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Das Gesicht des Verrats

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Das Gesicht des Verrats

POV: Serafina

Der Mann stand noch immer im Licht des alten Flurs.

Der stellvertretende Vorsitzende.

Und neben ihm jemand, dessen Gesicht ich seit Jahren zu vergessen versucht hatte.

Mein Körper reagierte schneller als mein Verstand.

Ein Schritt zurück.

Dann noch einer.

Campino bemerkte es sofort.

Seine Hand fand meine.

„Sera?“

Ich konnte nicht antworten.

Der Mann lächelte.

„Du erinnerst dich also.“

Meine Finger krallten sich in Campinos Hand.

„Du bist tot.“

„Das dachten viele.“

Elias trat einen Schritt vor.

„Zurück!“

Der Mann lachte leise.

„Immer noch der Beschützer.“

Elias' Gesicht verhärtete sich.

„Und du immer noch der Feigling, der andere für sich kämpfen lässt!“

Der stellvertretende Vorsitzende hob eine Hand.

„Genug!“

Campino stellte sich halb vor mich.

„Wer ist er?“

Niemand antwortete.

Ich starrte den Mann an.

Und plötzlich kamen die Erinnerungen.

Ein Büro.

Eine ruhige Stimme.

Eine Hand, die mir damals eine Tasse Tee hingestellt hatte.

Die Frage, ob ich schlafen konnte.

Die Worte: 'Du musst hier niemandem etwas beweisen.'

Ich hatte ihm geglaubt.

Ich hatte ihm Dinge erzählt, die ich sonst niemandem erzählt hatte.

Meine Ängste.

Meine Erinnerungen.

Meine Zweifel.

Alles.

„Nein“, flüsterte ich.

Campino drehte sich zu mir.

„Sera?“

„Er war da.“

Meine Stimme brach.

„Was meinst du?“

Ich sah den Mann an.

„Er war da, als ich nach dem Krieg hierherkam.“

Stille.

Andi trat aus dem Schatten.

„Was?“

Ich schluckte.

„Er hat mir geholfen.“

Der Mann lächelte.

„Das habe ich.“

Campinos Blick wurde schlagartig hart.

„Du hast ihr geholfen?“

„Ich habe ihr einen sicheren Platz gegeben.“

„Und gleichzeitig Informationen gesammelt.“

Das Lächeln verschwand.

„Du bist erstaunlich schnell.“

Campino machte einen Schritt auf ihn zu.

Ich hielt seinen Arm fest.

„Nicht.“

Er sah mich an.

„Sera...“

„Nicht wegen mir.“

Meine Stimme zitterte.

„Er will genau das.“

Campino blieb stehen.

Der Mann sah zwischen uns hin und her.

„Sie hat verstanden.“

Elias schnaubte.

„Nein. Sie hat verstanden, was du ihr antun wolltest.“

Der Mann wandte sich Elias zu.

„Du hast sie gerettet und ihr trotzdem nie die Wahrheit gesagt.“

Elias schwieg.

Ich sah ihn an.

„Welche Wahrheit?“

Er antwortete nicht.

„Elias.“

„Serafina...“

„Welche Wahrheit?“

Er schloss kurz die Augen.

Dann sagte er:

„Er war einer der Menschen, die deinen Fluchtweg kannten.“

Mir wurde kalt.

Der Mann lächelte.

„Nicht nur das.“

Er trat einen Schritt näher.

„Ich habe dafür gesorgt, dass du ihn überhaupt benutzen konntest.“

Ich starrte ihn an.

„Warum?“

„Weil du für uns wertvoll warst.“

„Als Waffe?“

„Als Schlüssel.“

Campino trat wieder neben mich.

„Für was?“

Der Mann sah ihn an.

„Für den Frieden.“

Campino lachte bitter.

„Ihr habt den Krieg geführt und jetzt behauptet ihr, ihr wolltet Frieden?“

„Krieg ist teuer.“

„Menschenleben sind keine Kostenrechnung!“

„Für Menschen wie uns schon.“

Andi ballte die Hände.

„Du verdammter...“

Breiti griff nach seinem Arm.

„Andi.“

Andi sah ihn an.

Breiti schüttelte kaum merklich den Kopf.

'Nicht jetzt.'

'Nicht in die Falle laufen.'

Ich sah zu Campino.

Er atmete schwer.

Sein Blick blieb auf mir.

„Du musst nichts beweisen“, sagte er leise.

Ich wusste sofort, was er meinte.

Nicht ihm.

Nicht den anderen.

Mir selbst.

Ich trat wieder einen Schritt nach vorn.

„Warum hast du mir vertraut?“

Der Mann hob eine Augenbraue.

„Das habe ich nie.“

Der Satz traf mich härter als alles andere.

Ich schluckte.

„Dann war alles gelogen?“

„Nein.“

Er lächelte.

„Das wäre viel zu einfach gewesen.“

Elias schloss die Augen.

„Er hat dir tatsächlich geholfen.“

Ich sah ihn an.

„Warum?“

„Weil er dich brauchte.“

„Wofür?“

„Um mich zu finden.“

Stille.

Ich verstand.

Langsam.

„Du hast mich benutzt, um Elias zu finden?“

Der Mann nickte.

„Endlich.“

Campino sah mich an.

Sein Gesicht wurde weich.

„Sera.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Ich habe ihm vertraut.“

„Ja.“

„Ich habe ihm alles erzählt.“

„Ja.“

„Ich habe ihm sogar von dir erzählt.“

Campino nahm meine Hand fester.

„Das ist nicht deine Schuld.“

Ich sah ihn an.

„Ich habe ihm gesagt, wovor ich Angst habe.“

„Ich weiß.“

„Wo ich verletzt bin.“

„Ich weiß.“

„Welche Erinnerungen mich nachts wachhalten.“

Campinos Augen wurden feucht.

„Sera.“

Ich sah wieder zu dem Mann.

„Du wusstest alles!“

„Ja.“

„Und du hast es gegen mich verwendet!“

„Natürlich.“

Elias trat neben mich.

„Schau ihn nicht mehr an!“

Ich sah ihn verwirrt an.

„Warum nicht?“

„Weil er genau das will!“

Der Mann lächelte.

„Elias hat recht.“

Campino stellte sich direkt vor mich.

Nicht bedrohlich.

Nicht besitzergreifend.

Einfach da.

„Dann reden wir nicht mehr mit ihm!“

Der Mann lachte.

„Du glaubst wirklich, dass Liebe euch retten kann?“

Campino sah ihn ruhig an.

„Nein!“

Eine Pause.

„Aber Vertrauen kann es!“

Der Mann schwieg.

Campino drehte sich zu mir.

„Und ich vertraue ihr!“

Meine Augen brannten.

„Campi...“

„Du hast einen Fehler gemacht.“

Ich senkte den Blick.

„Ja.“

„Du hast dem falschen Menschen geglaubt.“

Er hob vorsichtig mein Kinn.

„Aber das macht dich nicht dumm.“

Eine Träne lief über meine Wange.

„Es fühlt sich aber so an.“

„Dann lass mich dir etwas sagen.“

Seine Stimme wurde leiser.

„Du hast mir heute nicht verschwiegen, was passiert ist.“

Ich sah ihn an.

„Du hast Angst gehabt und trotzdem die Wahrheit gesagt.“

Sein Daumen strich über meine Wange.

„Das ist Vertrauen.“

Ich schloss für einen Moment die Augen.

Dann lehnte ich meine Stirn an seine.

„Ich wollte nicht, dass du mich so siehst.“

„Wie?“

„Zerbrochen.“

Seine Antwort kam sofort.

„Ich sehe dich nicht als zerbrochen.“

Er legte seine Stirn fester an meine.

„Ich sehe dich als jemanden, der überlebt hat.“

***

Hinter uns erklang ein Geräusch.

Kuddel:

„Wir haben Gesellschaft.“

Vom blickte aus einem Fenster.

„Mehrere Fahrzeuge.“

Andi sah zum Flur.

„Wie viele?“

„Zu viele.“

Der stellvertretende Vorsitzende lächelte.

„Dann wird es Zeit.“

Elias sah ihn scharf an.

„Du hast sie hierhergeführt.“

„Natürlich.“

„Warum?“

„Weil sie alle zusammen sein mussten.“

Mary wurde blass.

„Das war der eigentliche Plan.“

Breiti verstand zuerst.

„Die Briefe.“

Andi nickte.

„Die Anschläge.“

Vom ergänzte:

„Die verschwundenen Dokumente.“

Kuddel:

„Die Anschuldigungen.“

Ich sah den Mann an.

„Ihr wolltet uns gegeneinander aufbringen.“

„Ja.“

„Und wieso?“

Er sah mich an.

„Weil eine Gruppe, die einander vertraut, nicht kontrollierbar ist.“

Campino nahm meine Hand.

„Dann haben sie einen Fehler gemacht.“

Der Mann runzelte die Stirn.

„Welchen?“

Campino sah zu Andi.

Breiti.

Kuddel.

Vom.

Mary.

Susi.

Dann zu Elias.

„Sie haben uns unterschätzt.“

***

Draußen ertönten Schritte.

Viele.

Andi deutete auf die Hintertür.

„Wir gehen.“

„Und er?“, fragte Kuddel.

Elias sah zum stellvertretenden Vorsitzenden.

„Den nehmen wir mit.“

Der Mann lachte.

„Ihr glaubt, ihr könnt mich einfach mitnehmen?“

Vom grinste.

„Nein.“

Er zeigte auf Andi.

„Wir haben Andi.“

Andi sah ihn an.

„Was soll das heißen?“

„Du hast doch immer einen Plan.“

„Nicht immer.“

Breiti nahm seine Hand.

„Aber meistens.“

„Danke für das Vertrauen.“

„Gern.“

Kuddel öffnete die Hintertür.

„Los!“

Wir rannten.

Campino blieb dicht bei mir.

Elias hinter uns.

Die Schritte kamen näher.

Eine Tür krachte.

Jemand rief etwas.

Wir liefen durch einen schmalen Korridor.

Dann nach draußen.

Kalte Nachtluft schlug mir entgegen.

Ich stolperte.

Campino fing mich auf.

„Sera!“

„Ich bin okay.“

„Sicher?“

Ich nickte.

„Ja.“

Elias blieb neben uns stehen.

„Wir müssen weiter.“

Ich sah ihn an.

„Nein.“

Er runzelte die Stirn.

„Was?“

„Du hast gesagt, du weißt, wer dahintersteckt.“

„Ja.“

„Dann sag es mir.“

„Jetzt?“

„Jetzt.“

Campino sah Elias an.

„Wenn wir später wieder in einem Raum voller Menschen sitzen und irgendjemand uns belauscht, hilft uns das nicht.“

Elias schwieg.

Dann sah er mich an.

„Der Mann, der die Hüter heute führt, war früher einer deiner Ausbilder.“

Mein Atem stockte.

„Wer?“

Elias zögerte.

„Du kennst seinen Namen.“

„Ich kenne viele Namen.“

„Diesen wirst du nicht vergessen haben.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Sag ihn.“

Elias trat näher.

„Dr. Magnus Dorn.“

Ich erstarrte.

Das Gesicht.

Die Stimme.

Der Geruch von Desinfektionsmittel.

Eine Tür.

Ein Stuhl.

Eine kalte Lampe.

Und eine Stimme aus einer längst vergangenen Zeit.

'Du wirst mir irgendwann danken.'

Ich presste eine Hand an meine Schläfe.

„Nein.“

Campino fing mich erneut auf.

„Sera!“

„Nein.“

„Atme!“

„Ich kenne ihn.“

Elias nickte.

„Ja.“

„Er war nicht nur ein Ausbilder.“

„Nein.“

Ich sah ihn an.

„Er war derjenige, der entschieden hat, was mit mir passiert.“

Elias schwieg.

Campino hielt mich fest.

„Dann haben wir jetzt einen Namen.“

Ich sah zu ihm.

„Und wenn er mich wirklich kennt?“

„Dann kennt er deine Vergangenheit.“

Sein Blick wurde entschlossen.

„Aber er kennt nicht deine Zukunft.“

Ich sah ihn an.

„Und wenn er versucht, mir alles wieder wegzunehmen?“

Campino legte seine Stirn an meine.

„Dann stehen wir zusammen.“

„Du hast keine Angst?“

„Doch.“

Er lächelte schwach.

„Ich habe verdammt viel Angst.“

Ich musste trotz allem kurz lachen.

„Das beruhigt mich nicht.“

„Soll es auch nicht.“

Seine Finger verschränkten sich mit meinen.

„Es soll dir zeigen, dass Mut nicht bedeutet, keine Angst zu haben.“

Er sah mich direkt an.

„Mut bedeutet, trotzdem nicht wegzulaufen.“

Ich schloss die Augen.

Dann küsste ich ihn.

Nicht aus Verzweiflung.

Nicht, um die Vergangenheit zu vergessen.

Sondern weil ich plötzlich wusste, dass ich nicht mehr allein vor ihr stehen musste.

Als wir uns lösten, blieb seine Hand an meiner Wange.

Elias sah für einen Moment weg.

Dann sagte er leise:

„Jetzt verstehe ich.“

Campino sah ihn an.

„Was?“

Elias blickte zu mir.

„Warum sie dir vertraut.“

Ich sah ihn überrascht an.

„Warum?“

„Weil du nicht versucht hast, sie zu retten.“

Campino schwieg.

Elias fuhr fort:

„Du hast ihr geholfen, selbst zu entscheiden.“

Ich sah Campino an.

Er sagte nichts.

Doch seine Hand fand wieder meine.

***

Als wir später das sichere Gebäude erreichten, warteten die anderen bereits.

Andi kam uns entgegen.

„Da seid ihr ja!“

Breiti fiel ihm erleichtert um den Hals.

„Alles okay?“

„Ja.“

„Und?“

Andi sah zu mir.

„Sie hat einen Namen.“

Alle wurden still.

Ich nickte.

„Magnus Dorn.“

Kuddel wurde blass.

„Den Namen kenne ich.“

Vom ebenfalls.

„Ich auch.“

Mary sah mich an.

„Wer ist das?“

Ich antwortete:

„Der Mann, der mich damals zu den Hütern gebracht hat.“

Stille.

Campino trat neben mich.

„Und er ist derjenige, der hinter allem steckt.“

Elias korrigierte ruhig:

„Wahrscheinlich.“

Andi sah ihn an.

„Wahrscheinlich?“

Elias legte den Datenträger auf den Tisch.

„Weil Dorn nicht allein arbeitet.“

Kuddel fluchte leise.

„Natürlich nicht.“

Ich sah auf den Datenträger.

„Was ist darauf?“

Elias sah mich an.

„Die Namen.“

„Welche Namen?“

„Die Menschen, die nach dem Krieg in den Rat eingeschleust wurden.“

Mir wurde kalt.

„Wie viele?“

Elias antwortete nicht.

Andi nahm den Datenträger.

„Das finden wir heraus.“

Ich sah in die Runde.

Alle waren erschöpft.

Angespannt.

Verängstigt.

Aber niemand ging.

Niemand wandte sich ab.

Campino stand neben mir.

Seine Schulter berührte meine.

Ich schloss kurz die Augen.

Die Hoffnung fühlte sich nicht mehr groß an.

Nicht strahlend.

Nicht unbesiegbar.

Sie war klein.

Zerbrechlich.

Aber sie war da.

Und vielleicht war genau das genug.

Denn der erste Riss war entstanden.

Doch diesmal verlief er nicht zwischen uns.

Er verlief durch die Lüge.

Und irgendwo weit entfernt wusste Magnus Dorn inzwischen:

Wir hatten begonnen, zurückzusehen.

Und diesmal würden wir nicht mehr vergessen.