Die Saat des Zweifels
Die Saat des Zweifels
POV: Serafina
Der Wind trug noch immer den Geruch verbrannten Holzes durch die Straßen.
Zwischen den verkohlten Balken arbeiteten Helfer schweigend weiter. Jeder Handgriff wirkte schwerer als der vorherige. Niemand sprach laut. Es war, als hätte das Feuer nicht nur Vorräte verschlungen, sondern auch einen Teil der Hoffnung.
Ich spürte das kalte Metallabzeichen in meiner Jackentasche.
Es fühlte sich an wie ein Stein.
Oder wie eine Wahrheit, die zu lange verborgen geblieben war.
Campino trat neben mich. Seine Kleidung war noch immer mit Ruß bedeckt, und unter dem Hemd zeichneten sich die Verbände deutlich ab.
Er folgte meinem Blick.
„Du bist seit einer halben Stunde kein einziges Mal wirklich hier.“
Ich antwortete nicht.
Er wartete.
Nicht ungeduldig.
Einfach still.
Schließlich griff ich in die Tasche und legte ihm die Metallscheibe in die Hand.
Sein Blick veränderte sich sofort.
„Das hast du gefunden?“
Ich nickte langsam.
„Zwischen den Trümmern.“
Er drehte das Abzeichen zwischen den Fingern.
„Was bedeutet dieses Zeichen?“
Ich atmete tief ein.
„Es gehörte einer Gruppe innerhalb des Rates.“
„Innerhalb?“
„Ja.“
Er sah mich aufmerksam an.
„Ich dachte, der Rat wäre eine Einheit gewesen.“
„Das dachte fast jeder.“
Ich schüttelte langsam den Kopf.
„Aber es gab Menschen, denen selbst unsere Methoden nicht weit genug gingen.“
Sein Gesicht wurde ernst.
„Wer waren sie?“
Ich schloss kurz die Augen.
„Sie nannten sich die Hüter der Ordnung.“
Allein den Namen auszusprechen ließ meinen Magen verkrampfen.
„Für sie bedeutete Frieden Stillstand.“
Meine Stimme wurde leiser.
„Sie glaubten, Angst sei das einzige Mittel, Menschen zu kontrollieren.“
Campino betrachtete das Symbol erneut.
„Und dieses Abzeichen...“
„...war ihr Erkennungszeichen.“
Eine lange Stille entstand.
Schließlich hob er den Blick.
„Warum hast du es mir nicht sofort gezeigt?“
Ich rang mit den Worten.
„Weil ich Angst hatte.“
„Vor mir?“
„Nein.“
Ich trat einen Schritt näher.
„Vor dem, was es bedeutet.“
Er sagte nichts.
Ich fuhr fort.
„Wenn diese Gruppe noch existiert...dann war das Feuer kein Zufall.“
„Das habe ich mir fast gedacht.“
„Und wenn sie erfahren, dass ich das Symbol erkannt habe...“
„Dann?“
„Dann wissen sie, dass ich sie verraten werde.“
Campino ließ das Abzeichen langsam in seine Jackentasche gleiten.
„Dann bist du nicht mehr allein.“
Ich hob den Kopf.
„Campi...“
„Nein.“
Seine Stimme blieb ruhig.
„Du hast lange genug versucht, alles allein zu tragen.“
Er legte vorsichtig beide Hände an meine Schultern.
Nicht fest.
Nicht besitzergreifend.
Einfach da.
„Du musst niemandem mehr beweisen, wie stark du bist.“
Ich spürte, wie mir die Luft stockte.
„Ich weiß gar nicht mehr, wie man schwach sein darf.“
Ein trauriges Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Dann lernen wir das zusammen.“
Für einen Moment lehnte ich meine Stirn gegen seine.
Nur das leise Atmen zwischen uns.
Kein Krieg.
Kein Alarm.
Nur dieser Augenblick.
„Danke“, flüsterte ich.
„Immer.“
***
Im ehemaligen Regierungsgebäude herrschte dagegen alles andere als Ruhe.
Andi breitete eine große Stadtkarte auf dem Tisch aus.
„Der Brand begann genau hier.“
Er deutete auf das Lagerhaus.
Mary ergänzte: „Mehrere Zeugen berichten, dass kurz vorher ein großer Mann mit dunklem Mantel gesehen wurde.“
Breiti runzelte die Stirn.
„Immer dieselbe Beschreibung.“
„Zu allgemein“, murmelte Kuddel.
„Fast so, als wollte er gesehen werden.“
Vom nickte langsam.
„Genau das denke ich auch.“
Alle sahen ihn an.
„Wenn jemand professionell arbeitet, hinterlässt er keine Zeugen.“
Er verschränkte die Arme.
„Dieser Kerl wollte, dass man sich an ihn erinnert.“
Andi hob überrascht die Augenbrauen.
„Als Ablenkung?“
„Oder als Drohung.“
Mary blätterte durch ihre Notizen.
„Außerdem stimmen die Aussagen nicht ganz überein.“
„Wie meinst du das?“
„Der erste Zeuge behauptet, der Mann sei nach Norden verschwunden.“
Sie legte einen zweiten Bericht daneben.
„Eine andere Frau ist überzeugt, er sei nach Westen gelaufen.“
Breiti kratzte sich am Kinn.
„Zwei Leute können sich irren.“
„Oder...“, sagte Andi langsam.
Alle sahen ihn an.
„...es waren zwei Männer.“
Im Raum wurde es schlagartig still.
***
Noch während alle darüber nachdachten, öffnete sich die Tür.
Ein Ratsmitglied trat hastig ein.
„Die Sitzung beginnt.“
Wenige Minuten später saßen Vertreter aller Fraktionen im großen Saal.
Die Atmosphäre war eisig.
Ein älterer Mann erhob sich sofort.
„Der Brand zeigt, dass ehemalige Mitglieder des Rates nicht zu trauen sind!“
Mehrere Menschen nickten.
Eine Frau widersprach.
„Das beweist gar nichts!“
„Doch! Wer sonst kennt unsere Lagerhäuser?“
„Vielleicht jemand, der genau dieses Misstrauen erzeugen will!“
Die Stimmen wurden lauter.
Ein anderer Ratsherr schlug mit der Faust auf den Tisch.
„Wir brauchen Ausgangssperren! Sofort!“
„Dann bestrafen wir wieder alle!“
„Lieber das als den nächsten Anschlag!“
Campino stand auf.
„Genau das will unser Gegner!“
Der Saal verstummte.
Er sah langsam in die Runde.
„Wenn wir jetzt anfangen, uns gegenseitig zu verdächtigen, muss er keinen einzigen weiteren Brand legen!“
Ein Ratsmitglied verschränkte die Arme.
„Und was schlagen Sie vor?“
„Zusammenarbeiten!“
„Mit ehemaligen Feinden?“
Campino nickte.
„Gerade mit ihnen!“
Ich stand ebenfalls auf.
„Wer auch immer hinter dem Feuer steckt...er greift nicht nur Gebäude an.“
Alle blickten zu mir.
„Er greift unser Vertrauen an.“
Einige nickten langsam.
Andere schwiegen.
Niemand widersprach.
***
Tief unter den Ruinen des verlassenen Verwaltungsgebäudes flackerte erneut die einsame Lampe.
Die vermummte Gestalt stand regungslos vor der Karte.
Neben dem ersten roten Kreis erschien ein zweiter.
Ein weiterer Mann trat aus der Dunkelheit.
„Der Brand hat funktioniert.“
„Und ihre Reaktion?“
„Wie erwartet.“
Ein leises Lachen.
„Sie streiten bereits.“
Der Vermummte nickte zufrieden.
„Angst braucht keine Armee.“
Er setzte langsam eine zweite Metallscheibe auf die Karte.
„Nur Zweifel.“
Der Neuankömmling zögerte.
„Sollen wir dann jetzt mit der zweiten Phase beginnen?“
Die Gestalt hob den Blick.
Unter der Kapuze blitzten kalte Augen.
„Noch nicht.“
Ein schmales Lächeln erschien.
„Erst müssen sie glauben, sie hätten noch eine Wahl.“
***
Zur gleichen Zeit rannte ein junger Bote keuchend die Treppen des Regierungsgebäudes hinauf.
„Sofort...sofort zum Rat!“
Andi fing ihn auf, bevor er stolperte.
„Was ist passiert?“
Der Junge rang nach Luft.
„Im...Nordsektor...“
Seine Stimme bebte.
„Jemand hat versucht, das Wasserwerk zu sprengen.“
Entsetzen breitete sich aus.
„Die Wachen konnten den Anschlag verhindern.“
Einen Augenblick lang keimte Erleichterung auf.
Doch dann sprach der Bote weiter.
„Sie haben etwas gefunden.“
Er öffnete vorsichtig seine Hand.
Darin lag eine zweite Metallscheibe.
Mit demselben Kreis.
Und denselben drei schmalen Linien.
Mir wurde eiskalt.
Campino sah mich an.
Ich musste nichts sagen.
Jetzt wusste jeder im Raum, dass der Brand im Lagerhaus kein Einzelfall gewesen war.
Irgendwo in der Stadt arbeitete eine organisierte Gruppe im Verborgenen.
Und ihr eigentlicher Plan hatte gerade erst begonnen.