Kapitel 2 – Fehlende Worte
Kapitel 2 – Fehlende Worte
Den Brief fertig geschrieben und den Umschlag adressiert hatte Fuyumi ihn extra in ihrer Schultasche verstaut, um ihn auf dem Weg zur Schule in den nächsten Briefkasten zu werfen. Sie konnte es kaum erwarten, ihn auf seine lange Reise zu schicken, um Tatsuya von ihrem ersten Schultag zu berichten. Wahrscheinlich würde er kurz vor den Sommerferien antworten. Denn auch, wenn sie regelmäßig Briefe versendeten, so lag zwischen einer Antwort nicht selten mehr als ein Monat Wartezeit. Manchmal auch zwei, wenn es wirklich viel zu erzählen gab, weil irgendetwas mehr Zeit in Anspruch nahm. Aber dieser doch recht konstante Wechsel hatte sich bereits damals eingependelt und die beiden es beibehalten, sich mit monatlichem Abstand zu schreiben.
Fuyumi saß gerade am Frühstückstisch und rührte mit ihren Stäbchen in einer Packung Natto herum, als es an der Haustür klingelte. Ihre Mutter, gerade damit beschäftigt, das Bento ihrer Tochter herzurichten, wischte sich stirnrunzelnd die Hände an einem nahen Geschirrtuch ab.
„Erwartest du jemanden?“, fragte sie gen Esstisch, von welchem Fuyumi aus den Kopf schüttelte.
„Nein.“
„Huh, seltsam. Dann haben wir wohl einen recht frühen Gast.“ Mit diesen Worten eilte sie in Richtung des Flurs, um nachzusehen, wer um diese Uhrzeit schon an der Tür stand. Es brauchte jedoch nicht lang, ehe die Antwort durch das halbe Haus hallte.
„Na sowas! Tatsuya-chan, was machst du denn hier? Wie lange ist das mittlerweile her? Sieh dich einmal an; du bist ja groß geworden!“ Ihre Mutter zwitscherte begeistert, kaum, dass sie die Tür geöffnet hatte. „Sprichst du noch Japanisch? Ja? Wie geht es deinen Eltern?“
Fuyumi blinzelte verwundert, als sie ausgerechnet diesen Namen aus dem Mund ihrer Mutter vernahm. Tatsuya sollte eigentlich in Amerika sein und nicht in Japan. Daher stürzte Fuyumi vom Frühstückstisch auf und schlitterte dank der Strumpfhose an den Füßen über den blanken Holzboden bis hin zur Haustür, an der ihre Mutter verzückt plapperte. Neben ihr ein bekanntes Gesicht mit dem vertrauten Muttermal unter dem rechten Auge. Tatsuya. Er lächelte freundlich, als er seine Sandkastenfreundin erblickte.
„Guten Morgen! Wir haben uns lange nicht gesehen.“
Fuyumi starrte ihn lange an, als würde sie träumen, Tatsuya vor sich zu haben. Er war groß geworden, einen ganzen Kopf größer als sie. Mit breiten Schultern und erwachsenen Zügen, die seinem Gesicht umso mehr schmeichelten. Er war zwar damals schon ein hübscher Junge gewesen, für den sie vielleicht sogar ein klein wenig geschwärmt hatte – aber das Lächeln seiner sanften Lippen, sowie der warme Blick seiner grauen Augen, der auf sie fiel, brachte das Kribbeln in ihrem Bauch direkt zurück, als sei es nie verschwunden. Und das Verlangen, ihm nach all der Zeit in die Arme zu fallen, war verdammt groß. Sie konnte sich gerade noch so zusammenreißen, höfliche Distanz zu wahren.
„Ta-Tatsu–“ Fuyumi stockte, als sie ihn mit seinem Vornamen ansprechen wollte und verschluckte die letzte Silbe seines Namens in Erinnerung daran, dass sie keine Kinder mehr waren, sondern Oberschüler. „E-Entschuldige, i-ich meine…Hi…Himuro-kun.“
„ Himuro-kun? “, echote er amüsiert und lachte herzlich auf. „Seit wann sind wir denn so förmlich? In deinen Briefen hast du mich doch auch immer beim Vornamen genannt!“
„A-aber…aber das ist doch –“
„…etwas anderes?“ Tatsuya schüttelte den Kopf. „Nein, überhaupt nicht. Ich würde mich freuen, wenn du mich weiterhin mit meinem Vornamen ansprichst – und ich dich mit deinem, Fuyumi.“
Kaum, dass er ihren Namen so schamlos in den Mund nahm, spürte Fuyumi, wie ihr die Hitze in die Wange stieg und ihr Puls zu rasen begann. Natürlich, sie waren Sandkastenfreunde und da sollte eigentlich nichts dabei sein, wenn sie sich weiterhin vertraut beim Namen nannten, aber das war das erste Mal nach vielen Jahren, dass sie sich wieder in Person gegenüberstanden! Dachte er auch nur eine Sekunde daran, wie es nach all der Zeit auf sie wirkte? Das war ein halbes Liebesgeständnis! Er war sogar bei ihr Zuhause, in derselben Schuluniform wie sie, um sie anscheinend abzuholen! Zur Schule! Das war fast ein Date!
Tatsuya jedenfalls war komplett entspannt, anders als sein Gegenüber, das nun gar nichts mehr mit sich anzufangen wusste. Hätte Tanaka-san ihrer Tochter nicht die Schultasche, sowie die Straßenschuhe in die Hände gedrückt, wäre diese wahrscheinlich barfuß und ohne Unterrichtsmaterialien einfach losgezogen und hätte es noch nicht einmal gemerkt.
„Viel Spaß euch beiden~!“, hörte man ihre Mutter noch freudig flöten, ehe die Haustür ins Schloss fiel und Fuyumi nun nichts anderes übrig blieb, als Tatsuya zu folgen. Dieser ging lässig voraus und drehte sich geduldig zu ihr um, als sie etwas länger im Vorgarten stehen blieb.
„Wollen wir dann?“, erkundigte er sich sanft, wobei das Licht der Morgensonne seine Silhouette so hübsch umrahmte, dass Fuyumi sich sicher war, dass es genauso gut auch eine Szene aus einem Shojo-Manga sein konnte.
„…j-ja!“
Sie schlüpfte noch in ihre Schuhe und eilte ihm hinterher, die Träger ihrer Tasche so fest umklammert, dass sich ihre Nägel in ihre vom Sturz lädierte Haut bohrten. Noch immer schwebte die Frage in der Luft, warum Tatsuya hier war. Er hätte doch wenigstens etwas sagen oder sich mit einer Postkarte ankündigen können. Irgendwas, um sie nicht einfach so aus dem Nichts zu überrumpeln.
„W-Was…was machst du e-eigentlich hier?“, hakte Fuyumi daher nach, worauf Tatsuya charmant schmunzelte.
„Dich abholen, um mit dir zur Schule zu gehen.“
„Das…meine ich nicht.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich…ich meine hier. In Japan. Du…d-du hättest mir Bescheid geben können, dass du zurückkommst.“
„…das ist schon richtig. Ursprünglich wollte ich dich mit meiner Anwesenheit in der Schule überraschen – nur sind wir uns gestern, abgesehen von der Eröffnungszeremonie in der Sporthalle, leider nicht über den Weg gelaufen.“
„Du…du warst gestern schon da?“ Fuyumi überlegte, ob sie ihn vielleicht gesehen haben könnte. Doch alles, woran sie sich erinnerte, waren ihre kaputten Strumpfhosen und die aufgeschlagenen Knie, die immer noch unter dem Stoff einer neuen Strumpfkleidung bei jedem Schritt weh taten. Hoffentlich hatte er genau diesen Moment nicht miterlebt, als sie dank der langen Beine ihres Mitschülers unsanft hingefallen war.
Noch immer waren die Baumkronen karg, aber die grauen Straßen mittlerweile trocken. Die Sonne blitzte immer wieder zwischen den Wolken hindurch und malte helle Muster aus Schatten auf den Weg. Unter ihren Lackschuhen knirschten Sand und kleine Steinchen, begleitet von einem Duett aus den ersten Singvögeln und den Motoren der vorbeiziehenden Autos. Fuyumi fröstelte ein wenig, denn auch, wenn die Luft klar war, fror sie trotz der eigentlich warmen Strickjacke über ihrer Bluse.
„Es ist ganz schön kalt, nicht wahr? Zu schade, dass dadurch die Kirschblüten noch auf sich warten lassen“, bemerkte Tatsuya andächtig. „In unserer Grundschulzeit standen sie zum Schulbeginn immer in voller Blüte.“
„D-Daran erinnerst du dich noch?“ Fuyumi blinzelte ihn überrascht an, ehe sie dann doch etwas breiter schmunzelte. „Das…habe ich mir gestern a-aber auch gedacht.“
„Dafür ist es in Los Angeles um diese Zeit fast wieder Sommer. Das kannst du dir in etwa vorstellen, wie die Regenzeit hier in Japan.“
Tatsuya erzählte viel von Amerika. Davon, wie selbst im Dezember noch sommerliche Temperaturen herrschten und nie Schnee fiel. Dass das Wetter vergleichsweise sehr mild war, sodass man sich eigentlich immer im T-Shirt bewegen konnte. Und obwohl er betonte, dass sein Japanisch sehr eingerostet war, sprach er so flüssig, als habe er Japan nie verlassen.
„Aber sag mal…Ta-Tatsuya-kun“, Fuyumi tat sich immer noch deutlich schwer, seinen Vornamen auszusprechen, doch er reagierte weiterhin entspannt.
„Was denn?“
„Warum…die Yosen? Du…trägst d-dieselbe U-Uniform.“ Nicht, dass sie dachte, er hätte sich nur wegen ihr für dieselbe Schule entschieden, die auch sie besuchte. Aber es war doch ein ziemlicher Zufall, dass er nun auch an der Yosen-High lernen wollte, wo es doch so viele verschiedene – und vor allem gute! – Schulen in Japan gab, an denen er seine schulische Laufbahn aus Amerika fortsetzen konnte. Und davon gab es sicherlich genügend, die in weitaus wärmeren Gebieten lagen mit Temperaturen, die er auch gewohnt war.
Tatsuya schmunzelte besonnen und betrachtete seine Sandkastenfreundin fast schon zärtlich. „Natürlich wegen dir.“
„…b-bitte?“ Fuyumi blieb abrupt stehen, die Augen erschrocken geweitet. Wegen ihr? Nur wegen ihr? Sollte sie sich jetzt freuen? Sich Sorgen machen? Sollte ihr Herz so schnell klopfen und das Blut in ihren Ohren so laut rauschen?
Tatsuya bemerkte ihr unverständliches Gestotter, während sie nach brauchbaren Worten suchte, worauf er ihr beruhigend die Hand auf den Scheitel legte und ihren Kopf tätschelte.
„Ein kleiner Scherz, entschuldige! Ich wollte dich nicht aus der Fassung bringen.“ Er lachte sanft auf, doch dann wurden seine Züge von leichter Melancholie begleitet. „Erinnerst du dich, wie ich dir in meinen Briefen schrieb, dass ich in Amerika viel Streetball gespielt habe? Ich wollte daher in Japan eine Schule besuchen, die Basketball als Mannschaftssport anbietet und mich in meiner Entwicklung fördern kann. Meinem Vater waren allerdings ein paar weitere Faktoren wichtig, weshalb die Wahl auf die Yosen fiel. Ein glücklicher Zufall, dass wir nun gemeinsam dieselbe Schule besuchen, nicht wahr?“
„I-Ist es denn wirklich Zufall, wenn du wusstest, w-welche Schule ich besuchen wollte?“ Fuyumi richtete ein paar wirre Haarsträhnen und blinzelte skeptisch mit glühenden Wangen unter ihrem Pony zu Tatsuya auf. „Das…klingt nicht wie…e-ein Zufall.“
„Dass du dich auch an der Yosen eingeschrieben hast, wusste ich erst, als ich mich bereits entschieden hatte. Du denkst zu viel darüber nach.“ Er lächelte wieder charmant und wechselte schweigend das Thema, als er nach vorn deutete, wo bereits das Schultor in Sichtweite kam. „Ah, schau! Wir sind da! Lass uns später gemeinsam nach Hause gehen; ich warte nach dem Unterricht hier auf dich. Wir haben immerhin viel aufzuholen, Fuyumi.“
„…oh. Eh, j-ja.“ Sie senkte den Blick, als er ein letztes Mal ihren Kopf tätschelte und schließlich in Richtung des Schulgebäudes verschwand, während sie an Ort und Stelle stehen blieb. Die Schultern hängen gelassen, mit einem tiefen Seufzen direkt aus der Tiefe ihrer Seele.
Natürlich war sie überglücklich, dass Tatsuya wieder da war. Und seine Überraschung war ihm auch mehr als gelungen; ihr Herz schlug immer noch ungehalten in ihrer Brust, nun, da sie ihn mit anderen Augen sah. Aber genau das war ihr Problem. Sie sah ihn nicht mehr nur als ihren besten Freund aus Kindertagen an – sie sah ihn auch als den jungen Mann, der aus ihm geworden war. Als jemanden, dessen Hände sie gerne während eines Spaziergangs halten würde. Als jemanden, mit dem sie sanfte Berührungen und verstohlene Blicke austauschen wollte. Warum musste er denn auch ausgerechnet *so gut* aussehen und ihre Welt auf den Kopf stellen?!
Ein Dilemma. Dass sie nicht die Einzige war, der es so erging und seinem Charme hoffnungslos erlag, war ihr bewusst. Jedes Mädchen an dieser Schule würde früher oder später für ihn schwärmen und er in einer Flut an Liebesbriefen und -geständnissen ertrinken. Da musste sie nicht auch noch mitmischen.
Die Zeit bis zum Unterrichtsende wollte nicht vergehen. Fuyumi machte sich zwar Notizen und arbeitete halbherzig mit, aber da hörte es auch schon auf. Ihre Aufmerksamkeit lag ganz darauf, sich Szenarien auszumalen, die ihre Freizeit mit Tatsuya betraf. Was sie tun würden. Worüber sie reden würden. Besser, sie legte sich jetzt verschiedene Antworten bereit, als später unnötig über ihre Zunge zu stolpern und wie am Morgen nicht richtig mit ihm reden zu können. Das war ihr doch wirklich unangenehm, auch nach mehreren Stunden! In ihren Briefen hatte sie sich immer so lässig ausgedrückt, aber in Person war sie alles andere als entspannt. Da war sie einfach nur Fuyumi, das kleine, unscheinbare und schüchterne Mauerblümchen, das es sich zum Ziel gemacht hatte, das Oberschulleben in vollen Zügen zu genießen. Sich zu bessern. Neue Freunde zu finden. Und mit Tatsuya an ihrer Seite würde sie hoffentlich viele neue Kontakte knüpfen können, mit denen sie aus sich heraus käme. Eine Sorge weniger auf ihrer schier endlosen Liste an Vorsätzen, die es umzusetzen galt.
Als die Glocke schließlich zum Schulschluss läutete und der Lehrer sie verabschiedete, packte Fuyumi eilig ihre Sachen zusammen und verschwand mit einer Traube ihrer Mitschüler der Parallelklasse aus dem Klassenraum. Es war laut, es war unruhig, es gab wenig Platz an den Schuhschränken und doch störte es sie nicht. Denn ihr Ziel war klar, als sie aus den Türen trat und die kühle Nachmittagsluft in ihre Wangen biss.
„Fuyumi!“ Tatsuya winkte ihr mit einer freundlichen Eleganz zu, als er sie aus dem Schulgebäude kommen sah. Die neidischen Blicke der anderen Schülerinnen konnte Fuyumi schon in ihrem Rücken spüren, als sie zu ihm aufschloss. Da lief es ihr eiskalt den Rücken herunter, während sie mit ihm gemeinsam das Schulgelände verließ. Wohin sie gingen, das würde sich zeigen, denn während Tatsuya ein wenig über seinen Schultag plauderte, folgte ihm seine Freundin lammfromm und aufmerksam zuhörend. Er erzählte, dass er gut Anschluss in seiner Klasse gefunden habe, was wohl vor allem an seinen Mitschülerinnen läge, die ihn mit allerlei Fragen gelöchert hatten. Ob er eine Freundin habe oder ihnen etwas auf Englisch sagen könne, wobei er Letzteres nur zu gern umgesetzt hatte.
„Und Ersteres?“, fragte Fuyumi beiläufig, ehe sie überrascht blinzelte und feststellte, dass es gerade laut aus ihrem Mund gekommen war. Tatsuya sah sie nämlich ebenso verwundert an, ehe er lachte.
„Ich habe keine Freundin“, antwortete er schmunzelnd und schüttelte dabei sein seidig schwarzes Haar. „Dafür habe ich leider keine Zeit. Ich würde mich nicht wohl fühlen, ihr nicht die verdiente Aufmerksamkeit geben zu können, während meine Aktivität in der Basketballmannschaft meine Ressourcen aufbraucht. Das fändest du sicherlich nicht fair, oder Fuyumi?“
Fuyumi schüttelte nach kurzer Überlegung nun ebenso den Kopf. Da hatte er tatsächlich recht. Das wäre dem Mädchen gegenüber, das er mochte, wirklich nicht gerecht. „Aber wenn sie dich aufrichtig gern hat, dann wird sie es verstehen.“
„…das wäre klasse.“
Was für ein Mädchen er wohl mochte? Fuyumi konnte sich zumindest nicht erinnern, jemals gelesen oder aus seinem Mund gehört zu haben, dass es da eines gab, das er wirklich gern hatte. Nicht einmal in Amerika und da waren die Mädchen wahnsinnig hübsch! Daher war die Richtige bestimmt noch nicht dabei gewesen – oder es ihm einfach nicht so wichtig, da seine Liebe dem Basketball galt. Und all die Aufmerksamkeit, die er aus der Frauenwelt bekam, war sicherlich ermüdend. Vielleicht hatte er genau deswegen auch keinen Kopf für Romanzen.
„Ah, mir ist heute Morgen bereits aufgefallen, dass du das Kleeblatt von damals trägst!“, bemerkte Tatsuya da beiläufig. „Das aus meinem ersten Brief an dich.“
„O-Oh! Ja!“ Fuyumi hob ihren geflochtenen Zopf ein wenig an, um die angenähte Brosche aus Stoff mit einem Schmunzeln zu betrachten. „I-Ich habe es seitdem immer bei mir getragen! Es ist zwar schon etwas schmutzig geworden und ich habe es mehrmals reparieren müssen…aber es ist immer noch mein treuer Begleiter!“
„Dann muss es dir wirklich viel bedeuten.“
„N-Natürlich tut es das! I-Immerhin war es ein Geschenk von dir!“ Sie nickte energisch. „Es ist fast so, als…als wärst du dabei gewesen und hättest mir Mut gemacht!“
Tatsuyas Züge nahmen bei diesen Worten ein sanftes Lächeln an. Dazu sagte er nichts, sondern nickte nur verstehend.
Ihr Weg führte sie schließlich tiefer ins Herz der Stadt zu einem nahen Konbini für einen schnellen Snack. Während Fuyumi noch überlegte, was sie eigentlich essen wollte, besah sich Tatsuya nebenbei die schier endlose Auswahl an Instantnudeln mit ihren bunten Verpackungen, die sich in den Regalen eng aneinander reihten. Hier gab es wirklich alles – und irgendwie auch ein bisschen zu viel. Fuyumi selbst empfand Konbini immer als gemütlich. Übersichtlich. Es gab fast alles, was das Herz begehrte und das auf so wenig Platz, ohne dabei zu aufdringlich zu sein.
In der heißen Auslage gab es panierte Hähnchenstücke, gedämpfte Brötchen mit verschiedenen Füllungen, Kroketten und weitere warme Snacks für den schnellen Hunger.
„M-Möchtest du auch eine Krokette?“ Fuyumi streckte den Kopf hinter einem Regal hervor. „Sie haben welche mit Fleisch und Kartoffeln.“
„Warum nicht.“ Tatsuya sah von einer Nudelpackung auf und lächelte. Also nickte sein Gegenüber, ging zur Kasse und bestellte zwei Kroketten.
Gerade, als sie in ihrer Schultasche nach der Geldbörse kramte, spürte sie das vertraute Papier des Briefumschlags zwischen den Fingern. Der Brief! Den hatte sie ja vollkommen vergessen! Nur…was stellte sie nun damit an? Tatsuya war in Japan, besuchte dieselbe Schule wie sie und brauchte daher eine Zusammenfassung ihres schrecklichen ersten Tages nicht. Besser, wenn er nie davon erfuhr.
Fuyumi ließ den Brief daher in ihrer Tasche und bezahlte. Auch, wenn Tatsuya versuchte, ihr das Geld wieder zurückzugeben, bestand sie darauf, dass es ein Geschenk von ihr sei und er sich draußen doch einen hübschen Platz aussuchen sollte. Sie selbst besorgte draußen noch etwas warme Maissuppe aus dem Getränkeautomaten.
Tatsuya saß bereits auf einer Bank, die Schultasche neben sich gestellt und betrachtete seine dampfende Krokette schmunzelnd. Die Tüte knisterte trotz Fettflecken leise. „Es sind vielleicht nicht die billigen Süßigkeiten aus Honda-sans Laden, aber das erinnert mich an damals, als wir unsere Ausbeute am Kanal geteilt haben.“
Damals. Es musste kurz nach Fuyumis Einschulung gewesen sein, da hatten sie an einem Nachmittag ihr Taschengeld zusammengelegt und sich viel zu viele Naschereien gekauft. Der alte Honda-san hatte vielleicht noch ein klein wenig mehr eingepackt, als sie bezahlt hatten und gespielt mahnend den Finger gehoben, bloß nichts den Eltern davon zu erzählen. Mit vollgepackten Tüten waren sie schließlich zum Kanal gelaufen, hatten alles ausgepackt und die Ausbeute mit leuchtenden Augen bestaunt – und umso schneller gut die Hälfte davon ratzfatz verputzt. Mit Bauchweh und einer Standpauke inklusive, als Fuyumi am Abend mit den Resten ihres Anteils nach Hause gekommen war. Aber das war es wert gewesen und hatte einen festen Platz in ihrer Erinnerung eingenommen.
„Ja…fast wie in alten Zeiten…“, murmelte Fuyumi nachdenklich, biss in ihre Krokette und keuchte erschrocken auf, während sie sich eilig Luft zufächerte. „Ah…heiß…!“
Tatsuya lachte auf, doch dann stimmte er ihr zufrieden seufzend zu. „Fast wie in alten Zeiten.“
Es wurde einen Moment ruhig zwischen ihnen. Sie knabberten beide schweigend an ihren Kroketten, während um sie herum das Leben weiterging. Kleine Gruppen von Schülern jeder Altersklasse zogen an ihnen vorbei. Zwei Mittelschülerinnen, die sich kichernd unterhielten, fünf Grundschüler mit bunten Beuteln an den Schulranzen. Mütter mit ihren Kindern, manche groß genug, um an der Hand zu laufen, manche im Kinderwagen. Hier und da eine ältere Dame, ein älterer Herr. All sie gingen ihrem eigenen kleinen Alltag nach, während Fuyumi und Tatsuya Tasche an Tasche auf der Bank saßen. Es war viel los und doch brauchte es keine Worte, denn die stille Zweisamkeit war auch nach Jahren der räumlichen Trennung wohlig warm und vertraut.
Fuyumi blickte verstohlen zu Tatsuya, der just in diesem Moment ebenso in ihre Richtung sah und friedlich schmunzelte. Sie lächelte verlegen zurück, ihre kurzen Beine wiegten dabei sacht vor und zurück. Es war vielleicht kalt und die Kirschblüten fehlten, doch das wohlig warme Kribbeln in ihrem Bauch blies das Frösteln an ihren Gliedern federleicht fort.
„Hast du bereits Freunde gefunden?“, fragte Tatsuya schließlich, als er einen Krümel von seinem Finger leckte.
Fuyumi schüttelte den Kopf. „…n-noch nicht. Aber ich arbeite daran.“
„Es ist auch erst der zweite Tag. Lass dich dadurch nicht entmutigen und es langsam angehen, wenn du mehr Zeit brauchst. Ich vertraue da ganz auf dich, Fuyumi.“
Wenn er schon an sie glaubte und auf ihre Fähigkeiten vertraute, dann würde sie es wohl wirklich schaffen. Genau das, was sie all die Zeit gebraucht hatte. Genau das, wonach sie sich all die Zeit gesehnt hatte. Dieses aufbauende Lächeln, dieser selbstbewusste Ton in seiner Stimme, der auch nach seinem Stimmbruch und den vielen Jahren der Trennung noch immer so motivierte wie damals.
So saßen sie noch eine Weile zusammen, plauderten ein wenig über den Schulalltag, ein wenig über ihre neuen Interessen, während sie noch ihre Maissuppe austranken.
„Ah, bevor ich gehe“, Tatsuya zog aus seiner Hosentasche ein silbernes Handy, das er aufklappte, „lass uns noch Nummern und Mailadressen tauschen.“
Fuyumi blickte abwechselnd von seinem Gesicht zu seiner Hand und wieder zurück, wobei ihr die Schamesröte ins Gesicht stieg. „Oh…gerne, nur…i-ich…ich habe leider kein Handy.“
„Du hast kein – ?“
„B-Bisher ha-habe ich keins gebraucht!“ Sie hob aufgeregt die Hände, als würde es den Umstand entschuldigen, doch Tatsuya klappte sein Handy nur lachend zusammen.
„Ist schon in Ordnung. Dann holen wir es nach, sobald du dein eigenes Telefon hast. Ich helfe dir auch, eins auszusuchen, ja?“
Also stand ihr nächstes Ziel fest: Genug Taschengeld zusammensparen, um sich auch ein Handy zulegen zu können.