Narben des Friedens
Narben des Friedens
POV: Serafina
Die Stimmen unserer Freunde verklangen langsam auf dem Flur.
Für einen Augenblick blieb nur Schweigen zurück.
Ich sah zur Tür.
„Sie warten bestimmt schon auf uns.“
Campino ließ sich mit einem leisen Stöhnen auf die Bettkante sinken und fuhr sich durch die Haare.
„Dann sollten wir sie nicht ewig warten lassen.“
„Du solltest eigentlich noch im Bett liegen bleiben.“
Er grinste schief.
„Und du solltest aufhören, jeden zweiten Satz wie eine Ärztin klingen zu lassen.“
Ich verschränkte die Arme.
„Jemand muss schließlich vernünftig sein.“
„Das überlasse ich Andi.“
„Dann sind wir verloren.“
Ein leises Lachen ging zwischen uns hin und her.
Nicht laut.
Nicht ausgelassen.
Aber echt.
Zum ersten Mal fühlte es sich nicht falsch an.
***
Eine Stunde später standen wir vor dem Eingang des Krankenhauses.
Ich blieb unwillkürlich stehen.
Die Tür war geöffnet.
Draußen wartete die Welt.
Nicht die Welt, die ich kannte.
Keine Barrikaden.
Keine Rauchschwaden.
Keine Suchscheinwerfer.
Nur Wind.
Campino trat neben mich.
„Alles okay?“
Ich antwortete nicht sofort.
Mein Blick glitt über die Straße.
Ein kleiner Junge rollte vorsichtig einen Ball über den Asphalt.
Seine Mutter lachte.
Ein älterer Mann reparierte schweigend das Fenster seines Hauses.
Zwischen den Trümmern wuchsen Blumen.
Kleine gelbe Blüten.
Ich hatte vergessen, dass sie überhaupt existierten.
„Komisch...“, flüsterte ich.
„Was denn?“
„Dass das Leben einfach...weitermacht.“
Campino nickte langsam.
„Vielleicht konnte es das nie vergessen.“
Ich schloss für einen Moment die Augen.
Mein Körper wartete auf den Knall.
Auf den Alarm.
Auf irgendeine Explosion.
Nichts geschah.
Stattdessen legte sich vorsichtig eine warme Hand um meine.
Ich blickte hinunter.
Campino hatte nichts gesagt.
Er hielt meine Hand einfach fest.
Nicht, weil ich schwach war.
Sondern weil er wusste, wie schwer dieser erste Schritt war.
„Bereit?“
Ich atmete tief durch.
„Nein.“
Er lächelte.
„Ich auch nicht.“
Gemeinsam gingen wir los.
***
Je weiter wir durch die Straßen liefen, desto mehr Menschen begegneten uns.
Manche nickten Campino freundlich zu.
Andere blieben stehen.
Ihre Blicke wanderten sofort zu mir.
Eine ältere Frau erkannte mich.
Ihr Gesicht verhärtete sich.
„Sie...“
Ihre Stimme zitterte.
„Sie gehört zum Rat.“
Ein Mann neben ihr ballte die Hände zu Fäusten.
„Wegen Leuten wie ihr habe ich meinen Bruder verloren.“
Ich blieb stehen.
Die Worte trafen mich härter als jeder Schlag.
Er hatte recht.
Vielleicht nicht persönlich.
Aber ich hatte dem System gedient.
Campino stellte sich einen halben Schritt vor mich.
Nicht drohend.
Einfach da.
„Der Krieg ist vorbei!“, sagte er ruhig.
Der Mann schüttelte den Kopf.
„Für euch vielleicht!“
„Nein!“, antwortete Campino.
„Für niemanden! Deshalb sind wir hier!“
Die Frau sah zwischen uns hin und her.
„Warum verteidigen Sie sie?“
Campino drehte sich kurz zu mir.
Sein Blick war ruhig.
„Weil sie ihr Leben riskiert hat, damit dieser Krieg endet!“
„Das macht nichts ungeschehen!“
„Nein!“
Seine Stimme blieb fest.
„Aber wenn wir niemandem mehr erlauben, sich zu ändern, dann hat dieser Frieden keine Chance!“
Die Frau schwieg.
Niemand antwortete.
Schließlich gingen wir weiter.
Erst einige Straßen später bemerkte ich, dass ich kaum noch Luft bekam.
„Sera?“
„Ich wusste, dass sie mich hassen würden.“
„Nicht alle.“
„Aber genug.“
Ich zog meine Hand langsam zurück.
„Vielleicht haben sie recht.“
Campino blieb stehen.
„Nein.“
„Du kennst meine Vergangenheit.“
„Ja.“
„Ich habe Dinge getan...“
„Ja.“
„Wie kannst du trotzdem...“
Er trat einen Schritt näher.
„Weil ich nicht nur sehe, wer du warst.“
Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Ich sehe jeden Tag, wer du geworden bist.“
Ich sah ihn lange an.
„Und wenn das irgendwann nicht mehr reicht?“
Er hob vorsichtig eine Hand.
Seine Finger strichen eine lose Haarsträhne hinter mein Ohr.
„Dann erinnere ich dich daran.“
Mein Herz schlug schneller.
Nicht vor Angst.
Sondern wegen dieser leisen Selbstverständlichkeit.
Er verlangte nichts.
Er versprach nur, zu bleiben.
Ich lehnte meine Stirn einen Moment gegen seine Schulter.
Nur einen Atemzug lang.
Dann gingen wir weiter.
***
Das ehemalige Regierungsgebäude wirkte weniger einschüchternd als früher.
Die schweren Tore standen offen.
Soldaten gab es kaum noch.
Statt Waffen trugen viele Menschen Aktenordner, Pläne und Werkzeug.
Der Wiederaufbau hatte begonnen.
Im Sitzungssaal warteten bereits Andi, Breiti, Kuddel, Susi, Vom und Mary.
„Na endlich“, rief Breiti.
„Wir dachten schon, ihr seid unterwegs durchgebrannt.“
Campino grinste.
„Ohne euch? Niemals.“
„Lügner.“
Andi klopfte Breiti gegen den Oberarm.
„Jetzt lass sie doch erst mal ankommen.“
Mary trat zu mir.
„Wie geht's dir?“
Ich überlegte lange.
„Ehrlich?“
Sie nickte.
„Überfordert.“
„Das sind wir alle.“
Sie lächelte sanft.
„Vielleicht ist das ein gutes Zeichen.“
***
Die Sitzung begann.
Ein grauhaariger Mann erhob sich.
„Der Krieg ist beendet. Doch Frieden entsteht nicht allein durch eine Unterschrift.“
Zustimmendes Murmeln.
Eine Frau auf der anderen Seite des Tisches meldete sich sofort.
„Die Verantwortlichen müssen vor Gericht.“
Ein anderer widersprach.
„Wenn wir jetzt nur nach Schuld suchen, beginnt alles von vorne.“
„Und wenn wir vergeben, als wäre nichts geschehen?“
Die Stimmen wurden lauter.
Vorwürfe flogen durch den Raum.
Alte Wunden brachen wieder auf.
Ich saß schweigend da.
Bis plötzlich alle zu mir sahen.
„Serafina?“
Mein Herz setzte einen Schlag aus.
„Du warst Teil des Rates.“
Die Vorsitzende sprach ruhig.
„Was denkst du?“
Ich stand langsam auf.
„Ich glaube nicht, dass Vergebung verlangt werden darf.“
Der Raum wurde still.
„Man kann sie nicht befehlen.“
Ich sah in die Gesichter der Menschen.
„Ich weiß, dass manche mir nie verzeihen werden.“
Meine Stimme wurde leiser.
„Und vielleicht haben sie jedes Recht dazu.“
Campino beobachtete mich schweigend.
„Aber wenn wir heute wieder anfangen, uns nur als Feinde zu sehen...“
Ich holte tief Luft.
„...dann haben all die Menschen umsonst ihr Leben verloren.“
Niemand sprach.
Zum ersten Mal herrschte kein Schweigen aus Angst.
Sondern eines, in dem jeder nachdachte.
***
Als die Sitzung beendet war, rannte plötzlich ein junger Bote in den Saal.
Außer Atem.
„Das...das Lagerhaus im Ostsektor...“
Alle drehten sich um.
„Es brennt!“
Stille.
„Die Hilfslieferungen...alles steht in Flammen!“
Campino sprang sofort auf.
„Wie konnte das passieren?“
Der Junge schluckte.
„Das weiß niemand.“
Ein Ratsmitglied wurde blass.
„Das war kein Unfall.“
Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog.
Der Krieg war vorbei.
Doch irgendjemand wollte den Frieden zerstören.
Campino sah zu mir.
Ich erwiderte seinen Blick.
Kein Wort war nötig.
Wir dachten beide dasselbe.
Der schwerste Kampf hatte gerade erst begonnen.