Was mein Vater verschwieg
Was mein Vater verschwieg
POV: Serafina
Die Nacht war noch nicht vorbei.
Ich lag wach.
Ich wusste nicht, wie lange ich schon an die Decke starrte. Vielleicht Minuten. Vielleicht eine Stunde. Die Dunkelheit im Raum fühlte sich anders an als sonst. Schwerer. Dichter.
Immer wieder kam dasselbe Bild zurück.
Die rote Tür.
Dorns Stimme.
Der Name meines Vaters.
Und dann dieser andere Name.
Voss.
Ich schloss die Augen.
Sofort war ich wieder dort.
Kalter Stein unter meinen Füßen. Der Geruch von feuchtem Metall. Schritte hinter mir. Stimmen, die ich nicht verstehen konnte.
Ich riss die Augen auf.
Neben mir bewegte sich Campino.
„Sera?“
Seine Stimme war leise.
Ich antwortete nicht.
Campino richtete sich etwas auf und sah mich an. Im schwachen Licht konnte ich sein Gesicht nur teilweise erkennen.
„Du bist schon wieder ganz woanders.“
Ich schluckte.
„Ich habe meinen Vater gesehen.“
Campino schwieg.
„Nicht wirklich“, fügte ich hastig hinzu. „In meiner Erinnerung. Ich weiß nicht einmal, ob es eine echte Erinnerung ist oder etwas, das mein Kopf daraus gemacht hat.“
Campino setzte sich auf.
„Erzähl mir, was du weißt.“
Ich drehte sich zu ihm.
„Dorn kannte ihn.“
„Das wissen wir.“
„Nein.“ Meine Stimme wurde brüchig. „Er hat ihn nicht nur gekannt. Ich glaube, Dorn hat über ihn gesprochen. Und Voss auch.“
Campinos Blick veränderte sich.
„Voss?“
Ich nickte.
„Ich habe seine Stimme gehört.“
„Bist du sicher?“
Ich sah ihn an.
„Nein.“
Eine Pause.
„Aber ich habe Angst, dass ich sicher bin.“
Campino rückte näher.
Nicht hastig.
Nicht so, als müsse er irgendetwas reparieren.
Er setzte sich einfach neben mich.
Seine Schulter berührte meine.
Ich atmete zittrig aus.
„Was, wenn mein Vater Teil davon war?“
Campino sah mich an.
„Dann finden wir heraus, was er getan hat.“
„Und wenn es etwas Schlimmes war?“
„Dann finden wir auch das heraus.“
Ich starrte ihn an.
„Du sagst das so einfach.“
„Nein.“
Seine Stimme wurde rauer.
„Ich sage es, weil ich lieber eine schmerzhafte Wahrheit kenne als eine Lüge, die mich jede Nacht auffrisst.“
Ich senkte den Blick.
„Was, wenn du mich danach anders siehst?“
Campino antwortete sofort.
„Dann wäre ich ein Idiot.“
Ich musste trotz allem kurz lächeln.
„Das war jetzt sehr überzeugend.“
„Ich kann noch überzeugender.“
Er nahm vorsichtig meine Hand.
„Ich kenne dich, Sera. Nicht deinen Vater. Nicht Dorn. Nicht Voss. Dich.“
Meine Finger schlossen sich um seine.
„Und wenn du irgendwann herausfindest, dass meine Vergangenheit dunkler ist, als du gedacht hast?“
„Dann stehe ich trotzdem neben dir.“
„Warum?“
Campino sah mich lange an.
„Weil ich dich liebe.“
Die Worte waren schlicht.
Gerade deshalb trafen sie mich.
Ich rückte näher.
Meine Stirn berührte seine.
Für einige Sekunden sagten wir beide nichts.
Nur unser Atem war zu hören.
„Ich habe Angst“, flüsterte ich.
„Ich auch.“
Ich hob den Kopf.
„Du?“
„Natürlich.“
„Du wirkst nie so.“
Ein leises, bitteres Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Dann bin ich offenbar ziemlich gut darin, so zu tun.“
Ich legte eine Hand an seine Wange.
„Du musst bei mir nicht so tun.“
Campino schloss kurz die Augen.
„Das Gleiche gilt für dich.“
Wir küssten uns.
Nicht hastig.
Nicht als Flucht.
Es war ein stiller Kuss, voller all dessen, was wir beide nicht aussprechen konnten.
Als wir uns voneinander lösten, blieben unsere Gesichter dicht beieinander.
„Nebeneinander“, flüsterte ich.
Campino nickte.
„Nebeneinander.“
***
Am nächsten Morgen saßen wir alle um den großen Tisch.
David stand am Fenster.
Mary hatte den alten Recorder vor sich liegen.
Andi verschränkte die Arme.
Breiti lehnte sich zurück.
Kuddel betrachtete die Unterlagen.
Vom stand hinter Mary und sah über ihre Schulter.
Susi stellte eine Tasse nach der anderen auf den Tisch.
Ich stand zunächst schweigend im Türrahmen.
Campino war neben mir.
Nicht vor mir.
Nicht hinter mir.
Neben mir.
Andi sah zu mir.
„Du hast etwas herausgefunden?“
Ich atmete tief durch.
„Ich glaube, ja.“
Mary hob den Kopf.
„Dann sollten wir alle zuhören.“
Ich setzte sich.
Meine Hände lagen ineinander verschränkt auf dem Tisch.
„Mein Vater kannte Dorn.“
David bewegte sich kaum merklich.
Ich bemerkte es.
„Du weißt etwas.“
David sah sie an.
„Vielleicht.“
„David.“
Er schwieg.
Campino beugte sich leicht nach vorn.
„Sie hat ein Recht auf Antworten.“
David nickte langsam.
„Ja.“
Er zog einen Stuhl heran.
„Aber ich muss vorsichtig sein.“
„Warum?“
„Weil ich nicht alles weiß.“
Ich sah ihn fest an.
„Dann sag mir wenigstens das, was du weißt.“
David atmete tief durch.
„Dein Vater war nicht einfach irgendein Mann.“
Stille.
„Was bedeutet das?“, fragte Breiti.
David sah zu mir.
„Er hat versucht, herauszufinden, was hinter Voss steckt.“
Ich erstarrte.
„Mein Vater hat gegen ihn gearbeitet?“
„Zumindest eine Zeit lang.“
„Warum hat mir das niemand gesagt?“
David senkte den Blick.
„Vielleicht, weil dein Vater glaubte, dich damit schützen zu können.“
Ich lachte leise.
Aber es war kein fröhliches Lachen.
„Schützen.“
Das Wort blieb zwischen ihnen hängen.
„Alle wollten mich schützen“, sagte ich. „Dorn wollte mich schützen. Mein Vater wollte mich schützen. Du wolltest mich schützen.“
Ich sah David an.
„Und trotzdem wurde ich zum Opfer.“
David nahm die Worte schweigend hin.
„Du hast recht.“
Campino sah zu mir.
Ich hatte Tränen in den Augen.
Doch ich weinte nicht.
Noch nicht.
„Was hat mein Vater herausgefunden?“, fragte ich.
David griff in seine Jackentasche.
Er zog einen kleinen, zusammengefalteten Zettel hervor.
„Das hier habe ich vor Jahren gefunden.“
Er legte ihn auf den Tisch.
Mary nahm ihn vorsichtig.
Darauf standen nur wenige Worte.
„PROJEKT S
SCHUTZSTATUS BESTÄTIGT
SUBJEKT: S.
VERANTWORTLICH: [Name unleserlich]“
Darunter ein Datum.
Ich wurde blass.
„Das ist die Nacht.“
Mary sah mich an.
„Welche Nacht?“
„Die Nacht, in der ich verschwunden bin.“
Niemand sagte etwas.
Vom fluchte leise.
Andi beugte sich über den Tisch.
„Dann war ihre Rettung geplant.“
„Oder ihre Gefangenschaft“, sagte Kuddel.
Ich sah ihn an.
„Nein.“
Kuddel hielt inne.
„Was?“
„David sagte, dass jemand dafür gesorgt hat, dass ich lebend herauskomme.“
Ich sah zu David.
„Du.“
Er nickte.
„Ich habe den Auftrag bekommen.“
Ich starrte ihn an.
„Von wem?“
David schwieg.
„Von wem, David?“
Er sah schließlich zu mir.
„Von deinem Vater.“
Die Worte trafen mich mit voller Wucht.
Ich stand auf.
Der Stuhl schabte über den Boden.
„Mein Vater hat dich geschickt?“
„Ja.“
„Um mich zu retten?“
„Ja.“
„Warum?“
David antwortete nicht.
„Warum?!“
Meine Stimme brach.
Campino stand ebenfalls auf.
Doch er griff nicht nach mir.
Er wartete.
Ich ging einen Schritt zurück.
„Mein Vater wusste, dass etwas passieren würde?“
David nickte.
„Er wusste, dass Voss dich haben wollte.“
„Warum?“
„Das wusste ich damals nicht.“
Mary nahm den Zettel erneut.
„Vielleicht steht es in den anderen Dateien.“
Sie begann, die Daten auf dem Recorder zu durchsuchen.
Ein Klicken.
Ein Rauschen.
Dann eine Datei.
Mary sah auf.
„Ich habe etwas.“
Alle wurden still.
Eine Stimme erklang.
Alt.
Verzerrt.
Aber verständlich.
Ich hielt den Atem an.
Ich kannte diese Stimme.
Mein Vater.
Nicht alles war zu verstehen.
Doch einige Worte waren deutlich.
Es ging um Voss.
Um Dorn.
Um ein Mädchen.
Um eine Entscheidung.
Dann brach die Aufnahme ab.
Ich stand reglos da.
„Das war er.“
Campino sah mich an.
„Sera.“
„Das war mein Vater.“
Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
Mary stoppte die Wiedergabe.
„Wir können versuchen, die Datei wiederherzustellen.“
Ich nickte.
„Mach das.“
Dann drehte ich mich zu David.
„Eine Frage noch.“
„Welche?“
„Warum musste ich leben?“
David antwortete nicht sofort.
Sein Gesicht war plötzlich voller Angst.
„Weil dein Vater etwas entdeckt hatte.“
„Was?“
David sah zu Campino.
Dann zu Andi.
Dann zu Elias und den anderen.
„Etwas, das Voss niemals ans Licht kommen lassen durfte.“
***
Später stand ich allein im Flur.
Ich hatte die Arme vor der Brust verschränkt.
Meine Gedanken liefen schneller, als ich ihnen folgen konnte.
Mein Vater.
Voss.
Dorn.
Projekt S.
Ich spürte Campino schon, bevor ich ihn hörte.
„Sera.“
Ich drehte sich um.
„Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll.“
Er blieb einige Schritte entfernt stehen.
„Dann musst du heute auch noch nicht alles glauben.“
„Aber ich will Antworten.“
„Die bekommst du.“
„Und wenn ich sie nicht ertragen kann?“
Campino kam näher.
„Dann erträgst du sie nicht allein.“
Ich sah ihn an.
Meine Augen glänzten.
„Du versprichst mir das?“
„Ja.“
„Auch wenn es hässlich wird?“
„Gerade dann.“
Ich trat auf ihn zu.
Diesmal war ich es, die ihn umarmte.
Fest.
Als müsste ich mich für einen Augenblick davon überzeugen, dass etwas in dieser Welt noch sicher war.
Campino legte seine Arme um mich.
„Ich habe Angst“, flüsterte ich an seiner Schulter.
„Ich weiß.“
„Ich will nicht wieder die sein, über die andere entscheiden.“
„Dann entscheiden wir gemeinsam.“
Ich hob den Kopf.
„Gemeinsam?“
„Gemeinsam.“
Unsere Lippen berührten sich.
Ein kurzer Kuss.
Dann noch einer.
Als wir uns wieder lösten, legte Campino seine Stirn an meine.
„Du bist nicht deine Vergangenheit.“
Ich schloss die Augen.
„Und du bist nicht verpflichtet, mich zu retten.“
„Weiß ich.“
„Gut.“
„Aber ich darf trotzdem bleiben?“
Ein kleines Lächeln erschien auf meinem Gesicht.
„Das darfst du.“
Hinter uns ging plötzlich eine Tür auf.
Mary.
„Serafina.“
Wir beide drehten uns um.
Mary hielt den Recorder in der Hand.
Ihr Gesicht war ernst.
„Ich habe die Datei wiederhergestellt.“
Ich wurde sofort aufmerksam.
„Und?“
Mary schluckte.
„Da ist noch etwas.“
„Was?“
Mary sah zu David.
„Eine zweite Stimme.“
David wurde kreidebleich.
„Nein.“
Campino trat neben mich.
„Wer ist es?“
Mary schüttelte langsam den Kopf.
„Das wissen wir noch nicht.“
Sie sah mich an.
„Aber am Ende der Aufnahme fällt ein Ort.“
„Welcher?“
Mary hielt den Atem an.
„Das alte Archiv unter dem Nordflügel des Rates.“
Stille.
David schloss die Augen.
„Dort unten gibt es keinen Zugang mehr.“
Kuddel, der inzwischen ebenfalls im Flur stand, antwortete:
„Dann finden wir einen.“
Ich sah zu Campino.
Er sah zurück.
Keiner sagte etwas.
Doch wir beide wussten, was dieser Blick bedeutete.
Die Vergangenheit hatte uns gerade eine weitere Tür geöffnet.
Und diesmal würden wir sie gemeinsam hindurchgehen.
Nebeneinander.