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Nicht mehr allein

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Nicht mehr allein

POV: Serafina

Der Datenträger lag auf dem Tisch.

Klein.

Unspektakulär.

Und doch schien von ihm eine Schwere auszugehen, die den ganzen Raum erfüllte.

Niemand sagte etwas.

Andi stand hinter Breiti, die Arme verschränkt. Kuddel und Susi saßen nebeneinander. Vom hatte aufgehört, mit seinem Fuß nervös gegen das Tischbein zu tippen. Mary hielt einen Block in der Hand, ohne auch nur eine Zeile darauf zu schreiben.

Elias stand etwas abseits.

Und Campino war direkt neben mir.

Seine Schulter berührte meine.

Nicht zufällig.

Ich wusste es.

Er wollte, dass ich spürte, dass er da war.

Andi sah auf den Datenträger.

„Dann machen wir ihn auf.“

Elias schüttelte den Kopf.

„Nicht hier.“

„Warum?“

„Weil wir nicht wissen, ob das Gebäude überwacht wird.“

Kuddel hob eine Augenbraue.

„Du meinst, nachdem wir gerade erfahren haben, dass der halbe Rat für die Hüter arbeitet?“

„Ich meine genau das.“

Vom sah zu Elias.

„Und wo sollen wir hin?“

Elias deutete auf einen kleinen Raum am Ende des Flurs.

„Dort gibt es keine Verbindung nach außen.“

Andi seufzte.

„Natürlich. Warum sollte einmal etwas einfach sein?“

Breiti grinste kurz.

„Weil es dann nicht unser Leben wäre.“

Andi sah ihn an.

„Danke. Sehr aufbauend.“

Breiti nahm seine Hand.

„Immer.“

Für einen kurzen Augenblick musste ich lächeln.

Dann sah ich wieder auf den Datenträger.

Mein Lächeln verschwand.

Campino bemerkte es.

„Du musst das nicht allein ansehen.“

Ich sah ihn an.

„Ich weiß.“

„Und du musst auch nicht stark sein.“

„Das sagst du ziemlich oft.“

„Weil du ziemlich oft versuchst, stark zu sein.“

Ich wollte etwas erwidern.

Doch mir fiel nichts ein.

Er hatte recht.

***

Der Raum war klein.

Ein alter Tisch.

Zwei Stühle.

Ein Computer.

Eine Lampe.

Mehr nicht.

Wir standen alle dahinter, während Mary den Datenträger anschloss.

Der Bildschirm flackerte.

Ein schwarzes Fenster erschien.

Dann mehrere Dateien.

„PROJEKT HÜTER“

Darunter standen Namen.

Dutzende.

Einige kannte ich.

Andere nicht.

Mary begann mitzuschreiben.

„Das sind Ratsmitglieder.“

Andi trat näher.

„Alle?“

„Nicht alle.“

Sie scrollte.

„Aber viele.“

Kuddel beugte sich über ihre Schulter.

„Da.“

Er zeigte auf eine Zeile.

„Den kenne ich.“

Vom wurde ernst.

„Ich auch.“

„Wer ist das?“, fragte Susi.

Andi antwortete:

„Einer der Männer, die nach dem Krieg für die Versorgung der südlichen Bezirke verantwortlich waren.“

Breiti sah auf den Bildschirm.

„Und hier steht, dass er bereits vor dem Krieg für die Hüter gearbeitet hat.“

Stille.

Ich spürte, wie Campino meine Hand nahm.

Dann erschien ein weiterer Name.

Mein Herz setzte aus.

„SERAFINA“

Darunter standen mehrere Einträge.

Projektstatus.

Beobachtungsberichte.

Psychologische Einschätzungen.

Meine Finger wurden kalt.

„Mach das weg.“

Mary sah mich an.

„Serafina...“

„Bitte.“

Campino trat näher.

„Du musst das nicht lesen.“

„Aber ich muss wissen, was sie über mich geschrieben haben.“

Elias sagte leise:

„Das willst du nicht.“

Ich drehte mich zu ihm.

„Du hast mich damals gerettet.“

Er nickte.

„Ja.“

„Dann hilf mir jetzt.“

Sein Blick wurde traurig.

„Sie haben dich nicht als Menschen gesehen.“

Ich sah wieder auf den Bildschirm.

„Das weiß ich.“

„Nein.“

Elias trat näher.

„Du weißt es mit deinem Verstand. Aber nicht mit dem Teil von dir, der immer noch versucht, ihre Worte zu widerlegen.“

Ich schluckte.

Campino drückte meine Hand.

„Dann lesen wir es zusammen.“

Ich sah ihn an.

„Zusammen?“

„Ja.“

Ich nickte.

Mary öffnete die erste Datei.

Ein alter Bericht erschien.

Meine Augen glitten über die Zeilen.

„Subjekt zeigt ausgeprägte Widerstandsfähigkeit.“

Ich atmete aus.

Noch eine Zeile.

„Bindungsverhalten auffällig.“

Noch eine.

„Vertrauen gegenüber einzelnen Personen möglich.“

Dann:

„Bindung kann als Kontrollinstrument verwendet werden.“

Ich schloss die Augen.

Campino sah den Bildschirm.

Dann mich.

„Sie haben sogar das gegen dich benutzt.“

„Ja.“

Meine Stimme war kaum hörbar.

„Sie haben immer alles benutzt.“

„Nicht diesmal.“

Ich sah ihn an.

„Was?“

„Diesmal entscheiden wir, was es bedeutet.“

Er sagte es so ruhig, dass ich ihm beinahe sofort glaubte.

Beinahe.

***

Eine Stunde später waren die meisten Dateien geöffnet.

Es gab Namen.

Codenamen.

Kontakte.

Geldflüsse.

Befehle.

Aber eines fehlte.

Der Name von Magnus Dorn.

Mary scrollte immer wieder durch die Daten.

„Er ist nicht aufgeführt.“

Andi runzelte die Stirn.

„Das kann nicht sein.“

„Ich weiß.“

Vom verschränkte die Arme.

„Vielleicht hat er die Daten löschen lassen.“

Elias schüttelte den Kopf.

„Nein.“

Alle sahen ihn an.

„Woher weißt du das?“

„Weil Dorn niemals etwas löschen würde, das er später noch brauchen könnte.“

Kuddel hob eine Augenbraue.

„Dann hat er die Datei versteckt.“

Elias nickte.

„Genau.“

Mary sah wieder auf den Bildschirm.

„Dann suchen wir.“

***

Es dauerte fast zwei Stunden.

Dann fand Mary eine versteckte Datei.

Kein Name.

Nur eine Zahlenfolge.

Sie öffnete sie.

Ein Video erschien.

Das Bild war alt und körnig.

Eine Kamera zeigte einen Raum.

Einen Tisch.

Zwei Stühle.

Dann betrat ein Mann das Bild.

Ich erkannte ihn sofort.

Magnus Dorn.

Jünger.

Kälter.

Aber eindeutig er.

Neben ihm stand ein zweiter Mann.

Ich hielt den Atem an.

„Das ist...“

Campino sah mich an.

„Kennst du ihn?“

Ich schüttelte langsam den Kopf.

„Nicht persönlich.“

Elias trat näher.

Sein Gesicht wurde hart.

„Ich kenne ihn.“

„Wer ist das?“

Elias antwortete:

„Der damalige Vorsitzende des Rates.“

Andi fluchte leise.

Auf dem Video begann Dorn zu sprechen.

Wir konnten die Worte nicht verstehen.

Der Ton war beschädigt.

Dann erschien eine zweite Datei.

Eine Tonspur.

Mary aktivierte sie.

Eine Stimme erklang.

Dorns Stimme.

„Der Krieg muss enden.“

Eine zweite Stimme antwortete.

„Und danach?“

Dorn schwieg kurz.

„Danach brauchen wir eine neue Ordnung.“

„Und Serafina?“

Ich erstarrte.

Dorn antwortete:

„Sie ist der Schlüssel.“

Campinos Hand schloss sich um meine.

Die Stimme fragte:

„Und wenn sie sich weigert?“

Dorn lachte leise.

„Dann wird sie irgendwann glauben, dass ihre einzige Möglichkeit darin besteht, uns zu vertrauen.“

Das Audio endete.

Niemand sagte etwas.

Ich starrte auf den Bildschirm.

„Sie haben den Frieden geplant.“

Elias schüttelte den Kopf.

„Nein.“

Ich sah ihn an.

„Was dann?“

„Sie haben geplant, wer nach dem Krieg Macht bekommt.“

Campino sah auf die Dateien.

„Und Serafina sollte dabei helfen.“

Elias nickte.

„Ohne es zu wissen.“

Mir wurde übel.

„Mein ganzes Leben...“

Campino trat vor mich.

„Sera.“

„Vielleicht war nichts davon meine Entscheidung.“

„Doch.“

„Woher willst du das wissen?“

„Weil du dich entschieden hast.“

Ich sah ihn an.

„Wann?“

„Als du geflohen bist.“

Seine Stimme wurde sanfter.

„Als du Elias geglaubt hast.“

„Aber sie haben mich dahin gebracht.“

„Vielleicht.“

Er hob meine Hand an seine Brust.

„Aber hier bist du jetzt.“

Ich spürte seinen Herzschlag.

Ruhig.

Warm.

Real.

„Und jetzt entscheidest du selbst.“

***

Später saß ich allein auf der Treppe.

Ich hatte gedacht, dass ich weinen würde.

Aber ich konnte nicht.

Es war zu viel.

Zu viele Namen.

Zu viele Erinnerungen.

Zu viele Menschen, die mich angesehen hatten, während ich glaubte, ihnen vertrauen zu können.

Dann setzte sich Campino neben mich.

Er sagte nichts.

Ich auch nicht.

Eine Minute.

Zwei.

Dann legte ich meinen Kopf an seine Schulter.

„Ich fühle mich so dumm.“

„Bist du nicht.“

„Ich habe ihm vertraut.“

„Ja.“

„Ich habe ihm Dinge erzählt.“

„Ja.“

„Und er hat sie benutzt.“

„Er hat dich betrogen.“

Ich hob den Kopf.

„Du sagst das so einfach.“

„Weil es nicht deine Schuld ist.“

„Aber ich hätte es merken müssen.“

Campino sah mich an.

„Warum?“

„Weil ich doch gelernt habe, niemandem zu vertrauen.“

„Vielleicht war genau das ihr Ziel.“

Ich schwieg.

„Wenn du niemandem vertraust“, fuhr er fort, „haben sie gewonnen.“

Ich sah ihn an.

„Und wenn ich dem falschen Menschen vertraue?“

„Dann tut es weh.“

Seine Finger strichen vorsichtig über meine Hand.

„Aber das bedeutet nicht, dass du nie wieder vertrauen darfst.“

Ich schluckte.

„Du machst es mir ziemlich schwer, dich nicht zu lieben.“

Ein kleines Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

„Dann habe ich offenbar ein Problem.“

Ich musste ebenfalls lächeln.

„Ein ziemlich großes.“

„Damit kann ich leben.“

Er rückte näher.

Unsere Stirnen berührten sich.

„Ich will nicht, dass du mich brauchst, um stark zu sein.“

„Tue ich nicht.“

„Gut.“

„Aber ich brauche dich trotzdem.“

Sein Blick wurde weich.

„Das ist etwas anderes.“

Ich nickte.

„Ja.“

Er strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Du musst vor mir nichts verstecken.“

„Auch meine Angst nicht?“

„Gerade die nicht.“

Ich schloss die Augen.

Seine Lippen berührten sanft meine Stirn.

Eine kleine Berührung.

Aber sie fühlte sich größer an als alles, was an diesem Tag passiert war.

Ich legte meine Arme um ihn.

Er hielt mich fest.

Nicht zu eng.

Nicht besitzergreifend.

Einfach so, als würde er mir sagen:

'Du darfst bleiben.'

Und zum ersten Mal seit langer Zeit musste ich nicht kämpfen, um irgendwo bleiben zu dürfen.

***

Etwas später.

Am anderen Ende des Gebäudes saß Elias mit Campino zusammen.

Ich wusste nichts davon.

Noch nicht.

„Du liebst sie“, sagte Elias.

Campino sah ihn an.

„Ja.“

„Das wird gefährlich.“

„Das ist es bereits.“

Elias schwieg.

„Du kennst sie besser als ich“, sagte Campino.

„Nein.“

„Doch.“

„Ich kenne ihre Vergangenheit.“

Elias sah ihn ernst an.

„Das ist nicht dasselbe.“

Campino schwieg.

„Was muss ich wissen?“

Elias lehnte sich zurück.

„Nichts, was sie dir nicht selbst erzählen möchte.“

„Ich will sie nicht ausfragen.“

„Gut.“

„Aber ich will wissen, wann ich sie auffangen muss.“

Elias sah ihn lange an.

„Wenn sie plötzlich sehr ruhig wird.“

Campino runzelte die Stirn.

„Warum?“

„Weil sie dann anfängt, alles mit sich selbst auszumachen.“

Campino nickte langsam.

„Und wenn sie sagt, dass alles okay ist?“

„Glaub ihr nicht sofort.“

„Das klingt unfair.“

„Es ist nicht fair.“

Elias sah zur Tür.

„Aber sie hat lange genug gelernt, dass Schwäche bestraft wird.“

Campino sah ebenfalls dorthin.

„Das wird sie bei mir nicht.“

„Das weiß ich.“

Campino blickte überrascht zu ihm.

„Woher?“

Elias lächelte schwach.

„Weil ich gesehen habe, wie du sie ansiehst.“

***

Als Campino später zu mir zurückkam, sagte er nichts von seinem Gespräch mit Elias.

Er setzte sich einfach wieder neben mich.

„Ist alles okay?“, fragte ich.

„Jetzt schon.“

Ich sah ihn an.

„Was hast du gemacht?“

„Geredet.“

„Mit wem?“

Er grinste.

„Mit Elias.“

Ich hob eine Augenbraue.

„Ihr zwei? Freiwillig?“

„Offenbar.“

Ich lachte leise.

„Und?“

„Er hat mir gesagt, dass du ziemlich kompliziert bist.“

„Das hat er gesagt?“

„Nein.“

Ich sah ihn misstrauisch an.

„Was dann?“

„Dass du stark bist.“

Ich schwieg.

„Und dass du manchmal vergisst, dass du das nicht immer sein musst.“

Meine Augen wurden feucht.

„Er kennt mich wirklich.“

„Ja.“

Ich nahm seine Hand.

„Aber du kennst mich jetzt auch.“

„Ich lerne.“

„Und?“

Er sah mich an.

„Ich habe vor, damit nicht mehr aufzuhören.“

Ich lächelte.

Dann küsste ich ihn.

Langsam.

Warm.

Nicht als Flucht.

Nicht als Antwort auf Angst.

Einfach, weil ich ihn küssen wollte.

Als wir uns lösten, blieb ich dicht bei ihm.

„Campi?“

„Hm?“

„Danke, dass du geblieben bist.“

Er strich mit dem Daumen über meine Finger.

„Ich habe nie vorgehabt zu gehen.“

***

Am nächsten Morgen lag der Datenträger erneut auf dem Tisch.

Doch diesmal wussten wir, wonach wir suchten.

Mary hatte die verschlüsselten Dateien geknackt.

„Ich habe etwas.“

Alle kamen näher.

Auf dem Bildschirm erschien ein Dokument.

„PHASE IV – NACHKRIEGSORDNUNG“

Darunter:

„Ziel: Kontrolle über den Übergangsrat.“

Andi wurde blass.

„Das ist der Plan?“

Breiti scrollte weiter.

Dann blieb er stehen.

„Hier.“

Ein Name.

Ein weiterer.

Noch einer.

Menschen, die wir kannten.

Menschen, die wir täglich gesehen hatten.

Menschen, denen wir vertraut hatten.

Kuddel fluchte.

Vom trat vom Tisch zurück.

„Wie viele sind es?“

Mary sah auf die Liste.

„Mindestens zwölf.“

Stille.

Dann erschien eine letzte Zeile.

„Primärziel: Serafina.“

Daneben stand:

„Nicht eliminieren. Integrieren.“

Ich starrte auf das Wort.

„Integrieren.“

Campino trat neben mich.

„Sie wollen dich nicht töten.“

„Nein.“

Elias sah auf den Bildschirm.

„Sie wollen, dass du ihnen freiwillig hilfst.“

Ich spürte einen Schauer.

„Und wenn ich nein sage?“

Elias sah mich an.

„Dann werden sie versuchen, dir einzureden, dass niemand außer ihnen dich versteht.“

Ich sah zu Campino.

Er sagte nichts.

Er musste nichts sagen.

Ich nahm seine Hand.

Fest.

„Dann haben sie wieder denselben Fehler gemacht.“

Andi sah mich an.

„Welchen?“

Ich sah auf die Liste.

Dann in die Gesichter meiner Freunde.

„Sie glauben immer noch, dass ich allein bin.“

Breiti lächelte.

„Das sind wir definitiv nicht.“

Vom nickte.

„Ganz sicher nicht.“

Kuddel legte Susi einen Arm um die Schultern.

Mary trat näher.

Elias blieb hinter uns stehen.

Und Campino verschränkte seine Finger mit meinen.

Zum ersten Mal fühlte sich meine Vergangenheit nicht wie eine Kette an.

Sie war immer noch da.

Aber sie lag hinter mir.

Nicht vor mir.

Vor mir lag etwas anderes.

Eine Zukunft, die niemand für mich geplant hatte.

Eine Zukunft, die ich selbst wählen durfte.

Campino sah mich an.

„Bereit?“

Ich atmete tief durch.

„Nein.“

Er lächelte.

„Gut.“

Ich musste lachen.

„Warum ist das gut?“

„Weil ich auch nicht bereit bin.“

Er drückte meine Hand.

„Dann machen wir es eben trotzdem.“

Und irgendwo tief in mir begann etwas zu wachsen.

Keine Gewissheit.

Keine Sicherheit.

Nur Hoffnung.

Aber diesmal war sie meine.