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Der Mann, der schwieg

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Der Mann, der schwieg

Der Raum war still.

Nicht ruhig.

Still.

Es war jene Art von Stille, die sich wie ein Gewicht auf die Schultern legte. Niemand sprach. Niemand bewegte sich. Selbst das leise Summen der Lampen an der Decke schien plötzlich zu laut.

Ich stand mitten im Raum.

Campino neben mir.

Nicht vor mir.

Nicht hinter mir.

Neben mir.

Seine Nähe war da, ohne mich einzuengen. Seine Schulter nur wenige Zentimeter von meiner entfernt, seine Hände locker an den Seiten. Doch ich wusste genau, dass sich das in einer Sekunde ändern würde, wenn jemand auch nur einen falschen Schritt machte.

Der Mann vor uns hatte bisher geschwiegen.

Seit Minuten.

Vielleicht länger.

Niemand wusste es genau.

Er stand halb im Schatten, den Blick auf den Boden gerichtet. Sein Gesicht wirkte älter, als ich es in Erinnerung hatte.

Oder vielleicht war es nicht sein Gesicht.

Vielleicht war es mein Gedächtnis.

Vielleicht hatte ich ihn überhaupt nie richtig gesehen.

Andi verschränkte die Arme vor der Brust.

„Also?“

Der Mann hob langsam den Kopf.

Andis Stimme war ruhig gewesen.

Zu ruhig.

„Du wolltest reden. Jetzt rede.“

Breiti stand neben ihm und beobachtete jede Bewegung. Kuddel hatte sich an die Wand gelehnt, doch seine Haltung verriet, dass er jederzeit bereit war einzugreifen. Vom sagte nichts.

Er sah den Fremden nur an.

Und Campino?

Campino bewegte sich keinen Millimeter.

Ich spürte seine Anspannung trotzdem.

Der Mann atmete tief ein.

„Mein Name ist David Reuter.“

Ich blinzelte.

Der Name traf mich nicht sofort.

Nicht wie ein Blitz.

Nicht wie eine plötzliche Erinnerung.

Es war schlimmer.

Er blieb irgendwo in mir hängen.

Wie ein Wort, das ich schon einmal gehört hatte.

Wie eine Stimme durch eine geschlossene Tür.

„David“, flüsterte ich.

Der Mann sah mich an.

Zum ersten Mal veränderte sich sein Gesicht.

„Du erinnerst dich.“

Ich schüttelte langsam den Kopf.

„Nein.“

Campino drehte den Kopf zu mir.

„Sera?“

Ich schluckte.

„Ich weiß nicht.“

Meine Hand schloss sich unbewusst zur Faust.

„Dieser Name...“

Ich presste die Lippen aufeinander.

„Ich kenne ihn.“

David machte einen Schritt nach vorn.

Sofort spannte Campino sich an.

„Nicht.“

Das Wort war leise.

Aber eindeutig.

David blieb stehen.

Campino sah ihn direkt an.

Ich legte vorsichtig meine Hand auf Campinos Unterarm.

Nicht, um ihn zurückzuhalten.

Nur um ihm zu zeigen, dass ich da war.

Campino sah kurz zu mir.

Sein Blick wurde weicher.

„Du musst nichts sagen, wenn du nicht willst.“

Ich nickte.

Dann sah sie David wieder an.

„Woher kennst du mich?“

David antwortete nicht sofort.

Sein Schweigen begann, mich wütend zu machen.

„Ich habe dich etwas gefragt!“

„Ich weiß.“

„Dann antworte!“

Er atmete langsam aus.

„Weil ich dort war.“

Campinos Blick wurde schmaler.

Andi richtete sich auf.

Kuddel löste sich von der Wand.

„Wo?“, fragte ich.

David sah mich an.

Lange.

Dann sagte er:

„In der Nacht, in der du verschwunden bist.“

Etwas zog sich in meiner Brust zusammen.

Campino bemerkte es sofort.

Seine Hand streifte meine.

Nicht fest.

Nur eine Berührung.

Eine Frage ohne Worte.

Ich ließ meine Finger in seine gleiten.

David beobachtete es.

Dann senkte er den Blick.

„Ich habe lange überlegt, ob ich überhaupt zurückkommen sollte.“

„Das ist keine Antwort“, sagte ich.

„Nein.“

„Warum warst du dort?“

David schloss kurz die Augen.

„Weil ich für Dorn gearbeitet habe.“

Der Raum erstarrte.

Campinos Hand wurde fester.

Breiti stieß hörbar den Atem aus.

„Was?“, sagte Kuddel.

Andi schüttelte ungläubig den Kopf.

„Du hast für Dorn gearbeitet und erwartest jetzt ernsthaft, dass wir dir zuhören?“

„Ich erwarte gar nichts.“

Campino trat einen halben Schritt nach vorn.

Ich spürte, wie sich seine Finger von meinen lösten.

Nicht weil er sie loslassen wollte.

Sondern weil seine Hände sich anspannten.

„Du hast für ihn gearbeitet!“

David nickte.

Campinos Stimme war gefährlich ruhig.

„Und du bist hierhergekommen, weil...?“

„Weil ich nicht mehr schweigen kann.“

„Zu spät!“

Campino sagte es ohne Lautstärke.

Gerade deshalb traf es härter.

David sah ihn an.

„Ja.“

Diese Antwort brachte Campino für einen Moment aus dem Gleichgewicht.

Er hatte mit einer Rechtfertigung gerechnet.

Mit einer Lüge.

Mit Ausreden.

Aber nicht damit.

„Ja“, wiederholte David. „Es ist zu spät.“

Ich löste mich langsam von Campinos Seite.

„Wieso?“

Alle sahen mich an.

Ich meinte nicht die Rückkehr.

Nicht das Schweigen.

Ich meinte etwas anderes.

„Wieso wollte Dorn mich nicht gehen lassen?“

David's Gesicht veränderte sich.

„Serafina...“

„Nein!“

Meine Stimme wurde fester.

„Keine Ausweichmanöver mehr!“

Ich trat einen Schritt auf ihn zu.

Jetzt war es Campino, der mich ansah.

Aber er hielt mich nicht auf.

„Jetzt sag's schon!“

David schwieg.

„Raus damit!“

„Es war nicht wegen dir.“

Meine Augen verengten sich.

„Was soll das heißen?“

„Dorn hatte nie Angst vor dir als Person.“

„Das macht es nicht besser!“

„Ich weiß.“

„Dann erklär es mir!“

David fuhr sich über das Gesicht.

„Du warst zur falschen Zeit am falschen Ort.“

Ich starrte ihn an.

„Das ist alles?“

„Nein.“

„Dann hör auf, so zu tun, als wärst du der Einzige im Raum, der die Wahrheit aushalten kann!“

Campino sah mich an.

Und für einen Moment war da etwas in seinem Blick, das ich sofort erkannte.

Stolz.

Nicht, weil ich stark war.

Sondern weil ich endlich nicht mehr weglief.

David nickte langsam.

„Du hast etwas gesehen.“

Ich runzelte die Stirn.

„Was?“

„Das wissen wir nicht.“

„'Wir'?“

David bemerkte seinen Fehler.

Zu spät.

Campino sah ihn scharf an.

„Wer ist 'wir'?“

„Menschen, die damals dort waren.“

„Das beantwortet meine Frage nicht!“

„Ich weiß.“

Campino machte einen weiteren Schritt.

„Dann fang besser an, vernünftige Antworten zu geben!“

Ich hob die Hand.

Campino blieb stehen.

Ich sah ihn an.

Nur kurz.

Er verstand.

Er trat zurück.

Nicht weit.

Aber genug.

Neben mich.

Wieder.

Ich wandte mich Elias zu.

„Ich habe etwas gesehen!“

„Ja.“

„Und deshalb wollte Dorn mich festhalten?“

„Ja.“

„Warum?“

David's Stimme wurde leiser.

„Weil du nicht wissen solltest, wer noch dort war.“

Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.

Plötzlich war da etwas.

Ein Geräusch.

Nicht im Raum.

In meinem Kopf.

Eine Tür, die zugeschlagen wurde.

Metall.

Schritte.

Ich zuckte zusammen.

Campino war sofort bei mir.

„Sera.“

Ich hob die Hand.

„Warte.“

Meine Atmung wurde schneller.

„Ich...“

Ich presste die Finger gegen meine Schläfe.

Ein Bild.

Nur ein Bruchstück.

Ein dunkler Flur.

Jemand schrie.

Ich selbst?

Nein.

Vielleicht.

„Da war eine Tür.“

David wurde blass.

Ich öffnete die Augen.

„Eine rote Tür.“

Campino sah David an.

Der Mann hatte sich verändert.

Sein Gesicht war weiß geworden.

„Was?“, fragte ich.

David flüsterte:

„Du erinnerst dich.“

„Ich erinnere mich an nichts.“

„Doch.“

„Nein!“

Meine Stimme brach.

Campino drehte sich zu mir.

„Hey.“

Seine Hände lagen vorsichtig an meinen Oberarmen.

„Atme.“

„Ich versuche es.“

„Ich weiß.“

Ich schloss die Augen.

Campino blieb bei mir.

Seine Stirn berührte für einen Moment die meine.

„Nicht kämpfen.“

„Ich muss mich erinnern.“

„Nicht jetzt.“

„Campi...“

„Nein. Nicht, wenn es dich kaputtmacht.“

Ich öffnete die Augen.

Er war so nah.

Sein Blick hielt mich fest.

Nicht körperlich.

Etwas anderes.

Etwas Tieferes.

„Ich bin da“, sagte er leise.

Ich atmete zitternd aus.

Dann hörte ich David.

„Ich habe dich damals dort rausgebracht.“

Alles blieb stehen.

Campino richtete sich langsam auf.

Ich sah David an.

„Was?“

„Ich war es.“

„Nein.“

„Serafina...“

„Nein!“

Meine Stimme wurde lauter.

„Nein!“

Ich ging einen Schritt zurück.

Campino folgte mir instinktiv.

David hob die Hände.

„Ich habe die Tür geöffnet.“

Mein Herz raste.

Die rote Tür.

Metall.

Dunkelheit.

Eine Hand.

Eine Stimme.

'Lauf.'

Mein Atem stockte.

„Nein!“

David's Augen füllten sich mit etwas, das fast wie Scham aussah.

„Ich habe dir gesagt, du sollst laufen.“

Ich erstarrte.

Plötzlich hörte ich es.

Nicht David's Stimme.

Die Erinnerung.

Derselbe Klang.

Derselbe Ton.

Dringlichkeit.

Angst.

Eine Hand hatte meine gepackt.

Ich hatte gezögert.

Ich hatte geweint.

Und jemand hatte mich angeschrien.

Nicht aus Hass.

Aus Angst.

'Lauf.'

Ich starrte David an.

„Du!“

Er nickte.

Tränen stiegen mir in die Augen.

Nicht leise.

Nicht sanft.

Wütend.

„Du warst das!“

„Ja.“

„Du warst dort!“

„Ja.“

„Du hast mich rausgebracht!“

„Ja.“

„Und dann?“

David sagte nichts.

Mein Gesicht veränderte sich.

„Was ist dann passiert?“

„Ich konnte nicht bei dir bleiben.“

„Warum nicht?“

„Weil sie mich gesucht haben.“

„Und mich nicht?“

„Doch.“

„Dann hättest du mich nicht allein lassen dürfen!“

Jetzt schrie ich.

Die Worte hallten durch den Raum.

Niemand bewegte sich.

David senkte den Kopf.

„Ich weiß.“

„Nein!“

Ich ging auf ihn zu.

„Du weißt überhaupt nichts!“

Campino machte eine Bewegung.

Andi hielt ihn mit einem Blick zurück.

Nicht weil Campino etwas tun würde.

Sondern weil sie wussten, dass ich diesen Moment brauchte.

„Ich dachte, ich wäre allein!“

Meine Stimme zitterte.

„Jahrelang!“

David's Lippen bebten.

„Du warst nicht allein.“

„Aber du warst weg!“

Stille.

Das traf ihn.

Ich sah es.

Und es machte nichts besser.

„Du hast mich gerettet!“

David nickte.

„Ja.“

„Und dann hast du mich allein gelassen!“

„Ja.“

„Warum?“

Er sah mich an.

Zum ersten Mal konnte er meinem Blick nicht ausweichen.

„Weil ich ein Feigling war.“

Campino zog scharf die Luft ein.

Ich stand reglos da.

David schluckte.

„Ich hatte Angst.“

„Das hatten wir alle!“

„Ich weiß.“

„Ich war allein!“

„Ich weiß.“

„Hör auf, das zu sagen!“

David schwieg.

Ich lachte bitter auf.

„Natürlich. Jetzt schweigst du wieder!“

Er schloss die Augen.

Campino sah ihn an.

Seine Geduld war vorbei.

„Nein!“

Ich drehte den Kopf.

Campino trat jetzt vor.

Nicht vor mich.

Neben mich.

Seine Stimme war tief.

„Jetzt redest du!“

David sah ihn an.

„Ich habe gesagt...“

„Du hast jahrelang nichts gesagt!“

Campino ging näher.

„Du hast sie da rausgeholt! Dafür schulde ich dir vielleicht irgendwann Respekt!“

Sein Blick wurde hart.

„Aber du hast sie danach mit allem allein gelassen!“

David sagte nichts.

Campino schüttelte den Kopf.

„Du hast zugesehen, wie sie sich erinnert, ohne zu wissen, ob sie der Wahrheit überhaupt trauen kann!“

„Ich dachte, sie wäre sicher.“

„Sicher?“

Campino lachte kurz.

Ohne Humor.

„Sie hat Jahre damit verbracht, nicht zu wissen, was mit ihr passiert ist!“

David's Blick fiel auf mich.

„Ich wollte sie schützen.“

„Dann hättest du irgendwann zurückkommen müssen!“

Campinos Stimme wurde lauter.

„Einmal! Ein verdammtes Mal!“

Ich berührte seinen Arm.

Sofort verstummte er.

Er sah zu mir.

Ich schüttelte ganz leicht den Kopf.

Nicht böse.

Nicht vorwurfsvoll.

Nur erschöpft.

Campinos Brust hob und senkte sich.

Dann trat er zurück.

Er sagte leise:

„Entschuldigung.“

Ich sah ihn an.

„Nein.“

„Doch.“

„Du musst dich nicht entschuldigen.“

„Ich will nicht für dich sprechen.“

Meine Augen wurden weicher.

„Hast du auch nicht.“

Er sah mich lange an.

Dann nickte er.

Ich wandte mich wieder David zu.

„Du hast Angst.“

David sagte nichts.

„Nicht vor uns.“

Jetzt sah er mich an.

„Nein.“

„Vor jemand anderem.“

Stille.

Da war sie wieder.

Diese Veränderung in seinem Gesicht.

Ich bemerkte sie.

Campino ebenfalls.

„Vor wem?“, fragte er.

David schwieg.

Kuddel stieß sich von der Wand ab.

„Ich fange langsam an, dieses Schweigen persönlich zu nehmen.“

„Kuddel“, murmelte Breiti.

„Was denn? Wir stehen hier seit gefühlten drei Stunden und der Typ beantwortet jede zweite Frage mit einem Gesichtsausdruck.“

Trotz allem entwich mir ein kurzes, erschöpftes Lachen.

Campino sah mich an.

Nur eine Sekunde.

Aber dieses kleine Lächeln war ihm wichtiger als alles andere.

Dann wurde ich wieder ernst.

„David.“

Der Mann hob den Blick.

„Wer hat dir Angst gemacht?“

Er antwortete diesmal.

Aber nicht direkt.

„Dorn war nie allein.“

Der Raum wurde wieder still.

Andi sah Campino an.

Vom runzelte die Stirn.

Breiti verschränkte die Arme.

„Das wissen wir“, sagte Kuddel. „Solche Leute arbeiten selten allein.“

David schüttelte den Kopf.

„Ihr versteht nicht.“

Ich spürte wieder dieses Ziehen in meinem Kopf.

Eine Erinnerung.

Eine Stimme.

Ich schloss die Augen.

Campino bemerkte es.

„Sera?“

„Nein.“

Ich hob die Hand.

„Da ist etwas.“

David sah mich an.

„Was?“

„Stimmen.“

Sein Gesicht verlor jede Farbe.

„Wie viele?“

Ich öffnete langsam die Augen.

„Ich weiß nicht.“

Ich atmete schneller.

„Drei.“

David sagte nichts.

„Oder vier.“

Campino stand sofort näher.

„Du musst nicht...“

„Doch. Ich muss.“

„Nein.“

„Campi.“

Er schwieg.

Ich sah ihn an.

„Bitte.“

Er schloss kurz die Augen.

Dann nickte er.

„Okay.“

Ich konzentrierte mich.

Dunkelheit.

Ein Raum.

Eine rote Tür.

Stimmen hinter einer Wand.

Dorn.

Ich konnte ihn nicht sehen.

Aber ich erkannte seinen Namen.

Jemand sagte:

„Wenn das auffliegt, haben wir ein Problem.“

Eine andere Stimme.

Tiefer.

Ruhiger.

„Dann darf es nicht auffliegen.“

Ich riss die Augen auf.

„Das war nicht Dorn.“

David erstarrte.

„Was?“

„Diese Stimme.“

Ich griff mir an die Brust.

„Dorn war da.“

Campino beobachtete jede Bewegung.

„Aber?“

„Er hat nicht gesprochen.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Nicht zuerst.“

David sah mich an.

Und jetzt wusste er.

Ich hatte mich wirklich erinnert.

„Wer war es?“, fragte Andi.

Ich schloss die Augen wieder.

„Ich weiß es nicht.“

Dann.

Ein weiteres Fragment.

Ein Satz.

Kalt.

Sachlich.

Als würde jemand über einen Gegenstand sprechen.

Nicht über Menschen.

Meine Augen öffneten sich.

„Dorn...“

Meine Stimme war kaum hörbar.

„Er hat auf jemanden gewartet.“

David wurde blass.

„Was hat er gesagt?“

Ich sah ihn an.

„Er hat gesagt: 'Ich tue, was mir befohlen wurde.'“

Campino erstarrte.

Kuddel fluchte leise.

Breiti schüttelte langsam den Kopf.

Andi sah David an.

„Also stimmt es.“

David sagte nichts.

Campino wurde wieder still.

Diese gefährliche Stille.

„Was stimmt?“

David sah ihn an.

„Dass Dorn nicht der Anfang war.“

Ich spürte plötzlich eine Welle der Übelkeit.

Campino bemerkte es.

„Wir machen eine Pause.“

„Nein.“

„Sera.“

„Nein.“

„Du zitterst.“

„Ich weiß.“

„Dann hör auf deinen Körper.“

„Mein Körper hat mir jahrelang Dinge erzählt, die ich nicht verstanden habe.“

Meine Stimme brach.

„Jetzt verstehe ich vielleicht endlich warum.“

Campino schwieg.

Dann trat er näher.

„Dann hör mir wenigstens zu.“

Ich sah ihn an.

Seine Stimme wurde sanfter.

„Du musst nicht alles heute herausfinden.“

Meine Augen füllten sich mit Tränen.

„Aber was, wenn ich es wieder vergesse?“

Campinos Gesicht veränderte sich.

Die Wut verschwand.

Zurück blieb nur Schmerz.

Er hob langsam die Hand.

Berührte meine Wange.

„Dann erinnerst du dich nicht allein.“

Ich hielt den Atem an.

„Was meinst du damit?“

„Ich bin da.“

Sein Daumen strich über meine Haut.

„Andi ist da. Kuddel. Breiti. Vom.“

Er sah kurz zu den anderen.

„Wir alle sind da.“

Dann wieder zu mir.

„Du musst diese Vergangenheit nicht mehr allein tragen.“

Meine Lippen bebten.

Ich schloss kurz die Augen.

Als ich sie wieder öffnete, sah ich David an.

„Ich brauche Luft.“

Campino nickte.

„Ich komme mit.“

Ich zögerte.

Dann sagte ich:

„Ja.“

***

Draußen war es dunkel.

Die Nacht war kühl.

Nach all der Enge im Raum fühlte sich die Luft fast unwirklich an.

Ich stand einige Meter vom Gebäude entfernt.

Campino hinter mir.

Er kam nicht sofort näher.

Er wartete.

Ich wusste es.

Ich drehte mich nicht um.

„Du kannst ruhig näherkommen.“

Ein leises Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

„Danke für die Erlaubnis.“

„Du weißt, was ich meine.“

„Ja.“

Er stellte sich neben mich.

Schon wieder.

Neben mich.

Ich sah geradeaus.

„Ich hasse das.“

„Was?“

„Dass ich nicht weiß, was wahr ist.“

Campino sagte nichts.

Ich fuhr fort.

„Ich weiß nicht, ob ich David hassen soll.“

„Du musst gerade gar nichts entscheiden.“

„Er hat mich gerettet.“

„Ja.“

„Und mich allein gelassen.“

„Auch ja.“

„Wie kann beides gleichzeitig wahr sein?“

Campino sah mich an.

„Weil Menschen kompliziert sind.“

Ich lachte leise.

„Das ist deine philosophische Antwort?“

„Ich kann auch eine schlechtere anbieten.“

Zum ersten Mal lächelte ich wirklich.

Nur kurz.

Aber Campino sah es.

Und seine Schultern entspannten sich ein wenig.

Ich wurde wieder ernst.

„Du warst wütend.“

„Das bin ich immer noch.“

„Ich weiß.“

„Soll ich lügen?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Nein, du sollst nicht lügen.“

Campino trat einen kleinen Schritt näher.

„Ich bin wütend auf ihn.“

Seine Stimme war leise.

„Nicht weil er damals Angst hatte.“

Ich sah ihn an.

„Sondern?“

„Weil er dich gerettet hat und dann entschieden hat, dass sein Teil damit erledigt war.“

Er sah auf den Boden.

„Und weil du danach all diese Jahre...“

Er brach ab.

Ich beobachtete ihn.

„Was?“

Campino schluckte.

„Weil ich dich jetzt kenne.“

Meine Augen wurden weicher.

„Campi...“

„Und ich kann mir nicht vorstellen, wie du das allein ausgehalten hast.“

Ich trat näher.

Jetzt war kaum noch Abstand zwischen uns.

„Ich war nicht immer allein.“

„Aber oft.“

Ich nickte.

Campino hob die Hand.

Hielt kurz inne.

„Darf ich?“

Ich antwortete nicht mit Worten.

Ich trat in seine Arme.

Campino hielt mich sofort fest.

Nicht vorsichtig.

Nicht zögernd.

Fest.

Als hätte sein Körper entschieden, bevor sein Kopf es konnte.

Ich schloss die Augen.

Mein Gesicht lag an seiner Schulter.

Ich hörte seinen Herzschlag.

Schnell.

Viel schneller, als er wahrscheinlich wollte.

„Du bist angespannt“, murmelte ich.

„Natürlich bin ich das.“

„Warum?“

Campino senkte den Kopf zu meinem Haar.

„Weil ich gerade versuche, nicht zurückzugehen und David gegen die Wand zu werfen.“

Ich lachte leise an seiner Schulter.

„Das würde Andi wahrscheinlich verhindern.“

„Andi hat heute schon genug vernünftige Dinge getan.“

Ich hob den Kopf.

Campino sah mich an.

Seine Hände lagen noch immer an meinem Rücken.

„Danke.“

„Wofür?“

„Dass du mich nicht weggeschickt hast.“

Seine Stirn legte sich gegen meine.

Ich schloss die Augen.

Ich spürte seinen Atem.

Nah.

Warm.

Unruhig.

„Ich könnte dich niemals wegschicken.“

Campino hielt inne.

„Sag so etwas nicht leichtfertig.“

Ich öffnete die Augen.

„Wer sagt, dass ich es leichtfertig sage?“

Sein Blick veränderte sich.

Langsam.

Intensiv.

Mein Atem wurde flacher.

Campino bewegte sich nicht.

Er wartete.

Immer noch.

„Sera?“

Ich sah ihn an.

„Was?“

Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

„Wenn ich dich jetzt küsse...“

Ich kam ihm zuvor.

Meine Hand glitt in seinen Nacken.

Dann zog ich ihn zu mir.

Der erste Kuss war langsam.

Fast vorsichtig.

Nur meine Lippen.

Ein Atemzug.

Dann noch einer.

Doch die Zurückhaltung hielt nicht lange.

Campinos Hände schlossen sich fester um mich.

Ich drückte mich an ihn.

Der zweite Kuss war intensiver.

Tiefer.

Leidenschaftlicher.

All die Wut.

Die Angst.

Die Erleichterung.

Die Erinnerung.

Alles schien sich in diesem einen Moment zu entladen.

Campino löste sich kurz.

Nur um Luft zu holen.

Seine Stirn blieb an meiner.

„Sag mir, wenn es zu viel ist.“

Ich atmete schwer.

„Du bist nicht zu viel.“

Seine Augen schlossen sich.

Für einen Moment sagte er nichts.

Dann küsste er mich.

Diesmal hielt ich ihn fest.

Meine Finger in seinem Haar.

Seine Hände an meiner Taille und meinem Rücken.

Keine Eile.

Aber auch kein Abstand mehr.

Als wir uns schließlich voneinander lösten, blieb Campino dicht bei mir.

„Du machst mich wahnsinnig.“

Ich lächelte schwach.

„Das sagst du immer.“

„Weil es immer noch stimmt.“

Ich sah ihn an.

Dann wurde ich ernst.

„Ich habe Angst.“

Campino zog mich wieder an sich.

„Ich weiß.“

„Was, wenn alles schlimmer ist, als wir denken?“

Er antwortete nicht sofort.

„Dann finden wir heraus, wie schlimm.“

„Und wenn ich mich an Dinge erinnere, die ich lieber vergessen hätte?“

Campino küsste meine Stirn.

„Dann erinnerst du dich nicht allein.“

Ich hielt ihn fester.

„Versprich mir das.“

„Ich verspreche dir das.“

***

Als wir zurück in den Raum kamen, verstummten alle.

Ich bemerkte die Blicke.

Kuddel hob eine Augenbraue.

Breiti grinste kurz.

Campino warf ihm einen Blick zu.

„Nichts sagen.“

Breiti hob beide Hände.

„Ich habe nichts gesagt.“

„Gut.“

„Aber gedacht.“

„Breiti.“

„Schon gut.“

Ich schüttelte den Kopf.

Für einen winzigen Moment fühlte sich alles normal an.

Dann sah ich David.

Und die Schwere kehrte zurück.

David stand noch immer dort.

Aber diesmal war etwas anders.

Er sah sie nicht wie ein Fremder an.

Sondern wie jemand, der ein Gespenst aus seiner Vergangenheit plötzlich lebendig vor sich stehen sah.

Ich stellte mich vor ihn.

„Jetzt redest du!“

David nickte.

„Ja.“

„Sag alles!“

„So viel ich kann.“

Campino stellte sich neben mich.

Andi, Kuddel, Breiti und Vom kamen näher.

David atmete tief ein.

„Es gibt etwas, das ihr verstehen müsst.“

Niemand sagte etwas.

Sein Blick wanderte durch den Raum.

Dann blieb er bei mir.

„Ihr glaubt, Dorn sei der Mann, der diesen Krieg begonnen hat.“

Stille.

David's Gesicht wurde hart.

„Aber Dorn hat nie den ersten Befehl gegeben.“

Campinos Augen verengten sich.

Andi flüsterte:

„Scheiße.“

David fuhr fort.

„Dorn war mächtig. Gefährlich. Skrupellos.“

Er schluckte.

„Aber er war nicht der Ursprung.“

Ich spürte, wie Campinos Hand meine fand.

Ich verschränkte meine Finger mit seinen.

David sah es.

Dann sagte er:

„Dorn war derjenige, der aufgeräumt hat.“

Kuddel runzelte die Stirn.

„Aufgeräumt?“

„Spuren. Menschen. Beweise.“

Breitis Gesicht wurde ernst.

„Für wen?“

David schwieg.

Campino sah ihn an.

„Sag es!“

„Ich weiß es nicht.“

„Das ist Bullshit!“

David hob den Blick.

„Ich weiß nicht, wer den ersten Befehl gegeben hat.“

Der Raum wurde still.

„Aber ich weiß, dass Dorn nicht allein gehandelt hat.“

Ich erinnerte mich an die Stimmen.

Drei.

Vielleicht vier.

Und eine Stimme, die nicht Dorn gehörte.

„Er hat nur dafür gesorgt, dass niemand herausfindet, wer es getan hat“, sagte David.

Campino ließ meine Hand nicht los.

„Und warum kommst du ausgerechnet jetzt damit?“

David's Blick wurde leer.

„Weil sie mich gefunden haben.“

Niemand bewegte sich.

Andi sagte langsam:

„Wer?“

David sah zur Tür.

Dann zum Fenster.

Dann zurück zu uns.

„Die Menschen, vor denen ich seit Jahren weglaufe.“

Campino trat einen Schritt vor.

„Sind sie hier?“

David antwortete nicht.

Sein Blick wanderte erneut zur Tür.

Ein Geräusch.

Leise.

Kaum hörbar.

Alle erstarrten.

Ich spürte, wie Campinos Körper sich anspannte.

Kuddel griff instinktiv nach etwas, das nicht da war.

Breiti stellte sich näher zu Andi.

Vom sagte nur:

„Das war draußen.“

David wurde kreidebleich.

„Wir müssen weg.“

Campino sah ihn an.

„Warum?“

David schluckte.

Seine Stimme war kaum hörbar.

„Weil ich glaube, sie haben inzwischen herausgefunden, dass ich noch lebe.“

Wieder dieses Geräusch.

Diesmal lauter.

Direkt vor dem Gebäude.

Meine Finger schlossen sich fester um Campinos Hand.

Campino sah sie an.

Nur einen Augenblick.

Dann nickte er.

Keine Angst.

Nicht jetzt.

Nur eine stumme Botschaft.

'Ich lasse dich nicht allein.'

Die Lichter flackerten.

Einmal.

Zweimal.

Dann wurde es dunkel.

Ich hielt den Atem an.

Und irgendwo in der Schwärze sagte jemand:

„Zu spät.“