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Das Mädchen, das nicht sterben durfte

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Das Mädchen, das nicht sterben durfte

POV: Serafina

„Zu spät.“

Die Stimme kam aus der Dunkelheit.

Ich hielt den Atem an.

Für einen Moment konnte ich überhaupt nichts sehen. Nur die Silhouetten der anderen zeichneten sich schemenhaft vor mir ab.

Dann spürte ich Campinos Hand.

Er fand meine Finger.

Sofort.

Fest.

Warm.

Lebendig.

„Sera.“

Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

„Ich bin hier.“

Ich drückte seine Hand.

„Ich weiß.“

Ein Geräusch kam aus dem Korridor.

Ein Schritt.

Dann noch einer.

Langsam.

Bedächtig.

Nicht wie jemand, der überrascht war.

Eher wie jemand, der genau wusste, wo wir waren.

Andi flüsterte:

„Alle ruhig.“

Breiti legte ihm eine Hand auf den Arm.

„Nicht bewegen.“

Vom stand bei Mary.

Kuddel und Susi waren näher an der Tür.

David dagegen war wie erstarrt.

Sein Gesicht war im schwachen Licht der Notbeleuchtung kaum zu erkennen.

Aber ich sah genug.

Angst.

Nicht die vorsichtige Angst eines Menschen, der eine Gefahr vermutete.

Echte Angst.

„David?“

Er sah mich an.

„Wir müssen hier raus.“

„Wer ist draußen?“

„Keine Zeit.“

„Wer?“

Seine Augen wanderten zur Tür.

„Diejenigen, vor denen ich euch gewarnt habe.“

Andi schnaubte leise.

„Das ist keine besonders hilfreiche Beschreibung.“

„Andi“, flüsterte Breiti.

„Was denn? Ich hätte gerne gewusst, vor wem wir gerade davonlaufen.“

David sah ihn an.

„Vor Menschen, die keine Zeugen zurücklassen.“

Stille.

Ich spürte, wie Campinos Finger sich um meine schlossen.

Er beugte sich leicht zu mir.

„Was willst du jetzt tun?“

Ich sah ihn an.

Die Frage überraschte mich.

Nicht, weil sie schwierig war.

Sondern weil er sie stellte.

Er entschied nicht für mich.

Er wartete.

Ich atmete tief ein.

„Wir gehen nicht einfach weg.“

Sein Blick blieb auf meinen Augen.

„Bist du sicher?“

„Nein.“

Eine kurze Pause.

„Aber ich will wissen, warum sie hier sind.“

Campino nickte.

„Dann bleiben wir.“

David sah uns ungläubig an.

„Ihr versteht nicht, was das bedeutet.“

Ich drehte mich zu ihm.

„Dann erklär es uns.“

„Sie werden euch nicht verschonen.“

„Vielleicht nicht.“

Ich trat näher.

„Aber wenn wir jetzt fliehen, wissen wir wieder nicht, wovor.“

David schwieg.

„Ich habe lange genug vor Dingen Angst gehabt, deren Namen ich nicht kannte.“

Meine Stimme zitterte.

„Damit ist Schluss.“

Campino sah mich an.

Ein kaum sichtbares Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

Nicht stolz.

Eher erleichtert.

„Das ist meine Sera.“

Ich sah ihn an.

„'Deine' Sera?“

„Wenn du das sein willst.“

Ich musste trotz der Situation kurz lächeln.

„Später.“

„Abgemacht.“

***

Plötzlich ging das Licht wieder an.

Alle zuckten zusammen.

Der Korridor war leer.

Niemand da.

Andi sah nach links.

Dann nach rechts.

„Das gefällt mir überhaupt nicht.“

Breiti nickte.

„Mir auch nicht.“

„Wo sind sie?“

Mary ging langsam zum Fenster.

„Vielleicht waren sie nie hier.“

David schüttelte den Kopf.

„Doch.“

„Woher willst du das wissen?“, fragte Elias.

David zeigte auf die Wand.

Dort war etwas eingeritzt worden.

Ein kleines Zeichen.

Ein Kreis.

Darunter drei kurze Linien.

Ich kannte es.

Mein Herz begann zu rasen.

„Das...“

Campino sah mich an.

„Kennst du es?“

Ich nickte langsam.

„Ich habe es schon einmal gesehen.“

David wurde blass.

„Wo?“

Ich berührte die Wand nicht.

„Auf einer Tür.“

„Welche Tür?“

Ich schloss die Augen.

Die Erinnerung kam.

Rot.

Metall.

Eine Hand.

Eine Stimme.

'Lauf.'

Ich öffnete die Augen.

„Die rote Tür.“

David wich einen Schritt zurück.

„Nein.“

„Was?“

„Das Zeichen war damals nicht dort.“

„Woher willst du das wissen?“

„Weil ich es selbst überprüft habe.“

Campino sah zwischen uns hin und her.

„Was bedeutet das?“

David antwortete nicht.

Andi wurde ungeduldig.

„David.“

Keine Reaktion.

„David!“

Der Mann zuckte zusammen.

„Es bedeutet, dass sie wissen, dass ihr hier seid.“

Breiti sah zur Tür.

„Und was bedeutet der Kreis?“

David schluckte.

„Das ist eine Markierung.“

„Für was?“

„Für eine Person.“

Ich spürte einen kalten Schauer.

„Für wen?“

David sah mich an.

„Für dich.“

Niemand sagte etwas.

Ich starrte ihn an.

„Nein.“

David sagte nichts.

„Nein.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Das ergibt keinen Sinn.“

„Doch.“

„Warum sollte jemand mich markieren?“

„Weil du damals nicht sterben solltest.“

„Das hast du schon gesagt.“

„Und du hast noch nicht verstanden, was das bedeutet.“

Ich ging auf ihn zu.

„Dann erklär es mir!“

David sah mich an.

„Du warst kein zufälliges Opfer.“

Meine Stimme wurde leiser.

„Was war ich dann?“

Er zögerte.

„Ein Schlüssel.“

Campino trat näher.

„Ein Schlüssel wofür?“

David sah ihn an.

„Das weiß ich nicht.“

Campinos Kiefer spannte sich an.

„Du weißt verdammt viel nicht!“

„Weil ich nie alles wissen durfte.“

„Aber du weißt genug!“

David schwieg.

Ich sah Campino an.

„Lass ihn.“

Er sah mich an.

„Sera...“

„Er hat Angst.“

„Das sehe ich.“

„Dann bringt es nichts, ihn anzuschreien.“

Campino atmete tief durch.

„Okay.“

Er sah David an.

„Aber irgendwann brauchen wir Antworten!“

David nickte.

„Das weiß ich.“

***

Mary hatte inzwischen das Aufnahmegerät wieder in der Hand.

„Wartet.“

Alle sahen zu ihr.

Sie hielt das Gerät gegen das Licht.

„Hier ist noch eine Datei.“

Elias wurde sofort aufmerksam.

„Welche?“

„Eine versteckte.“

„Dann spiel sie mal ab“, sagte ich.

David machte einen Schritt nach vorn.

„Nein.“

Ich sah ihn an.

„Wieso nicht?“

„Weil ihr vielleicht nicht hören wollt, was darauf ist.“

Ich trat näher.

„Das entscheidest nicht du.“

Er schwieg.

„Mary.“

Sie nickte.

Ein Klick.

Rauschen.

Dann eine Stimme.

Dorn.

Ich erkannte sie sofort.

„Wenn du diese Aufnahme hörst, ist der Plan gescheitert.“

Eine Pause.

„Das Mädchen darf nicht sterben.“

Mein Herz setzte aus.

Campino sah mich an.

Dorns Stimme ging weiter.

„Sie muss am Leben bleiben. Unter allen Umständen.“

Andi flüsterte:

„Warum?“

Die Aufnahme antwortete nicht.

Dorn sagte:

„Sie darf sich nicht erinnern, was sie gesehen hat.“

Ein Knacken.

Dann:

„Und falls sie sich erinnert...“

Die Aufnahme rauschte.

„...muss sie zu dem Ort gebracht werden.“

Mary sah David an.

„Welcher Ort?“

David sagte nichts.

Dorns Stimme:

„Der Ort, an dem alles begonnen hat.“

Die Aufnahme endete.

Stille.

Ich spürte, wie meine Beine weich wurden.

Campino war sofort bei mir.

„Sera.“

Ich lehnte mich gegen ihn.

„Ich bin okay.“

„Du bist total blass.“

„Ich weiß.“

Er legte eine Hand an meinen Rücken.

„Atme.“

Ich tat es.

Langsam.

Ein.

Aus.

Ein.

Aus.

„Dieser Ort“, flüsterte ich.

David sah mich an.

„Ja.“

„Du weißt, welchen Ort er meint?“

Er antwortete nicht.

Ich hob den Kopf.

„David.“

„Ja.“

„Du weißt es.“

Er schloss die Augen.

„Ja.“

„Wo ist er?“

Er sah mich an.

„Unter dem alten Ratsgebäude.“

Andi starrte ihn an.

„Was?“

Kuddel richtete sich auf.

„Das Ratsgebäude?“

David nickte.

„Es gibt darunter einen alten Bunker.“

Breiti wurde blass.

„Der ist doch seit Jahrzehnten versiegelt.“

„Offiziell.“

Vom sah David an.

„Und inoffiziell?“

„Inoffiziell wurde er benutzt.“

„Von wem?“

David schwieg.

Ich wusste die Antwort bereits.

„Von Dorn.“

David nickte.

„Von Dorn.“

***

Wir verließen das Gebäude wenige Minuten später.

Niemand sprach viel.

Draußen war die Luft kalt.

Ich ging neben Campino.

Unsere Hände waren noch immer ineinander verschränkt.

„Du hast Angst“, sagte er.

Ich sah ihn an.

„Ja.“

„Ich auch.“

Ich blieb stehen.

„Wirklich?“

Er sah mich an.

„Natürlich.“

„Du wirkst immer so ruhig.“

„Das ist Schauspiel.“

Ich musste leise lachen.

„Dann bist du ein schlechter Schauspieler.“

„Unverschämt.“

„Stimmt das nicht?“

Er wurde ernst.

„Doch.“

Sein Daumen strich über meine Hand.

„Aber ich will nicht, dass du denkst, du müsstest deshalb stärker sein.“

„Ich möchte nicht, dass du dich wegen mir fürchtest.“

„Zu spät.“

Ich sah ihn an.

„Das sagst du oft.“

„Weil es stimmt.“

Eine Pause.

„Und ich will nicht, dass du dich dafür verantwortlich fühlst.“

Ich schwieg.

Campino trat näher.

„Du bist nicht verantwortlich für meine Angst.“

„Und du nicht für meine.“

„Genau.“

Ich sah auf unsere Hände.

„Das ist neu.“

„Was?“

„Dass wir beide Angst haben können, ohne dass einer von uns den anderen retten muss.“

Er lächelte.

„Dann lernen wir es eben.“

Ich hob den Kopf.

„Zusammen?“

„Zusammen.“

Seine Stirn berührte meine.

Für einen Moment gab es nur uns.

Kein Dorn.

Keine Verschwörung.

Keine Vergangenheit.

Nur seinen Atem.

Meinen Atem.

Und diese kurze Nähe.

„Ich liebe dich“, flüsterte ich.

„Ich liebe dich auch.“

Ich schloss die Augen.

Er küsste mich sanft.

Nur kurz.

Doch als wir uns lösten, blieb er dicht bei mir.

„Bereit?“

„Nein.“

Er lächelte.

„Gut.“

Ich musste lachen.

„Du bist unmöglich.“

„Aber du hast mich trotzdem.“

„Leider.“

„Das nehme ich.“

***

„Leute!“

Marys Stimme riss uns aus dem Moment.

Wir drehten uns um.

Sie hielt ihr Gerät hoch.

„Ich habe gerade etwas gefunden.“

Andi seufzte.

„Natürlich.“

Breiti grinste.

„Du hast gehofft, dass der Abend endlich normal wird.“

„Ja.“

„Dann hast du definitiv die falschen Freunde.“

Andi sah ihn an.

„Du bist mein Freund.“

Breiti lächelte.

„Und?“

Andi schwieg.

Dann grinste er.

„Dann habe ich wohl Pech gehabt.“

Breiti legte seinen Arm um ihn.

„Du liebst dein Pech.“

„Leider.“

Vom schüttelte den Kopf.

„Ihr seid wirklich unerträglich.“

Kuddel sah zu Susi.

„Ich finde es irgendwie beruhigend.“

Susi lächelte.

„Ich auch.“

Mary räusperte sich.

„Könnt ihr später romantisch werden?“

Andi zeigte auf Breiti.

„Er hat angefangen.“

„Natürlich.“

Mary hielt das Gerät hoch.

„Ich habe die Datei entschlüsselt.“

Die Stimmung veränderte sich sofort.

„Und?“, fragte Elias.

Mary sah uns an.

„Da ist ein Name.“

David erstarrte.

„Welcher?“

Mary drehte den Bildschirm zu uns.

Ich sah darauf.

Ein Name.

Nur ein Name.

ALBRECHT VOSS.

David wurde kreidebleich.

„Nein.“

Campino sah ihn an.

„Wer ist das?“

David antwortete nicht.

Ich sah ihn an.

„David.“

Seine Stimme war kaum hörbar.

„Der Mann, für den Dorn gearbeitet hat.“

***

Niemand sagte etwas.

Ich sah wieder auf den Namen.

Albrecht Voss.

Er sagte mir nichts.

Aber David kannte ihn.

Und das reichte.

„Lebt er noch?“, fragte Andi.

David nickte langsam.

„Ja.“

„Wo ist er?“

„Im Rat.“

Ein Schauer lief mir über den Rücken.

Breiti sah zu Andi.

Kuddel zu Susi.

Vom zu Mary.

Campino sah nur mich an.

„Sera.“

„Ich weiß.“

„Du musst jetzt nichts entscheiden.“

Ich sah ihn an.

„Doch.“

„Was?“

Ich nahm seine Hand.

„Wir müssen herausfinden, warum dieser Mann wollte, dass ich am Leben bleibe.“

David trat näher.

„Dann müssen wir zurück zum Ratsgebäude.“

Ich sah ihn an.

„Nein.“

Alle blickten zu mir.

„Nicht sofort.“

David runzelte die Stirn.

„Warum?“

„Weil Voss vielleicht genau darauf wartet.“

Campino lächelte ganz leicht.

„Das dachte ich auch.“

Andi seufzte.

„Ihr zwei seid langsam beängstigend gut darin, gleichzeitig zu denken.“

Breiti grinste.

„Liebe.“

Andi sah ihn an.

„Was?“

„Das nennt man Liebe.“

Andi wurde rot.

„Halt die Klappe.“

Breiti lachte.

***

Später saßen wir wieder im Wagen.

Doch diesmal fühlte sich die Fahrt anders an.

Wir wussten jetzt, dass die Vergangenheit nicht einfach vorbei war.

Sie hatte Namen.

Gesichter.

Befehle.

Und vielleicht saß einer der Menschen, die dahinterstanden, noch immer mitten unter denen, die wir für Verbündete hielten.

Ich lehnte meinen Kopf gegen die Scheibe.

Campino saß neben mir.

Unsere Hände lagen zwischen uns.

„Sera?“

„Hm?“

„Du denkst zu viel.“

„Das sagst gerade du?“

„Ich kann wenigstens so tun, als würde ich nicht denken.“

„Du bist wirklich schlecht darin.“

„Ich weiß.“

Ich sah ihn an.

„Campi?“

„Ja?“

„Wenn ich mich morgen an noch mehr erinnere...“

Er wartete.

„...und es etwas ist, das du nicht hören willst?“

Er drückte meine Hand.

„Dann höre ich trotzdem zu.“

„Auch wenn es dich verletzen könnte?“

„Ja.“

„Warum?“

Er sah mich an.

„Weil ich dich liebe.“

Ich lächelte schwach.

„Du hast immer dieselbe Antwort.“

„Weil sie meistens stimmt.“

Ich legte meinen Kopf an seine Schulter.

Er lehnte seinen Kopf leicht gegen meinen.

Keiner sagte etwas.

Nur unsere Atemzüge waren zu hören.

Langsam.

Gleichmäßig.

Nebeneinander.

***

In dieser Nacht schlief ich kaum.

Immer wieder sah ich die rote Tür.

Immer wieder hörte ich dieselbe Stimme.

'Lauf.'

Dann sah ich einen anderen Raum.

Dorn.

David.

Und eine vierte Person.

Ich konnte das Gesicht nicht erkennen.

Doch diesmal hörte ich den Satz deutlich.

„Das Mädchen darf niemals erfahren, wer ihr Vater war.“

Ich riss die Augen auf.

Mein Atem ging schnell.

Neben mir bewegte sich Campino.

Ich setzte mich auf.

„Campi!“

Er war sofort wach.

„Was ist, Sera?“

Ich sah ihn an.

„Ich habe mich erinnert.“

Er setzte sich ebenfalls auf.

„Woran?“

Meine Stimme zitterte.

„An etwas, das David nicht erzählt hat.“

„Was?“

Ich sah zur Dunkelheit.

„Dorn kannte meinen Vater.“

Campino schwieg.

„Und Voss auch.“

Sein Gesicht wurde ernst.

„Bist du sicher?“

Ich nickte.

„Ja.“

„Und was bedeutet das?“

Ich sah ihn an.

Tränen standen in meinen Augen.

„Ich glaube...“

Ich schluckte.

„...dass meine Vergangenheit nie zufällig war.“

Campino nahm meine Hand.

„Dann finden wir heraus, warum.“

Ich sah ihn an.

„Wir beide? Du und ich?“

„Du und ich.“

Ich lehnte meine Stirn an seine.

Und irgendwo tief in mir wusste ich:

Der Krieg war vorbei.

Aber die Geschichte, die ihn ausgelöst hatte, hatte gerade erst begonnen, sich zu zeigen.