Der Riss
Der Riss
POV: Serafina
„Der Frieden endet nicht im Feuer…sondern im Zweifel.“
Die Worte standen noch immer zwischen uns.
Niemand bewegte sich.
Das Stück Papier lag auf dem Tisch, und obwohl es kaum größer als meine Handfläche war, schien es plötzlich den gesamten Raum auszufüllen.
Ich konnte meinen eigenen Herzschlag hören.
Campino stand neben mir.
Seine Finger lagen noch immer an meinem Arm.
Warm.
Fest.
Eine Erinnerung daran, dass ich nicht allein war.
„Was bedeutet das genau?“, fragte Andi schließlich.
Ich zwang mich, den Blick von dem Papier zu lösen.
„Es bedeutet, dass der Brand niemals das eigentliche Ziel war.“
Breiti sah mich an.
„Sondern?“
„Unsere Reaktion.“
Kuddel verschränkte die Arme.
„Sie wollten, dass wir Angst bekommen.“
„Mehr als das“, sagte ich.
Ich deutete auf den Code.
„Sie wollen, dass wir anfangen, uns gegenseitig zu beobachten.“
Vom runzelte die Stirn.
„Und wenn wir damit anfangen?“
„Dann haben sie gewonnen.“
Stille.
Campino trat einen Schritt vor.
„Dann geben wir ihnen diesen Sieg nicht.“
Ein Ratsmitglied schnaubte.
„Das klingt einfach.“
Campino drehte sich zu ihm.
„Nein. Es wird verdammt schwer.“
Seine Stimme blieb ruhig.
„Aber genau deshalb dürfen wir jetzt nicht den Fehler machen, auf den sie warten.“
Der Mann hob die Augenbrauen.
„Und welcher wäre das?“
Campino sah in die Runde.
„Einander nicht mehr zu glauben.“
***
Später saßen wir noch immer im Besprechungsraum.
Die Karten waren inzwischen über den gesamten Tisch verteilt.
Jeder Anschlag.
Jeder Einbruch.
Jede verdächtige Bewegung.
Alles war eingezeichnet.
Andi fuhr mit dem Finger über die Markierungen.
„Wenn wir die Orte verbinden …“
Er zog eine Linie.
Dann eine zweite.
„…ergibt sich kein direktes Muster.“
Mary schüttelte den Kopf.
„Aber die Ziele liegen alle an wichtigen Versorgungspunkten.“
„Genau“, sagte Breiti.
„Und deshalb müssen wir herausfinden, wer wusste, wann diese Orte besonders schlecht geschützt waren.“
Ein unangenehmes Schweigen entstand.
Ich wusste sofort, was jeder dachte.
Jemand muss Informationen weitergegeben haben.
Kuddel sprach es schließlich aus.
„Also haben wir einen Verräter.“
Campino sah ihn scharf an.
„Oder jemand will, dass wir glauben, wir hätten einen.“
Kuddel hielt seinem Blick stand.
„Und woher willst du wissen, dass du damit nicht gerade jemanden schützt?“
„Weil ich nicht bereit bin, ohne Beweise jemanden zu verurteilen.“
„Vielleicht ist genau das das Problem.“
Campino schwieg.
Ich spürte, wie sich etwas in meinem Magen zusammenzog.
Nicht wegen Kuddel.
Wegen des Satzes.
Denn genau so begann es.
Nicht mit einem offenen Angriff.
Sondern mit einem kleinen Zweifel.
***
Kurz vor Mitternacht löste sich die Versammlung langsam auf.
Andi blieb noch bei den Karten.
Breiti setzte sich neben ihn.
Vom und Mary verließen gemeinsam den Raum.
Kuddel und Susi diskutierten leise im Flur.
Ich wollte gerade gehen, als Campino mich zurückhielt.
„Sera.“
Ich drehte mich um.
„Ja?“
Er sah zur Tür.
Dann wieder zu mir.
„Komm.“
Wir gingen hinaus auf den Balkon.
Die Nacht war kühl.
Über der Stadt standen nur wenige Sterne.
Ich lehnte mich an das Geländer.
Campino blieb neben mir stehen.
Eine Weile sagte keiner etwas.
Dann fragte ich:
„Glaubst du mir?“
Er antwortete nicht sofort.
Mein Herz wurde schwer.
„Campi?“
„Ja.“
„Du hast gezögert.“
Er atmete langsam aus.
„Weil ich nachdenken musste.“
Ich sah ihn an.
„Worüber?“
Er fuhr sich durch das Haar.
„Über Angst.“
„Deine?“
„Unsere.“
Ich schwieg.
Er wandte sich mir zu.
„Sera, wir haben jahrelang gelernt, dass Vertrauen gefährlich sein kann.“
„Ich weiß.“
„Wir haben Menschen vertraut und sie haben uns verraten.“
Seine Stimme wurde leiser.
„Wir haben Menschen misstraut, die uns vielleicht hätten helfen können.“
Ich senkte den Blick.
„Und jetzt?“
„Jetzt müssen wir lernen, dass beides nicht dasselbe ist.“
Ich sah wieder zu ihm.
„Und wenn sie dir irgendwann einen Beweis geben?“
„Welchen Beweis?“
„Gegen mich.“
Er schwieg.
Ich zwang mich weiterzusprechen.
„Wenn sie dir etwas zeigen, das aussieht, als hätte ich dich belogen? Wenn sie dir erzählen, dass ich Teil ihrer Pläne bin? Wenn sie dir einen Brief geben, meinen Namen darauf schreiben und behaupten, ich hätte dich verraten?“
Campino sah mich lange an.
Dann trat er näher.
„Dann werde ich dich fragen.“
Ich blinzelte.
„Nur das?“
„Nur das.“
„Und wenn ich lüge?“
„Dann muss ich damit umgehen.“
Seine Hand hob sich langsam und strich über meine Wange.
„Aber ich werde nicht zulassen, dass ein Stück Papier für mich entscheidet, wer du bist.“
Meine Augen wurden feucht.
„Du weißt nicht, wie viel mir das bedeutet.“
„Doch.“
„Woher?“
Ein kleines Lächeln erschien.
„Weil ich dich kenne.“
Ich schloss für einen Moment die Augen.
Seine Stirn berührte meine.
Kein Kuss.
Noch nicht.
Nur Nähe.
Sein Atem ging ruhig.
Meiner nicht.
„Ich habe Angst, Campi.“
„Ich weiß.“
„Nicht vor ihnen.“
Seine Finger glitten vorsichtig an meine Schläfe.
„Wovor dann?“
Ich öffnete die Augen.
„Davor, dich zu verlieren.“
Sein Blick wurde weich.
„Du verlierst mich nicht, nur weil du Angst hast.“
„Und wenn ich irgendwann nicht mehr weiß, wem ich glauben kann?“
„Dann erinnern wir uns gegenseitig daran.“
Ich musste trotz meiner Tränen lächeln.
„Du machst es dir manchmal verdammt einfach.“
„Nein.“
Er schüttelte den Kopf.
„Ich mache es mir nur nicht schwerer als nötig.“
Ein leises Lachen entwich mir.
Campino lächelte ebenfalls.
Dann küsste er mich.
Sanft.
Langsam.
Nicht wie eine Flucht vor der Angst.
Sondern wie eine Entscheidung gegen sie.
Als wir uns wieder voneinander lösten, blieb seine Stirn an meiner.
„Wir müssen nicht alles heute lösen.“
Ich nickte.
„Aber wir bleiben zusammen.“
„Ja.“
„Auch wenn es schwierig wird?“
Seine Hand fand meine.
„Gerade dann.“
***
Am nächsten Morgen fehlte ein Dokument.
Es war zunächst nur eine Kleinigkeit.
Ein Bericht über die Sicherheitsmaßnahmen des westlichen Umspannwerks.
Mary bemerkte es zuerst.
„Das lag gestern noch hier.“
Andi sah von seinen Unterlagen auf.
„Bist du sicher?“
„Hundertprozentig.“
Breiti trat näher.
„Wer hatte Zugriff?“
Mary zählte auf:
„Andi. Ich. Vom. Campino. Serafina.“
Stille.
Mein Herz setzte einen Schlag aus.
Ich sah zu Campino.
Er sagte nichts.
Kuddel kam herein.
„Was ist los?“
Niemand antwortete sofort.
Dann sagte Andi:
„Ein Bericht ist verschwunden.“
Kuddel blieb stehen.
„Welcher?“
„Der Sicherheitsplan des Umspannwerks.“
Sein Gesicht wurde ernst.
„Wann?“
„Irgendwann zwischen gestern Abend und heute Morgen.“
Kuddel sah in die Runde.
„Und wer hatte Zugriff?“
Niemand sagte etwas.
Dann trat ein Ratsmitglied vor.
„Das ist doch offensichtlich.“
Campino drehte sich zu ihm.
„Was?“
Der Mann sah mich an.
„Sie.“
Mir wurde kalt.
„Serafina?“
Ich starrte ihn an.
„Warum ich?“
„Weil Sie diese Gruppe kannten.“
„Das ist kein Beweis.“
„Aber ein Motiv.“
Campino trat sofort zwischen uns.
„Vorsicht.“
Der Ratsherr hob die Hände.
„Ich stelle nur Fragen.“
„Nein“, sagte Campino.
Seine Stimme war plötzlich schneidend.
„Sie stellen eine Anschuldigung auf und verkleiden sie als Frage.“
Der Mann schwieg.
Ich spürte Campinos Hand an meinem Rücken.
Doch diesmal war es anders.
Nicht nur Trost.
Schutz.
***
Eine Stunde später war der Raum kaum wiederzuerkennen.
Die anfängliche Ruhe war verschwunden.
Jeder verdächtigte jeden.
Andi wurde gefragt, warum er die Dokumente nicht besser gesichert hatte.
Mary musste erklären, weshalb sie den Raum am Vorabend verlassen hatte.
Vom wurde vorgeworfen, er habe als Letzter den Bericht gesehen.
Kuddel wurde misstrauisch, weil er sich am Abend länger außerhalb des Gebäudes aufgehalten hatte.
Und irgendwann fiel ein Satz, der alles veränderte.
„Vielleicht war es jemand aus der Gruppe.“
Andi hob langsam den Kopf.
„Welche Gruppe?“
„Die Bande.“
Stille.
Breiti sah den Sprecher ungläubig an.
„Das ist nicht Ihr Ernst.“
„Ihr seid alle ständig zusammen.“
„Das ist kein Beweis!“
„Aber es macht euch verdächtig.“
Andi trat einen Schritt vor.
„Dann sind wir jetzt schon so weit.“
Seine Stimme zitterte vor Wut.
„Genau das wollen sie.“
Breiti griff nach seiner Hand.
„Andi.“
Andi sah ihn an.
Für einen Moment sagte keiner etwas.
Dann verschränkte Breiti seine Finger mit seinen.
„Ich glaube dir.“
Andi schluckte.
„Auch wenn alle anderen zweifeln?“
„Gerade dann.“
Ich sah die beiden an.
Und plötzlich begriff ich etwas.
Der Feind griff nicht unsere Gebäude an.
Er griff unsere Beziehungen an.
Unsere Freundschaften.
Unsere Liebe.
Alles, was uns zusammenhielt.
***
Am Abend fand ich Campino allein im Flur.
Er lehnte an der Wand und sah aus, als hätte er seit Stunden nicht richtig geatmet.
„Campi?“
Er sah auf.
„Hey.“
Ich trat näher.
„Du bist still.“
„Ich denke nach.“
„Über mich?“
„Über alles.“
Ich blieb vor ihm stehen.
„Du glaubst mir?“
Sein Blick blieb auf meinem Gesicht.
„Ja.“
„Ganz sicher?“
Er nahm meine Hand.
„Ich glaube dir.“
Ich atmete zittrig aus.
„Warum?“
„Weil du mich nicht angelogen hast, als du Angst hattest.“
Ich sah ihn fragend an.
„Was meinst du?“
„Du hattest das Abzeichen gefunden und hast mir nicht sofort davon erzählt.“
Ich erstarrte.
„Das könnte man als Lüge betrachten.“
„Nein.“
Er schüttelte den Kopf.
„Du hast mir später die Wahrheit gesagt.“
Er zog mich näher.
„Vertrauen bedeutet nicht, dass jemand niemals etwas verschweigt.“
Seine Stimme wurde leiser.
„Es bedeutet, dass man irgendwann die Wahrheit sagt.“
Ich legte meine Hände an seine Brust.
„Und wenn ich irgendwann einen Fehler mache?“
„Dann machen wir daraus keinen Verrat.“
„Und wenn du einen machst?“
Er lächelte schwach.
„Dann darfst du mich daran erinnern.“
Ich musste lachen.
„Das werde ich.“
„Gut.“
Er zog mich vorsichtig an sich.
Ich legte den Kopf an seine Brust.
Sein Herz schlug ruhig unter meiner Wange.
Für einen Moment gab es keine Ratsmitglieder.
Keine Hüter.
Keine Codes.
Nur uns.
„Campi?“
„Hm?“
„Danke.“
„Wofür?“
„Dass du mir glaubst.“
Seine Arme schlossen sich etwas fester um mich.
„Du musst dich dafür nicht bedanken.“
„Doch.“
Ich hob den Kopf.
„Denn genau das ist es, was sie uns nehmen wollen.“
Sein Blick wurde ernst.
„Dann dürfen wir es ihnen nicht geben.“
***
Später fand Mary den Umschlag.
Er lag unter der Tür des Besprechungsraums.
Kein Absender.
Kein Siegel.
Nur mein Name.
SERAFINA
Ich öffnete ihn mit zitternden Fingern.
Darin lag ein einzelnes Blatt.
Nur wenige Zeilen.
Ich las sie.
Und spürte, wie mir das Blut aus dem Gesicht wich.
„Du suchst den Verräter unter deinen Freunden.“
Darunter:
„Du suchst an der falschen Stelle.“
Und darunter stand ein Name.
Ein Name, der mir den Atem nahm.
Ich starrte auf die Buchstaben.
Campino bemerkte meinen Gesichtsausdruck.
„Sera?“
Ich antwortete nicht.
Er nahm mir das Blatt vorsichtig aus der Hand.
Seine Augen wanderten über die Zeilen.
Dann sah er mich an.
„Das kann nicht sein.“
Ich schüttelte langsam den Kopf.
„Doch.“
„Woher wissen sie das?“
Ich konnte kaum sprechen.
„Weil dieser Name …“
Meine Stimme brach.
„…nur mir bekannt sein dürfte.“
Campino sah erneut auf das Papier.
Sein Gesicht wurde vollkommen ernst.
„Dann ist das nicht nur ein Angriff auf uns.“
Ich nickte.
„Nein.“
Ich schloss die Augen.
„Sie wollen, dass wir uns fragen, ob wir einander überhaupt noch kennen.“
Campino nahm meine Hand.
Doch diesmal war selbst seine Berührung nicht stark genug, um die Kälte aus meinem Inneren zu vertreiben.
Denn zum ersten Mal seit dem Ende des Krieges hatte ich nicht mehr nur Angst vor dem Feind.
Ich hatte Angst davor, dass er bereits näher war, als wir alle glaubten.
Und irgendwo in der Stadt begann jemand zu lächeln.
Denn der erste Riss war entstanden.