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Kapitel 1 – Wie die Kirschblüten

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Kapitel 1 – Wie die Kirschblüten

Du machst dir viel zu viele Gedanken über deinen ersten Schultag an der Oberschule, Fuyumi! Sei einfach du selbst; damit wirst du auch weiterhin Freunde finden. Du schaffst das!

Tatsuyas Worte waren voller Zuversicht, auch wenn er seine Sandkastenfreundin nur noch aus Erinnerungen und Briefen kannte. Da hatte er gut reden, dass sie sie selbst sein sollte.

Denn Fuyumi war so durchschnittlich, wie ein Mädchen wie sie nur sein konnte. Ein durchschnittliches Heim mit durchschnittlichen Eltern in einer durchschnittlichen Wohnlage mit einem durchschnittlichen Aussehen. Glattes, hüftlanges schwarzes Haar, das sie immer in einem geflochtenen Zopf trug, graue Augen und eine nichtssagende Größe oder Figur.  Selbst ihr Nachname, Tanaka, war absolut gewöhnlich. Notendurchschnitt? Weder Klassenbeste, noch -schlechteste. Charakter? Unauffällig. Interessen? Vorhanden, aber langweilig. Freunde? Keine, abgesehen von ihrem Brieffreund in Amerika. Ein Mauerblümchen ohne einen richtigen Modegeschmack und ohne großartig auffallende Vorlieben oder Abneigungen. Alles in allem: langweilig, eintönig und absolut unspektakulär. Vielleicht war es ja genau das, was Tatsuya so an ihr schätzte, immerhin gefiel ihm laut seinen Briefen ihre stumpfe Monotonie von Alltag. Er nannte es “Vertrautheit”.

Der Umzug nach Akita war, nach Tatsuyas Abschied, daher das wahrscheinlich größte Ereignis in ihrem sonst so tristen Leben. Nach ihrem Abschluss an der Mittelschule war sie mit ihren Eltern einen Tag später mit dem Auto losgefahren und hatte ihre alte Heimat hinter sich gelassen. Den Kanal, den kleinen Süßigkeitenladen und die Straßen, in denen sie mit Tatsuya Erinnerungen gesammelt hatte. All das verblasste im Rückspiegel des silbrig weißen Wagens ihres Vaters, während die unbekannte Zukunft immer näher kam.

Zumindest eine Sache war ihr bekannt – ihre neue Oberschule. Seitdem feststand, dass es die Familie in den Norden Japans ziehen würde, hatte Fuyumi mehrere Flyer und Broschüren verschiedener Schulen durchforstet und war dabei an der Yosen-High hängen geblieben. Eine christliche Elite-Oberschule, die eigentlich unerreichbar für sie sein sollte – und doch hatte sie die Prüfung nicht vermasselt, sondern relativ gut bestanden, was ihrer Liebe zur japanischen Sprache und den Englischkenntnissen durch den regen Briefaustausch mit Tatsuya zu verdanken war. Beim Anblick der Schulkosten hatte ihre Mutter zwar tief geseufzt, aber wahrscheinlich wären die anderen Privatschulen nicht unbedingt günstiger gewesen.

Nun, an ihrem ersten Schultag als Oberschülerin, kam Fuyumi erstaunlich schwer aus dem Bett. Eigentlich sollte die Aufregung sie wach rütteln, doch stattdessen kuschelte sie sich nach dem Weckerklingeln noch tiefer in ihre Decke, den Brief von Tatsuya fest an ihre Brust gedrückt, als würde all die Motivation, die sie für diesen besonderen Tag benötigte, aus seinen Zeilen in sie strömen. Es mochte vielleicht ein wenig dauernd, doch der Effekt zeigte seine Wirkung, als sie die Zehenspitzen vorsichtig aus dem warmen Bett streckte, um aufzustehen.

So stand sie schließlich vor ihrem Spiegel, zog sich eine schwarze Strumpfhose unter den grau karierten Schulrock und rückte dann die schwarze Strickjacke zurecht. Sie war etwas zu lang an den Ärmel, aber da würde Fuyumi sicherlich noch hineinwachsen, genauso wie in ihren knielangen Rock, der etwas weiter ausfiel, als es nötig war.

„Und, bist du schon aufgeregt?“ Ihre Mutter schmunzelte ihr von der Küche aus zu, während Fuyumi schweigend ihr Frühstück aß. Es gab Toast mit Butter und einem kleinen Salat. Nicht sehr japanisch, doch die Zeit war knapp bemessen an diesem Morgen.

„Mhm“, machte Fuyumi mit vollem Mund und wischte sich einen Krümel von der Unterlippe, ehe sie schluckte. „Ein wenig.“

„Ja, das waren wir alle. Du wirst es aber überstehen, Liebes!“

„Auch wenn ich die Neue bin und mich niemand von der Mittelschule kennt?“ Fuyumi presste die Lippen kurz zusammen, doch ihre Mutter lachte heiter auf.

„Ach Fuyumi, an der Oberschule sind alle die Neuen! Bestimmt sind auch ein paar das erste Mal in Japan. Außerdem“, mit einem neckischen Kichern stellte Fuyumis Mutter die hübsch verpackte Lunchbox vor ihrer Tochter ab, „Tatsuya-chan hat dir sicherlich die ein oder anderen aufbauenden Worte mitgegeben, nicht wahr?“

Verlegen räuspernd wandte Fuyumi den Blick ab. „…vielleicht.“

„Oh, es ist schon so lange her, dass ich ihn zuletzt gesehen habe! Ein Jammer, Amerika ist schließlich so weit weg! Fuyumi, sei so gut und richte ihm in deinem nächsten Brief meine Grüße aus, ja?“ Ihre Mutter seufzte theatralisch, doch dann schmunzelte sie wieder amüsiert. Doch Fuyumi nickte nur schweigend, schob sich den letzten Rest ihres Toasts in den Mund und erhob sich vom Tisch.

Bereits damals hatte Tatsuya ihre Mutter verzaubert, die stets davon schwärmte, dass sie sich genau so einen Sohn immer gewünscht hatte. Dass er nicht ihr Sohn sei, wurde dann mit einem Augenzwinkern belächelt, sowie einem „Noch nicht“. Es hatte etwas gedauert, bis Fuyumi verstand, was ihre Mutter eigentlich mit diesen Worten implizierte. Mittlerweile malte es ihr nur noch Schamesröte auf die Wangen, wenn sie daran dachte, eines Tages zu heiraten. Und dann auch noch Tatsuya. In jedem Shojo-Manga war es das Nonplusultra, mit seinem Sandkastenfreund zusammenzukommen. Das perfekte Happy End mit Kindern und allem drum und dran. Vielleicht würden sie eines Tages Ringe vor einem Altar austauschen und sich die ewige Liebe schwören. Oder es wurde doch eine traditionelle Schreinhochzeit mit weißem Kimono. Vielleicht war es aber alles auch nur harmlose Tagträumerei. Fuyumi war sich nicht einmal sicher, was Tatsuya bevorzugen würde – und ob er nicht bereits eine Freundin in Amerika hatte. So beliebt, wie er bei den Mädchen in Japan gewesen war, musste er im Westen genauso viel Glück mit ihnen haben, wie auch in seiner Heimat. Aber davon hätte er ihr sicherlich berichtet.

Noch ein letzter Blick in den Spiegel, bei dem Fuyumi prüfend ein paar schwarze Strähnen richtete und zufrieden nickte. In die ordentlich geputzten Lackschuhe geschlüpft, die Schultasche über der Schulter geworfen und fertig! Fuyumi kam nicht umhin, sich noch einmal vor dem Spiegel zu drehen, untermalt von einem verlegenen Kichern.

„Ich mache mich auf den Weg!“, rief sie schließlich ihrer Mutter zu, welche ihr viel Erfolg wünschte. Dann trat Fuyumi nach draußen in den frischen Frühlingsmorgen und atmete tief durch.

Anders als in ihrer Heimatstadt, in der jedes Jahr der Beginn des Schuljahres von den blühenden Kirschbäumen begleitet wurde, waren die Bäume hier in Akita ziemlich leer. Die Kirschblüten würden erst später im Monat die Zweige in Weiß und Rosa schmücken, was Fuyumis Laune ein wenig trübte. Was war denn ein neues Schuljahr an einer neuen Schule ohne Kirschblüten? Das war wie…Curry ohne Reis. Aber Akita hing einfach hinterher. Ob der Sommer dann auch so spät einkehren würde?

Fuyumi hoffte es, während sie die Straße entlang schlenderte und leise vor sich hin summte. Der Himmel war ein wenig trüb mit fluffigen Wolken im grauen Gestirn, der Weg vor ihr bedeckt von Feuchtigkeit des letzten Regens. Es war etwas frisch, doch die Luft roch nach Frühling. Nach Gras und Tau, nach nassem Asphalt und dem Beginn eines neuen Jahres.

Schon von Weitem ragte ihre neue Oberschule in den Himmel. Natürlich hatte Fuyum die Yosen-High bei ihrer Aufnahmeprüfung bereits besucht und war mit ihrem Aussehen vertraut. Doch als wahrhaftige Schülerin diese Schule besuchen zu können, ließ das graue Gemäuer mit seinen hohen Fenstern noch ein klein wenig imposanter erscheinen. Fast so, als würde sie einem Stück Westen immer näher kommen, wie sie es in den amerikanischen Serien gesehen hatte, die ihr von Tatsuya empfohlen worden waren.

In ihrem Bauch kribbelte es nervös, je weiter ihre Füße sie trugen und Fuyumi merkte erst, als sie durch das Schultor trat, dass sie glatt vergessen hatte zu atmen. Frischer Sauerstoff füllte ihre Lungen und sie blieb stehen, die Finger zittrig in die Träger ihrer Tasche gedrückt. Hier sollte also alles beginnen. Hier wollte sie endlich ihr Leben umkrempeln und all das tun, was man eben so als Oberschülerin tat. Mit einem großen Freundeskreis, super Noten, einem wahnsinnig spannenden Clubleben, Make-Up, neuen Hobbies und vielleicht sogar einem attraktiven Freund. Alles in drei Jahren für eine erfüllte Oberschulzeit. Dafür hatte sie schließlich weit vor den Ferien jedes erdenkliche Magazin durchstöbert, ihre Ziele aufgeschrieben und wie sie diese in die Tat umsetzen wollte. Extra dafür war sie etwas länger aufgeblieben und hatte ihre Notizen noch einmal gründlich studiert, um den neuen Tag so perfekt wie möglich zu starten.

Dezentes Make-up, eine neue Frisur und kurze Kniestrümpfe, um extra viel Bein zu zeigen, während sie den Rock ein klein wenig knapper trug. Klang auf dem Papier machbar und wie eine gute Idee, doch je mehr plaudernde Schüler an Fuyumi vorbei zogen, desto irrsinniger empfand sie ihre viel zu großen Pläne, von denen sie nicht einen einzigen am Morgen umgesetzt hatte. Weder hatte sie sich großartig zurechtgemacht, noch die knappen Strümpfe angezogen, die sie sich herausgelegt hatte, sondern war bei ihren geliebten Strumpfhosen geblieben. Jemanden einfach angesprochen und eine neue Freundschaft geschlossen, seitdem sie nach Akita gezogen war, hatte sie auch nicht. Dafür war sie viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, sich häuslich einzurichten. Und je mehr sich der Schulhof füllte, desto einsamer empfand sie ihre Existenz. In ihrer Heimatstadt kannte sie immerhin noch die ein oder andere Person oberflächlich, doch hier war ihr absolut jedes Gesicht fremd. Eigentlich perfekt für ein so unbeschriebenes Blatt wie Fuyumi. Keine Verbindungen zur Vergangenheit und ganz viel Potenzial für einen kompletten Neuanfang – nur wäre der Preis einer Blamage umso höher. Es musste nur ein falsches Wort gesagt werden oder ihre Zunge über eine Silbe zu viel stolpern und sie wäre direkt verrufen. Es gab nichts, was ihr mehr Sorge bereitete, als negativ aufzufallen. Gar nicht aufzufallen war ihr immer noch lieber, das war sie aus den letzten Schuljahren mehr als gewöhnt. Aber von dem was sie gelesen hatte, von Mobbing, von Hänseleien…das ließ Fuyumi doch einmal ihre Pläne überdenken.

Vielleicht sollte sie daher einfach das tun, was sie auch in der Mittelschule am besten getan hatte: Nicht auffallen, nicht einmischen und schweigend das tun, was man von ihr erwartete. Also alles so wie immer, als ein Schatten im Hintergrund ohne Beachtung.

„Aber willst du das wirklich?“, nuschelte sie kaum hörbar zu sich selbst, während sie die Hände zu Fäusten ballte. Tatsuya hatte ihr geschrieben, dass er an sie glaubte und ihr beide Daumen drückte, damit sie dieses Schuljahr aus sich heraus käme und neue Freunde finden würde. Extra dafür hatte sie sich die Stoffbrosche mit dem vierblättrigen Kleeblatt an ihren Zopfgummi genäht, um sie ganz nah bei sich zu tragen. Sie durfte, nein, sie konnte nicht aufgeben! Für Tatsuya – und auch für sich selbst. Eine weitere Chance würde es nach der Oberschule nicht geben. Vielleicht in der Universität, aber sie wusste, dass sie, wenn sie es jetzt nicht in Angriff nahm, es auch in drei Jahren nicht auf magische Art und Weise tun würde.

Klein anfangen war daher gar nicht so verkehrt. Einen Club finden, in dem sie sich ausleben konnte und dann würden die Freunde schon von ganz allein kommen. Das würde sie bestimmt schaffen, ein Schritt nach dem anderen! Blieb nur noch die Wahl nach dem passenden Club…vielleicht Gymnastik? Das hatte sie eigentlich immer gern im Sportunterricht gemacht und war ziemlich gut darin. Oder der Chor? Bestimmt gab es auch einen Hauswirtschaftskurs, in dem sie ihre Fähigkeiten als zukünftig verantwortungsbewusste Ehefrau und Mutter ausbauen konnte.

Doch bevor sie weiter darüber sinnierte, was sie in ihrer Freizeit nach der Schule anstellen wollte, lag sie mit einem Mal am Boden. Fuyumi konnte gar nicht so schnell reagieren, wie sie von der ungebremsten Wucht extrem langer Beine regelrecht umgeschleudert wurde und der Länge nach auf den asphaltierten Schulhof stürzte. Der Fall presste ihr kurzzeitig den Sauerstoff aus den Lungen und bei dem stechenden Schmerz in ihren Händen und Knien biss sie sich auf die Zunge, um nicht direkt in Tränen auszubrechen, auch wenn sie mächtig mit sich rang. Um sie herum blieben ein paar Schüler stehen und tuschelten einen Moment lang, die Augen ungläubig geweitet, während Krümel aus Maisstärke auf Fuyumi regneten.

„Upsi.“ Mit diesen Worten streckte sich eine riesige Hand mit langen Fingern zu ihr herunter. „Hab dich nicht gesehen, tut mir leid.“

„I-I-Ist schon gut!“, stammelte sie stattdessen, unfähig, mehr über die Lippen zu bekommen, ohne direkt vor Schmerz zu weinen. Die Knie ihrer Strumpfhose waren hinüber, die Haut darunter aufgerissen und brannte fürchterlich. Fast so fürchterlich wie die Scham, vor aller Schüler Augen auf dem Boden zu hocken. Daher griff sie eilig nach der dargebotenen Pranke, in der ihre Finger lächerlich winzig wirkten und rappelte sich auf.

Vor ihr stand ein junger Mann von beachtlicher Größe, der trotz dieser seine Schuluniform überraschend ordentlich trug. Wahrscheinlich eine Maßanfertigung für die hohe Statur, bei der Fuyumi den Kopf weit in den Nacken legen musste, um ihm in die Augen zu sehen. Dafür, dass seine Uniform so gut saß, hatte er an der Ordnung seiner Haare gespart, die in langen violetten Strähnen wirr in sein Gesicht hingen. Er sah müde aus, während er stirnrunzelnd mit dem Handrücken über seinen verkrümelten Mund wischte.

„Eeeeh? Du bist ja so klein wie eine Maus. Und so piepsig. Ich verstehe gar nicht, was du da erzählst“, stellte er monoton fest und knüllte die leere Verpackung seines Maisriegels in der Hand zusammen. „Da musst du aufpassen, sonst wirst du noch zerquetscht.“

Fuyumi starrte ihn wortlos an, den Mund leicht geöffnet. Sie wollte so viel sagen. So viel schimpfen und zetern, während sie nicht einmal inhaltlich verstand, was man ihr mitteilte. Doch alles, was sie letztendlich über die Lippen ihres beschämt hängenden Hauptes brachte, war eine reumütige Zustimmung. „…n-natürlich. E-Entschuldige.“

„Warum entschuldigst du dich, wenn ich dich umgerannt habe? Du bist komisch.“ Nach einer kurzen Pause beugte er den Kopf etwas tiefer und runzelte matt die Stirn. „Ich hab dir weh getan, oder? Tut mir leid.“

Sein Blick streifte ihre aufgeschlagenen Knie zwischen den Rissen in ihrer Strumpfhose, doch Fuyumi zog den Saum ihres karierten Rocks mit hochrotem Kopf etwas tiefer.

„I-ist schon gut. E-es…es sieht schlimmer aus, a-als es ist.“

„Bist du sicher?“ Er klang alles andere als überzeugt von ihrem Gestammel und griff raschelnd in die Süßigkeitentüte an seinem Handgelenk. „Sieht aber dennoch aus, als würde es weh tun. Geh damit lieber ins Krankenzimmer.“

Damit schien das Thema mit einem kurzen Blick auf sie herunter für ihn beendet zu sein, als er wortlos in Richtung des Schulgebäudes trottete, begleitet von den vielen faszinierten Augenpaaren der anderen Schüler. Fuyumi sah ihm fragend nach, in ihrer Brust ein leichtes Ziehen von Schuld. Er hatte sie sicherlich nicht mit Absicht über den Haufen gerannt, sondern schlichtweg übersehen. Dennoch tat es verdammt weh und sie verkrampfte immer noch die Lippen, um die brennenden Tränen in ihren Augen in Zaum zu halten.

Fuyumi suchte daher noch vor der Eröffnungszeremonie das Krankenzimmer auf, ließ ihre aufgeschlagenen Knie versorgen und zog den Rock noch ein klein wenig tiefer als vorgesehen, um die unschönen Risse in ihrer Strumpfhose zu verbergen. Während der Zeremonie selbst bekam sie daher auch nicht viel mit, da sie den Rocksaum penibel über die Knie zog, um in der ersten Reihe nicht negativ aufzufallen. Es war…alles andere als ideal und innerlich verfluchte sich Fuyumi, keinen Ersatz mitgenommen zu haben. Nicht einmal diese blöden knappen Strümpfe, die sie eigentlich tragen wollte, um ihr Image zu ändern. Um ein ganz neuer Mensch zu werden. Am Ende war sie immer noch die gleiche, langweilige Fuyumi – und das frustrierte sie.

Mein erster Tag als Oberschülerin neigt sich dem Ende zu. Es war ein ausgesprochen aufregender Tag, sowohl positiv, als auch negativ. Kannst du dir vorstellen, dass die Kirschblüten in Akita erst viel später anfangen zu blühen? Die Bäume waren daher sehr kahl und auch das Wetter hatte wenig Gnade mit diesem eigentlich doch besonderen Schultag. Schließlich wird man nur einmal in seinem Leben Oberschüler – ich hoffe, dass dein Jahr dafür besser begonnen hat als meins.

Fuyumi runzelte die Stirn, als sie ihre geschriebenen Worte noch einmal nachlas und seufzte, als sie sich erinnerte, dass die Schulen in Amerika ja nach den Sommerferien in ein neues Jahr starteten. Tatsuya hatte ihr sogar davon geschrieben und sie es wieder vergessen.

Es war weit nach zehn und draußen seit mehreren Stunden dunkel. Sie trug bereits ihren fluffigen Schlafanzug, war gebadet und schrieb nun ihre Eindrücke für Tatsuya nieder. Immerhin hatte sie ihm versprochen, von ihrem ersten Schultag zu berichten. Dass sie ausgerechnet da so ein wichtiges Detail vergaß, war wohl auch der bleiernen Müdigkeit geschuldet, die schwer auf Fuyumis Lidern lag.

„Wie auch immer“, murmelte sie kopfschüttelnd, rieb sich die Augen und übersetzte weiter mit dem Bleistift ihre Nachricht an ihn.

Noch vor der Eröffnungszeremonie musste ich ins Krankenzimmer, weil ein anderer Schüler in mich hineingelaufen ist. Das klingt im Nachhinein schlimmer, als es eigentlich gewesen ist und ich habe mich nicht großartig verletzt, aber das Schreiben tut dennoch ein wenig weh. Außerdem ist meine Strumpfhose kaputt gegangen und ich hatte keinen Ersatz dabei…wie peinlich!

Ich konnte mich gar nicht richtig auf die Eröffnungszeremonie konzentrieren und beim Einteilen in die Klassen musste ausgerechnet dieser andere Schüler mit mir in derselben Stufe sein! Und im selben Klassenzimmer. Wir sitzen allerdings sehr weit auseinander, daher wird es bestimmt kein zweites Mal geben!

Fuyumi schmunzelte bei dem Gedanken und schrieb weiter. Sie erzählte noch etwas von dem restlichen Schultag, von der Schule selbst und den Clubs, zu denen sie sich erkundigt hatte. Es gab ein paar in ihrer engeren Auswahl, auch wenn sie noch überlegte, ob es Hauswirtschaft, Handarbeit oder doch lieber Chor oder Gymnastik sein sollte. Angebote gab es viele – für Fuyumis Geschmack ein wenig zu viele – und sich da zu entscheiden, war beinahe ein Ding der Unmöglichkeit.

Ich freue mich allerdings schon auf die Kirschblüten. Auch, wenn sie etwas später blühen. Vielleicht sollte ich es mir zu Herzen nehmen und genauso geduldig sein wie sie. Manchmal braucht es eben ein wenig länger, um die schönen Seiten des Lebens zu sehen. Bedeutet, dass selbst ein schlechter Start in das Schuljahr nicht den Verlauf dessen vorgibt. Ich finde, das klingt ziemlich gut!

Ich lasse dich während der Sommerferien wissen, wie es mir ergangen ist und für welchen Club ich mich letztendlich entscheide. Du kannst ja schon einmal raten, vielleicht kommst du ja darauf!

Bis zum nächsten Brief! – Fuyumi.