Ein Himmel ohne Sirenen
Ein Himmel ohne Sirenen
POV: Serafina
*** 5 Tage später ***
Zum ersten Mal seit Jahren wurde ich nicht vom Klang einer Sirene geweckt.
Nicht von Alarm.
Nicht von Explosionen.
Sondern von Stille.
Eine ungewohnte, beinahe zerbrechliche Stille, die sich wie warmer Nebel durch das geöffnete Fenster schob. Sonnenlicht legte goldene Streifen auf den Holzboden des kleinen Krankenzimmers, und für einen Moment wusste ich nicht, wo ich war.
Mein Körper war bereit aufzuspringen.
Bereit zu kämpfen.
Doch niemand stürmte herein.
Niemand schrie Befehle.
Nur das leise Summen medizinischer Geräte erfüllte den Raum.
Ich drehte langsam den Kopf.
Campino schlief.
Er lag auf dem Bett neben dem Fenster, der Oberkörper noch immer bandagiert. Seine dunklen Haare fielen ihm wirr in die Stirn. Der Verband an seiner Seite hob und senkte sich mit jedem ruhigen Atemzug.
Lebendig.
Dieser eine Gedanke genügte.
Ich schloss für einen Moment die Augen.
Lebendig.
Mehr hatte ich mir in den letzten Tagen nicht gewünscht.
Ganz vorsichtig stand ich auf. Der Boden war kühl unter meinen nackten Füßen. Ich trat an sein Bett und blieb stehen.
Sein Gesicht wirkte friedlicher als je zuvor.
Keine Anspannung.
Keine Maske.
Kein trotziges Lächeln, hinter dem er seine Schmerzen versteckte.
Nur Ruhe.
Unwillkürlich hob ich eine Hand.
Meine Fingerspitzen strichen vorsichtig eine Haarsträhne aus seiner Stirn.
„Du starrst.“
Ich zuckte erschrocken zusammen.
Seine Augen öffneten sich langsam.
Müde.
Aber wach.
Ein schiefes Grinsen erschien.
„Hab ich dich erwischt?“
Ich verschränkte die Arme.
„Du solltest schlafen.“
„Hab ich.“
„Du hast mich erschreckt.“
„Das war nicht geplant.“
„Natürlich nicht.“
Er musterte mich einen Moment schweigend.
Dann wurde sein Blick sanfter.
„Du hast nicht geschlafen.“
Ich wich seinem Blick aus.
„Doch.“
„Schlechte Lügnerin.“
„Ich musste nach dir sehen.“
„Die Ärzte machen das doch bereits.“
„Die kennen dich nicht.“
Er hob leicht eine Augenbraue.
„Ach nein?“
Ich setzte mich langsam auf die Bettkante.
„Sie wissen nicht, dass du jede Gelegenheit nutzt, um aufzustehen, obwohl du eigentlich liegen bleiben solltest.“
„Ich fühle mich angegriffen.“
„Das solltest du auch.“
Ein leises Lachen entkam ihm.
Doch kaum bewegte sich sein Brustkorb stärker, verzog er schmerzhaft das Gesicht.
Sofort legte ich ihm eine Hand auf den Arm.
„Nicht lachen.“
„Das wird schwierig.“
„Warum?“
„Weil du so ernst aussiehst.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Du bist unmöglich.“
„Hab ich schon öfter gehört.“
Für einen Moment schwiegen wir.
Draußen flatterten Vögel über die Dächer der Stadt.
Ein Geräusch, das früher im Lärm des Krieges untergegangen wäre.
Campino folgte meinem Blick zum Fenster.
„Schon irgendwie komisch.“
„Was ist komisch?“
„Dass man den Himmel wieder hören kann.“
Ich sah ihn an.
„Den Himmel hören?“
„Na ja...“
Er suchte nach Worten.
„Früher hat immer irgendetwas den Moment kaputtgemacht. Sirenen. Schüsse. Angst. Jetzt...“
Er atmete langsam ein.
„...ist da einfach nur Wind.“
Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte.
Weil er recht hatte.
Zum ersten Mal seit Jahren mussten wir nicht auf das Schlimmste warten.
Und genau das machte mir Angst.
„Sera?“
Ich bemerkte erst jetzt, dass ich ins Leere starrte.
„Hm?“
„Wo bist du gerade?“
Ich rang nach Luft.
„Ich weiß nicht, wie Frieden geht.“
Die Worte kamen leiser heraus, als ich wollte.
Campino antwortete nicht sofort.
Er streckte langsam seine Hand aus.
„Dann lernen wir das eben.“
Ich sah auf seine Finger.
Zögerte.
Dann legte ich meine Hand in seine.
Warm.
Ruhig.
Seine Finger schlossen sich behutsam um meine.
Nicht fest.
Nicht besitzergreifend.
Nur so, als wollten sie sagen: 'Ich bin da.'
„Zusammen?“, fragte ich kaum hörbar.
Er nickte.
„Zusammen.“
Ein Klopfen an der Tür ließ uns beide aufblicken.
Andi steckte den Kopf herein.
„Na, lebt ihr noch?“
„Gerade so“, antwortete Campino.
„Schade.“
„Sehr witzig.“
Breiti drängte sich grinsend an Andi vorbei.
„Ich wollte nur kontrollieren, ob ihr zwei endlich aufgehört habt, euch ständig anzustarren.“
„Haben wir nicht“, sagte Campino trocken.
Breiti zeigte auf ihn.
„Siehst du? Wenigstens ehrlich.“
Ich verdrehte die Augen.
„Ihr seid unmöglich.“
„Das verbindet uns“, meinte Kuddel, der nun ebenfalls im Türrahmen erschien.
Kurz darauf kamen Vom und Mary hinzu.
Für einen Augenblick war das Zimmer erfüllt von Stimmen, kleinen Neckereien und vorsichtigem Lachen.
Es klang ungewohnt.
Fast wie Familie.
Andi verschränkte die Arme.
„Der Rat hat für heute Nachmittag ein Treffen angesetzt.“
Sofort wurde es still.
Campino sah ihn an.
„Worum geht's denn?“
„Um den Wiederaufbau.“
Mary nickte langsam.
„Und darum, wie wir künftig miteinander leben.“
„Das wird nicht einfach“, murmelte Vom.
„Das war es noch nie“, antwortete Serafina.
Campino drückte meine Hand einen Moment fester.
Kaum spürbar.
Aber genug.
Ich blickte zu ihm.
Unsere Augen trafen sich.
Keine Worte.
Sie waren auch nicht nötig.
Vor uns lag kein einfacher Weg.
Der Krieg war vorbei.
Doch Vertrauen entstand nicht an einem einzigen Tag.
Es wuchs langsam.
Mit jeder Entscheidung.
Mit jedem ehrlichen Satz.
Mit jeder ausgestreckten Hand.
Und zum ersten Mal glaubte ich, dass unsere Zukunft nicht mehr von der Dunkelheit geschrieben werden musste.
Vielleicht begann sie genau hier.
In einem stillen Krankenzimmer.
Mit einem Sonnenaufgang.
Und zwei Menschen, die beschlossen hatten, nicht mehr loszulassen.