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Das Gesicht der Vergangenheit

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Das Gesicht der Vergangenheit

POV: Serafina

„Du hast ihn also wirklich überlebt.“

Die Worte des stellvertretenden Vorsitzenden hallten durch den Sitzungssaal.

Ich konnte mich nicht bewegen.

Nicht einmal atmen.

Der Mann stand noch immer in der geöffneten Tür. Ruhig. Beherrscht. Fast freundlich.

Als wäre das hier kein Raum voller Menschen, die gerade erfahren hatten, dass ein Teil ihrer Vergangenheit plötzlich wieder lebendig geworden war.

Campinos Hand schloss sich fester um meine.

„Wen?“, fragte er.

Der Vorsitzende sah ihn endlich an.

„Elias Voss.“

Mein Magen zog sich zusammen.

Campino wandte den Blick zu mir.

Ich sah in seinen Augen dieselbe Frage, die er bereits ausgesprochen hatte.

'Wer ist Elias?'

Doch bevor ich antworten konnte, trat der stellvertretende Vorsitzende in den Raum.

„Ich denke“, sagte er ruhig, „wir sollten uns setzen.“

Andi lachte trocken.

„Nach dem Satz gerade? Ganz bestimmt nicht!“

Breiti stellte sich neben ihn.

„Sie wissen, dass Elias lebt!“

„Ich weiß sehr viel.“

Kuddel trat vom Fenster weg.

„Das ist keine Antwort!“

Der Mann sah ihn an.

„Nein. Aber vielleicht ist es die einzige Antwort, die ihr momentan bekommt.“

Vom verschränkte die Arme.

„Dann machen wir es einfach!“

Er deutete auf die Tür.

„Sie gehen raus, und wir vergessen, dass Sie gerade versucht haben, uns alle verrückt zu machen!“

„Das wäre ein Fehler.“

„Und warum?“

Der stellvertretende Vorsitzende sah zu mir.

„Weil Elias nicht das Problem ist.“

Mir wurde kalt.

„Was dann?“

Sein Blick blieb auf mir.

„Warum er zurückgekommen ist.“

***

Ich setzte mich schließlich.

Nicht, weil ich ihm vertraute.

Sondern weil meine Knie nachgaben.

Campino nahm neben mir Platz.

Unsere Hände blieben ineinander verschränkt.

„Sie behaupten also, Elias lebt“, sagte Mary.

„Nein.“

Mary runzelte die Stirn.

„Aber Sie haben ihn gerade beim Namen genannt.“

„Ich habe gesagt, dass Serafina ihn überlebt hat.“

„Das ist Wortklauberei“, sagte Breiti.

Der Mann lächelte schwach.

„Nein. Das ist Politik.“

Andi schlug mit der Hand auf den Tisch.

„Wir haben genug von Politik.“

„Dann solltet ihr anfangen, Fragen zu stellen, die nicht mit Wut beantwortet werden können.“

Andi wollte etwas erwidern, doch Breiti legte ihm eine Hand auf den Arm.

„Lass ihn reden.“

Andi sah ihn an.

Dann nickte er widerwillig.

Ich hob den Blick.

„Was wissen Sie über Elias?“

Der stellvertretende Vorsitzende schwieg einige Sekunden.

„Er war tatsächlich bei den Hütern.“

„Das wusste ich.“

„Aber ihr wusstet nicht alles.“

Mein Herz begann schneller zu schlagen.

„Dann erzählen Sie es.“

Er ging langsam um den Tisch herum.

„Elias war nicht einfach ein Mitglied.“

„Das haben Sie bereits gesagt.“

„Er war einer der Architekten ihres Systems.“

Ich erstarrte.

Campino sah mich an.

Ich konnte den Zweifel in seinem Blick sehen.

Nicht an mir.

An der Geschichte.

„Das stimmt nicht“, sagte ich.

„Doch.“

„Elias hat mich gerettet.“

„Das hat er.“

„Dann war er kein Architekt.“

„Beides kann gleichzeitig wahr sein.“

Ich stand auf.

„Nein!“

Meine Stimme zitterte.

„Sie versuchen, mich gegen ihn aufzubringen!“

„Vielleicht.“

„Und warum sollte ich Ihnen glauben?“

„Das solltest du nicht.“

Stille.

Der Satz traf mich unerwartet.

Der Mann sah mich ruhig an.

„Glaub mir nicht.“

Campino erhob sich ebenfalls.

„Dann sagen Sie uns, warum wir Ihnen überhaupt zuhören sollen!“

„Weil ich etwas weiß, das ihr noch nicht wisst.“

„Was?“

Sein Blick ging wieder zu mir.

„Elias hat den Krieg nicht beendet.“

Mein Herz schlug bis zum Hals.

„Was soll das heißen?“

„Er hat ihn überlebt.“

„Das ist nicht dasselbe!“

„Nein.“

Er trat näher.

„Aber es bedeutet, dass er die ganze Zeit wusste, wie der Krieg enden würde.“

***

Ich spürte Campinos Hand an meinem Rücken.

Eine kleine Berührung.

Doch diesmal brauchte ich sie dringend.

„Wo ist er?“, fragte ich.

Der Mann antwortete nicht.

„Wo ist Elias?“

„Das weiß ich nicht.“

„Sie lügen!“

„Nein.“

Er sah mir direkt in die Augen.

„Ich weiß nur, wo er zuletzt gesehen wurde.“

Campino trat vor.

„Dann sagen Sie es!“

„Nicht hier.“

„Warum nicht?“

„Weil dieser Raum nicht sicher ist.“

Kuddel lachte bitter.

„Das Gebäude gehört dem Rat.“

„Genau.“

Seine Antwort ließ Kuddel verstummen.

Ich sah mich um.

Plötzlich wirkte jeder Schatten anders.

Jede Tür.

Jedes Fenster.

Jeder Mensch.

Der Mann zog einen kleinen Umschlag aus seiner Jacke.

Er legte ihn auf den Tisch.

„Das wurde gestern gefunden.“

Niemand rührte sich.

„Für Serafina.“

Campino sah mich an.

Ich ging langsam zum Tisch.

Meine Finger zitterten, als ich den Umschlag nahm.

Kein Siegel.

Nur mein Name.

Ich öffnete ihn.

Darin lag ein Stück Papier.

Eine einzige Zeile.

„Wenn du wissen willst, warum ich dich damals gerettet habe, komm allein.“

Darunter stand ein Ort.

Mir blieb der Atem weg.

Ich kannte ihn.

Campino bemerkte es sofort.

„Du kennst diesen Ort?“

Ich nickte.

„Ja.“

„Wo ist er?“

Ich sah ihn an.

„An einem Ort, an dem Elias und ich früher waren.“

Seine Finger schlossen sich um meine.

„Allein?“

Ich sah wieder auf die Nachricht.

„Das verlangt er.“

Campinos Gesicht wurde ernst.

„Das bedeutet nicht, dass du es tun musst.“

***

Der stellvertretende Vorsitzende verließ den Raum wenig später.

Doch seine Worte blieben.

Wir saßen noch immer am Tisch.

Niemand wusste, was er sagen sollte.

Dann brach Andi das Schweigen.

„Also schön.“

Er sah mich an.

„Wir haben einen möglicherweise lebenden Mann aus Serafinas Vergangenheit.“

„Ja“, sagte Mary.

„Einen geheimen Treffpunkt.“

„Ja.“

„Und einen Rat, in dem möglicherweise jemand für die Hüter arbeitet.“

Vom nickte.

„Klingt nach einem entspannten Vormittag.“

Niemand lachte.

Dann sagte Breiti:

„Wir sollten den Ort überprüfen.“

„Nein!“

Alle sahen zu mir.

„Warum nicht?“, fragte Kuddel.

„Weil die Nachricht ausdrücklich an mich gerichtet ist!“

„Das ist genau der Grund, warum du nicht allein hingehen solltest!“, sagte Campino.

Ich sah ihn an.

„Ich weiß.“

„Sera!“

„Ich weiß.“

Er schwieg.

Ich trat näher.

„Ich werde nicht einfach verschwinden.“

„Das habe ich nicht gesagt!“

„Aber du denkst es.“

„Ich denke, dass ich dich nicht wieder verlieren will!“

Seine Stimme war leise geworden.

Der Raum wurde still.

Ich sah ihn an.

„Campi...“

„Nein!“

Er schüttelte den Kopf.

„Ich weiß, dass du selbst entscheiden kannst! Ich weiß, dass du stärker bist, als du manchmal glaubst!“

Er atmete tief durch.

„Aber ich habe Angst!“

Ich legte meine Hand auf seine.

„Ich auch.“

„Dann geh nicht allein!“

Ich sah auf unsere Hände.

„Und wenn Elias nur mit mir sprechen will?“

„Dann finden wir einen Weg!“

„Welchen?“

„Wir bleiben in deiner Nähe!“

Kuddel nickte.

„Unauffällig.“

Vom hob eine Augenbraue.

„Wir können nicht unauffällig.“

„Du vielleicht nicht.“

„Danke.“

Zum ersten Mal seit Minuten huschte ein kleines Lächeln über mein Gesicht.

Campino sah mich an.

„Ich will dich nicht kontrollieren.“

„Ich weiß.“

„Ich will nur sicher sein, dass du zurückkommst.“

Mein Lächeln verschwand.

„Das verspreche ich dir.“

***

Später fand ich Campino allein auf dem Balkon.

Er stand mit beiden Händen am Geländer.

Ich blieb in der Tür stehen.

„Du bist wütend.“

„Nein.“

„Campi.“

Er drehte sich um.

„Ich bin nicht wütend auf dich.“

„Auf wen dann?“

Er schwieg.

Ich ging zu ihm.

„Sag es.“

„Ich weiß nicht, wo ich in dieser Geschichte stehe.“

Das tat weh.

„Du stehst neben mir.“

„Ja. Heute.“

Ich sah ihn an.

„Was meinst du damit?“

Er fuhr sich durch das Haar.

„Dieser Elias kennt dich aus einer Zeit, in der ich dich nicht kannte.“

„Ja.“

„Er kennt Dinge, die ich vielleicht niemals kennen werde.“

„Das stimmt.“

Er nickte langsam.

„Und ich hasse den Gedanken, dass jemand aus deiner Vergangenheit plötzlich auftaucht und Dinge über dich weiß, die ich nicht einmal erahne.“

Ich trat näher.

„Bist du eifersüchtig?“

Er sah mich an.

„Vielleicht ein bisschen.“

Ich musste trotz allem lächeln.

„Du musst nicht eifersüchtig sein.“

„Ich weiß.“

„Elias ist meine Vergangenheit.“

„Aber er lebt möglicherweise.“

„Das ändert nicht, was er für mich ist.“

Campino sah mich lange an.

„Und was ist er?“

Ich nahm sein Gesicht vorsichtig zwischen meine Hände.

„Ein Teil meiner Geschichte.“

Sein Blick wurde weicher.

„Und ich?“

„Du bist meine Zukunft.“

Er schloss für einen Moment die Augen.

Seine Stirn legte sich an meine.

„Sag das noch einmal.“

„Du bist meine Zukunft.“

Seine Arme schlossen sich um mich.

Ich spürte seinen Atem an meiner Schläfe.

„Dann habe ich nichts zu befürchten.“

„Doch.“

Er sah mich fragend an.

„Was?“

„Du hast eine Frau an deiner Seite, die ständig Ärger findet.“

Ein leises Lachen entwich ihm.

„Das habe ich inzwischen bemerkt.“

„Und?“

„Ich bleibe trotzdem.“

Ich legte den Kopf an seine Schulter.

„Warum?“

„Weil du mir wichtig bist.“

Seine Stimme wurde ganz leise.

„Und weil ich lieber neben dir Angst habe, als irgendwo ohne dich sicher zu sein.“

Ich schloss die Augen.

Für einige Sekunden gab es nur seine Nähe.

Seinen Atem.

Seine Hand in meinem Haar.

Dann hob er mein Gesicht leicht an und küsste mich.

Langsam.

Zärtlich.

Ohne Hast.

Als wir uns lösten, blieb er dicht bei mir.

„Du gehst nicht allein.“

Ich lächelte.

„Nein.“

„Versprochen?“

„Versprochen.“

***

Am Nachmittag traf sich die Gruppe erneut.

Andi hatte einen Plan ausgearbeitet.

„Wir beobachten den Treffpunkt aus der Entfernung.“

Kuddel nickte.

„Vom Norden aus gibt es einen alten Zugang.“

Mary zeigte auf die Karte.

„Und hier ist ein zweiter Weg.“

Vom deutete auf eine Seitenstraße.

„Dann können wir verhindern, dass jemand Serafina überrascht.“

Susi sah zu mir.

„Und wenn Elias tatsächlich auftaucht?“

„Dann rede ich mit ihm.“

„Allein?“

Ich sah zu Campino.

Er nickte.

„Für das Gespräch“, sagte er, „ja.“

Ich sah ihn dankbar an.

„Aber nicht für die Sicherheit“, ergänzte er.

Vom grinste.

„Das klingt nach einem Kompromiss.“

„Das ist es.“

Breiti sah zu Andi.

„Und was machen wir, wenn es eine Falle ist?“

Andi antwortete:

„Dann sorgen wir dafür, dass sie sich verschlucken.“

Breiti grinste.

„Das klingt wieder mehr nach dir.“

Für einen Moment war die alte Leichtigkeit zurück.

Doch sie hielt nicht lange.

Denn Mary legte plötzlich ein weiteres Dokument auf den Tisch.

„Ich habe etwas gefunden.“

Alle wurden still.

„Was?“

„Der Ort, den Elias genannt hat.“

Sie zeigte auf eine alte Karte.

„Er war früher Teil einer Einrichtung der Hüter.“

Ich spürte, wie mein Körper erstarrte.

„Was für eine Einrichtung?“

Mary sah mich an.

„Eine Ausbildungsstätte.“

Campino griff nach meiner Hand.

„Sera?“

Ich nickte langsam.

„Dort haben sie Menschen gebrochen.“

Kuddel wurde blass.

„Und Elias will, dass du dorthin kommst?“

Ich sah auf die Karte.

„Ja.“

***

Die Nacht war bereits hereingebrochen, als wir uns auf den Weg machten.

Wir gingen nicht alle zusammen.

Andi, Breiti, Kuddel, Susi, Vom und Mary blieben in sicherer Entfernung.

Campino und ich gingen voraus.

Der Weg führte durch einen verlassenen Teil der Stadt.

Je weiter wir kamen, desto weniger Licht gab es.

Ich kannte die Straße.

Jeden Schritt.

Jede Ecke.

Jede Mauer.

Erinnerungen tauchten auf.

Campino bemerkte meine Anspannung.

„Sera?“

„Ich bin okay.“

„Du musst nicht so tun.“

Ich blieb stehen.

„Ich habe Angst.“

Er trat zu mir.

„Dann bleiben wir kurz stehen.“

„Wir haben nicht viel Zeit.“

„Dann nehmen wir uns trotzdem eine Minute.“

Ich sah ihn an.

Er nahm meine Hand.

„Atme.“

Ich tat es.

Einmal.

Zweimal.

Langsam.

„Besser?“

„Ein bisschen.“

„Gut.“

Ich lehnte mich kurz an ihn.

„Danke.“

„Immer.“

Dann gingen wir weiter.

***

Das alte Gebäude lag am Ende einer schmalen Straße.

Fenster waren zerbrochen.

Die Tür stand offen.

Ich blieb davor stehen.

Campino sah mich an.

„Willst du wirklich reingehen?“

Ich nickte.

„Ja.“

„Dann gehen wir.“

Wir betraten das Gebäude.

Staub lag auf dem Boden.

Die Luft roch nach Feuchtigkeit und altem Holz.

Ich kannte den Flur.

Ich kannte die Treppe.

Ich kannte den Raum am Ende des Ganges.

Meine Finger wurden kalt.

„Hier.“

Campino sah mich an.

„Was?“

„Hier war ich.“

Wir gingen weiter.

Eine Tür stand offen.

Dahinter lag ein leerer Raum.

Ich trat hinein.

Erinnerungen kamen zurück.

Stimmen.

Befehle.

Angst.

Ich schloss die Augen.

Campino stellte sich vor mich.

„Schau mich an.“

Ich öffnete die Augen.

„Nicht die Vergangenheit.“

Seine Stimme war ruhig.

„Mich.“

Ich sah ihn an.

„Du bist hier.“

Ich nickte.

„Ich bin hier.“

„Und du bist nicht mehr dort.“

Ich atmete tief durch.

„Nein.“

Dann hörten wir ein Geräusch.

Ein Schritt.

Hinter uns.

Campino drehte sich um.

Niemand.

Nur der lange dunkle Flur.

Dann erklang eine Stimme.

„Du bist gekommen.“

Ich erstarrte.

Campino griff nach meiner Hand.

Eine Gestalt trat aus dem Schatten.

Ein Mann.

Dunkler Mantel.

Müdes Gesicht.

Narben an der Schläfe.

Und Augen, die ich trotz all der Jahre sofort erkannte.

Mir blieb der Atem weg.

„Elias.“

Er blieb stehen.

Sein Blick lag auf mir.

Dann wanderte er zu Campino.

„Du hast ihn mitgebracht?“

Campinos Haltung wurde sofort angespannt.

„Ich gehe nirgendwo hin.“

Elias sah ihn lange an.

Dann wieder mich.

„Das habe ich befürchtet.“

Ich machte einen Schritt nach vorn.

„Du lebst?“

Ein trauriges Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

„Ja.“

Meine Stimme zitterte.

„Warum hast du mich gerettet?“

Elias antwortete nicht sofort.

Sein Blick wurde schwer.

„Weil ich damals erkannt habe, dass ich Teil von etwas geworden war, das ich selbst nicht mehr kontrollieren konnte.“

„Das reicht nicht.“

„Ich weiß.“

„Warum ich?“

Er sah mich an.

„Weil du die Erste warst, die mir noch geglaubt hat, dass ich ein Mensch sein könnte.“

Ich schluckte.

Campino blieb still.

Elias sah zwischen uns hin und her.

„Aber ich bin nicht hier, um über die Vergangenheit zu sprechen.“

„Warum dann?“

Er trat näher.

„Weil die Hüter wieder aktiv sind.“

„Das wissen wir.“

„Nein.“

Sein Blick wurde ernst.

„Ihr wisst gar nichts.“

Er zog einen kleinen Datenträger aus seiner Tasche.

„Sie haben nicht vor, den Frieden zu zerstören.“

Campino fragte:

„Was dann?“

Elias sah ihn direkt an.

„Sie wollen den Rat übernehmen.“

Stille.

„Und wie?“, fragte ich.

Elias sah mich an.

„Indem sie euch glauben lassen, dass der Feind bereits unter euch sitzt.“

Ich spürte Campinos Finger um meine.

Elias sprach weiter.

„Der stellvertretende Vorsitzende ist nicht ihr Anführer.“

„Wer dann?“

Elias' Gesicht wurde hart.

„Das ist die Frage, wegen der ich dich hierher bestellt habe.“

„Warum mich?“

„Weil derjenige, der die Hüter führt, dich kennt.“

Mein Herz blieb beinahe stehen.

„Woher?“

Elias sah mich lange an.

„Er war dabei, als du damals geflohen bist.“

Ein Schauer lief mir über den Rücken.

„Wer?“

Elias öffnete den Mund.

Doch bevor er antworten konnte, ertönte draußen ein dumpfer Knall.

Campino zog mich sofort hinter sich.

„Was war das?“

Elias sah zur Tür.

„Wir wurden verfolgt.“

Weitere Schritte.

Mehrere.

Campino sah mich an.

„Wir müssen raus!“

Elias nickte.

„Jetzt!“

Doch bevor wir uns bewegen konnten, hörten wir eine Stimme aus dem Flur.

„Serafina.“

Ich erstarrte.

Diese Stimme.

Ich kannte sie.

Nicht aus meiner Erinnerung.

Sondern aus der Gegenwart.

Elias sah mich an.

„Du kennst ihn?“

Ich konnte nicht antworten.

Die Gestalt im Flur trat ins Licht.

Der stellvertretende Vorsitzende.

Doch diesmal war er nicht allein.

Neben ihm stand ein zweiter Mann.

Und als ich dessen Gesicht sah, wusste ich plötzlich, warum Elias so lange geschwiegen hatte.

Denn diesen Mann kannte ich.

Ich hatte ihm vertraut.

Ich hatte mit ihm gesprochen.

Ich hatte ihm sogar meine Angst anvertraut.

Campino sah mich an.

„Sera?“

Ich brachte nur ein Wort hervor.

„Nein.“

Der Mann lächelte.

„Du hast es endlich verstanden.“

Elias stellte sich vor mich.

Campino trat auf meine andere Seite.

Und plötzlich war die unsichtbare Front nicht mehr unsichtbar.

Sie stand direkt vor uns.

Und sie trug ein Gesicht, dem wir alle vertraut hatten.