wie eine Ewigkeit anfühlte, wie würde sich erst eine Woche ziehen? Ein Monat? Ein Jahr? Sein Vater hatte ihm keine genauen Angaben gemacht, nur gesagt, dass sie nach Amerika gingen. Von einer Rückkehr war nie die Rede gewesen.

Er konnte es ihr schlussendlich nicht sagen. Er entschuldigte sich nur reumütig, während Fuyumi ihm versicherte, dass alles in Ordnung sei. Sie tröstete ihn tapfer, dass alles gut werden würde, auch wenn ihr eigentlich zum Weinen zumute war. Noch nie war der Gesang der Zikaden so laut gewesen, dass es ihre Ohren betäubte und noch nie lag die Schwüle des Sommers so schwer auf ihren Schultern, dass sie fast darunter zu ersticken drohte. Ihr Mund war trocken und dennoch lächelte sie Tatsuya aufmunternd zu und versprach, ihm Briefe zu schreiben.

Fuyumi wollte ihm keine Sorgen bereiten. Das war das Mindeste, was sie tun konnte, wenn weder sie, noch er entscheiden konnten, wie es weiterging. Er sollte ruhigen Gewissens abreisen können, wie lange es auch dauern mochte, denn auch, wenn er nichts sagte, verstand sie eines: So bald würden sie sich nicht wiedersehen.

Am Ende besuchte sie ihn weder zum Abschied, noch das Sommerfest, auf das sie sich eigentlich so sehr gefreut hatte. Fuyumi verkroch sich den ganzen Tag unter ihrer viel zu dicken Bettdecke und weigerte sich, diese auch auf mehrfaches Nachfragen ihrer Mutter zu verlassen. Selbst das Feuerwerk, das am Ende des Festes den Nachthimmel erhellte und sie sich eigentlich mit Tatsuya hatte ansehen wollen, brachte ihr nichts als dicke Tränen, die über ihre Wangen kullerten. Fuyumi begann, den Sommer zu hassen. Und mit ihm irgendwie auch Amerika.

___________

Liebe Fuyumi, wie geht es dir? Mir geht es gut. Wir sind sicher angekommen, aber die Kartons sind noch gepackt – es wird bestimmt noch dauern, bis ich dir mehr von Amerika erzählen kann. Aber ich kann dir heute schon viel berichten; hör zu!

Der erste Brief, der ankam, war ziemlich dick, gefüllt mit mehreren Seiten in simplem Japanisch, in denen Tatsuya viel von seiner Ankunft in Amerika erzählte und wie unterschiedlich die Kultur im Westen doch zu der Japans sei.

Ich habe dir ein Geschenk mitgeschickt , schrieb er relativ am Ende. Es ist leider nicht aus Amerika, sondern aus Japan, aber ich hoffe sehr, dass es dir gefällt!

Hübsch verpackt fiel neben den beschriebenen Seiten ein kleines Geschenk aus dem Umschlag. Es war ein kleines Blatt Origamipapier, hübsch gefaltet eine simple Stoffbrosche in Form eines vierblättrigen Kleeblatts haltend. Ein Zeichen für Glück, für Hoffnung und dafür, sich bald wieder zu sehen.

Fuyumi bedeutet dieser Brief und das Geschenk alles. Ganz gleich, wie unsicher seine Schriftführung war, für sie zählte nur, ein Lebenszeichen von ihrem besten Freund erhalten zu haben, welches sie irgendwann auswendig aufsagen konnte. Natürlich antwortete sie ihm sofort und das Kleeblatt fand seinen Platz an ihrem Schulranzen.

Sie schrieb ihm, wie leid es ihr tat und dass sie es bereute, ihn nicht verabschiedet zu haben, erzählte ihm, wie langweilig es ohne ihn an der Schule sei und die Nachmittage nicht mehr dasselbe waren. Und Tatsuya antwortete ihr, dass es okay sei und es verstünde. Dass sie sicherlich weitere Freunde finden würde, mit denen sie ihre Zeit verbringen könnte.

Damit begann ein reger Austausch zwischen ihnen, in denen sie mindestens alle zwei bis drei Monate einen Brief des anderen erhielten und darüber sprachen, was sie alles so erlebt hatten. Er auf Japanisch und sie anfangs aus einer Mischung aus Japanisch und Englisch, bis sie mit der Zeit immer sicherer in der fremden Sprache wurde – wenn auch nicht perfekt. Aber es reichte, um das ein oder andere Lob von ihm zu erhalten, während er sein Japanisch in Schuss hielt.

Tatsuya berichtete von den neuen Kapiteln aus seinem Leben in Amerika, während Fuyumi in ihrer Heimatstadt blieb. In ihrer Heimatstadt die Grundschule besuchte. In ihrer Heimatstadt die Ferien verbrachte. In ihrer Heimatstadt die Grundschule abschloss und schließlich auf die Mittelschule wechselte.

Sie schrieb, dass sie es beneidete, dass er so viele neue Dinge erleben konnte, denn Amerika war ein großes Land. Er schrieb, dass er ihre vertraute Routine in Japan umso mehr schätzte und das Essen vermisste. Sie schrieb nie, dass sie keine Freunde fand, während er erzählte, dass er sich mit einem Japaner angefreundet hatte und mit ihm Streetball spielte. Das war fast wie Basketball – nur eben auf der Straße.

Natürlich freute sich Fuyumi, dass er in einem fremden Land Fuß fasste und nicht wie sie einsam versauerte. Er war allerdings auch schon immer derjenige gewesen, der mit Leichtigkeit Freundschaften schließen konnte, während sie damit immer Probleme hatte. Denn hätte Tatsuya sie damals nicht auf dem Spielplatz angesprochen – sie hätte es jedenfalls nicht getan, dazu war sie viel zu schüchtern gewesen. Daher bedeutete er ihr auch so viel. Der Kontakt zu ihm, auch wenn er mittlerweile nur sporadisch war.

Wir ziehen bald um , schrieb sie schließlich am Ende ihrer Mittelschulzeit, Vati wurde nach Akita versetzt und unsere Sachen sind bereits gepackt. Ich werde unsere Heimat sehr vermissen. Wer wird jetzt noch an unserem Kanal entlanggehen? Oder zu dem kleinen Hundert-Yen-Laden mit seinen Süßigkeiten? Ich weiß, dass es besser ist, die Oberschule an einem neuen Ort zu beginnen, als mitten im laufenden Schuljahr zu wechseln, aber ganz allein zu sein, das macht mir doch ein wenig Angst. Tatsuya-kun, du hast dein erstes Jahr an der Highschool bereits hinter dir und meins beginnt schon bald – also lass mich wissen, wie ich zumindest die ersten Tage überstehen kann!