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Das Gesicht hinter dem Namen

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Das Gesicht hinter dem Namen

POV: Serafina

Der Name stand noch immer auf dem Blatt.

Nur fünf Buchstaben.

Und doch fühlte es sich an, als hätte jemand eine Tür aufgerissen, die ich vor Jahren mit aller Kraft verschlossen hatte.

Campino hielt das Papier zwischen zwei Fingern.

Sein Blick wanderte noch einmal über die Zeilen.

Dann sah er mich an.

„Sera?“

Ich antwortete nicht.

„Wer ist das?“

Meine Kehle war trocken.

„Jemand, den es nicht mehr geben dürfte.“

Campino legte das Blatt langsam auf den Tisch.

„Das ist keine Antwort.“

„Ich weiß.“

„Dann gib mir eine.“

Ich wandte mich ab.

Durch das Fenster drang fahles Morgenlicht in den Raum. Draußen begannen die ersten Menschen ihre Arbeit. Wagen rollten über das Pflaster, Stimmen wurden laut, irgendwo schlug eine Tür.

Die Stadt lebte.

Und ich fühlte mich, als stünde ich wieder in einer Vergangenheit, die längst hätte begraben sein müssen.

„Sein Name war Elias.“

Campino sagte nichts.

Ich atmete tief durch.

„Elias Voss.“

Sein Gesicht veränderte sich.

„Du kennst ihn?“

„Nein.“

„Aber du kennst den Namen?“

Ich nickte.

„Ich habe von ihm gehört.“

„Das ist etwas anderes.“

„Nicht für mich.“

Ich strich mir über die Arme.

„Elias war früher bei den Hütern.“

Campino wurde still.

„Ein Mitglied?“

„Nein.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Das wäre einfacher gewesen.“

Er wartete.

Ich wusste, dass ich nicht mehr ausweichen konnte.

„Er war einer der Menschen, die sie ausgebildet haben.“

Campino sah mich lange an.

„Und du?“

Ich schluckte.

„Ich war eines ihrer Projekte.“

Seine Augen wurden dunkel.

„Was bedeutet das?“

„Sie wollten wissen, wie weit man einen Menschen verändern kann, bevor er aufhört, sich selbst zu erkennen.“

Campino trat näher.

„Und Elias?“

Ich schloss die Augen.

„Er war derjenige, der mich damals rausgeholt hat.“

Stille.

„Aus den Hütern?“

„Ja.“

„Warum?“

Ein bitteres Lächeln erschien auf meinen Lippen.

„Das habe ich mich jahrelang gefragt.“

Campino stand jetzt direkt vor mir.

„Und du dachtest, er sei tot?“

„Ich habe ihn sterben sehen.“

Sein Atem stockte.

„Du hast ihn gesehen?“

„Ja.“

Ich nickte langsam.

„Ein Gebäude stürzte ein. Er war darin.“

„Und du hast nie erfahren, ob er wirklich...?“

„Nein.“

Ich brachte den Satz nicht zu Ende.

Campino nahm vorsichtig meine Hand.

„Warum hast du mir das nie erzählt?“

Ich sah auf unsere ineinander verschränkten Finger.

„Weil ich nicht wollte, dass du mich für jemanden hältst, der immer noch an seiner Vergangenheit hängt.“

„Sera.“

„Ich wollte, dass du mich so siehst, wie ich heute bin.“

Er hob mein Kinn leicht an.

„Das tue ich doch bereits.“

„Du weißt gar nicht, was ich damals getan habe.“

„Dann erzähl es mir.“

Ich sah in seine Augen.

Keine Wut.

Kein Misstrauen.

Nur die Bitte, endlich ehrlich sein zu dürfen.

„Elias hat mir einmal gesagt, dass man einen Menschen nicht kontrollieren muss, wenn man ihm nur lange genug einredet, dass er niemandem vertrauen darf.“

Campino schwieg.

„Das war ihre wichtigste Waffe.“

Meine Stimme zitterte.

„Nicht die Waffen. Nicht die Gefängnisse. Nicht die Drohungen.“

Ich sah auf das Blatt.

„Die Zweifel.“

Campino drückte meine Hand.

„Dann wissen wir jetzt, was sie versuchen.“

„Nein.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Wir wissen, was sie versuchen.“

Ich sah ihn an.

„Aber wir wissen noch nicht, ob Elias wirklich lebt.“

***

Eine Stunde später war der Besprechungsraum voller Stimmen.

Andi stand vor der großen Karte.

Breiti hatte mehrere Dokumente ausgebreitet.

Mary schrieb bereits Notizen.

Vom saß auf der Tischkante und betrachtete schweigend die Liste der Personen, die in den vergangenen Jahren verschwunden waren.

Kuddel stand mit verschränkten Armen am Fenster.

„Also“, sagte Andi, „wir haben einen Namen.“

„Einen Namen, der möglicherweise gar nicht echt ist“, erwiderte Mary.

„Und einen Mann, von dem Serafina glaubt, dass er tot ist.“

Kuddel drehte sich um.

„Was bedeutet, dass jemand sehr genau wusste, welche Information sie aus der Fassung bringen würde.“

Breiti sah zu mir.

„Woher kannte dieser Elias dich?“

Ich zögerte.

Campino antwortete nicht für mich.

Er ließ mich selbst sprechen.

„Er war Teil der Hüter.“

Kuddel hob eine Augenbraue.

„Und hat dich gerettet?“

„Ja.“

„Warum?“

„Das weiß ich nicht.“

„Du musst doch eine Vermutung haben.“

Ich sah ihn an.

„Vielleicht hatte er irgendwann verstanden, was sie wirklich waren.“

Kuddel schwieg.

Andi legte beide Hände auf den Tisch.

„Dann könnte Elias entweder ein Gegner der Hüter gewesen sein...“

„...oder ihr perfektes Werkzeug“, ergänzte Vom.

Die Worte blieben im Raum hängen.

Campino sah zu ihm.

Vom hob entschuldigend die Hände.

„Ich sage nur, dass wir alles in Betracht ziehen müssen.“

Ich nickte.

„Er hat mir geholfen.“

„Das glaube ich dir“, sagte Vom.

„Aber?“

„Aber jemand, der so viel über dich weiß, könnte auch wissen, wie man dich zerstören kann.“

Campino wurde plötzlich sehr still.

Ich spürte es sofort.

Er nahm meine Hand unter dem Tisch.

Eine kleine Berührung.

Ein Versprechen.

'Ich bin hier.'

***

Am Nachmittag tauchte der nächste Brief auf.

Diesmal nicht bei mir.

Sondern bei Andi.

Er lag in seinem persönlichen Fach.

Kein Siegel.

Keine Spuren.

Nur ein Satz:

„Du vertraust deinem Breiti. Aber weißt du wirklich, wem er vertraut?“

Andi las ihn zweimal.

Breiti stand neben ihm.

„Was steht da?“

Andi reichte ihm das Papier.

Breiti las.

Sein Gesicht wurde hart.

„Das ist doch lächerlich.“

„Ich weiß.“

„Andi.“

„Was?“

„Sie wollen, dass du mir misstraust.“

Andi sah ihn an.

„Und du?“

Breiti trat einen Schritt näher.

„Ich misstraue ihnen.“

Er zeigte auf den Brief.

„Nicht dir.“

Andi atmete tief durch.

Dann zog er ihn kurzerhand in eine Umarmung.

„Gut.“

Breiti musste trotz allem lachen.

„Das war jetzt überraschend.“

„Ich wollte nur testen, ob du noch da bist.“

„Und?“

„Leider ja.“

„Arschloch.“

Andi grinste.

Für einen Moment war die Spannung verschwunden.

Doch als sie sich lösten, war beiden klar:

Die Hüter hatten verstanden, wo sie angreifen mussten.

***

Später fand ich Susi im Korridor.

Sie lehnte an der Wand und wartete auf Kuddel.

„Du siehst aus, als hättest du seit drei Tagen nicht geschlafen“, sagte sie.

„Das fühlt sich auch so an.“

Sie lächelte schwach.

„Komm.“

Wir setzten uns auf die Treppen.

Eine Weile schwiegen wir.

Dann fragte sie:

„Ist das wahr?“

„Was?“

„Dass du Campino vertraust?“

Ich sah sie überrascht an.

„Ja.“

„Auch jetzt?“

Ich wusste sofort, was sie meinte.

„Gerade jetzt.“

Susi nickte.

„Gut.“

„Warum?“

Sie sah nach vorn.

„Weil Kuddel gestern gefragt hat, ob ich ihm wirklich alles erzählt habe.“

Ich schwieg.

„Und ich habe ihm gesagt, dass ich ihm nicht alles erzählen kann.“

„Was hat er gesagt?“

„Nichts.“

„Und?“

Susi lächelte traurig.

„Er hat meine Hand genommen.“

Ich musste ebenfalls lächeln.

„Vielleicht lernen wir alle gerade, dass Vertrauen nicht bedeutet, jedes Geheimnis sofort auszusprechen.“

„Sondern?“

„Dass man dem anderen die Möglichkeit gibt, die Wahrheit selbst zu finden.“

Susi sah mich an.

„Das klingt gefährlich.“

„Ist es.“

„Dann sind wir offenbar genau richtig hier.“

Wir lachten leise.

Zum ersten Mal an diesem Tag fühlte sich die Angst ein kleines bisschen weniger schwer an.

***

Am Abend saßen Campino und ich allein im Archiv.

Die alten Unterlagen der Hüter waren über den Tisch verteilt.

Listen.

Berichte.

Namen.

Daten.

Viele Seiten waren unleserlich geworden.

Campino blätterte vorsichtig durch einen Ordner.

„Hier.“

Ich trat neben ihn.

Ein alter Bericht.

Mein Name stand darin.

Darunter eine Nummer.

Und ein Datum.

Mir wurde schlecht.

„Das ist von damals.“

„Ja.“

Er blätterte weiter.

Dann hielt er inne.

„Sera.“

„Was?“

„Hier steht Elias.“

Ich nahm ihm das Dokument aus der Hand.

Meine Augen suchten die Zeile.

„Projektleitung: E. Voss.“

Darunter:

„Status: unbekannt.“

Ich starrte darauf.

„Unbekannt.“

Campino nickte.

„Nicht tot.“

Mein Herz begann schneller zu schlagen.

„Nein.“

„Das ist ein Unterschied.“

Ich setzte mich.

Meine Hände zitterten.

„Sie haben seinen Tod nie bestätigt.“

Campino ging vor mir in die Hocke.

„Dann könnte er noch leben.“

„Oder sie haben absichtlich keinen Status eingetragen.“

„Warum?“

Ich sah ihn an.

„Weil Unsicherheit nützlicher ist als Gewissheit.“

Campino verstand sofort.

„Sie könnten seinen Namen benutzt haben, obwohl er längst tot ist.“

„Ja.“

„Oder er lebt.“

Ich schloss die Augen.

„Und wenn er lebt?“

Campino legte seine Hand auf meine.

„Dann finden wir heraus, auf welcher Seite er steht.“

Ich sah ihn an.

„Wir?“

„Natürlich wir.“

„Du würdest wirklich mit mir nach ihm suchen?“

„Ja.“

„Auch wenn es gefährlich wird?“

Er lächelte schwach.

„Sera, hast du schon vergessen, mit wem du zusammen bist?“

Ich musste lachen.

„Leider nicht.“

„Gut.“

Er stand auf.

Unsere Gesichter waren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt.

Die Anspannung des Tages lag noch immer zwischen uns.

Doch diesmal war sie nicht kalt.

Ich legte meine Hand an seine Wange.

„Danke.“

„Schon wieder?“

„Ja.“

„Du schuldest mir langsam was.“

„Was denn?“

Er lächelte.

„Einen ruhigen Abend.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Mit uns beiden?“

„Genau.“

„Das wird nichts.“

„Hab ich befürchtet.“

Ich lehnte meine Stirn gegen seine.

Für einige Sekunden sagten wir nichts.

Dann küsste er mich.

Kurz.

Sanft.

Vertraut.

Als wir uns lösten, blieb seine Hand an meiner Wange.

„Egal, wer Elias ist“, sagte er leise, „er bekommt nicht die Macht, zwischen uns zu entscheiden.“

Ich sah ihn an.

„Das verspreche ich dir.“

***

Kurz vor Mitternacht fanden Andi und Vom eine weitere Spur.

Ein Zugangscode.

Der Code war vor sechs Tagen benutzt worden.

Für das Archiv der alten Regierung.

Andi sah auf die Liste.

„Wer hat ihn?“

Vom schüttelte den Kopf.

„Das ist das Problem.“

„Warum?“

„Der Code gehört einem Ratsmitglied.“

Andi wurde blass.

„Welchem?“

Vom reichte ihm die Liste.

Andi las.

Dann sah er langsam auf.

„Das kann nicht sein.“

„Was?“

„Dieser Mann sitzt morgen früh wieder mit uns am Tisch.“

***

Unterdessen stand tief unter der Stadt eine vermummte Gestalt vor einer kleinen Lampe.

Ein Mann trat aus dem Schatten.

„Sie haben den Archivzugang gefunden.“

Die Gestalt schwieg.

„Sie wissen jetzt, dass jemand aus dem Rat beteiligt ist.“

„Gut.“

„Gut?“

Ein leises Lachen.

„Natürlich.“

Der Mann zögerte.

„Und was ist mit Elias Voss?“

Die Gestalt hob langsam den Kopf.

„Sie glauben, dass er tot ist.“

„Und wenn sie herausfinden, dass er lebt?“

Eine lange Pause.

Dann:

„Dann wird Serafina sich entscheiden müssen.“

„Zwischen wem?“

Das Lächeln unter der Kapuze wurde breiter.

„Zwischen ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft.“

***

Am nächsten Morgen betrat ich den großen Sitzungssaal.

Campino ging direkt neben mir.

Andi stand bereits am Tisch.

Breiti bei ihm.

Kuddel und Susi saßen auf der anderen Seite.

Vom und Mary kamen gerade herein.

Doch niemand sprach.

Etwas war anders.

Andi sah mich an.

Dann Campino.

„Wir müssen euch etwas sagen.“

Ich blieb stehen.

„Was ist passiert?“

Andi legte ein Dokument auf den Tisch.

„Jemand hat vor sechs Tagen den Zugang zum alten Archiv benutzt.“

Mein Blick fiel auf den Namen.

Ich kannte ihn.

Jedes Ratsmitglied kannte ihn.

Campino nahm das Papier.

Sein Gesicht veränderte sich.

„Das ist unmöglich.“

Andi nickte.

„Genau.“

„Wer ist es?“, fragte ich.

Andi hob langsam den Blick.

„Der stellvertretende Vorsitzende des Rates.“

Stille.

Ich spürte Campinos Hand nach meiner suchen.

Unsere Finger verschränkten sich.

Doch diesmal sagte niemand etwas.

Denn plötzlich war klar:

Der Feind war nicht mehr nur irgendwo da draußen.

Er hatte Zugang zu den Archiven.

Er kannte unsere Geheimnisse.

Er kannte unsere Beziehungen.

Und vielleicht kannte er uns besser, als wir uns selbst kannten.

Dann öffnete sich die Tür.

Ein älterer Mann trat ein.

Der stellvertretende Vorsitzende.

Er sah uns an.

Und lächelte.

Nicht freundlich.

Nicht überrascht.

Als hätte er genau gewusst, dass wir auf ihn gewartet hatten.

Sein Blick blieb an mir hängen.

„Serafina.“

Mir gefror das Blut.

Denn seine nächsten Worte waren kaum mehr als ein Flüstern.

„Du hast ihn also wirklich überlebt.“

Campino spannte sich neben mir an.

„Wen?“

Der Mann sah nicht ihn an.

Nur mich.

„Elias.“

Und in diesem Moment wusste ich:

Der Name auf dem Brief war keine Drohung gewesen.

Er war eine Warnung.

Elias Voss lebte.

Und jemand im Rat wusste genau, wo er war.