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Nebeneinander

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Nebeneinander

POV: Serafina

Die Dunkelheit war vollkommen.

Für einen Augenblick wusste ich nicht, ob meine Augen geöffnet waren.

Dann hörte ich Campino.

„Sera!“

Seine Stimme war direkt neben mir.

Ich tastete nach ihm und fand seine Hand.

„Ich bin hier!“

„Ich weiß!“

Seine Finger verschränkten sich mit meinen.

Dann krachte irgendwo etwas.

Ein Schrei.

Metall schlug gegen Metall.

„Alle ruhig!“, rief Andi aus der Dunkelheit.

„Das sagt sich leicht!“, kam Kuddels Stimme zurück.

„Licht!“, brüllte Vom.

Nichts.

Dann hörte ich ein leises Zischen.

Die Tür.

Sie öffnete sich.

Ein schmaler Streifen Licht fiel in den Raum.

Dahinter standen drei Gestalten.

Maskiert.

Bewaffnet.

Mein Körper erstarrte.

Campino stellte sich nicht vor mich.

Er stellte sich neben mich.

Genau wie zuvor.

Seine Schulter berührte meine.

„Bleib bei mir!“

Ich schluckte.

„Ich bin bei dir!“

Eine der Gestalten trat durch die Tür.

„Serafina.“

Ich kannte diese Stimme nicht.

Aber ich wusste sofort, was sie bedeutete.

Sie waren wegen mir hier.

„Woher kennt ihr meinen Namen?“, fragte ich.

Keine Antwort.

Campino machte einen Schritt nach vorn.

„Sie hat euch etwas gefragt!“

Der Maskierte hob die Waffe.

„Zurück!“

Campinos Gesicht veränderte sich.

Nicht Wut.

Etwas Kälteres.

Entschlosseneres.

„Nein!“

Ich griff nach seinem Arm.

„Campi!“

Er sah mich an.

„Was?“

„Nicht provozieren!“

„Ich provoziere nicht!“

„Du siehst aber so aus!“

Für einen Sekundenbruchteil musste er tatsächlich lächeln.

„Vielleicht ein bisschen.“

Dann ging plötzlich alles schnell.

Vom rammte von außen gegen die Tür.

„Runter!“

Campino zog mich zur Seite.

Ein dumpfer Knall.

Holz splitterte.

Andi brüllte:

„Jetzt!“

Kuddel und Susi stürmten durch den entstandenen Spalt.

Breiti folgte ihnen.

Vom packte einen der Maskierten am Arm.

Es entstand ein chaotisches Durcheinander aus Rufen, Schritten und Atemzügen.

Ich wurde von Campino zurückgezogen.

„Sera, hinter mich!“

„Nein!“

Er sah mich überrascht an.

„Was?“

„Neben dich!“

Ich stellte mich wieder neben ihn.

„Ich habe dir doch gesagt, dass ich nicht hinter dir stehe!“

Sein Blick wurde weich.

„Stimmt!“

Dann rannten wir.

***

Der Korridor war voller Menschen.

Alarmlichter flackerten.

Jemand rief Befehle.

Türen wurden aufgerissen.

Andi deutete nach links.

„Nordkorridor!“

„Nein!“, rief Elias.

Alle blieben kurz stehen.

„Warum?“

„Weil sie genau das erwarten!“

Vom sah ihn an.

„Dann rechts?“

„Nein!“

Elias zeigte auf eine unscheinbare Seitentür.

„Dort!“

Kuddel starrte ihn an.

„Da ist eine Wand!“

„Nein!“

Elias öffnete eine kleine Abdeckung.

Dahinter kam ein alter Mechanismus zum Vorschein.

„Da ist ein Tunnel!“

Andi grinste.

„Jetzt gefällt mir dein Plan!“

Breiti zog ihn am Arm.

„Dann beweg dich!“

„Ich bewege mich ja!“

„Du redest dabei zu viel!“

„Das ist mein Markenzeichen!“

„Nicht heute!“

Sie verschwanden zuerst durch die Öffnung.

Susi folgte Kuddel.

Mary und Vom kamen hinterher.

Elias wartete.

Ich blieb stehen.

„Was ist?“, fragte Campino.

Ich sah zurück.

Jonas stand noch immer im Sitzungssaal.

Er war nicht mit den anderen geflohen.

Er stand einfach dort.

Und sah mich an.

Keine Angst.

Keine Wut.

Nur dieses verdammte ruhige Lächeln.

Dann hob er langsam die Hand.

An seinem Finger glänzte ein kleiner Ring.

Ich kannte ihn.

Ich hatte ihn schon einmal gesehen.

Bei Dorn.

Mein Atem stockte.

„Campi!“

Er folgte meinem Blick.

„Was?“

„Der Ring!“

Jonas verschwand im Dunkel.

Campino sah mich an.

„Sera, wir müssen los!“

Ich nickte.

Doch mein Herz wusste bereits:

Jonas war nicht nur ein Verräter.

Er war ein Bote.

***

Der Tunnel war eng.

Kalt.

Unsere Schritte hallten von den Wänden wider.

Ich lief direkt neben Campino.

Seine Hand hielt meine.

Fest.

Warm.

Real.

„Atmest du?“, fragte er.

„Ja.“

„Sicher?“

„Campi.“

„Was?“

„Wenn du mich noch einmal fragst, ob ich atme, beiße ich dich.“

Er grinste.

„Das klingt immerhin nach dir.“

Ich musste trotz allem lachen.

Nur kurz.

Aber es tat gut.

Hinter uns kamen die anderen näher.

Andi fluchte.

„Warum sind Tunnel eigentlich immer dreckig?“

Breiti antwortete:

„Weil sie unter der Erde liegen.“

„Danke.“

„Gern geschehen.“

Kuddel lachte leise.

Für einen Moment war es fast normal.

Fast.

Dann blieb Elias plötzlich stehen.

„Wartet!“

Alle verstummten.

„Was?“, fragte Susi.

Elias hob eine Hand.

„Hört ihr das?“

Wir lauschten.

Schritte.

Über uns.

Dann noch mehr.

Vom sah nach oben.

„Sie verfolgen uns.“

„Ja“, sagte Elias.

Andi fluchte.

„Wie viele?“

„Genug.“

Campino sah mich an.

„Sera!“

„Ich weiß!“

„Wenn wir gleich getrennt werden...“

„Das werden wir nicht!“

„Lass mich ausreden!“

Ich sah ihn an.

Er trat näher.

„Wenn wir getrennt werden, gehst du mit Elias!“

„Nein!“

„Sera!“

„Nein!“

Seine Stimme wurde eindringlicher.

„Du weißt, dass ich dich nicht aus den Augen lassen will!“

„Dann lass mich nicht aus den Augen!“

„Das ist nicht so einfach!“

„Dann mach es dir nicht schwerer!“

Er schwieg.

Ich legte meine Hand an seine Wange.

„Ich brauche keinen Helden!“

Sein Blick wurde feucht.

„Ich weiß!“

„Ich brauche dich!“

Er schloss kurz die Augen.

Dann legte er seine Hand über meine.

„Dann bleibe ich.“

„Versprochen?“

„Versprochen.“

Elias räusperte sich.

„Ich möchte ungern stören.“

Campino sah ihn an.

„Du störst.“

„Das dachte ich mir.“

Ich musste lachen.

Dann krachte über uns etwas.

„Jetzt!“, rief Andi.

Wir rannten.

***

Der Tunnel endete in einem alten Lagerraum.

Kuddel drückte die Tür hinter uns zu.

Vom stellte einen schweren Schrank davor.

„Das hält nicht lange.“

„Dann sollten wir besser einen Ausgang finden“, sagte Mary.

Andi sah sich um.

„Irgendwelche Ideen?“

Elias ging zu einer Wand.

„Hier.“

Er drückte gegen einen Stein.

Nichts.

Noch einmal.

Ein Mechanismus klickte.

Eine schmale Öffnung erschien.

Breiti pfiff.

„Das wird langsam unheimlich.“

Elias sah ihn an.

„Das Gebäude wurde vor dem Krieg gebaut.“

„Das erklärt gar nichts.“

„Es erklärt die Tunnel.“

„Nicht das andere.“

Andi grinste.

„Ich mag ihn.“

Breiti sah ihn an.

„Du magst jeden, der geheimnisvoll tut.“

„Stimmt.“

Dann hörten wir wieder Schritte.

Diesmal näher.

Sehr nah.

„Los!“, rief Elias.

Wir zwängten uns durch die Öffnung.

Campino wartete, bis ich hindurch war.

Dann folgte er.

Als die Tür hinter uns zufiel, hörten wir von der anderen Seite Stimmen.

„Sie sind weg!“

Eine andere Stimme antwortete:

„Nein! Sie sind noch hier!“

Ich hielt den Atem an.

Campino zog mich näher.

Nicht aus Angst.

Aus Nähe.

Sein Mund war direkt an meinem Ohr.

„Alles okay?“

„Nein.“

Er zog sich ein Stück zurück.

Ich sah ihn an.

„Aber ich bin hier.“

Sein Blick blieb auf meinen Augen.

„Das reicht.“

„Für dich?“

„Für mich schon.“

Meine Finger strichen über seine Hand.

„Für mich auch.“

***

Wir fanden schließlich einen alten Raum unterhalb des Gebäudes.

Eine einzige Lampe brannte.

Die anderen sammelten sich um einen Tisch.

Mary breitete die Unterlagen aus.

„Wir haben ein Problem.“

Andi seufzte.

„Nur eins?“

„Der Angriff war eine Ablenkung.“

Elias sah sie an.

„Wovon?“

Mary legte ein Blatt auf den Tisch.

„Während wir im Sitzungssaal eingeschlossen waren, wurde im Rat eingebrochen.“

Kuddel erstarrte.

„Was wurde gestohlen?“

„Die Übergangsakte.“

Breiti wurde blass.

„Die Originaldokumente des Friedensvertrags?“

Mary nickte.

„Und die Liste der Personen, die nach dem Krieg offiziell am Wiederaufbau beteiligt waren.“

Stille.

Ich verstand langsam.

„Sie wollten nicht mich.“

Elias sah mich an.

„Doch.“

„Aber nicht nur mich.“

„Nein.“

Campino trat neben mich.

„Sie wollten, dass alle Augen auf Sera gerichtet sind.“

Andi schlug mit der Hand auf den Tisch.

„Damit niemand bemerkt, was sie im Rat machen.“

Vom schüttelte den Kopf.

„Das ist größer als zwölf Verräter.“

„Ja“, sagte Elias.

Er sah auf die gestohlenen Dokumente.

„Das ist ein Umsturz.“

***

Später saß ich allein draußen.

Der Himmel war dunkel.

Die Luft kalt.

Ich hörte Schritte hinter mir.

Campino setzte sich neben mich.

Diesmal sagte er nichts.

Ich lehnte mich einfach an ihn.

„Ich habe Angst“, flüsterte ich.

„Ich weiß.“

„Nicht vor dem Kampf.“

Er sah mich an.

„Wovor dann?“

Ich atmete tief ein.

„Davor, dass Dorn recht behalten könnte.“

„Womit?“

„Dass ich irgendwann nicht mehr weiß, wem ich vertrauen kann.“

Campino nahm meine Hand.

„Dann vertrau nicht allen.“

Ich sah ihn an.

„Was?“

„Du musst nicht jedem Menschen dein Herz geben.“

Sein Daumen strich über meine Finger.

„Aber du darfst entscheiden, wem du es gibst.“

Ich schluckte.

„Und wenn ich mich irre?“

„Dann lernen wir daraus.“

„Du sagst immer 'wir'.“

„Ja.“

„Warum?“

Er sah mich an, als wäre die Antwort selbstverständlich.

„Weil du nicht mehr allein bist.“

Meine Augen wurden feucht.

„Ich liebe dich.“

„Ich liebe dich auch.“

Er zog mich vorsichtig näher.

Ich legte meine Arme um ihn.

Sein Kinn ruhte auf meinem Kopf.

Keiner sagte etwas.

Wir saßen einfach da.

Atemzug für Atemzug.

Bis meine Anspannung langsam nachließ.

Dann flüsterte ich:

„Campi?“

„Hm?“

„Wenn Dorn wirklich glaubt, dass er mich kontrollieren kann...“

„Dann wird er sich irren.“

Ich hob den Kopf.

„Und wenn er versucht, mich gegen dich auszuspielen?“

„Dann höre ich dir zu.“

„Und wenn ich ihm glaube?“

Er sah mich ernst an.

„Dann erinnere ich dich daran, wer du bist.“

Ich lächelte schwach.

„Und wer bin ich?“

Er strich sanft über meine Wange.

„Sera.“

Eine Pause.

„Nicht Dorns Opfer.“

Noch eine.

„Nicht seine Waffe.“

Seine Stimme wurde leiser.

„Nicht seine Geschichte.“

Ich hielt seinen Blick.

„Sondern?“

„Die Frau, die selbst entscheidet, wie ihre Geschichte weitergeht.“

Ich küsste ihn.

Kurz.

Warm.

Dankbar.

Als wir uns lösten, blieb unsere Stirn aneinander.

„Nebeneinander?“, fragte er.

„Nebeneinander.“

***

Plötzlich riss Mary die Tür auf.

„Wir haben etwas!“

Campino und ich sahen uns an.

Dann standen wir auf.

„Was?“, fragte Andi.

Mary hielt einen kleinen Umschlag hoch.

„Der lag im Archiv.“

Elias nahm ihn.

Sein Gesicht wurde ernst.

„Für wen?“

Mary sah auf die Vorderseite.

Dann direkt zu mir.

„Für Serafina.“

Mein Herz schlug schneller.

Ich nahm den Umschlag.

Keine Unterschrift.

Ich öffnete ihn.

Darin lag ein einziges Blatt.

Ich las.

Und mir wurde kalt.

Nicht, weil ich den Namen kannte.

Sondern weil ich wusste, wer ihn geschrieben hatte.

Ich sah Campino an.

„Was ist?“

Ich konnte zunächst nicht sprechen.

Dann flüsterte ich:

„Dorn.“

Andi trat näher.

„Was steht drin?“

Ich hielt das Blatt hoch.

Darauf standen nur wenige Worte.

„Du suchst den zwölften Namen.“

Darunter:

„Aber du hast vergessen, nach dem dreizehnten zu suchen.“

Niemand sagte etwas.

Campino nahm vorsichtig meine Hand.

Sein Blick traf meinen.

Und diesmal sah ich keine Angst darin.

Nur Entschlossenheit.

Ich atmete tief ein.

Die Dunkelheit war noch da.

Die Gefahr auch.

Aber ich war nicht mehr allein.

Und irgendwo da draußen wartete der dreizehnte Name.

Der Name eines Menschen, von dem wir noch nicht einmal wussten, dass wir ihm bereits vertrauten.