Was im Schatten blieb
Was im Schatten blieb
POV: Serafina
„Gehen wir.“
Meine Stimme klang entschlossener, als ich mich fühlte.
Niemand widersprach.
Campino stand sofort neben mir.
Nicht einen Schritt vor mir.
Nicht hinter mir.
Neben mir.
Seine Hand fand meine, noch bevor wir den Raum verließen.
Ich sah kurz auf unsere verschränkten Finger.
Dann zu ihm.
„Du musst mich nicht festhalten.“
„Ich weiß.“
„Und warum tust du es dann trotzdem?“
Er zuckte leicht mit den Schultern.
„Weil ich will.“
Ich hätte lächeln können.
Stattdessen spürte ich diesen Knoten in meinem Magen.
Denn mit jedem Schritt, den wir weitergingen, wurde die Erinnerung deutlicher.
Der Ort.
Ich wusste inzwischen genau, wohin wir mussten.
Und genau deshalb hatte ich Angst.
***
Die Fahrt verlief ungewöhnlich still.
Andi saß neben Breiti und starrte aus dem Fenster.
Breiti bemerkte es natürlich.
„Du bist ruhig.“
Andi reagierte nicht.
„Andi.“
„Hm?“
„Du bist ruhig.“
„Ich habe es gehört.“
Breiti drehte den Kopf zu ihm.
„Das ist verdächtig.“
Andi sah ihn an.
„Vielleicht denke ich nach.“
„Das ist noch verdächtiger.“
Vom schnaubte von vorne.
Mary musste leise lachen.
„Könnt ihr bitte einmal ernst bleiben?“
Andi verschränkte die Arme.
„Wir sind ernst.“
Breiti nickte.
„Sehr.“
„Absolut.“
Mary sah beide an.
„Ihr seid unmöglich.“
„Aber liebenswert“, sagte Andi.
Breiti legte den Kopf schief.
„Das hast du über dich gesagt.“
„Ich spreche für uns beide.“
„Frech.“
„Verliebt.“
Breiti schwieg einen Moment.
Dann lächelte er.
„Auch.“
Andi sah schnell wieder aus dem Fenster.
„Sag sowas nicht so beiläufig.“
„Warum?“
„Weil ich dann nicht weiß, wohin mit meinem Gesicht.“
Vom drehte sich halb um.
„Ich glaube, ich werde krank.“
„Dann dreh dich wieder um!“, fauchte Andi.
Mary lachte.
Für einen kurzen Moment fühlte sich alles beinahe normal an.
Fast wie eine Fahrt mit Freunden.
Fast wie früher.
Doch ich konnte mich nicht entspannen.
Campino bemerkte es.
Natürlich bemerkte er es.
Seine Hand lag auf meinem Knie.
Warm.
Ruhig.
Nicht fordernd.
Einfach da.
Ich sah ihn an.
„Was?“
Er schüttelte den Kopf.
„Nichts.“
„Du guckst mich an.“
„Ich darf dich doch angucken.“
„Ja.“
„Dann gucke ich dich an.“
Ich atmete langsam aus.
„Du machst mich nervös.“
Jetzt wurde sein Blick ernster.
„Du bist schon nervös.“
Ich schwieg.
Er nahm seine Hand von meinem Knie und verschränkte seine Finger mit meinen.
„Sera.“
„Hm?“
„Du musst mir nichts erzählen, wenn du noch nicht kannst.“
Ich sah auf unsere Hände.
„Und wenn ich nie kann?“
„Dann sitze ich trotzdem hier.“
Mein Hals wurde eng.
Ich hasste es manchmal, wie leicht er die Dinge sagte, die mich vollkommen aus der Bahn warfen.
„Campi?“
„Was?“
„Warum machst du das?“
„Was?“
„Bleiben.“
Er sah mich an.
Als wäre die Antwort offensichtlich.
„Weil ich dich liebe.“
Ich schloss kurz die Augen.
„Das ist keine Antwort.“
„Doch ist es.“
„Nein.“
Ich drehte mich zu ihm.
„Liebe allein reicht nicht.“
Sein Blick wurde ruhig.
„Nein.“
Ich wartete.
„Aber sie ist ein verdammt guter Grund, es zu versuchen.“
Meine Lippen öffneten sich.
Doch ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
Also sagte ich nichts.
Ich drückte nur seine Hand.
***
Als wir ankamen, wusste ich sofort, dass wir richtig waren.
Mein Körper wusste es vor meinem Verstand.
Das Gebäude stand am Rand der alten Stadt.
Verlassen.
Grau.
Die Fenster dunkel.
Ein ehemaliges Verwaltungsgebäude aus der Zeit vor dem Krieg.
Vor dem Frieden.
Vor allem.
Andi stieg aus dem Wagen und sah sich um.
„Das soll es sein?“
Ich antwortete nicht.
Campino trat neben mich.
Er sah das Gebäude an.
Dann mich.
Und sofort wusste ich, dass er etwas bemerkte.
Meine Hände.
Sie zitterten.
Nur leicht.
Aber er sah es.
Natürlich sah er es.
„Sera...“
„Tu's nicht.“
„Was soll ich nicht tun?“
„Frag mich nicht, ob alles okay ist.“
Er nickte langsam.
„Okay.“
Ich atmete aus.
Dann ging ich los.
Campino folgte.
Neben mir.
***
Die Eingangstür war nicht verschlossen.
Das gefiel niemandem.
Vom blieb stehen.
„Das ist schlecht.“
„Sehr schlecht“, sagte Mary.
Kuddel sah zur Tür.
„Vielleicht hat der Zeuge sie offen gelassen?“
Susi schüttelte den Kopf.
„Oder jemand möchte, dass wir glauben, er hätte sie offen gelassen.“
Andi sah zu Breiti.
„Ich hasse es, dass wir inzwischen bei jeder Tür paranoid werden.“
Breiti zuckte mit den Schultern.
„Die letzten Wochen haben uns erzogen.“
„Ich will nicht erzogen werden.“
„Zu spät.“
Andi sah ihn an.
„Du bist heute wirklich anstrengend.“
Breiti lächelte.
„Und du liebst mich trotzdem?“
Andi starrte ihn einen Moment an.
„Leider ja.“
„Das war fast romantisch.“
„Halt einfach die Klappe.“
Mary trat an die Tür.
„Können wir vielleicht reingehen, bevor ihr heiratet?“
Andi hob die Hände.
„Siehst du? Keiner respektiert unsere Beziehung.“
Breiti grinste.
„Das schaffen wir schon.“
„Nebeneinander?“
Breiti sah ihn an.
„Nebeneinander.“
Andi wurde still.
Dann lächelte er.
Ich sah zu Campino.
Auch er hatte es gehört.
Seine Finger drückten meine.
„Scheint ansteckend zu sein.“
„Hoffentlich.“
Dann betraten wir das Gebäude.
***
Es roch nach Staub.
Nach kaltem Stein.
Nach Vergangenheit.
Jeder Schritt hallte durch die Eingangshalle.
Ich blieb stehen.
Der Raum war größer, als ich ihn in Erinnerung hatte.
Oder vielleicht war ich damals einfach kleiner gewesen.
„Sera?“
Campinos Stimme war leise.
Ich sah nicht zu ihm.
„Hier war es.“
„Was war hier?“
„Hier habe ich ihn zum ersten Mal gesehen.“
Alle wurden still.
Elias trat einen Schritt näher.
„Den Zeugen?“
Ich nickte.
„Damals wusste ich nicht, wer er war.“
„Was hat er gemacht?“, fragte Mary.
Ich schloss kurz die Augen.
Die Erinnerung kam langsam zurück.
Ein langer Korridor.
Eine offene Tür.
Eine Stimme.
„Er hat mit Dorn gesprochen.“
Campinos Hand spannte sich leicht an meiner.
„Hier?“
„Ja.“
Ich ging einige Schritte weiter.
Meine Schuhe wirbelten Staub auf.
„Ich habe mich damals versteckt.“
Meine Stimme wurde leiser.
„Ich hatte Angst.“
Campino sagte nichts.
Keiner sagte etwas.
„Ich wusste nicht, wem ich vertrauen konnte.“
Ich blieb vor einer Wand stehen.
Meine Hand berührte den kalten Stein.
„Dorn war nicht allein.“
Elias sah sich um.
„Und der Zeuge?“
Ich schluckte.
„Er hat mich gesehen.“
Campino drehte sich sofort zu mir.
„Was?“
Ich nickte.
„Ich war mir sicher, dass er mich verraten würde.“
Mein Herz schlug schneller.
„Aber er hat nichts gesagt.“
Stille.
„Warum nicht?“, fragte Susi.
Ich schüttelte den Kopf.
„Das weiß ich nicht.“
Campino trat näher.
„Vielleicht wollte er dich schützen?“
Ich lachte bitter.
„Damals kannte er mich nicht einmal.“
„Vielleicht kannte er dich besser, als du dachtest.“
Ich sah ihn an.
Sein Blick war ernst.
Und plötzlich konnte ich nicht mehr weitergehen.
Mein Atem stockte.
Der Korridor verschwamm.
Das Gebäude.
Die anderen.
Alles.
„Sera?“
Campinos Stimme war jetzt direkt vor mir.
„Hey.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Was?“
„Ich kann nicht.“
Meine Stimme brach.
Ich hasste es.
Sofort.
Ich hasste es, dass meine Knie weich wurden.
Dass mein Atem unruhig wurde.
Dass ich wieder dieses Mädchen war, das sich in dunklen Räumen versteckte.
„Ich kann nicht.“
Campino trat näher.
„Okay.“
Ich sah ihn an.
„Okay?“
„Ja.“
„Wir müssen weiter.“
„Wir müssen gar nichts.“
„Doch.“
Meine Stimme wurde schärfer.
„Wir sind wegen mir hier!“
„Nein.“
Ich starrte ihn an.
„Was?“
„Wir sind wegen der Wahrheit hier.“
„Das ist dasselbe!“
„Nein.“
Er trat noch einen Schritt näher.
„Du bist nicht die Wahrheit.“
Mein Atem stockte.
„Was soll das heißen?“
„Du bist nicht nur der Grund, warum wir hier sind.“
Seine Stimme wurde fester.
„Du bist ein Mensch, Sera.“
Ich sah ihn an.
Meine Augen brannten.
„Ich will nicht schon wieder diejenige sein, die alles aufhält.“
„Du hältst nichts auf.“
„Ich stehe hier und kann nicht einmal geradeaus gehen.“
„Dann bleib stehen.“
„Campi!“
Meine Stimme hallte durch den Korridor.
Alle sahen zu uns.
Doch er wich nicht zurück.
„Was?“
„Du verstehst das nicht.“
„Dann erklär es mir.“
„Ich kann nicht jedes Mal zusammenbrechen, wenn meine Vergangenheit vor mir steht!“
Sein Gesicht veränderte sich.
Nicht wütend.
Aber verletzt.
„Ich habe nicht gesagt, dass du zusammenbrichst.“
Ich schwieg.
„Du bist erschöpft.“
„Ich bin nicht schwach!“
„Das habe ich auch nicht gesagt.“
„Aber du behandelst mich so!“
Jetzt wurde seine Stimme lauter.
„Nein! Ich behandle dich wie jemanden, den ich liebe!“
Stille.
Mein Herz schlug gegen meine Brust.
Die anderen hatten sich diskret zurückgezogen.
Nur ein paar Meter.
Aber weit genug.
Campino atmete schwer.
Ich sah ihn an.
„Ich brauche keinen Retter!“
„Das weiß ich!“
„Dann hör auf, mich retten zu wollen!“
Sein Blick wurde plötzlich so ernst, dass mir kalt wurde.
„Ich versuche nicht, dich zu retten!“
Eine Pause.
Seine Stimme wurde leiser.
„Ich versuche nur, dich nicht zu verlieren.“
Meine Wut verschwand.
Einfach so.
„Campi...“
Er fuhr sich durch die Haare.
Zum ersten Mal wirkte er nicht wie mein Halt.
Sondern wie jemand, der selbst kurz davor war, den Boden unter den Füßen zu verlieren.
„Du glaubst immer, ich hätte keine Angst.“
Ich sagte nichts.
„Aber ich habe sie.“
Er sah weg.
„Verdammt, Sera!“
Seine Stimme brach fast.
„Ich habe ständig Angst!“
Mein Herz zog sich zusammen.
„Wovor?“
Er lachte kurz.
Ohne Humor.
„Vor allem!“
Dann sah er mich wieder an.
„Vor Dorn!“
Eine Pause.
„Vor dem Krieg!“
Noch eine.
„Vor dem, was noch kommt!“
Seine Augen wurden feucht.
„Aber am meisten davor, dass ich irgendwann neben dir stehe und trotzdem nichts tun kann!“
Ich konnte nicht atmen.
Er sprach weiter.
„Ich weiß, dass du keine Rettung brauchst.“
Seine Stimme wurde leiser.
„Ich weiß, dass du stark bist.“
Er trat näher.
„Aber manchmal wünschte ich trotzdem, ich könnte dir alles abnehmen.“
Meine Augen füllten sich mit Tränen.
„Das kannst du nicht.“
„Ich weiß.“
„Du kannst nicht alles verhindern.“
„Ich weiß.“
„Du kannst mich nicht immer beschützen.“
„Ich weiß!“
Seine Stimme hallte durch den Raum.
Dann wurde es still.
Er atmete schwer.
„Aber manchmal wünschte ich, ich könnte es trotzdem.“
Ich sah ihn an.
Wirklich an.
Nicht Campino, den Kämpfer.
Nicht den Mann, der immer einen Witz machte.
Nicht den, der sich vor mich stellte.
Sondern den Menschen.
Der genauso viel Angst hatte wie ich.
Vielleicht anders.
Aber nicht weniger.
Langsam ging ich auf ihn zu.
„Komm her.“
Er bewegte sich nicht.
„Sera...“
„Komm her.“
Jetzt ging er.
Nur einen Schritt.
Dann noch einen.
Bis wir direkt voreinander standen.
Ich legte beide Hände an sein Gesicht.
„Du musst mich nicht retten.“
Seine Augen schlossen sich kurz.
„Ich weiß.“
„Aber du darfst Angst um mich haben.“
Er öffnete die Augen.
Ich schluckte.
„So wie ich Angst um dich habe.“
Seine Stirn berührte meine.
Sein Atem war warm.
Unruhig.
„Ich will nicht, dass du wegen mir leidest.“
„Zu spät.“
Ein kleines, trauriges Lächeln erschien auf seinem Gesicht.
„Das ist sehr romantisch.“
„Ich meine es ernst.“
„Ich weiß.“
Meine Finger strichen über seine Wange.
„Wir können uns nicht voreinander schützen.“
„Nein.“
„Wir können nicht verhindern, dass es wehtut.“
„Nein.“
„Aber...“
Meine Stimme wurde leiser.
„...wir können bleiben.“
Er sah mich an.
Lange.
Dann flüsterte er:
„Nebeneinander.“
Ich nickte.
„Nebeneinander.“
Er küsste mich.
Nicht vorsichtig.
Nicht zögernd.
Als hätte sich die ganze Anspannung der letzten Stunden plötzlich zwischen uns entladen.
Seine Hände fanden meine Taille.
Meine Finger verschwanden in seinen Haaren.
Ich zog ihn näher.
Sein Atem vermischte sich mit meinem.
Der Kuss wurde intensiver.
Leidenschaftlicher.
Aber darunter lag etwas anderes.
Keine Flucht.
Keine Verzweiflung.
Eine Entscheidung.
Als wir uns kurz voneinander lösten, blieb sein Gesicht dicht vor meinem.
„Du machst mich wahnsinnig.“
Ich atmete schwer.
„Du mich auch.“
Er küsste mich noch einmal.
Kürzer diesmal.
Seine Stirn blieb an meiner.
„Alles okay?“
Ich lächelte trotz meiner Tränen.
„Jetzt darfst du fragen.“
Er musste leise lachen.
„Gut zu wissen.“
„Campi?“
„Hm?“
„Wenn ich stehen bleibe...“
Er sah mich an.
Ich schluckte.
„Bleibst du mit mir stehen?“
Seine Antwort kam ohne Zögern.
„Immer.“
***
„Seid ihr fertig?“
Andis Stimme hallte durch den Korridor.
Ich schloss die Augen.
Campino stöhnte.
„Natürlich.“
Andi grinste, als wir uns zu ihm drehten.
Breiti stand neben ihm.
„Ich habe gesagt, wir sollten warten.“
„Wir haben gewartet.“
„Zwei Minuten.“
„Das ist lange.“
„Für dich vielleicht.“
Andi zeigte auf uns.
„Außerdem haben die beiden eindeutig etwas Wichtiges besprochen.“
Campino sah ihn an.
„Andi.“
„Ja?“
„Ich mag dich.“
Andi lächelte.
„Ich weiß.“
„Aber gerade könnte ich dich...“
Breiti unterbrach ihn.
„Nein.“
Campino sah ihn an.
„Was nein?“
„Wir haben genug Probleme.“
Andi legte einen Arm um Breitis Schultern.
„Siehst du? Er rettet dich vor dir selbst.“
Campino schnaubte.
„Ihr seid unerträglich.“
„Aber du liebst uns.“
„Leider.“
„Schon wieder romantisch“, sagte Breiti.
Ich musste lachen.
Und diesmal war es echt.
***
Wir gingen weiter.
Der Korridor führte tiefer in das Gebäude.
Mary blieb plötzlich stehen.
„Wartet.“
Vom sah sie an.
„Was?“
Sie zeigte auf den Boden.
Staub.
Überall Staub.
Außer an einer Stelle.
Frische Fußspuren.
Mein Lächeln verschwand.
Kuddel ging in die Hocke.
„Die sind neu.“
Susi trat neben ihn.
„Wie neu?“
Er berührte den Boden nicht.
„Schwer zu sagen.“
Mary kniete sich ebenfalls hin.
„Aber definitiv nicht von uns.“
Andi sah sich um.
„Dann ist jemand hier.“
Breiti wurde ernst.
„Oder er war hier.“
Ich sah auf die Spuren.
Sie führten den Korridor entlang.
Und verschwanden hinter einer Tür.
Die Tür stand einen Spalt offen.
Campino stellte sich automatisch neben mich.
Ich bemerkte es.
Er bemerkte, dass ich es bemerkte.
Ich hob eine Augenbraue.
„Neben mir.“
Er nickte.
„Neben dir.“
Vom ging zur Tür.
„Ich öffne.“
Mary hob ihre Hand.
„Warte.“
Alle sahen sie an.
Sie trat an die Wand.
„Hier ist Strom.“
Andi runzelte die Stirn.
„Und?“
Mary zeigte auf einen kleinen Schalter.
„Das Gebäude ist seit Jahren offiziell stillgelegt.“
Elias trat näher.
„Dann sollte hier nichts funktionieren.“
Mary drückte gegen den Schalter.
Ein leises Klicken.
Die Lampe im Raum ging an.
Niemand sagte etwas.
Ich bekam Gänsehaut.
„Jemand benutzt den Ort“, flüsterte Susi.
„Seit kurzem“, sagte Kuddel.
Vom öffnete die Tür.
Langsam.
Der Raum dahinter war klein.
Ein alter Tisch.
Zwei Stühle.
Ein Regal.
Und eine Tasse.
Andi blieb stehen.
„Bitte sagt mir nicht, dass der Kaffee noch warm ist.“
Mary trat näher.
Sie berührte die Tasse.
Ihre Augen wurden groß.
„Andi.“
„Was?“
„Der Kaffee ist noch warm.“
Stille.
Campino griff nach meiner Hand.
Diesmal fester.
Ich sah ihn an.
Er sagte nichts.
Aber ich wusste genau, was er dachte.
Der Zeuge war hier gewesen.
Vor wenigen Minuten.
Vielleicht weniger.
„Er beobachtet uns“, sagte Elias.
„Oder er wusste, dass wir kommen“, antwortete Mary.
Andi sah sich um.
„Das wird langsam unheimlich.“
Breiti trat näher zu ihm.
Seine Hand streifte kurz Andis Rücken.
Eine kleine Bewegung.
Fast unsichtbar.
Aber Andis Schultern entspannten sich.
„Du bist nicht allein“, murmelte Breiti.
Andi sah ihn an.
„Weiß ich.“
Dann fügte er leise hinzu:
„Du leider auch nicht.“
Breiti grinste.
„Damit muss ich wohl leben.“
***
Ich ging langsam zum Tisch.
Etwas lag darauf.
Ein kleines Aufnahmegerät.
Meine Schritte wurden langsamer.
„Sera“, sagte Campino.
Ich sah ihn an.
„Ich weiß.“
Er kam neben mich.
Nicht vor mich.
Nicht hinter mich.
Neben mich.
Mary nahm das Gerät vorsichtig.
„Soll ich?“
Ich nickte.
Sie drückte auf Play.
Zuerst hörten wir nur Rauschen.
Dann eine Stimme.
Mein Körper erstarrte.
Dieselbe Stimme.
Aus dem Video.
Der Zeuge.
„Wenn ihr das hört, habt ihr endlich verstanden, dass Dorn nie allein gehandelt hat.“
Niemand bewegte sich.
Die Stimme war ruhig.
Müde.
Fast traurig.
„Ihr sucht nach Namen.“
Eine kurze Pause.
„Aber Namen waren für Dorn immer nur Werkzeuge.“
Campinos Finger schlossen sich fester um meine.
Die Aufnahme ging weiter.
„Er hat Menschen gegeneinander ausgespielt. Vertrauen zerstört. Wahrheiten verändert.“
Ein leises Geräusch im Hintergrund.
Dann:
„Und ihr habt immer noch nicht verstanden, was Serafina mit all dem zu tun hat.“
Mein Herz blieb stehen.
Campino sah sofort zu mir.
„Sera?“
Die Stimme sprach weiter.
„Sie war nie nur ein Opfer.“
Meine Kehle wurde trocken.
„Was soll das heißen?“, flüsterte ich.
Niemand antwortete.
Dann sagte die Stimme:
„Jemand hat sie damals beschützt.“
Meine Augen schlossen sich.
Eine Tür.
Eine offene Tür.
Die rote Akte.
Informationen.
Warnungen.
Alles.
„Nicht Dorn.“
Die Stimme wurde leiser.
„Und auch nicht Campino.“
Campino sagte nichts.
Ich öffnete die Augen.
„Wer dann?“
Als könnte die Aufnahme mir antworten.
Dann kam der nächste Satz.
„Wenn ihr wissen wollt, warum sie noch lebt, müsst ihr euch erinnern, wer damals entschieden hat, dass sie nicht sterben durfte.“
Ich spürte, wie mein Atem stockte.
Mary hielt das Gerät fester.
Die Stimme fuhr fort.
„Aber wenn Serafina bei euch ist...“
Campino trat einen halben Schritt näher.
„...seid ihr bereits zu spät.“
Die Aufnahme endete.
Ein Klicken.
Stille.
Absolute Stille.
Ich sah die anderen an.
„Was bedeutet das?“
Elias schüttelte den Kopf.
„Ich weiß es nicht.“
„Jemand hat entschieden, dass ich nicht sterben darf?“
Niemand antwortete.
Meine Gedanken rasten.
„Warum?“
Campino nahm meine Schultern.
„Sera.“
„Warum?“
„Atme.“
Ich sah ihn an.
„Ich verstehe das nicht.“
„Ich weiß.“
„Wer entscheidet über so etwas?“
Seine Hände blieben an meinen Schultern.
„Wir finden es heraus.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Alle sahen mich an.
„Sera?“, fragte Campino.
Ich trat einen Schritt zurück.
„Das ist falsch.“
„Was?“
„Er lügt.“
Elias wurde ernst.
„Warum glaubst du das?“
„Weil ich mich erinnern würde.“
Meine Stimme wurde lauter.
„Ich würde mich daran erinnern, wenn jemand mein Leben gerettet hätte!“
Campino trat wieder näher.
„Vielleicht warst du damals nicht in der Lage, dich zu erinnern.“
Ich sah ihn an.
„Was meinst du damit?“
Er schwieg.
Zu lange.
Ich spürte es sofort.
„Campi.“
Seine Augen wichen meinen aus.
„Was weißt du?“
„Gar nichts.“
„Lüg mich nicht an!“
„Ich lüge dich nicht an!“
„Dann sag mir, woran du gerade denkst!“
Er atmete tief ein.
Seine Stimme wurde leise.
„An die Zeit nach deiner Flucht.“
Mein Herz zog sich zusammen.
„Was war damit?“
„Du warst verletzt.“
Ich nickte.
„Ja.“
„Und du konntest dich an manche Dinge nicht erinnern.“
Die Luft schien plötzlich schwerer zu werden.
„Woher weißt du das?“
Er sah mich an.
„Weil du es mir erzählt hast.“
Ich versuchte mich zu erinnern.
Ein Bett.
Ein dunkler Raum.
Fieber.
Eine Hand.
Eine Stimme.
Mein Atem stockte.
„Da war jemand.“
Campino wurde still.
„Wie war das?“
Ich schloss die Augen.
„Da war jemand.“
Eine Erinnerung flackerte auf.
Keine klare.
Nur Fragmente.
Ein Mann.
Ein Schatten.
Eine Hand auf meiner Schulter.
Und eine Stimme.
„Du musst leben.“
Ich riss die Augen auf.
„Oh Gott!“
Mary trat näher.
„Serafina?“
Ich wich zurück.
„Ich habe ihn gehört.“
Campino griff sofort nach meiner Hand.
„Wen?“
„Den Zeugen.“
Niemand bewegte sich.
„Damals.“
Meine Stimme zitterte.
„Ich habe seine Stimme damals gehört.“
Elias wurde blass.
„Das ist unmöglich.“
„Nein.“
Ich sah ihn an.
„Er war da.“
Meine Augen füllten sich mit Tränen.
„Er war bei mir.“
Campino stand direkt vor mir.
Seine Hände hielten meine.
„Sera.“
„Ich dachte immer, ich hätte mir das eingebildet.“
„Vielleicht hast du eine Erinnerung verdrängt.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Warum hat er mir geholfen?“
„Das wissen wir noch nicht.“
„Warum hat er nie mit mir gesprochen?“
„Das finden wir heraus.“
Ich sah ihn an.
„Und wenn ich ihn kenne?“
Campino schwieg.
Eine Pause.
Dann sagte er:
„Dann finden wir auch das heraus.“
***
Plötzlich flackerte das Licht.
Alle drehten sich um.
Mary griff nach ihrem Gerät.
„Das war nicht normal.“
Vom sah zur Tür.
„Ich weiß.“
Die Lampe ging aus.
Wieder an.
Dann hörten wir ein Geräusch.
Direkt hinter uns.
Ein Schritt.
Niemand bewegte sich.
Noch ein Schritt.
Campino stellte sich nicht vor mich.
Er blieb neben mir.
Unsere Schultern berührten sich.
„Sera.“
„Ich weiß.“
Meine Stimme war kaum hörbar.
„Bleib bei mir.“
„Nebeneinander.“
„Nebeneinander.“
Andi drehte sich langsam um.
„Wenn das ein Witz ist, finde ich ihn nicht lustig.“
Keine Antwort.
Kuddel spannte sich an.
Susi griff nach seiner Hand.
Vom stellte sich vor Mary.
Breiti war neben Andi.
Elias sah in die Dunkelheit.
Dann hörten wir eine Stimme.
„Keine Sorge.“
Alle erstarrten.
Meine Finger schlossen sich fester um Campinos Hand.
Die Stimme war dieselbe.
Der Zeuge.
„Diesmal bin ich nicht wegen ihr hier.“
Ich konnte nicht atmen.
Campino flüsterte:
„Sera.“
Doch ich sah nicht zu ihm.
Ich starrte in die Dunkelheit des Korridors.
„Wer bist du?“
Keine Antwort.
Nur Schritte.
Langsam.
Ruhig.
Näher.
Dann trat eine Gestalt aus dem Schatten.
Wir konnten das Gesicht noch nicht erkennen.
Nur einen dunklen Mantel.
Die Konturen eines Mannes.
Er blieb am Ende des Raumes stehen.
Andi trat einen Schritt nach vorn.
„Wer zum Teufel bist du?“
Der Mann sah nicht zu Andi.
Nicht zu Elias.
Nicht zu Mary.
Sein Blick blieb auf mir.
Mein Herz raste.
Etwas an ihm kam mir bekannt vor.
Nicht sein Gesicht.
Noch nicht.
Aber seine Haltung.
Seine Stimme.
Dieses Gefühl.
Als hätte ich ihn längst gekannt.
Ohne es zu wissen.
Campino spürte, wie ich erstarrte.
„Sera?“
Der Mann sprach endlich.
„Du erinnerst dich also.“
Meine Lippen öffneten sich.
Doch kein Wort kam heraus.
Er machte einen Schritt nach vorn.
Campino blieb neben mir.
Ich spürte seinen Atem.
Seine Wärme.
Seine Hand.
Der Mann sah kurz auf unsere verschränkten Finger.
Dann wieder zu mir.
„Sehr gut.“
Seine Stimme war ruhig.
Fast traurig.
„Dann wird es Zeit, dass ich euch erzähle, was Dorn wirklich getan hat.“
Ich schluckte.
„Wer bist du?“
Der Mann blieb stehen.
Ein Schatten fiel noch immer über sein Gesicht.
Doch seine Antwort ließ mir das Blut in den Adern gefrieren.
„Derjenige, der damals dafür gesorgt hat, dass du lebend aus diesem Gebäude gekommen bist.“
Stille.
Campinos Hand schloss sich fester um meine.
Ich sah ihn an.
Nur für einen Sekundenbruchteil.
Sein Blick war voller Fragen.
Voller Sorge.
Aber er ließ mich nicht los.
Nebeneinander.
Dann sah ich wieder zu dem Fremden.
Mein Herz schlug so laut, dass ich kaum etwas anderes hörte.
„Warum?“
Der Mann antwortete nicht sofort.
Dann sagte er:
„Weil Dorn damals nicht vorhatte, dich gehen zu lassen.“
Die Dunkelheit schien plötzlich näher zu kommen.
Und irgendwo zwischen Vergangenheit und Gegenwart begriff ich, dass der Mann vor uns vielleicht die Wahrheit kannte.
Aber dass Wahrheit nicht immer bedeutete, dass man danach leichter atmen konnte.
Campino drückte meine Hand.
Ich drückte zurück.
Nebeneinander.
Und diesmal wusste ich nicht, ob das reichen würde.