Die ersten Schatten
Die ersten Schatten
POV: Serafina
Der Alarm war zurück.
Nicht das langgezogene Heulen der Sirenen, das jahrelang unser Leben bestimmt hatte.
Sondern das panische Rufen von Menschen.
„Wasser! Mehr Wasser!“
„Hierher! Schnell!“
Kaum hatte der Bote seinen Satz beendet, sprang Campino auf. Trotz der noch frischen Verletzung verzog sich sein Gesicht vor Schmerz, doch er ignorierte ihn.
„Andi! Breiti! Los!“
„Sind schon unterwegs!“, rief Andi und riss die Tür auf.
Vom und Mary liefen dem Boten hinterher, während Kuddel und Susi Verbandskästen zusammensuchten.
Ich blieb einen Herzschlag lang stehen.
Etwas daran fühlte sich falsch an.
Zu geplant.
Zu präzise.
Campino bemerkte meinen Blick.
„Sera?“
Ich nickte nur.
„Komm.“
***
Dunkler Rauch hing bereits über dem Ostsektor.
Schon mehrere Straßen entfernt brannte er in den Augen.
Die Menschen liefen durcheinander.
Eimer wurden weitergereicht.
Kinder weinten.
Ein Dach stürzte krachend ein.
Die Hitze traf uns wie eine Wand.
„Verdammt...“, murmelte Breiti.
„Das ganze Lager...“
Flammen fraßen sich durch Holzbalken und Vorratskisten.
Säcke mit Mehl platzten auf.
Medizinische Vorräte verbrannten.
Decken.
Werkzeug.
Alles, was für den Wiederaufbau gedacht gewesen war.
Campino wollte sofort losrennen.
Ich packte ihn am Arm.
„Nein!“
Er drehte sich zu mir.
„Da sind noch Leute drin!“
„Und wenn das Dach einstürzt?“
„Dann ziehen wir sie trotzdem raus!“
Seine Augen brannten genauso wie das Feuer vor uns.
Nicht vor Wut.
Vor Entschlossenheit.
Ich ließ seinen Arm los.
„Dann gehen wir zusammen!“
Er nickte.
Keine Diskussion.
Nur Vertrauen.
***
Mit nassen Tüchern vor Mund und Nase liefen wir ins Gebäude.
Der Rauch nahm uns fast jede Sicht.
Holz splitterte.
Etwas krachte hinter uns zu Boden.
„Hier!“
Andi zeigte auf einen eingeklemmten Mann.
Gemeinsam stemmten sie einen Balken hoch.
„Jetzt!“
Breiti zog den Verletzten heraus.
„Wir haben ihn!“
Ein kleines Mädchen kauerte weinend zwischen zwei Kisten.
„Mama...“
Ich ging sofort in die Hocke.
„Hey...“
Sie zuckte zusammen.
„Alles wird gut.“
Meine Stimme war ruhiger, als ich mich fühlte.
„Ich bring dich raus.“
Sie klammerte sich an meinen Hals.
So fest, dass ihre kleinen Hände zitterten.
Ich hob sie hoch.
„Campi!“
Er war sofort neben mir.
„Gehen wir!“
Als wir wieder ins Freie traten, jubelten einige Helfer erleichtert.
Die Mutter des Mädchens brach in Tränen aus.
„Danke...“
Sie nahm ihre Tochter in die Arme.
Ich trat einen Schritt zurück.
Sie sah mich an.
Erkannte mich.
Für einen Moment erstarrte ihr Gesicht.
Dann nickte sie.
Nur ganz leicht.
Kein Lächeln.
Keine Vergebung.
Aber Dankbarkeit.
Vielleicht war das mehr, als ich erwarten durfte.
***
Das Feuer war nach zwei Stunden endlich unter Kontrolle.
Überall roch es nach Rauch und nasser Asche.
Ich kniete zwischen den verkohlten Brettern.
Etwas Glänzendes ragte aus dem Schutt.
Eine kleine Metallscheibe.
Schwarz angelaufen.
Ich hob sie vorsichtig auf.
Mein Herz zog sich zusammen.
Ein eingeritztes Zeichen.
Ein Kreis.
Darin drei schmale Linien.
Ich kannte dieses Symbol.
Zu gut.
Es war niemals öffentlich verwendet worden.
Nur eine kleine Gruppe innerhalb des Rates hatte es getragen.
Jene, die überzeugt gewesen waren, dass Angst stärker war als Hoffnung.
Dass Frieden Schwäche bedeutete.
„Sera?“
Ich schloss sofort die Hand darum.
Campino trat neben mich.
„Hast du was gefunden?“
Für einen Augenblick rang ich mit mir.
„Nur...Metall.“
Er musterte mich.
Lange.
„Du verheimlichst etwas.“
„Ich...“
Die Worte blieben stecken.
Was, wenn ich falschlag?
Was, wenn ich damit nur neues Misstrauen säte?
„Noch nicht“, sagte ich schließlich leise.
„Ich muss erst sicher sein.“
Campino schwieg.
Dann legte er eine Hand auf meine Schulter.
Warm.
Ruhig.
„Wenn du bereit bist...erzählst du es mir?“
Ich sah ihn an.
„Du fragst nicht nach?“
„Nein.“
„Warum nicht?“
Er lächelte müde.
„Weil Vertrauen bedeutet, dass ich warten kann.“
Etwas in meiner Brust löste sich.
Langsam.
Fast schmerzhaft.
Ich trat näher.
Legte vorsichtig meine Stirn gegen seine.
Nur für einen Augenblick.
Sein Atem strich warm über meine Wange.
„Danke“, flüsterte ich.
Er schloss kurz die Augen.
„Du musst das nicht allein tragen.“
***
Währenddessen sprach Andi mit einigen Helfern.
„Hat jemand etwas Verdächtiges gesehen?“
Ein alter Mann hob zögernd die Hand.
„Kurz vor dem Feuer...“
Alle drehten sich zu ihm.
„Da war jemand.“
„Wer?“, fragte Vom.
„Das konnte ich nicht erkennen.“
„Mann oder Frau?“
„Ein Mann im Mantel...mit Kapuze...groß...“
Mary machte sich sofort Notizen.
„In welche Richtung ist er gegangen?“
„Nach Norden.“
Kuddel seufzte.
„Das hilft uns kaum.“
„Doch“, sagte Andi entschlossen.
„Jeder Hinweis zählt.“
***
Als die Sonne langsam unterging, standen wir schweigend vor den rauchenden Trümmern.
Niemand sprach.
Zu groß war der Verlust.
Campino griff nach meiner Hand.
Ich erwiderte den Druck.
„Wir bauen es wieder auf“, sagte er.
„Alles.“
Ich sah in sein Gesicht.
Ruß verschmierte seine Wangen.
Die Bandagen unter seinem Hemd zeichneten sich deutlich ab.
Und trotzdem lächelte er.
Nicht sorglos.
Sondern trotzig.
Als würde er sich weigern, der Angst noch einmal das letzte Wort zu überlassen.
„Zusammen?“, fragte ich leise.
Er nickte.
„Immer zusammen.“
***
Zur selben Zeit:
Tief unter den Ruinen eines verlassenen Verwaltungsgebäudes flackerte das Licht einer einzelnen Lampe.
Eine vermummte Gestalt legte langsam ein weiteres Metallabzeichen auf einen Tisch.
Daneben lag eine Karte der Stadt.
Mehrere Gebäude waren bereits markiert.
Ein Finger glitt über die eingezeichneten Linien.
Dann blieb er auf dem Regierungsgebäude liegen.
Ein leises, beinahe zufriedenes Lächeln war unter der Kapuze zu erahnen.
„Sie glauben wirklich...“
Die Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„...dass Frieden von allein bestehen bleibt.“
Die Gestalt griff nach einem Streichholz.
Es entzündete sich mit einem trockenen Kratzen.
Die kleine Flamme spiegelte sich in kalten Augen.
„Das Feuer heute war nur der erste Schatten.“
Das Streichholz verglühte.
Die Dunkelheit verschluckte den Raum.
Und irgendwo über der Stadt begann der Wind erneut, den Geruch von Rauch durch die Straßen zu tragen.